Schattenblau: Das Funkeln der Wellen - Karla Fabry - E-Book
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Schattenblau: Das Funkeln der Wellen E-Book

Karla Fabry

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Beschreibung

Schattenblau: Das Funkeln der Wellen – romantische Fantasy aus den Tiefen der Meere! Ausgezeichnet mit dem Qindie-Siegel für qualitativ hochwertige Indie-Publikationen. Ein Kampf, der vor dem Ausbruch steht. Zwei Seelen, die für immer eins werden. Eine unsterbliche Liebe, die verraten wird. "Wie könnte ich jemals die bezaubernde, leuchtende Schönheit einer Lilie passend zum Ausdruck bringen? Es ist so, als wollte ich den Glanz der Sonne malen, vermag jedoch nichts als ihre gelben Strahlen aufs Papier zu bringen. Es ist, als wünschte ich, die Essenz einer Melodie in Noten zu fassen, jenes tiefe Gefühl, das sie transportiert, und bin gerade so im Stande ihren Nachhall zu umschreiben. Es ist, als wollte ich den Duft deines Haares für immer einfangen und kann allein der entschwebenden Betörung nachfühlen. (...) Meine Traumtänzerin, meine Seelenhälfte, meine wundervolle Lilie! Die Zeit für eine schwierige Prüfung ist jetzt gekommen. (...) Ich bin da, wenn du gehst, und ich bin da, wenn du zurückkommst. Und dann in unserer Ewigkeit, Liebste. Für immer Dein Alex" Alles wäre so wunderbar mit Alex, würde Lilli nicht kurz davorstehen, ein gefährliches Ritual über sich ergehen zu lassen. Und niemand kann ihr versprechen, dass sie es überlebt. Doch sie ist die einzige Hoffnung, eine schreckliche Schlacht abzuwenden. Nicht alle wollen dies aber. Lillis bester Freund Eugene wird zum Todfeind, denn er sieht nur einen Weg, das Ritual zu verhindern: Lilli vorher zu töten. Und dann verrät sie auch noch der Einzige, der ihr bedingungslos beistehen sollte … Manche Geheimnisse sind dunkler als die Abyssalschwärze des tiefsten Ozeans: Das Herz der Legende erwacht aus dem Jahrhunderte langen Schlaf. Die alten Götter kehren in diese Welt zurück und der Tod ist nicht das Ende des Lebens, sondern eine Pforte zur Unsterblichkeit. Einmal durchschritten, stehen die einen auf der gerechten Seite, die anderen auf der dunklen. Und erst im ultimativen Kampf entscheidet sich, wer überlebt. Der dritte Teil der Saga erzählt rasant und fesselnd von einer todbringenden Verwandlung; vom Verrat der verbundenen Herzen; vom Erwachen einer finsteren Legende, von zwei machtvollen Amuletten, einem noch mächtigeren Fluch und einem Kampf am Abgrund des Todes. Ein Fantasy-Abenteuer voller überraschender Wendungen, Liebeskummer und Dramatik!

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Veröffentlichungsjahr: 2020

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Karla Fabry

 

Schattenblau

Das Funkeln der Wellen

 

– Band 3 der Fantasy-Saga –

 

 

Schattenblau: Das Funkeln der Wellen

 

Band 3 der Fantasy-Saga »Schattenblau«

Deutsche Erstausgabe 2020

Text © Copyright 2020 für die deutschsprachige Erstausgabe: Karla Fabry

Covergestaltung: Karla Fabry

Korrektorat/Lektorat: Daniel Dekkard

 

Besuchen Sie meine digitale Dachkammer:

www.karla-fabry.de

 

 

 

 

 

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Alle Rechte vorbehalten. Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung ohne schriftliche Zustimmung der Autorin ist unzulässig. Dies gilt insbesondere für elektronische Vervielfältigung, Verbreitung, Bearbeitung, Übersetzung und öffentliches Zugänglichmachen.

Von Karla Fabry noch erschienen:

Schattenblau 1: Das Herz der Tiefe

Hier geht es zur Leseprobe!

 

 

Schattenblau 2: Das Raunen des Meeres

Hier geht es zur Leseprobe!

Inhaltsverzeichnis

 

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Teil

1

1. Wein und Blut

2. Seelenpakt

3. Blut und Dunkelheit

4. Schmerzgrenze

5. Dunkelheit und Tränen

6. Alter Ego

7. Tränen und Vollkommenheit

8. Wasserstaub

9. Vollkommenheit und List

10. Alpha …

11. List und Abyss

12. … Omega

13. Abyss und Vergangenheit

14. Korallenhimmel

15. Lärm und alte Rätsel

16. Hybris

Teil

2

Lilli

Davor

Dabei

Danach

Alex

Davor

Dabei

Danach

Teil

3

17. Rätsel und Regenbogen

18. Diamantsplitter

19. Regenbogen und Atlantica

20. Verrat

21. Atlantica und Seelenpakt

22. Roque del Este

23. Seelenpakt und Wahn

24. Steinwolken

25. Wahn und Inselwache

26. Ur-Thalassa

27. Inselwache und Seelensplitter

28. Ronos

29. Seelensplitter und Ur-Seelen

30. Moirea

31. Ur-Seelen und Trugbild

32. Eisflammen

33. Trugbild und Tanz

Epilog

29 Jahre später auf Mayas Insel

Über die Autorin

Impressum

 

Gewidmet all denen, die ahnen, dass die stärkste Kraft in ihnen die Fantasie ist.

 

Besonders aber widme ich diesen Band meinem Sohn. Als er zwölf Jahre alt war, schenkte er mir zwei der Kapitelüberschriften:

Wasserstaub und Korallenhimmel.

 

 

 

 

»We all have a monster within; the difference is in degree, not in kind.«

(Douglas Preston)

 

 

 

 

»When wounds are healed by love / The scars are beautiful.«

(David Bowles)

Prolog

 

 

Die Zeit ist gekommen.Ich atme tief ein und betrete die Höhle. Hier erwartet mich mein Tod. Mit jedem Schritt, den ich mich vortaste, steigt die Temperatur. Die wogenden Dunstschwaden verdichten sich, bedecken meine Haut und vermischen sich mit meinem Schweiß. Trotz der Wärme zittere ich, Angstfrost aus dem Inneren.

Da! Hinter den wirbelnden Nebeln ein unwesentlich dunklerer Schemen. Die Pforte zur Kristallhalle. Allein für diesen Moment geöffnet, für mein Ende. Es ist ein Ort, an dem kein gewöhnlicher Mensch je gewesen war. Ein düsteres, überhitztes Dampfbad, lebensfeindlich, nicht von dieser Welt. Ich bin im Herzen der Geheimen Lagune angekommen. Mein Blick wandert über die funkelnden Spitzen Hunderter Kristalle, die aus der wallenden Lufthülle geboren werden, einer Fata Morgana gleich. Ihr Anblick steigert das unbestimmte Entsetzen, das mich gepackt hat.

Ich. Will. Zurück. Die Luft wird dichter und schwerer, je näher ich dem Eingang komme. Ich darf dort drinnen nur wenige Atemzüge nehmen, sagten sie. Ich muss rechtzeitig damit aufhören, mahnten sie. Denn ich werde weiteratmen, ohne zu atmen.

Von innen höre ich Stimmen. Wie ein Murmeln aus dem Jenseits, als ob die Wogen miteinander flüstern. Im Raunen fremder Laute, im undurchdringlichen Dunst erscheint mir die Szenerie gespenstisch, angsteinflößend. Nein, ich will wirklich nicht.

Ungeachtet dessen führt mich der nächste Schritt hinein und die Pforte schließt sich. Es ist mir mit einem Mal, als stünde jeder Zentimeter meiner Haut in Flammen. Die brühendheiße Luft sticht in meiner Nase wie tausend Nadeln, der Rachen fühlt sich an, als würde ich Glut schlucken. Sogar das Blinzeln schmerzt, Feuerzungen, die mir über die Augäpfel lecken.

Flackernde Lichter sind in einem weiten Kreis aufgestellt und ich erkenne dunklere Konturen. Die Stimmen der Nebelgestalten verstummen, der Lichtschein wird schwächer, bis es fast stockdunkel ist. Ich spüre dennoch ihre Anwesenheit, selbst wenn ich sie nicht mehr sehe. Die vollkommene Lautlosigkeit des geisterhaften Nichts lässt mich vergessen, wo oben und unten, rechts und links sind. Einen und noch einen tastenden Schritt dringe ich tiefer ins Innere der Halle vor, ins Herz der todbringenden Legende. Mein Kleid klebt an mir wie eine Feuerhaut.

Und dann greift eine Hand nach mir, fasst mich am Arm. Ich habe sie nicht kommen sehen. Jetzt schnellt aus dem Dunstgebräu eine zweite hervor. Auch sie packt mich, Berührungen wie Höllenfeuer auf meiner Haut.

Obwohl kaum eine Minute vergangen ist, seitdem ich die Kristallhalle betreten habe, erscheint es mir, als wäre ich seit Stunden hier. Die Halle muss riesig sein, denn mindestens zwanzig Schritte bin ich gegangen. Kraftlos bleibe ich stehen und rede mir ein, dass die Hände da sind, um mich zu stützen, aufzufangen. Sie führen mich zu einem Podest, helfen mir, mich darauf niederzulegen, wie auf ein Bett aus glühenden Kohlen. Ich spüre hart und heiß die kristallene Unterlage im Rücken.

Sobald du stirbst, sagt man, zieht dein bisheriges Leben vor deinem inneren Auge vorbei. Ich sehe jenen viel erwähnten Film nicht, ich sehe nichts. Dabei wollte ich mich auf diese Bilder konzentrieren, um den Schmerz zu vergessen. Sterben ist anstrengend, sage ich mir trotzig. Als könne ich mich beschweren. Als könne ich entkommen, wenn ich nur genügend Missmut an den Tag lege. Schützend presse ich die Augenlider zusammen, siedende Tränen brechen hervor.

Zu wissen, dass ich gleich tot sein werde, ist der Anfang von etwas Tieferem, das mich mit Panik erfüllt. Vor keiner Gefahr in den beiden Welten fürchte ich mich in diesem Augenblick wie davor; keine Bedrohung fühlt sich so an wie das Warten auf die Zeremonie. Ein Ritual, bei dem ich sterbe, um als die Andere wiedergeboren zu werden.

Mit jeder Sekunde wird der Grat zwischen Leben und Tod schmaler. Noch schlägt mein Herz, noch kann ich denken. Dieses Ende ist nicht mein Ende; mein Leben wird endlos sein, mache ich mir Mut. Mit verzweifelter Kraft halte ich mich an sein Versprechen fest: »Ich bin bei dir. Immer. Wenn du gehst und wenn du wiederkommst. Und danach in unserer Ewigkeit.« Meine Liebe, meine Seelenhälfte. Mein Leben. Ja, du bist da. Erlebst jetzt alles, was ich durchmache. Spürst, was ich fühle. Mit mir sterben und mit mir wiedergeboren werden. Für ewig wie ein einziges Wesen sind wir. In diesen Minuten hasse ich die Vorstellung, die Gewissheit deines Leids.

An der hauchdünnen Grenze zwischen Leben und Sterben – nicht weiter am Leben, aber auch nicht tot – lausche ich. Zunächst leise, dann immer eindringlicher ertönt ein mehrstimmiger Gesang. Die Zeremonie hat begonnen.

Ich öffne die Augen, höre auf zu atmen.

Teil

1

1. Wein und Blut

 

 

Fassungslos starrte Lilli auf die Hand, die mit dem Blatt Papier vor ihr herumfuchtelte. Der schwache Geruch von Salz und geschliffenem Bernstein stieg ihr in die Nase. Sein Duft.

Das war unmöglich!

Sie hatte sofort erkannt, was ihr Bruder in die Finger bekommen hatte: den alten Abschiedsbrief von Alex. Jetzt forderte Chris Erklärungen. Natürlich wollte er welche! Wer würde die bei der Lektüre solcher Worte nicht verlangen?

Ihre Gedanken überstürzten sich. Nervös versuchte Lilli, die Erinnerungsfetzen zusammenzufügen. Zuletzt hatte sie den Brief in der Lil Majestic gesehen. Ja, ganz sicher. Nach ihrem Geburtstag im März war es gewesen, als die Liebe ihres Lebens sich verabschiedet und diese Zeilen im Boot für sie hinterlegt hatte. Daran erinnerte sie sich allzu gut. Vor drei Monaten hatte Alex dies alles in seiner schönen Handschrift auf einem edlen, sandfarbenen Briefbogen niedergeschrieben. Auf dem Tisch in der Kajüte hatte sie die Botschaft gefunden, nachdem sie ihn stundenlang gesucht und gebangt hatte, ob ihm was zugestoßen war. Und Chris hielt gerade genau dieses Papier mit spitzen Fingern wie etwas Widerliches hoch. Hatte sie es nicht eingesteckt?

Seit jener Nacht war sie nicht mehr ins Zuckerrohrfeld zur Lil Majestic gegangen. Inzwischen war so viel passiert, dass Lilli die Abschiedsworte längst vergessen hatte. Diese Wunde war verheilt. Der Schmerz, unmenschlich damals in seiner Endgültigkeit, war heute nur noch Erinnerung. Eine bittere zwar, wie Erinnerungen jedoch selbst an den schlimmsten Kummer verblassen, war auch diese zu einem leisen Ziehen im Herzen geworden, das Lilli immer seltener spürte.

Jetzt, unter dem bohrenden Blick ihres Bruders, drohte die Narbe allerdings aufzureißen. Sie hatte ihren Alex wieder, sagte sie sich sofort. Und die Rückkehr nach Spanien, vor der sie sich in New York ein wenig gedrückt hatte, entpuppte sich als wohltuende Heimkehr. Denn sie hatte erstaunt festgestellt, dass sie tatsächlich dieses andalusische Kaff vermisste. Mit seinem Anwesen am Hügel, in dem sie mit ihrer Familie ein geräumiges Apartment bewohnte. Dem Leuchtturm, dem weiten Zuckerrohrfeld und ihrer Lil Majestic dort. Ja, sogar die erst letztes Jahr nach dem Beben entstandene Bergkette, die sich zwischen Küste und Meer geschoben hatte, war ihr ans Herz gewachsen.

Doch das Boot unter den mannshohen Zuckerrohrpflanzen, das ihr und Alex’ kleines gemeinsames Zuhause gewesen war, hatte sie bisher nicht noch einmal aufgesucht. Sie hatte es ihrem Bruder und seiner Freundin Maria überlassen. Nachdem Alex sich verabschiedet hatte, wollte sie die Lil Majestic nie mehr betreten. Alex’ Geschenk war ihr nach jenem Tag kalt und schmerzlich fremd ohne ihn erschienen, ihr süßes Geheimnis entzaubert. So war es zum Liebesnest von Chris und Maria geworden.

Konnte es sein, dass sie den Brief damals in der Kajüte vergessen hatte? War er irgendwo hineingerutscht, heruntergefallen oder bedeckt worden und Chris oder Maria hatten ihn schließlich gefunden? Ganz gleich wie er in die Finger ihres Bruders geraten war, das Verbotene war geschehen. Und es hatte kaum Sinn, Chris gegenüber abzustreiten, was eindeutig aus den Zeilen hervorging: dass Alex ein Geheimnis hatte, schlimme Dinge passiert waren und etwas Verborgenes, Dunkles in Lillis Leben existierte.

Ich habe dir einmal versprochen, dir meine Welt zu zeigen,erinnerte sich Lilli an die geschriebenen Worte. Zugegeben, das klang nicht abgedreht: seine Welt. Offiziell hieß es nämlich, dass Alex aus Australien stammte und seit einer Weile in Spanien lebte. Das Schreiben sagte ja nicht: dir Thalassa 3 zu zeigen. Selbst das hätte sie irgendwie begründen können: ein Projekt in der Schule, eine geheime Siedlung der Aborigines hier in Spanien. Oder ein selbstgedrehter Film.

Das war es dann aber wohl mit dem harmlosen Teil. Weitere Stellen des Briefes kehrten in ihre Erinnerung zurück und beruhigten sie keinesfalls. Lilli hatte ihn an jenem Tag so oft gelesen, dass sich jeder Satz, jedes einzelne Wort in ihr Gedächtnis eingebrannt hatten:

Es gibt zwar Einiges, das du noch nicht über mich und unsere Welt weißt, doch es gibt auch Vieles, das du weißt. Und dieses Wissen kann dir gefährlich werden. Oh, ganz wunderbar, dachte Lilli. Wie sollte sie das erklären?

Oder das hier:Ich werde mir nie verzeihen, dass ich dich da hineingezogen habe, es war egoistisch und unbedacht. Ich habe dich in Gefahr gebracht und kann dich jetzt nicht mehr beschützen. Wie du weißt, ist Danya zur Bedrohung geworden. Und sie ist nicht minder gefährlich, als es damals Rex für dich war.

Oder die Tatsache, dass sie nicht ertrunken war? Die beantwortete Alex, indem er sagte, sie wäre ein gewöhnlicher Mensch und hätte großes Glück gehabt. Daraus ging allerdings deutlich hervor, dass sie etwas anderes erwartet hatte: kein normaler Mensch mit ganz viel Glück zu sein.

Und dann dies hier: Unsere Welten sind so weit weg voneinander, dass jeder Versuch scheitern wird, sie zusammenzubringen. Wir haben ein verbotenes Band geknüpft, früher oder später würden wir dafür bezahlen. Unsere Gesetze verbieten aus gutem Grund eine solche Verbindung zu einem Menschen …

Lilli kniff die Augen zusammen. Spulte gedanklich den gesamten Brief im Schnelldurchlauf ab. Na gut, schlussfolgerte sie, es klang manches dubios, der eine oder andere Satz merkwürdig. Aber kein einziges Mal wies das Geschriebene eindeutig auf übernatürliche Dinge hin. Nirgends standen Worte wie »Menschenamphibien« oder »Gestaltwandler« oder »Unsterblichkeit«. Doch ihr wurde gleichzeitig klar, dass es trotzdem unmöglich war, plausible Erklärungen für dessen Inhalt zu erfinden. Nicht, wenn sie nicht auf fortgeschrittenem Wahnsinn oder Unzurechnungsfähigkeit des Schreibers plädieren wollte. Und zu behaupten, dass man sich in Australien nun mal so … seltsam ausdrückte, würde Chris ihr genauso wenig abkaufen.

Sie schlug die Augen auf. Wortlos sah sie ihn an.

Ihr Bruder hatte mit dem provozierenden Fuchteln aufgehört. Unter seinem Dreitagebart arbeiteten jedoch die Kiefermuskeln und sein Blick bohrte sich in den ihren. Das war nicht gut, das war eine Kriegserklärung in bester Chris-Manier.

Allein aus einem Reflex heraus zuckte sie mit den Schultern, setzte eine Unschuldsmiene auf und gurrte zuckersüß: »Was genau soll ich dir erklären? Ich verstehe deine Frage nicht.« Blöde Reaktion, dachte sie im nächsten Augenblick. Eigentlich sollte sie jetzt toben. Chris zurechtweisen, dass er in fremden Briefen las. Stinksauer auf ihn sein, weil er selbst als älterer Bruder nicht das Recht dazu hatte. Und auch nicht einfach so in ihr Zimmer zu platzen. Alex hätte bei ihr sein können. Und sie hätte ihn daran erinnern sollen, dass sie achtzehn Jahre alt und kein kleines Kind mehr war. Und was er getan hatte, ein gewaltiger Vertrauensbruch bedeutete. Und das Verletzen der Privatsphäre. Und all so etwas, was mit dem Briefgeheimnis zusammenhing. Oder sie könnte ihm drohen, dass er die Lil Majestic zurückgeben muss. Maria und ihr Bruder hätten dann nicht weiter ihr Liebesnest. In Marias Elternhaus konnten sie nicht ungestört sein und in seinem Zimmer in La Perla genauso wenig, seit ihre Eltern aus New York zurück waren. Ja, das schien ihr sogar ein guter Plan zu sein, egal, ob es an Erpressung grenzte: das Boot gegen sein Ablassen davon, irgendwas aus Lilli herauszuquetschen. Okay, das war Erpressung.

Sie atmete einmal tief durch und schluckte die Worte wieder hinunter. Sie musste ihn jetzt nicht zusätzlich provozieren. Eine solche Reaktion käme außerdem einem Eingeständnis gleich, dass sie etwas verbarg, dass es Dinge gab, die er aus ihr herausquetschen konnte.

Chris schob die Brauen näher zusammen, bis sie ein V bildeten. Seine braunen Augen wurden eine Schattierung dunkler. Oh, den Ausdruck hatte sie eine ganze Weile nicht genießen dürfen! So sah er ihrem Vater ähnlich, besonders dessen französisches Temperament widerspiegelte sich in seinen Zügen.

Nein, es war sinnlos, Chris hinhalten oder gar erpressen zu wollen. Nur, wie ihm erklären? Mit welchen Worten offenbarte man eine Welt, die jenseits aller Vorstellungskraft lag? Wie einem »gewöhnlichen« Menschen klarmachen, dass es mehr auf unserer Erde, in unseren Ozeanen gab, als er in der Schule gelernt hatte? Ihr Menschsein war von dem eines durchschnittlichen Erdenbewohners Welten entfernt. Was also sagen, wenn keine Worte existierten, die auch nur ansatzweise befriedigend wären, um all das Fantastische zu beschreiben, das sie täglich erlebte? Vielleicht sollte sie doch die Zähne zusammenbeißen und die Erpressungsidee weiter verfolgen.

Das alte Buch!, schoss ihr durch den Kopf. Damit könnte sie anfangen. Ihr Bruder kannte ein paar Geschichten daraus. Erzählungen über Wesen, die sich »Menschenamphibien« nannten. Sicher, für Chris bedeuteten diese lediglich fantastische Storys. Legenden aus einem seltsamen Buch ohne Autor und in Altspanisch verfasst, das den zungenbrecherischen Titel trug: Las historias y metamorphosis de los anthrophibios. Das Buch hatte Chris im Keller des Mesón del Mar gefunden. Die Tapasbar am Strand von Calahonda betrieb sein guter Freund Eugene und dessen Onkel Barry. Ursprünglich wollte Eugene Philologie studieren und hatte sich das Altspanische halbwegs selbst beigebracht. So hatte er einige der Geschichten übersetzen können. Für Eugene hatte sich zwar ein Teil davon bewahrheitet, als er persönlich Teil der Legende wurde. Doch das Geheimnis kannte Chris nicht und er würde nie an die Wirklichkeit dieser Erzählungen glauben.

Auch dann nicht, wenn Lilli ihm schwor, dass es keine Legenden waren. Dass diese Welt jenseits der Meeresoberfläche existierte. Und es Thalassa 3 tatsächlich gab, fünfzehn Kilometer vor der Küste entfernt. Dass er sogar einmal dort gewesen war, mit Toni und Eugene, als sie schwer verletzt nach dem Beben in jenem Verbindungstunnel gefunden worden waren. Dass ihn solche Menschenamphibien, sie hießen Seraphim und Marc, nach Thalassa 3 gebracht und geheilt hatten. Ja, er und Toni waren die ganze Zeit über bewusstlos gewesen. Allein deshalb hatten sie nicht bereits früher erfahren, dass nicht der Mensch in der Nahrungskette an oberster Stelle stand. Und sie wusste das, weil ihr bester Freund, ihr gemeinsamer Freund Eugene, ein gestaltwandelndes Amphibion war. Wie, um Gottes Willen, würde ihr Bruder seinem Freund gegenübertreten, wenn er das erfuhr? Sollte sie Eugene überhaupt hineinziehen? Vielleicht ihn vor den Augen ihres Bruders sich verwandeln lassen? Sie konnte sich schon lebhaft ausmalen, was Eugene dazu sagen würde!

Lilli schob den Stuhl beiseite und mit ihm gleichzeitig diese Fragen. Hinhalten, irgendwas plappern, keinesfalls auch nur ein bisschen Wahrheit sprechen. Erpressung war das Mittel der Wahl. Ja, es ging wohl nicht anders. Sie zwängte sich an Chris vorbei, der im Türrahmen stand, und schlappte in die Wohnküche. Dort lief sie zur offenen Balkontür. Luft, sie brauchte dringend Luft. Doch Lilli traf auf eine Wand aus Wärme, als sie hinaustrat. Die Junisonne hatte den Balkon den ganzen Vormittag über aufgeheizt. Der Schatten war zwar da angekommen, er bot jedoch keine Abkühlung.

Sie trat an die Steinbalustrade und stützte sich ab. Die Schwüle legte sofort einen Schweißfilm auf ihre Haut. Ihr Blick glitt über die niedrigen, nahezu flachen Kuppen der Bergkette und verlor sich in der Ferne. An diesem Nachmittag lag die sieben Kilometer entfernte Nachbarortschaft Calahonda unter einer Dunstglocke. Lilli erahnte ihre Bauten und Hügel, ein vertrauter Umriss. Das Meer weit hinten sah wie eine schieferfarbene Wüste aus, die mit dem Dunst am Horizont verschmolz. Nichts rührte sich, kein Schiff war zu sehen, keine Möwe. Beinahe bezweifelte sie selbst, je länger sie die Einöde anstarrte, dass hier überhaupt etwas unter oder über der Wasseroberfläche lebte. Die sichtbare Welt mutete an, als wäre die Zeit in diesem Winkel der Welt in einer vormenschlichen Phase steckengeblieben.

Chris räusperte sich vielsagend. Mit einem Zungenschnalzen zog er einen der Plastikstühle hervor. Sein Gesichtsausdruck sagte ihr unmissverständlich, dass er sich nicht abwimmeln ließ.

Okay, dann eben Plan B: Erpressung.

Lilli setzte sich auf die Liege, streckte die Beine aus und lehnte sich zurück. Das Meer verschwand aus ihrem Sichtfeld. Lediglich zwei der sanft geschwungenen Kuppen der Sierra Vergin del Mar zeichneten sich gegen das verwaschene Blau des Himmels ab. Sie erinnerten Lilli an die Höcker eines Kamels. Wie ein Käfer kroch ihr ein Schweißtropfen seitlich zur Hüfte herab. Er hinterließ eine fühlbare Spur auf ihrer Haut. Sicher schwitzte sie nicht allein wegen des schwülen, sommerlichen Wetters. Die Suche nach passenden Worten für die unvermeidbare Erpressungsstrategie trieb ihr den Schweiß aus den Poren. Alles in ihr sträubte sich, ihrem Bruder das anzutun. Aber sie konnte einfach nichts davon preisgeben. Ihr Wissen hatte sie bereits in ziemliche Schwierigkeiten gebracht. Und es verstieß gegen die Regeln, dass jemand über die Existenz dieser verborgenen Welt und ihrer nicht vollends ungefährlichen Wesen erfuhr. Auch nicht ein bisschen.

Lilli tat einen tiefen Atemzug, zupfte am Ärmel ihres T-Shirts und öffnete den Mund. In diesem Augenblick hörte sie die Stimmen ihrer Eltern hinter sich. Geräuschvoll atmete sie wieder aus. Ein kleiner Aufschub?

»Super!«, rief Chris über die Schulter ins Wohnzimmer. »Da wäre jetzt die ganze Familie beisammen.«

Lilli seufzte, kein Aufschub. Eine erhebliche Komplikation. Wenn sie Chris den erpresserischen Plan offenlegte, würde sie ihren Eltern verraten, dass es ein Boot im Zuckerrohrfeld gab, das ihr gehörte und wo sie und ihr Bruder öfters sich der elterlichen Aufsicht entzogen hatten. Was noch weniger in Frage kam als ihr anderes Geheimnis zu offenbaren. Verflixt!

Schwerfällig setzte sie sich auf, stellte zunächst einen Fuß, dann den anderen auf den warmen Fliesenboden des Balkons.

»Ein seltener Moment«, zwitscherte ihre Mutter, während sie an die Balkontür trat. »Was gibt’s?«, fragte Suzú mit strahlendem Gesicht.

Ihre Eltern waren zwei Wochen länger in New York geblieben, nachdem Lilli mit Alex in der letzten Maiwoche zurückgekehrt war. Das hatte ihrer Mutter gutgetan. Ihre ausgezeichnete Laune hatte sie in den Tagen in La Perla bisher nicht verlassen. Sie wirkte entspannt und die neue Kurzhaarfrisur, an die sie sich herangewagt hatte, ließ sie jünger aussehen. Ihre Locken waren zwar weg, aber das Weinrot leuchtete wie eh und je.

»Mein Schwesterherz will uns etwas Wichtiges mitteilen«, verkündete Chris vollmundig und fuhr sich mit beiden Händen durch das wellige, sonnengebleichte Haar.

Lilli funkelte ihn böse an. Ihre Mutter schien es jedoch nicht zu bemerken. Allerdings huschte ein leichter Schatten über ihr Gute-Laune-Gesicht. Sie streifte die Espadrilles von den Füßen und trat barfuß auf den Balkon.

»Liebes,komm doch auch zu uns. Hör nur, unsere Tochter hat etwas Wichtiges zu verkünden.«

Die Worte galten Louis, der irgendwo in der Wohnküche herumwurstelte. Das Rascheln von Plastiktüten, das Rauschen des Wasserhahns, gefolgt von einem undefinierbaren dumpfen Geräusch drangen nach draußen.

Lilli bemerkte den Unterton in den Worten, und dass sich ihre Mutter bemühen musste, ihre Unbekümmertheit aufrechtzuerhalten. Sie ahnte was. Eindeutig. Seit sie wieder in Spanien waren, hatten ihre Eltern das Gespräch ebenfalls aufgeschoben, hatten es gar nicht erwähnt. Ganz so, als wären die Ereignisse in den USA in einem anderen Leben passiert. Als wüssten sie nichts über die schrecklichen Geschehnisse oder im Besonderen: über Lillis todesmutige Rolle in all dem.

Aus dem Wohnzimmer kam ein undeutliches Murmeln. Wenig später erschien ihr Vater mit einem Tablett auf dem Balkon. Darauf vier Gläser und eine Flasche spanischer Landwein. Er stellte alles ab und füllte die Gläser der Reihe nach. Dann erhob er seines mit einer Festlaune, die Lilli völlig fehl am Platz vorkam. Hatte er denn etwas zum Feiern?

Geduldig wartete er, dass es ihm alle gleichtaten, und prostete ihnen zu.

Seine Haare begannen nachzuwachsen und der graumelierte dichte Flaum schimmerte im Gegenlicht wie Quecksilber. Sie hatten ihn vor der geplanten OP im Krankenhaus in New York kahlrasiert. Solange er diese Stoppeln trug, würde sein ungewöhnliches Aussehen Lilli immer an jenes fürchterliche Bild erinnern: wie er abgemagert, totenblass und halbseitig gelähmt im Hospitalbett gelegen hatte. Na gut, so gesehen hatte er tatsächlich einen Grund zum Feiern.

»Seit wir zurück sind, haben wir uns noch gar nicht die Zeit genommen, ein Gläschen miteinander zu trinken. Es ist schön, meine zwei erwachsenen Kinder und meine Frau beisammen zu haben. Auf unsere Familie! Auf nächste Woche, wenn ich meine Arbeit hier wieder aufnehmen darf«, rief Louis und strahlte in die Runde. »Natürlich auch nochmal auf deinen verpassten Geburtstag, Chris. Und auf alles Spannende im Leben!«

Chris hatte seinen 19. Geburtstag gefeiert, während alle anderen in New York gewesen waren. Er hatte ihnen in der Familien-WhatsApp-Gruppe Bilder von der kleinen Party geschickt, die Maria und Toni für ihn organisiert hatten.

Ihre Mutter verdrehte die Augen, was sie in letzter Zeit seltener getan hatte. Lilli war sich sicher, dass es der Arbeit ihres Vaters als Touristenführer im Calahonda Diving Club galt. Denn dabei würde ihr Dad erneut tauchen gehen und das war ihrer Mutter schon immer ein Dorn im Auge gewesen. Ganz besonders aber nach dem Unfall, dessen Folgen vor wenigen Wochen in einem New Yorker Krankenhaus beinahe tödlich ausgegangen wären.

Dann veränderte sich ihr Gesichtsausdruck schlagartig. »Bist du etwa schwanger?«, fragte sie mit schriller Stimme.

Nun war es an Lilli, die Augen zu verdrehen. Sie schnaubte. Ihr Vater stieß ein trockenes Lachen aus und ihre Mutter giggelte, als hätte sie einen gelungenen Witz gemacht.

Euch wird gleich die gute Laune vergehen, dachte sie, sagte jedoch nichts. Ihr Herzrasen war nur ein Vorbote dessen, was noch auf sie zukam. Schließlich war nie die Rede davon gewesen, Chris in ihr größtes Familiengeheimnis einzuweihen. Zumindest nicht in nächster Zeit. Die Episode mit Maya und dem Krankenhausaufenthalt in New York hatte Louis ihm als großartige neue Lasertherapie verkauft, bei der keine OP mehr nötig war, er allerdings seine Haarpracht einbüßen musste. Dass er dank einer thalassischen Heilerin wieder gesund war, hatten sie Chris verschwiegen.

Frustriert stellte sie das Glas ab, nachdem sie einen Schluck vom fruchtig-leichten Wein genommen hatte. Sie löste die Spange und streifte ihr Haar über die rechte Schulter nach vorn aus. Es floss in sanften Wellen bis zur Brust herab. Als sie den Blick hob, bemerkte sie, dass sie alle erwartungsvoll anschauten. Sie ließ die Haare vors Gesicht gleiten, einem Vorhang gleich. Wenigstens ein geringer Schutz, wenn sie loslegen würde. Dabei fiel ihr die Klammer aus der Hand. Mit einem resignierten Seufzer bückte sie sich danach.

Zunächst dachte Lilli an ein Rieseninsekt, als sie im selben Augenblick das Surren über sich vernahm. Sie richtete sich auf, wappnete sich für einen Kampf mit einer ausgewachsenen Hornisse. In dem Bruchteil einer Sekunde, in dem ihr Blick zu ihrer Mutter zuckte, setzte ihr Herz aus.

Alles erstarrte. Als wäre die Zeit zu einem fortdauernden Jetzt gefroren, einer Wassertide gleich. Die Flut kommt nicht, noch geht die Ebbe. Völliger Stillstand, Zeittide.

Dann bewegte sich das Bild. Das Weinglas entglitt ihrer Mutter, landete auf den Tisch, von dort rollte es mit einem Teil des Inhaltes über die Tischkante und zerbarst auf den Steinplatten. Ihre Mutter griff sich mit weit aufgerissenen Augen an die Brust. Was umklammerte sie da? Sie wölbte ihren Brustkorb vor und erschien für einen Moment imposant, als wolle sie sich in eine Schlacht stürzen. Doch daraufhin krümmte sich Suzanne, sackte seitlich weg und fiel mit einem Poltern schräg über die Liege, auf der Lilli vor einer Minute gesessen hatte. Da kippte sie zur Seite. Ihre Hände schlossen sich weiterhin um etwas, das sich in ihre Brust gebohrt hatte. Blut sickerte unter den verkrampften Fingern hervor. Es verfärbte die hellgrüne Bluse wie im Zeitraffer. Ihre Mutter hatte den Mund aufgesperrt, als wolle sie schreien.

Nun hörte sich Lilli kreischen. Der Schrei, der nicht über die Lippen ihrer Mutter kommen wollte, ein Schrei reinen Grauens.

Ihr Vater ging auch schon vor Suzanne nieder, ohne sich darum zu kümmern, dass er in die Scherben kniete. Behutsam hob er ihren Kopf an und murmelte etwas auf Französisch, das Lilli nicht verstand.

Ihr Blick hüpfte zu Chris. Dann in die Ferne, aufs Meer. Von dort musste das gekommen sein, was immer ihre Mutter getroffen hatte. Jenseits des breiten Durchbruchs im Berg lag das Meer jedoch still da, einem Standbild gleich.

Chris war kreideweiß geworden. »Ich rufe den Notarzt«, sagte er gehetzt. Er schaute sich ebenfalls panisch um, als erwarte er jeden Augenblick ein neues Geschoss.

»Nein!«, donnerte ihr Vater und richtete sich abrupt auf. Die helle Dreiviertelhose war an den Knien in Wein getränkt. Oder war es Blut? Unzählige kleine Glassplitter klebten daran und schimmerten wie Pailletten. »Auf keinen Fall.« Er riss mit einer raschen Bewegung Chris das Smartphone aus der Hand.

»Aber Dad, warum …?«, stammelte Chris.

»Kein Notarzt. Geht rein, sofort!«

»Mom ist verletzt, sie braucht dringend ärztliche Hilfe!«, rief nun auch Lilli.

»Die linke Halsschlagader am Aortenbogen ist durchbohrt worden, deshalb verliert sie dermaßen schnell so viel Blut.« Ihr Vater blickte zu Boden, dann zu Chris und schließlich zu Lilli. »Ein Arzt könnte ihr jetzt nicht mehr helfen.«

»Und das weißt du so genau, weil …« Chris kam nicht weiter.

Ihr Vater schnellte zu ihm und fauchte: »Weil ich es eben weiß! Rein mit dir.«

»Bist du wahnsinnig geworden? Willst du Mom sterben lassen? Du bist Ozeanograf und kein verdammter Arzt!«, stieß Chris zwischen keuchenden Atemzügen hervor. Er wurde hysterisch. Schon stürzte er sich auf seinen Vater und wollte das Handy zurück in seinen Besitz bringen. Der Versuch blieb erfolglos. Verzweifelt ergriff er Lilli. »Tu doch was. Wähle du den Notruf. Sie darf nicht sterben!«

Lilli erwachte aus ihrer Starre, griff nach ihrem Smartphone. Was immer ihr Vater da gemeint hatte, hörte sich zwar unausweichlich an, sie musste es trotzdem wenigstens probieren.

»Lil, ein Arzt wäre nur Zeuge, wenn sie heilt.« Louis sah sie eindringlich an.

Lilli gefror mitten in der Bewegung. Mit einem Mal begriff sie. Wie auf Knopfdruck wurde sie ruhig.

Sie packte ihren Bruder mit beiden Händen, mehr um sich selbst auf ihn zu stützen, und atmete einmal tief durch. »Du musst uns jetzt vertrauen.« Er versuchte, ihren Griff abzuschütteln, Lilli hielt ihn aber weiter fest. »Mom wird wieder gesund.«

Chris schien aus einer Trance zu erwachen. »Wovon redest du? Seid ihr alle noch bei Trost?« Er wischte sich über die Augen, wie um ein Trugbild wegzuscheuchen. Sein Blick huschte zu Suzanne. »Es ist zu spät, oder? Sie ist tot«, flüsterte er mühsam beherrscht, als befürchte er, eine Schlafende zu wecken. In seine Stimme mischte sich Panik und er klang heiser.

Das Gesicht ihrer Mutter schimmerte weiß wie die Liege, leichenblass. Dafür breitete sich ihr sattrotes Blut auf den sandfarbenen Steinfliesen aus, vermischte sich mit dem helleren Rot des Weines zu einer bizarr marmorierten Lache. Ihre Hand, die das Geschoss umklammert gehalten hatte, lockerte sich und rutschte in Zeitlupe herab.

Ja, sie war tot, antwortete Lilli in Gedanken.

»Helft mir, sie ins Zimmer zu tragen. Ich muss die Harpune herausziehen.« Ihr Vater deutete auf Suzanne. Mit einer fahrigen Bewegung streifte er sich die Glassplitter von den Knien und klopfte sich die Hände ab, wie jemand, der lediglich Krümel daran kleben hatte.

Chris starrte seinen Vater gequält an, als wäre dieser vom Wahnsinn befallen.

Harpune? Lilli wollte sich nach ihrer Mutter bücken, genauer nachsehen.

Im selben Moment riss sie ein spitzer Schmerz von den Beinen.

 

Unweit des Durchgangs im Berg tauchte ein Kopf aus der stillen See auf. Dunkle Augen fixierten den Balkon, auf dem vor kurzem die Auserwählte, die Fünfte der fünften Tochter, gestanden hatte. Er hatte sie zwar erwischt, davon war er überzeugt, aber nicht tödlich verletzt, wie die andere. Nicht wie ihm befohlen worden war, falls sein Bruder versagen würde. Dieser Idiot hatte sich doch glatt erwischen lassen, noch bevor er überhaupt seine Harpune schussbereit hatte.

Auch er hatte versagt. Er musste es richten, seinen Auftrag erfüllen, sonst würde ihm Danya den Kopf abreißen. Wörtlich. Selbst wenn sie mit ihm geschlafen hatte, sie tiefer miteinander verbunden waren, bezüglich ihrer Pläne kannte sie kein Erbarmen. Und der Plan war, diese Lilli zu töten.

Einen Augenaufschlag später verschwand der Kopf wieder jenseits der Oberfläche, als könne er sich so vor einer größeren Macht in Sicherheit bringen.

 

2. Seelenpakt

 

 

Danya Baron war ein Todfeind.Jemand, mit dem man weder ein nettes Gespräch führt, noch den selbstgebackenen Feigenkuchen teilt. Geschweige denn, an den man sich eng kuschelt. Jedenfalls nicht, wenn man ein Landamphibion war. Und er, Eugene O’Grady, war eines.

Nichts, aber auch gar nichts, könnte ihn allerdings jetzt davon abhalten, in den Armen Danyas zu liegen, ihren Duft einzuatmen, ihre Wärme zu spüren. Selbst die angeborene Abneigung gegen alle Wasseramphibien stellte kein Hindernis dar. Eine stärkere Kraft hielt ihn und dieses wunderschöne Mädchen zusammen. Das geheimnisvolle Seelenband, gewaltiger als die Naturgesetze, mächtiger als alles, was er bisher je empfunden hatte. War er mit ihr, wurden aus zwei Wesen, die verschiedenen Arten angehörten, ein einziges. Jenseits von Grenzen, Naturgegebenheiten oder kleinlichen Bedenken. Sie waren für immer vereint, standen über der natürlichen Todfeindschaft, liebten sich.

Eugene gefiel der Gedanke an ihre kleine Ewigkeit von Tag zu Tag mehr, weil für immer bedeutete in ihrem Fall tatsächlich: für eine ganz lange Zeit. Danya würde nach der Diamantverwandlung ein unsterbliches Wasseramphibienmädchen sein, für immer Achtzehn. Und seine Zeit war mit Zweiundzwanzig gebremst worden, er alterte langsamer als ein gewöhnlicher Mensch. Dennoch … er alterte. Diese Vorstellung versetzte ihm jedes Mal, sobald er darüber nachdachte, einen Stich. Würde sich Danyas Liebe verändern, wenn sie in hundert Jahren die ersten Anzeichen des Alterns bei ihm entdeckte?

Eugene schob diese Frage beiseite. Er musste einfach auf die Kraft des Seelenbandes vertrauen. Während er versonnen die schlafende Danya betrachtete, die filigranen, lieblichen Züge im Dämmerlicht seines Zimmers, die zierlichen, aber kraftvollen Gliedmaßen und die wunderbar geschwungenen Hüften, die sich unter dem Laken abzeichneten, dachte er an die vergangenen Wochen zurück. Etwas, was er in jüngster Zeit gegen seine Natur häufiger tat.

Es war einiges geschehen, das ihn aus der Bahn hätte werfen können. Ihn sogar hätte töten können. Stattdessen hatten die Ereignisse sein Leben auf eine seltsam unwirkliche Weise zum Guten verändert. Da war das Beben vom letzten Jahr, durch das er in der Höhle eine tödliche Verletzung erlitten hatte. Dadurch waren seine magischen Gene erwacht. Oder die Offenbarung seines Familiengeheimnisses durch seinen Onkel Barry. Dass sein Zwillingsbruder James verwandelt gewesen war, bevor er sich das Leben genommen hatte. Und dann kam er unweigerlich an den fantastischsten Punkt: Seine beste Freundin Lilli, die nach den Legenden der Thalassier die Fünfte der fünften Tochter war. Dass sie diese besondere Auserwählte war, hatte Eugene lange verdrängen wollen. Er wünschte dieses Schicksal für Lilli nicht. Die unheimliche Verantwortung, die sie tragen müsste, ganz abgesehen von den grauenvollen Schmerzen des Erweckungsrituals, die sie erleiden würde. Letztendlich hatte er aber einsehen müssen, dass alles dafürsprach, und seine Freundin tatsächlich das war, was die Legende verkündete. Ihr Stammbaum zeigte: Lilli war die Fünfte, die der fünften Tochter geboren worden war. Außerdem nicht zu vergessen: die ungewöhnlichen, geradezu unmenschlichen Dinge, die sie überlebt hatte. Und schließlich die unerschütterliche Überzeugung Seraphims, seines gesamten Zirkels, dass sie es war.

Eugene schmerzte es jedes Mal, wenn er darüber nachdachte. Auch jetzt, nachdem sich seine Gefühle für Lilli gewandelt hatten. Er war zwar nicht mehr in sie verliebt, jedoch bedeutete sie ihm immer noch viel.

Und dann Danya! Das Mädchen, die er vor dem sicheren Tod gerettet hatte. Das wiederum ihn einer tödlichen Gefahr entrissen hatte. Vor wenigen Wochen noch hatte er sie zutiefst verachtet. Sie war die Ursache des furchtbaren Leides, das seine Freunde erfahren mussten. Lilli wäre beinahe durch ihre Hand gestorben, die Menschheit dank ihrer Machenschaften fast ausgelöscht worden. Und Marc, ihr eigener Bruder, hatte es mit seinem Leben bezahlt. In jener Stunde ermordet, in der sie alles riskiert hatten, um die menschliche Rasse vor dem Untergang zu retten.

Danya war damals besessen gewesen, sagte sich Eugene sofort. Sie hatte in ihrer dunkelsten Zeit all die diabolischen Zerstörungspläne geschmiedet. Er bekam bei dem Gedanken abermals Magendrücken. Selbst wenn Alex ihre Finsternis verbannt hatte, drängten sich ihm mitunter die Fragen auf: War Danya wirklich geheilt? War alles Böse für immer ausgemerzt worden? Oder konnte es jederzeit erneut erwachen?

Alex hatte ihm wiederholt versichert, dass er Danyas schwarze Gedankenwelt den tiefsten Tiefen ihres Unterbewusstseins übergeben hatte. Doch Eugene ertappte sich manchmal dabei, wie er sie wachsam beobachtete. Wie er ängstlich das Aufblitzen der Bestie in ihren Augen suchte. Und jedes Mal riss er sich zusammen. Nein, es war endgültig vorbei. Endgültig! Danya war seine Seelenhälfte, er würde schon aufpassen, dass sie nie mehr zu dem Unwesen werden konnte, das sie vor wenigen Monaten gewesen war.

Sind diese Überlegungen nicht genauso Lillis Sorgen?, fragte sich Eugene plötzlich, während er zur Decke starrte, den gleichmäßigen Atemzügen Danyas lauschend. Ihr Schlaf war selten entspannt, seit sie ihren Bruder verloren hatte. Er wusste, dass sie nicht länger als drei, vier Stunden am Stück schlafen würde. An diesem Nachmittag hatte sie ihn einfach an die Hand genommen, war ins Bett geschlüpft und sofort eingeschlafen.

Lilli musste ebenso empfinden wie er selbst. Mit Sicherheit wälzte sie ähnliche Gedanken. Alex war ebenfalls eine Weile von der Dunkelheit übermannt worden. Seelenpartner hin oder her, wie ging sie mit diesen Ängsten wohl um? Konnte sie Alex jemals wieder gänzlich vertrauen? Eugene nahm sich vor, bald mit Lilli darüber zu sprechen. Wie zuvor öfters war sie erneut die Einzige, die ihn dabei vollkommen verstehen würde. Vielleicht hatte seine beste Freundin einen Weg gefunden, dieser zweifelnden Stimme aus dem Inneren weniger Bedeutung zu schenken.

Im Augenblick würde er die Stimme häufiger hören, denn da war etwas unerledigt geblieben: der andere Teil von Danyas dunklem Erbe, der zweite Part ihres teuflischen Masterplans. Sie hatte es damals nicht nur auf die gesamte Menschheit abgesehen. Sie hatte auch einen Krieg der Arten geplant. Menschenamphibien an Land und unter Wasser sollten sich in eine Schlacht stürzen, sollten sich gegenseitig auslöschen. Über eine gesäuberte Welt hatte Danya regieren wollen. Eine Welt ohne Schwächlinge über oder unter Wasser.

Irgendwann, im Wahnsinn der letzten Wochen, hatte das Ganze seinen Lauf genommen. Danya hatte bereits Vorbereitungen getroffen, der Kampf der Thalassier und Terraner stand kurz vor seinem Ausbruch. Und immer noch fehlten wichtige Puzzleteile. Weiterhin sahen sich Seraphim und sein Zirkel der Auserwählten vor unbeantworteten Fragen stehen. Deshalb verließen sie sich so verzweifelt auf Lilli, die als Fünfte der fünften Tochter die Macht haben würde, all das zu beenden.

Eugene erzitterte. Er zog sich die Decke bis unters Kinn, obwohl ihn nicht Kälte zum Schaudern brachte. Hier war sie wieder, die Frage, die ihn umtrieb: Wenn er in den Kampf ziehen müsste, auf wessen Seite stünde er? Auf der seiner eigenen Art oder auf Danyas? Insgeheim hoffte er wirklich, dass es nie zu einer Schlacht kommen würde und er niemals gezwungen war, eine solche Entscheidung zu treffen.

Zurzeit war Lilli die Alleinige, die den blutigen Kampf aufhalten konnte. Sagten sie, die Auserwählten um Seraphim. Niemand wusste zwar, wie. Alle glaubten jedoch, dass sie es vermochte. Dafür musste Lilli das Erweckungsritual über sich ergehen lassen und sich verwandeln. Sozusagen. Sie musste in einem brutalen Ritual sterben, um als Fünfte der fünften Tochter wiedergeboren zu werden. Und das wortwörtlich. Ihr Herz würde aufhören zu schlagen, sie würde nicht mehr atmen, sie wäre tot. Für eine Weile jedenfalls.

Lilli sollte allerdings nicht alleine in den Tod gehen. Sie käme aber als Einzige da lebend raus. Die Zeremonienmeister waren Seraphim und sein Bruder Rex, sie opferten sich, denn nur die Fünfte der fünften Tochter würde das Ritual überleben. Mit der winzigen Hoffnung im Herzen war Seraphim aufgebrochen, einen anderen Weg zu finden, um seinen Tod und den seines Bruders zu verhindern. Doch die Alten hatten seit Hunderten von Jahren keine Lösung gefunden und Eugene bezweifelte, dass irgendjemand jetzt eine fand.

Um Rex würde Eugene keine Träne vergießen. Dieser war eine Zeit lang ebenfalls auf der dunklen Seite gewesen, hatte getötet und Lilli entführt. Und der Gedanke, dass Danya damals dessen Geliebte war, bereitete ihm jedes Mal heftiges Unbehagen. Nein, Rex wäre kein Verlust. Um Seraphim dagegen würde er trauern. Seraphim war in gewisser Weise auch sein Mentor. Er war der Erste gewesen, der ihn in die Welt der Menschenamphibien eingeweiht hatte. Selbst wenn sie verfeindeten Arten angehörten, respektierte Eugene den Mentor der Auserwählten. Er hatte ihn während jener schrecklichen Tage lieb gewonnen. Bei der Vorstellung seines bevorstehenden Todes wurde ihm schwer ums Herz.

Eugene zog die Decke enger um sich. Kurz bewegte sich Danya, seufzte einmal tief und schlief weiter.

Kaum zu glauben, dass seit den Ereignissen auf dem Schiff, seit seiner Heimkehr nach Calahonda, nur ein paar Tage vergangen waren. Es schien ihm wie ein ferner Alptraum, der die Intensität seines Grauens allmählich verlor. Seine Verletzungen, die inzwischen vollständig verheilt waren, fühlten sich ebenso irreal an. Es war aber geschehen: Der Malstrom hatte ihn fast tot am Grund des Atlantiks ausgespuckt, Danya hatte ihn gefunden und zum U-Boot gebracht und somit vor dem sicheren Tod bewahrt. Seitdem war sie nicht von seiner Seite gewichen. Sie war bei ihm geblieben, nachdem er mit den anderen von Long Island zurückgekehrt war; und sie war bei ihm geblieben, als er an Land gegangen war. In seinem Zuhause, dem gemütlichen Bungalow in der Calle Medusa in Calahonda, hatten sie in diesen letzten Tagen Trost in den Armen des anderen gesucht. Die sichtbaren Wunden waren zwar schnell geheilt, jene in ihren Herzen schmerzten allerdings so stark wie am ersten Tag.

Sein Onkel Barry war der Einzige, den sie zu Gesicht bekamen. Barry beäugte Danya jedes Mal mit offenkundigem Misstrauen. Doch Eugene hatte keine Lust, mit ihm zu streiten. Sie hatten erst vor kurzem einen Weg gefunden, vernünftig miteinander umzugehen. Seit Eugenes ersten vollständigen Verwandlung im Keller der Tapasbar und seit Barry verraten hatte, dass er um all das längst Bescheid wusste, war das Eis zwischen ihnen gebrochen. Eugene hatte sich in den vergangenen Wochen vor den Ereignissen intensiver um das Mesón del Mar gekümmert. Das schien Barry besonders zu gefallen. Vermutlich spekulierte er sogar darauf, dass er sich allmählich zurückziehen konnte und Eugene das Geschäft übernahm. Immerhin war er mit seinen neunundsechzig Jahren nicht mehr der Jüngste.

Seit Eugene nach Calahonda zurückgekehrt war, hatte er noch keinen Fuß ins Mesón gesetzt. Seinem Onkel hatte er nur die halbe Wahrheit über jene Geschehnisse erzählt, über seine Verletzungen und seine Beziehung zu Danya. Barry hatte nie nachgefragt und so blieb alles in stummer, ignoranter Eintracht.

Eugene seufzte. Das Warten machte ihm schlimmer zu schaffen, als er gedacht hätte. Bereits am zweiten Tag hier, nach einer rastlosen Nacht, war er von einer heftigen Unruhe geplagt worden, die seine Narben zum Pochen gebracht hatte. Einerseits quälte ihn die Gewissheit, dass jederzeit eine Schlacht beginnen konnte. Andererseits rückte Lillis Ritual immer näher. Zwei Ereignisse, jedes für sich schon ein Alptraum. Eugene drehte sich der Magen um, sobald er darüber nachdachte, dass es bald erneut Opfer geben wird. Und dann war da außerdem der morgige Tag. Marcs Totenzeremonie auf Thalassa 3.

Marc! Ein Kloß bildete sich in Eugenes Hals. Er war mit einem Mal wieder auf dem Schiff, im Labor des russischen Wissenschaftlers, Danyas Handlanger. Roch das Blut, das aus Marcs Brust sickerte, nachdem eine Kugel ihn getroffen hatte. Wie damals auf dem im Atlantik treibenden Schiff, als der Menschheit nur wenige Sekunden blieben, schaute er reflexartig auf seine Uhr. Eugene erinnerte sich an jedes Detail jener Stunden. Von dem Moment an, als er auf das Tauchboot der Thalassier gegangen war, bis da, wo er sich vom Malstrom hatte mitreißen lassen. Er sah sich und die anderen, wie sie versucht hatten, die Drohnen mit dem tödlichen Gift zu stoppen, die von jenem Deck aus starten sollten. Er sah das Feuer im Labor, wie es den Quantencomputer und die letzten Giftphiolen zerbersten ließ, und unwillkürlich hielt er den Atem an. Genau wie dort, als er sekundenlang befürchtete, selbst zu sterben. Er hörte die Schreie der Mädchen, während sie verzweifelt Marc wiederbeleben wollten. Doch dieser war auf dem Schiff gestorben. Er war der Held der Thalassier. Für Danya allerdings, für die zurückgebliebene Schwester, verkörperte er die Erinnerung an ihre dunkelste Zeit. An den schrecklichen Kampf zwischen Unterbewusstsein und Bewusstsein. Ans schlechte Gewissen, den Kummer des Verlustes. Marc war ihr persönliches Memento mori.

Seit sie hier waren, hatte Danya kaum über ihren Bruder gesprochen, obwohl Eugene sie mehrmals dazu ermuntert hatte. Sie war jedes Mal nach einigen Minuten verstummt, hatte mit den Tränen gekämpft. Den morgigen Tag müsse sie irgendwie überstehen, hatte sie immer wieder gesagt. Bis morgen stark bleiben. Eugene würde zwar an ihrer Seite sein, er würde sie nach Thalassa 3 begleiten. Das schien sie aber wenig zu trösten.

Allein seine unmittelbare körperliche Nähe lenkte Danya ab. Sie ließ so gut wie nie Eugenes Hand los, selbst in den kurzen Schlafphasen hielt sie diese fest. Und wenn er sie umarmte und küsste, hatte es den Anschein, als wolle sie mit ihm verschmelzen. Eugene war sich sicher, dass es nicht lediglich am Seelenband lag, dass ihr erstes Mal zusammen unglaublich intensiv gewesen war. Er hatte es wie einen Rausch erlebt. Eine Mischung aus Glück, Zärtlichkeit, Innigkeit. Und unendlichem Schmerz. Niemals zuvor hatte er Ähnliches empfunden. Kein Mädchen hatte sich ihm so hingegeben. Das machte ihn einerseits wahnsinnig glücklich, andererseits war es ihm manchmal ein bisschen unheimlich. So hatte für ihn der kommende Tag auf Thalassa 3 gleichermaßen etwas Beängstigendes an sich. Denn was war nach morgen? Neben der Trauer um Marc kam die Furcht zurück, dass Danya danach anders sein würde. Dass er sie verlieren könnte.

In diesem Moment klopfte es an der Tür. Eugene wickelte sich aus der Decke, schlüpfte in die Shorts und öffnete.

Ein müder Barry blickte ihm entgegen. »Besuch für euch«, brummte er. Seine gefärbten Haare waren zerzaust und das Rot schien sich in seinen wässrigen Augen zu spiegeln. Barry hatte offensichtlich wieder eine lange Nacht hinter sich, mit hitzigen Gesprächen mit seinen Stammkunden in der Tapasbar und flaschenweise Scotch. Meistens drehte es sich um Politik. Oder um Frauen. Aber ums liebe Geld genauso. Seit Wochen ließ er sich zu allem Übel auch einen Bart wachsen. Eugene ging davon aus, dass er das nicht aus modischen Gründen tat, wie er seine Haare färbte, sondern weil er keine Lust mehr aufs Rasieren hatte. Denn er pflegte den Bart nicht und dieser wuchs mittlerweile struppig und in einem schmutzigen Grau in alle Windrichtungen.

»Wer ist es?«, fragte Eugene.

»Weiß nicht. Keiner, den ich kenn’.« Mit diesen Worten machte Barry kehrt und entfernte sich schlürfenden Schrittes.

Eugene schloss die Tür. Als er sich umwandte, blickte ihm Danya vom Bett hellwach entgegen. Sie hatte sich auf die Ellenbogen aufgerichtet. »Alex«, sagte sie kaum vernehmlich.

Verwundert hob Eugene die Augenbrauen. Alex? Er begriff: Danya spürte mit ihren feinen Sinnen ihren Besucher auf, sogar wenn dieser noch zwei Räume weit weg war. Er selbst hatte seit seiner allerersten Verwandlung schärfere Sinne, allerdings nicht so wie Danya. Und nicht wesentlich stärker in seiner menschlichen Gestalt.

Barry musste die erste Begegnung mit Alex vergangenes Jahr in der Tapasbar vergessen haben, dachte Eugene, während er sich ein T-Shirt überstreifte. Was diesem in letzter Zeit öfters passierte. Er vergaß andauernd Dinge. Je länger der Bart, desto kürzer sein Gedächtnis.

»Er ist wütend«, sagte Danya. Sie rollte sich aus dem Bett und zog sich an. Zunächst glaubte Eugene, sie spreche von Barry. Dann wurde ihm klar, dass Alex gemeint war.

Er war wütend. Das erkannte Eugene in dem Augenblick, als er das Wohnzimmer betrat. Alex stand mit verschränkten Armen mitten im Raum, schaute finster auf. Doch nicht allein das verriet Eugene, wie erregt Alex war. Die Wände schienen vor unterdrücktem Zorn zu vibrieren. Dementsprechend knapp fiel die Begrüßung aus.

»Tut mir leid, dass ich hier so hereinplatze«, sagte Alex und fuhr sich mit einer Hand durch das feuchte Haar. Er verströmte einen leichten Duft nach Meer.

Bestimmt war er aus dem Wasser direkt hierher gekommen, sagte sich Eugene. »Schon gut.« Er winkte ab und deutete auf einen Sessel. »Möchtest du etwas trinken?«

Alex schüttelte den Kopf und beantwortete damit wohl beides – er setzte sich nicht. Besser so, denn von seinen Shorts tropfte noch Wasser. Stattdessen trat er auf Danya zu, die Eugene gefolgt war. Er befürchtete kurz, Alex würde sie angreifen. Er wusste ganz genau, wie sehr Alex mit seinen Gefühlen Danya gegenüber zu kämpfen hatte. Nicht nur hatte er ihre dunkelsten Erinnerungen gesehen, er machte sie verantwortlich für den Verlust seines besten Freundes Marc. Außerdem hatte sie letztes Jahr Lilli töten wollen. Eugene war sich sicher, dass sich diese Gefühle auch nicht so bald ändern würden.

Er geriet in höchste Alarmbereitschaft, als Alex lediglich eine Nasenspitze entfernt von Danya stehenblieb.

»Deine Handlanger haben versucht, Lilli zu töten«, zischte er so leise, dass Eugene es kaum verstand. Seine Augen blitzten gefährlich. »Wenn du sie nicht gerade umbringen willst, dann deine persönlichen Auftragsmörder!«

Danya wurde blass, rang mit bebenden Lippen um Worte. Ehe sie etwas sagen konnte, sprach Alex weiter. »Den ersten habe ich zufällig gesehen, als ich auf dem Weg zum Ufer war. Er hat im Meer gegenüber Lillis Wohnanlage gelauert. Harpunen schussbereit auf ihren Balkon gerichtet.«

Danya schluckte ein paar Mal. Eugene hatte das Gefühl, sie würde gleich in Tränen ausbrechen. Sie ließ sich in den Sessel fallen und vergrub ihr Gesicht in die Hände.

Eugene packte Alex am Arm. »Lass uns nach draußen gehen.«

Alex schüttelte die Hand ab, schaute mit flackerndem Blick zu Eugene. Darauf zu Danya. »Und da du schon so besorgt fragst, Danya: Ja, ich habe ihn mir geschnappt, bevor er was anrichten konnte. Ich habe ihn am Meeresgrund an einen Felsen gefesselt und werde ihn nach Thalassa 3 bringen. Leider habe ich zu spät bedacht, dass du auch für einen Plan B sorgst. Als ich gemerkt habe, dass ein zweiter aufgetaucht war und den Job zu Ende bringen wollte, war es geschehen. Er hat bereits auf Lilli eine Harpune abgeschossen, ist mir allerdings entwischt. Zum Glück hat er Lilli nur am Arm getroffen. Ihre Mom dagegen wurde tödlich verletzt.«

Danya hob den Blick, in ihren geröteten Augen flirrte Furcht. »Lillis Mutter ist tot? Oh Gott …«

»War es. Sie kommt in diesen Minuten zurück, Terranerblut und so weiter.«

Danya atmete erleichtert aus.

»Gibt es noch jemanden, der den Auftrag erledigen soll, falls der zweite ebenfalls scheitert? Einen Plan C? Hm?«

»Ich weiß es nicht«, flüsterte sie.

»Sie weiß es nicht«, wiederholte Eugene lauter. »Sie hat keine Erinnerungen mehr daran, schon vergessen?«

Alex funkelte ihn an. »Ja, ja«, brummte er. »Passt mal wieder super. Dann bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als Lilli auf Schritt und Tritt zu bewachen.«

Ohne ein weiteres Wort machte er auf den Fersen kehrt, öffnete die Terrassentür und stapfte in den Garten. Eugene folgte ihm.

Als er im Schatten eines Avocadobaums stehenblieb, trat Eugene zu ihm, redete gehetzt auf ihn ein: »Alex, ich bitte dich inständig, Danya gegenüber etwas Milde walten zu lassen. Sie leidet wirklich sehr, du kannst dir nicht vorstellen, wie verzweifelt sie ist.«

Alex runzelte verdrießlich die Brauen. »Es fällt mir schwer, sie nicht eigenhändig zu …« Er brach ab, zupfte ein Blatt vom Baum und begann, es in kleine Krümel zu zerreißen.

Eugene konnte sich nur zu gut ausmalen, was Alex am liebsten mit Danya machen würde. Vermutlich genau das, was er gerade mit dem Blatt tat. Er atmete durch. »Ja«, sagte er mit flacher Stimme. »Ich verstehe.«

»Mir wird eben klar«, sagte Alex, »Danya muss sofort mit mir nach Thalassa 3 kommen. Wir müssen den Kerl, den ich geschnappt habe, gemeinsam hinbringen und versuchen, aus ihm alle Informationen herauszubekommen. Noch wollte er nicht reden. Das Einzige, was er verraten hat, war sein Name. Und das ist nicht. Danya kann ihn dazu bringen. Dieser Luca kennt einen Teil von Danyas Plan. Da bin ich mir sicher. Schließlich hat er es nicht einfach so auf Lilli abgesehen. Und er weiß bestimmt auch, was geschehen soll, falls er versagt, oder der nächste.«

Alex hatte schnell gesprochen und Eugene merkte, wie dessen Nervosität auf ihn überging. Die Wärme des Nachmittags bildete einen Schweißfilm unter dem T-Shirt auf seinem Rücken. Der Gedanke, dass Danya früher weggehen sollte und mit wem sie aufbrechen würde, trug nicht dazu bei, dass er sich beruhigte. Er wollte sie nicht aus den Augen lassen, wusste aber, wie nötig es war, jetzt hierzubleiben und Lilli zu bewachen.

»Was, wenn dieser Luca genauso wenig mit Danya sprechen will?«

Alex presste die Lippen zusammen, als stehe er kurz davor, sich auf Eugene zu stürzen und ihm die Kehle herauszureißen. »Dann muss sie in den Kopf dieses Mistkerls blicken. Wenn es sein muss – mit Gewalt.«

Eugene begriff zunächst nicht, doch sofort fiel ihm wieder ein, was Danya in ihrer dunklen Zeit mit Lilli und dem Delfin Black gemacht hatte. Nachdem sie das Tier ins Zuckerrohrfeld gezerrt und ein Messer in dessen Bauch gerammt hatte, war Lilli mit dem Blut des Tümmlers in Berührung gekommen. Sie hatte in Blacks Erinnerungen schauen können und Danya in die von Lilli. Diese Gabe Danyas war nach ihrer ersten Verwandlung erwacht, gleichzeitig mit dem Bösen in ihr. Eugene hatte nicht mehr daran gedacht, Alex hatte aber Recht. Es wäre ein Weg, um an die Gedanken von Luca zu kommen, falls dieser nicht freiwillig redete. Allerdings musste der dafür bluten. In Anbetracht der Tatsache, dass er Lilli hatte töten wollen, empfand Eugene nur geringfügig Mitleid.

Diese Grübeleien mussten sich auf seinem Gesicht gespiegelt haben, denn Alex nickte ihm zu. »Du beschützt Lilli«, betonte er, »ich weiß, dass dir das klar ist. Und ich hoffe sehr, dass es dir dieses Mal besser gelingt als letztes Jahr.«

Eugene wollte aufbrausen. Echt jetzt? Musste Alex ihn daran erinnern, dass er Lilli schon einmal bewacht hatte und es Rex dennoch gelungen war, sie zu entführen? Musste er in seiner Wunde bohren? Oh nein, Eugene mochte Alex immer weniger. Erneut mussten sie sich aber verbünden. Er schluckte seinen Ärger über Alex’ Arroganz hinunter und nickte einmal knapp.

»Ich verspreche dir, auf Danya aufzupassen. Ich bin zwar wütend und ich gebe ihr die Schuld für diese Sauerei, ich werde ihr trotzdem nichts tun.«

»Schwöre es«, sagte Eugene und trat näher an Alex heran. Er spürte es in seinen Zähnen pochen, ein Hinweis, dass er sich verwandeln könnte, ein Zeichen der natürlichen Todfeindschaft und seiner unterdrückten Wut. Er bemerkte diese Körpersignale nur noch selten bei sich, doch nun war er nervös und angespannt. Und er konnte Alex beim besten Willen nicht ausstehen. Inzwischen war es leicht geworden, die Verwandlung zu steuern, selbst in Anwesenheit eines Todfeindes. Eugene drängte das erwachende Amphibion mühelos zurück.

Alex blickte ihm direkt in die Augen. »Richte Danya aus, sie soll mir ins Meer folgen. Ich schwöre, ich tue ihr nichts.«

Damit war Eugene zufrieden. Er musste Alex jetzt einfach glauben, es dabei bewenden lassen. »Morgen Abend komme ich nach Thalassa 3 zu Marcs Zeremonie. Lilli ist ja auch dort«, sagte er und bemühte sich, gelassener zu klingen, als er sich fühlte.

Alex drehte sich ohne ein weiteres Wort um, hielt auf den Gartenrand zu und sprang mit einem Satz über die mannshohe Mauer, die das Grundstück einsäumte.

Eugene starrte eine Weile hinterher, dann ging er wieder ins Haus. In Gedanken hatte er schon passende Worte für Danya gefunden, für den plötzlichen Abschied, der kommen musste.

Als er das Wohnzimmer betrat, fand er es leer vor.

»Danya!«, rief er. Niemand antwortete. Er verließ das Zimmer.

Ein mürrischer Barry lief ihm im Flur entgegen. Noch bevor er seinen Onkel fragen konnte, ob er Danya gesehen hatte, sagte dieser: »Sie ist vor einer Minute hinausgestürmt. Hat nix gesagt. Unhöflich, wenn du mich fragst.«

Eugene wollte etwas Barsches entgegnen, ließ es aber bleiben. Das war nicht der Moment, sich mit Barry anzulegen, zumal er ihm sogar Recht geben musste. Danya hatte vermutlich mitgehört, was sie im Garten besprochen hatten und sich auf den Weg gemacht. Dass sie sich allerdings nicht von ihm verabschiedet hatte, versetzte Eugene einen Stich.

Er hastete in den Vorgarten und von dort stürmte er hinaus, in der Hoffnung, sie zu erreichen. Die Gasse lag menschenleer da. Ein Straßenköter kauerte vor einem Haus im Schatten, hob kurz den Kopf und schaute Eugene an. Dann legte er sich hin, streckte alle viere von sich und beachtete ihn nicht weiter.

Die Blätter des alten Eukalyptusbaums am Ende der Gasse flackerten silbern in der sanften Brise. Eugene wollte zurück ins Haus gehen, als eine Gestalt halb hinter dem Stamm versteckt seine Aufmerksamkeit erregte.

Als würde der Fremde spüren, dass Eugene ihn entdeckt hatte, trat er einen Schritt hervor. Der Hund knurrte, sprang auf und machte Anstalten, zum Baum zu rennen. Im nächsten Augenblick wimmerte er auf, kniff den Schwanz ein und jagte jaulend in die andere Richtung davon, als hätte jemand ihn getreten.

Das Gesicht des Unbekannten lag im Schatten, doch Eugene war sich sicher, dass das Finstere seiner Erscheinung nicht vom Zwielicht kam, in dem er stand. Der Mann hatte was an sich, das Eugene beinahe in die Knie zwang. Er war bestimmt zwei Meter groß, hatte breite Schultern. Allerdings merkte Eugene, dass dieses Gefühl nicht allein daher kam. Er schüttelte es ab und musterte den Mann unverhohlen. Einen Moment schien es ihm, als würde dieser aus glühenden Augen zurückstarren. Dann glitt er hinter den Baum, lautlos und geisterhaft, wie er aufgetaucht war.

Eugene gab dem Impuls nicht nach, dorthin zu gehen und den Fremden anzusprechen, obwohl es ihn gewaltig drängte. Sein Instinkt warnte ihn davor, dass es ihm ähnlich ergehen würde wie dem Köter. Im Augenblick hatte er außerdem Wichtigeres zu tun. Ein paar Atemzüge stand er noch an die Mauer gelehnt da und wartete, dass der Mann sich entfernte.

Als nichts geschah, trat Eugene schließlich zurück ins Haus. Etwas sagte ihm, dass er den Unbekannten sehr bald wiedersehen würde.

 

Hinter dem Eukalyptusbaum regte sich das Leitamphibion, spähte mit zusammengekniffenen Augen zur Stelle, wo der junge Terraner gestanden hatte. Darauf stieß er sich vom Stamm ab, mit langen Schritten und einem zufriedenen Gesichtsausdruck lief er die Gasse entlang und verschwand in einer fließenden Bewegung um die Ecke.

3. Blut und Dunkelheit

 

 

Der spitze Schmerz schoss ihr bis ins Innere.Schreien wollen. Doch kein Ton kam über Lillis Lippen. Dafür plärrte Chris wie von Sinnen.

Ihr Vater brüllte dazwischen, um ihn zu übertönen: »Duckt euch!« Er zerrte Chris herab. Dieser verlor den Halt und knallte mit den Knien auf die Fliesen. Was dazu führte, dass er nur noch lauter kreischte.

Mechanisch schaute Lilli zu ihrem linken Oberarm, bemerkte die Metallspitze, die auf der Rückseite eine Handbreit blutverschmiert herausragte.

Auf allen vieren sackte sie zu Boden. Nicht weil ihr Vater es befohlen hatte, sondern weil ihre Beine plötzlich nachgaben. Der Schmerz im Arm ließ sie aufstöhnen. Auf den Knien rutschte sie ins Zimmer und kauerte sich neben die Couch. Mit kühler Klarheit nahm sie die Blutspur wahr, die sie auf den Fliesen hinterlassen hatte.

Es schien ihr, als verselbstständige sich das qualvolle Brennen der Wunde, als hätte sie sich aus ihrem eigenen Körper davongemacht. Wie in einem Film, in dem der Ton seltsam verzerrt und leise gestellt wurde, registrierte sie, wie ihr Vater dem hysterischen Chris eine Ohrfeige verpasste. Wie dieser abrupt verstummte und zu Stein wurde. Und dann, wie ihr Bruder sich endlich in Bewegung setzte, ein veränderter, entschlossener Ausdruck im Gesicht. Und über allem das Gefühl, dass jede einzelne Geste, jede noch so kleine Regung Ewigkeiten brauchte, um sich zu entfalten.

Sie packten Suzanne gemeinsam. Ihr Vater die Füße, Chris schob seine Arme unter ihre Achseln. Gleichzeitig, nur einem knappen Nicken folgend, hoben sie die Bewusstlose aus der Liege. Ihre Hände lösten sich, glitten herab und baumelten leblos.

Der Metallstift ragte fingerdick, einem Miniaturmast gleich, aus der Brust ihrer Mutter, ein Fetzen Stoff aus ihrer Bluse war daran hängengeblieben. Ein ähnliches Geschoss steckte in Lillis Oberarm.

Geduckt traten die beiden mit ihrer Last ins Zimmer, hinterließen eine Spur dicker Blutstropfen. Louis deutete mit dem Kinn Richtung Couch. »Lilli, breite die Decken dort aus!«, befahl er.

Die Abende wurden manchmal kühl und so hatten sie sich für die Fernsehnächte Decken griffbereit auf den Sessel hingelegt. Lilli erhob sich schwerfällig.

Erst jetzt erkannte ihr Vater, dass sie ebenfalls getroffen war. »Mon Dieu«, murmelte er.

Lilli griff sich die Decken, legte sie übereinander auf die Couch. Dabei benutzte sie nur den unverletzten Arm, was das Ganze wie in Zeitlupe verlaufen ließ.

Sie setzten Suzanne ab. Louis bettete ihren Kopf bequem wie bei einer Schlafenden.

Mit einer Mischung aus Entsetzen und Befremden bemerkte Lilli, dass bei ihrer Mutter die Augen immer noch weit offen standen. Der Blick darin glasig, leblos. Die Augen einer Toten.

Lillis linker Arm war inzwischen taub geworden. Dafür drang das, was sie sah oder hörte, ungefiltert in sie ein, lenkte sie durch die intensivere Wahrnehmung vom eigentlichen Schmerz ab. Mit einem Mal überkam Lilli schreckliche Angst. Was, wenn es nicht funktionierte? Panik durchzuckte sie wie ein elektrischer Stromschlag. Ihre Beine gaben erneut ihren Dienst auf und sie sackte zu Boden. Leise schluchzend lehnte sie die Stirn gegen die Couch.

»Liebes, halte noch ein bisschen durch«, rief ihr Vater ihr zu, der ihr Weinen offensichtlich falsch auslegte. Ohne ihn anzusehen, nickte sie nur, zu schwach, um einen vernünftigen Satz auszusprechen.

Lilli wusste nicht, wie lange sie mit geschlossenen Augen am Boden kauerte. Sie rührte sich nicht, atmete kaum, jede noch so kleine Bewegung könnte sie zurückreißen in den unerträglichen Schmerz. Irgendwann berührte sie jemand an der Schulter. Er kam mit voller Wucht zurück. Mühsam hob Lilli den Kopf. Ihr Vater stand über sie gebeugt, eine Schüssel in einer und ein Handtuch in der anderen Hand. Durch den Schleier aus Tränen und Qual verschwamm sein Gesicht, allein die Augen erschienen ihr wie große dunkle Kugeln.

»Zuerst deine Mutter, dann du.« Er schaute sie mit tiefer Sorge an, doch als Lilli nickend zustimmte, wandte er sich Suzanne zu. Mit einem konzentrierten Gesichtsausdruck machte er sich am Metallstift in ihrer Brust zu schaffen. Er verdeckte jedoch die Sicht, sodass Lilli nicht erkennen konnte, was genau er da tat. Lediglich einmal war ein Knirschen zu hören, das ihr den Magen umdrehte.

Chris stürmte daraufhin ins Bad, kurze Zeit später übergab er sich geräuschvoll.