"Love Me Wild" & "Love You Wilder" – Zwei knisternde New Adult Liebesromane im Sammelband (Tough-Boys-Reihe) - Alice Ann Wonder - E-Book

"Love Me Wild" & "Love You Wilder" – Zwei knisternde New Adult Liebesromane im Sammelband (Tough-Boys-Reihe) E-Book

Alice Ann Wonder

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Beschreibung

Verliebe dich nie in einen Bad Boy …  Diese E-Box enthält zwei Liebesromane voll knisternder Romantik zwischen düsterer Vergangenheit und verheißungsvoller Zukunft: Love Me Wild Die schüchterne Emma trifft nach einem Familiendrama auf den selbstbewussten Kampfsporttrainer Tyler Mason. Der gut aussehende, durchtrainierte Bad Boy hilft ihr auf ungewöhnliche Weise zu erkennen, dass mehr in ihr steckt, als sie bisher vermutet hat. Doch Tylers düstere Geheimnisse stellen Emmas Vertrauen immer wieder auf die Probe. Bis ihn seine dunkle Vergangenheit schließlich einholt … Love You Wilder Als die leidenschaftliche Bäckerin Mave erfährt, dass ihr Bruder sein Stipendium verloren hat, fasst sie einen folgenschweren Entschluss: Um das nötige Geld aufzutreiben, schließt sie sich den Hells Raven an, einem berüchtigten Motorradclub. Dort trifft sie auf den gefährlich attraktiven Raven, der ihr unerwartet oft in die Quere kommt. Denn hinter der Maske des taffen Bikers steckt viel mehr, als Mave ahnt …    //Beide Romane der Reihe enthalten in sich abgeschlossene, voneinander unabhängige Liebesgeschichten.//

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Impress Ein Imprint der CARLSEN Verlag GmbH © der Originalausgabe by CARLSEN Verlag GmbH, Hamburg 2021 Text © Alice Ann Wonder, 2021 Redaktion: Rebecca Steltner Coverbild: © www.bookcoverstore.com Gestaltung E-Book-Template: Gunta Lauck / Derya Yildirim Satz und E-Book-Umsetzung: readbox publishing, Dortmund ISBN 978-3-646-60680-5www.carlsen.de

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Die Macht der Gefühle

Impress ist ein Imprint des Carlsen Verlags und publiziert romantische und fantastische Romane für junge Erwachsene.

Wer nach Geschichten zum Mitverlieben in den beliebten Genres Romantasy, Coming-of-Age oder New Adult Romance sucht, ist bei uns genau richtig. Mit viel Gefühl, bittersüßer Stimmung und starken Heldinnen entführen wir unsere Leser*innen in die grenzenlosen Weiten fesselnder Buchwelten.

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Alice Ann Wonder

Love Me Wild (Tough-Boys-Reihe 1)

**Liebe zwischen Vertrauen und Zweifel**Die schüchterne Emma trifft nach einem Familiendrama auf den selbstbewussten Kampfsporttrainer Tyler Mason. Der gut aussehende, durchtrainierte Bad Boy hilft ihr auf ungewöhnliche Weise zu erkennen, dass mehr in ihr steckt, als sie bisher vermutet hat. Doch Tylers düstere Geheimnisse stellen Emmas Vertrauen immer wieder auf die Probe. Bis ihn seine dunkle Vergangenheit schließlich einholt …

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Vita

Emmas & Tys Soundtrack

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© privat

Alice Ann Wonder, bürgerlich Anika Pätzold, wurde 1990 in Arnstadt geboren. Schon früh konnte sie ihr erstes Lieblingsbuch auswendig aufsagen. Seit 2019 veröffentlicht sie selbst Romane. Sie reist gern quer durch die Welt – am liebsten dorthin, wo es warm ist – hört jeden Tag Hörbuch und liebt es, zu tanzen.

Prolog

Als Emma ihn traf, war ihr Leben Dunkelheit und er war das Licht. Er war die Melodie zu dem Song, den sie einmal gehört und seitdem nie wieder aus dem Kopf bekommen hatte. Er war der bittere Schmerz und die süße Erlösung, die sie zum ersten Mal richtig lebendig fühlen ließ.

Es war alles so, als wäre es eigentlich gar nicht echt, sondern konstruiert von irgendwem. Aber das war es nicht. Es war wirklich passiert.

Das war ihr Leben: Es gab immer ein Davor und ein Danach.

Und dazwischen stand er.

***

An jenem Dienstag hatte sie in einem ziemlich langweiligen, kargen Raum in der psychiatrischen Klinik in Marlem gesessen. Die Tür stand offen. Sie schaute hinaus auf den Flur und er ging vorbei.

Emma wusste noch, wie sich ihre Blicke getroffen hatten. Es war nur für einen kurzen Moment gewesen und heute, so viele Jahre danach, da fragte sie sich immer noch, weshalb diese Tür eigentlich während einer Sitzung offen gestanden hatte. Warum hatte er sie so angesehen? War das Zufall gewesen, Schicksal oder einfach nur eine merkwürdige Situation an einem merkwürdigen Ort?

Sie war ein Mauerblümchen und er, Tyler Mason, so weit weg von jeder Vorstellung, die sie in Bezug auf die Liebe je für sich als möglich erachtet hatte, dass ihr ihre Geschichte selbst jetzt noch manchmal wie ein Märchen vorkam. Es war kein durch und durch freudiges Märchen für Kinder – nein, das nicht –, aber wie eines, das trotz seiner Zerrissenheit letztlich doch vollkommen war.

Wie man Einsamkeit heilt

»Wollen Sie Anzeige erstatten?«

Emma fasste sich mit der rechten Hand an den Hals. Nur um sicher zu gehen, dass er noch da war. So wie der Mann im weißen Kittel das fragte, hätte man annehmen können, dass es um so etwas wie eine Verkehrskontrolle ging. Sie wusste sofort, was sie antworten würde, aber es wäre trotzdem irgendwie schön gewesen, wenn seine Tonlage ein bisschen empörter geklungen hätte.

»Nein.«

Ohne ein weiteres Wort notierte er irgendetwas auf seinem Zettel. Emma starrte an die Wand, dann auf den Monitor, der hinter ihm auf einem ausladenden Schreibtisch stand.

»In Ordnung. Sie werden keine bleibenden Schäden zurückbehalten. Die Würgemale sollten in wenigen Tagen verblassen. Sie können sich jetzt wieder anziehen!«

Emma nickte. Er wandte sich von ihr ab, setzte sich auf seinen Schreibtischstuhl und hämmerte etwas in die Tasten. Emma hätte gerne gewusst, was er da schrieb. Ihre Mutter würde es sicher freuen, dass sie weder der Polizei noch dem Arzt gesagt hatte, was genau passiert war.

Bevor Emma sich anzog, blieb ihr Blick einige Sekunden an ihrem blassen Körper haften; sie trug einen beigefarbenen, viel zu großen Slip und einen hellblauen BH, der nicht dazu passte. Sich sexy zu kleiden war noch nie eine ihrer Stärken gewesen. Nicht, dass es bisher jemanden gegeben hätte, den es interessierte, wie Emma in Unterwäsche aussah. Ihre Oberschenkel waren in dieser halb liegenden Position mindestens dreimal so dick wie im Stehen. Gott sei Dank war dieser Arzt der einzige Mann, der sie so zu Gesicht bekam.

»Ich gebe Mrs Lang Bescheid, die wird Sie abholen und auf die Station bringen. Unser Sozialarbeiter wird am Montag auf Sie zukommen und mit Ihnen besprechen, welche Optionen Sie haben, was Ihre Wohnsituation angeht. Auch wenn Sie keine klassische Patientin sind, schlage ich vor, dass Sie an den Aktivitäts- und Therapieangeboten während Ihres Aufenthalts hier teilnehmen.«

Emma beobachtete, wie sich die oberen Enden seines grau-weißen Schnauzbartes kräuselten, während er mit ihr sprach. Hoffentlich musste sie nicht zu lange hier bleiben. Es wäre wirklich gut, wenn alles möglichst schnell über die Bühne gehen würde, sodass sie einen Schlussstrich ziehen und noch mal ganz neu beginnen konnte.

»Ms Fynne? Haben Sie gehört, was ich eben gesagt habe?«

Emma biss sich auf die Unterlippe.

»Sie würden es begrüßen, wenn ich an den Klinikangeboten teilnähme, während ich hier bin … Ja, verstanden«, murmelte sie.

Der Arzt warf Emma einen merkwürdigen Blick zu. Vielleicht dachte er jetzt doch darüber nach, sie länger hier zu behalten.

»Sie können dann draußen im Flur Platz nehmen! Ich rufe Mrs Lang an. Sie wird Sie abholen. Alles Gute!«

Kurz und schmerzlos. Wie hätte es auch sonst sein sollen? Was hatte sie erwartet? Eine Umarmung vielleicht? Das war ihr schon fast peinlich, aber ein Teil von Emma hätte daran tatsächlich Gefallen gefunden. Auch wenn diese Umarmung von einem völlig Fremden gekommen wäre. Sie hätte gerne gehört, aber vor allen Dingen gefühlt, dass auf jeden Fall alles wieder gut werden würde und dass es jemanden gab, dem es wichtig war, ihr das zu zeigen. Aber das waren die Fantasien eines naiven Mädchens – und das, obwohl Emma mittlerweile fast zweiundzwanzig war. So viele Jahre auf diesem Planeten und immer noch so allein wie eh und je.

***

Der Flur ähnelte dem eines Krankenhauses. Vielleicht etwas freundlicher. Emma setzte sich auf einen hellbraunen Holzstuhl, auf dem ein oranges Kissen lag, und wartete wie angewiesen. Es war ziemlich still. Zehn Minuten vergingen. Emma trug keine Armbanduhr, aber sie war gut im Schätzen von Zeiten. Dann fiel zwei Stockwerke tiefer eine Tür ins Schloss. Das würde sie sein! Schritte schlurften die Treppen hinauf. Vielleicht fühlte sich die Betreuerin, die Emma abholen sollte, ja ähnlich müde wie sie.

»Neu?«, wollte ein großer, hagerer Typ wissen, der plötzlich vor ihr stand.

Er trug ein Piercing mit zwei silbernen kleinen Kugeln in der Mitte seiner Unterlippe. Das stand ihm irgendwie.

»Ja.« Emma schluckte, bevor sie sich korrigierte. »Nein. Ich bin kein richtiger Patient.«

Der Typ zog eine Braue nach oben und bedachte Emma mit einem skeptischen Blick. »Ich bin nur so lange hier, bis ich eine Wohnung zugewiesen bekomme«, erklärte Emma.

»Siehst aber nicht so aus wie jemand, der hier nicht hingehört.«

Er warf einen Blick auf ihren Hals, den sie blitzschnell mit dem Hochziehen ihres übergroßen Hoodies zu verbergen versuchte.

»Du musst dich ja ganz schön hassen, wenn du so was mit dir machen lässt«, bemerkte er in kühlem Ton und strich sich eine braune Haarsträhne aus dem Gesicht. Hoffentlich würde sie gleich abgeholt.

»Was?«

Emma wusste wirklich nicht, was sie darauf sagen sollte. Er kannte sie doch gar nicht und konnte auch nicht wissen, was vorgefallen war. Wieso also schlussfolgerte er so dreist?

»Schon mal was davon gehört, dass man stets das Maß an Liebe für sich akzeptiert, das man meint zu verdienen?«

Sie schaute aus einem der großen Fenster zu ihrer Linken. Emma mochte diese Art von Offenheit nicht besonders. Schon gar nicht, wenn ihr Gesprächspartner jemand war, den sie gar nicht kannte. Außerdem hatte er keine Ahnung von ihrem Leben.

»Und wieso bist du hier?«, fragte Emma, um vom Thema abzulenken.

»Geht dich nichts an«, entgegnete er kühl, ehe er auf der Station verschwand, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Das war typisch für Emma – keine Spur von Schlagfertigkeit. Wenn sie hier raus war, würde sie als erstes einen Ratgeber zum Thema Redegewandtheit lesen.

Es vergingen noch mindestens zehn weitere Minuten, bis eine Frau, etwa Mitte vierzig, mit kurzen, rotbraunen Haaren und einer schwarzen rechteckigen Brille auftauchte.

»Ms Fynne?«

Ob sie Emma so streng ansah, weil sie sie auf Anhieb nicht mochte? Verschüchtert nickte Emma und bejahte leise.

»Lang. Oberschwester und Wohnbereichsleitung dieses Wohntrakts. Kommen Sie mit, ich zeige Ihnen Ihr Zimmer!«

Die Frau deutete Emma mit einer Handbewegung an ihr zu folgen. Wortlos lief Emma ihr hinterher. Wie lange würde es wohl dauern, bis sie eine Wohnung für sie fanden? Sie hoffte inständig, dass es nicht zu lange dauern würde. Dieser Ort bereitete Emma irgendwie Unbehagen. Obwohl es hier natürlich immer noch besser war als zu Hause.

»Wo sind denn Ihre Sachen? Haben Sie gar nichts mitgebracht?«

Mrs Lang musterte sie von oben bis unten und in diesem Moment fühlte Emma sich sogar noch unwohler, als vorhin im Untersuchungszimmer – und dort war sie immerhin halbnackt gewesen.

»Nein, ich habe nichts dabei«, flüsterte sie bedrückt.

Der Gedanke an die Umstände, wie sie hier gelandet war, drängte sich nun unaufhörlich in Emmas Bewusstsein und ihr wurde abrupt schlecht. Wahrscheinlich hatte Mrs Lang ihren seltsamen Gesichtsausdruck bemerkt, denn sie bohrte nicht weiter nach. Zusammen durchquerten sie einen Aufenthaltsraum, der groß und lichtdurchflutet war. Sechs Vierer-Tische standen darin, ein Sofa und viele Pflanzen. Es sah eigentlich ganz hübsch aus. Nicht zu vollgestellt, aber trotzdem recht gemütlich.

»Können Sie jemanden anrufen, der Ihnen Ihre Sachen nachbringt?«

Emma atmete tief ein und wieder aus. Eigentlich hatte sie niemanden zu Hause, den sie als richtigen Freund bezeichnen konnte. Bekannte schon, ja. Aber niemand, dem sie sagen konnte, dass sie jetzt hier war und warum.

»Meine Mutter ist sehr beschäftigt, ich bin nicht sicher, ob sie es einrichten kann …«, antwortete Emma zögerlich. Daraufhin sah Mrs Lang sie mit demselben undurchdringlichen Blick wie kurz nach ihrer Begrüßung an; sie senkte ihren Kopf, um das Mädchen über ihre Brille hinweg mit ernster Miene zu beäugen.

»Verstehe. Nun, dann werde ich unseren Sozialarbeiter darum bitten, dass er seine Praktikantin zu Ihnen nach Hause schickt, um Ihre Sachen zu holen. Dann hat sie wenigstens auch mal was zu tun.«

Die letzten Worte schienen eher an sie selbst gerichtet gewesen zu sein.

Bestimmt würde sich Mrs Lang gut mit Emmas Stiefvater verstehen. Der war auch immer der Meinung, dass alle Menschen um ihn herum zu wenig arbeiteten.

»So, hier ist es. Sie teilen sich das Zimmer mit zwei anderen Damen«, sagte Mrs Lang, als sie ganz am Ende des langen Ganges, der sich an den Aufenthaltsraum anschloss, vor einer beigefarbenen Tür stehen blieben. Sie sah aus wie all die übrigen Türen, die rechts und links von dem Flur abgingen.

»Na husch, gehen Sie schon rein!«, drängte Mrs Lang, als Emma keine Anstalten machte, nach der Türklinke zu greifen. Sie hatte gehofft, dass die Schwester zuerst hineinging. Emma holte einmal kräftig Luft, bevor ihre Finger den kalten Metallgriff umschlossen, um ihn dann ruckartig herunterzudrücken.

»Hey! Schon mal was von Anklopfen gehört?«

Eine zierliche Blondine mit großen Brüsten, dick aufgetragenem Make-up und vollen Lippen stand rechts von der Tür vor ihrem Kleiderschrank, als Emma in den Raum stolperte.

»Ähm … Entschuldigung.«

Mehr fiel Emma in diesem Moment nicht ein. Neben dem Schrank der Blondine stand ein Bett, auf dem eine sehr blasse, junge Frau mit gekreuzten Beinen saß. In ihrem Schoß hielt sie ein Buch. Als Emma zu ihr hinüber sah, schaute sie für den Bruchteil einer Sekunde auf. Emma war bisher selten jemandem begegnet, der noch blasser war als sie, deshalb starrte sie das Mädchen vermutlich etwas zu lange an.

Sie trug so viele Piercings, dass Emma eigentlich noch sehr viel länger hätte hinsehen müssen, um die genaue Anzahl ausmachen zu können.

»Das ist Emma Fynne, eure neue Mitbewohnerin«, stellte Mrs Lang den Neuankömmling vor und Emma war in diesem Moment unheimlich froh, das nicht selbst tun zu müssen.

»Hallo«, sagte Emma verlegen, bemühte sich jedoch dabei zu lächeln.

Die Blondine sah gleich viel freundlicher aus.

»Hi. Ich bin Belinda. Sorry fürs Anblaffen, aber hier platzt ständig jeder einfach so rein, wie es ihm gefällt!«

Sie streckte Emma ihre Hand entgegen und schenkte ihr ein breites Lächeln.

»Tut mir leid«, wiederholte Emma noch einmal freundlich. Dann sah sie hinüber zu der schwarzhaarigen Frau. Da sie ihre Umwelt nicht weiter zu beachten schien, ging Emma ein paar Schritte auf sie zu, um ihr ebenfalls die Hand zu reichen. Dabei wäre sie gern so forsch wie Belinda gewesen, aber so etwas fiel ihr immer schwer.

»Hallo, ich bin Emma«, stellte sie sich vor, etwa auf halber Höhe des Bettes stehend. Gerade, als sie ihre Hand wieder zurückziehen wollte, griffen blasse, mit zahlreichen silbernen Ringen bestückte Finger nach ihren.

»Loren.«

Emma freute sich, dass die Schwarzhaarige doch noch auf ihre Begrüßung reagiert hatte. Trotzdem hatte sie nicht das Gefühl, dass sie sich gut verstehen würden.

»Wunderbar«, bemerkte Mrs Lang und klatschte in die Hände, »hätten wir das also auch erledigt!«

Emma war nicht sicher, ob das Gesagte eventuell zynisch gemeint war, weil sie so eine Trantüte war.

»Ich buche Ihnen morgen zwischen halb neun und zehn Uhr einen Termin mit Mr Harrison, unserem Sozialarbeiter. Die Zeiten für die Mahlzeiten und die Aktivitätsstunden finden Sie in Ihrer Nachttischschublade. Die Therapiestundeneinteilung teile ich Ihnen nach Rücksprache mit unserem Stationsarzt mit. Waschzeug, Zahnbürste, Zahnpasta und Kleidung für die Nacht können Sie sich in unserem Lager holen. Belinda kann Ihnen nach dem Abendessen zeigen, wo Sie alles finden – stimmt’s?«, fragte Mrs Lang, während sie Belinda mit gelupfter Braue anschaute.

»Aber sicher doch, ich führe dich überall rum!«

Belindas Antwort wirkte, als würde sie sich über ihre zugeteilte Aufgabe freuen. Erleichterung machte sich in Emma breit. Sie wollte schließlich niemandem zur Last fallen.

Als Mrs Lang weg war, ließ sich Emma auf das leere Bett plumpsen, das in der hinteren linken Ecke des Raumes stand.

»Sie ist hier der Oberdrache, vor ihr musst du dich in Acht nehmen!«, sagte Belinda mit Blick auf die zufallende Tür, während sie nacheinander einige ziemlich knappe Oberteile an ihren schlanken Körper hielt. Emma beobachtete sie dabei und nickte unsicher. Es war ihr unangenehm in dieser Weise über andere Menschen zu sprechen, aber sie wollte auch nicht, dass Belinda dachte, dass sie ihr nicht zustimmte.

»Gibt es hier W-Lan?«, fragte Emma vorsichtig.

»Ja, aber das ist nicht gerade der Hit. Die Zugangsdaten sind auf der Rückseite vom Essensplan. Eine Station tiefer gibt’s aber auch einen Computerraum, falls du kein Handy dabei hast. Den kann ich dir nachher auch zeigen, wenn du möchtest.«

Belindas aufgeschlossene Antwort und ihr Lächeln sorgte dafür, dass Emma direkt anfing sie zu mögen. Es tat gut, wenn jemand freundlich war, obwohl man sich noch nicht so lange kannte. Sie fühlte sich dann gleich viel wohler. Während Belinda Emma die Hausregeln erklärte, würdigte Loren sie weiterhin keines Blickes. Nicht dass Emma meinte, sie wäre sonderlich interessant. Es wäre nur schön gewesen zu wissen, dass auch sie mit ihrem vorläufigen Einzug einverstanden war.

Auf einmal klopfte es an der Tür.

»Herein!«, kreischte Belinda sofort und so laut, dass Emma sich ein bisschen erschreckte.

»Ms Fynne, Ihre Mutter ist für Sie am Telefon!«

Es war Mrs Lang. Sie hielt ein schnurloses Telefon in der Hand. Emma konnte nicht verhindern, dass ihr Gesichtsausdruck Erstaunen ausdrückte. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass ihre Mutter sie hier anrief, nach allem was passiert war.

»Ms Fynne?«

»Äh, ja«, antwortete Emma und stand vom Bett auf.

»Den Gang runter, letzte Tür links, vor dem Aufenthaltsraum ist unser kleines Wohnzimmer, da können Sie ungestört telefonieren«, sagte Mrs Lang, als sie ihr den Hörer in die Hand drückte.

»Ist gut«, antwortete Emma und ging erst hastig einige Schritte den Flur entlang, bevor sie das Telefon schließlich an ihr Ohr presste.

»Mom?«

Emma schluckte. Es vergingen einige Sekunden.

»Emma, ich bin so froh, dass es dir gut geht!«

Von allen möglichen Worten, die ihre Mutter nach diesem verhängnisvollen Nachmittag hatte sagen können, waren das so ziemlich die letzten, die sie in diesem Moment erwartet hatte.

»Liebes, Henry hat das alles nicht so gemeint – das weißt du doch, oder?«

Darum ging es also. Plötzlich verstand sie den Hintergrund dieses Anrufs.

»Keine Sorge, ich habe nichts gesagt«, versicherte Emma.

»Warum warst du auch wieder so frech, du weißt doch ganz genau, wie leicht ihn das provoziert!«

Die Stimme von Emmas Mutter klang herrisch und sanft zugleich. Diese Mischung war Emma immer schon suspekt, aber mit zunehmendem Alter hatte sie sich wohl doch irgendwie daran gewöhnt.

»Ja, Mom«, gab sie resignierend zurück, denn sie wusste, dass jedes Widerwort nur zu einem weiteren Schwall an Vorwürfen und absolutem Unverständnis geführt hätte. Doch auch diese Antwort schien ihre Mutter nicht zufriedenzustellen.

»Du musst doch einsehen, dass er recht hat! Wann suchst du dir endlich einen richtigen Job?«

Emmas Puls schlug schneller. Sie stieß einen langen Luftzug aus, ehe ein weiteres »Mom« ihre Lippen verließ. Doch weiter kam sie nicht, da ihre Mutter ihr das Wort abschnitt.

»Vielleicht kannst du die Zeit in der Klinik ja jetzt mal nutzen, um zur Besinnung zu kommen! Ich bin sicher, wenn du dich bei Henry für dein Verhalten entschuldigst, wird er dir noch mal verzeihen. Und wenn du endlich nach einer ordentlichen Arbeit suchst und einen größeren Anteil der Miete übernimmst, sieht die Welt schon wieder ganz anders aus!«

Mittlerweile hatte Emma das Gefühl, etwas in ihrem Innern drohte sie jeden Moment zu zerreißen. Sie wollte einfach auflegen, aber das tat sie natürlich nicht. Stattdessen erwiderte sie leise, aber bestimmt: »Ich komme nicht mehr nach Hause.«

Wieder vergingen einige Sekunden. Eigentlich mochte sie die Antwort ihrer Mutter darauf gar nicht hören.

»Verlierst du nun vollkommen deinen Verstand? Wie, in aller Herrgottsnamen, willst du dir eine eigene Wohnung leisten? Das erkläre mir bitte mal! Du bekommst es ja nicht mal hin, anständig für dich zu sorgen, obwohl du noch in deinem Elternhaus lebst!«

Emma schluckte und hielt für den Bruchteil einer Sekunde die Luft an, während sie voller Anspannung weiter den Worten ihrer Mutter zuhörte. »Und was sollen die Nachbarn denken, wenn du nach dieser Showeinlage nicht mehr zu uns zurück kommst? Sie werden noch glauben, Henry hätte dich misshandelt oder es wäre sonst was vorgefallen! Das kannst du uns nicht antun! Denk doch bitte einmal auch an die Familie, statt immer nur an dich selbst!«

Die Drohungen ihrer Mutter ließen Emma in eine Art Trance gleiten – ein notwendiger Überlebensmechanismus ihres Unterbewusstseins. Es wäre schön gewesen, wenn Henry in betrunkenem Zustand nicht vollkommen ausgerastet wäre, weil sie immer noch keinen für ihn akzeptablen Job hatte. Und noch schöner wäre es gewesen, wenn ihre Mutter nicht einfach nur dagesessen und nichts gemacht hätte, als er auf Emma losgegangen war. Aber weil dem nicht so war und auch, weil sie wusste, dass sie nichts tun konnte, um die Wahrnehmung ihrer Mutter zu korrigieren, blieb ihr nichts anderes übrig, als diesen Schritt endlich zu tun. Auch wenn Emma große Angst hatte, dass ihre Mutter letztlich recht behielt, dass sie nicht alleine zurechtkommen würde.

»Schon gut, ich werde noch mal drüber schlafen.«

Emma mochte es nicht zu lügen, aber mehr an Konfrontation ertrug sie gerade nicht. In ein paar Tagen würde sich bestimmt immer noch eine Möglichkeit ergeben, in der Emma ihre Entscheidung gegenüber ihrer Mutter untermauern konnte. Eines wusste sie nämlich ganz genau: Sie würde sich nicht noch einmal von Henry würgen lassen. Nie wieder!

»Na das will ich hoffen! Du bist sicher noch aufgewühlt, wegen der neuen Situation. Ruh dich aus, sammle dich und wenn es dir wieder besser geht, kannst du in Ruhe prüfen, was der Arbeitsmarkt so hergibt!«

»Okay«, antwortete Emma schwach.

***

Als Emma zurück in ihr Zimmer ging, realisierte sie erst auf halber Strecke, dass sie noch immer den Telefonhörer in der Hand hielt. Also drehte sie sich um und machte sich auf den Weg zum Betreuerbüro, um es abzugeben.

»Schon fertig?«, wollte Mrs Lang wissen. Emma bejahte seufzend und strich sich dabei die langen, rotbraunen Haare aus dem Gesicht.

»Um achtzehn Uhr gibt’s Abendessen.« Die Oberschwester nahm das Telefon und fügte noch hinzu: »Aber das haben Sie sicher schon Ihrem Plan im Zimmer entnehmen können.«

Emma presste die Lippen zusammen, nickte und drehte sich rasch um. Wenn sie emotional aufgewühlt war, mochte sie mit niemandem reden. Sie hatte die Leute noch nie verstanden, die sich ausgerechnet in einem solchen Zustand gern einer anderen Person anvertrauen wollten. Vielleicht lag es auch daran, dass sie bisher noch nie einen Menschen in ihrem Leben gehabt hatte, dem sie wirklich vertraute. Womöglich war genau das ihr größtes Problem.

Vor der Rückkehr in das Dreibett-Zimmer beschloss Emma, sich erst einmal auf das Sofa im Aufenthaltsraum zu setzen. Außer ihr war zum Glück niemand dort. Sie erinnerte sich an den W-Lan Zugang, zog ihr Handy aus der Hosentasche und loggte sich ein. Die Verbindung war nicht ganz so schlecht, wie es nach Belindas Warnung zu erwarten gewesen war, und schneller als ihre Augen folgen konnten, tippten Emmas Finger die Überschrift eines neuen Blogeintrags auf ihrem Smartphone:

Wie man Einsamkeit heiltIch habe in meinem Leben schon so ziemlich alles ausprobiert, um die Einsamkeit in meinem Herzen zu heilen.Ich habe mich auf »Beste-Freundin-gesucht«-Webseiten angemeldet.Ich habe mich auf Dating-Webseiten angemeldet.Ich habe diverse Freizeitveranstaltungen allein besucht; ich bin allein ins Kino gegangen, schwimmen und auch ins Restaurant. In der Hoffnung, dort jemanden kennenzulernen. Ich habe nämlich gelesen, dass man sich nicht verkriechen soll, wenn man sich einsam fühlt – auch wenn einem nicht danach ist, unter Leute zu gehen.Ich habe obdachlosen Menschen Essen und warme Getränke gekauft, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen und ihre Geschichte zu erfahren.Ich habe früher in der Schule immer die Hausaufgaben für zwei andere Mädels mitgemacht, weil ich dachte, dass sie mich wirklich mochten. Doch das stellte sich leider als Trugschluss heraus, denn ich bekam irgendwann mit, wie sie sich beim Umziehen im Sportunterricht über mich lustig gemacht haben.Ich bin zu Collegepartys gegangen, obwohl ich Partys verabscheue (allerdings kann ich mich zugegebenermaßen nicht daran erinnern, je ein einziges Wort mit irgendjemandem auf diesen Partys gewechselt zu haben).Wenn ich an all diese fehlgeschlagenen Versuche, mich weniger einsam zu fühlen, zurückdenke, wird mir eines klar: Ich muss bisher die falsche Taktik angewandt haben.Es ist Zeit für eine Veränderung. Ich habe keine Ahnung, wie genau die aussehen soll, aber ich weiß, dass ich den Rest meines Lebens nicht auf dieselbe Weise verbringen möchte wie bisher! Es reicht! Ich werde von jetzt an mutiger sein!Wie sagte einst ein schlauer Mann? Man muss die richtigen Fragen stellen, um die Antworten zu erhalten, nach denen man sucht.Also, meine lieben Leser: Wie heilt man Einsamkeit?Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, aber ich bin bereit, es herauszufinden!Alles Liebe & 1000 Küsse,Emmi

***

»Ich kann Ihre Situation sehr gut nachvollziehen, Ms Fynne. Deshalb schlage ich vor, dass wir die Suche nach einer geeigneten Wohnung für Sie möglichst weit weg von Ihrem Elternhaus beginnen. Wäre das in Ihrem Interesse?«

Der Sozialarbeiter, der Emma mit übereinandergeschlagenen Beinen gegenüber saß, sah sie fragend an.

»Ja, ich denke das wäre gut«, antwortete Emma nickend.

Sie war sicher, ihre Mutter würde ausflippen, wenn sie davon erfuhr, aber darüber wollte sie jetzt nicht weiter nachdenken. Je mehr Abstand sie zu ihrer Mom und Henry hatte, desto besser.

»Joan, meine Praktikantin, hat Ihre Kleidung und die restlichen Dinge, die Sie notiert haben, bereits aus Ihrem Elternhaus abgeholt. Sie stehen noch in meinem Büro, ich lasse Sie Ihnen auf Ihr Zimmer bringen.«

Ob sie es schon ahnten? Emma hatte definitiv sehr viel mehr Sachen, als man für eine Woche Klinikaufenthalt benötigte, aufgeschrieben.

»Haben Sie sich denn schon Gedanken darüber gemacht, wie es beruflich für Sie weitergehen soll? Werden Sie Ihr Germanistikstudium beenden oder wollen Sie sich erst einmal eine leichte Arbeit suchen und nachdem Sie sich eingelebt haben, entscheiden, wohin Ihr Weg gehen soll?«

So wie Mr Harrison das ausdrückte, wirkte es, als wäre es überhaupt nicht schlimm in Emmas Alter noch nicht zu wissen, was man mit dem Rest seines Lebens anstellen sollte. Womöglich weil die übrigen Patienten ähnlich in den Seilen hingen wie sie, was ihre Zukunft anging. Zum ersten Mal fragte sich Emma, welche Krankheitsbilder in der Klinik behandelt wurden. Vom Hörensagen wusste sie, dass Marlem vor allen Dingen ein Anlaufpunkt für Essgestörte, Drogenabhängige und junge Erwachsene aus schwierigen familiären Verhältnissen war. Was auch immer Letzteres heißen mochte.

»Ein Job wäre gut. Wenn Sie mir sagen, wo genau ich hinziehe, kann ich ja schon mal anfangen zu suchen«, äußerte sie bemüht motiviert. Trotz seines indirekten Zuspruchs, lähmte Emma der Gedanke, keine größere Vision für ihre Zukunft zu haben. Mit ihrem Germanistikstudium hatte sie schon lange vor Marlem abgeschlossen. Sie mochte das Schreiben, aber die gelehrten Inhalte hatten damit wenig zu tun. Es war einfach nicht das Richtige für sie, das hatte sie vom ersten Tag an in der Uni gespürt. »Ich könnte ja selbst auch schon nach Wohnungen schauen«, fügte sie noch rasch hinzu.

»Das mit der Wohnungssuche überlassen Sie lieber mal mir und meiner Praktikantin. Aufgrund Ihrer besonderen Umstände ist es uns möglich, Ihnen eine verhältnismäßig günstige Bleibe zu besorgen, die der Staat im ersten Jahr anteilig mitfinanziert.«

Damit hatte Emma nicht gerechnet. Sie spürte wie eine riesengroße Last von ihren Schultern abfiel. Es war nicht so, dass sie vorher nicht schon gearbeitet hatte – im Gegenteil. Nur leider war ihr Gehalt nie gut genug, dass eine eigene Wohnung finanzierbar gewesen wäre.

Emma lächelte. Das schien Mr Harrison zu freuen, denn er lächelte zurück.

Plötzlich riss ein Windzug die angelehnte Tür auf und Emma schreckte auf, als sie laut gegen die Wand knallte. Der Sozialarbeiter guckte entschuldigend in ihre Richtung, bevor er zügig aufstand, um die Tür wieder zu schließen. Weil das Therapiezimmer recht groß und schlauchförmig war und die beiden am hinteren Ende eines langgezogenen Tisches saßen, dauerte es einige Sekunden, bis Mr Harrison die Tür erreicht hatte. Kurz bevor er den Griff zu fassen bekam, bemerkte Emma ein blaues Augenpaar, das sie anstarrte. Zu den Augen gehörte ein Gesicht, das so wohlproportioniert wie das eines männlichen Models war: mit markantem Kinn, dunkelblondem, halblangem Haar und einer Präsenz, die unheimlich schön und zugleich verwegen daherkam. Seine gänzlich schwarze Kleidung war das Letzte, was Emma auffiel, bevor Mr Harrison die Tür schloss. Emma hätte gern gewusst, wer das war, obwohl das natürlich nicht von Bedeutung war. Es war nur so, dass sie nicht wusste, wann sie jemand zuletzt so angesehen hatte. So eindringlich – auch wenn es nur für einen kurzen Augenblick gewesen war. Wahrscheinlich noch nie, sonst hätte sie sich ganz bestimmt daran erinnern können.

»In welchem Bereich planen Sie denn auf Jobsuche zu gehen?«

Mr Harrison riss sie aus ihren Gedanken.

»Ich … ich habe schon öfter mal als Bedienung gearbeitet.«

Emma wünschte wirklich, sie hätte noch etwas mehr an Erfahrung im klassischen Berufsleben vorzuweisen gehabt.

»Na, das ist doch schon mal was! Dann schauen Sie doch zunächst nach ähnlichen Jobs, wenn ich Ihnen Bescheid gebe, wo Ihr zukünftiger Wohnort sein wird! Praxiserfahrung macht sich gut in einer Bewerbung«, sagte Mr Harrison zufrieden. »Brauchen Sie Hilfe beim Erstellen eines Anschreibens? Oder vielleicht beim Lebenslauf?«

Emma biss sich auf die Unterlippe, bevor sie erklärte: »Nein, eigentlich nicht. Das Schreiben liegt mir.« Sie wusste nicht, warum es ihr immer so schwer fiel, vor anderen Menschen oder vor sich selbst zuzugeben, dass sie etwas gut konnte.

»Prima. Dann wäre das für heute erst mal alles. Haben Sie noch Fragen?«

Tatsächlich hätte sie gerne gewusst, ob ihr Betreuer Kinder hatte. Falls ja, war er bestimmt ein toller Vater.

»Nein«, antwortete Emma und stand auf.

Wenn sie fertig waren und Mr Harrison noch einige Minuten bis zu seinem nächsten Termin für sich hatte, war er sicher froh.

»In Ordnung, ich melde mich dann bei Ihnen. Halten Sie die Ohren steif!«

Zaghaft lächelnd verließ Emma den Raum. Da die Uhr erst fünf vor zehn anzeigte, wusste sie, dass noch genügend Zeit war, um an der Aktivitätsstunde für diesen Vormittag teilzunehmen. Jeden Vormittag und jeden Nachmittag fand eine andere statt, außer mittwochs, da gab es nur nachmittags eine. Emma hatte nicht mehr im Kopf, was alles angeboten wurde, wusste aber, dass für heute Sport auf dem Plan stand. Schon in der Schule hatte Emma sich oft insgeheim gewünscht, sie hätte zu den Mädchen gehört, die den Unterricht schwänzten oder nicht mitmachten, weil sie vortäuschten, ihre Periode und schlimme Unterleibsschmerzen zu haben. Aber so ein Mädchen war sie nie gewesen und auch jetzt, wo sie erwachsen war, würde sich das nicht mehr ändern. Von vornherein wäre klar gewesen, dass Emma ein viel zu schlechtes Gewissen gehabt hätte, um so etwas durchzuziehen. Also ging sie aufs Zimmer, um ihr Sportzeug zu holen. Belinda und Loren waren zum Glück noch da.

»Da bist du ja, wir dachten schon, du verpasst die heißeste Show, die der Laden hier zu bieten hat!«, plapperte Belinda direkt los.

Sie stand in knappen pinken Shorts und einem engen Tanktop vor dem Kopfende ihres Bettes und machte Verrenkungen, die nach Dehnübungen aussahen. Loren stand etwa zwei Meter neben ihr, hatte Kopfhörer in den Ohren und warf Emma einen genervten Blick zu. Emma fragte sich, ob sie ihretwegen oder wegen Belinda schlechte Laune hatte.

»Danke, dass ihr auf mich gewartet habt. Ich suche schnell meine Sachen zusammen … zwei Minuten!«, sagte Emma hastig, während sie zu ihrem Kleiderschrank hechtete, sich einen Jutebeutel schnappte und eine graue Jogginghose, ein weites weißes T-Shirt und alte Turnschuhe hinein schob.

»Schon fertig!«, rief sie atemlos.

***

Als sie zu dritt den Schotterweg zur Turnhalle des Geländes entlangliefen, redete Belinda ununterbrochen von dem jungen Trainer, der sie gleich in einer Kampfsportart unterrichten würde, von der Emma noch nie etwas gehört hatte.

»Emmi, stell dir einfach den geilsten Typen überhaupt vor und dann multipliziere diese Vorstellung mit zehn! Dann weißt du, was dich hier gleich erwarten wird! Er ist so was von süß, du wirst hin und weg sein, ich sag’s dir!«, schwärmte sie ganz aufgeregt. Emma wunderte sich schon ein bisschen, dass Belinda auf einmal so aus dem Häuschen war. Diese große Begeisterung für den Sportlehrer erschien für eine durch und durch aufgeweckte Person wie sie ein wenig übertrieben.

»Natürlich stehen alle Mädels hier total auf ihn!«, fuhr sie unbeirrt fort, während die drei Mädchen dem Gebäude, in dem der Unterricht stattfinden sollte, immer näher kamen. Emma drehte sich nach Loren um, die einige Schritte hinter ihr und Belinda lief.

»Ja, selbst Loren findet ihn toll!«, posaunte Belinda, als sie Emmas Blick bemerkte. Emma wäre lieber wieder umgekehrt und hätte sich für den Rest des Tages im Bett verkrochen. Eine leise Stimme in ihrem Kopf sagte ihr, dass es wirklich gut wäre, wenn sie endlich mal in der Lage wäre, sich Ausreden für Situationen wie diese zu überlegen und glaubwürdig rüberzubringen. Andererseits passte das weniger gut mit Emmas Vorhaben, mutiger und weniger einsam zu sein, zusammen. Immerhin war es etwas anderes, wenn man sich bewusst für etwas entschied, anstatt es nur aus Angst heraus getan zu haben, weil man nicht aus seiner Haut konnte.

Mit dieser neuen Erkenntnis fühlte sie sich gleich ein bisschen besser, während sie sich auf der Damentoilette einschloss, um sich ungestört umziehen zu können.

Als Emma zurück in den Gruppenumkleideraum kam, saß nur noch Loren auf einer der schmalen Holzbänke und band sich die Schuhe. Obwohl sie schon fertig war, wartete Emma auf sie. Insgeheim freute Emma sich, dass Loren noch da war, so musste sie nicht alleine in die Turnhalle zu den anderen gehen. Wahrscheinlich freute diese sich darüber nicht ganz so sehr.

»Kommst du?«, grummelte Loren und Emma fiel auf, dass sie schon wieder so in Gedanken war, dass sie einen Moment lang gar nicht mitbekommen hatte, was um sie herum geschah.

»Ja, na klar«, antwortete Emma und folgte ihr in die große Halle, in der die anderen Patientinnen und Patienten bereits in Reih und Glied auf einer langen Bank an der Wand saßen.

»Hier!«, rief Belinda und winkte den beiden. Loren steuerte, scheinbar ohne groß nachzudenken, auf sie zu und Emma tat es ihr gleich. Es war schön zu wissen, zu wem man gehörte, zu wem man sich, auch in einer größeren Gruppe von Menschen, gesellen konnte. In diesem Moment war Emma wirklich sehr froh, zusammen mit Belinda und Loren in einem Zimmer untergebracht zu sein.

Die Sache mit der Angst

Ein großer, blonder Typ betrat mit selbstsicherer Pose die Halle. Emma erkannte ihn sofort wieder. Es war plötzlich mucksmäuschenstill. Alle Augen waren auf ihn gerichtet. Emma glaubte, wenn eine Stecknadel zu Boden gefallen wäre, hätte das jeder der hier Anwesenden gehört.

»Wer hat schon mal gegen jemanden gekämpft?«

Wie er da stand, in diesem Muskelshirt. So einen breiten Brustkorb sah sie zum ersten Mal in natura, außerhalb des Fernsehens. Seine Arme sahen aus, als hätten sie einen Kleinwagen problemlos anheben können. Oder einen riesigen Felsbrocken. Vielleicht übertrieb sie auch. Aber Emma hatte wirklich noch nie jemanden gesehen, der derart muskulös war. Sie mochte seinen Körper eigentlich nicht so lange anstarren. Es fiel ihr jedoch wirklich schwer nicht hinzusehen.

»Ich!«, meldete Belinda sich auf seine Frage hin und hob ihren Arm voller Elan in die Höhe. Als seine blauen Augen die ihren trafen, schmunzelte er.

»In Ordnung, dann komm doch mal bitte zu mir!« Gespannt beobachtete Emma, wie sich Belinda bereitwillig in seine Hände begab.

»Bei Mixed Martial Arts geht’s vor allem um Respekt und Disziplin«, fuhr er fort. Es war noch immer erstaunlich still in der Halle. Emma vermutete, dass sie nicht die Einzige war, die sich von seiner Erscheinung eingeschüchtert fühlte.

»Darf ich?«, fragte er Belinda, während er seine Hand in Richtung ihrer Hüfte streckte. Als Belinda erwartungsvoll nickte, zog er sie blitzschnell an sich heran, um sie dann kraftvoll herumzuwirbeln und aufs Kreuz zu legen. Glücklicherweise war der Boden mit dicken Matten ausgelegt, sodass sie sich dabei sicher nicht wehgetan hatte.

»Darüber hinaus solltet ihr euch darüber im Klaren sein, dass das hier eine Vollkontakt-Kampfsportart ist.«

Er beugte sich über die auf dem Rücken liegende, lächelnde Belinda und reichte ihr die Hand.

»Ihr setzt also euren gesamten Körper ein, um den Gegner niederzuringen«, fuhr er fort. Emma dachte daran, wie er sie angeschaut hatte, als sie mit Mr Harrison im Therapieraum gesessen hatte. Wahrscheinlich war er in Gedanken gewesen und hatte in Wirklichkeit durch sie hindurch gesehen. Alles andere war irgendwie lächerlich.

Wieso sonst hätte jemand wie er jemanden wie Emma längere Zeit betrachten sollen? Das war absurd. Es war idiotisch von ihr gewesen, auch nur eine Sekunde lang anzunehmen, dass sein Blick tatsächlich ihr gegolten hatte. Emma musste wirklich aufhören, sich immer so leicht Tagträumereien hinzugeben.

»Wer von euch hat gesehen, welche beiden Punkte ich eben bei Belinda als Hebel benutzt habe, um meine Kraft zu verlagern?«

»Die Hüfte und die Schulter!«, rief ein Typ, der am anderen Ende der Bank saß, dem Trainer zu.

»Gut aufgepasst, Rowdy!«, entgegnete dieser mit einem Lächeln. Dann trafen seine Augen plötzlich auf Emma. Es schnürte ihr fast die Kehle zu.

»Für diejenigen, die neu dazugekommen sind und mich noch nicht kennen: Ich bin Tyler Mason. Willkommen in meinem Selbstverteidigungskurs!«

Sie schnappte nach Luft, als er den Blick wieder von ihr abwandte. Es waren wahrscheinlich noch andere Patienten neu. Immerhin hatte er in der Mehrzahl gesprochen.

»So, wer will als Nächstes?«, fragte er jetzt, woraufhin alle Arme in die Höhe schnellten. Alle, außer Emmas. Denn wenn es eines gab, das sie noch mehr als Sportunterricht gehasst hatte, so waren das Übungen vor anderen als Vorführobjekt vorzumachen.

»Wie steht’s mit dir?«, wollte er wissen und Emma blieb fast die Spucke im Mund weg, als sie begriff, dass er sie meinte. Verzweifelt presste Emma die Lippen zusammen und schüttele mit gesenktem Blick den Kopf.

»Warum so schüchtern? Ich beiße nicht, das können deine Mitpatienten hier bestätigen«, scherzte Tyler, während er zwei Schritte auf sie zu ging und ihr seine Hand reichte. Emmas Herz blieb fast stehen. Sie wünschte, dass sich der Boden zu einem riesigen, schwarzen Loch auftat und sie darin verschlang.

»Na komm schon, du wirst es überleben – das garantiere ich dir!«, sagte er mit Nachdruck. Emma schluckte. Aber weil sie sich erst vor Kurzem geschworen hatte von nun an mutiger zu sein, stand Emma auf und ging zu ihm. Als sie ihre Hand in seine legte, fühlte sich das merkwürdig vertraut und gleichzeitig unheimlich furchteinflößend an.

»Sehr gut«, kommentierte er Emmas Entscheidung mit einem spielerischen Zwinkern. Emma traute sich kaum, ihm in die Augen zu sehen und hoffte, dass das, was er gleich mit ihr vorhatte, möglichst schnell vorbei ging.

»Darf ich dich hier anfassen?«, fragte er, kurz bevor seine Finger ihre Hüften berührten.

»Ja«, krächzte Emma und betete inständig, dass er nicht bemerkte wie nervös sie war.

»Wenn euch jemand angreift, dann wehrt ihr euch!«, rief Tyler laut und sah dabei reihum in die Gesichter der anderen Patienten. Emma wünschte, sie hätte bei ihnen gesessen, auf einem sicheren Platz auf der Bank. Ihr Herz raste wie wild.

»Kannst du es auch mit Dreien zur gleichen Zeit aufnehmen?«, fragte jemand, den Emma nicht erkennen konnte. Reflexartig sah sie zu Tyler. Er lächelte verschmitzt und auf seinen Wangen zeichneten sich Grübchen ab. Das sah wirklich attraktiv aus und Emma entspannte sich für einen Moment.

»Vor allem Anfänger unterschätzen sich oft und verlieren den Glauben an sich selbst, wenn sie in gefährliche Situationen geraten«, erklärte er mit ruhiger Stimme.

Seine Hand lag dabei immer noch auf Emmas Hüfte und sein Körper war dem ihren bedrohlich nah. Wäre er nicht so groß gewesen, hätte sie vermutlich seinen Atem gespürt.

»Und was würdest du tun, wenn zehn Leute mit ’nem Messer auf dich losgehn?«, rief ein anderer Typ Tyler zu.

»Wenn zehn Angreifer mit Messern auf euch zukommen, dann lauft ihr weg. Ist das klar?«

Emma drehte sich um und erspähte nickende Gesichter.

»Schau zu mir!«, wies Tyler Emma an. Sie erschreckte sich, weil seine Tonlage so harsch war. Ihre Blicke trafen sich erneut. Das Blau seiner Augen wirkte regelrecht hypnotisierend.

»Wenn euch eine einzelne, unbewaffnete Person angreift, nutzt ihre Kraft, statt gegen sie anzukämpfen! Wehrt seinen oder ihren Angriff nicht ab, sondern leitet ihn um! Dazu müsst ihr nicht mehr machen, als diese kleine Handbewegung …«

Ohne Vorwarnung wurde Emma plötzlich von Tyler gepackt und zu Boden geworfen. Die Matten unter ihr fühlten sich härter an, als erwartet. Sie atmete tief durch und war froh, dass es endlich vorbei war.

»Alles in Ordnung?«, kam die Frage von Tyler und er reichte Emma seine Hand.

»Klar«, murmelte sie so leise, dass er es wahrscheinlich gar nicht hörte, und griff nach seiner Hand, die sie in Windeseile wieder auf die Beine brachte. Für einen kurzen Augenblick war ihr ein bisschen schummrig. Aus dem Augenwinkel sah Emma, dass Tyler lächelte. Wahrscheinlich hatte er bisher selten einen Probanden gehabt, der sich so behäbig bei den Übungen angestellt hatte wie sie. Gerade als Emma sich von Tyler wegdrehen und wieder zur Bank gehen wollte, hörte sie ihn sagen: »Hier geblieben!«

Sie fühlte sich wie in einem nie enden wollenden Alptraum.

»Jetzt sag mir nicht, dass du keine Lust hast, mich auch mal auf die Matte zu werfen!«, grinste er und streckte Emma erneut seinen Arm entgegen. Sie versuchte sich an einem Lächeln, aber das wollte nicht so recht gelingen.

»Na, komm schon her!«, drängte er, bis sie schließlich zitternd seine Hand ergriff.

»Weißt du noch, an welchen Stellen ich dich eben angefasst habe?«, wollte er wissen und sah ihr dabei fordernd in die Augen.

»Hier … und … hier … »

Emma machte mit der einen Hand eine vage Bewegung in die Richtung der Körperstellen, an denen sie noch vor einigen Minuten seine Berührungen wahrgenommen hatte. Er nickte daraufhin.

»Jetzt versuch’ das mal bei mir!«, verlangte er.

Verzweifelt fragte Emma sich, weshalb er sie vor versammelter Mannschaft so quälte. Sie hatte sich doch nun wahrlich schon genug blamiert!

»Nein, ich … tut mir leid, aber das ist nichts für mich. Ich möchte nicht mehr mitmachen«, stammelte Emma, bevor sie eiligen Schrittes aus der Halle stürmte.

»Emmi, wo willst du denn hin?«, hörte sie Belinda rufen. Aber Emma drehte sich nicht um.

Sie wusste selbst nicht genau warum, aber nachdem sie sich zum Umziehen in der Toilette eingeschlossen hatte, brach auf einmal ein Tränenschwall aus ihr heraus.

Wenig später hörte Emma die Stimmen der anderen jungen Frauen. Schnell wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht und wechselte ihre Sachen.

»Hey, was war denn da drin mit dir los?«, erkundigte sich Belinda, als Emma sich an ihr vorbei in Richtung Ausgang schob.

»Ach nichts, ich hatte nur einfach keine Lust mehr. Außerdem musste ich dringend aufs Klo!«

Verunsichert durch Belindas ungläubigen Blick, schob sie rasch noch ein »Tamponunfall« hinterher. Das schien Belinda zu überzeugen, denn sie nickte verständnisvoll. Loren hingegen sah Emma einen Moment lang seltsam an, bevor sie aus der Tür hastete.

***

Draußen peitschte Emma der Wind ins Gesicht. Rasch zog sie den Reißverschluss ihrer Jacke ganz nach oben. Sie hatte einen Kloß im Hals und ein unangenehmes Gefühl der Enge. Emma hörte, wie die schwere Stahltür auf ein Neues hinter ihr ins Schloss fiel und legte noch mal einen Zahn zu, denn sie hatte wirklich keine Lust mit irgendjemandem zu reden.

»Ist alles in Ordnung bei dir?«

Eine Hand umfasste Emmas Arm. Der Griff war fest, aber nicht so fest, dass er schmerzte, und als Emma sich umdrehte, waren es Tylers tiefblaue Augen, die zu ihr hinunter sahen. Er trug eine schwarze Sweatshirtjacke, schwarze Jeans und eine große, dunkelbraune Tasche, die er sich lässig über seine linke Schulter gehangen hatte. Sein Gesichtsausdruck wirkte ernst, fast besorgt.

»Ja, klar. Mir war vorhin nicht so gut«, stammelte Emma unsicher. Und als Tyler sie trotz ihrer Antwort weiter mit seinem Blick fixierte, sagte sie schnell noch »Unterleibsschmerzen«, weil das schließlich vorhin bei Belinda auch funktioniert hatte.

Sieh an, sieh an, vielleicht war sie doch zu einem dieser Mädchen geworden, die schwindelten, um sich vor unangenehmen Dingen zu drücken. Emma war geradezu erstaunt, wie schnell sie es geschafft hatte, diesen erst ein paar Stunden zuvor gefassten Vorsatz umzusetzen und somit alte Verhaltensmuster zu durchbrechen.

»Wie ist das mit deinem Hals passiert?«, wollte Tyler plötzlich wissen. Sein Tonfall war weich und gleichzeitig irgendwie forsch. Prüfend fasste Emma an das obere Ende ihrer Jacke, um sicherzustellen, dass sie genug Haut verdeckte.

»Du brauchst die Male nicht zu verstecken. Mir sind sie schon vorhin in der Halle aufgefallen«, sagte Tyler, ohne den Blick von ihr abzuwenden. Nervös schob Emma die Hände in das Innere ihrer Jackenärmel.

»Wenn du das nächste Mal mitmachst, zeig ich dir, wie du dich schützen kannst«, beharrte er. Seine große Hand umfasste noch immer ihren Arm und es schien ihn überhaupt nicht zu stören, dass die übrigen Patienten an ihnen vorbeigingen und sie anstarrten.

»So was ist nichts für mich«, wiederholte Emma. Hoffentlich bemerkte er nicht, wie sehr ihre Stimme dabei bebte.

»Das sollte es aber! Mädchen wie dich habe ich hier schon unzählige Male kommen und gehen und wiederkommen sehen! Du solltest deine Grenzen kennen und dich nicht für sie schämen! Mach mit und ich zeige dir, was du tun kannst, damit dir nie wieder jemand auf diese Weise wehtut!«, antwortete er eindringlich und beugte sich dabei noch ein Stückchen weiter zu ihr hinunter. Emma schluckte. Die Situation erschien ihr surreal. Immerhin kannten sie sich gar nicht. Und trotzdem loderten Flammen in seinen Augen auf, als er jene letzten Worte aussprach. Oder kam es ihr nur so vor? Emma schluckte erneut und nahm ihren ganzen Mut zusammen, ehe sie zischte: »Fass mich nicht an! Das ist eine meiner Grenzen!«

Damit riss sie sich von ihm los und rannte weg. Es fing an zu regnen und als sie dem Wohntrakt der Klinik schon ein ganzes Stückchen näher gekommen war, meinte Emma ein leises »Entschuldige« zu hören. Aber das war vermutlich nur der Regen, der ihr Gehör an der Nase herumgeführt hatte.

***

»Was war das denn?«, fragte Belinda sofort, nachdem Emma das Zimmer betreten hatte. Offensichtlich hatte auch sie Tyler und Emma draußen zusammen stehen sehen.

»Was war was?«, wiederholte Emma die Frage, obwohl sie genau wusste, worauf Belinda hinaus wollte. Die sprang vom Bett auf und schnitt eine Grimasse.

»Na du und er, da draußen! Was wollte er von dir? Was hat er zu dir gesagt?«, bedrängte sie Emma. Loren nahm ihre In-Ear-Kopfhörer aus den Ohren und tat, als würde sie etwas in ihrer Nachttischschublade suchen. Währenddessen schielte sie jedoch immer wieder zu ihren beiden Zimmergenossinnen.

»Nichts«, erwiderte Emma genervt und ging zu ihrem Kleiderschrank, um trockene Sachen rauszusuchen.

»So ein Quatsch, das war nicht nichts! Jetzt spann uns doch hier nicht so auf die Folter! Was hat er zu dir gesagt?«, bohrte Belinda weiter und Emma sah ein, dass sie ihr wohl etwas mehr sagen musste, damit Belinda sie in Ruhe ließ.

»Er wollte wissen, warum ich abgehauen bin«, antwortete sie.

»Und weiter?«, fragte Belinda ungeduldig.

»Nichts weiter! Ich hab’s ihm gesagt, woraufhin er dann meinte, dass ich nächstes Mal wieder mitmachen soll, und das war’s!«, entschied sich Emma für die halbe Wahrheit. Mittlerweile hatte sie sich schon fast ein bisschen daran gewöhnt das zu tun, denn es fiel ihr immer weniger schwer.

»Sah irgendwie aber gar nicht danach aus, als wäre das alles gewesen«, knurrte Loren plötzlich. Das war vermutlich der erste zusammenhängende Satz, den sie seit Emmas Ankunft an sie gerichtet hatte. Obwohl, Emma war sich nicht ganz sicher, ob Loren vielleicht doch eher mit Belinda, statt mit ihr geredet hatte. Jedenfalls war sie Emma schweigend lieber, so viel stand fest.

Ohne auf Lorens Kommentar einzugehen, schnappte Emma sich ihr Duschgel und ein sauberes Handtuch und verließ das Zimmer.

Auf dem Weg zur Gemeinschaftsdusche begegnete ihr der hagere Typ von gestern. Er grinste schief und sagte dann Hallo, ehe er an ihr vorbeirauschte. Emma wollte hier wirklich so schnell wie möglich rauskommen. Dieser Ort war absolut nichts für sie.

***

Als Emma zurück ins Zimmer kam, waren Belinda und Loren verschwunden. Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass es bereits halb eins war. Scheinbar hatte sie sehr viel länger im Badezimmer gebraucht als geplant. Auch wenn man es Emma nicht gleich auf den ersten Blick ansah – sie hatte eine Schwäche für Schönheitspflege und benutzte ausgedehnte Beautysessions gern als Bewältigungsstrategie für jegliche Ärgernisse. Anders, als die meisten Frauen, liebte Emma es, ihre Körperbehaarung aufs Penibelste zu epilieren, die Brauen zu zupfen und akribisch Nagelpflege zu betreiben. All diese Prozeduren waren nicht überlebenswichtig, aber sie halfen ihr dabei sich zu entspannen. Besonders an Tagen wie diesem hatte Emma das bitter nötig. Sie stieß einen langen Seufzer aus, als sich Tylers markante Gesichtszüge, zusammen mit seinen starken Armen irgendwie wieder den Weg in ihr Bewusstsein bahnten.

Am meisten stört es Emma, dass er von Mädchen wie ihr gesprochen hatte. Diese Art von Verallgemeinerung kam ihr grausam vor. Erst sorgte er dafür, dass sie sich vor allen blamierte und anschließend machte er ihr auch noch auf so herabwürdigende Weise deutlich, was er von ihr hielt! Schnaubend beschloss Emma, nicht weiter über Tyler und die Blamage nachzudenken. Das Geschehene war schließlich nicht mehr zu ändern. Gott sei Dank musste sie den Mann nach dem Verlassen der Klinik nie wieder sehen!

Als Emma in den Aufenthaltsraum kam, hatten die meisten Patienten ihr Mittagessen schon eingenommen. Einige lümmelten noch auf dem Sofa und unterhielten sich. Zwei spielten in einem angrenzenden Zimmer Tischtennis. Nur der hagere Typ saß noch an einem der Vierertische und aß. Mrs Lang telefonierte. Durch die offene Bürotür sah Emma sie wild gestikulieren.

»Dein Essen steht oben in der Stationsküche«, nuschelte der hagere Typ.

»Danke«, antwortete Emma und warf ihm ein zaghaftes Lächeln zu. Sie fand es nett, dass er so aufmerksam gewesen und ihr Bescheid gegeben hatte. Also ging sie in die kleine Stationsküche, die sich im obersten Stockwerk der Klinik befand. Als Emma schwungvoll die Tür aufriss, beugte sich Tyler Mason gerade über die Spüle, um eine halbe Tasse Kaffee darin zu entleeren. Ihr Herz machte einen Satz und ihr Magen zog sich zusammen. Wenn sie es nicht besser gewusst hätte, hätte Emma fast gemeint, dass auch er für einen kurzen Moment irgendwie die Fassung verlor. Denn es vergingen einige Sekunden, bevor er »Hallo, Emma« sagte.

Sie schluckte und verdrehte dann sogleich die Augen. Woher zum Teufel kannte er eigentlich ihren Namen?

»Steht hier irgendwo mein Mittagessen?«, fragte Emma und ließ ihren Blick durch die kleine Küche schweifen.

»Soll ich es dir in die Mikrowelle stellen?«

Tyler öffnete den kleinen Kühlschrank und holte einen mit Alufolie bedeckten Teller heraus.

»Äh, nein danke«, murmelte sie.

»Du willst das kalt essen?«, stutzte er. Dabei zog Tyler eine seiner Brauen nach oben und in seinen Augen funkelte es amüsiert.

»Was ist es denn?«, fragte Emma skeptisch.

»Gemüseauflauf, Kartoffeln und eine undefinierbare Soße«, antwortete er schmunzelnd, als er die Folie beiseite legte. Dabei erschienen wieder seine Grübchen.

»Na gut, dann vielleicht doch erst in die Mikrowelle«, kam sie schließlich auf sein Angebot zurück. Er lachte kurz auf und stellte die Zeit ein, bevor er die Mikrowelle anschaltete. Eine gefühlte Ewigkeit verging, in der keiner der beiden etwas sagte. Das fand Emma ziemlich seltsam, denn dieser riesige, muskulöse Kerl wirkte auf einmal so ganz anders, als noch vorhin. Sehr viel weniger bedrohlich irgendwie und so, als wusste er nicht, was er gerade sagen sollte.

»Hast du dich schon eingelebt?«

Sie beobachtete das Spiel seiner Brustmuskeln, als er seine Wasserflasche anhob und daraus trank.

»Ich bin nur für ein paar Tage hier, das wird nicht nötig sein!«, sprudelten die Worte viel schneller aus Emma heraus, als sie es beabsichtigt hatte.

»Ach ja?«

Wieder zog er eine Augenbraue hoch. Dann unterbrach das schrille Piepen der Mikrowelle das Gespräch. Tyler betätigte den Druckknopf, woraufhin die Tür aufsprang, und Emma nahm an, dass er vorhatte, ihr den Teller zu bringen. Aber er tat nichts dergleichen.

»Willst du dir dein Essen nicht holen?«, fragte er mit einem Grinsen auf den Lippen, das sie innerlich erschaudern ließ.

»Klar«, antwortete Emma und ging zu ihm rüber. Sie nahm den Teller aus der Mikrowelle und wandte sich schnell wieder ab.

»Emma …«

Es gefiel ihr überhaupt nicht, wie er ihren Namen aussprach. Seinem Ton wohnte so eine Schärfe inne, die in ihr direkt ein ungutes Gefühl aufsteigen ließ.

»Ja?«

Sie drehte sich um.

»Ich habe das ernst gemeint, was ich vorhin zu dir gesagt habe.«

Tyler sah sie eindringlich an. Emma verstand nicht warum, aber sie bekam auf einmal ganz weiche Knie. Unvermittelt riss Mrs Lang die Tür auf.

»Emma, was machen Sie hier oben so lange?«, fragte sie mit kritischem Blick.

»Ich habe nur mein Essen geholt«, antwortete Emma wahrheitsgemäß.

»Ich habe sie aufgehalten«, erklärte Tyler ruhig. Mrs Lang sah zu ihm rüber und zurück zu Emma, ehe sie keifte:

»Aber ganz schnell wieder nach unten! Sehen Sie zu, dass sie demnächst pünktlich zu den Mahlzeiten erscheinen!«

Emma gehorchte und leistete den Anweisungen ohne Umschweife Folge. Ihr Herz klopfte etwas stärker als gewöhnlich, weil sie so angeblafft wurde. Aber Emma wusste, dass Mrs Lang recht hatte, denn sie hätte wirklich pünktlich sein sollen. Dann wäre sie auch nicht noch mal mit Tyler zusammen getroffen. Was machte jemand wie er an einem Ort wie diesem? Er war mindestens achtundzwanzig oder vielleicht sogar älter, das war wirklich schwer zu sagen. Das konnte unmöglich sein richtiger Job sein. Studierte er vielleicht noch? Oder gab er die Aktivitätsstunden hier nur nebenbei? Eigentlich konnte Emma das auch ganz egal sein, aber gewusst hätte sie es trotzdem gerne. Auch wenn sie ihn nicht ausstehen konnte, musste Emma zugeben, dass sie irgendetwas an seiner Präsenz faszinierend fand.

Glühwürmchen

Die Tage in der Klinik waren nie langweilig. Emma war gerne in dieser bunt gemischten Gruppe von Menschen und sie mochte die Struktur, nach der alles ablief. Inzwischen hatte sie sich eingelebt und war manchmal fast ein bisschen traurig darüber, dass sie Belinda und Loren schon in Kürze Lebewohl sagen musste. Obwohl Loren noch immer nicht sonderlich viel mit ihr sprach, schien sie Emma jetzt besser leiden zu können. Sie hatten schon zweimal zusammen Küchendienst gemacht und währenddessen sogar ein paar Mal gemeinsam gelacht. Außerdem hatte Loren ihr neulich bei der Kunsttherapie einen Platz neben sich freigehalten. Das fand Emma sehr nett, da die Therapeutin immer recht leise sprach. Wenn man zu spät kam und weiter hinten sitzen musste, fiel es schwer ihr zu folgen. Was schade war, weil das, was sie sagte, meistens sehr interessant war.

Zum Glück hatten sie in der Zwischenzeit keine Aktivitätsstunde mehr bei Tyler Mason gehabt. Seit ihrer letzten Begegnung musste Emma zwar immer wieder an ihn denken, aber das hing vermutlich nur damit zusammen, dass seine aufbrausende Art sie so verunsicherte.

»Kommst du nachher auch mit in die Stadt?«, fragte Belinda, als die drei Mädchen gemeinsam nach einer Gruppensitzung im Gebäudetrakt B wieder auf das Hauptklinikgebäude zuschlenderten.

»Wahrscheinlich nicht. Ich habe ein Buch dabei, das ich endlich lesen möchte«, antwortete Emma.

»Ach Emmi, du bist so langweilig! Lesen kannst du auch noch, wenn du tot bist!«, stöhnte Belinda und rollte mit den Augen.

»Genau genommen kann sie das nicht. Denn wenn sie tot ist, ist sie tot«, erklärte Loren trocken.

»Herr im Himmel! Euch zweien ist wirklich nicht mehr zu helfen!«, fluchte Belinda lachend. »Dann ziehe ich eben alleine mit Rowdy um die Häuser!«

»Ich habe nicht gesagt, dass ich nicht mitkomme«, entgegnete Loren, nachdem sie ihren pinken Kaugummi an den Wegesrand gespuckt hatte.

»Na dann los! Ich will mich noch aufbrezeln«, drängte Belinda und zog Loren am Arm.

Weil Emma keine Lust hatte schneller zu laufen, rief sie den beiden »Bis später!« hinterher, statt sich ihrem Tempo anzupassen. Einige Sonnenstrahlen, die durch die Baumwipfel der großen Buchen und Eichen fielen, erzeugten ein schönes Licht- und Schattenspiel auf der Wiese. Kurzerhand beschloss sie, einen anderen Weg zum Hauptgebäude zu nehmen. Sie war dort noch nie lang gegangen, deshalb fühlte sie sich geradezu abenteuerlustig.

Als Emma um die Ecke bog, erkannte sie einige Meter entfernt eine sehr große Gestalt, die wild gestikulierte und fluchte. Erst erschrak sie ein bisschen, ging dann jedoch mutig weiter, auch weil sie ein wenig neugierig war. Je näher sie der Ansammlung von Bänken kam, zwischen denen der Mann aufgeregt hin und her lief, desto größer wurde Emmas Ahnung, um wen es sich handelte.

»Du hast ja keine Ahnung, wovon du da sprichst! Ich werde für dich keinen einzigen Finger mehr krumm machen! Das war’s! Betrachte unsere Beziehung als beendet!«, hörte Emma Tyler Mason in sein Handy brüllen. Dabei trat er eine der Parkbänke um und es wirkte, als wäre das kein sonderlich großer Kraftaufwand für ihn gewesen. Derart in Rage machte er ihr noch mehr Angst als sonst. Als Tyler das Gespräch beendete, hatte er Emma offensichtlich noch nicht bemerkt, denn er holte ein paar Mal tief Luft und machte eine Reihe von Bewegungen, die sie noch nie gesehen hatte. Anschließend hob er die Bank wieder auf und setzte sich darauf. Dass Tyler seine Wut derart gut unter Kontrolle hatte, imponierte Emma. Sie wünschte, das wäre bei ihrem Stiefvater Henry auch der Fall gewesen. Sie hätte Tyler gerne gefragt, wie er das geschafft hatte. Allerdings musste sie dazu mit ihm reden und Emma wusste nicht, ob sie das wirklich wollte. Gerade als sie überlegte umzukehren, blickte er plötzlich zu ihr. Es sah vermutlich reichlich dämlich aus, wenn sie genau jetzt eine Kehrtwendung machte. Außerdem wollte Emma nicht, dass er dachte, sie würde ihn meiden. Wahrscheinlich war es genau das, was er wollte: Macht ausüben! Also ging sie betont lässig und so selbstbewusst wie möglich an der Bank, auf der er saß, vorbei.

»Hey!«, sagte er und Emma drehte sich blitzschnell in seine Richtung. Seine blauen Augen strahlten sie an. Das verwunderte Emma irgendwie, denn sie hatte erwartet, dass sein Gesicht noch von seinem Wutausbruch gezeichnet wäre.

»Wie lange bist du schon hier?«, fragte er ruhig.

»Lange genug«, antwortete Emma schnippischer, als sie es eigentlich wollte. Warum verhielt sie sich bloß immer so komisch in seiner Nähe?

»Tut mir leid, dass du das mit ansehen musstest!«, entschuldigte er sich und Emma war überrascht, wie nett er auf einmal wirkte.

»Was waren das für Übungen, die du da gerade gemacht hast?«, wollte sie von ihm wissen. Sie war selbst erstaunt darüber, dass sie gar nicht weiter darüber nachgedacht hatte, ob das eine gute Idee war.

»Das waren Bewegungen aus dem Qi Gong, um mich zu beruhigen. Ich hätte die Bank vorher nicht umtreten sollen. Da habe ich mich von meinen Emotionen vollkommen vereinnahmen lassen. Das ist nie gut. Aber manchmal macht man eben Fehler«, sagte Tyler, während er sich mit der rechten Hand über den kräftigen Nacken rieb. Er trug wieder ein schwarzes Muskelshirt und darüber eine Zipperjacke, die halb offen stand. Irgendwie gefiel es Emma, dass sie seine Brustmuskeln sehen konnte.

»Woher kanntest du neulich eigentlich meinen Namen?«, traute sie sich jetzt zu fragen. Immerhin wirkte er gerade richtig freundlich und sehr viel weniger furchteinflößend.

»Ich habe mich nach dir erkundigt«, antwortete er ohne Umschweife.

»So schnell?«, fragte Emma verdutzt. Zwischen dem Ende der Aktivitätsstunde und ihrem Aufeinandertreffen in der Küche waren ja bloß wenige Stunden vergangen.

»Wieso?«, schob Emma noch schnell hinterher, bevor sie sich vielleicht später nicht mehr traute.

Tyler deutete Emma an, sich neben ihn zu setzen, indem er seine Hand auf die leere Fläche auf der Bank platzierte. Als sie zögerte, scherzte er:

»Na komm schon, ich beiße nicht!«

Weil Emma immer noch nicht wollte, dass er sich einbildete, irgendeinen Einfluss auf sie zu haben, setzte sie sich auf die äußerste Kante der Bank.

»Also …?«, hakte sie noch mal vorsichtig nach. Auch, um die unangenehme Stille zwischen ihnen zu unterbrechen. Tyler sah Emma eindringlich an. Es erstaunte sie immer wieder, wie blau seine Augen waren. Plötzlich ließ er seinen Blick in die Ferne schweifen, ehe er sprach:

»Vielleicht erinnerst du mich an ein Mädchen, das ich mal kannte.«

»Vielleicht?«, platzte es aus Emma heraus. Die Richtung, in die sich dieses Gespräch gerade entwickelte, machte sie richtig neugierig. Tyler grinste und etwas in seinen Augen funkelte auf, bevor er sie neckte:

»Ich wusste, dass da irgendwo auch etwas Kesses in dir steckt! Komm her, ich zeig dir mal was!«

Ohne Vorwarnung stand er auf, griff nach Emmas Hand und zog sie hoch.

»Kannst du dich noch an die Übung aus der Aktivitätsstunde erinnern?«, fragte er, während er sich hinter ihr aufstellte.

»Ja«, antwortete Emma. Sie wusste nicht, ob es daran lag, dass sein abruptes Hochziehen sie so überrumpelt hatte, aber da war nichts als Neugier, was als Nächstes passieren würde. Kein ängstlicher Gedanke weit und breit in Emmas Kopf.

»Weil du so schnell abgehauen bist, hast du den wichtigsten Teil verpasst … hier waren die Hebelpunkte … Schulter … und Hüfte … jetzt die Arme ausstrecken …«, erklärte er sanft. Als seine Hände unter ihre Arme fuhren und sie seitlich aufrichteten, bekam Emma eine Gänsehaut.

»Wenn dir noch mal jemand an den Hals gehen will, dann fasst du ihn hier und hier an und schlägst ihm dann mit aller Kraft genau … dorthin