Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Eine prickelnde und humorvolle Liebesgeschichte. Konditormeisterin Alina bekommt durch ein geschmackloses Ereignis die Augen über ihr eigenes Leben geöffnet. Das Schicksal nimmt seinen Lauf und gibt ihr folgende Zutaten: - viel zuviel Sexappeal - eine große Prise Alkohol - ein verhängnisvolles Katz und Maus Spiel - die erste große Liebe - neue Herausforderungen - ein verrückter Ex- Freund Nur, wie wird daraus das perfekte Rezept? Weitere romantische Geschichten von Lene Sommer: - Planschbecken mit Folgen - SECRET DESIRE - Gartenzwerge küsst man nicht (vorher bekannt unter: Sometimes you have to fall before you can fly) - Light - vermixt & zugenäht - Love me again
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 236
Veröffentlichungsjahr: 2015
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Lene Sommer
Love me again
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Epilog
Kerstins Eierlikör
Danksagung
Impressum neobooks
Ich sitze in meinem Auto und bin auf dem Weg in meine alte Heimat Prerow.
Wem Prerow kein Begriff ist, dem kann ich das nicht mal verübeln. Das Seebad Prerow ist ein kleines Örtchen zwischen Rostock und Stralsund auf dem Darß. Eigentlich ist es malerisch schön, für Urlauber zumindest. Genauso, wie es sich jeder an der Ostsee vorstellt. Reetgedeckte, kleine Häuser mit bunt bemalten Haustüren, geräucherter Fisch, frischer Fisch, Möwen, sowie Dünen, die mit Sanddorn bewachsen sind und unzählige Strandkörbe. Für uns junge Leute war es einfach nur sterbenslangweilig. Wie das halt so ist, wenn man es nicht anders kennt. Genau das ist der Grund, weshalb ich vor exakt zehn Jahren - mit meinem Schulabschluss in der Tasche - meine Klamotten gepackt habe und in die große, hippe Stadt Berlin geflohen bin. Endlich atmen. Nicht, dass es in Prerow zu wenig Luft zum Atmen gegeben hätte, es weht genug Wind da. Doch es ist schon erdrückend in einem winzigen Örtchen, in dem sich jeder kennt. Die Auswahl an Jungs ist überschaubar und Arbeit, nun ja. Da gibt es zum einen die Möglichkeit, Zimmer an Urlauber zu vermieten und diese sauber zu halten. Variante zwei ist es, in einem von den zwei vorhandenen Supermärkten zu arbeiten. Wie das in Urlaubsregionen so ist, auch an Sonn- und Feiertagen. Sehr tolle Aussichten als Teenager. Als dritte und letzte Möglichkeit kann man sich und sein Verkaufstalent in einem der vielen Souvenirläden unter Beweis stellen und somit auf Aufstiegschancen hoffen. Denn auch in der Nebensaison steppt dort der Bär und es wimmelt nur so von Kunden. Es gibt dort also rein gar nichts, was einen jungen Menschen dazu bewegt, zu bleiben, wo er aufgewachsen ist. In Berlin konnte ich mir einen Ausbildungsplatz suchen, der mit meiner Leidenschaft - dem Backen - zu tun hatte. Und so zog das Landei Alina in die weite Welt, um Konditorin zu werden.
Ich versuche mich jetzt aber nicht weiter von der Vergangenheit einholen zu lassen, denn ich habe einen guten Grund, weshalb ich auf dem Weg zu meinen Eltern bin: Mein Bruder heiratet. Ist das zu fassen? Als meine Mutter anrief, dachte ich, sie scherzt. Mein Brüderchen Ole ist ganze zwei Jahre älter als ich. Wer ihn nicht kennt, würde meinen, er habe schon seit Ewigkeiten die Eine für sich entdeckt und ihr ewige Treue geschworen , sein Häuschen hinter eine der vielen Dünen und zwei Kinder in die Welt gesetzt. Quasi so, wie es die Prerower für gewöhnlich tun. Aber mein Bruder war bisher, wie es das Nordlicht gern ausdrückt, bekannt wie ein bunter Hund, was Rockzipfel angeht. Er hatte schon immer leichtes Spiel bei den Mädels. Zudem sieht er wirklich verdammt gut aus, ist groß gewachsen, schlank und kann Muskeln an den richtigen Stellen vorweisen. Seine Gesichtszüge sind atemberaubend. Nicht, dass ich mich für meinen Bruder schwärmen würde. Doch er ist meinem Papa wie aus dem Gesicht geschnitten. Jedes Mädchen ist in ihren Vater verliebt, denn Väter sind für ihre kleinen Prinzessinnen einfach alles. Tja, und wenn ich mir meinen Papa so anschaue, dann weiß ich, dass Ole in zwanzig Jahren noch genauso gut aussehen wird. Also kann sich Kerstin, so heißt seine Auserwählte, glücklich schätzen, sich meinen Bruder geangelt zu haben.
Ich musste echt schmunzeln, als Mama mir alles am Telefon erzählt hatte. Kerstin war mit einer Freundin in Prerow auf Urlaub und die beiden mussten ganz schön am Strand getankt haben. Was nach heftigem Flirten - Ole auf dem Rettungstürmchen und Kerstin auf ihrem Handtuch nicht weit entfernt - dann zu ihrem richtigen Kennenlernen führte. Kerstin ging in die Ostsee baden. Um es auf den Punkt zu bringen: Vögel können nicht schwimmen. Vor allem Schnapsdrosseln nicht. Da kam Ole ins Spiel, denn er hechtete in die Fluten der Ostsee und rettete seine Kerstin, bevor sie abgesoffen wäre. Als Mama mir dann noch stolz erzählen wollte, dass sich Oles neuer Reanimationskurs endlich als nützlich erwies, würgte ich das Gespräch fast ab. Ich hatte einfach keine Lust mir anzuhören, wie Ole seine Art von Mund-zu-Mund-Beatmung vollzog.
Also bin ich jetzt mit einer Probe Hochzeitstörtchen auf dem Weg in mein Elternhaus. An diesem Wochenende werde ich meine zukünftige Schwägerin kennenlernen und ihr sowie meinem Bruder diverse Hochzeitstorten in Kleinformat zur Vorauswahl präsentieren. Ich weiß nicht, weshalb das bei meinem Bruder so anders läuft. Ich bin mit Frank schon seit sechs Jahren zusammen und davon mal abgesehen, dass er noch nie mit zu meinen Eltern gekommen ist, werde ich wohl auch in absehbarer Zukunft keinen Antrag bekommen. Schon traurig, wenn man bedenkt, dass Ole und Kerstin sich erst seit vier Wochen kennen.
Nachdem ich meinen zweitliebsten Ort Ahrenshoop durchfahren bin, sind es nur noch zwanzig Minuten, bis ich Prerow erreichen werde.
Ich halte mit meinem Auto vor dem Haus meiner Eltern. Nachdem ich den Motor ausgemacht habe, bleibe ich noch eine Weile sitzen und schaue mir dieses wunderschöne Häuschen an. Braune Klinkersteine, weiße Fenster sowie eine weiße Holztür, die dreimal unterteilt ist. Das erste Drittel ist mit einem abgerundeten Fenster versehen, das zweite hingegen mit Blumen bemalt, die sich in einer Art Vase befinden. Das letzte Drittel wiederum ist mittig mit einer Sternblume und passenden Blättern links sowie rechts davon verziert. Abgerundet wird das Haus mit einem Reetdach. Als ich mein Elternhaus so auf mich wirken lasse, geht auch schon die Haustür auf. Fröhlich eilen meine Mutter und mein Vater auf mich zu. Wie ich meine Mama kenne, hatte sie schon Position am Küchenfenster bezogen, um meine Ankunft ja nicht zu verpassen. Mit einem Strahlen übers ganze Gesicht reißt mein Vater die Fahrertür auf. „Linchen, endlich bist du da.“ Mein Vater zieht mich förmlich aus dem Auto. Er ist gute 1,80 m groß und je seltener ich ihn sehe, umso mehr fällt mir sein immer mehr ergrautes Haar auf. Es steht ihm ausgezeichnet. Mit seiner neuen randlosen Brille sieht er extrem attraktiv aus. Unsere spitzen Nasen haben Ole und ich von ihm. Ansonsten komme ich mit meinen 1,68 m, den blonden Haaren und den blauen Augen nach meiner Mutter.
Nachdem mein Papa mich in eine feste Umarmung schließt, reicht er mich an meine Mama weiter, und ich werde nochmals herzlich gedrückt.
„Mein kleiner Schatz, endlich sehe ich dich wieder. Es ist schon wieder viel zu viel Zeit vergangen, seit du das letzte Mal da warst“, tadelt sie mich.
Ich weiß, sie meint es nicht böse, deshalb genieße ich ihre Umarmung.
„Hallo, ihr beiden“, begrüße ich sie.
Ich warte auf den Moment, in dem sie realisiert, dass ich allein gekommen bin. Doch als ich sehe, dass mein Vater in meinen Kofferraum greifen möchte, löse ich mich rasch von meiner Mutter und eile ihm- oder eher den Hochzeitstorten- zu Hilfe.
„Paps, du weißt doch, dass ich bei meinen Törtchen eigen bin“, ermahne ich ihn und greife mir die Kartonagen, die mit dem Label der Konditorei verziert sind, bei jener ich als Konditormeisterin in Berlin-Charlottenburg angestellt bin.
„Ja, ist ja schon gut, Linchen!“, meint er lächelnd und hebt die Hände ergebend in die Höhe.
„Los ihr beiden, lasst uns reingehen, bevor es anfängt zu regnen“, fordert uns meine Mutter auf.
Sie greift sich meine Reisetasche vom Beifahrersitz und scheucht uns hinein. Im Flur des Hauses angekommen, vernehme ich Stimmen aus der Küche und folge diesen.
„Du musst Alina sein, die Meisterin der Torten!“, kreischt mir jemand aufgeregt entgegen und eh ich mich versehe, werde ich auch schon an ein weibliches Wesen gerissen. Okay, dass muss Kerstin sein.
Als würde ich meine Torten mit meinem eigenen Leben beschützen, balanciere ich die Kartons mit einer Hand weit weg von mir. Ich bin überrascht, wie fremde Menschen den Punkt des Vorstellens und Kennenlernens überspringen und gleich in den Dicke-Freunde-Modus springen. Neugierig checke ich die neue Eroberung meines Bruders. Sie ist hübsch, gar keine Frage. Hat braune lange Haare, ist schlank und ein wenig größer als ich. Da mein Bruder immer auf extrem große Brüste stand, bin ich jetzt bei dem, was ich erkennen kann, doch etwas erstaunt. Sie sehen relativ klein aus - im Verhältnis zu den sonstigen Pamela Anderson Doubles.
„Hallo, ich bin Alina, aber du scheinst ja schon zu wissen, wer ich bin“, gebe ich schmunzelnd von mir, um meine Antwort zu entschärfen, da man mir meinen Sarkasmus sicher angehört hat.
„Entschuldige, aber ich bin so aufgeregt, dich endlich kennenzulernen. Überhaupt ist alles so aufregend. Wir planen die Hochzeit, und ich lerne Oles Familie kennen. Aber dafür hast du sicher Verständnis“, gibt Kerstin entschuldigend von sich.
„Hm, schon“, gebe ich stirnrunzelnd wieder. „Doch wieso macht ihr es nicht wie alle anderen? Erst kennenlernen und dann heiraten?“
Ich erkenne gerade noch, wie mein Vater die Lippen aufeinanderpresst und sich schlagartig umdreht, sodass kein anderer sein Lachen mitbekommt. Kerstin jedoch entgleiten die Gesichtszüge.
„Findest du etwa, es geht zu schnell? Weißt du, zwischen Ole und mir war es Liebe auf den ersten Blick!“ Daraufhin schaue ich meinen Bruder an und begrüße ihn ironisch.
„Hallo, du Lebensretter, von dir habe ich schon gehört“.
Als ich ihn umarme, flüstere ich ihm ins Ohr, dass nur er es hören kann.
„Und du bist sicher, dass sie dich nicht im Suff mit einem von Baywatch verwechselt hat?“
„Hallo, Kleine, du hast mir auch gefehlt“, antwortet er lieb säuselnd, doch sein warnender Blick spricht Bände.
Er weiß genau, wenn ich einmal in Fahrt bin, kann man mich so schnell nicht mehr ausbremsen.
„Ja, ihr zwei Turteltäubchen, ich hab da mal was vorbereitet.“
Ich schwenke übertrieben mit meiner rechten Hand zu den Kartons. Den Satz noch nicht mal richtig beendet, klatscht meine zukünftige Schwägerin schon wie ein aufgeregtes Kind in die Hände.
„O Gott, sind das etwa unsere Hochzeitstorten?“
Zwei große Kulleraugen schauen mich erwartungsvoll an, und da ich nicht zu gemein sein möchte, schlucke ich meine sarkastische Antwort runter und lächle liebreizend.
„Ja, die hab ich nur für euch gemacht. Da es Nachmittag ist, passt es nun hervorragend, diese Torten zu probieren.“
„Ganz genau, ich setz dann mal Kaffee auf und ihr setzt euch alle schon mal hin“, gibt meine Mutter glücklich von sich und ist schon auf dem Weg zu ihrer Kaffeemaschine.
Mein Vater steht Sekunden später mit Tellern und Kuchengabeln vor mir und quält sich ein Lächeln ab. Ich kann ihm ansehen, wie begeistert er von dieser Spontanhochzeit ist. Er hat sich das sicher auch anders vorgestellt. Als Papa, Ole und Kerstin Platz genommen haben, öffne ich die drei kleinen Kartons und präsentiere ihnen meine Vorschläge.
Insgeheim wünsche ich mir, ich hätte die Kartonagen zugelassen, denn Kerstin fängt bereits an zu schluchzen.
„Oh, sind die traumhaft schön. Die hast du extra für uns gemacht? Schau mal, Puschel.“
Zuerst wusste ich nicht so recht, ob ich sie hassen oder mögen sollte, denn ihre Art weiß ich noch nicht wirklich einzuordnen. Doch als sie meinen Bruder Puschel nennt, verschlucke ich mich an meinem eigenen Speichel und kann mich einfach nicht mehr beruhigen. In diesem Moment liebe ich diese nervtötende Frau, denn ab genau diesem Zeitpunkt habe ich ihn in der Hand. Bei meinem Bruder fällt der Groschen, denn sein Blick sagt alles.
„Sag irgendjemandem von meinen Freunden von diesem Kosenamen und du bist tot.“
Ich habe mich noch nie so über den Filterkaffee meiner Mutter gefreut wie in diesem Moment. Denn sie kommt genau in dieser Sekunde mit ihrer Kaffeekanne zu uns. Ich räuspere mich:
„Gut, nachdem wir mehr erfahren haben als nötig, würde ich vorschlagen, ich sage kurz etwas zu den Torten.“
Kerstin nickt eifrig, was meinen Verdacht nur bestätigt, dass sie meine Spitze gegen meinen Bruder nicht vernommen hat. Mein Vater genehmigt sich hastig einen Schluck aus seiner Tasse und nimmt es in Kauf, sich die Lippen mit dem frisch aufgebrühten Kaffee zu verbrennen.
„Das ist eine Eierlikör-Buttercreme-Torte mit Marzipanüberzug.“
„Oooohhh, Eierlikör. Ich liebe Eierlikör“, klatscht Kerstin begeistert.
„Wie schön!“, grinse ich zweideutig und deute auf die Nächste.
„Diese hier hat einen weißen Fondantüberzug und einen hellen Teig sowie eine Himbeer-Sahne-Creme als Füllung. Als Letztes haben wir hier noch eine Sachertorte. Ihr kennt ja sicher Sachertorte. Das ist quasi ein Schokoteig, der mit Marmelade bestrichen ist und einen Schokoguss als Überzug hat.“
„Hm, die Sachertorte würde mir zusagen“, schwärmt mein Bruder mit vollem Mund.
Meine Mutter war so geistesgegenwärtig und hat alle drei Torten angeschnitten.
„Also mir schmecken alle drei sehr gut“, sagt mein Vater anerkennend. Meine Mutter nickt zustimmend.
„Schatz, die sind alle drei so lecker. Da fällt mir ein, wieso ist Frank eigentlich wieder nicht mit?“
Als der Name Frank fällt, merke ich, wie meine Fast-Schwägerin die Ohren spitzt.
„Ja, der hat einen wichtigen Fall rein bekommen“, wehre ich dieses Gespräch ganz schnell ab.
Als mein Vater mich anschaut, als wüsste er mehr, als ich zugeben möchte, säusle ich: „Das ist doch jetzt zweitrangig. Hier geht es um eine Hochzeit.“
Ich lächle Katrin, ach nein Kerstin auffordernd an. Das ist genau das Futter, welches sie haben möchte und schon ist sie in ihrem Element. Jeder probiert sich durch die verschiedenen Geschmacksrichtungen und dazu gibt es fünf verschiedene Meinungen.
„Da ihr euch nicht einig seid, welche ihr als eure Hochzeitstorte nehmen sollt, kann ich euch nur aus Erfahrung sagen, nehmt doch alle drei. Nur ein wenig kleiner und schon ist für jeden etwas dabei.“
Ole und Kerstin überlegen und die zukünftige Braut beginnt zu strahlen. Und wenn mein Bruder sie so sieht, weiß er, dass sie glücklich ist.
„Genauso machen wir es, Schwesterlein. Du bist die Größte!“
Das ist für mich mein Stichwort. Ich nehme mein Notizbüchlein aus meiner Handtasche und notiere mir die drei gewünschten Torten.
„Wann ist denn eigentlich der große Tag?“, fällt es mir siedend heiß ein.
Die beiden Turteltäubchen rutschen unruhig auf der Eckbank meiner Eltern rum und auch diese schauen neugierig zu ihnen.
„Nun ja“, druckst Ole. „Wir hatten an heute in fünf Wochen gedacht.“
Meine Mutter zieht hörbar die Luft ein. „Oh, so schnell schon?“
Ich lege ihr beruhigend die Hand auf ihren Unterarm.
„Wenn es nach uns gegangen wäre, hätten wir schon dieses Wochenende geheiratet. Doch leider war auf dem Standesamt kein Termin mehr frei“, antwortet Kerstin traurig.
„Wie schade“, untermale ich ihre Aussage. Jeder, der mich kennt, hört den Sarkasmus förmlich aus meiner Stimme tröpfeln. Memo an mich: Das kann nicht gut gehen.
„Die Trauung findet am ersten Samstag im September statt“, beantwortet Kerstin mir meine Frage.
Habe ich schon erwähnt, dass Kerstin Eierlikör mag? Ja, das tut sie, sogar so sehr, dass sie ihn selbst macht. Stolz präsentiert sie ihn mir. Ich muss zugeben, er ist ausgesprochen lecker. So lecker, dass meine Eltern und ich die Flasche schon nach kurzer Zeit zu drei Vierteln intus haben. Was sicher nicht nur daran liegt, dass er süffig ist, wohl eher aber daran, dass Kerstin der Annahme ist, eine Hochzeit bedarf keinerlei Vorbereitung.
Der Abend neigt sich nach drei Stunden Kennenlerngeschichte und schmachtenden Blicken dem Ende zu. Mehrmals muss ich mich ermahnen, mein Kopfkino auszuschalten, denn des Öfteren verinnerliche ich mir Baywatch, Puschel und Co. Ich bekomme diese Bilder einfach nicht aus meinem Kopf.
Irgendwie werde ich immer gefühlsduseliger. Meine Eltern sitzen die ganze Zeit nebeneinander und mein Vater hat den Arm um die Schultern meiner Mutter gelegt. Kerstin und Ole - das neue Traumpaar vom Fischland - können die Lippen und Hände nicht voneinander lassen. Ich meine, es ist ja nicht so, dass ich es ihnen nicht gönne, aber ich sitze allein hier und habe niemanden zum Fummeln, also könnte man dem fünften Rad am Wagen ein wenig mehr Aufmerksamkeit schenken.
Wie oft denke ich mir, nehmt euch ein Zimmer.
Irgendwie schweifen meine Gedanken immer mehr zu Frank ab. Ich möchte dieses Wochenende bei meinen Eltern verbringen, doch mit einem Male fehlt er mir so sehr. Diese Verrücktheit aufeinander, die mein Bruder und Kerstin soeben durchleben, kann ich zwar nicht mit meiner sechsjährigen Beziehung vergleichen, doch ich hätte sie trotzdem gern.
Ich bin vor einer Stunde auf Wasser umgesattelt. Ich wünsche mir so viel mehr Zeit mit Frank. Wieder mehr gemeinsame Abende und wieder so viel hammermäßigen Sex, wie noch vor ein paar Monaten. Wann genau ist das eigentlich so eingeschlafen zwischen uns? Ist wirklich nur die viele Arbeit daran schuld? Genau aus diesen Gründen beschließe ich, meine Tasche aus dem Gästezimmer zu holen und nach Hause zu fahren. Nach Hause - nach Berlin - in unsere Wohnung. Ich möchte Frank überraschen. Wir werden ganz bald zusammen nach Prerow kommen, damit meine Eltern ihn endlich kennenlernen. Seine Arbeit war jedes Mal der Grund, weshalb ein Treffen nicht zustande kam. Beziehungsweise, dass ich immer allein nach Prerow gefahren bin.
Als ich völlig euphorisch mit meiner Tasche in der Küche stehe, schauen mich alle entgeistert an.
„Seid mir nicht böse, dass ich euch schon wieder verlasse, doch mir ist etwas klar geworden und deshalb muss ich nach Hause. Sollte sich bei euch beiden wegen der Torten noch etwas ändern und sobald ihr die genaue Anzahl der Gäste habt, ruft bitte an.“ Dann schaue ich meine Eltern an. „Ich erkläre es euch ein andermal, aber jetzt muss ich los.“
„Ist schon in Ordnung, mein Schatz“, erwidert meine Mutter und gibt mir einen Abschiedskuss. „Fahr vorsichtig, Linchen!“
Kurz darauf sitze ich schon wieder, wie zwölf Stunden zuvor, in meinem Peugeot und bin auf dem Weg nach Berlin.
Ich erwische nach drei Stunden Fahrt und gefühlten tausend Schmetterlingen im Bauch, einen Parkplatz genau vor unserem Wohnkomplex. „Wenn das mal kein Zeichen ist“, trällere ich freudig quietschend.
Meine kleine Reisetasche nehme ich vom Beifahrersitz und begebe mich in das Foyer und drücke auf den Knopf für den Aufzug. Nach ein paar Sekunden öffnet er sich mir, und ich steige ein. Ich drücke auf den Knopf des Penthouses, gebe den dazugehörigen Code ein und schon setzt er sich in Bewegung.
Der Fahrstuhl öffnet sich leise und ich stehe direkt in unserem Flur. Nur die kleine Lampe auf der Kommode, auf der wir immer unsere Autoschlüssel ablegen, brennt. Meinen habe ich vor Aufregung, während der Fahrt im Lift, in die Tasche meines Blazers gestopft. Die Küchentür ist angelehnt und ich sehe etwas Licht durch den Spalt scheinen. Gott, wie ich mich auf Frank freue. Er wird sich sicher etwas zum Essen aufgewärmt haben, da er gerade erst aus der Kanzlei gekommen sein muss. Ich höre Musik, gehe auf die Tür zu, und ziehe sie mit meiner linken Hand auf. In meiner rechten halte ich noch immer meine Tasche. Ich stehe mit einem überdimensionalen Lächeln in der Küchentür und schaue hinein.
Doch was ich jetzt zu sehen bekomme, lässt mich scharf die so bitter zum Atmen benötigte Luft einziehen. Vielmehr noch habe ich das Gefühl, dass sie mir gänzlich abgeschnürt wird. Mein Herz, es reißt. Ich höre es genau. Auf der Kücheninsel, auf der ich noch vor ein paar Tagen Pizzateig belegt habe, sitzt Doreen. Doreen - die blonde, dürre, arrogante Schnepfe aus Franks Freundeskreis, die mir immer deutlich gezeigt hat, was sie von mir hält. Sie ist nackt, na ja, sie hat noch ihre Pumps an und trägt seine Krawatte um den Hals. Die blau-weiß gestreifte Krawatte, die ich ihm zu Weihnachten geschenkt habe. Vor ihr steht Frank, mein Frank. Mit heruntergelassener Hose und offenem weißen Hemd fickt er ihr das Hirn raus. Zu meiner Verwunderung stöhnt er, er hat nie gestöhnt, wenn wir Sex hatten. Ich stehe da und schaue meinem Freund zu, wie er Doreen hemmungslos nimmt, ihre Silikontitten knetet und mich betrügt. Ich kann mich nicht bewegen. Doreen stöhnt und fängt an Dinge zu sagen. Zuerst höre ich gar nicht richtig zu und bin gar nicht fähig, die ganzen Sachen, die hier gerade auf mich einwirken, aufzunehmen.
„Ja, fick mich, Fränky, härter! Ich bin nicht deine kleine, fette Konditorin. Ja, ja, härter!“, schreit sie berauscht. Okay, damit war wohl ich gemeint. Ich bin fassungslos. Nur ein Satz kommt über meine Lippen, ohne dass ich darüber nachdenke.
„Dass du diese Schnepfe vögelst, dürfte deine Familie ja sehr freuen!“ Meine Worte habe ich laut und mit Nachdruck ausgesprochen.
Frank erschrickt sich so sehr, dass er zurückspringt. Wie ein kleiner Junge, der an eine heiße Herdplatte gefasst hat.
„Alina!“, kommt es leicht panisch von ihm.
Doreen hat Probleme ihr Gleichgewicht zu halten, da sie mit ihrem Arsch an der Kante sitzt. Auch kein Wunder bei der Menge an Silikon, denke ich mir im Stillen. Als es ihr doch gelingt, nicht von der Theke zu fallen, macht sie ihren dreckigen Mund zu und schaut mich wütend an. Ich könnte ihr jetzt sonst etwas antun. Doch bevor ich einen Fehler mache, drücke ich mich lieber verbal aus.
„Sorry, Blondie, dass ich dir den Fick mit meinem Freund, versaut habe. Hätte ich das gewusst, wäre ich später gekommen!“, werfe ich ihr meinen Zorn scharf entgegen.
Frank steht neben ihr, sein nur noch halbsteifer Schwanz hängt herunter und er schaut mich mit großen Augen an. Ich sehe den Schreck darin, den Verlust, die Reue und das schlechte Gewissen. Frank hat immer gewusst, dass Treue mir sehr wichtig ist und ich einen Seitensprung niemals verzeihen könnte. Ich drehe mich um und peile unser Ankleidezimmer an. Eigentlich müsste ich jetzt in Tränen ausbrechen, doch ich funktioniere einfach weiter. Mechanisch. Ich habe meinen Schutzwall hochgefahren, den ganzen Tag schon, glaube ich. Würde ich ihn jetzt runterlassen, wäre ein Zusammenbruch nach diesem Gott verfluchten Tag das Mindeste. Diese Blöße möchte ich mir nicht geben. Ebenso wenig Frank die Chance darauf, den Ritter zu spielen, der seine Prinzessin rettet. Aber ich bin sicherlich nicht seine Prinzessin, oder vögelt der edle Ritter durch ihr Königreich?
In unserem Ankleidezimmer ziehe ich meine zwei großen Hartschalenkoffer, die mit dem pinken Aufdruck mehrerer Großstadtnamen, aus dem Regal. Ich höre den Aufzug. Wahrscheinlich ist Doreen gegangen, aber das ist mir jetzt irgendwie gerade scheißegal. Ich konzentriere mich, die beiden Koffer hinzulegen und sie zu öffnen. Frank steht kurz darauf in der Tür. Die Hose hat er wenigstens hochgezogen und geschlossen. Sein Hemd ist immer noch offen, doch er versucht es gerade zu zuknöpfen.
„Alina, ich weiß nicht, was ich sagen soll“, gibt er leise und verlegen von sich. „Hätte ich gewusst, dass du heute wiederkommst …“ Das ist ja wohl das Allerletzte.
Ich stehe auf und schaue ihn an. „Hättest du deinen Fick auf einen anderen Tag verschoben?“, frage ich herausfordernd. Ich merke, wie überfordert er mit dieser Alina ist. Solche Antworten kennt er nicht von mir.
Ich bin die Ruhe in Person. Normalerweise würde ich jetzt ausflippen, wenn man nach den Liebesdramen im Fernsehen geht, bei denen ich immer live mitfiebere und wettere. Über die Männer, die ihre ahnungslosen Frauen betrügen, kann ich mich für gewöhnlich sehr gut auslassen. Doch jetzt fühle ich mich wie betäubt.
„Ich wollte dich überraschen. Ich bin froh, doch nicht bei meinen Eltern geblieben zu sein. Zum Ersten weiß ich jetzt, was du von unserer Beziehung hältst und zweitens bin ich froh zu wissen, dass du so eine strunzdumme Kuh ohne Gummi vögelst und ich mich gleich morgen untersuchen lassen werde.“ Bei dem Gedanken schüttle ich mich.
„Schatz, sag doch nicht so etwas.“
„Nenn mich nie wieder Schatz!“, sage ich ruhig, doch meine Kieferknochen und Zähne malmen aufeinander.
Ich nehme meine wenigen Sachen, die sich in den Regalen befinden. Ich bin keine von den Tussen wie Doreen, die überquellende Kleiderschränke haben. Ein Koffer ist nach wenigen Minuten voll mit Kleidung. Ein paar T-Shirts, einige Jeans, Röcke, Kleider, Strickjacken und Loopschals. In den zweiten packe ich meine Schuhe und rede weiter. „Deine Mutter, ach, was sage ich, deine Familie wird hellauf begeistert sein, dass es mit uns vorbei ist. Ganze sechs Jahre hast du jetzt deine Zeit verschwendet.“
Fassungslos schaut Frank mich an. „Du weißt davon?“
„Ja, ich weiß von dem Telefonat. Ich lag krank auf der Couch und bin eher von der Arbeit nach Hause gekommen, weil es mir so schlecht ging. Du hast mit Lautsprecher telefoniert, hattest es eilig, und musstest dich für ein Meeting umziehen. Mich hast du hinter der hohen Couchlehne gar nicht wahrgenommen. Es hat wehgetan, zu hören, wie alle unserer Beziehung gegenüberstehen. Du hast nicht einmal Partei für mich ergriffen. Und das hat noch viel mehr geschmerzt. Aber hey, langsam kann ich mir alles zusammenreimen. Mein Bruder heiratet und du hast wieder mal keine Zeit und auch keine Interesse. Wie waren deine Worte? Ach ja, du kennst diese Person ja nicht mal. Aber wie auch, wenn du nie mit zu meinen Eltern kommst. Nicht mal bei so etwas bist du an meiner Seite. Die liebe Arbeit. Deine Überstunden haben sich gerade förmlich in meine Netzhaut gebrannt. Ich bin so enttäuscht von dir.“ Ich schüttle fassungslos den Kopf.
„Warum hast du nie etwas gesagt?“, kommt es niedergeschlagen von ihm.
„Frank, wenn jemand so über dich geredet hätte, hätte ich dich verteidigt. Du bist mein Partner. Ich stehe für dich ein. Doch von dir kam nichts. Aber wenn wir mal ehrlich sind, habe ich auch optisch nie zu deinem Umfeld gepasst.“ Den Satz vollendet, gehe ich ins Wohnzimmer und nehme die Bilder meiner Eltern und meinem Bruder vom Kaminsims. Danach mache einen Zwischenstopp im Arbeitszimmer und nehme meine beiden Ordner aus dem Schrank.
Als ich auf dem Weg zurück ins Ankleidezimmer bin, fragt er mich. „Hast du deshalb so abgenommen?“
Verletzt und tief einatmend schaue ich ihn an. „Du hast es bemerkt? Du hast nie etwas gesagt! Ich dachte, dass würde dir besser gefallen, aber anscheinend hätte ich mir noch meine Hupen aufstocken lassen müssen, um deinen neuen Geschmack zu treffen.“ Mit geschlossenen Augen frage ich: „Sag mir ehrlich, mit wie vielen hast du es noch getrieben?“ Währenddessen ich auf seine Antwort warte, lege ich den Versicherungs- und den Bankordner in den zweiten Koffer. Mit hochgezogenen Augenbrauen schaue ich zu ihm, da keine Antwort kommt. „Ah, doch so viele.“ Sage ich fassungslos. „Ich finde es ernüchternd, wie du dich verändert hast, dass du neuerdings auf klapperdürr und Silikon stehst und beim Sex stöhnst. Anscheinend kenne ich dich doch nicht so gut, wie ich gedacht habe. Du warst immer derjenige, der diese Dinge verachtet hatte.“
Frank kommt auf mich zu und bittet mich. „Gib uns noch eine Chance, Alina, es tut mir so leid! Es spielt doch auch gar keine Rolle, mit wie vielen Frauen ich etwas habe oder hatte“.
Ich halte abwehrend die Hände in die Höhe. „Weißt du, ich habe mich in den lebenslustigen, witzigen, treuen Frank verliebt. Mit dem ich in der Küche gekocht und gebacken habe, mit dem ich mich mit Mehl beworfen habe. Der, der so leidenschaftlich küsst, mir seine Liebe gestanden und mich auf dem Wohnzimmerboden geliebt hat. Doch du bist immer steifer und unehrlicher geworden. Genauso platt und oberflächlich wie alle anderen aus deinem ach so tollen Freundeskreis. Mir wurden heute von dir die Augen geöffnet, zwar auf eine geschmacklose Art und Weise, aber jetzt sehe ich klarer. Ich weiß gar nicht, ob ich sauer auf mich sein soll, weil ich angeblich zu doof war, das zu erkennen, oder ob nicht lieber meine Enttäuschung dir gegenüber größer sein sollte. Du trittst mein Herz mit Füßen. Ich dachte immer, wir beide haben etwas Besonderes und dass durch die viele Arbeit in den letzten Monaten alles nur ein wenig ins Stocken gekommen ist“, ich schüttle meinen Kopf und weiß nicht mehr, was ich sonst noch sagen soll.
Ich hole meine Kosmetika und Zahnbürste aus dem Badezimmer und alles, was Frauen sonst noch so dort parken. Meinen Kulturbeutel und meine Schminktasche lege ich ebenfalls in einen der beiden Koffer und schließe ihn. Ich stelle ihn hin, ziehe den Griff raus, um meine kleine Reisetasche auf den Koffer zu stellen und am Griff zu befestigen. Frank steht immer noch im Ankleideraum. Starr, man könnte fast meinen, wie ein geschlagener Hund. Oder gar enttäuscht, dass sein zweispuriges Leben vorbei ist. In jeder Hand einen Koffer, ziehe ich diese hinter mir her in den Flur. Ich drücke auf den Knopf, der den Aufzug holt, drehe mich zu Frank um, denn er ist mir gefolgt. Mit den Händen in den Hosentaschen steht er vor mir. „Jetzt bist du frei, kannst jedes willige Brett nageln, das dir unterkommt.“
Er schaut mir in die Augen und ich erkenne Traurigkeit, und wenn ich es nicht besser wüsste, ein klein wenig Wut darin. Doch das ist mir egal.
