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Seit einem traumatischen Unfall kann Willow der freien Natur nicht mehr viel abgewinnen. Aber ausgerechnet sie wird von ihrem Chef für einen Fotoauftrag in die Adirondack Mountains geschickt, genauer gesagt: nach Berryfield. Die Griffin-Brüder erklären sich bereit, ihr die Gegend zu zeigen, aber die Aufgabe bleibt an Samuel hängen. Der findet die quirlige Willow etwas anstrengend und oberflächlich, aber bei jedem gemeinsamen Streifzug durch die Gegend merkt er, dass sein erster Eindruck ihn vollkommen getäuscht hat. Und das Kribbeln in seinem Bauch lässt sich von Tag zu Tag weniger ignorieren … Auch Willow lässt der wortkarge Einzelgänger nicht kalt, der sich lieber um verletzte Tiere kümmert, als mit Menschen zu reden. Aber Sam hat sich geschworen, sich sein Herz nicht noch einmal brechen zu lassen. Kann Willow ihn dazu bringen, über seinen Schatten zu springen und sie in sein Leben – und sein Herz – zu lassen?
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Seitenzahl: 425
Veröffentlichungsjahr: 2025
Isabell Bennett
Mountain Dreams 3
Roman
Als die Fotografin Willow für einen Auftrag in die Adirondack Mountains geschickt wird, bleibt die Aufgabe, ihr die Gegend zu zeigen, an Samuel hängen.Der findet die quirlige Willow etwas anstrengend und oberflächlich, aber bei jedem gemeinsamen Streifzug durch die Gegend merkt er, dass sein erster Eindruck ihn vollkommen getäuscht hat. Und das Kribbeln in seinem Bauch lässt sich von Tag zu Tag weniger ignorieren …
Auch Willow lässt der wortkarge Einzelgänger nicht kalt, der sich lieber um verletzte Tiere kümmert, als mit Menschen zu reden.
Aber Sam hat sich geschworen, sich sein Herz nicht noch einmal brechen zu lassen. Kann Willow ihn dazu bringen, über seinen Schatten zu springen und sie in sein Leben – und sein Herz – zu lassen?
Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de
Isabell Bennett widmet sich dem Schreiben seit Jahren mit Herz und Seele, und hat bereits zahlreiche Romane veröffentlicht. Eines haben diese Bücher gemeinsam: Isabell schreibt für ihr Leben gern über die Liebe. Mit ihrer Hündin Skadi unternimmt sie oft lange Spaziergänge in der Natur und hat sich dabei in die Adirondack Mountains geträumt – und so ist das fiktive Örtchen Berryfield entstanden.
Auf Instagram findet ihr alles rund um Isabell und ihren (Schreib-)alltag unter @isabellmay.autorin.
Erschienen bei FISCHER E-Books
© 2025 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, 60596 Frankfurt am Main
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Langenbuch & Weiß Literaturagentur.
Redaktion: Silke Reutler
Covergestaltung: www.buerosued.de
Coverabbildung: www.buerosued.de
ISBN 978-3-10-492045-0
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[Widmung]
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Epilog
Danksagung
Für dich, weil du in deinem Leben etwas verloren hast, etwas Großes und Wichtiges, und dich manchmal fragst, wie es weitergehen soll.
Für dich, weil du deine Narben manchmal hinter einem Lächeln versteckst.
Und für dich, einfach weil du eine Auszeit vom Alltag vertragen kannst. Gute Reise nach Berryfield!
Willow
New York glänzt wie flüssiges Gold. Es ist einer der Momente, in denen man vergisst, wie schmutzig, wie laut, hektisch und manchmal sogar übel riechend diese gigantische Stadt sein kann. Denn jetzt gerade ist sie atemberaubend schön.
Wortwörtlich atemberaubend. Ich halte die Luft an, bis meine Lungen fast bersten, während ich auf dem kalten, glatten Beton knie, die Kamera fest in meinen Händen. Der Sucher ist mein Fenster zur Welt, und in diesem Moment existiert nichts anderes als das Bild, das ich festhalten will. Die Geräusche der Stadt hüllen mich ein wie eine warme Decke. Das unaufhörliche Rauschen der Autos, das gelegentliche Hupen und das Stimmengewirr der vielen Menschen, die an mir vorbeilaufen, verschwimmen zu einem beruhigenden Hintergrundgeräusch.
Die Dämmerung senkt sich auf die Stadt, taucht sie in ein goldenes Licht, das alles um mich herum zum Leuchten bringt. Die Hochhäuser wirken wie riesige, glitzernde Monumente, deren Schatten sich in den Pfützen auf dem Gehweg spiegeln. Es ist dieser magische Moment, den ich einfangen muss – der Augenblick, in dem sich das Licht mit der Architektur vereint, über glänzende gläserne Fassaden fließt und die Stadt ihre ganz eigene Geschichte erzählt.
Ich rücke ein wenig nach rechts, bis der Bildausschnitt im Sucher genau so ist, wie ich ihn mir vorstelle. Meine Gedanken sind fokussiert auf die Komposition, das Zusammenspiel von Licht und Schatten. Ich lasse meine Finger über die Kamera gleiten, ich justiere die Blende und die Verschlusszeit. Vertraute Bewegungen, die ich schon tausendmal gemacht habe. Das Klicken der Kamera beruhigt mich, es ist ein Geräusch, das mich seit Jahren begleitet, das mir Sicherheit gibt.
Ein Paar geht an mir vorbei, ihr Lachen hallt in mir nach. Sie sind ganz in ihre eigene Welt versunken, in dieser Millionenmetropole gibt es für sie nur einander. Ihr Anblick zaubert ein Lächeln auf meine Lippen. Als sie an mir vorüber sind und ich ihre Rücken sehe, drücke ich noch mal ab. Einmal, zweimal. Halte den Moment zwischen ihnen fest, der so alltäglich und doch so besonders ist. Für das Projekt, an dem ich gerade arbeite, kann ich die Fotos von diesen Fremden nicht nutzen, aber der Augenblick war zu schön, um ihn einfach vorüberziehen zu lassen. Ich habe ihn eingefangen, nicht nur für mich, sondern auch für meine Instagram-Follower.
Die beiden sind weg, um die nächste Häuserecke verschwunden. Das letzte Licht des Tages bricht sich in den Fensterscheiben der Gebäude und wirft lange, dramatische Schatten auf den Asphalt. Ich halte die Luft an und drücke den Auslöser. Mit einem Klicken fängt meine Kamera den Moment ein, und für den Bruchteil einer Sekunde scheint die Zeit stillzustehen.
Ich werfe einen schnellen Blick auf das Display, und ein zufriedenes Lächeln breitet sich auf meinen Lippen aus. Perfekt. Genau so, wie ich es mir vorgestellt habe.
Ich stehe auf und streiche mir eine Haarsträhne zurück, die der Wind mir ins Gesicht geweht hat. Obwohl der Tag fast zu Ende ist, pulsiert die Energie durch meinen Körper – die Energie der Stadt, ihr stetiger Herzschlag, den ich als Echo bis in meine Fingerspitzen und Zehen spüre. Hier, inmitten der Hektik und des Trubels, in diesem ewigen Fluss von Bewegung und Licht, bin ich ganz in meinem Element. Ich halte fest, was für andere nur flüchtig ist. Zwischen den glitzernden Fassaden und den endlosen Straßen fühle ich mich lebendig. Hier kann ich die Schönheit sichtbar machen, die sich in jedem Winkel dieser Stadt verbirgt.
Es wird langsam dunkler, das goldene Licht schwindet, die Lichter der Hochhäuser beginnen zu flimmern. Ich atme tief ein, nehme die Atmosphäre in mich auf. Es ist dieser Kontrast, den ich liebe – zwischen Tag und Nacht, zwischen Licht und Schatten. Es ist, als würde die Stadt in diesen Momenten ihre wahre Seele offenbaren, und ich bin diejenige, die sie erkennt.
Nachdem ich die Kamera und die verschiedenen Objektive ganz behutsam in der Tasche verstaut habe, nehme ich mir noch kurz Zeit, auf Instagram zu gehen und ein paar Eindrücke vom heutigen Shooting zu posten. Noch so etwas, was mir das Gefühl gibt, lebendig zu sein: Mich mit meinen Followern zu vernetzen, mit Leuten aus aller Welt in Kontakt zu stehen und mich als Teil eines wunderbaren, großen Ganzen zu fühlen – niemals allein zu sein.
Mein Handy klingelt und unterbricht die Story, die ich gerade aufnehme.
»Hey, wie läuft’s?«, fragt mein Chef ohne Begrüßung.
»Perfekt.« Ich strahle übers ganze Gesicht, während ich die Schnallen meiner Kameratasche mit einer Hand schließe. »Die Bilder sind im Kasten. Genau so, wie ich sie haben wollte. Das Licht hat optimal mitgespielt. Ich mache mich zu Hause gleich an die Bearbeitung.«
»Ähm, ja. Bevor du nach Hause fährst, kannst du noch kurz hier vorbeischauen? Geht um dein nächstes Projekt.«
»Welches nächste Projekt?«
»Eben. Muss ich dir erzählen. Aber nicht am Telefon.«
»Was …« Weiter komme ich nicht, er hat aufgelegt. Seufzend verdrehe ich die Augen. Typisch David, immer zu beschäftigt, um sich auch nur einen Moment ineffizienten Plauderns zu gönnen. Aber er hat mich richtig neugierig gemacht.
Mit einem letzten Blick auf die Skyline mache ich mich auf den Weg zurück zum Redaktionsgebäude, um meinem Chef die Details über das neue Projekt aus der Nase zu ziehen, für das er mich einteilen will.
David Harrington – der große Boss, der Chefredakteur. Er ist so etwas wie mein Mentor, seit ich bei Elemental als Fotografin angefangen habe.
»Komm rein. Setz dich.« Er winkt mich herein, ohne von seinem Monitor aufzuschauen. Die verglaste Front seines Eckbüros gibt den Blick frei auf die unzähligen Lichter der Hochhäuser, Straßen und Autos. Auf die Stadt, die niemals schläft.
Statt mich auf den Lederstuhl ihm gegenüber an den Schreibtisch zu setzen, gehe ich am bodentiefen Fenster entlang und schaue auf den sich träge durch die Stadt wälzenden Hudson River, in dem sich die Lichter der Wolkenkratzer spiegeln. Die Redaktionsräume von Elemental haben eine unfassbare Lage – ganz oben in einem Hochhaus im Herzen von Manhattan, nicht weit vom Ufer des Hudson River. David hat mir mal erzählt, dass die Nähe zum Fluss aus seiner Sicht die Verbundenheit mit der Natur symbolisiere, die selbst hier inmitten der urbanen Umgebung zu spüren sei, und sich eben darin die Ausrichtung des Magazins manifestiere – Medientypen-Blabla eben. Große Worte, die man so auf den Punkt bringen kann: Man hat von den Redaktionsbüros aus einen Hammerausblick auf New York, und die Lage ist verdammt teuer, was sich Elemental aber leisten kann – genauso wie die sogenannten Kreativbereiche mit dschungelartigen Pflanzen und lässigen Loungemöbeln, eine Galerie, in der regelmäßig Ausstellungen von Fotografien und Kunstwerken stattfinden, die in der Zeitschrift gefeaturt werden, und ein modernes Fotostudio, in dem wir Fotografinnen und Fotografen arbeiten und alle Vorbereitungen für unsere Projekte direkt vor Ort erledigen können.
Das Tippen auf der Tastatur ist das einzige Geräusch, dass das Büro erfüllt. Mein Gesicht spiegelt sich in der Scheibe, große blaue Augen schauen unter einem dichten dunkelbraunen Pony hervor. Auf der Nase thront meine Brille mit großen, kreisrunden Gläsern und filigraner Metallfassung.
Kurz ertappe ich mich bei dem Verlangen, gegen die Scheibe zu hauchen und die Konturen der Skyline mit dem Finger nachzuzeichnen, so wie ich früher als Kind Herzen oder Sternchen auf den Badezimmerspiegel oder das Wohnzimmerfenster gemalt habe.
»Du weißt schon, dass es ein kleines bisschen ablenkend ist, wenn du hier so rumhampelst, oder?« Er schmunzelt und rollt mit dem Designer-Bürostuhl ein Stück zur Seite, damit er an seinem Monitor vorbeischauen kann.
Ich lasse mich jetzt doch auf den Lederstuhl fallen, auf dem ich schon oft gesessen habe, stütze die Ellenbogen auf die Tischplatte und das Kinn auf die verschränkten Finger. »Erleuchte mich, großer Meister. Was ist mein nächstes Projekt? Es muss ja was Verrücktes sein, wenn du mir die Details nicht einfach mailst.«
Er hebt eine Augenbraue und lehnt sich zurück, wobei seine Hände hinter dem Kopf verschwinden. Seine grauen Augen mustern mich. »Verrückt ist relativ. Aber es ist auf jeden Fall anders als alles, was du bisher gemacht hast.« Er tippt etwas in sein Tablet ein und schiebt es mir dann über den Tisch zu. Darauf sind Fotos von dichten Wäldern, schimmernden Seen und rauen Bergspitzen zu sehen. »Die Adirondacks«, sagt er, als würde das alleine schon genügen.
»Hä?«, entgegne ich geistreich und ziehe das Tablet näher an mich heran. »Okay, und weiter?«
»Eine Fotoreportage. Du wirst dorthin reisen und mir die verdammt besten Bilder liefern, die je in den Adirondacks geschossen worden sind. Es ist eine große Sache, Willow, ein anspruchsvolles Naturfotografieprojekt.«
Irritiert blinzle ich und starre dann auf die Bilder. »Natur? Ernsthaft? Natur, wie in … Landschaften, Bäume, äh … Pflanzen und so Zeug, Tiere, Steine? Sprechen wir von der Art von Natur? Ich bin keine Naturfotografin.«
»Gerade deswegen.«
Absolut nervenaufreibend, wenn er so drauf ist, wenn er mich ganz ruhig anschaut, als wäre das eine Prüfungssituation und als würde er geduldig darauf warten, dass mir die richtige Antwort selbst einfällt.
Er weiß ganz genau, dass Naturfotografie echt nicht mein Ding ist. Ich mache alles Mögliche – Architektur, urbane Motive, Mode und Lifestyle, ich fotografiere auf Veranstaltungen und Festivals … Aber wenn es etwas gibt, was wirklich ganz und gar nicht zu meinem Portfolio zählt, dann sind das Bilder von Bäumen, Steinen und Tieren.
Es ist nicht so, als würde ich mich davor drücken wollen. Irgendwie sind doch die meisten Herausforderungen irgendwie spannend. Aber mal davon abgesehen, dass ich mir Schöneres vorstellen kann, als tage- oder wahrscheinlich eher wochenlang durch die Wildnis zu klettern und mir Blasen an den Füßen und Moskitostiche am Allerwertesten zu holen, ergibt es wirklich nullkommagarkeinen Sinn, dass David dafür ausgerechnet mich aussucht.
»Ich kann dir aus dem Stegreif zehn Fotografinnen und Fotografen nennen, die auf solche Motive spezialisiert sind. Aber das muss ich gar nicht, weil du das besser weißt als ich.« Ich verschränke die Arme vor der Brust und lege den Kopf schief, als ich ihn fragend anschaue. Mein Pony ist mittlerweile zu lang geworden und fällt mir in die Augen. Ich puste ihn nach oben. »Also, was steckt dahinter?«
Gelassen erwidert er meinen Blick. »Mir geht es nicht um die hundertste austauschbare Naturreportage, ich will eine frische Perspektive. Das Projekt soll die Schönheit und Vielfalt der Adirondacks durch die Linse einer Fotografin zeigen, die nicht sofort mit Naturfotografie assoziiert wird. Da kommst du ins Spiel. Gerade weil es nicht das ist, was du sonst machst, sehe ich da eine Menge Potenzial für eine einzigartige Inszenierung der Adirondacks. Außerdem bist du verdammt gut, vielseitig, hast ein hervorragendes Auge für Details. Deinen Stil in Kombination mit den Motiven, die du dort finden wirst, das will ich im Magazin sehen.«
»Komm schon, David, tu mir das nicht an«, jammere ich. »Ich bin echt nicht für die Wildnis gemacht. Ich gebe mir selbst keine drei Tage, dann werde ich mit einem Rettungshelikopter zurück in die Stadt geflogen. Mit gebrochenen Knochen und übersät von Tierbissen.« Ich schaudere allein bei dem Gedanken, durch Gestrüpp zu latschen, während Spinnen durch meine Haare krabbeln und mich wilde Tiere verfolgen. Wie soll ich unter solchen Bedingungen vernünftige Fotos hinbekommen?
»Du wirst nicht allein sein.« David legt die schlanken Finger aneinander und sieht mich ungerührt an. Die Ärmel seines schlichten schwarzen Sakkos hat er bis zu den Ellenbogen hochgeschoben. Er ist schlank, sogar schlaksig, und dass er mich bei weitem überragt, liegt nicht nur daran, dass ich eher etwas zu kurz geraten bin. »Samantha hat bereits einen lokalen Sporttrainer und Wanderführer organisiert. Hudson Griffin. Ein erfahrener Guide, der das Gebiet wie seine Westentasche kennt. Er wird dir die schönsten Orte zeigen. Bei ihm wirst du in guten Händen sein.«
Ich schlucke, betrachte die Bilder erneut. Die ruhigen Gewässer, die majestätischen Bäume – sie sind schön, keine Frage. Solche Landschaften sehe ich mir auch gerne an – in Filmen, auf Postern. Dazu muss ich nicht selbst in die Wildnis reisen. Die bloße Vorstellung, meinen vertrauten Großstadtdschungel hinter mir zu lassen und dort draußen zu sein, löst ein unbehagliches Gefühl in mir aus.
Allerdings weiß ich auch, dass David mich nicht gefragt hat. Er hat beschlossen. Wir haben einen lockeren Umgang miteinander, aber der kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass er hier der Chef ist. Elemental ist sein Herzensprojekt, seine Berufung. Wenn er für das Magazin eine Entscheidung getroffen hat, gibt es daran nichts zu rütteln.
»Na schön. Ich mache es. Wenn mich die Wölfe fressen, will ich einen doppelseitigen Nachruf im Magazin«, murre ich.
»Ich glaube nicht, dass es dort Wölfe gibt«, sagt er milde. »Und wenn doch, erwarte ich, dass du eindrucksvolle Fotos von ihnen lieferst.«
»Davon, wie sie mit aufgerissenen Mäulern und gefletschten Zähnen auf mich zurennen«, seufze ich und stehe auf. »Ist ja in Ordnung. Ich mache es.«
Mir bleibt nichts anderes übrig, als mich darauf einzulassen und zu versuchen, irgendetwas Positives daran zu finden. Ich muss dieses Projekt als eine Herausforderung betrachten und vielleicht auch als eine Art kleine Mutprobe.
David lächelt zufrieden. »Gut. Ich sage Samantha Bescheid. Sie wird dir alle Details und den Kontakt zu deinem Guide mailen. Pack warme Kleidung ein, es wird kälter sein als hier.«
Als ich mit einem schicksalsergebenen Seufzen auf die Tür zugehe, fühlt sich jeder Schritt schwer an, so als würde ich bereits die feuchte Erde der Adirondacks unter meinen Füßen spüren. So ein Mist. Ein bisschen bin ich stolz, dass David mir das zutraut und mir bei jeder Gelegenheit versichert, wie talentiert er mich findet. Allerdings würde ich dieses Talent lieber überall anders auf der Welt einsetzen als in so einer Wildnis.
»Willow?«
Ich bleibe stehen, die Hand schon am Türgriff. »Ja?«
»Was machen die Albträume?«
Er ist einer von nicht mal zehn Leuten, denen ich davon erzählt habe. Nicht nur von den Träumen, sondern vor allem von dem, was dahintersteckt. Und das auch nur, weil er mich mal auf einem Event – einem rauschenden Fest mit aufgetakelten Gästen und Kaminfeuer – zitternd und hyperventilierend hinter einem Vorhang versteckt gefunden und auf seine ruhige, bestimmte Art Antworten eingefordert hat.
»Sind okay«, murmle ich. »Halbwegs.«
Er nickt. »Dachte ich mir schon. Ich sehe die Augenringe unter deinem Concealer. Das ist noch ein Grund, warum ich finde, du solltest das Projekt übernehmen. Ein Tapetenwechsel kann Wunder wirken, Willow.«
Um meine Albträume loszuwerden, brauche ich auch wirklich ein Wunder. Aber ich bezweifle, dass die Adirondacks diese Art von Magie wirken können.
Samuel
Der Indian Summer lässt die Adirondacks strahlen. Die Bäume leuchten in allen erdenklichen Rot- und Orangetönen, und die Luft ist erfüllt von einem erdigen, süßen Duft, der mich jedes Mal an meine Kindheit erinnert. An die vielen Tage, die wir Brüder im Herbst von früh bis spät draußen in den Wäldern und an den Flüssen verbracht haben, mit schmutzigen Knien und Schuhen und den Köpfen voll dummer Ideen. Und an die Zeiten, als Mom und Dad noch gelebt haben – an Campingwochenenden und Abenteuerausflüge und daran, wie Dad uns das Fliegenfischen beigebracht hat.
Wir sind draußen, mitten in den Adirondacks, und die Sonne steht hoch am Himmel, wirft warme Strahlen auf das bunte Laub. Ich kontrolliere mit ruhigen, geübten Handgriffen meine Kletterausrüstung, ziehe den Gurt an meinem Körper fest und checke jeden Karabiner. Ich bin längst nicht mehr so oft hier draußen an der Felswand wie früher, als ich die Adirondack Adventures mit meinen Brüdern gemeinsam betrieben und Touris durch die Natur gescheucht habe. Mittlerweile stecke ich fast meine gesamte Zeit in die Tierarztpraxis und in meine kleine, private Wildtierauffangstation – da habe ich keine Möglichkeit mehr, mit Urlaubern Kletterstunden oder geführte Wanderungen zu machen. Die Sportschule ist fest in Noahs und Hudsons Händen, ich helfe nur in Ausnahmefällen aus – oder bringe die Buchhaltung in Ordnung, wenn die zwei Chaoten den Überblick verlieren.
Aber gewisse Handgriffe und Routinen vergisst man nicht, der Körper erinnert sich an das, was er gelernt hat. Es fühlt sich gut an, die alten Muskeln wieder zu spüren, den Nervenkitzel des Kletterns, das Kribbeln in den Fingern, wenn sie sich an einem Griff festhalten.
Hudson gibt natürlich wieder den Helden – wie immer. Seine Manöver sind waghalsig, unnötig riskant, aber das ist eben Hudson. Er fixiert einen Griff, der weit außerhalb seiner Reichweite liegt, mit einem entschlossenen Blick. Tief atmet er ein, spannt seinen gesamten Körper an und schwingt sich dann kraftvoll zur Seite. Mit einer geschmeidigen Bewegung stößt er sich von der Wand ab, die Muskeln in seinen Armen und Schultern arbeiten synchron, um ihn näher an sein Ziel zu bringen. Für einen Sekundenbruchteil scheint er schwerelos in der Luft zu hängen, bevor seine Finger den Griff umklammern.
Ohne Zögern zieht er sich hoch, ein triumphierendes Grinsen auf den Lippen, während er sich kurz umsieht, als wolle er sicherstellen, dass seine waghalsige Aktion auch wirklich von allen bemerkt wurde.
Ich kann nicht anders, als den Kopf zu schütteln. »Eines Tages wirst du damit so was von auf die Schnauze fallen«, murmele ich leise, doch mein Kommentar stößt bei ihm auf taube Ohren.
»Angeber«, zischt Nova.
Er lacht sein unbeschwertes, offenes Lachen, das immer sein ganzes Gesicht zum Strahlen und seine blauen Augen zum Funkeln bringt. Voll und ganz der Sonnyboy der Familie, der krasse Kontrast zu mir. »Du stehst doch drauf«, ruft er ihr unbeschwert zu.
Sie gibt einen Laut von sich, halb Prusten, halb Lachen. »Ja, weil ich an Geschmacksverirrungen leide.«
Tapfer kämpft sie sich ebenfalls an der Wand hoch. Ihr Gesicht ist angespannt, die Höhenangst merkt man ihr deutlich an, aber sie gibt nicht auf. Stur, wie sie ist, will sie es Hudson beweisen – und sich selbst. Dabei stellt sie sich trotz ihrer Angst verdammt geschickt an. In ihren schwarzen, engen Sportklamotten, die ihre schlanke Figur betonen, hat sie etwas von einem geschmeidigen Wildtier.
»Ihr seid doch verrückt, alle verrückt«, murmelt Emma vor sich hin. »Habt ihr denn alle Superkräfte, oder wie macht ihr das?«
Auch sie trägt heute Sportklamotten anstelle ihrer üblichen langen Hippiekleider – ein ungewohnter Anblick. Ihre langen, hellblonden Haare glänzen im Sonnenlicht. Noah erklärt ihr geduldig die Grundtechniken, seine Hand liegt schützend auf Emmas Rücken, und sie müht sich an einem einfacheren Stück der Felswand ab. Er ist vielleicht der beste Sporttrainer von uns drei Brüdern, hat endlose Geduld mit Anfängern, ganz besonders, wenn es um seine Verlobte geht.
»Du schaffst das, Emma! Du machst das doch schon echt gut«, feuert Lottie sie an. Sie hat in der Zwischenzeit das obere Ende der Wand erreicht, macht deshalb aber keine solche Show wie Hudson, sondern beginnt entspannt mit dem Abstieg. Geschickt landet sie auf ihren Füßen und klopft sich die Hände ab. Ihre durchtrainierten Oberarme kommen im roten Tanktop gut zur Geltung. Sie fährt sich über die kurzen schwarzen Haare und ruft Emma lachend zu: »Auf jeden Fall besser als mein werter Herr Bruder, der mal wieder seinen Hintern nicht hochkriegt.«
»Ich gehe eben sparsam mit meinen Energiereserven um.« Riley schiebt die John-Lennon-Sonnenbrille auf seiner Nase hoch und streckt seine langen, schlaksigen Arme. Mit seinen unzähligen Tattoos und Piercings sieht er wie eine lebende Leinwand aus. Entspannt sitzt er auf einem Campingstuhl im Schatten eines Baumes und nippt immer wieder an seiner Pepsi. »Außerdem machst du genug Sport für uns beide.«
Schmunzelnd hake ich meinen Karabiner in einen der Haken, die in den Felsen gebohrt sind, und beginne zu klettern. Wie von selbst weiß mein Körper, was zu tun ist, ich spüre die vertraute Spannung in den Muskeln. Es ist schön, wieder einmal den Kopf freizubekommen und nur im Moment zu sein. Etwas, was ich viel zu selten hinbekomme.
Ein lauter Aufschrei unterbricht die fröhliche Stimmung. Alle drehen sich gleichzeitig um. Mein Herz setzt einen Schlag aus, als ich sehe, wie Hudson den Halt verliert. Er fällt, und für einen endlosen Augenblick scheint die Zeit stillzustehen, bis sein Körper mit einem hässlichen, dumpfen Knall auf dem Boden aufprallt.
»Hudson!« Nova schreit auf, ihre Stimme ist schrill vor Panik.
Emma hat die Hand vor den Mund geschlagen, ihre Augen weit aufgerissen. Noah ist für einen Moment wie versteinert, dann stürmt er los.
Auch ich stürze los, auf meinen jüngsten Bruder zu, der reglos auf dem Rücken liegt, und bin der Erste, der bei ihm ankommt. Seine Augen sind zusammengekniffen vor Schmerz. Sein Bein steht in einem unnatürlichen Winkel ab, und ich sehe auf den ersten Blick, dass es gebrochen ist.
»Verdammt«, fluche ich leise. Das sieht übel aus.
»Verdammt? So schlimm? Werde ich überleben, Herr Doktor?« Er öffnet die Augen und bringt ein schiefes Grinsen zustande.
»Klappe, Küken. Nicht bewegen«, kommandiere ich ruhig. Ich knie mich neben ihn und überprüfe schnell, ob es noch weitere Verletzungen gibt. »Es ist das Bein, aber sonst scheint nichts gebrochen zu sein.«
Meine Hände arbeiten routiniert, als ich ihm das Bein notdürftig stabilisiere. Als Tierarzt habe ich oft mit verletzten Tieren zu tun, und bei denen ist es zwar ein bisschen, aber nicht völlig anders.
Nova kniet jetzt neben mir, kreidebleich und still. Ihre moosgrünen Augen sind riesig vor Schreck und glänzen feucht, aber sie bricht nicht in Tränen aus. Sie hält einfach Hudsons Hand, ihre Finger zittern.
»Wird er wieder okay?« fragt sie mit dünner Stimme.
Ich nicke. »Ja, das kommt schon wieder in Ordnung«, sage ich ruhig. »Aber er wird eine Weile außer Gefecht sein.«
»Geht doch nichts über einen Tierarzt in der Familie«, presst Hudson hervor. Sein Grinsen verrutscht, Schweiß glänzt auf seiner Stirn. Er versucht, die Schmerzen zu überspielen, aber es gelingt ihm nicht wirklich.
»Du bist nicht mein erster schwieriger Patient«, erwidere ich trocken, während ich eine provisorische Schiene aus zwei stabilen Ästen anlege. Alles andere als optimal, aber besser als nichts. »Glaub mir, du bist gar nicht so sehr anders als ein Ochse.«
»Hättest du mich nicht wenigstens mit einem Löwen oder so vergleichen können?«, beklagt er sich.
»Träum weiter.« Novas Unterlippe zittert, als ihr das bewusst wird, presst sie die Lippen kurz fest zusammen. »Dein Bruder hat dir noch geschmeichelt.«
Rasch fasst Hudson hoch an ihren Nacken und zieht sie zu sich herunter, so dass ihre Stirn seine berührt. »Hey. Alles ist gut, okay? Es ist nur das Bein«, sagt er leise, nah an ihrem Mund.
Das ist der Moment, in dem sie die Tränen nicht mehr zurückhalten kann. Sie schnieft, wischt sich die Tränen von den Wangen und nickt. Emma, die selber ganz aufgelöst wirkt, legt einen Arm um ihre Schultern. Nova schluckt und lehnt sich an Emma.
Aus den Augenwinkeln nehme ich wahr, dass Noah schnell reagiert hat und den Notruf wählt. Gut so. Jetzt kommt es darauf an, dass wir Hudson so schnell wie möglich ins Krankenhaus bringen.
Wie sehr ich Krankenhäuser hasse. Der Geruch raubt mir den Atem und zerrt die Erinnerungen brutal an die Oberfläche. Erinnerungen an die schlimmsten Momente meines Lebens, die tief in mir riesige Wunden geschlagen haben. Ich kann kaum atmen, starre aus dem Fenster in die wogenden Baumkronen.
Noah stößt mich leicht mit dem Ellenbogen an. Er weiß, wo ich in Gedanken gerade bin. Bei ihr, bei Chloe. Bei der Diagnose, den endlosen Stunden hier im Krankenhaus.
Ich zwinge Luft in meine Lungen, versuche durchzuatmen, aber die Beklemmung lässt sich nicht abschütteln. Eine Eisenklammer liegt um meine Brust und drückt sie zusammen.
Wir haben uns alle hier versammelt, die ganze Clique. Eigentlich sitzen wir hier nur im Weg rum, aber keiner von uns wollte es sich jetzt nehmen lassen, bei Hudson zu sein.
Der ist als Einziger erstaunlich guter Dinge, wahrscheinlich wegen der Schmerzmittel, die ihm verabreicht wurden.
»Ihr dürft alle auf meinen Gips kritzeln. Wie damals, als ich mir den Arm gebrochen habe und alle aus meiner Klasse sich auf dem Gips verewigt haben«, verkündet er fröhlich. Dann richtet sich sein Blick plötzlich auf mich, und sein übliches Grinsen mit den Grübchen tritt auf sein Gesicht. »Hey, weißt du, was das heißt, Samuel?«
Ich runzele die Stirn. »Was meinst du?«
»Du musst das Stadtmädchen betreuen.« Hudson lacht leise.
»Stadtmädchen?« Was auch immer jetzt kommt, ich weiß jetzt schon, dass es mir nicht gefallen wird.
»Na, diese Journalistin. Fotografin. Habe ich sicher mal erwähnt. Eigentlich sollte ich sie ein paar Wochen durch die Adirondacks führen. Aber mit diesem Ding hier …«, er deutet auf sein eingegipstes Bein, »… wird das wohl nichts.«
Ich starre ihn an. »Du verarschst mich, oder?«
»Ausnahmsweise nicht«, trällert er. »Das ist jetzt dein Job, großer Bruder. Viel Spaß damit.«
Willow
Die Straße schlängelt sich wie ein silbernes Band durch die bunten Hügel der Adirondacks. Die Sonne steht schon tief am Himmel, ihre goldenen Strahlen tauchen die Landschaft in ein warmes, fast unwirkliches Licht. Die Blätter der Bäume leuchten in allen erdenklichen Farben – von sattem Rot über leuchtendes Orange bis hin zu einem tiefen Gelb, das fast schon golden wirkt.
Diese Farben. Ich kann mich gar nicht an ihnen sattsehen. Ich versuche mich darauf zu konzentrieren, mein kleines Auto unfallfrei über die geschlungene Straße zu steuern, die mitten durch die Natur führt, aber immer wieder ertappe ich mich dabei, mit offenem Mund aus dem Fenster zu starren. Ich bin kein Naturkind, aber die Landschaft hier ist so eindrucksvoll, dass ich aus dem Staunen nicht herauskomme.
Spontan fahre ich auf einen schmalen Parkplatz am Straßenrand und halte an. Was ich da gerade entdeckt habe, ist ein wunderbares Fotomotiv. Ich bin zwar nicht auf Naturfotografie spezialisiert, aber ich habe Augen im Kopf und erkenne ein lohnenswertes Motiv, wenn es mir in den Blick kommt. Ich greife nach der Kamera und stelle den Fokus auf den schmalen Lichtstreifen ein, der sich zwischen zwei majestätischen Berggipfeln hindurch ins Tal ergießt. Keine Ahnung, ob ich das Bild für das Projekt nutzen kann – ich habe noch kein klares Konzept entwickelt –, aber festhalten muss ich es um jeden Preis.
Zufrieden lasse ich die Kamera sinken. Die Müdigkeit sitzt mir von der langen Fahrt in den Knochen. Zum Glück ist es nicht mehr weit, laut Google Maps gerade mal noch zwanzig Minuten. Ich gönne mir eine kleine Pause, lehne mich gegen mein Auto und genieße die Sonne, die auf mich herunterscheint. Trotz des klaren, frischen Herbsttages hat sie noch genug Kraft, um meine Haut angenehm zu wärmen.
Ich checke schnell meine Social-Media-Accounts und scrolle durch die neuesten Nachrichten und Kommentare. Gestern habe ich noch eine Umfrage auf meinem privaten Instagram-Account geteilt – wer schon mal in den Adirondacks war und wer nicht. Die Resonanz war riesig, und in den Antworten entdecke ich viele Tipps und Geschichten von meinen Followern. Ich summe vor mich hin, während ich ein paar Antworten schreibe und Herzchen verteile.
Lass dich nicht von den Bären fressen, lautet eine Nachricht. Ich gebe einen erstickten Laut von mir und weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Schnell mache ich noch ein paar Fotos mit meinem Handy, tippe Angekommen in der Wildnis darunter und setze mich dann wieder hinters Steuer, um die letzten Meilen zu fahren.
Das Haus steht am Rand eines Waldes, der es fast zu umarmen scheint. Eine rustikale Holzfassade trifft auf moderne Akzente – große Fenster, die viel Licht ins Innere lassen, und Solarpanels auf dem Dach, die das Gebäude umweltfreundlich machen.
Das ist es, das Greenhouse. Das Bed & Breakfast, in dem ich die nächsten Wochen verbringen werde. Samantha hat es für mich ausgesucht, also ist es sicher eine solide Wahl. Die Projektkoordinatorin hat sich wie üblich um den ganzen organisatorischen Kram gekümmert, alles gebucht und den Kontakt zum Guide hergestellt.
Hinter dem Haus glitzert ein See im letzten Licht des Tages, und rundherum erstreckt sich eine idyllische Gartenwildnis. Bunte Blumen blühen in allen Farben, die Beete sind noch voll mit dem letzten Gemüse des Jahres – Karotten, Kürbisse und vielleicht noch ein paar späte Zucchini. Das Land scheint sich noch dem Herbst zu widersetzen und in einem letzten, großen Aufbäumen des Sommers zu leuchten.
Neben einer Terrasse mit Holztischen und -bänken befindet sich ein kleiner Parkplatz. Ich steige aus dem Auto, strecke mich und atme tief ein. Die Luft ist frisch und klar, sie riecht nach Erde und Holz – ein Duft, den ich in der Stadt selten erlebe. Ich gehe die paar Stufen zur Veranda hoch und durch die offene Tür.
Drinnen empfängt mich eine wohltuende Mischung aus Rustikalität und Modernität. Die Wände sind holzvertäfelt, das gleiche helle honigfarbene Holz wie die Möbel. Der Stil ist minimalistisch, mit klaren Formen und Kanten. Eine indirekte Beleuchtung setzt die geraden Linien der Rezeption in Szene, hinter der die Wand pechschwarz gestrichen ist.
Der Name Greenhouse trifft es gut. Nicht nur rundherum ist alles grün, sondern auch hier drin gibt es so viele Pflanzen in schwarzen, schlichten Töpfen und Gefäßen, dass man sich fast wie in einem Gewächshaus fühlt.
Ich mag es hier auf Anhieb. Das Bed & Breakfast hat einen ganz eigenen Stil.
Hinter der Rezeption stehen zwei Frauen, die sich angeregt unterhalten. Die eine, kaum größer als ich – und ich bin wirklich alles andere als eine Riesin –, aber mit einer beeindruckenden Präsenz, strahlt mich an, als sie mich bemerkt. Sie ist ein sportlicher Typ, hat sonnengebräunte Haut, kurze Haare und trägt ein umwerfendes Lächeln zur Schau. »Willow Sinclair, richtig? Willkommen in den Adirondacks! Ich bin Lottie. Mir gehört das Greenhouse. Schön, dass du da bist.«
Die andere Frau, die sich mit einer fließenden Bewegung von einem Hocker erhebt, ist hochgewachsen und schlank. Ihr langes, braunes Haar ist zu einem hohen Dutt gebunden und sie trägt eine beigefarbene Chino und ein schwarzes Tanktop, das ihre Figur betont.
»Hi. Nova«, stellt sie sich vor, und ihre moosgrün schimmernden Augen mustern mich neugierig. »Schön, dich kennenzulernen.«
»Hi. Ja, ich bin Willow. Ich würde gerne einchecken. Die Redaktion müsste für mich gebucht haben.« Irgendwie bin ich erleichtert, dass die beiden nett wirken und ich nicht in einem horrorfilmtauglichen Gruselkaff mitten im Nirgendwo gelandet bin. Na ja, ich bin zwar hier eindeutig mitten im Nirgendwo – rundherum erstrecken sich Wälder, Berge und Hügel bis zum Horizont, und der Ort, Berryfield, ist sicherlich keine Metropole –, aber gruselig finde ich es hier bisher nicht.
Lottie sucht die Buchung heraus. Monitor, Tastatur und Computermaus auf der hellen Holztheke sind in elegantem Mattschwarz gehalten. Der Blick aus ihren dunklen Augen huscht über den Bildschirm. »Richtig, die Fotografin. Perfekt, da habe ich dich. Hier ist dein Schlüssel. Samuel weiß Bescheid. Er wird morgen vorbeikommen, um dich abzuholen und dir die Gegend zu zeigen. Heute willst du sicher erst mal in Ruhe ankommen und dich von der Reise erholen.«
»Samuel?« Ich blinzele verwirrt. »Mein Guide soll eigentlich Hudson heißen. Hudson Griffin.«
Lottie seufzt und lehnt sich etwas vor. »Das ist sein Bruder. Hudson hat sich leider das Bein gebrochen.«
»Weil er ein Idiot ist, der nicht gut genug auf sich aufpasst«, murmelt Nova.
Lottie grinst. »Sagt die Richtige.« Und an mich gerichtet: »Na ja, jedenfalls springt deswegen Samuel für ihn ein. Keine Sorge, du bist bei ihm in besten Händen.«
Ich nicke. »Oh, okay.« Soll mir recht sein. Solange da jemand ist, der sich hier auskennt, Ahnung von der Region hat und mich herumführt, ist mir herzlich egal, ob er Hudson oder Samuel heißt.
»Hast du schon gegessen? Sonst kann ich dir das ›The Mountain View‹ empfehlen.« Lottie lächelt herzlich. »Du kannst es gar nicht verfehlen, es ist der einzige Diner hier im Ort. Die haben saftige Burger und die bekannten Adirondack Blue Potatoes. Aber das Beste sind die Pancakes, die sind zum Niederknien. Sag Marc, dem Inhaber, einen Gruß von mir. Dann geizt er bei den Pancakes nicht mit dem Ahornsirup. Und ansonsten gibt es noch einen Pub, das ›Oak and Ivy‹. Das gehört meinem Bruder, ist aber trotzdem ziemlich cool.«
»Danke. Klingt beides gut«, sage ich. »Aber erst mal brauche ich eine heiße Dusche.«
Sie lacht. »Verständlich. Na dann helfe ich dir mal, dein Gepäck hochzutragen.«
»Lass mal, Lottie, ich mache das schon.« Nova schnappt sich meine Reisetasche – die Kameratasche mit der teuren Technik habe ich geistesgegenwärtig an mich gepresst, die ist mein Baby, die vertraue ich niemandem an. Mit großen, eleganten Schritten geht sie voraus und steigt die offene Treppe nach oben, die von einem schlanken Stahlgeländer gesäumt wird.
»Frühstück gibt es zwischen sieben und halb zehn«, ruft Lottie mir hinterher. »Ich wünsche dir eine gute erste Nacht in den Adirondacks!«
Nova lächelt. »Ich bin sicher, die wirst du haben. Riechst du das? Zedernholz. Ich schwöre, der Geruch hat eine magische Wirkung. Der wirkt unfassbar beruhigend. Ich habe nie besser geschlafen als hier in Berryfield.«
Sie führt mich an Zimmertüren vorbei, auf denen die Namen von Seen stehen: Saranac Lake, Mirror Lake, Tupper Lake, Lake George, Blue Mountain Lake. Auf der letzten Tür, vor der wir anhalten, steht Lake Placid.
»Du bist nicht von hier, oder?«, stelle ich fest. Sie spricht super Englisch, hat aber einen Akzent, den ich nicht genau zuordnen kann. Deutsch?
»Genau. Ich bin noch gar nicht so lange hier. Es sollte eigentlich nur ein kurzer Zwischenstopp auf meinem Work-and-Travel-Abenteuer sein.« Sie lacht. »Aber die Adirondack Mountains haben auch eine Art magische Wirkung, fürchte ich. Wenn man mal hier ist, will man nicht mehr weg.«
»Und jetzt arbeitet du hier im Greenhouse?«
»Nur stundenweise.« Sie schließt die Zimmertür auf. »Ich gebe Yogastunden. Aber manchmal helfe ich hier bei Lottie aus.«
Der Raum ist genauso cool und gemütlich wie der Eingangsbereich des Hauses, mit hellen, duftenden Holzmöbeln, die modern und geschmackvoll arrangiert sind. Die Wände sind schlicht gehalten, doch an einer Seite hängt ein großes Bild des Lake Placid. Eine Sitzbank am großen Fenster lädt dazu ein, sich mit Kissen, Tee und einem Buch einzukuscheln und hinaus auf den Wald zu schauen.
»Du kennst diese Guides? Samuel und Hudson?«, nutze ich rasch die Gelegenheit, mehr zu erfahren. Immerhin ist der Kerl, der mich herumführen wird, der Mensch, mit dem ich in den nächsten Wochen zwangsläufig die meiste Zeit verbringen werde.
Eine feine Röte steigt Nova in die Wangen. »Kann man so sagen. Hudson ist der zweite Grund, warum ich hiergeblieben bin.«
Ich muss grinsen, weil ich daran denken muss, wie sie gerade eben über ihn geschimpft hat. Es hat auch eher liebevoll geklungen. »Ach so. Dann sag ihm bitte gute Besserung von mir.«
Sie stellt meine Reisetasche ab. »Jedenfalls musst du dir keine Sorgen machen. Samuel kennt die Gegend wie seine Westentasche. Er wird dir alle Ecken zeigen, die für dich interessant sind.« Kurz habe ich den Eindruck, sie will noch etwas sagen, aber dann überlegt sie es sich doch anders und lässt es. »Also dann, viel Spaß hier, Willow. Ich bin sicher, wir werden uns hier noch über den Weg laufen. Berryfield ist nicht groß.«
Als sie weg ist und ich allein im Zimmer bin, lege ich die Kameratasche behutsam auf den Tisch und werfe einen Blick aus dem Fenster. Der See glitzert im letzten Licht des Tages, die Farben des Indian Summer spiegeln sich auf der ruhigen Wasseroberfläche. Ich kann gar nicht anders, als zu lächeln. Auch wenn das hier echt nicht meine Traumdestination für eine Shootingreise gewesen ist, bin ich jetzt irgendwie froh, hier zu sein. Ich werde das schon hinkriegen. Aufregung prickelt tief in meiner Magengrube, und ich bin fest entschlossen, das Beste aus der Sache zu machen. David will gute Fotos, also bekommt er die besten, die ich ihm liefern kann.
Mein Magen knurrt, und ich denke kurz darüber nach, noch etwas essen zu gehen. Die Burger und Kartoffeln, von denen Lottie gesprochen hat, klangen verführerisch. Doch die Müdigkeit holt mich ein, bevor ich den Gedanken weiterverfolgen kann. Kaum liege ich auf dem Bett, fallen mir die Augen zu, und ich schlafe ein, mit dem sanften Duft von Zedernholz in der Nase.
Samuel
Übellaunig schnüre ich meine alten Wanderschuhe und ziehe ein Flanellhemd über das schlichte weiße Shirt. Das klackernde Geräusch von Krallen auf Holzdielen verrät, dass Fionn sich von seiner Decke im Wohnzimmer erhoben hat und zu mir kommt. Ihm entgeht nie, wenn ich das Haus verlassen will. Sein struppiger grauer Kopf schiebt sich um die Ecke, und seine hellbraunen Augen schauen mich fragend an.
»Ja, ja, du kannst mitkommen«, seufze ich und tätschle seine Schulter, als er sich an mir vorbei durch die Tür drückt. Heute ist der erste Tag, an dem ich die Großstädterin herumführen muss. Dabei stört Fionn nicht.
Wir gehen zu Fuß zum Greenhouse, der Weg ist nicht weit, und ich habe die schwache Hoffnung, dass die frische Luft meine Laune etwas aufhellt. Spoiler: Wird sie nicht tun. Da können die Vögel noch so schön zwitschern.
»Also gut. Es hilft ja nichts, bringen wir es hinter uns. Wahrscheinlich sollte ich mich sogar freuen, dass ich gezwungenermaßen mal wieder rauskomme. Was meinst du dazu?«, murmle ich vor mich hin.
Ich habe immer gerne als Wanderguide gearbeitet, war immer am liebsten draußen in der Natur. Habe es sogar genossen, den Urlaubern die traumhafte Natur näherzubringen und ihnen was von den Adirondacks zu erzählen – auch wenn ich nicht gerade das social animal bin. Nicht wie Hudson, der erst richtig aufblüht, wenn er Leute um sich hat, und dessen großes Hobby es war, mit seinen weiblichen Ski- und Kletterschülerinnen zu flirten – bis Nova in sein Leben getreten ist. Und trotzdem, obwohl das einfach noch nie meine Art gewesen ist, fand ich den Job damals gut. Vielleicht auch nur, weil mich das Leuchten in den Augen der Leute glücklich gemacht hat, wenn es mir gelungen ist, sie mit meiner Begeisterung anzustecken. Wenn sie die Adirondacks für einen Moment mit meinen Augen betrachtet haben.
Eine Ewigkeit ist das her, gefühlt ein ganzes Leben. Vielleicht sollte ich echt ganz froh darüber sein, dass ich jetzt zwangsläufig die Chance habe, regelmäßig durch die Natur zu streifen – gemeinsam mit dieser Fotografin, deren Redaktion mit Hudson einen Deal ausgehandelt hat.
Tatsache ist aber, dass es mir überhaupt nicht in den Kram passt. Wegen der Tierarztpraxis, mit der ich mehr als genug zu tun habe. Wegen meiner Patienten, der vierbeinigen und der mit Flügeln, die für mich an erster Stelle stehen. Ich weiß jetzt schon, dass ich mich an den fein säuberlich ausgearbeiteten Terminplan, den Hudson mit der Fotografin oder irgendwem vom Magazin vereinbart hat, nicht immer werde halten können. Klar, ich kann mir Zeitslots blocken, in denen ich keine Termine mache, aber wenn außerplanmäßig jemand mit einem Notfallpatienten reinkommt, hat der Priorität. Und wenn das heißt, dass ich der Fotografin kurzfristig absagen muss, dann ist das eben so.
Aber es ist nicht nur wegen meiner Patienten so. Und nicht nur, weil ich verdammt nochmal genug zu tun habe, auch ohne mir solchen Verpflichtungen aufs Auge drücken zu lassen.
Der größere und wichtigere Grund ist, dass sich, seitdem ich damals regelmäßig Urlauber herumgeführt habe, alles für mich geändert hat. Mein ganzes verfluchtes Leben. Ich war damals ein anderer Mensch. Das mit Chloe hat meine Welt aus den Angeln gerissen und keinen Stein auf dem anderen gelassen, mit der vernichtenden Gewalt eines Wirbelsturms ist das Schicksal mitten durch mich hindurchgefegt und hat nichts als Verwüstung hinterlassen.
Ich beiße die Zähne fest zusammen, sobald sich diese Gedanken in meinen Kopf drängen. Die Gedanken an sie. An damals. An alles.
Hastig versuche ich, das Thema aus meinem Kopf zu kriegen, und scheitere damit genauso gnadenlos wie üblich.
Den Samuel, der den Nerv hatte, mit Urlaubern durch die Gegend zu tingeln und mit ihnen zu plaudern, gibt es nicht mehr. Ich versuche, mich zusammenzureißen, aber wenn ich unter Leuten bin, ist mir das Geplapper oft so unerträglich, dass ich brüllen und abhauen will. An manchen Tagen ist mir jede Sekunde in Gesellschaft zu viel. Und diese Tage kommen verdammt oft vor. Wenn ich es mir aussuchen kann, umgebe ich mich höchstens mit den paar Menschen, die mir ans Herz gewachsen sind – und am liebsten eigentlich nur mit Tieren.
Diese Fotografin aus der Stadt passt überhaupt nicht in meine Tage. Nicht in mein Leben. Nicht in meine selbst gewählte Einsamkeit.
»Verdammt! Dass Hudson sich genau diesen Moment aussuchen musste, um sich das Bein zu brechen«, knurre ich vor mich hin. »Siehst du doch auch so, oder?«
Fionn trottet treu an meiner Seite, ein riesiger grauer Schatten. Als er den Kopf hebt und mich aus seinen bernsteinfarbenen, beinahe menschlich wirkenden Augen anschaut, könnte ich fast glauben, dass er mich versteht.
Einer der großen Vorzüge von Hunden – man kann in ihrer Gegenwart ganz ungeniert vor sich hin reden und alle Gedanken laut aussprechen, ohne das Gefühl zu haben, Selbstgespräche zu führen, und ohne für verrückt gehalten zu werden.
Plötzlich spitzt Fionn die Ohren und hebt den Kopf.
»Was hast du?«, frage ich und bleibe stehen.
Doch schon im nächsten Moment prescht er mit großen Sätzen voraus, seine riesigen Pfoten schlagen dumpf auf dem Waldboden auf. Mit einem Schulterzucken nehme ich es hin. Fionn ist gut trainiert, jagt keine Wildtiere, und er kennt die Gegend besser als jeder andere Hund. Ich kann mich auf ihn verlassen. Wahrscheinlich ist er nur vorausgelaufen, weil das Greenhouse um die nächste Kurve auf uns wartet und er es kaum erwarten kann, Lottie zu sehen.
Plötzlich durchbricht ein Schrei die Stille des Waldes. Ein heller, schriller Schrei.
»Verdammt!«, fluche ich und beschleunige meine Schritte, hetze den Pfad hinunter in Richtung Greenhouse.
Als ich um die letzte Kurve biege, sehe ich sie. Fionn steht direkt vor einer Frau, seine Schwanzspitze wedelt enthusiastisch hin und her, und er hechelt glücklich. Die Frau steht wie erstarrt, ihre Augen sind vor Schreck aufgerissen. Mit dem Rücken presst sie sich gegen die Hauswand, völlig reglos, und sieht aus, als wüsste sie nicht, ob sie gleich gebissen oder komplett zerfetzt wird. Sie lässt das haarige Ungetüm nicht aus dem Blick, dessen Kopf ihr bis zur Brust reicht. Hätte Fionn sich auf die Hinterbeine gestellt, hätte er ihr mit Leichtigkeit die Vorderpfoten auf die Schultern legen und ihr das Gesicht ablecken können. Ich bin heilfroh, dass er auf die Idee nicht gekommen ist. Noch nicht. Aber er ist so begeistert von ihr, dass es wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit ist, bis er Anlauf nimmt.
Lottie streckt besorgt den Kopf aus einem der Fenster im oberen Stock, sicher alarmiert von dem Schrei. Als sie sieht, dass es um Fionn geht und dass ich auch schon da bin, um mich der Sache anzunehmen, schüttelt sie nur grinsend den Kopf, winkt mir kurz zu und verschwindet wieder im Haus. Wie jeder im Ort weiß sie, dass Fionn zwar groß wie ein Kalb, aber komplett harmlos ist. Und trotzdem gibt es ein paar Leute, die die Straßenseite wechseln, wenn er ihnen entgegenkommt – einfach weil er durch seine pure Größe so eindrucksvoll wirkt, freundlicher Gesichtsausdruck hin oder her.
»Fionn! Komm her«, donnere ich und nähere mich schnell.
Er wendet mir gehorsam den Kopf zu und springt mir dann fröhlich entgegen.
»Darüber sprechen wir noch«, murmle ich so leise, dass es außer dem Hund niemand hört, während er seinen Kopf in meine Hand reibt und sich keiner Schuld bewusst ist.
»O Gott«, keucht die Fremde, rutscht mit dem Rücken an der Wand hinunter und geht in die Knie. »Was ist das denn?«
»Ein irischer Wolfshund«, antworte ich schlicht. Einer, der sehr freundlich ist, aber offenbar doch nicht so gut erzogen, wie ich dachte.
Ein bisschen tut sie mir leid. Jeder, der ein bisschen was von Hunden versteht, hätte erkennen können, dass Fionn keine bösen Absichten hat – aber es kann eben nicht jeder die Körpersprache eines Vierbeiners interpretieren. Und wenn so ein Riesentier auf einen zustürmt, kann man schon mal weiche Knie bekommen.
»Sorry.« Ich strecke ihr die Hand entgegen. Sie legt ihre hinein – ich bemerke, wie klein und weich sie im Vergleich zu meiner ist – und lässt sich von mir hochhelfen, immer noch wackelig auf den Beinen. »Mein Fehler. Ich hätte ihn bei mir halten sollen. Manchmal vergesse ich, wie er auf andere Leute wirken kann.«
»Ich glaube, du hast dich da beim Kauf über den Tisch ziehen lassen«, ächzt sie. »Keine Ahnung, was das ist, aber ein Hund bestimmt nicht. Ich kenne Hunde. Ein paar. Das da ist … irgendwas zwischen einem Bären und einem Fabelwesen aus einem Fantasyroman.«
Das Erste, was mir auffällt, sind ihre Augen – riesige himmelblaue Augen, eher rund als mandelförmig, die unter einem dichten, dunklen Pony hervorschauen. Ihre schokobraunen Haare reichen ihr bis zu den Schultern, und sie trägt eine hellblaue, taillenhohe Retro-Jeans und dazu eine hochgeschlossene Pünktchenbluse mit langen Ärmeln. Ich seufze innerlich. Zumindest hat sie passende Wanderschuhe an – teure, gut aussehende, die aber so sauber sind, als kämen sie frisch aus dem Karton und wären noch nie im Einsatz gewesen.
»Willow?«, vermute ich. »Ich bin Samuel Griffin.«
Sie wirft Fionn noch einen misstrauischen Blick zu, aber der steht jetzt brav wie ein Lamm an meiner Seite. Als das Bären-Fabelwesen keine Anstalten macht, sie zu fressen, tritt ein Lächeln auf ihr Gesicht, das es wie eine Sonne zum Strahlen bringt. Es ist die Art von Lächeln, die man selten sieht.
»Freut mich, Samuel!« Sie ergreift noch mal meine Hand und schüttelt sie. »Genau, ich bin Willow. Also dann, sollen wir direkt starten?«
Ich bin überrascht von ihrem Tatendrang. Leider kann ich nicht behaupten, dass ich die Vorfreude mit ihr teile. »Ich dachte, du willst vielleicht erst noch mal rein und alles in Ruhe besprechen. Was genau du als Erstes sehen willst, wie wir vorgehen sollen und so.«
»Ach was. Ich habe alles dabei, um direkt zu starten.« Sie klopft auf die riesige Kameratasche, die sie sich umgehängt hat. Ihre blauen Augen funkeln unternehmungslustig. »Ich will alles sehen. Alles, was wichtig ist. Zeig mir die Adirondacks so, wie du sie kennst.«
Ich ziehe die Augenbrauen hoch. »Hm. Okay. Kann ich machen.« Wie stellt sie sich das vor? Dass ich ihr jeden Pfad, jeden Berghang, jeden Baum zeige?
Sie atmet tief durch, schwingt die Arme einmal vor und zurück und lässt die Fingerknöchel knacken. »Tun wir es. Stürzen wir uns in die Wildnis.«
Willow
Samuel Griffin also. Jetzt, wo der überdimensionale Hund nicht mehr drohend an mir schnuppert, komme ich endlich mal dazu, den dazugehörigen Mann unter die Lupe zu nehmen. Groß, kräftig gebaut, in einer abgewetzten Jeans, die ganz sicher nicht mit trendigem Used-Look in irgendeinem angesagten Laden gekauft wurde, sondern deren Abnutzungsspuren vom tatsächlichen Tragen kommen. Das Flanellhemd, das er anhat, spannt leicht über seinen breiten Schultern. Er ist ganz anders als die Männer, die ich sonst so kenne – kein Anzugträger und kein hipper Fashiontyp mit sorgsam gestyltem Haarschnitt, sondern eher der Typ Naturbursche, der sein Leben draußen verbringt. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich so jemanden noch nie kennengelernt habe, aber ich finde ihn irgendwie … spannend.
Er sieht mich an, seine dunklen Augenbrauen liegen leicht zusammengezogen über seinen finsteren Augen. Auf den ersten Blick habe ich gedacht, dass er eine ganze Ecke älter ist als ich, aber ich glaube, ich habe mich getäuscht. Je länger ich ihn betrachte, desto mehr merke ich, dass er eigentlich eher in meinem Alter ist, vielleicht ein paar Jahre älter. Ende zwanzig, Anfang dreißig vielleicht, wenn es hochkommt. Es sind mehr der Blick und der Bart, die ihn ernst und distanziert erscheinen lassen. Er hat … eine Schwere an sich.
Es kribbelt mir im Zeigefinger. Ich würde ihn gerne fragen, ob ich ihn fotografieren kann – diesen ernsten Mann mit dieser ganz besonderen Ausstrahlung. Ich liebe es, Architektur zu fotografieren, aber meine wahre Leidenschaft sind die Menschen. Diesen besonderen Funken einzufangen, den jeder in sich hat und der aufblitzt, wenn er sich vor der Kamera wohl oder unbeobachtet fühlt … Wenn einem das gelingt und das Foto die Ausstrahlung und den Charakter eines Menschen zum Ausdruck bringt, dann ist das ein unglaubliches Gefühl.
Vielleicht traue ich mich, ihn das mal zu fragen, wenn er aufgetaut ist. Jetzt ist jedenfalls nicht der richtige Zeitpunkt, um mit der Tür ins Haus zu fallen. Ehrlich gesagt, macht er nicht den Eindruck, als wäre er begeistert davon, mich herumzuführen. Aber vielleicht ist das auch einfach nur sein Gesicht, vielleicht hat er so eine Art Resting Bitch Face, und ich interpretiere zu viel hinein.
