Luigi/Alois Negrelli - Andrea Leonardi - E-Book

Luigi/Alois Negrelli E-Book

Andrea Leonardi

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Beschreibung

Luigi/Alois Negrelli ist der Geschichtsschreibung, vor allem durch den Durchstich des Isthmus von Suez bekannt. Das Buch beruht auf der Analyse umfangreicher, direkt von Negrelli erstellter Quellen, die bisher praktisch unerforscht geblieben sind. Dadurch wird verdeutlicht, dass er als Ingenieur und Verkehrsökonom in der Lage war, sowohl die technischen als auch die wirtschaftlichen Aspekte zu analysieren. Bei dem Bau von Straßen, Brücken, Eisenbahnen und Kanälen, bei der Planung von Wasserbauten sowie bei der Wildbachverbauung war der Tiroler Ingenieurs stets darauf bedacht, Werke zu schaffen, die den tatsächlichen Bedürfnissen und Ressourcen eines Gebiets entsprachen und so weit wie möglich mit der Natur im Einklang standen. Die Auswirkungen dieser Eingriffe waren nicht auf das 19. Jh. beschränkt, sondern sind auch heute noch spürbar. In einer Zeit, während der die Ausartung nationaler Ideologien zur Errichtung von Barrieren zwischen Völkern und ethnischen Gruppen führte, war Negrelli bestrebt Hindernisse zu beseitigen, Brücken zu bauen, Straßen und Eisenbahnen zu errichten und Kanäle zu öffnen. Er verfolgte dabei immer das Ziel, die Beziehungen zwischen verschiedenen Realitäten und Nationen in gemeinsamer Zusammenarbeit zu fördern.

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Seitenzahl: 553

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Andrea LeonardiLuigi/Alois Negrelli

Andrea Leonardi

Luigi /Alois Negrelli

Ein Pionier der Verkehrsentwicklungdes 19. Jahrhunderts

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Kapitel 1: Primiero und die Familie Negrelli

Kapitel 2: Geburt und Kindheit

Kapitel 3: Der Umzug nach Innsbruck und der Beginn einer Ingenieurskarriere

Kapitel 4: Berufserfahrung in der Schweizerischen Eidgenossenschaft

Kapitel 5: Das Interesse an der Eisenbahn

Kapitel 6: Von Zürich nach Innsbruck und retour

Kapitel 7: Die k.k. privilegierte Kaiser-Ferdinands-Nordbahn: Im Dienste der Rothschilds

Kapitel 8: Zwischen habsburgischer Diensterfüllung und mitteleuropäischer Zusammenarbeit

Kapitel 9: Der Durchstich des Isthmus von Suez: Der Beginn des Engagements

Kapitel 10: Die Société d’Études du Canal de Suez

Kapitel 11: Innere Spannungen der Société d’Études du Canal de Suez und die „Vertagung“ der Mission nach Ägypten

Kapitel 12: Der Umbruch von 1848: Von Wien ins Königreich Lombardei-Venetien

Kapitel 13: Die schwierige Mission im Königreich Lombardei-Venetien

Kapitel 14: Zwischen Wien und Oberitalien: Intrigen und Arbeitsprojekte

Kapitel 15: Von der Société d’Études zur Commission Internationale

Kapitel 16: Negrellis Idee eines „canal sans écluses“

Kapitel 17: Die Hartnäckigkeit eines großen Ingenieurs

Schlusswort

Dokumentarischer Anhang

Einleitung

Anlässlich des 150. Jubiläums der Suezkanal-Eröffnung fanden 2019 sowohl in Europa als auch in Ägypten zahlreiche Kulturveranstaltungen statt, die die Hintergründe beim Bau dieses Werks beleuchten sollten. Der Suezkanal stellt nicht nur eine der größten bautechnischen Errungenschaften des 19. Jahrhunderts, sondern auch einen der wichtigsten Knotenpunkte für die Entwicklung des Handels zwischen dem Fernen Osten und Europa dar.1 Diese Veranstaltungen eröffneten auf Grundlage neuer Quellen auch eine Aufarbeitung der komplizierten politisch-diplomatischen Beziehungen zwischen den europäischen Ländern und dem Gebiet unter osmanischer Herrschaft, sowie der Rolle einiger der wichtigsten Akteure, die die Projektierung und den Bau des Kanals ermöglichten. Unter ihnen ragt die Figur des Ingenieurs Luigi/Alois Negrelli hervor, der bei der Planung und Gestaltung dieses grandiosen Bauwerks eine führende Rolle spielte und auch dazu beitrug, den politischen und wirtschaftlichen Konsens über die Umsetzbarkeit des Projekts zu schaffen.2

In seiner Arbeit als Techniker konzentrierte sich Negrelli längst nicht nur auf das gewaltige Unternehmen von Suez. Er hatte vielmehr Gelegenheit, seine Planungs- und Managementfähigkeiten in einer Vielzahl von Bereichen und Situationen in verschiedenen Teilen Europas zum Ausdruck zu bringen. Im Laufe der Jahre ist sein Wirken, dessen tatsächliche technische und wirtschaftliche Bedeutung übrigens wenig analysiert wurde, einer Reihe oftmals unbegründeter „Mythen“ zum Opfer gefallen, die auf ideologische Voreinnahmen und nicht auf dokumentarischen Belegen beruhen. Einige neuere Studien betrachten das Werk Negrellis zweifellos mit größerer Aufgeschlossenheit, als es in der Vergangenheit der Fall war.3 Das Überwiegen deutlich „veralteter“ Literatur zu seiner Person macht es aber erforderlich, neben seinen zahlreichen technischen Unternehmungen auch die Art und Weise ihrer Konzeption einer strengen methodischen Prüfung zu unterziehen, um die Charaktereigenschaften und die Persönlichkeit des Ingenieurs hervorzuheben.

Negrelli und seine Kontakte, zu denen auch einige der berühmtesten Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts zählten, haben eine Vielzahl von Dokumenten hinterlassen. Anhand dieser und der Ergebnisse einiger wichtiger Forschungsarbeiten, die in jüngster Zeit in historischen, wirtschaftlichen, lokalen und technischen Bereichen erstellt wurden, kann man zu einer neuen Interpretation sowohl der Person als auch des Werks von Negrelli gelangen. Diese neue Auslegung muss auch von den letzten Spuren der rhetorischen Untertöne befreit werden, die in der Vergangenheit dazu beigetragen haben, seine Rolle, seine Arbeit und letztlich auch sein Image zu trüben und in einigen Fällen sogar zu verzerren.

Um dem Tiroler4 Ingenieur seinen eigentlichen Rang als Mensch und Wissenschaftler von höchstem Niveau zurückzugeben und ihn, sein Werk und das Umfeld, in dem er lebte und arbeitete, möglichst umfassend bekannt zu machen, ist es unerlässlich, die von ihm direkt erstellten Quellen als Ausgangspunkt zu wählen. Die vor bereits 25 Jahren begonnenen Archivrecherchen und Dokumentationsanalysen haben es ermöglicht, verschiedene Aspekte des Lebens und des Werks des Ingenieurs zu erforschen und Klischees, die um seine Arbeit herum konstruiert worden waren, abzubauen. Dadurch konnte der mythische Schleier, der die Figur Negrellis bis jetzt umhüllt hat, durchbrochen werden. Seine Beziehungen zu Persönlichkeiten, die in der Habsburgermonarchie und der gesamten europäischen Bühne Spitzenpositionen einnahmen, sowie seine facettenreiche, dynamische und innovationsfreudige Persönlichkeit konnten hierdurch ans Licht gebracht werden.5

Negrellis Rolle bei der Erarbeitung des Suezkanal-Projekts, das von der Compagnie universelle du canal maritime de Suez unter der Leitung von Ferdinand de Lesseps ausgeführt wurde, stand vor 150 Jahren, als das gigantische Werk fertiggestellt wurde, außer Frage. In den darauffolgenden Jahren geriet seine Person jedoch allmählich in Vergessenheit, bis sie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts neues Interesse fand. Damals ermöglichte eine sehr geringe Zahl methodisch anspruchsvoller Studien die Wiederentdeckung Negrellis,6 während eine Fülle von Literatur nationalistischer Prägung sein Bild und seine Rolle entstellte. Vor allem in der Zwischenkriegszeit wurde Negrelli im Rahmen nationalistischer Besitzansprüche als „italienisches Genie“ bezeichnet, was dazu führte, dass er völlig aus seinem politischen und institutionellen Umfeld gerissen, während gleichzeitig auch seine Weltanschauung verzerrt dargestellt wurde. Selbst strikt methodologische Studien ließen sich von diesem Ansatz überwältigen und schrieben Negrelli Wesenszüge zu, die ihm absolut nicht entsprachen. Dies geschah mittels einer forcierten Nationalitätsidee, die den historischen und kulturellen Kontext, in dem dieses Konzept nach und nach Form annahm, völlig ignorierte.7 Andererseits beharrte eine gewisse deutschsprachige Literatur, die vom selben demagogischen Nationalismus beseelt war, auf Negrellis eindeutig deutscher Abstammung.8

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hätte die Erfahrung der vom extremen Nationalismus verursachten Katastrophen eigentlich eine vorurteilsfreie Analyse Negrellis erlauben sollen. Das Problem blieb aber trotzdem bestehen, nachdem mehrere Biographen nicht auf die umfangreiche, direkt von ihm erstellte Quellengrundlage,9 sondern auf irrführende Werke, die sich nur sporadisch mit Primärquellen befassten, zurückgriffen und so zur Verzerrung seiner Persönlichkeit beitrugen.10 Nur wenigen Studien ist es gelungen, die Rolle Negrellis in seinem österreichischen und europäischen Kontext zu beleuchten.11 Selbst einige neuere Werke, die in verschiedenen europäischen Ländern erschienen sind, zeichnen ein ungenaues und völlig unzureichendes Bild von ihm.12

Dieser Beitrag beruht auf der 2001 begonnenen Aufarbeitung des Nachlasses Negrellis, einer Sammlung, die das gesamte berufliche, öffentliche und private Leben des Ingenieurs umfasst. Sie wurde nach dem Tode des Ingenieurs von seiner Familie zusammengetragen und besteht aus 2.435 Dokumenten verschiedener Art. Der Nachlass ist im Archiv des Technischen Museums in Wien aufbewahrt und wurde vom Autor und der Forschungsgruppe, die mit ihm zunächst an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften und dann an der Fakultät für Wirtschaft und Management der Universität Trient tätig war, untersucht. Eine erste Tranche von 1.597 Archivalien, die in einer zu Beginn des 20. Jahrhunderts erstellten Liste angeführt sind,13 setzt sich aus der Korrespondenz zwischen Negrelli und verschiedenen Briefpartnern zusammen. Hinzu kommen etliche von ihm verfasste Berichte, Dienstmitteilungen und Notizen verschiedener Art aus der Zeit zwischen 1815 und 1858. Die Bestandaufnahme dieser Unterlagen wurde zwischen 2001 und 2002 vom Verfasser koordiniert und von Carla Camilleri in technischer Zusammenarbeit mit Pietro Tedesco durchgeführt. Dabei wurden weitere zehn Ordner, die 838 Archiveinheiten beinhalteten, gefunden und erfasst. Diese neuentdeckten Dokumente waren von Luigis Tochter Maria und dem Biographen Alfred Birk gesammelt worden, um Negrellis Urheberschaft am Suezkanalprojekt rechtlich geltend zu machen. Als Projektingenieur stand Negrelli nämlich ein Anteil der Gründungsaktien der Compagnie universelle du canal maritime de Suez zu, der seinen Erben die Beteiligung an den Erträgen zugeschrieben hätte.14

838 Archiveinheiten aus dieser Dokumentensammlung wurden später Teil des Negrelli-Nachlasses, während Maria Negrelli eine Kopie der übrigen Unterlagen 1932 der italienischen Gesandtschaft in Wien übergab. Die Tochter des Ingenieurs hoffte auf die zumindest moralische Unterstützung der diplomatischen Behörden für ihre Initiative, die darauf abzielte, die Figur ihres Vaters aus der Vergessenheit zu holen. Nachdem sie den Kampf gegen die Compagnie nicht gewinnen konnte, wollte sie der Rolle Negrellis bei der Planung des Suezkanals wenigstens in Italien eine angemessene Würdigung zusichern.15 Die Dokumente, die sie den italienischen Diplomaten in Wien zustellen ließ, wurden später an das Außenministerium in Rom weitergeleitet und 1971–72 von Francesco Attilio Scaglione veröffentlicht.16

Dies ist praktisch die einzige Dokumentation, die die wenigen italienischen Wissenschaftler, die sich in den letzten Jahrzehnten mit Primärquellen zu Negrelli beschäftigt haben, analysiert haben. Wie Scaglione selbst in seiner ausführlichen Einleitung feststellt, handelt es sich beim Großteil der 509 veröffentlichten Dokumente um posthume Kopien, während die Anzahl der direkt von Negrelli erstellten Papiere eher begrenzt ist.

Die Unterlagen des Originalnachlasses stammen hingegen größtenteils aus der Hand des Ingenieurs. 70% der Archiveinheiten, die jeweils aus mehreren Manuskriptblättern bestehen, sind Dokumente in deutscher Sprache und entweder von Negrelli oder von seinen Briefpartnern verfasst. Die deutsche Kurrentschrift wurde von Negrelli, der sich gewöhnlich in deutscher Sprache ausdrückte, nicht nur bei der Abfassung von Amtsberichten verwendet. Auch der Großteil seiner Korrespondenz sowie seine Tagebücher, in die gelegentlich ein paar italienische Sätze eingefügt sind, sind in Kurrentschrift geschrieben. Darüber hinaus sind 19% der Dokumente in französischer Sprache, die Negrelli in seinen Briefen an seine ausländischen Korrespondenten verwendete, verfasst. Nur 9% der Dokumente sind in italienischer Sprache und betreffen einige Briefe an und von den Verwandten in Primiero, sowie die Korrespondenz mit einigen Persönlichkeiten des Königreichs Lombardo-Venetien und insbesondere mit dem Finanzier aus Triest Pasquale Revoltella. Die restlichen 2% der Dokumente sind in Englisch und gelegentlich in anderen Sprachen abgefasst.17

Die langjährige Forschung zu dieser Dokumentation hat bereits einige Ergebnisse hervorgebracht, die der internationalen wissenschaftlichen Gemeinschaft vorgelegt wurden.18 Dieses Buch ist das Ergebnis einer mehrjährigen Analyse der gesamten im Nachlass enthaltenen Dokumentation sowie der Literatur zu Negrellis Arbeit und dem Suezkanal und zielt darauf ab, eine offene Interpretation des Lebens und Werkes des Ingenieurs zu bieten. Dabei wird nicht nur sein Beitrag zur Planung und zum Bau des Suezkanals untersucht, sondern sein gesamtes Wirken im Verkehrssektor nachgezeichnet und seine innovative Vision sowohl in technischer als auch in wirtschaftlicher Hinsicht hervorgehoben. In der Tat hat Negrelli seinen technischen Ansatz nie von seinem wirtschaftlichen Ansatz getrennt. Er betrachtete die von ihm entworfenen und erbauten Kommunikationswege als Mittel zur Erleichterung der Beziehungen zwischen Menschen und Völkern und wies ihnen somit eine wirtschaftliche und sogar kulturelle Rolle zu.

Indem man den Ingenieur so weit wie möglich selbst zu Wort kommen lässt, d.h dadurch, dass man einige seiner Berichte neu präsentiert und seine Briefwechsel mit berühmten Persönlichkeiten, aber auch im privaten Bereich, wiedergibt, soll Luigi/Alois Negrelli die Bedeutung zurückgegeben werden, die er im Europa seiner Zeit innehatte. Seine Rolle beim Bau verschiedener Eisenbahnlinien in Mitteleuropa und in Norditalien sowie bei der Planung und Gestaltung des Suezkanals kann somit näher erfasst werden. Es wurde dadurch auch möglich, seine Figur von einer Reihe völlig anachronistischer Merkmale zu befreien, die ihm zu Unrecht zugeschrieben wurden und dank des Medienechos bis heute fortbestehen.19 Dieses Buch soll auch bestimmte Polemiken aus dem Weg räumen, die vor einigen Jahrzehnten Negrellis Werk in den Hintergrund drängten und stattdessen das von Grenzen und Reibungen gekennzeichnete Klima des 19. Jahrhunderts hervorhoben.20 Mit Gelassenheit, aber in aller Klarheit, konnte festgestellt werden, wie es Negrelli gelang, seine italienische Kultur zu bewahren und mit seiner bedingungslosen und in gewisser Weise emotionalen Bindung zu seinem Primiero, seiner Tiroler Heimat, und der gesamten Habsburgermonarchie, ihren Institutionen und ihren Herrschern, zu verknüpfen.21

Am Ende dieses langen Recherche- und Analyseprozesses stehen nun einige persönliche Bemerkungen. Dieser Band wurde durch den unschätzbaren Beitrag von Personen und Institutionen ermöglicht, die auf verschiedene Weise die nötigen Voruntersuchungen und die Ausarbeitung des Buches erleichtert haben. Ich möchte all jenen, die meines Erachtens eine wichtige Rolle dabei gespielt haben, meinen herzlichen Dank aussprechen. Ich kann nicht vergessen, wer mich vor mehr als dreißig Jahren davon überzeugt hat, mich der Figur und dem Werk Negrellis anzunähern: sein Landsmann Marino Simoni, der sich als damaliger Präsident des Comprensorio di Primiero, ohne an Engagement und Ressourcen zu sparen, für die Neuaufwertung einer der hervorragendsten Persönlichkeiten seines Heimatortes eingesetzt hat. Ein ehrendes Andenken gilt István Németh, Mitarbeiter der Handschriftensammlung der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien, der mich auf der Suche nach Dokumenten durch die Mäander der Wiener Archive führte. Mein Dank gilt auch Hans Heiss, der mir 1993 half, den Nachlass Negrelli in einer Kaserne am Stadtrand von Wien ausfindig zu machen und außerdem bei der Übersetzung des Buches ins Deutsche von großer Hilfe war. Zugleich bin ich meinem Fachbereich an der Universität Trient verbunden, der meine zahlreichen Studienreisen nach Wien ermöglicht hat, wo sich auch die unschätzbare Zusammenarbeit mit Manuela Fellner, der Leiterin der Archivabteilung des Technischen Museums in Wien, ergab. Für das Erleichtern meiner Forschungen gilt ihr mein voller Dank. Ein besonderer Dank geht auch an Carla Camilleri, die die zweisprachige Inventarisierung des Nachlasses Negrelli materiell durchgeführt hat. Pietro Tedesco, der den Prozess auf technischer Ebene unterstützt hat, gebührt ebenfalls mein Dank. Die Verwertung der Schriften Negrellis durch ihre genaue Analyse hätte nicht ohne die wertvolle Transkriptionsarbeit aus der Kurrentschrift erfolgen können, die mit Kompetenz und Geduld von Alice Riegler durchgeführt wurde. Ich spreche ihr für ihre Arbeit, die auch durch die finanziellen Unterstützung der Fondazione Luigi Negrelli des Vereins der Ingenieure der Autonomen Provinz Trient ermöglicht wurde, meinen aufrichtigen Dank aus. Zudem bin ich Alice auch für die gelungene Übersetzung meiner Arbeit und meiner nicht immer einfachen Ausdrucksformen ins Deutsche dankbar. Mein Dank geht auch an Andrea Bonoldi, Cinzia Lorandini und Oswald Überegger sowie wiederum an Alice Riegler, die die Geduld hatten, den ersten Entwurf dieser Arbeit zu lesen und mir eine Reihe wertvoller Anregungen zu geben, die ich hoffentlich beherzigt habe: Sollte mir das nicht gelungen sein, liegt die Verantwortung ganz bei mir. Besonders dankbar bin ich der Fondazione Luigi Negrelli und insbesondere ihrem Präsidenten Antonio Armani, der die Forschung zu diesem Band unterstützt und jede Arbeitsphase mit Begeisterung begleitet hat. Abschließend möchte ich mich bei meiner Familie bedanken, die meine „Abwesenheiten“ aufgrund von Negrelli während dieser Jahre ertragen und mich in den mühsamen Momenten immer unterstützt hat.

 

Andrea Leonardi

Universität Trient, Juli 2023

______________________

1      2018 fand im Institut du monde arabe in Paris die Ausstellung L’épopée du canal de Suez. Des pharaons au XXIe siècle statt. Im Ausstellungskatalog wird die Rolle Negrellis nicht erwähnt: Gilles Gautier (éd.), L’épopée du canal de Suez. Des pharaons au XXIe siècle, Paris 2018; vgl. auch: Ders., Claude Mollard (éds.), L’épopée du canal de Suez, Paris 2018. 2019 wurden auch zwei internationale Fachtagungen veranstaltet. Italy and the Suez Canal. A Global History, from the Mid-19th Century to the Present fand am 23. und 24. Mai in Turin statt und wurde im Auftrag der dortigen Universität von Barbara Curli koordiniert. Im Rahmen dieser Tagung hat der Autor zusammen mit Alice Riegler einen Beitrag mit dem Titel Luigi Negrelli (1799–1858). A Tyrolean Engineer at the Heart of the Suez Canal Project präsentiert. Das Italienische Kulturinstitut in Ägypten organisierte anschließend in Zusammenarbeit mit dem Council for Cultural Heritage Affairs in Kairo und der Luxor University ein Symposium, das am 17. November in Kairo stattfand und den Titel The Suez Canal: an Italian history. Workshop on the Italian contribution to the Suez Canal trug. Der Autor stellte bei dieser Gelegenheit den Beitrag Luigi Negrelli: Protagonist of the Path of Planning and Financing the Suez Canal vor.

2      Vgl. Andrea Leonardi, A Prominent Figure in the Creation of the Suez Canal: Luigi Negrelli, The Journal of European Economic History, XLIX (2020), 2, S. 1–28; und Ders., Alice Riegler, Luigi Negrelli (1799–1858). A Tyrolean Engineer at the Heart of the Suez Canal Project, in: Barbara Curli (ed.), Italy and the Suez Canal. A Mediterranean History, from the Mid-Nineteenth Century to the Cold War, London 2021, S. 113–128.

3      Vgl. Christian F. Deihsen, Alois Negrelli, Ritter von Moldelbe und der österreichische Anteil an der Entstehung des Suezkanals, Diplomarbeit, Wien 1991; Ders., Alois Negrelli Ritter von Moldelbe. Ein österreichischer Eisenbahnpionier des 19. Jahrhunderts. Seine Leistungen und Verdienste um die Entwicklung des Eisenbahnwesens im Österreichischen Kaisertum und in der Schweiz bis 1858, Dissertation, Wien 1993; Josef Dultinger, Alois Negrelli Ritter von Moldelbe. Das Schicksal eines grossen Südtirolers, Innsbruck 1993; Peter Bussjäger, Josef Concin, Karl Gerstgrasser, Alois Negrelli und seine Spuren in Vorarlberg (1822–1832). Eine regionalhistorische und verwaltungsgeschichtliche Untersuchung, Bludenz 1997; Maria Beatrice Marzani Prosser, Luigi Negrelli, un anno di vita. Tagebuch auf das Jahr 1831 – Diario dell’anno 1831, Trento 1999; Tindaro Gatani, Luigi Negrelli ingegnere trentino ed europeo, Messina 2000.

4      Wir haben uns bewusst für diese Definition und gegen den Begriff „Trentiner“ entschieden, der heute korrekterweise für alle Personen verwendet wird, die auf dem Gebiet der Autonomen Provinz Trient, dem Trentino, leben. Die Verwendung des Begriffes für die Zeit, in der Negrelli lebte, wäre ahistorisch, da sie eine rückwärtsgewandte Übertragung einer Definition darstellen würde, die sich erst am Ende des 19. Jh. entwickelte und sich nach dem Ersten Weltkrieg mit dem Anschluss des Trentino an das Königreich Italien konsolidierte. Zu Negrellis Lebzeiten bezeichnete „Trentiner“ einfach die Einwohner der Stadt Trient und nicht die der umliegenden Gebiete, so dass für diejenigen, die in Primiero lebten, die Definition „Trentiner“ keine Bedeutung hatte, während Begriffe wie „Tirolese“ oder sogar „Tirolese italiano“ und „Welschtiroler“, die nicht als abwertend galten, gängig waren (Vgl. Mauro Nequirito, Dar nome a un volgo. L’identità culturale del Trentino nella letteratura delle tradizioni popolari (1796–1939), San Michele all’Adige 1999, S. 23–34). Darüber hinaus geht es einfach darum, die von Negrelli wiederholt geäußerte Selbstdefinition zu respektieren: „Ich bin Tiroler“, schrieb er z.B. am 19.06.1848 an Felix Kubli (TMW, Nachlass Negrelli, 08_0630_000, Negrelli an Kubli, Wien, 19.06.1848).

5      Vgl. Andrea Leonardi (a cura di), Luigi Negrelli ingegnere e il canale di Suez, Trento 1990; Dultinger, Alois Negrelli Ritter von Moldelbe; Gatani, Luigi Negrelli ingegnere trentino ed europeo.

6      Seine ausführlichste und am besten dokumentierte Biographie ist für diese Arbeit grundlegend: Alois Birk, Alois von Negrelli. Die Lebensgeschichte eines Ingenieurs, Bd. I: 1799–1848: In der Heimat, in der Schweiz, in Österreich, Wien-Leipzig, 1915; Bd. II: 1848–1858: In Italien. Der Suez-Kanal. Letzte Kämpfe, Wien-Leipzig 1925. Ebenso relevant ist: Ders., Karl Hermann Müller, Der Suezkanal: seine Geschichte und seine wirtschaftspolitische Bedeutung für Europa, Indien und Ägypten, Hamburg 1925; sowie: Erich Kurzel Runtscheiner, Alois Negrelli Ritter von Moldelbe. Bauingenieur, Pionier des Eisenbahnwesens, Schöpfer des Planes für den schleusenlosen Durchstich der Landenge von Suez, Zeitschrift des Österr. Ingenieur-, Architekten- und Techniker Vereines, 91 (1946), 3–4, S. 17–24.

7      Zur anachronistischen Deutung Negrellis als Italiener vgl. Mario Baratta, Luigi Negrelli e il Canale di Suez, Pavia 1925; Gulatiero Adami, Luigi Negrelli ingegnere, Trento 1929; Ders., Il Canale di Suez e l’ingegnere Negrelli, Trento 1937; Ders., Per l’italianità di Luigi Negrelli, Quaderno della rivista Trentino, 10 (1940); Ders., Tardive rivendicazioni tedesche sull’ingegnere Luigi Negrelli, Studi trentini di scienze naturali, XXII (1941), S. 1–12; Ders., Glorie contese. Luigi Negrelli e il Taglio dell’Istmo di Suez, Rivista di cultura - La Sorgente di Rovigo, III, (1949), 8; Armando Levi Cases, Luigi Negrelli e il progetto definitivo del canale di Suez, L’ingegnere, IV (1930), 10; Angelo Sammarco, Luigi de Negrelli, la mirabile vita del creatore del Canale di Suez, Roma 1937; Ders., Suez, storia e problemi, secondo documenti inediti egiziani ed europei, Milano 1943; Antonio Monti, Il Canale di Suez e le rivendicazioni italiane, Roma 1940; Edoardo Bordignon, Luigi Negrelli: Suez, Venezia 1941, (ein Werk, wofür große Teile von Birks Bänden übernommen wurden, ohne die Quelle zu nennen).

8      Walter Tschuppik, Ein österreichischer Ingenieur, Blätter für Bücherfunde, (1915), S. 6–9; Nikolaus Negrelli von Moldelbe, Die Lüge von Suez. Der Lebenskampf des deutschen Ingenieurs Alois von Negrelli, Berlin 1940; Paul Herre, Negrelli, der Österreicher, Südtiroler Almanach, (1949); Viktor Schützenhofer, Alois Negrelli, sein Leben und sein Werk, Blätter für Technikgeschichte, XI (1949), S. 36–54. Eine sorgfältige Auswertung dieser Literatur sowie auch der italienischen Literatur der Zwischenkriegszeit findet sich in: Stefan Malfèr, Suez – kein österreichischer Kanal, in: Barbara Haider-Wilson, Maximilian Graf (Hrsg.), Orient & Okzident. Begegnungen und Wahrnehmungen aus fünf Jahrhunderten, Wien 2017, S. 375–403. Der Autor weist kritisch darauf hin, dass dem „Österreicher“ Negrelli die Urheberschaft des Suezkanalbaus fälschlicherweise zugeschrieben wurde und dass die österreichisch-nationalistische Geschichtsschreibung dann einen österreichischen Kanal daraus machte. Er zeigt ebenfalls auf, wie die italienische nationalistische Geschichtsschreibung Negrelli aufgrund seines Geburtsortes zum italienischen Urheber des Kanals machte.

9      Folgende Werke, die zumindest teilweise auf Primärquellen beruhen, bilden eine Ausnahme: Gualtiero Adami, Zara Olivia Algardi, Umberto Corsini, Vittorio Zignoli, Luigi Negrelli. Il Canale di Suez. 1869–1969, Trento 1969; Francesco Attilio Scaglione (a cura di), Luigi Negrelli e il Canale di Suez nelle carte del Fondo Maria Grois Negrelli, Roma 1971–1972; Leonardi (a cura di), Luigi Negrelli ingegnere e il canale di Suez; Deihsen, Alois Negrelli Ritter von Moldelbe (1993); Bussjäger, Concin, Gerstgrasser, Alois Negrelli und seine Spuren; Marzani Prosser, Luigi Negrelli, un anno di vita; Gatani, Luigi Negrelli ingegnere trentino ed europeo; Ders., Luigi (Alois) Negrelli ingegnere ferroviario, Civis, 29 (2005), 87, S. 139–184. Vgl. auch: Andrea Leonardi, Dall’Europa a Suez: il ruolo di Luigi Negrelli (Primiero 1799 – Vienna 1858) nella promozione delle comunicazioni internazionali, in: Gianpaolo Romanato (a cura di), Giovanni Miani e il contributo veneto alla conoscenza dell’Africa. Esploratori, Missionari, Imprenditori, Scienziati, Avventurieri, Giornalisti, Rovigo 2006, S. 251–265; Ders., Luigi Negrelli: un protagonista del take off ferroviario in area mitteleuropea, Histoire des Alpes - Storia delle Alpi - Geschichte der Alpen, (2016), 21, S. 195–214.

10    Es können hier mehrere italienische und deutsche Werke aufgezählt werden: Il Congresso di Trento per il centenario del progetto italiano per il taglio dell’Istmo di Suez (1855–1955). Relazioni e resoconti, Roma 1956; Atti del Convegno culturale degli istituti nautici, in occasione del centenario dell’adozione da parte della Commissione internazionale del progetto dell’ing. Negrelli per il taglio dell’istmo di Suez: Montecatini Terme, 22–25 aprile 1956, Napoli 1959; Angelo Orsingher, A ricordo di Luigi Negrelli, Feltre 1986; Bernardo Valentino Vecchi, Il conte Luigi de’Negrelli: nel centenario del canale di Suez, 17 novembre 1869, o.O. 1969; Negrelli nel centenario del Canale di Suez: 1869-novembre 1969, Milano 1970; Walter Paul Kirsch, Negrelli. Der Schöpfer des Suez-Kanals, Wien-München 1971; Dultinger, Alois Negrelli Ritter von Moldelbe. Dazu die kritische Interpretation von Malfèr, Suez – kein österreichischer Kanal, S. 375–403.

11    Es sei auf die bereits erwähnten Arbeiten von Deihsen, Gatani und Leonardi, sowie auf folgende Beiträge hingewiesen: Norbert Hölzl, Alois Negrelli – Österreichs bedeutendster Eisenbahner und Schöpfer des Suezkanals, Dokumentarfilm, Wien 1994, Salvatore Bono, Luigi Negrelli e il Canale di Suez, Africa – Rivista trimestrale di studi e documentazione dell’Istituto italiano per l’Africa e l’Oriente, 43 (1988), 4, S. 645–652; Ders., Il Canale di Suez e l’Italia, Mediterranea – Ricerche storiche, III, (2006), S. 411–422; Hanni Helps, Luigi Negrelli, Engineer, 1799–1858: Planner of the Suez Canal, Transactions Newcomen Society, LXXV (2005), S. 317–339. Cervani, der sich mit dem Leben des Bankiers aus Triest Pasquale Revoltella beschäftigt und dabei immer wieder auf Negrelli stößt, stellt ihn mit hoher Ausgewogenheit dar: Giluio Cervani, Il ‘Voyage en Egypte’ (1861–1862) di Pasquale Revoltella, Trieste 1962. Algardis Arbeit ist für ihre akribische Rekonstruktion der Autorenschaft Negrellis am endgültigen Kanalprojekt ebenfalls hervorzuheben. Die Urheberrechtsgesetzexpertin versucht den Ingenieur zwar als Europäer darzustellen, verfällt dabei aber immer wieder in ein triviales, nationalistisches Denken und betont seine italianità. (Zara Olivia Algardi, Luigi Negrelli, l’Europa, il Canale di Suez, Firenze 1988). Die Autorin korrigierte jedoch nach ihrer Teilnahme an der internationalen Konferenz in Primiero im September 1988 ihren Ansatz und beschrieb Negrelli von diesem Zeitpunkt an als italo-austriaco (Dies., La figura di Luigi Negrelli uomo e scienziato, in: Leonardi (a cura di), Luigi Negrelli ingegnere, S. 63–79).

12    Vgl. Caroline Piquet, La Compagnie du Canal de Suez. Une concession française en Egypte (1888– 1956), Paris 2008, deren Angaben über Negrelli ungenau und fehlerhaft sind und die sich ausschließlich auf irreführende italienische Literatur der Zwischenkriegszeit stützt (S. 256, 389 passim); Dies., Le canal de Suez. Une voie maritime pour l’Egypte et le monde, Paris 2018, S. 219. Auch in neueren Arbeiten wird die Rolle von Negrelli weitgehend ignoriert: Mohammed Anouar Moghira, L’isthme de Suez. Passage millenaire, 604–2000, Paris 2002; Hubert Bonin, History of the Suez Canal Company, 1858–1960. Between Controversy and Utility, Genève 2010.

13    Es handelt sich um das Notizbuch Katalog Negrelli-Nachlass, das im Archiv des Technischen Museums in Wien aufbewahrt wird.

14    Der Prozess, der sich von 1891 bis 1905 vor den Pariser Gerichten zutrug, wurde von Maria Negrelli, der Tochter des Ingenieurs, eingeleitet, um die Anerkennung der Urheberrechte der Erben des Projektingenieurs durch die Compagnie zu erwirken. Eine sorgfältige Untersuchung des Rechtsstreits findet sich bei Scaglione, Luigi Negrelli e il Canale di Suez, Bd. I, S. XIII-XXXI. Ebenso relevant ist die Untersuchung der juristischen Inhalte von Algardi, Luigi Negrelli, l’Europa, il Canale di Suez, S. 334–350.

15    Diese Entscheidung hat jedoch auch dazu geführt, dass verschiedene regimenahe Gelehrte oder Pseudogelehrte den Mythos von Negrellis italianità gefördert haben und dass sich dieser somit in der italienischen Literatur unhinterfragt durchsetzen konnte. Vgl. Bordignon, Luigi Negrelli: Suez, insbesondere S. 7–11, wo die nationalistischen und faschistischen Absichten des Werkes explizit gemacht werden.

16    Scaglione, Luigi Negrelli e il Canale di Suez, vol. 2.

17    Der gesamte Nachlass wurde von einem Forschungsteam, das vom Autor koordiniert wurde, einem gründlichen Inventarisierungs- und Scanprozess unterzogen. Kopien des gesamten Materials befinden sich in der Fakultät für Wirtschaft und Management der Universität Trient, wo sie immer noch Forschungsgegenstand sind. Um sie der größtmöglichen Anzahl von Wissenschaftlern zugänglich zu machen, hat das Dokumentationszentrum Luigi Negrelli in Primiero dieselben Kopien ins Internet gestellt: https://negrelli.primiero.tn.it/it/archives/index/. Im Folgenden wird bei der Zitierung der Quellen des Nachlasses die aus dem neuen Inventar abgeleitete Nummerierung verwendet, die sowohl im Archiv des Technischen Museums Wien (im Folgenden abgekürzt als TMW) als auch im Dokumentationszentrum Luigi Negrelli in Primiero in Gebrauch ist.

18    Leonardi, Dall’Europa a Suez, S. 251–265; Ders., Luigi Negrelli: un protagonista del take off ferroviario; Ders., A prominent figure in the creation of the Suez Canal, S. 1–28; Ders., Riegler, Luigi Negrelli (1799–1858): A Tyrolean Engineer.

19    Negrelli wird z.B. auf mehreren Websites auf allzu simple Weise als „Italiener“ beschreiben.

20    Die Literatur, die die Figur und das Werk Negrellis in eine vorwiegend nationale Perspektive rückte, endete nicht mit dem 19. Jh., sondern setzte sich bis ins 20. Jh. fort (man denke nur an die beiden Extreme: Negrelli von Moldelbe, Die Lüge von Suez und Adami, Per l’italianità di Luigi Negrelli) und beeinflusste sogar Werke, die erst vor relativ kurzer Zeit entstanden sind (Algardi, Luigi Negrelli, l’Europa, il Canale di Suez).

21    Vgl. dazu: Istvan Németh, Luigi Negrelli und sein geistiges Vermächtnis, in: Luigi Negrelli ingegnere, S. 91–128; Ders., Documenti e progetti di Luigi Negrelli negli archivi di Vienna, Ebenda, S. 129–138. Vgl. auch: Michael Demanega, 220 Jahre Alois von Negrelli: Vekehrsplaner und Eisenbahnpionier von europäischem Format, in Österreichische Zeitschrift für Verkehrswissenschaft, 3–4, 2019, S. 25–33.

Kapitel 1

Primiero und die Familie Negrelli

Um Negrelli zu verstehen, ist dem Umfeld, in dem sein Charakter geformt wurde, besondere Aufmerksamkeit zu widmen: Der familiäre Kontext, in dem seine Weltanschauung reifte, das Gebiet, in dem er seine ersten Schritte machte und in dem er von den Prinzipien, die ihn sein ganzes Leben lang begleiten sollten, bestimmt wurde. Negrelli blieb seiner kleinen Heimat immer verbunden, auch als sein Ingenieursberuf ihn in andere, weit entfernte Regionen Europas führte.22 Als Grenzgebiet zwischen dem historischen Tirol und der Republik Venedig hatte Primiero (Primör) im Laufe der Zeit eine ausgeprägte Autonomie entwickelt. Mehrere Studien haben veranschaulicht, wie die Bevölkerung dieser Alpenregion bewusst und konsequent den Geist der Selbstständigkeit gepflegt hat und somit im Laufe der Zeit eine beachtliche Fähigkeit zur Selbstverwaltung entwickeln konnte.23

Die autonome Struktur Tirols sowie die des gesamten Alpenraumes stand unter dem starken Einfluss wirtschaftlicher Bedingungen,24 die oft bestimmten, wie sich die lokalen Gemeinschaften in den verschiedenen Konjunkturphasen mit Mitteln zur Selbstverwaltung versahen.25 Das Gebiet Tirol-Trentino ist nämlich seit jeher durch ein schwieriges Verhältnis zwischen den verfügbaren Ressourcen und der Bevölkerung bestimmt. Diese Struktur beruht auf einer eindeutig dominierenden Agrar-, Forst- und Viehwirtschaft, die von einer Reihe nicht unbedeutender sekundärer und tertiärer Aktivitäten unterstützt wird. Tirol ist seit dem Mittelalter eine Passregion, eine Verbindung zwischen Mitteleuropa und Norditalien, in der die steten wirtschaftlichen Beziehungen zu den umliegenden Gebieten die Bildung von Zentren für die Organisation von Handel und Produktion ermöglichten.26

Durch den Blick auf die Erfahrungen der Nachbarregionen, mit denen auch ein ständiger Vergleich im Gange war, hat das Trentiner-Tiroler Gebiet im Laufe der Zeit die Fähigkeit entwickelt, den eigenen Bedürfnissen entsprechend zu handeln und passende Überlebensstrategien zu entwickeln. Dies geschah nicht nur durch die Anpassung an die gegebenen Umweltbedingungen, sondern auch durch die Übernahme verschiedener Formen der Arbeitsteilung, die sich in den lokalen Produktionsmethoden widerspiegelten. Im Laufe der Zeit vollzog sich ein anhaltender Prozess der Umverteilung von Ressourcen und Produktionsfaktoren. Es wurden dabei Organisationsformen entwickelt und privat-kollektive Einrichtungen, die in einem begrenzten und komplexen Gebiet die bestmögliche Nutzung der verfügbaren Ressourcen boten, geschaffen.27

In diesem Zusammenhang war Primiero ein emblematisches Beispiel dafür, wie Gemeinschaften und soziale Organisationen entlang des Alpenkamms oftmals exklusive Rechte an ihrem Naturraum besaßen.28

Primiero gehörte zur Zeit der Langobarden der Grafschaft Feltre an und gelangte nach der Aufeinanderfolge verschiedener Herrschaften 1401 unter die Hoheit der Herzöge von Österreich, die es mit der Grafschaft Tirol vereinigten und es als Lehen und Gerichtsgebiet an die Welser übergaben. Dies war der erste Kern der so genannten „Welschen Konfinen“, das Gebiet der Fürstlichen Grafschaft Tirol, das später auch das untere Suganertal sowie einen großen Teil des südlichen Trentino mit der Stadt Rovereto und ihrem Amtsgericht umfassen sollte: praktisch das gesamte Grenzgebiet zur Republik Venedig.29 Wie im ganzen Fürstbistum Trient wurden auch in Primiero weitreichende Formen der Selbstverwaltung und der familiären und kollektiven Verantwortung eingeführt. Die Strategien und der Modus der Nutzung der kollektiven Ressourcen wurden in den carte di regola festgehalten, Verordnungen, die alle Bewohner eines bestimmten Gebiets verpflichteten.30 Ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, als sich die neue Staatsorganisation wie im übrigen Alpenraum konsolidierte, veränderte sich das traditionelle Gemeindesystem tiefgreifend.31 Das Zeitalter der Aufklärung löste in der Tat eine Reihe von Veränderungen aus, die das Feuer der Französischen Revolution schüren und epochale Umbrüche bewirken sollten. Diese Veränderungen betrafen nicht nur die Städte, sondern verursachten auch in der gemeinschaftlichen Organisation des Alpengebiets einen tiefen Umbruch. Der lokalen Gesellschaft wurden somit neue Horizonte eröffnet, und obwohl diese vor allem in der napoleonischen Zeit als traumatisch empfunden wurden, schufen sie die Voraussetzungen für eine Modernisierung der alpinen Gesellschaft.32

Genau in dieser heiklen Phase des Wandels zog 1761 ein Mitglied der Familie Negrelli nach Primiero. Nicolò emigrierte aus Valstagna, einem Dorf im Brenta-Tal vor den Toren Bassanos, um seiner Tätigkeit als Holzhändler nachzugehen. „Wie viele seiner Landsleute vor ihm, verließ auch Nicolò Negrelli Valstagna. Primiero war im späten 16. Jahrhundert, sowohl was die Einkünfte aus dem Verkauf der Holzfällerlizenzen als auch die Exportzölle anging, zu einem der einträglichsten Forstämter der Tiroler Grafschaft geworden war. Seine geografische Lage an der Schwelle zu Venedig zog zahlreiche Unternehmer, Land- und Forstwirte aus dem Gebiet der Republik an. Sie nutzten die Möglichkeiten des Handels auf den Wasserwegen des Cismon und des Brenta, um das Holz rasch und auf konkurrenzfähige Weise auf die städtischen Märkte zu bringen“.33 Der Holzhändler Nicolò Negrelli nahm Anna Ceccato, verwitwete Romagna, Betreiberin eines Gasthauses in Fiera di Primiero zur Frau.34 Aus dieser Verbindung ging zunächst Caterina und 1764 schließlich Angelo Michele hervor. Dieser trat wiederum in die Fußstapfen des Vaters und übte verschiedene Arbeiten in der Holzwirtschaft aus, unter anderem im Dienst von Giovanni de Bosio, einem der bedeutendsten Holzhändler Primieros.35 Die Figur des Angelo Michele und seiner Familie, die trotz finanzieller Höhen und Tiefen der wohlhabenden Mittelschicht zugerechnet werden kann, ist für die vorliegende Analyse von großer Bedeutung. Angelo Michele ist aus zwei Gründen relevant: zum einen, weil er – wie wir sehen werden – Luigis Vater war und zum anderen, weil er in einem autobiographischen Bericht seine interessanten, manchmal dramatischen Lebensereignisse rekonstruiert und somit eine außerordentlich reiche Beschreibung des Alltags eines Grenzgebiets in einer historisch ereignisvollen Phase hinterlassen hat.

Angelo Michele schrieb und diktierte zwischen 1844 und 1851 sechzehn Mappen, in denen er die Chronik eines langen Lebens (1764–1851)36 in Form einer Ereignisgeschichte nachzeichnete und die Rolle des Zeitzeugen einer Umbruchsepoche übernahm.37 Es ist ein außerordentlich wichtiges Dokument, um das familiäre Umfeld, in dem Luigi Negrelli geboren wurde, zu erfassen und die grundlegenden Elemente einer Weltanschauung, die seine Lebensentscheidungen dauernd prägen sollte, zu verstehen. Angelo Michele kann nicht als typischer Einwohner Primieros bezeichnet werden. Nach dem Untergang des Bergbaus, der in jener Gegend seit dem 15. Jahrhundert besonders intensiv betrieben wurde,38 widmete sich die Bevölkerung fast ausschließlich der Land-, Wald- und Viehwirtschaft. Angelo Michele verstand sich aber als Vertreter einer dynamischen Kaufmannsschicht. Wie seine Büchersammlung zeigt, war er ein gebildeter Mann,39 trotz der Tatsache, dass seine Erziehung nicht auf hohem Niveau stattgefunden hatte.40 Er war zweifellos unternehmungslustig, knüpfte auch außerhalb seines sozialen Umfelds leicht Beziehungen und hatte keine Skrupel, sich mit „mächtigen“ Männern anzulegen.41 Kaufleute reisten damals eher aus Notwendigkeit als aus Vergnügen. Angelo Michele setzte das Reisen jedoch mit Leben, Verstehen der Welt und Erwerb von neuen Kenntnissen und Prestige gleich. Seine Memoiren beschreiben nicht weniger als 70 Reisen, die er sowohl aus Arbeitsgründen unternahm, als auch um fremde Länder und Kulturen zu erleben.42

Im Laufe seines langen Lebens erfuhren das Gebiet und die Gesellschaft, in denen Angelo Michele Negrelli lebte, tiefgreifende Veränderungen. In weniger als 20 Jahren folgten, zumindest im südlichen Teil Tirols, zehn verschiedene Regierungssysteme aufeinander. Das Ende der bischöflichen Fürstentümer Trient und Brixen wurde 1801 durch den Frieden von Lunéville beschlossen und vom Reichstag von Regensburg 1803 ratifiziert, der die Gebiete den Habsburgern zuwies. Zwischen September 1796 und November 1802 wechselten sich drei französische und drei österreichische Besetzungen ab und zwischen 1805 und 1809 erfolgte die Machtübergabe an die bayerische Regierung. Der provisorischen Regierung Hofers von 1809 folgten zwischen 1810 und 1813 der Anschluss an das napoleonische Königreich Italien und die anschließende Wiederherstellung der habsburgischen Souveränität.43 Es wäre naiv zu glauben, dass diese Umbrüche auf das Leben eines Geschäftsmannes und seiner Angehörigen keinen Einfluss nahmen: da Angelo Michele als dynamischer, unternehmungslustiger und zuverlässiger Mann auch innerhalb der Gemeindeverwaltung Verantwortungspositionen übernommen hatte, führten sie nicht nur zu zwischenmenschlichen, sondern auch zu finanziellen Problemen.

Wie das gesamte Tiroler Gebiet hatte auch Primiero mit erheblichen ökonomischen Schwierigkeiten zu kämpfen. Papiergeld war 1799 zum gesetzlichen Zahlungsmittel geworden und die kleine Gemeinde in den Dolomiten musste es infolge einer landesweiten Entscheidung in Umlauf bringen. Dies führte zu einem beschleunigten Inflationsprozess, der die Wirtschaft auf lokaler Ebene sowie in ganz Cisleithanien beeinflusste.44 Die schwere Belastung der Inflation zwang den lokalen Markt, ein recht unterschiedliches Warensortiment aus Bayern und der Poebene zu beziehen. Der Druck, den die militärische Nahrungsmittelnachfrage auf einen Markt mit begrenzter lokaler Produktion ausübte, verstärkte den Preisanstieg zusätzlich. Gleichzeitig begünstigte dieser aber auch den Verkauf von Holz, dem Haupterzeugnis des Tals, sowie von Milchprodukten außerhalb des lokalen Kontextes.45 Dies endete 1806, als die bayerische Regierung eine Reihe von Deflationsmaßnahmen einführte, die der Tiroler Bevölkerung die Folgen des Staatsbankrotts von 1811 ersparten.46 Es folgte ein allgemeiner Rückgang der Inlandspreise, der sich jedoch zum Nachteil der Schuldner auswirkte: Zahlreiche Konkurse und Zwangsvollstreckungen lösten weit verbreiteten sozialen Unmut aus und verringerten die Sympathie für die neuen Machthaber. Dieser Vorgang beeinträchtigte die Erwartungen der Handelswelt, die bereits unter der Abschaffung des Papierumlaufs zu leiden hatten, und übte somit auch auf die Tätigkeit von Angelo Michele Negrelli negativen Einfluss aus. Napoleons Kontinentalsperre hatte 1806 die freie Einfuhr nicht-französischer Güter in die Satellitenländer Frankreichs blockiert, und die Schwierigkeiten, unter denen der Handelssektor seitdem gelitten hatte, verschärften sich nun.47

Insgesamt stellte diese Phase, während der politisch-institutionelle und militärische Ereignisse dicht aufeinander folgten,48 auch unter dem Gesichtspunkt der ökonomischen Praktiken einen besonders intensiven Moment dar. Eine ganze Reihe neuer Maßnahmen wirkte sich nämlich auf die Neuordnung des lokalen Sozialgewebes aus, das sich in den darauffolgenden Jahrzehnten konsolidieren sollte.49 Während Tirol von den Kriegswirren erfasst50 und von den napoleonischen Armeen durchquert wurde, während es unter den schweren Auswirkungen dieses Durchzugs zu leiden hatte und unter Verzicht auf wertvolle landwirtschaftliche Arbeitskräfte die Hoferschen Truppen versorgte,51 erlebte es auch auf wirtschaftlichem Gebiet deutliche Schwierigkeiten.

Der Tiroler Landeshauptmann Ferdinand von Bissingen kritisierte bereits im November 1800 die Unterhaltskosten der Truppen, indem er behauptete, dass der notwendige Versorgungsbedarf nicht vor Ort gedeckt werden konnte.52 Gleichzeitig gab es während der gesamten bayerischen Herrschaft Proteste gegen jene Schulden, die die Gemeinden auf Grund der Kriegsanstrengung aufnehmen hatten müssen. Die Lasten der Kriegswirtschaft fielen auf das Produktionssystem, aber auch auf den Handel und dadurch auch auf das Unternehmen Angelo Michele Negrellis.

Die prioritären Bedürfnisse des Krieges erdrückten den Markt und entzogen der Landwirtschaft und der Verarbeitungsindustrie wertvolle Arbeitskräfte, die in militärischen Feldzügen eingesetzt wurden. Trotzdem zeigten sich in dieser Phase eine Reihe positiver Zeichen, die von Angelo Michele Negrelli, der zu tief im Lebensmodell des Ancien Régime verankert war, jedoch nicht wahrgenommen wurden. Mit moralischer Aufrichtigkeit hielt er an einigen soliden Prinzipien fest, die in einem Motto, das er sich zu eigen gemacht hatte, zum Ausdruck kamen: „Dio, prossimo, chiesa cattolica, legittimità sovrana austriaca”.53

Die Ereignisse zu Beginn des 19. Jahrhunderts, die durch den Vormarsch der napoleonischen Armeen zum Ende der habsburgischen Herrschaft über seine kleine Heimat geführt hatten, bedeuteten für ihn den Zusammenbruch seines Universums. Umso mehr setzte Angelo Michele Negrelli auf den von Andreas Hofer angeführten Aufstand gegen Frankreich und Bayern. Das Jahr 1809 wurde für ihn zum Jahr der Hoffnung und der mühsamen Verteidigung der alten Ordnung, die den Alltag Primieros sowie auch des gesamten Landes Tirols prägte: das Jahr, in dem die Wiedererlangung der „verlorenen österreichischen Untertänigkeit“ greifbar nahe schien.54 Obwohl seine Beobachtungsgabe in vielerlei Hinsicht äußerst scharf war, konnte Angelo Michele die Tragweite der Reformen, die während der sich abwechselnden bayerischen und italienischen Herrschaft zwischen 1805 und 1813 in Tirol eingeführt wurden, nicht erfassen.55 Diese innovativen Maßnahmen wiesen in gewisser Weise Kontinuitätslinien zur Reformpolitik des aufgeklärten Absolutismus Maria Theresias und ihres Sohnes Joseph II. auf.56 Angelo Michele Negrelli verstand ihre Bedeutung jedoch nicht, da der Verlust der Prinzipien, die er als unverzichtbar betrachtete, sein Urteilsvermögen trübte. Selbst als er im hohen Alter den größten Teil seiner Memoiren verfasste, konnte er nicht einsehen, dass die Maßnahmen jener Jahre einen dynamisierenden Effekt auf die verschiedenen wirtschaftlichen Zweige ausgeübt hatten. Am Anfang des 19. Jahrhunderts konnte man insbesondere im landwirtschaftlichen Sektor einen Wandel ausmachen, der sich später, als die Landwirtschaft angesichts des Bevölkerungswachstums zu einer beständigeren produktiven Leistung genötigt wurde, als Vorbote wichtiger Innovationen entpuppen sollte.57

Mit großer Dynamik erfolgte die Einführung mehrerer struktureller Maßnahmen, die eine Neuordnung des Grundbesitzes und die Beseitigung der letzten Reste des Feudalismus zum Ziel hatten. Dazu gehörten die Abschaffung der Leibeigenschaft und des Fideicommiss, die Allodierung von Grund und Boden, die Möglichkeit für Bauern, das volle Eigentum des von ihnen bewirtschafteten Landes zu erwerben, aber auch die Aufhebung der religiösen Orden und die Konfiszierung ihres Grundbesitzes,58 was von Leuten wie Angelo Michele Negrelli als verwerflich und blasphemisch betrachtet wurde. Andere wirtschaftliche Initiativen waren, wie früher die theresianischen Maßnahmen, darauf ausgerichtet, die produktive Organisation des ländlichen Raums durch die Einführung neuer Fruchtfolgetechniken und eines rationelleren Tierzuchtsystems zu modernisieren. Man versuchte auch die Vermarktung von Erzeugnissen, die das Tiroler Produktionssystem traditionell für ausländische Märkte bestimmt hatte, zu erleichtern, sowie dem durch die Kontinentalsperre bedingten Rückgang des Transitverkehrs entgegenzuwirken.59

Der Versuch, das Tiroler Gebiet zollamtlich in das bayerische Königreich einzugliedern, führte hingegen zu widersprüchlichen Ergebnissen. Die Winzer im südlichen Teil des Landes und die Viehzüchter in den höher gelegenen Tälern, einschließlich der von Primiero, profitierten davon, dass sie ihre Produkte auf den bayerischen und italienischen Märkten leichter absetzen konnten. Alle lokalen Produkte, die traditionell auf die Märkte der habsburgischen Erbländer ausgerichtet waren, gerieten hingegen in Schwierigkeiten.60

Das Zollregime, das die bayerischen Landesherren Tirol auferlegt hatten, bot neben einigen Vorteilen auch klare Nachteile; das Steuerregime hingegen wurde fast ausschließlich negativ bewertet und die Erhöhung der Steuerlast wird oft für den Volksaufstand von 1809 verantwortlich gemacht.61 Das spürbare Unbehagen, das die Maßnahmen der pro-französischen Regierung im Tiroler Kontext auslösten, kann jedoch nicht nur auf die als negativ empfundene wirtschaftliche Situation zurückgeführt werden. Es sind in diesem Kontext auch die Maßnahmen zu berücksichtigen, welche scheinbar jene Ideale gefährdeten, die die Weltanschauung vor allem der ländlichen Bevölkerung prägten. Diese war den Institutionen und dem Hause Habsburg treu ergeben und identifizierte sich vollständig mit der lokalen katholischen Kirche.62 Angelo Michele Negrelli gehörte nicht zur Bauernschicht. Dennoch teilte er, wie aus seinen Memoiren hervorgeht, voll und ganz das Unbehagen derjenigen, die ihr Wertsystem durch die Maßnahmen der napoleonischen Regierungen zusammenbrechen sahen.63

Seine erklärte Unterstützung für die habsburgischen Institutionen und seine offenkundige Abneigung gegen die bayerisch-französischen Machthaber während des Hofer’schen Aufstandes, die auch 1812, als sich neue Aufstandsvorhaben abzuzeichnen begannen, fortbestand, bereiteten ihm ernste Schwierigkeiten mit der Justiz. Nach seiner Festnahme durch napoleonische Truppen in Feltre im Sommer 1813 verbüßte er eine siebenmonatige Haftstrafe zwischen Mantua und Pallanza, die im Frühjahr 1814 ohne Anklageerhebung endete.64

Das Klima, in dem die Familie Negrelli lebte, lässt sich nur unter Berücksichtigung der politischen, institutionellen und wirtschaftlichen Ereignisse, die sich in Tirol in der Umbruchszeit zwischen dem Ende des 18. und dem Beginn des 19. Jahrhunderts abspielten, nachvollziehen. Die Familie Negrelli war wohlhabend, aber in der Zeit, als Luigi, der nach fünf Töchtern65 als erster Sohn geboren wurde, aufwuchs, erlebte sie viele Schwierigkeiten. Die Inhaftierung von Angelo Michele und eine Reihe finanzieller Missgeschicke wirkten sich negativ auf das Familienleben aus.66

Angelo Michele und Elisabeth Württemberg heirateten 1787 und erfuhren nach einer anfänglichen Phase des Wohlstands, während der Angelo Michele zahlreiche Geschäftsreisen in Tirol und Venetien unternahm,67 auch Momente echter finanzieller Bedrängnisse. Dennoch brachte das Paar zwischen 1788 und 1807 elf Kinder zur Welt.68 Luigis Bruder Michele Angelo, der die Memoiren seines Vaters nach dessen Tod vervollständigte, beschrieb dessen Charakter folgendermaßen: „di temperamento sanguigno, melanconico, chiuso, dotato di penetrante intelletto, di una smisurata memoria e di precipitosa ferma volontà“.69 Er führte eine lange Ehe mit Elisabeth Würtemberg, die er immer liebevoll „seine Bettina“ nannte, und die ihr Sohn Michele Angelo als „religiosa senza ostentazione, tutta pel marito, pei figli, caritatevole nascosta e misurata, infinitamente paziente, di poche parole, ilare, paciera“ beschrieb.70

Gleich der Familie ihres Ehemannes stammten auch Elisabeths Vorfahren nicht aus Primiero, sondern waren nach der Mitte des 18. Jahrhunderts aus dem deutschsprachigen Teil des Landes, genauer gesagt aus Toblach, zugezogen. Sie gehörte also der deutschen Sprachgruppe an und hatte sich im italienischen Gebiet Tirols an der Grenze zu Venetien niedergelassen, ohne ihre Identität und den Gebrauch der Muttersprache zu verlieren, was in Primiero nicht unüblich war.71 Dies erklärt Bettinas Bemerkung bezüglich ihres Sohnes Luigi, die laut István Németh in ihrem Tagebuch festgehalten wurde: „Deutsch ist deine Muttersprache, welsch des Vaters Art und Blut, Herrlich sich in dir entfalte was in beiden Völkern ruth [sic!]“.72 Trotz dieses Eintrages ist es offensichtlich, wie im Folgenden gezeigt wird und wie die Erinnerungen Angelo Micheles bekunden, dass die Sprache der Familie Negrelli Italienisch war, und zwar in der spezifischen Version des lokalen Dialekts. Außerdem beherrschte Luigis Vater, trotz seiner geschäftlichen Beziehungen zu deutschsprachigen Gebieten und vielfacher Reisen in denselben, diese Sprache nicht, während er gute Französischkenntnisse hatte. Die zwei Eheleute verstarben im Abstand von wenigen Tagen zwischen September und Oktober 1851.

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22    Im Originaltext auf Deutsch. Sein Testament, das Negrelli zwischen 12. und 14. Juni 1857 in Wien verfasste, ist ein Zeugnis seiner Liebe zu seiner Heimat (TMW, Nachlass Negrelli, 13_1422_000, Testament, 14.06.1857; vgl: Dokumentarischer Anhang Nr. 5). Die Liebe, die er für Primiero und seine Tiroler Heimat empfand, taucht immer wieder in seiner Korrespondenz mit Familienmitgliedern und zahlreichen, vor allem Schweizer, Freunden auf. Oft beschreibt Negrelli Primiero und Tirol als eine Oase des Friedens und der Ruhe in einem Europa voller Aufruhr, Spannungen, Widersprüche und Tücken. Ein deutlicher Beweis dafür ist ein Brief an Martin Escher-Heß vom 30.05.1848, der am Höhepunkt der revolutionären Aufstände in Wien verfasst wurde: „so ist mir mein theures Vaterland mein Tirol mein Trost. Dort wenden sich meine Blike u. trete ich auch in das Privatleben wieder zurük, so wird das Bewußtseyn treuer Pflichterfüllung mich stärken und mich und die meinen muthig wie bisher durch die Welt bringen!“ (TMW, Nachlass Negrelli, 08_0619_000, Negrelli an Escher-Heß, Wien, 30.05.1848).

23    Für eine Literaturübersicht zum Thema: Andrea Leonardi, Istituzioni autonomistiche e sviluppo territoriale, in: Ders., (a cura di), Istituzioni ed economia, Bari 2011, S. 19–41; Ders., Comunità alpine e capacità di autogoverno, Archivio Scialoja-Bolla. Annali di studi sulla proprietà collettiva, 1 (2015), S. 1–18; Reinhard Stauber, Der Zentralstaat an seinen Grenzen. Administrative Integration, Herrschaftswechsel und politische Kultur im südlichen Alpenraum 1750–1820, Göttingen 2001.

24    Ettore Rotelli, Edoardo Vitta, L’autonomia regionale della Valle d’Aosta: profili storici e giuridici, Milano 1973; Pierangelo Schiera, L’autonomia locale nell’area alpina. La prospettiva storica, in: Ders., Renzo Gubert, Enzo Balboni (a cura di), L’autonomia e l’amministrazione locale nell’area alpina, Milano 1988, S. 13–15; Ders., (a cura di), Le autonomie e l’Europa: profili storici e comparati, Bologna 1993; Fabio Rugge, Provincia economica. Riflessioni sull’identità istituzionale del territorio trentino in età contemporanea, in: Pierangelo Schiera (a cura di), 1948–1988. L’autonomia trentina. Origini ed evoluzione fra storia e diritto, Trento 1988, vol. I, S. 79–101; Roberto Louvin, La Valle d’Aosta. Genesi, attualità e prospettive di un ordinamento autonomo, Aosta 1998; Carlo Calvieri, Stato regionale in trasformazione: il modello autonomistico italiano, Torino 2002; Émile Chanoux, Federalismo e autonomie, Milano 2014; Marco Cattini, Marzio A. Romani, Dall’autonomia amministrativa all’autonomia economica: alle origini socio-culturali di distretti industriali italiani, in: Angelo Varni (a cura di), Storia dell’autonomia in Italia tra Ottocento e Novecento, Bologna 2001, S. 191–201; Guido Tabellini, Culture and Institutions: Economic Development in the Regions of Europe, Milan 2006; Gianfranco Cerea, Regionalismi del passato e federalismo futuro: cosa insegna l’esperienza delle autonomie speciali, Le Regioni, (2009), 3- 4, S. 453- 486; Leonardi, Comunità alpine, S. 1–18; Ders., Die Geschichte und Kraft der Alpen: was zeichnet sie aus?, in: Harald Gohm, Birgit Pikkemaat (Hrsg.), Erfolgreich in den Alpen. Perspektiven und Strategien, Innsbruck 2016, S. 14–35.

25    Andrea Leonardi, Questioni economiche e autonomie regionali: il caso tirolese nel secolo XIX, in: Richard Schober, Storia della dieta tirolese 1816–1918, Trento 1987; Ders., Wirtschaftsfragen und Autonomie auf regionaler Ebene: Das Beispiel Tirols im 19. Jahrhundert, Tiroler Heimat, 53 (1989), S. 55–66; Ders., Intervento pubblico ed iniziative collettive nella trasformazione del sistema agricolo tirolese tra Settecento e Novecento, Trento 1991; Ders., L’economia di una regione alpina. Le trasformazioni economiche degli ultimi due secoli nell’area trentino-tirolese, Trento 1996; Ders., L’Arc Alpin et la révolution industrielle, in: Gérard Françoise Dumont, Anselm Zurfluh (éds), L’Arc Alpin. Histoire et Géopolitique d’un Espace Européen, Paris-Zurich 1998, S. 62–78; Ders., (a cura di), Aree forti e deboli nello sviluppo della montagna alpina, Trento 2001; Ders., Die Handelsbeziehungen zwischen Nord- und Südeuropa im 17. und 18. Jahrhundert und die Rolle des Trentiner-Tiroler Raums. Eine Einleitung, Scripta Mercaturae. Zeitschrift für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, 42 (2008), 1, S. 1–8; Ders., La struttura economica dell’area trentino-tirolese al tramonto dell’ancien régime, in: Marco Bellabarba, Ellinor Forster, Hans Heiss, Andrea Leonardi, Brigitte Mazohl (Hrsg.), Eliten in Tirol zwischen Ancien Régime und Vormärz. Le élites in Tirolo tra Antico Regime e Vormärz, Innsbruck-Wien-Bozen 2010, S. 201–220; Ders., Istituzioni autonomistiche, S. 19–41; Andrea Bonoldi, Andrea Leonardi, Katia Occhi, Interessi e regole: operatori e istituzioni nel commercio transalpino in età moderna (secoli XVI-XIX), Bologna 2012.

26    Angelo Moioli, Aspetti del commercio di transito nel Tirolo della seconda metà del Settecento, in: Cesare Mozzarelli, Giuseppe Olmi (a cura di), Il Trentino nel Settecento tra Sacro Romano Impero e antichi stati italiani, Bologna 1985, S. 805–899; Leonardi, L’economia di una regione alpina, S. 15–107; Andrea Bonoldi, La fiera e il dazio: economia e politica commerciale nel Tirolo del secondo Settecento, Trento 1999.

27    John W. Cole, Eric R. Wolf, La frontiera nascosta. Ecologia e etnicità fra Trentino e Sudtirolo, San Michele all’Adige 1993, S. 65–89; Hermann Wopfner, Bergbauernbuch. Von Arbeit und Leben des Tiroler Bergbauern, Hrsg. von Nikolaus Grass, 3 Bd., Innsbruck 1995–1999; Andrea Leonardi, 1809–2009 Südtiroler Landwirtschaft zwischen Tradition und Innovation, Bozen 2009.

28    Gauro Coppola, La montagna alpina: vocazioni originarie e trasformazioni funzionali, in: Piero Bevilacqua (a cura di), Storia dell’agricoltura italiana in età contemporanea, vol. I, Venezia 1989, S. 495–530; Ders., I dominii collettivi come patrimonio culturale, in: Pietro Nervi (a cura di), Le terre civiche tra l’istituzionalizzazione del territorio e il declino dell’autorità locale di sistema, Padova 2000, S. 203–218; Pier Paolo Viazzo, Comunità alpine. Ambiente, popolazione, struttura sociale nelle Alpi dal XVI secolo ad oggi, Bologna 1990; Jon Mathieu, Storia delle Alpi 1500–1900. Ambiente, sviluppo e società, Bellinzona 2000.

29    Vgl. Hans von Voltelini, Das welsche Südtirol, Wien 1918. Zu Primiero siehe: Giulio Rizzoli, Notizie storiche di Primiero, Feltre 1900; Cesare Battisti, Guida di Primiero, Trento 1912; Antonio Zieger, Primiero e la sua storia, Trento 1975; Giovanni Meneguz, Primiero, Trento 1981; Umberto Corsini, Primiero e il Trentino fra Settecento e Ottocento, in: Leonardi (a cura di), Luigi Negrelli ingegnere, S. 19–49; Ugo Pistoia, Un avamposto dei conti del Tirolo verso la pianura veneta: Primiero tra XIV e XV secolo, in Federico IV d’Asburgo e la contea vescovile di Feltre, Feltre 2001, S. 53–63; Ders., Tra storia locale e storia generale: il caso di Primiero medioevale, SM – Annali di San Michele, 15 (2002), S. 149–154; Katia Occhi, Il commercio di legname tra i confini italiani della contea del Tirolo e la Repubblica di Venezia nei secoli XVI e XVII, in: Mauro Agnoletti (a cura di), Storia e risorse forestali, Firenze 2001, S. 99–114.

30    Marco Casari, Emergence of Endogenous Legal Institutions: Property Rights and Community Governance in the Italian Alps, The Journal of Economic History, 67 (2007), 1, S. 191–226. Zu Primiero siehe: Giuseppina Bernardin Gaio, Primiero nel XV secolo. Comunità alpine e beni collettivi, Studi trentini di scienze storiche, 84 (2005), S. 597–623.

31    Ester Capuzzo, Carte di regola e usi civici nel Trentino, Studi Trentini di Scienze storiche, 64 (1985), S. 371–421; Cesare Mozzarelli (a cura di), L’ordine in una società alpina, Milano 1988; Mauro Nequirito, Le carte di regola delle comunità trentine. Introduzione storica e repertorio bibliografico, Mantova 1988; Ders., A norma di Regola. Le comunità di villaggio trentine dal medioevo alla fine del ’700, Trento 2002; Fabio Giacomoni (a cura di), Carte di regola e statuti delle comunità rurali trentine, 3 voll., Milano 1991; Christian Zendri, Terre collettive e comunità rurali d’antico regime: appunti storici su di un rapporto complesso, in: Pietro Nervi (a cura di), Il ruolo economico e sociale dei demani civici e delle proprietà collettive. Le terre civiche: dove, per chi, per che cosa, Padova 1999, S. 137–147; Casari, Emergence of Endogenous Legal Institutions, S. 194–197.

32    Vgl. folgende Übersichtswerke: Cesare Mozzarelli, Giuseppe Olmi (a cura di), Il Trentino nel Settecento fra Sacro Romano Impero e antichi Stati italiani, Bologna 1985; Bellabarba et al. (Hrsg.), Eliten in Tirol.

33    Katia Occhi, Le attività commerciali tra montagna e pianura, in: Quinto Antonelli, Mariano Longo (a cura di), Negli ultimi anni del mio vivere. Primiero tra Sette e Ottocento nelle Memorie di Angelo Michele Negrelli. Approcci di lettura, Trento 2006, S. 75–87, hier S. 76.

34    Cecilia Nubola, Società e vita quotidiana in Primiero tra Sette/Ottocento, in: Antonelli, Longo, Negli ultimi anni del mio vivere, S. 61–74.

35    Occhi, Le attività commerciali tra montagna e pianura, S. 79.

36    Angelo Michele Negrelli, Memorie che servono alla storia della sua vita ed in parte a quella de’ suoi tempi, scritte da lui medesimo, con difficoltà per l’abbreviata sua vista, negli ultimi anni del suo vivere, a cura di Ugo Pistoia, Feltre 2010.

37    Quinto Antonelli, Tempi e racconto delle Memorie, in: Ders., Longo, Negli ultimi anni del mio vivere, S. 15–30.

38    Hermann Kellenbenz, Le miniere di Primiero e le relazioni dei Fugger con Venezia nel Quattrocento, Atti dell’Accademia roveretana degli Agiati, 238 (1988), S. VI, vol. 28 (A), 1990, S. 365–385.

39    Ugo Pistoia, Esercizi di lettura. I libri e la biblioteca di Angelo Michele Negrelli, Archivio trentino, (2006), 1, S. 99–116.

40    Ders., Le “scolette” preteresiane di Angelo Michele Negrelli, in: Fabrizio Leonardelli, Giovanni Rossi (a cura di), Officina umanitatis. Studi in onore di Lia de Finis, Trento 2010, S. 471–480.

41    Gianfranco Bettega, Viaggi e cosmi personali, in: Antonelli, Longo, Negli ultimi anni del mio vivere, S. 31–50.

42    Mariano Longo, Presentazione, in: Ebenda, S. 5–8.

43    Umberto Corsini, Il Trentino nel secolo XIX, vol. I, 1796–1848, Rovereto 1963, S. 29–80; Ders., Primiero e il Trentino, S. 19–49; Claudio Donati, Contributo alla storia istituzionale e sociale del Principato vescovile di Trento fra XVII e XVIII secolo, in: Mozzarelli, Olmi, Il Trentino nel Settecento, S. 647–675; Pierangelo Schiera, Resistenza, chiusura ed anticipazioni di fronte al superamento dell’antico regime nell’area alpina, in: Atti del convegno Sigismondo Moll e il Tirolo nella fase di superamento dell’antico regime, Rovereto 1993, S. 11–30; Brigitte Mazohl, Bernhard Mertelseder, Johannes Weber, 1809 und danach? Über die Allgegenwart der Vergangenheit in Tirol, Bozen 2009; Marco Bellabarba, Una crisi di fine secolo: il 1809 nelle testimonianze trentine, in: Roland Bacher, Richard Schober (Hrsg.), 1809. Neue Forschungen und Perspektiven, Innsbruck 2010, S. 77–94.

44    Hannes Androsch, Die politische Ökonomie der österreichischen Währung. Ein Überblick über die österreichische Währungspolitik von 1760 bis 1984 vor dem Hintergrund der internationalen Entwicklung, Wien 1985, S. 17–18.

45    Andrea Leonardi, La struttura economica dell’area trentino-tirolese al tramonto dell’ancien régime, in: Bellabarba et al., Eliten in Tirol, S. 201–220; Occhi, Le attività commerciali tra montagna e pianura, S. 75–87.

46    Androsch, Die politische Ökonomie, S. 18–19.

47    Georges Lefebvre, Napoleone, Roma-Bari 1969, S. 399–440; Stuart J. Woolf, Napoleone e la conquista dell’Europa, Roma-Bari 1990, S. 179–190; Alexander Grab, Napoleon and the Transformation of Europe, Basingstoke 2003, S. 29–33.

48    Fridolin Dörrer, Tiroler Landesverteidigung und europäische Kriege, Veröffentlichungen des Tiroler Landesarchivs, (1985), 5, S. 9–23; Ders., Le condizioni politiche e amministrative nel Tirolo alla fine del Vecchio Impero, in: Atti del convegno Sigismondo Moll, S. 69–99; Mauro Nequirito, “L’epoca d’ogni cangiamento”. Storia e documenti trentini del periodo napoleonico, Trento 2004, S. 141–163.

49    Schiera, Resistenza, chiusura ed anticipazioni, S. 11–30; Andrea Leonardi, Le “agenzie agrarie” tirolesi. Il superamento delle resistenze alle innovazioni tra Sette e Ottocento, SM – Annali di San Michele, VI (1993), S. 151–200.

50    Meinhard Pizzinini, Andreas Hofer. Seine Zeit, sein Leben, sein Mythos, Innsbruck 1984; Dörrer, Tiroler Landesverteidigung, S. 9–23; Mercedes Blaas (Hrsg.), Der Aufstand der Tiroler gegen die bayerische Regierung 1809 nach den Aufzeichnungen des Zeitgenossen Josef Danej, Innsbruck 2005; Andreas Oberhofer, Der Andere Hofer. Der Mensch hinter dem Mythos, Innsbruck 2008; Martin Schennach, Revolte in der Region. Zur Tiroler Erhebung von 1809, Innsbruck 2009.

51    Die Familie Negrelli war durch das Mitwirken von Angelo Michele und den ikonischen Einsatz von Luigis Schwester Giuseppina direkt am Hoferschen Aufstand beteiligt (Pizzinini, Andreas Hofer, S. 127–128; Ugo Pistoia, Il 1809 nelle Memorie di Angelo Michele Negrelli, Geschichte und Region/Storia e regione, 16 (2007), 2, S. 181–189; Cecilia Nubola, Giuseppina Negrelli zieht in den Krieg: das Jahr 1809 für ein Mädchen aus dem Primiero, in: Siglinde Clementi (Hrsg.), Zwischen Teilnahme und Ausgrenzung: Tirol um 1800. Vier Frauenbiographien, Innsbruck 2010, S. 71–98.

52    Für den Unterhalt der Kavallerie wurden 60.000 Wiener Centner (56kg) Heu benötigt die, wie Gouverneur von Bissingen in seinem Bericht vom 02.11.1800 betonte, nicht zur Verfügung standen (Leonardi, La struttura economica, S. 209).

53    „Gott, Nächster, katholische Kirche, legitime österreichische Souveränität“ (TMW, Nachlass Negrelli, 10_0951_000, Le memorie di Angelo Michele Negrelli, 28.07.1909, S. 18). Die Memoiren von Angelo Michele (nicht nur der im Nachlass Negrelli erhaltene Teil) wurden, wie bereits erwähnt, von Ugo Pistoia veröffentlicht.

54    Pistoia, Il 1809 nelle Memorie di Angelo Michele Negrelli, S. 184.

55    Bettega, Viaggi e cosmi personali, S. 43–50.

56    Leonardi, L’economia di una regione alpina, S. 51–107.

57    Ders., Intervento pubblico, S. 37–55.

58    Dietmar Stutzer, Andreas Hofer und die Bayern in Tirol, Rosenheim 1983, S. 76–138.

59    Andrea Bonoldi, Associazionismo e razionalizzazione nell’agricoltura sudtirolese (secoli XVIII-XIX), Annali dell’Istituto storico italo-germanico in Trento, 19 (1993), S. 97–147; Leonardi, Intervento pubblico, S. 49–53.

60    Josef Hirn, Tirols Erhebung im Jahre 1809, Innsbruck 1909, S. 43–72; Leonardi, La struttura economica, S. 201–220.

61    Stutzer, Andreas Hofer und die Bayern, S. 172–196; Georg Mühlberger, Absolutismus und Freiheitskämpfe (1665–1814), in: Geschichte des Landes Tirol, Bd. II, Bozen-Innsbruck-Wien 1986, S. 465–537.

62    Laurence Cole, Andreas Hofer. The Social and Cultural Construction of a National Myth in Tirol, 1809–1909, European University Institute, Working Paper N. 94/3, 1994; Ders., „Für Gott, Kaiser und Vaterland“. Nationale Identität der deutschsprachigen Bevölkerung Tirols 1860–1914, Frankfurt-New York, 2000, S. 272–321.

63    Pistoia, Il 1809 nelle Memorie di Angelo Michele Negrelli, S. 181–189.

64    Bordignon, Luigi Negrelli: Suez, S. 60–82. Zum politischen Klima Primieros und das anti-bayrische und anti-napoleonische Bekenntnis von Angelo Michele Negrelli siehe: Corsini, Primiero e il Trentino fra Settecento e Ottocento, S. 19–49.

65    Nubola, Società e vita quotidiana in Primiero, S. 64. Von den fünf Negrelli Töchtern Anna, Giuseppina, Caterina, Teresa und Rosa nahm Giuseppina, wie bereits erwähnt, am Hoferschen Aufstand von 1809 Teil (Pistoia, Il 1809 nelle Memorie di Angelo Michele Negrelli, S. 181–189; Nubola, Giuseppina Negrelli zieht in den Krieg).

66    Bordignon, Luigi Negrelli: Suez, S. 89–92.

67    Bettega, Viaggi e cosmi personali, S. 43–50; K. Occhi, Le attività commerciali tra montagna e pianura, S. 75–87.

68    Die Negrelli Kinder waren: Anna (1788–1885), Giuseppina (1790–1842), Caterina (1792–1881), Teresa (1795–1880), Rosa (1796–1875), Luigi (1799–1858), Nicola (1801–1890), Francesco (1803– 1871), Michele Angelo (1805- 1881), Pietro (1806†) und Costanza (1807–1890); Marzani Prosser (Luigi Negrelli, un anno di vita, S. 9) gibt die Daten aus dem Liber Baptizatorum der Pfarrei Primiero an.

69    „von leidenschaftlichem, melancholischem und verschlossenem Temperament, mit einem scharfen Intellekt, einem unermesslichen Gedächtnis und einem überstürzten festen Willen versehen“ (TMW, Nachlass Negrelli, 10_0951_000, 28.07.1909, S. 18).

70    „religiös ohne Prunk, ihrem Mann und ihren Kindern völlig ergeben, stillschweigend wohltätig und maßvoll, unendlich geduldig, wortkarg, fröhlich, friedlich“ (TMW, Nachlass Negrelli, 10_0951_000, 28.07.1909, S. 19).

71    Marzani Prosser, Luigi Negrelli, S. 9.

72    Németh, Luigi Negrelli und sein geistiges Vermächtnis, S. 109.

Kapitel 2

Geburt und Kindheit

Da verschiedenen Quellen unterschiedliche Angaben zu entnehmen sind, hat das genaue Geburtsdatum Luigi Negrellis in wissenschaftlichen Kreisen eine lebhafte Debatte ausgelöst. Zum einen hatte der bedeutende Negrelli-Biograph Alfred Birk als Erster die Möglichkeit, die im Nachlass aufbewahrten Dokumente einzusehen und die Aussagen von Familienmitgliedern, so auch von Luigis Tochter Maria, einzusammeln.73 Maria unterstützte Birk lange Zeit bei seiner Recherche und gewährte ihm unter anderem auch Zugang zum Familienarchiv. Birk war sich über das Datum des 23. Januar 1799, das auch in etlichen autobiographischen Dokumenten im Nachlass zu finden ist, zweifellos sicher.74 Zum anderen haben einige lokale und österreichische Gelehrte aber den 28. Januar als Negrellis Geburtstag identifiziert.75 Eine autobiographische Notiz im „Appenzellischen Monatsblatt“ von 1837, die von Peter Bussjäger, Josef Concin und Karl Gerstgrasser entdeckt wurde, hat zusätzliche Ungewissheit aufgeworfen.

Darin beschrieb der damals in der Schweiz tätige Ingenieur die Grundzüge seines Lebens und seiner beruflichen Tätigkeit und erklärte gleich zu Beginn: „Ich bin am 25. Jänner 1799 zu Primiero, dem östlichst gelegenen Orte des südlichen Tirols, an der venetianischen Grenze, von wohlhabenden Eltern, welche beide noch leben, geboren und zähle neben mir noch neun Geschwister“.76 Dieses direkte Zeugnis bestätigt also das im Taufbuch der Pfarrei Primiero eingetragene Datum vom 25. Januar.77