Schattenblau 2: Das Raunen des Meeres - Karla Fabry - E-Book

Schattenblau 2: Das Raunen des Meeres E-Book

Karla Fabry

0,0
4,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Ein Seelenband reißt. Das Gute kehrt sich zum Bösen. Der Tod lauert unsichtbar. »Ich habe immer geglaubt, dass die machtvollste Kraft in mir meine Liebe zu dir ist, gewaltiger als meine Gaben, größer als das Leben. Doch ich habe mich geirrt. Wir waren Traumtänzer, Lilli. Die Zeit ist nun gekommen, aufzuwachen ... Dich gehen zu lassen, zu gehen – nie musste ich etwas Schmerzhafteres tun … Danke, dass du mich geliebt hast. Leb wohl. Alex« Nach den schrecklichen Ereignissen des vergangenen Jahres genießt Lilli zusammen mit Alex die sinnlichste Zeit ihres Lebens. Doch kaum ist die Furcht verhallt und sie wähnt sich sicher in seinen Armen, entsteigt dem tosenden Meer ein neues Böses: hinterhältig, grausam und wild. Der gesamten Menschheit droht die totale Vernichtung, sollte es den Anhängern Danyas gelingen, ihre diabolischen Pläne in die Tat umsetzen. Und dann wird Alex von einem schrecklichen Familiengeheimnis eingeholt und er muss alles aufgeben, was er liebt. Auch Lilli. In der lichtlosen Tiefsee hat schon bald die Bestie in ihm seine Menschlichkeit aufgezehrt. Lilli und Alex müssen sich ihren persönlichen Dämonen stellen, wenn sie sich nicht gegenseitig vernichten wollen. Gemeinsam mit einem Zirkel Auserwählter nehmen sie aber auch einen viel bedrohlicheren Kampf auf sich, um die Menschheit vor den skrupellosen Machenschaften Danyas zu retten. Doch der Stein ist bereits ins Rollen geraten und ein Wunder nicht in Sicht … Der zweite Teil der Romantasy-Saga erzählt temporeich und spannend von einem Kampf gegen eine mächtige Finsternis; vom Verlieren des geliebten Menschen und vom Sich-selbst-Verlieren; von dunklen Familiengeheimnissen und befreienden Enthüllungen; von Rache im Rausch des Blutes, einem kraftvollen Amulett und einem Ritual am Abgrund des Todes. Ein Fantasy-Abenteuer voller Dramatik und Herzschmerz!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2018

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Karla Fabry

 

Schattenblau 2

Das Raunen des Meeres

 

– Band 2 der Fantasy-Saga »Schattenblau« –

 

Impressum

 

Schattenblau 2: Das Raunen des Meeres

Ein Fantasy-Epos

 

2. Auflage 2017

Deutsche Erstausgabe 2016

Text © Copyright für die deutschen Ausgaben:

Karla Fabry

 

 

 

Qindie steht für qualitativ hochwertige Indie-Publikationen. Achten Sie also künftig

auf das Qindie-Siegel! Für weitere Informationen, News und Veranstaltungen besuchen

Sie unsere Website: http://www.qindie.de/

 

 

 

Besuchen Sie meine digitale Dachkammer: www.karla-fabry.de

 

Alle Rechte vorbehalten. Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung ohne schriftliche Zustimmung der Autorin ist unzulässig. Dies gilt insbesondere für elektronische Vervielfältigung, Verbreitung, Bearbeitung, Übersetzung und öffentliches Zugänglichmachen.

 

Covergestaltung Karla Fabry unter Verwendung folgender Bildquellen:

Qualle: designed by Vectorpocket - Freepik, Silhouette: designed by Freepik

Korrektorat/Lektorat der 2. Auflage: Daniel Dekkard

Von Karla Fabry noch erschienen

Schattenblau 1: Das Herz der Tiefe

 

 

 

Inhalt

Prolog

Teil 1

1. Schneeblut

2. Eisfluten

3. Black

4. Freier Fall

5. Enrico

6. Shakespeare in La Perla

7. Ein Besuch zu Hause

8. Mitternachtspicknick

9. Natürliche Feinde

10. Das Amphibion erwacht

11. Das Gewicht der Seele

Teil 2

Lilli

Verdrängen

Wut

Trauer

Loslassen

Neubeginn

Alex

Qualen

Taubheit

Sterben

Leben

Erwachen

Teil 3

12. Dem Tod ein Schnippchen geschlagen

13. Das Observatorium

14. In allen Welten

15. Im Kopf der Finsternis

16. Die Fünfte der fünften Tochter

17. Danyas Plan

18. Crossroads

19. Rubinsplitter

20. Kleine und große Katastrophen

21. Der schräge Leuchtturm

22. Am Rande des Vulkans

23. Auf Thalassa 3

24. Palimpsest

25. Eine Nacht in den Hamptons

26. Auf der Naufragia

27. New York reloaded

28. Im wilden Rausch des Blutes

29. An Bord

30. Mahlstrom

31. Der dunkle Kuss des Meeres

Über die Autorin

Bücher von Karla Fabry

Marines Glossar

 

Gewidmet all denen, die gelernt haben, mit dem Dunkel zu tanzen.

 

 

 

»I really don’t know why it is that all of us are so committed to the sea, except I think it’s because in addition to the fact that the sea changes, and the light changes, and ships change, it’s because we all came from the sea. And it is an interesting biological fact that all of us have in our veins the exact same percentage of salt in our blood that exists in the ocean, and, therefore, we have salt in our blood, in our sweat, in our tears. We are tied to the ocean. And when we go back to the sea - whether it is to sail or to watch it - we are going back from whence we came.«

 

(John F. Kennedy, Remarks at the Dinner for the America’s Cup Crews, September 14, 1962)

 

Prolog

 

Die Zeit rast. Wie der Herzschlag der Fremden in meinen Armen. Der Schrei ist verhallt, doch etwas bleibt. Ich schmecke ihre Furcht auf den Lippen, höre sie in ihrer Brust donnern und dicht unter der samtigen Haut fühle ich sie in ihrem Blut rauschen.

Mit der Zunge streife ich über ihren Hals. Bis zum Kinn hinauf. In den Zähnen pocht das Gift, das mich drängt. Es gefällt mir, diese Angst zu spüren, ihr pulsierendes Leben. Das kaum fühlbare Zittern – die Ahnung des Nachbebens, nachdem die große Erschütterung verebbt ist. Mein Herz schlägt bei der Vorstellung schneller, fast so schnell wie ihres.

Ich. Will. Ich sehne mich danach, den Taumel wieder zu kosten. Von tief unten entsteigt mir das vertraute Knurren. Es erfüllt mich nicht mit Abscheu und Scham wie früher. Ich habe akzeptiert, was ich bin. Der Jäger aus den Tiefen der Meere. Wie vor Tausenden von Jahren meine Vorfahren suche ich heute meine Beute an Land. Die Gesetze meiner Welt haben es längst verboten, aber das ist mir egal. Ich habe nichts mehr zu verlieren.

Besonders dieses Menschenmädchen lockt mich. Sie ist schön, sie erinnert mich an jemanden. Ich merke ihren Widerstand, obwohl sie sich nicht wehren kann. Es ist ein inneres Aufbäumen, das Auflehnen einer furchtvollen, unschuldigen Seele, die noch kein Sterben erfahren hat. Verführerischer als alles andere. Keine Jagd betört mich so wie der stumme Aufschrei einer gejagten Seele.

Noch schlägt ihr Herz. Noch kann ich sie loslassen und bei ihr bleiben, bis die Lähmung ihren Körper freigibt. Doch der Grat zwischen Bestie und Mensch wird mit jedem Mal schmaler, der Schwebezustand an der Kreuzung zweier Wege zunehmend aufregender. Ein Weg bedeutet leben lassen. Der andere ist tödlich. Und nie weiß ich vorher, wie ich mich entscheiden werde.

Ich sollte die Macht haben. Es ist jedoch immer nur sie. In ihrem Duft, ihrem Herzschlag liegt jene befehlende Gewalt, die von mir nur Instinkt übrig lässt. Die Stärke der Beute.

Ich lege den Kopf in den Nacken. Es ist Zeit für den anderen Weg: Dieses Mädchen hat mein Gesicht gesehen.

An der hauchdünnen Grenze von Haut und Blut – nicht ganz Todesbiss, aber mehr als nur Berührung – halte ich inne. Jemand hat meinen Namen gerufen.

Langsam schaue ich mich um. Blicke ich in die Augen meiner Vergangenheit, zurück in ein Leben, in dem ich alles dafür getan hätte, diese Augen glücklich zu sehen. Und darin meine eigene Menschlichkeit gespiegelt zu finden.

Ich flüstere ihren Namen.

 

TEIL1

1. Schneeblut

 

Lilli war sich einen Moment sicher, dass sie noch träumte. Es schneite?

Sie war aus dem Albtraum der Nacht hochgeschreckt, in dem sie durch die Straßen New Yorks gerast war. Und in dem sie durch die dichten Schneeflocken das Dunkle zu erkennen suchte, das sie töten wollte. Das hier war die Wirklichkeit. Und ihre spielte schon seit einem halben Jahr nicht in New York, wo Schnee nichts Verrücktes wäre. Sie lag im Bett. In ihrem Zimmer in La Perla, ein Provinznest an der spanischen Costa Granada. Und hier schneite es nie! Auch nicht im Februar. Da allerdings, jenseits der halb zugezogenen Gardinen, sah es so aus, als fiele Schnee in echt.

Lilli warf die Decke von sich und trat an die Balkontür. Sie blinzelte den letzten Rest Schlaf weg, wischte ungeduldig eine Haarsträhne aus dem Gesicht und mit ihr das albtraumhafte Gefühl. Ihr rasender Herzschlag, mit dem sie aus dem Schlaf hochgeschreckt war, beruhigte sich allmählich. Sie lehnte die Stirn an die Scheibe, suchte mit dem Blick die Landschaft ab. Münzengroße Schneeflocken wirbelten durch die Luft und brachten sie zum Flirren. Eine weiße Flauschdecke begrub schon die Palmen, Sträucher und üppigen Blumenranken an der Hofmauer. Als hätte eine überdimensionale Schneekanone die Frühlingskulisse auf der Anhöhe bearbeitet, die sich jetzt unter ihrer Verkleidung wie zur Flucht duckte. Die Bergkette, hinter der das Meer lag, erahnte sie nur als Silhouette. Das seltsame Licht, das über allem lag, teilte das Bild entzwei. Blendendes Weiß unten, als strahle die Erde aus sich heraus. Und darüber der Himmel, der Lilli an hellgrauen Marmor erinnerte. Der einzige Farbfleck war der leere Pool im Hof zur Linken. Mit seinen türkisfarbenen Kacheln leuchtete er wie ein riesiges mystisches Auge.

Eine Bewegung, unwirklich wie die Schneekulisse, lenkte Lillis Aufmerksamkeit auf den Berg. Dort, wo die Umrisse seiner Kuppe ins neblige Nichts verschwanden, ein schattenhaftes Grau. Für die Dauer eines Augenaufschlages hatte es wie die Kontur eines Menschen ausgesehen, der auf allen vieren den Hang hochkletterte. Lilli zögerte. Schaute angestrengt hin. Wenn da tatsächlich jemand oben gestanden hatte, dann war er jetzt hinter dem Berg verschwunden. Vermutlich eine Bergziege, sagte sie sich. Morgens, solange sich keiner draußen aufhielt, hatte Lilli manchmal welche beim Grasen am Hang beobachtet. Oder es war nur Einbildung. Die inzwischen bekannten, aber stets aufwühlenden Träume, die sie auch die vergangene Nacht heimgesucht hatten, nicht fern genug. Wer sollte da hochklettern? Es gab Tunnels im Berg, die zum Meer führten. Wer wollte überhaupt bei dem Wetter ans Meeresufer?

Lilli verharrte noch eine Weile so, beobachtete die Stelle, an der sie die Bewegung zu sehen geglaubt hatte. Doch als sich nichts mehr dort rührte, löste sie sich von der Balkontür. Ihr Atem hatte einen Nebelfleck auf der kalten Scheibe hinterlassen und sie schaute zu, wie er sich verflüchtigte. Dann ging sie ins Bad. Die Schattenbewegung auf der Bergkuppe hatte sie auch schon vergessen.

Wie jeden Morgen hatte Lilli freie Bahn. Ein Luxus, der längst selbstverständlich geworden war. In ihrer New Yorker Wohnung hatte der morgendliche Kampf ums Bad meistens zugunsten ihrer Mutter geendet. Nebst eigenem Balkon und Rieseneinbauschrank gehörte jetzt ein Bad mit Badewanne zu ihrem Zimmer. Alle Räume des Apartments, das ihre Familie in der Anlage unter dem Leuchtturm bewohnte, hatten diese Annehmlichkeiten. Die Morgen waren seitdem zur kampffreien Zone geworden.

Flink duschte sie, trocknete sich ab und putzte die Zähne. Fröstelnd lief sie zurück ins Zimmer und schlüpfte in ihre Jeans. Die Temperaturen in Andalusien waren auch im Winter mild, so hatte Lilli nicht mehr als zwei Sweatshirts in ihrem Schrank. Beide zog sie jetzt übereinander an. Anschließend trug sie eine leichte Creme aufs Gesicht auf. Dabei schaute sie kritisch in den Spiegel über der Kommode. Ihre Bräune war in den letzten Wochen einer Winterblässe gewichen, die ihre Augen in einem dunkleren Grün erscheinen ließ. Es wurde Zeit, dass der Frühling kam, dachte Lilli und verließ ihr Zimmer.

Während sie den S-förmigen Flur zur Wohnküche vorlief, drangen die Stimmen ihres Bruders und ihrer Mutter zu ihr.

Im Wohnzimmer fand sie beide an der Balkontür stehen und hinausglotzen, als würde es Geldscheine vom Himmel regnen. Chris trug einen dicken Wollpullover mit einem Rollkragen, der ihm bis zu den Ohren reichte. Seine schulterlangen Haare und der Kinnbart, den er sich seit zwei Wochen wachsen ließ, betonten zusätzlich den Naturburschen-Look. Er sah wie ein Schäfer aus. Fehlten nur noch Stock und Schafe, dachte Lilli. Wenn sie aber ehrlich war, musste sie zugeben, dass sie diesen männlichen Stil mochte. Er stand Chris.

»Neulich, als es kälter geworden war«, sagte ihre Mutter gerade, »habe ich die Kassiererin des Mercado in Calahonda gefragt, ob es im vergangenen Winter geschneit hat. Sie hat mich ausgelacht. Hier hätte es das letzte Mal vor dreißig Jahren geschneit, hat sie gesagt. Ganze drei Stunden wäre der Schnee liegengeblieben.« Lillis Mutter lachte, als sie Chris’ verdutztes Gesicht bemerkte. Sie fuhr sich durch die schulterlangen Locken, die eindeutig einen Kamm vertragen könnten. »Morgen, Schatz«, wandte sie sich an Lilli. »Was sagst du dazu?« Mit einer Kopfbewegung deutete sie nach draußen. »Wenn dein Dad das sieht, wird er bestimmt wieder stundelange Vorträge über den Klimawandel halten.«

Lilli verkniff sich ein Auflachen. Nicht die Worte fand sie so komisch, sondern ihre Mutter. Sie stand wie eine verirrte Märchengestalt vor der Balkontür, eine Mischung aus Hexe und Fee. Suzanne hatte ihren flauschigen tannengrünen Hausanzug hervorgekramt und ihre Füße steckten in sonnenblumengelben Filzpantoffeln. Das Weinrot ihrer Haare, die leuchtenden grünen Augen, so wie die hohen Wangenknochen und die Sommersprossen verrieten die irischen Wurzeln.

»Cool«, sagte Lilli vergnügt. Einen Moment überlegte sie, die beiden zu fragen, ob sie auch jemanden auf dem Berg gesehen hatten. Doch sie ließ es sein.

Chris kratzte sich am Kinnbart und ein Grinsen blitzte plötzlich über sein Gesicht. »Toni holt mich gleich mit dem Auto ab, wir fahren zu Eugene.« Er betonte das letzte Wort, als müsse er überprüfen, wie Lilli auf diesen Namen reagierte.

»Mhm«, brummte sie. »Würde mich nicht wundern, wenn der noch seinen Winterschlaf hält.«

Chris gluckste. »Ich richte ihm aus, dass du ihn vermisst.«

»Bah! Du kannst es nicht lassen, was?«, sagte Lilli und bedachte ihren Bruder mit einem stechenden Blick.

»Erst, wenn du es zugibst.« Chris hob mit blasierter Miene eine Augenbraue.

Lilli stöhnte theatralisch auf. Ihr Bruder war der Meinung, sie sei in Eugene verliebt. Seine besserwisserischen Ich-bin-der-große-Bruder-Bemerkungen überhörte sie inzwischen stoisch und machte sich nicht mehr die Mühe, ihm klarzumachen, dass Eugene nur ein guter Freund war. Besser er dachte, sie hätte etwas mit ihm, als dass er dahinterkam, in wen sie wirklich verliebt war.

Als sie das breite Grienen ihrer Mutter sah, die dem kurzen Wortwechsel offensichtlich gefolgt war, seufzte sie innerlich. Ihre Mutter mochte Eugene und hätte eindeutig nichts dagegen, wenn Lilli in ihm nicht nur einen guten Freund sehen würde.

Ihre Mutter räusperte sich vieldeutig, wandte sich aber wieder Chris zu. »Ich hoffe, Tonis Auto hat gute Reifen, die Straße ist völlig zugeschneit«, sagte sie und deutete nach draußen.

Wenn es nicht gerade schneite, hatten sie von hier einen tollen Blick über die Küstenstraße bis nach Calahonda hinüber, der Ortschaft am anderen Ende der weitläufigen Bucht. Doch heute sah man davon nichts, die Straße verschwand in einer konturlosen Landschaft.

»Das könnte ein Problem werden. Schneeketten kennt man hier vermutlich nicht«, sagte Chris nachdenklich und fischte sein Smartphone aus der Hosentasche. »Keine Nachricht, was bedeutet, dass er wie ausgemacht kommt«, sagte er nach einem Blick aufs Display. Er schob das Handy in die Hosentasche zurück, legte Lilli einen Arm um die Schulter und dehnte ein »Hm?« in die Länge. Chris ließ sie noch nicht vom Haken.

Lilli löste sich aus seinem Klammergriff. »Was soll ich noch mal zugeben?«, fragte sie resigniert. »Und wer ist Eugene gleich?« Sie spielte darauf an, dass sie Eugene seit Silvester nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte.

»Schon gut. Ich weiß, dass ihr euch nicht getroffen habt«, brummte Chris.

»Wieso nervst du mich dann noch?«

»Weil es Spaß macht. Aber heute bist du gar nicht rot geworden.«

Lilli funkelte ihn an. War sie auch sonst nie, wenn die Rede auf Eugene kam. Doch sie hielt ihren Mund.

Ihr Bruder hatte sich wieder ihrer Mutter zugewandt. »Keiner hat es geschafft, Eugene aus seiner Höhle zu locken«, erklärte er ihr. »Und weil wir das megaseltsam finden, haben wir beschlossen, ihn heute zu überfallen. Sein Onkel hat am Telefon erwähnt, dass er mit Eugene im Mesón del Mar die fälligen Reparaturen machen muss. In zwei Wochen öffnet dieTapasbar nämlich wieder. Barry klang zwar nicht besonders erfreut, als ich angekündigt habe, dass wir dorthin kommen und Eugene besuchen. Aber das ist uns jetzt auch egal.«

»Habt ihr die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass er euch nicht sehen will?«, fragte Lilli spöttisch.

»Ständig. Aber wenn das so ist, soll er es uns gefälligst ins Gesicht sagen.« Chris schaute jetzt grimmig, als wolle er sich für eine Auseinandersetzung mit Eugene innerlich wappnen.

»Super Plan«, kommentierte Lilli trocken.

»Habt ihr eigentlich jemanden vorhin auf dem Berg gesehen?«, fragte Lilli in die Stille hinein.

Beide wandten sich Lilli zu, einen verwunderten Ausdruck in den Gesichtern. Noch bevor sie antworten konnten, betrat ihr Vater die Wohnküche. Er sah verschlafen aus, die vollen grauen Haare fielen ihm verstrubbelt in die Stirn und der Wochenendbart zeichnete Schatten auf seine Wangen. Er hatte seinen Morgenmantel über den Schlafanzug gestreift und Socken angezogen.

Lilli kam eine Idee. »Wer hat Lust, ein paar andalusische Winterimpressionen zu sammeln?« Als sie die fragenden Gesichter bemerkte, fügte sie ungeduldig hinzu: »Ich überlege, ein paar Bilder zu machen. Kommt jemand mit? Familienfotos im Schnee? Mom, du hast noch nie das Meer bei Schneefall aufgenommen.«

Ihre Mutter war Fotografin. Mit den letzten Worten versuchte Lilli, den Profi aus ihr herauszukitzeln. Denn sie sah nicht so aus, als würde sie der Gedanke reizen, jetzt die Wohnung zu verlassen. Hätte Lilli gefragt, ob sie eine Tauchexpedition machen wollte, hätte sie mit Sicherheit ein ähnliches Gesicht gemacht. Ihre Mutter hasste nämlich seit eh und je das Tauchen. Resolut schüttelte sie den Kopf.

»Dad! Hast du Lust, ein paar Bilder draußen zu machen?« Lilli erwartete nicht ernsthaft eine zustimmende Antwort, obwohl sie ihre beste Bettelmiene aufsetzte.

Ihr Vater machte den Eindruck, als könne er in der nächsten Stunde nicht geradeaus gucken. Er antwortete mit einem herzhaften Gähnen, trat hinter die beiden an die Balkontür und legte rechts und links einen Arm um ihre Schultern.

Wollte er dort weiterschlafen?, fragte sich Lilli belustigt.

»Was sagt man dazu?«, brummte er.

Lilli gab nicht auf. »Ich kann auch gerne warten, bis ihr euren Kaffee getrunken habt.« Schließlich war es Wochenende, nur keine Eile.

»Kaffee«, war alles, was ihr Vater über die Lippen brachte. Er löste sich schwerfällig aus der Betrachtung des Schneetreibens und schlurfte Richtung Küche.

Ein letzter Versuch. »Mom, was ist nun? Du bist doch sonst so verrückt nach speziellen Bildern. Wenn das nicht ungewöhnlich ist! Und alles direkt vor der Haustür … Du kannst die neue Kamera auch gleich einsetzen. Die ultimative Winterimpression.«

Ihre Mutter hatte sich den letzten Schrei in Sachen Profikameras zugelegt, nachdem sie mehrere Fotografien aus ihrer Ausstellung gut verkauft hatte. Sie hatte es damit begründet, dass sie nur so mit der Konkurrenz mithalten konnte, wenn ihre Bilder auch technisch hochwertig waren. Lange hatte sie sich gegen die Digitaltechnik gewehrt. Sie hing an den »guten alten handgemachten« Bildern, wie sie immer sagte. Außerdem fand sie die ganze neue Technik unverschämt teuer. Nicht, dass die Familie kein Geld gehabt hätte, das war nie ein Thema gewesen. Sie waren zwar nicht das, was die New Yorker gemeinhin unter reich verstanden, sie hatten aber genug Geld, um sorgenfrei leben zu können. Ihr Vater hatte einen gutbezahlten Job am Biomedizinischen Institut für Ozeanforschung in New York, der auch diese anderthalb Jahre in Spanien finanzierte. Und ihre Mutter verdiente inzwischen nicht schlecht mit ihren Reportagebildern, die sie als freischaffende Fotografin an diverse Zeitschriften, Magazine und Zeitungen verkaufte. Die Kunstfotos stellte sie in Galerien aus. Ihre Freundin Marge besaß eine kleine Galerie in Brooklyn. Sie war die Erste gewesen, die ihr vor Jahren eine Ausstellung angeboten hatte. Die Fotos hatten Marge beeindruckt. Seitdem organisierte sie in regelmäßigen Abständen thematische Ausstellungen für Suzanne. Marge hatte Lilli beim ersten Besuch in der Galerie ins Herz geschlossen und im Lauf der Jahre wurde sie auch Lillis Freundin.

»Ach, ich weiß nicht. Geh du nur. Mir ist es eher wie Winterdepression zumute«, brummte ihre Mutter, ohne den Blick von draußen abzuwenden. »Ich muss nicht unbedingt mit. Ich habe keine gescheiten Klamotten für dieses Wetter. Außerdem sieht man die besten Bilder, wenn man allein ist.«

Lilli machte nur »aha« über diese modisch-philosophische Betrachtungsweise und verzog enttäuscht das Gesicht. Ihre Familie schien in einen plötzlichen Winterschlaf versunken zu sein. Feiglinge!

»Na gut, dann gehe ich eben allein auf Fotosafari. Wartet nicht mit dem Frühstück.«

Wie zum Protest polterte es in der Küche und ein unverständlicher Fluch folgte. Ihr Vater hatte wieder etwas fallengelassen. Diese Ungeschicktheit war bei ihm neu. Obwohl Lilli es vermied, über seinen Tauchunfall letztes Jahr nachzudenken: In solchen Momenten erinnerte sie sich immer daran. Der Gedanke an Spätfolgen machte ihr Angst. Niemand sprach das allerdings an. Gut, ihr Dad war nie als Koordinationskünstler berühmt geworden, redete sie sich immer wieder ein. Früher allerdings waren ihm Dinge nicht einfach aus der Hand gefallen.

Lilli blieb im Durchgang zur Küche stehen, einen heiteren Kommentar auf den Lippen. Die Worte blieben ihr im Hals stecken. Ihr Vater hatte die Hände auf die Arbeitsplatte gestützt, sein Kopf hing zwischen den Schultern und er atmete schwer. Einen Moment sah es aus, als wolle er die Küchenmöbel wegschieben, so kräftig spannte er seine Armmuskeln an. Offensichtlich ärgerte er sich über den Topf zu seinen Füßen und die Wasserlache, die sich dort ausbreitete.

Sein Anblick ließ Lilli erzittern. »Dad? Ist alles in Ordnung?«

Er löste sich rasch aus der Stellung und räusperte sich verlegen. Obwohl er sie nicht anschaute, erkannte sie bestürzt, dass seine Augen gerötet waren.

»Alles gut«, murmelte er. »Bin noch ganz verschlafen.« Er bückte sich und hob den Topf auf. »Nicht weiter schlimm. Ist nur Wasser für die Eier gewesen. Du willst doch ein gekochtes Ei?«

»Ich will, dass du dich durchchecken lässt.« Lilli dämpfte ihre Stimme. »Ich weiß, dass es nicht nur die Müdigkeit ist. Der Unfall hat …«

»Schluss damit«, zischte ihr Vater und schaute sie zornig an.

Lilli versteifte sich. Sie hatte ihn lange nicht mehr wütend erlebt, ihr Vater war hier am Meer die Ruhe in Person geworden. Doch auch er konnte von Zeit zu Zeit explodieren. Sie hob beschwichtigend die Hände.

Sein Blick bohrte sich in ihren und verbot ihr stumm jedes weitere Wort. Keiner hatte das Recht, ihn vom Tauchen abzubringen, sagte sein Gesichtsausdruck. Auch kein dämlicher Unfall. Tauchen war seine große Leidenschaft. Als Biomediziner und Ozeanograf hatte ihn ein größeres Projekt an die Küste Südspaniens gelockt. Er erforschte die Auswirkungen der Zivilisation auf das Meeresleben, wie er ihnen einmal erklärt hatte. Spanier waren nicht sehr fortschrittlich, was Umweltschutz anging, und so konnte er hier die Einflüsse des Menschen auf die Lebewesen im Meer untersuchen. Dass die ganze Familie für anderthalb Jahre mitgehen durfte, war einer der Vorteile dieses Projekts. Nach langer Zeit in einem New Yorker Labor jetzt wieder tauchen zu können, der andere. In der Saison machte er außerdem mit Touristen Tauchausflüge vom Calahonda Diving Club aus. Dort arbeitete er jeden Tag ein paar Stunden. Seine eigenen Tauchexpeditionen waren ihm aber heilig, selbst wenn sie vorrangig seiner Arbeit dienten. Nicht nur einmal hatte er sein großes Vorbild zitiert, wenn es um die Leidenschaft zu forschen ging. Der Pionier auf dem Gebiet der Meeresforschung, Jacques Cousteau, war überzeugt, wer diesen Virus einmal hatte, den Forscherdrang, die Neugierde, der würde sich von äußeren Umständen nie aufhalten lassen. Und er würde nur noch seine Sache ernst nehmen, nicht mehr sich selbst. Anscheinend war ihr Vater darauf aus, das »Sich-selbst-nicht-Ernstnehmen« in letzter Zeit verstärkt zu üben.

Ein Lächeln trat in seine Mundwinkel. »Wie gut, dass ich die rohen Eier nicht im Topf hatte«, sagte er vergnügt.

Lilli schnaubte verärgert. Eigensinnige Person, dachte sie, während sie zurück zu ihrem Zimmer ging.

Chris und ihre Mutter hatten von der kurzen Szene nichts mitbekommen. Gott sei Dank! Ihre Mutter würde Louis sicher an den Haaren ins Krankenhaus schleifen, wenn sie merken würde, dass mit ihm etwas nicht stimmte.

»Willst du nun ein Ei?«, rief ihr Vater ihr nach.

Sie knallte statt einer Antwort die Tür hinter sich zu. Wenn jemand das Recht auf eine Portion Wut hatte, dann sie. Allein sie wusste nämlich, wie wenig es ein Unfall gewesen war. Die Erinnerung brachte ihr Blut zum Kochen, wie jedes Mal, wenn sie an die Geschehnisse des letzten Jahres zurückdachte. Ihr einziger Trost war die Gewissheit, dass es für immer vorbei war. Lilli spürte wieder die bekannte brennende Wut in ihren Adern rauschen. Aber auch Hilflosigkeit. Jedes Mal diese verfluchte Hilflosigkeit! Sie hatte nichts tun können. Es war irrational, aber sie war immer noch auf Rex wütend, obwohl er längst tot war. Wieder wurde ihr heiß vor Zorn, als sie sich an all das erinnerte, was er angerichtet hatte. Das Beben, das er ausgelöst und das sechs Menschen getötet hatte; ihr eigener Unfall, bei dem sie während des Bebens schwer verletzt ins Meer gespült worden war und beinahe ertrunken wäre. Dann war da ihre Tante Emily, deren Ermordung Rex ohne einen Funken Reue zugegeben hatte. Und ihr Dad, den er in einer Unterwasserhöhle zum Sterben zurückgelassen hatte. Allein in ihrer Familie hatte Rex eine Spur von Gewalt und Zerstörung hinterlassen, die sie bis in alle Ewigkeit quälen würde.

Trotz alledem war Lilli aber auch froh, dass sie diese Welt kennengelernt hatte. Die Sache mit der Ewigkeit sah sie inzwischen sowieso anders. Jedenfalls seitdem sie Alex kannte. Der Gedanke an ihn weckte das bekannte Ziehen in ihrem Bauch. Die Welt unter Wasser hatte auch ihre schönen und faszinierenden Seiten. Eine davon war ihr Freund Alex. Tief unten im Meer gab es eine Welt, die so fantastisch war, dass Lilli bis heute nicht aus dem Staunen herauskam. Ganz besonders, wenn sie mit ihrem wunderschönen, gewitterwolkenäugigen Freund zusammen war. Nicht nur sein Äußeres war ein Traum, seine ganze Existenz hatte etwas Traumhaftes an sich. Zumindest für ihren menschlichen Verstand.

Der Mensch hatte die Tiefen der Ozeane kaum durchdrungen und erforscht. Zum Glück, denn er würde dort auf die uralte Art der Wasseramphibien stoßen. Und das wäre eine Katastrophe, schließlich sollte niemand an Land wissen, dass es diese Wesen gab. Wie sie sie davon erfahren hatte? Pures Glück, ein Sechser in der Lotterie der fantastischen Dinge. Lilli hatte sich von einer solchen Legendengestalt wortwörtlich auf Armen tragen lassen. Dass es nach ihrem Unfall geschehen und sie währenddessen bewusstlos gewesen war, hatte sie immer bedauert. Für alles Darauffolgende fand sie allerdings bis heute keine Ausrede. Denn als sie sich anschließend in ihren Retter verliebte, war sie wohl bei Bewusstsein gewesen. Aber Alex war gut zu ihr und so tröstete sie sich über den Gedanken hinweg, wie gefährlich diese Wesen hinter ihrer menschlichen Erscheinung sein konnten.

Wobei ihr ein Puzzleteil noch fehlte, um das Bild zu vervollständigen. Die Wasseramphibien gehörten der Gattung der Menschenamphibien an, und davon gab es noch eine Art. Jene, die an Land lebten. Sie hatte bislang kein einziges Landamphibion kennengelernt und war total neugierig, wie diese waren. Alex hatte ihr verraten, dass sie im Gegensatz zu den Wasseramphibien Gestaltwandler waren. Etwas, was Lilli sich beim besten Willen nicht vorstellen konnte. Kiemen in den Nasenlöchern zum Atmen unter Wasser, schön und gut. Das war nichts Abartiges, man sah sie noch nicht einmal. Doch sich jemanden vorzustellen, der sich in ein eidechsenähnliches Wesen verwandelt, dabei enorme Kräfte entwickelt und kaum mehr menschliche Züge hat? Da musste sogar ihre Fantasie Überstunden machen.

Lilli betrachtete von der Balkontür aus das Schneetreiben. Nicht der Gedanke an die Kälte da draußen ließ sie frösteln. Es war die Erinnerung an die Ereignisse des vergangenen Jahres, die an diesem winterlichen Morgen zum hundertsten Mal über sie hereinbrach. Die dunkle, böse Seite ihres Geheimnisses. Dinge, die sie tief erschüttert und an ihre Grenzen gebracht hatten. All dies als eine Achterbahn der Gefühle zu bezeichnen, wäre die Untertreibung des Jahres.

Nein, es war keine Zeit, auf die Lilli zurückblickte und sich rundum glücklich fühlte. Es hatte sie hin- und hergerissen zwischen den glücklichsten Stunden ihres Lebens mit Alex und abgrundtiefer Angst, zwischen intensivem Leben und der Erfahrung des Sterbens. Dass Rex keine Bedrohung mehr war, tröstete sie zwar, aber Alex’ frühere Teamkameradin Danya war noch irgendwo da draußen. Sie hatte sich Rex angeschlossen, hatte sich auf die dunkle Seite geschlagen und war bis zum Schluss seine Verbündete gewesen. Für einen Moment blitzte wieder eine Erinnerung auf: Danyas wildes Gesicht, nachdem die Explosion die Nacht über dem Meer zerrissen hatte und ihr klar geworden war, dass Rex mit der restlichen Mannschaft auf seiner Yacht in Stücke zerfetzt worden war. Danya hatte nur noch eines gewollt: Lilli töten.

Sie sah jetzt in der Erinnerung das Feuer, hörte die Detonationen, spürte den Schlag ins Gesicht, den Danya ihr verpasst hatte. Es war, als wäre sie wieder mittendrin. Als würde Danya sie packen, über Bord zerren, einmal beißen und noch einmal. Lilli erzitterte wieder, als der Frost in sie kroch und sie von innen lähmte, während sie tiefer zum Meeresgrund sank. Sie griff sich in den Nacken, ertastete die Kerben von Danyas Zähnen, spürte wieder das Feuer im ganzen Körper und die Kälte, die ihm gefolgt war.

Ob es jemals besser würde und die Zeit das Grauen jener Nacht verblassen ließ?, fragte Lilli sich und schüttelte den Kopf, als könne sie sich so von den Erinnerungen befreien. Das seltsame Gefühl, als habe sie all dies nur geträumt, folgte diesen Bildern auch heute wieder. Als hätte sie sich eingebildet, dass sie beinahe gestorben wäre. Dass sie die giftigen Bisse eines Wasseramphibions überlebt, dem Ertrinken entgangen war, erschien ihr immer rätselhafter, je mehr Zeit verstrich. Und doch wusste Lilli mit untrüglicher Sicherheit, dass nichts von dem ihrer Fantasie entsprang. Spätestens, wenn sie ihre Narben im Nacken berührte, wusste sie, wie real alles gewesen war. Und Alex erinnerte sie täglich daran, dass es diese Welt gab, weil er wirklich war. Wenn sie ihn in der Schule sah, wo er nur eine Armlänge von ihr entfernt saß. Oder während sie in seinen Armen gekuschelt lag. Wenn sie tief in seine Augen blickte, die die Farbe der Gewitterwolken am Himmel hatten, oder mit den Fingern durch seine weichbraunen Haare fuhr, die in seidigen Wellen sein schönes Gesicht umrahmten. Oder seinen Duft nach Salz und frisch geschliffenem Bernstein einatmete. Ja, es gab ihn. Er war der Beweis, dass tief unter dem Meer diese jahrtausendealte Art lebte.

Prompt wuchs Lillis Sehnsucht, als sie sich erinnerte, dass sie Alex heute erst am späten Abend sehen würde. Es war ganz gut, dass sie etwas hatte, was sie ablenkte: Schnee!

Lilli kehrte in die Gegenwart zurück und löste sich von der Balkontür. Alex würde ihr bestimmt etwas aus dem Meer mitbringen. Diese Mitbringsel waren ihr einziger Trost an solchen Tagen wie heute, an denen er für mehrere Stunden dorthin verschwand. Neulich hatte er ihr erzählt, dass er seine beiden Delfinfreunde Black und White erneut getroffen hatte und ein kleines Wettschwimmen mit ihnen gemacht hatte.

Ein Lächeln huschte über Lillis Gesicht. Sie hatte die Delfine letztes Jahr kennengelernt und nahm sich vor, mit Alex wieder hinaus aufs Meer zu fahren, sobald es wärmer werden würde. Vielleicht traf er Black und White auch heute. Denn selbst bei diesem Wetter würde Alex ins Meer gehen. Seine Körpertemperatur passte sich in Sekundenbruchteilen seiner Umgebung an. Er könne ohne das Meer leben, hatte er einmal zugegeben. Doch seine Sehnsucht danach trieb ihn regelmäßig unter die Oberfläche. Und wenn er Lilli etwas mitbrachte, wusste sie, dass er auch dort an sie dachte. Wie neulich das faustgroße Gehäuse von einem Seeigel, das er in neunhundert Metern Tiefe gefunden hatte und das, wie eine steinerne Miniaturkuppel, auf ihrer Kommode stand. Oder davor die Muschel, die einem rosa Blütenblatt gleich auf ihrem Schreibtisch lag und wie Perlmutt schimmerte.

Heute konnte sie Alex etwas schenken, dachte sie fröhlich, trat an die Kommode und zog aus der untersten Schublade die Fototasche mit ihrer Kamera hervor. Lilli prüfte, ob der Akku Saft hatte, und legte sie zufrieden aufs Bett. Bei der Digitalkamera handelte es sich um eine jener dreitausend Dollar teuren Spiegelreflexmodelle, die ihre Mutter benutzte und ihr letztes Jahr geschenkt hatte. Eine klasse Kamera. Durch das Metallgehäuse und das Teleobjektiv lag sie schwer in der Hand, kein Vergleich zu den modernen Fliegengewichten. Lilli mochte es aber, dieses Gewicht zu spüren. Es gab ihr ein Gefühl von Wichtigkeit. Anders als die Fast-Food-Bilder, die sie mit ihrem Smartphone schoss, waren die Fotos aus dieser Kamera für die Ewigkeit gedacht. Zumindest in ihrer Vorstellung. Sie zerbrach sich immer wieder den Kopf, womit sie Alex eine Freude bereiten konnte. Doch seine Geschenke würde sie wohl nie überbieten. Denn kein Mensch könnte ihr diese Dinge schenken. In ihrer Welt hingegen gab es nichts, was er sich nicht auch selbst besorgen könnte. Ein Winterbild würde ihm sicher gut gefallen. Sie würde einen passenden Rahmen dazu kaufen und Alex könnte es in seinem Zimmer in Calahonda aufhängen.

Lilli genoss noch einen Moment lang die Vorstellung seiner Freude über ihr Geschenk. Es tat so gut, ihn zu lieben, von ihm geliebt zu werden, dachte sie glücklich. Alex hatte ihre Welt aus den Angeln gehoben, hatte sie auf den Kopf gestellt und für immer verändert. Er stand ihr näher als sonst jemand. Ein Schicksalsband vereinte ihre Seelen und es entsprang nicht einer Redewendung, sondern stellte das Gesetz seiner Welt dar. Wasseramphibien retteten manchmal Menschen und empfanden danach ihr Leben lang diese Verbindung zum Geretteten. Alex und sie verband ein doppeltes Seelenbündnis, denn sie hatte auch ihn gerettet. Selbst wenn sie manchmal unterschiedliche Meinungen hatten, geschah es selten in den wichtigen Dingen. Jenseits dieser Äußerlichkeiten waren sie im wahrsten Sinn ein Herz und eine Seele. Eines fehlte neben diesen beiden zwar immer noch, doch dass sie mit ihm in absehbarer Zeit körperlich eins werden würde, blieb Wunschdenken. Da zeigte sich Alex einfach unglaublich vernünftig.

»Hmm«, entfuhr es Lilli. Sofort spürte sie eine unbändige Sehnsucht nach ihm. Himmel, wie war es möglich, jemanden so zu vermissen, obwohl sie sich erst gestern Abend voneinander verabschiedet hatten? Schnee, tolle Bilder, Ablenkung ...

Schnell machte sie sich fertig, um auf andere Gedanken zu kommen. Lilli zog die dickste Jacke an, die sie besaß, und mit der Fototasche auf der Schulter verließ sie die Wohnung.

Draußen empfing Lilli feuchte Kälte. Sie zog den Reißverschluss ihrer Jacke zu. Auf einen richtigen Winter war sie mit ihrer Kleidung nicht vorbereitet, hatte weder Mütze noch Handschuhe dabei. Doch das kümmerte sie jetzt nicht. Zügig loslaufen, ein paar Bilder machen und dann wieder heimkehren war ihr Plan.

Im frisch gefallenen Schnee waren noch keine Fußspuren, als sie den Hof überquerte und durch das hüfthohe Holztor das Anwesen verließ. Nur Don Pedro, der Hausmeister, und eine ältere englische Dame namens Miss Lorraine, die seit Mitte Januar im ersten Stock der Wohnanlage ein Apartment gemietet hatte, wohnten außer ihnen hier. Die restlichen Ferienwohnungen standen zu dieser Jahreszeit leer.

Die Luft roch anders, ungewohnt. Als sie den kleinen Hügel hinunterstapfte, stieg Lilli eine Mischung aus Schneegeruch und nassem Stein in die Nase. Er vermischte sich mit dem herben Duft von Harz, der von den Pinienbüschen im Hang hinter dem Anwesen kam. Ihre Schritte knirschten im Schnee. In der Stille der Morgenlandschaft klang es unnatürlich fremd, beinahe unheimlich. Unwillkürlich ging ihr Blick dorthin, wo sie vorhin von oben jemanden zu sehen geglaubt hatte. Doch der sanfte Bergkamm lag unter einer unberührten Schneedecke.

Trotzdem verlangsamte sie ihre Schritte. Nach ein paar Metern blieb sie stehen, schaute sich um. Der Strahl des Leuchtturms auf der Klippe durchdrang schwerfällig den Flockenvorhang. In Sekundenintervallen rotierte er über ihrem Kopf, verlor sich über dem Meer und kehrte zur Klippe zurück. Es war ein unwirkliches Bild, als hätte eine höhere Macht die Elemente durcheinandergebracht und diese seltsame Landschaft geschaffen. Nichts passte mehr zusammen: der Leuchtturm, die verschneiten Blumenranken, das Meer. Sonst war aber niemand zu sehen oder hören.

Lilli nahm sich vor, auf dem Rückweg ein Bild vom Fuß des Hügels aus zu machen, drehte sich um und lief am Rand des Zuckerrohrfeldes entlang Richtung Küstenstraße.

Einem Impuls folgend, schlug sie den Pfad ins Feld ein. Die Lil Majestic würde sicher ein tolles Bild abgeben. So hatte Alex das Boot getauft, das ihr geheimes Zuhause geworden war. Er hatte es verlassen und verwittert im Feld entdeckt und liebevoll wieder aufgepäppelt. Dann hatte Alex ihr das Boot einfach geschenkt.

In freudiger Erwartung beschleunigte Lilli ihre Schritte. Die drei Meter hohen Pflanzen links und rechts hatten den Schnee aufgefangen, neigten sich unter der Last. Der Pfad lag dunkel vor ihr, nur von Zeit zu Zeit schneegesprenkelt. Das Geräusch ihrer Schritte wurde leiser. Fasziniert nahm sie das unwirkliche Licht in sich auf. Eine vertraute Landschaft lag vor ihr und doch war sie ihr in diesem Licht fremd.

Lilli nahm ihre Kamera aus der Tasche, hängte sie am Gurt um den Hals und machte das erste Bild. Den Auslöser drücken ist wie Blinzeln mit dem Finger, dachte sie. Kaum gesehen und schon ist der Moment vorbei. Als sie mit kalten Fingern das nächste Bild auslöste, streifte eine Windbö durchs Feld und fegte weiße Wölkchen von den Pflanzen. Sie lachte leise auf, als ein Schneehäufchen auf ihrem Haar landete, schüttelte sich und setzte gut gelaunt ihren Weg fort. Schnee brachte die kindliche Seite in ihr zum Schwingen und unwillkürlich dachte sie an Alex. Wo er jetzt war? Ein Teil von ihr hoffte, ihn im Boot anzutreffen. Es würde ihr gefallen, dabei zu sein, wenn er den allerersten Schnee seines Lebens erlebte. Als Lilli die Pflanzen teilte, die hier enger standen, verscheuchte sie ihre Gedanken an Alex’ Heimat. Sie brachten stets die Angst mit, er könne eines Tages für immer dorthin zurückkehren. Nun, da seine Aufgabe hier an Land erledigt war.

Sie kam der Lichtung mit ihrer Lil Majestic näher. Das schneebedeckte Boot, die kleine Wiese davor ... Lilli sah vor ihrem geistigen Auge schon die Bilder, die sie gleich schießen wollte. Einen Teil der Fotos könnte sie Alex auf sein Smartphone schicken. Als Vorabgeschenk sozusagen. Wenn er nicht vergaß, nachzuschauen. Lilli musste schmunzeln. Alex verhielt sich am Anfang gegenüber der Technik der Menschen misstrauisch. Auf Thalassa 3, seinem Unterwasserzuhause fünfzehn Kilometer vor der Küste von La Perla, hatten sie zwar einige Computer, doch Handys oder Tablets waren ihm fremd gewesen. Inzwischen jedoch zeigte er sich begeistert von seinem »Smarty«, wie er sein neues Smartphone nannte, obwohl er oft vergaß, dass er es besaß und es gar nicht einschaltete.

Zuerst traf Lilli der Geruch. Heftige Übelkeit stieg ihr in die Kehle, sie würgte. Einen Moment hielt sie im Feld inne und schluckte ein paar Mal, in der Hoffnung, die Übelkeit hinunterzuschlucken.

Mit wild rasendem Herzen trat sie auf die Lichtung. Der Aufschrei blieb Lilli im Hals stecken. Nur mit Mühe verhinderte sie, dass sie sich übergab. Der Schnee auf der Lichtung leuchtete purpurn und sie hatte das schreckliche Gefühl, dass ihre Füße in Blut ertranken. Ihre Knie gaben nach. Lilli ging zu Boden, schluchzte und hyperventilierte gleichzeitig. Es war so hell. Das viele Blut im Schnee, an ihren Händen. Es war so schrecklich hell. Für Sekunden konnte sie den heftigen Brechreiz unterdrücken. Schließlich übergab sie sich laut würgend. Atemwolken lösten sich in schnellen Intervallen von ihren Lippen, als sie aufstand und über die Wiese zum Boot taumelte. Lilli zwang sich, nicht hinzuschauen. Doch das Bild hatte sich ihr für immer eingebrannt: der sterbende Tümmler.

Plötzlich durchzuckte Lilli ein heftiger Schmerz. Nicht ihrer. Und doch schrecklich real. Jemand schlitzte ihr den Brustkorb auf. Sie fuchtelte mit den Armen, als wolle sie einen Angreifer abwehren. Druck im Kopf, ein Taumeln. Lilli stürzte vor dem Boot in den Schnee. In schwindelerregender Geschwindigkeit wechselten sich Bilder in ihrem Kopf ab. Nicht ihre Erinnerungen und doch so wirklich. Bilder von Landschaften tief im Meer, Bilder einer Delfinschule. Sie mittendrin, als würde sie mit den Delfinen schwimmen, umgeben von silbrigen Körpern, umkreist von lauten, schrillen Pfeiftönen. Als wäre sie selbst ein Tümmler. Bilder eines Sturms, durch den sie schwamm, mal über, dann wieder unter Wasser. Und plötzliche Stille. Bewegte Bilder zuckten vor ihr auf und wichen anderen, wie in einem experimentellen Film. Da waren Wracks von Schiffen, eine ferne Gruppe Taucher, ein unglaublich langes Netz, in dem Tausende von Fischen dichtgedrängt zappelten. Die Jagd nach einem Sardinenschwarm. Fressen. Zufriedenheit. Auftauchen. Die weite Fläche des Ozeans, Sonnenaufgang am Horizont, in der Ferne ein Dampfer. Sie flog im Regen über den Wellen. Sie tauchte ein und wieder auf. Der Anblick einer Unterwassersiedlung, Kinder, die dort spielten. Alex! Wie er mit ihr mitschwamm. Um die Wette schwimmen und wieder spielen. Und dann sah sie in der Finsternis der Tiefsee das Skelett eines Wals, daneben ein Unterwassergebäude mit Glaskuppeln. Kahler Meeresboden, zerklüfteter Abgrund, Schwarze Raucher, Wärme. Das riesige Felsenlabyrinth, Schluchten ohne Grund, tief und beängstigend. Das weite Meer. Urplötzlich ein einsames Schiff! Muschelbewachsener Kiel, still trieb es dahin. Gerade diese Stille umfing sie bedrohlich. Und dann eine neue Unterwasserlandschaft. Sie schwamm durch eine Schlucht. Ein bläuliches Licht an einem U-Boot, das sich blinkend entfernte. Ein Unterwassersee, über den sie zog, gesäumt von Millionen Muschelschalen. Ein anderer Delfin an ihrer Seite, Zuneigung und Zärtlichkeit. Das Liebesspiel. Dann plötzlich Hände, die zupackten. Die Todesangst in jeder Faser des Körpers und der vergebliche Versuch, sich zu befreien. Die Küste, wie sie näher kam, und der Wunsch, von dort zurück ins tiefe Wasser zu fliehen. Auftauchen aus dem vertrauten Nass, aus der Sicherheit der Leichtigkeit. Kies unter der Haut und das eigene Gewicht, wie es sie erdrückte, als hätte es sich verdreifacht. Schwere, die Berührung der Luft auf der Haut, wie ein feingewebtes Fischernetz, das sich darüber legte. Langsam werdender Herzschlag und Atemnot. Ein Aufbäumen, ein verzweifelter Versuch, zurück ins Meer zu kommen. Hände wie eine Stahlklammer, unnachgiebig, tödlich. Kurz zuckte ein Gesicht ins Blickfeld. Dann hohe Pflanzen, ganz dicht wie ein Seetangwald. Vertraut und doch fremd unter dem kalten Licht des schneienden Himmels. Aufreißende Haut, während sie tiefer ins Feld gezogen wurde.

Unerträglicher spitzer Schmerz plötzlich. Ein Kreischen, fast menschlich, entfloh ihr. Die Wunde am Bauch brannte und trieb sie an den Rand der Dunkelheit. Doch die Überraschung, das eigene Blut im Schnee zu sehen, es zu schmecken, zu riechen, hielt sie wach. Das Blut sickerte vom Bauch herab, sie spürte es. Nichts fühlte sich wie zu Hause an, alles war kalt, fremd und grausam. Schmerz überall. Ersticken. Sterben. Ein schreckliches Grinsen im Gesicht des Mädchens, das den Tod brachte – das letzte Bild. Dann Dunkelheit.

Lilli fasste sich an den Bauch, krümmte sich. Ein stummer Schrei drang aus ihrer Kehle. Und dann noch einer. Endlich kehrte ihre Stimme zurück. Der Ton löste sich von ihren Lippen. Hoch, wie ein Tier, das vor Schmerz schreit.

»Danya«, wimmerte sie, brach im Schnee zusammen und verlor das Bewusstsein. 

Geräuschlos glitten die Zuckerrohrstängel wieder zurück, die die Hände geteilt hatten. Die Gestalt richtete sich geschmeidig auf, lief flink zu Lilli und kniete neben ihr. Sie nahm Lillis Kopf in ihre bleichen Hände und schloss die Augen. Es hatte den Anschein, als würde sie Stimmen lauschen. Ein kaltes Lächeln trat langsam auf ihr Gesicht. Sie ließ Lilli los, erhob sich und ging ins Zuckerrohrfeld zurück. Es schien, als würde sie zwischen den Pflanzen hindurchschweben. Kein Stängel rührte sich, kein Laut war zu hören. Die Gestalt verschwand wie ein Geist in der Tiefe des Feldes.

 

2. Eisfluten

 

Es war nie Eugene O’Gradys Plan gewesen, eine Bar zu betreiben, doch sein Traum vom Studieren war längst im nüchternen Licht seines Alltages verpufft. Seit den Ereignissen des letzten Jahres hatte er sich hinter diesem Job versteckt. Es stellte sein Stückchen Normalität dar, das er noch nicht aufgeben wollte.

Eugene musste zunächst lernen, mit etwas anderem umzugehen. Und das lag so weit weg vom Normalen, dass es eigentlich gar nicht möglich war.

Mit dem Tablett blieb er im Türrahmen des Mesón del Mar stehen. Seine honigfarbenen Locken flatterten im Wind.

Es hatte aufgehört zu schneien. Richtung La Perla löste der Himmel sein Nachtschwarz auf, graue Schneewolken zogen schnell weiter und Windböen fegten über den Strand von Calahonda. Zu der Jahreszeit brachen die Tage noch spät an. An diesem Samstag aber würde es nicht richtig hell werden, dachte Eugene.

Seit Tagen hatte die Luft einen milden Hauch von Frühling angenommen, wenn nicht gerade der Südostwind blies und die Kälte vom Wasser herüberbrachte, wie heute. Die Gärten waren nach dem kurzen Winterschlummer zu neuem Leben erwacht und viele Sträucher trugen schon Blüten.

Einen Moment lang schaute Eugene den schäumenden Wellen zu, die sich ihren Weg bis weit auf den Kies hoch bahnten. Als hätte das Meer nicht genügend Platz jenseits des Berges. Der Schaum der Wellen verschmolz mit dem Schnee und vor Eugenes Augen entstand die Illusion, dass sich das brodelnde Meer über den ganzen Strand gelegt hatte. Aus den Tunnels und Gängen streckte der Berg seine Schaumzungen heraus, als wolle er den Schnee weglecken.

Eugene atmete die kalte Luft tief ein. Die Bergkette sah ursprünglich aus, wie die Felsformationen, an denen der Zahn der Zeit und das Meer Tausende von Jahren genagt hatten und die erstaunlichsten Riesenskulpturen an den Küsten hinterließen. Dabei waren es die Bagger der Menschen gewesen, die Tunnels und Durchgänge in der Sierra Virgen del Mar gegraben hatten. Eugene bereute es jetzt, nicht doch seinen Fotoapparat oder wenigstens das Handy mitgenommen zu haben, als er heute überstürzt und in aller Herrgottsfrüh mit seinem Onkel Barry von zu Hause aufgebrochen war.

Sierra Virgen del Mar, der Name passte, fand Eugene. Übertrieben, pompös und imposant. Mit der Plötzlichkeit, mit der Gerüchte auftraten, war nur wenige Tage nach dem Beben der Name in aller Munde gewesen: der Berg der Meerjungfrau. Keiner wusste, woher er kam. Doch weil er dafür wie geschaffen war, hatte man beschlossen, im Frühjahr ein Fest zu veranstalten und die Hügelkette offiziell auf diesen Namen zu taufen. Schließlich war man stolz auf den neuen Berg.

Auch wenn nach dem Beben letztes Jahr bald Ruhe eingekehrt war, hatte das Ereignis die Welt in diesem Teil der Costa Granada tief erschüttert und ihr Gesicht für immer verändert. Das spürte Eugene jedes Mal, wenn er durch die Ortschaft streifte. Die lokalen Sagen und Legenden waren populärer denn je und schmückten als Bücher oder Zeitungen die Läden. Die Alten strömten in die Kirche, als wären sie noch gläubiger geworden, und die Jungen ließen überall ihren Schutzgott Indalo auferstehen, malten die Figur, die einen Regenbogen auf ihren Händen trägt, auf Häuserwände oder hängten sie in Torbögen auf. Aber am stärksten kam das Gefühl hier am Meeresufer auf. Der unspektakuläre Flecken Küstenlandschaft hatte sich in einen Ort verwandelt, der durch den Berg etwas Wildes und Geheimnisvolles angenommen hatte. Diese Veränderungen würden einem Fremden nicht auffallen. Nur wer hier länger gelebt hatte wie Eugene, spürte den neuen Geist an der andalusischen Küste.

In der Vorsaison lagen die Straßen und Ferienwohnungen verlassen da, das Mesón hatte noch geschlossen. Vor einer Stunde aber waren Eugenes Freunde Chris LeBon und Toni Pereira einfach hier aufgetaucht. Barry, der Besitzer des traditionellen Chiringuito, war mit Ausbesserungsarbeiten im Gebäude beschäftigt und hatte sie, ungeachtet des scharfen Windes und Schnees, nach draußen verbannt. Hier standen die Tische und Stühle noch von der Winterpause gestapelt und mit Ketten gesichert. Eugene hatte einen Tisch freigemacht und drei Stühle hingestellt. Die Ecke lag hinter einem mannshohen Paravent etwas windgeschützt. Mit wenigen Zutaten war es ihm gelungen, ein Frühstück zuzubereiten. Der Kaffee, den er für seine Freunde und sich aufgebrüht hatte, dampfte nun verlockend aus drei großen Tassen auf seinem Tablett.

Sein Verhältnis zu Barry gestaltete sich nach den Ereignissen des letzten Jahres noch schwieriger, als ohnehin schon. Eugene mied seinen Onkel, wo es ging. Die Schäden in der Bar, die sich während einer Saison immer ansammelten, boten den unwillkommenen Anlass, einige Stunden zusammenarbeiten zu müssen und er begrüßte jede Ablenkung. Der Besuch seiner Freunde kam wie gerufen, obwohl er ihnen wochenlang aus dem Weg gegangen war.

Eugene war in die Sache mit der Bar so hineingerutscht. Zunächst hatte er nur ab und zu ausgeholfen. Als der Berg die Sensation geworden war und eine Menge Leute anzog, musste er öfter Barry unterstützen. Daraus wurde schließlich eine tägliche Angelegenheit und nun konnte er sich Mitinhaber schimpfen. Wenn Barrys Nörgeleien und Sticheleien nicht wären, hätte ihm die Arbeit in einer Tapasbar sogar gefallen, gestand sich Eugene ein. Neuerdings entdeckte er nämlich eine merkwürdige Leidenschaft für das Kochen. Und die Beschäftigung lenkte ihn von dem ab, was jenseits der menschlichen Erscheinung tief in ihm arbeitete.

Manchmal, wenn sich längere Zeit nichts regte (die Abneigung gegen rohem Fisch hatte er inzwischen gut im Griff), dachte er erleichtert, dass es nur ein vorübergehender Zustand gewesen war, wie eine ausgeheilte Krankheit. Doch Eugene wusste, dass diese Hoffnung ein bemitleidenswerter Versuch darstellte, sich etwas vorzugaukeln. Es gab keine Menschenamphibienkrankheit, die man mit dem richtigen Tee heilen konnte, oder wie sein Onkel, wenn er krank war, mit viel Irish Whiskey. Es war weder ein verrücktes Symptom noch seine blühende Fantasie. Sondern seine wahre Natur. Das Wesen des Landamphibions. Und dieses forderte langsam, aber sicher sein Recht ein.

Bei dem Gedanken an eine vollständige Verwandlung riss Eugene sich aus der Betrachtung der verschneiten Landschaft. Mit Schauern erinnerte er sich an neulich Nacht, an die veränderten Zähne. Wie sich die Spitzen der Schneidezähne in seine Zunge gebohrt hatten, der Geschmack des eigenen Blutes und wie er sie am liebsten tief in die Matratze versenkt hätte. Doch als er das Tablett mit den Kaffeetassen an den Tisch trug, war er wieder gefasst.

Chris und Toni hatten ihr Frühstück aufgegessen und unterhielten sich laut. Die beiden wussten nichts von Eugenes Geheimnis und das musste auch so bleiben. Nicht nur, weil er geschworen hatte, niemals etwas zu verraten, sondern weil er mit Sicherheit keine Freunde mehr hätte, würde er ihnen sagen, was er war. Die beiden Kindsköpfe waren sowieso seine einzigen Freunde. Also hielt Eugene den Mund und tat so, als wäre er ein stinknormaler irischer junger Mann, der endlich eingesehen hatte, dass es nichts Schöneres als dieses andalusische Kaff gab.

Eugene bahnte sich zwischen den fuchtelnden Händen seiner Freunde einen Weg und stellte die Tassen auf dem Tisch ab. Stumm betrachtete er die beiden, während sie ihr hitziges Gespräch über Segelboote und Fregatten fortführten, als gäbe es ihn nicht. Er hatte sich seit Silvester hinter fadenscheinigen Ausreden verkrochen und war den Freunden aus dem Weg gegangen. Aus Angst, in ihrer Gegenwart plötzlich spitze Zähne oder schuppige Haut zu bekommen. Insgeheim freute er sich, sie zu sehen, er war in letzter Zeit vereinsamt. Erst jetzt, da sie hier saßen, merkte er, wie sehr sie ihm gefehlt hatten.

Toni hatte sich in den vergangenen Wochen wenig verändert. Nur seine rabenschwarzen Haare wellten sich länger hinter den Ohren. Es war offensichtlich, wen er damit nachahmen wollte. Chris, der die Haare immer noch schulterlang trug, hatte sich als Krönung seines Marinero-Looks einen Kinnbart wachsen lassen. Seine wilden Gesten und die alberne alte Strickmütze, die ihm bis in die Augen hing, trugen aber dazu bei, dass er nicht älter als fünfzehn aussah, obwohl er auf die zwanzig zuging.

»Setz dich, Eugene«, sagte Chris und deutete auf den freien Stuhl. »Wir müssen reden.« Mit dem Daumen schob er sich die Mütze höher auf die Stirn.

Toni nickte beflissen. Er richtete sich im Stuhl auf, rieb sich die Hände und griff nach der Tasse, die Eugene ihm hingestellt hatte. »Her mit dem Kaffee, ich friere. Barry ist doch nicht ganz dicht, uns einfach nach draußen zu komplimentieren. Wir wollen den Kaffee ja nicht umsonst.«

»Super, Toni, du lädst uns ein!«, rief Chris und grinste breit.

»Hä? Hab ich das gesagt?«

Chris nickte überzeugt.

»Ach, egal. Ich lade euch ein«, sagte Toni und nahm einen Schluck aus seiner Tasse.

»Ihr wollt reden?«, fragte Eugene, während er Chris eine Tasse rüberschob.

»Und zwar ernsthaft«, bestätigte Chris. Er nahm seinen Kaffee mit einem dankbaren Nicken an.

Eugene blickte von einem zum anderen und setzte sich schließlich. Ein ungutes Gefühl beschlich ihn. Seine Freunde benahmen sich merkwürdig. Erst kreuzten sie hier unerwartet auf, dann wollten sie mit ihm »ernsthaft« reden. Ob sie gemerkt hatten, dass er sich verändert hatte? Auf den ersten Blick sah man vermutlich nichts, doch er wusste, dass sein Gesicht schmaler geworden war. Dafür waren seine Schultern nun breiter, obwohl er nicht trainierte. Er hatte es neulich an seinem alten Lieblingshemd gemerkt, das neuerdings über der Brust spannte.

»Wir haben nachgedacht«, begann Chris und dämpfte seine Stimme.

Oh nein, dachte Eugene. Das konnte nichts Gutes bedeuten. So war es auch.

»Die Skelette in der Höhle …«, setzte Toni an.

»Mann!«, rief Eugene. Das konnte doch jetzt nicht wahr sein! Sie waren sich einig gewesen, über jenes Ereignis nie wieder zu sprechen. Er umklammerte seine Tasse fester.

»Wir können nicht so tun, als gebe es keine Knochen in einem Loch unter dem Meer«, sagte Toni zwischen zwei Schlucken. »Wir können echt nicht länger vorgeben, nichts in der Tropfsteinhöhle gesehen zu haben. Ich weiß, wir wollten nicht mehr darüber reden …«

»Genau!«, fauchte Eugene, »nie wieder.« Da war sie. Die Situation, vor der er sich gefürchtet hatte. Er stand kurz davor, die Beherrschung zu verlieren.

»Jetzt warte doch mal.« Chris beugte sich über den Tisch. Er war offensichtlich von Eugenes heftiger Reaktion überrascht worden und blinzelte schneller. »Ich weiß, ich hatte wahnsinnige Schmerzen und alles, aber ich weiß, was ich gesehen habe. Die Zähne …«

»Herrgott noch mal! Vergiss doch die Zähne. Du warst im Fieberwahn. Kein vernünftiger Mensch würde an spitze Zähne glauben.«

»Selbst wenn ich mir die Zähne nur eingebildet habe, Eugene, die Skelette waren keine Einbildung. Und …«

»Und was?« Eugene stand so abrupt auf, dass Kaffee aus den Tassen auf den Tisch schwappte. Er spürte das vertraute innere Zittern. Schnell schaute er auf seine Hände. Sie sahen normal aus. Noch hatte er sich im Griff.

»Scht! Willst du, dass Barry dich hört? Und unterbrich uns nicht dauernd. Hör doch mal zu, was wir zu sagen haben.« Das war Toni.

»Ach, wir also. Dann habt ihr zwei hinter meinem Rücken schon alles besprochen, was?« Mühsam brachte Eugene die Worte über die Lippen, bemüht, so gelassen wie möglich zu klingen.

»Du hast dich ja nicht mehr blicken lassen«, sagte Toni und schaute Eugene vorwurfsvoll an.

»Und da habt ihr die ganze Sache ohne mich wieder aufgewärmt.« Einatmen, ausatmen.

»Wir können es nicht ohne dich. Der einzige uns bekannte Weg zurück in die Höhle ist über Barrys Keller«, sagte Chris.

Eugene lachte freudlos auf. »Ihr seid verrückt! Was wollt ihr? Noch einmal die Mauer einreißen?«

Als er nur stumme Blicke erntete, begann er, auf und ab zu laufen. Aber die bescheuerte Idee der beiden war nicht das Einzige, das ihn umtrieb. Er hoffte, dass seine Erregung durchs Laufen nachließ. Es wäre eine Riesenkatastrophe, wenn er plötzlich begann, sich zu verwandeln. Einatmen, ausatmen. Dieses elende Ziehen in den Zähnen. Zweiundzwanzig, dreiundzwanzig … Der Schnee knirschte unter seinen Schuhen.

»Ihr meint es ernst?«, fragte er schließlich und verlangsamte seine Schritte. »Verflucht! Und ich hatte mich gefreut, euch wiederzusehen.«

»Was soll schon dabei passieren? Wir gehen diesmal vorbereitet hinein. Werkzeug, Fotokamera …«

»Unter der Gefahr, dass du mich verprügelst, weil ich dir wieder ins Wort falle – aber kommt nicht in Frage, Toni! Ich will nichts mehr davon hören. Wir beenden jetzt das Thema und reden über Segelboote.« Das meinte er verdammt ernst. Es reichte ihm allemal, sich auf seinen Zustand zu konzentrieren, da konnte er nicht auch noch dieser bescheuerten Idee nachgehen.

»Wovor hast du solche Angst?«

Pah! Wenn du wüsstest. Im Moment ist meine größte Angst, mich nicht in ein hässliches Reptil zu verwandeln und dich in Stücke zu reißen. Natürlich sprach Eugene diesen Gedanken nicht aus, so sehr er es sich auch wünschte. Doch man sah ihm wohl an, dass er nicht begeistert war, in welche Richtung das Gespräch ging.

»Wir reden über Segelboote«, zischte Eugene, »und zwar, vom ersten gebauten bis zum modernsten. Wer fängt an?«

Chris schnalzte mit der Zunge.

Toni öffnete den Mund und schloss ihn wieder.

»Na gut, dann fang ich ...«

Chris unterbrach ihn. »Eugene, wir müssen vernünftig sein.«

»Eben! Vernünftig ist, die Sache für immer zu begraben. Wortwörtlich sozusagen.« Eugene holte für den nächsten Satz tief Luft. »Wenn ihr es nicht bleiben lasst, dürft ihr sofort gehen.« Er blickte in ihre verdutzten Gesichter. Seltsamerweise hatte ihn das Aussprechen dieses Gedankens mit einem Schlag beruhigt. Gott sei Dank!

»Du willst uns rausschmeißen?« Toni sprach in die Kaffeetasse. Eine Dampfwolke stieß heraus und verflüchtigte sich sofort.

»Ich will nicht. Aber wenn ihr diese Geschichte nicht aufgebt, dann bleibt mir nichts anderes übrig. Lasst es doch endlich gut sein.« Eugenes Stimme war jetzt ruhig. Vielleicht wirkten die Worte gerade deshalb so eindringlich.

Toni stellte seine Tasse ab. Er fasste sich an die Stirn. Dann hob er den Blick. »Deine Gesellschaft ist mir wichtiger, als die … du weißt schon, was.«

»Was ist mir dir?«, fragte Eugene und schaute Chris finster an.

Dieser zuckte nur mit den Schultern. Seine Schuhspitze malte Kreise in den Schnee.

»Ich nehme das als ein Ja«, sagte Eugene mit gezwungen gedrosselter Stimme.

Als wäre es das Stichwort für seinen Einsatz, kam Barry aus dem Mesón geschossen. Sein Gesicht war rot angelaufen und er schnaubte wie ein wildgewordener Stier. Die schütteren rostbraun gefärbten Haare standen ihm wirr vom Kopf ab und der Schnauzer zitterte. »Was habt ihr getan?«, brüllte Barry, trat auf Eugene zu und packte ihn grob an der Schulter. »Was zum Teufel hast du getan?«

Eugene drehte sich langsam zu ihm um. Sein Blick ging zu Barrys Hand auf seiner Schulter. Barry ließ ihn los, doch seine Wut brannte auf Eugenes Schulter wie ein glühender Abdruck.

»Señor Barry, was ist los?«, fragte Toni überrascht, bevor Eugene etwas erwidern konnte.

»Was los ist? Ich werde dir sagen, loco, was los ist! Die Mauer unten im Keller ist wieder eingerissen worden. Das ist los! Und jetzt will ich wissen, was ihr euch dabei gedacht habt!« Speichelflocken lösten sich von seinen Lippen und fielen auf Eugenes Schulter.

Eugene starrte seinen Onkel sprachlos an, dann zuckte sein Blick zu Toni und Chris.

»Oho!«, war alles, was Chris sagte.

»Oho mich nicht an, Junge! Raus mit der Sprache! Warum habe ich wieder ein Loch im Keller?«

»Mister Barry, ich schwöre, wir wissen nichts von einem Loch.« Das war Chris, der sich nun vom Tisch erhob. Er war sichtlich verärgert.

Eine wirklich blödsinnige Beschuldigung, in Anbetracht der Tatsache, dass er und Toni vor wenigen Sekunden den Wunsch geäußert hatten, das Loch erneut zu öffnen. Kurz überlegte Eugene, ob es möglich war, dass die beiden es getan hatten. Doch er verwarf diesen Gedanken sofort. Hätten sie es, wären sie nicht so dumm gewesen, ihn zu fragen, ob er bei ihrem Plan mitmachte. Es war zu komisch.

Drei Paar Augen schauten ihn an, als er in schallendes Gelächter ausbrach. Eugenes Lachen verebbte. »Es ist witzig, das müsst ihr zugeben.«

Eugene bemerkte, wie es um Tonis und Chris’ Mundwinkel zuckte. Barry fand es am wenigsten lustig, in seinen Augen blitzte Wut auf.

»Barry, wir wissen wirklich nichts davon«, sagte Eugene an seinen Onkel gewandt. »Ich schlage vor, du beruhigst dich und wir schauen uns das Ganze an.«

»Beruhigen soll ich mich? Das sagt gerade der, der schon einmal ein Loch in meinem Keller gebuddelt hat.« Barry versetzte Eugene einen bösen Blick. Er war noch weit davon entfernt, ruhig zu werden. Und er hatte offensichtlich beschlossen, nicht mehr so zu tun, als hätte es das erste Loch in seiner Kellerwand nie gegeben.

Er hatte Eugene kein einziges Mal direkt darauf angesprochen. Die stummen Vorwürfe, die Andeutungen und Anspielungen allerdings standen zwischen ihnen und vergifteten die Stimmung. Dass Eugene an den Ereignissen des letzten Jahres Schuld trug, stand praktisch in glühenden Lettern auf seiner Stirn geschrieben. Die eingerissene Kellerwand, das Beben, die Verletzungen seiner Freunde, Lillis »Rausch« … Gut, für einen Teil davon fühlte er sich verantwortlich, doch vor Barry würde er das nie zugeben.

»Was regst du dich über ein altes Loch auf? Deine blöde Mauer wurde ja repariert, schon vergessen?«, sagte Eugene säuerlich. Er hatte es nicht vergessen. Seraphim und seine Leute hatten das Loch schnell zugemauert. Dass Barry es trotzdem entdeckt hatte, war eines jener ungeplanten Dinge, die nach dem Beben passiert waren.

Barrys Augen funkelten böse in die Runde. Er atmete schwer.

»Wir wissen wirklich nichts von einem neuen Loch.« Auch Toni hatte sich vom Tisch erhoben. Er sagte es so gelassen wie nur möglich, schob die Schultern zu den Ohren hoch und schaute Barry direkt in die Augen.

Barry beschloss nach einem kurzen Blickduell, Toni zu glauben. Sein Atem beruhigte sich allmählich. Er schüttelte missmutig den Kopf, sagte aber nichts mehr. Plötzlich trat er mit dem Fuß gegen den Tisch. Alle zuckten zusammen, als die Tassen schepperten. Eugene war sich sicher, dass sein Onkel sich über sich selbst ärgerte, weil er die Beherrschung verloren und endlich ausgesprochen hatte, was er die ganze Zeit heruntergeschluckt hatte. Ohne ein weiteres Wort machte Barry kehrt und stapfte ins Mesón zurück. Mit einem lauten Knall fiel die Tür ins Schloss.

Die drei standen einige Sekunden sprachlos da.

»Nun gut, dann sehen wir uns mal das neue Loch an«, sagte Eugene schließlich.

Mit diesen Worten ging er zur Eingangstür und verschwand ins Innere, seine Freunde folgten. Die quadratische Falltür im Boden war zurückgeklappt und ein Lichtschimmer drang von unten zu ihnen. Eugene stieg die schmale steile Kellertreppe als erster hinab. Obwohl er entschlossen vorlief, war ihm gar nicht danach zumute, in dieses Kellerloch hinabzusteigen. Eine Gänsehaut breitete sich auf seinen Armen aus, als ihm der vertraute Geruch zwischen Regalen, Kisten und anderen Gegenständen in die Nase stieg. Diesen Keller hatte er gemieden wie der Teufel das Weihwasser.

Barry war dabei, einen Kasten ins Regal zu hieven. Als er Eugene erblickte, richtete er sich auf. Stumm deutete er auf die Wand.

Eugene zwängte sich an Barry vorbei. Die Mauer, in die letztes Jahr ein Loch geschlagen hatten, war an der gleichen Stelle durchbrochen worden. Es sah aus, als hätte es jemand mit einem einzigen Schlag eingerissen. Für sie allerdings wäre die Öffnung zu klein zum Hindurchschlüpfen gewesen, schoss es Eugene durch den Kopf.

Toni und Chris waren inzwischen bei ihm angekommen.

»Was sagt man dazu?«, brummte Chris.

»Muss aber ein Zwerg gewesen sein, wenn er es durch dieses Loch geschafft hat. Señor Barry, fehlt Ihnen etwas aus dem Keller?«

Dieser verneinte mit einem Kopfschütteln.

Toni bückte sich und rückte eine der Holzkisten beiseite, die neben der Wand standen. »Bin ich der Einzige, der es merkwürdig findet, dass Steine auf dieser Seite liegen?« Er deutete auf die Mauerbrocken, die jetzt hinter der Kiste zum Vorschein kamen. Dabei klopfte er sich den Staub von den Händen.

Eugene begriff nicht, was Toni meinte. Nach Chris’ Gesichtsausdruck zu urteilen, dieser auch nicht.