Lust kennt kein Alter - Kastor Aldebaran - E-Book

Lust kennt kein Alter E-Book

Kastor Aldebaran

0,0

  • Herausgeber: BookRix
  • Kategorie: Erotik
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2021
Beschreibung

Mit Michael befreundet zu sein, war für mich ein Glücksfall. Mit und durch ihn lernte ich interessante Mädels kennen, an die ich sonst nicht herangekommen wäre. Als ich seine Mutter kennenlernte, begann für mich eine andere Zeit. Sie und ihr Umfeld wurden zum Mittelpunkt meines Lebens.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 398

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Kastor Aldebaran

Lust kennt kein Alter

BookRix GmbH & Co. KG81371 München

Impressum

Lust kennt kein Alter

 

Kastor Aldebaran    c/o Block Services    Stuttgarter Str. 106    70736 Fellbach

 

[email protected]

 

Cover Gestaltung: Kastor Aldebaran

 

Bild: Kastor Aldebaran

 

Homepage: http://www.kastor-aldebaran.com/

 

Kapitel 1

Kennen sie das? Man geht irgendwo hin, wo viele Menschen sind und diese sind einem egal. Tausende laufen an einem vorbei, ohne dass ein Gesicht, eine Eigenart bei einem hängen bleibt. Man sieht sie, nimmt sie wahr und bereits wenige Sekunden später sind sie im Einheitsbrei verschwunden, nichts von ihnen bleibt einem im Gedächtnis.

Das kann Tage, Wochen oder Monate gehen, ohne dass sich was daran ändert. Doch auf einmal, aus einem nicht ergründlichen Grund, tritt einem ein Mensch vor die Augen, den man für interessant betrachtet. Ich habe keine Ahnung warum. Bei mir kommt es wenig auf das Aussehen an, diese besonderen Menschen sind bei mir komplett unterschiedlich. Ob blond oder schwarz, groß oder klein, alt oder jung, spielt keine Rolle.

Natürlich gibt es andere, die man gerne betrachte, die Idealmaße habe, wie aus einem Katalog entsprungen aussehen. Diese Menschen meine ich nicht.

Wenn ich darüber nachdenke, gibt es zurzeit drei Frauen, die diesem Typ entsprechen. Die Erste ist Verkäuferin auf einem Markt, Fleisch. Ich freue mich, wenn ich sie sehe, und versuche mich entsprechend am Stand anzustellen, dass sie mich bedient. Sie ist freundlich, hat einen gewissen Schnack am Leib, wie man es bei uns sagt, und bringt mich oft zum Lachen. Ihre klaren, freundlichen, blauen Augen, geben ihrem heiterem Gesicht das gewisse Etwas. Körperlichkeiten sind dabei nebensächlich, ich achte nicht darauf. Sie ist für mich genauso unerreichbar, wie viele andere auch. Einmal davon abgesehen fürchte ich, wenn es eine Zweisamkeit gäbe, würde dieser Zauber verfliegen.

Die Zweite ist seltsamerweise ebenfalls auf demselben Markt zu finden. Sie verkauft Früchte, ist das Gegenteil der Ersten. Lange dunkle Haare, wesentlich jünger, dunkle Augen. Auch bei ihr hat es bei mir klick gemacht. Dies sind neben den hervorragenden Waren, die auf dem Markt angeboten werden, die zwei zusätzlichen Gründe, warum ich dorthin gehe und bin enttäuscht, wenn ich eine der beiden nicht sehen sollte. Leider sind sie nicht jeden Samstag dort.

Kommen wir zu der Dritten, um die es hier gehen wird. Mit ihr ist es komplizierter und lange her, trotzdem muss ich jeden Tag an sie denken. Sie war eine Zeit lang der Mittelpunkt in meinem Leben, ließ mich nicht schlafen, hielt mich nächtelang wach. Währenddessen sah ich sie vor mir, war fasziniert von ihr, konnte keine Ruhe finden. Ich war verliebt, obwohl ich wusste, dass diese Liebe nicht erwidert wurde. Zumindest ging ich davon aus, ich konnte kein Anzeichen dafür erkennen.

Es ist bereits lange her, ein halbes Leben, trotzdem jeden Tag präsent in meinem Gehirn. Manchmal schließe ich meine Augen und kann sie vor mir sehen wie damals. Ein Lächeln tritt auf meine Lippen und lässt mich genießen. Es ist, als wenn man einen lange gelagerten Whiskey einschenkt, sich dazu eine geschmackvolle Zigarre anzündet und die Aromen ausschöpft.

Carola, alleine der Name erzeugt bei mir Gänsehaut. Ein Name, der nicht oft vorkommt und seltener wird, je mehr Jahre dazwischen liegen. Ich spreche ihn manchmal leise aus und erfreue mich an seinem Klang.

Ich kann mich genau daran erinnern, als ich das erste Mal Carola traf. Es war für mich, als wenn ich gegen eine Wand gelaufen wäre, konnte mir nicht erklären, warum sie diejenige war, bei der es bei mir zu einer derartigen Gefühlsregung kam. Mädchen und Frauen gab es genügend um mich herum. Ob in meiner Klasse oder meinem Bekanntenkreis. Auch welche, die wirklich toll aussahen, mit denen ich gegangen war, wie man das früher nannte. Man hatte Spaß miteinander, eine tolle Zeit, trennte sich genauso schnell. Es war kein Herz dabei, man war zusammen, weil man eine Freundin zu haben hatte. Wer keine hatte, war ein Looser. Dabei kam es darauf an, möglichst viele innerhalb kürzester Zeit zu haben. Eine Art Wettbewerb unter uns jungen Männern. Es wundert mich bis heute, dass wir keine Abschusslisten oder Sammelkarten aus Fotos der Mädels mit und führten. Wir hätten uns daraus ein Kartenspiel machen können mit den entsprechenden Angaben wie bei denen, wo Autos, Flugzeuge oder Panzer drauf waren. Gewicht gegen Geschwindigkeit, Reichweite gegen PS. Jeder Junge hat früher mindestens eins gehabt. Mit den Mädels wäre es ähnlich gewesen.

Ich muss breit grinsen, wenn ich mir das vorstelle. Das entsprechende Bild auf der Vorderseite mit den Angaben über Oberweite, Gewicht, Größe und anderen Merkmalen. Eine verrückte Idee.

Das lenkt mich jedoch jetzt von Carola ab. Über sie soll es hier hauptsächlich gehen.

Ich hatte die Schule gewechselt, weil mein Vater in einer anderen Stadt eine besser bezahlte Arbeit gefunden hatte. Auch wenn ich es hasste, mir neue Freunde suchen zu müssen, blieb mir nichts anderes übrig als mitzukommen. Noch war ich mit der Schule nicht fertig und musste es über mich ergehen lassen. Es wurde mir positiv verkauft, konnte selber nichts daran erkennen, bedeutete Stress für mich. Ich mag keine Veränderungen, jedenfalls nicht in dieser geballten Form, besonders weil es ein halbes Jahr vor meiner Abiturprüfung stattfand. Ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt.

In der neuen Klasse fand ich schneller als erwartet Anschluss. Michael war ein aufgewecktes Kerlchen, wenn man es so nennen möchte. Er war der Pausenclown und das absolute Gegenteil von mir. Vielleicht zogen wir uns daher an. Er ging vielen auf den Wecker und in mir bekam er den Gegenpol, der ihn ein Stück weit auf den Boden zurückbrachte. Im Gegenzug riss er mich aus meinen trüben Gedanken und nebenbei lernte ich viele neue, interessante Leute kennen, weiblich und männlich. Mit ihm kam ich schnell in eine der angesagten Cliquen und fand entsprechend Anschluss.

Wenige Tage, nachdem ich Michael kennengelernt hatte, ging ich zu ihm. Wir wollten zuerst ein wenig Musik hören, danach um die Ecken ziehen. Wohin genau, hatten wir nicht ins Auge gefasst, würde sich ergeben. Wahrscheinlich Kneipe oder Disco, je nach Lust und Laune und natürlich, wo es die meisten interessanten Mädels gab. Ich kannte das Revier noch nicht gut genug und Michael hatte mir angeboten, meine Suche nach den besten Jagdgründen zu unterstützen. Darauf war ich gespannt und freute mich auf den interessanten Abend.

Gegen Abend war ich bei ihm und er öffnete die Tür, grinste wie immer über das ganze Gesicht.

„Schau mal!“, meinte er, als die Tür aufging, und zog eine nette Flasche alkoholischen Inhalts hinter dem Rücken hervor.

„Der Abend ist gerettet, ich habe die Flasche in der Bar gefunden. War weit hinten drin und wird keiner vermissen. Ein wenig vorglühen kann nicht schaden, dann wird der restliche Abend günstiger!“

Damit hatte er recht. Geld war Mangelware und jede Mark, die man sich sparen konnte, war eine mehr in der Tasche. Mit diesen konnte man einen auf dicke Tasche machen und die Mädels beeindrucken. Ein ausgegebener Cocktail konnte in der Hinsicht Wunder bewirken, besonders bei mir, der sonst wenig zu bieten hatte. Aussehen OK, nichts Besonderes, keine hervorstechenden Merkmale. Einer den man sah und gleich wieder vergaß. Nicht sonderlich lustig, nicht reich. Ein Normalo, der sich in der Ausstrahlung von Michael aufhielt, um die Krumen aufzulesen, die von seinen Beutezügen abfielen. Eben die hässlichen Freundinnen der Superschnitten, die Michael reihenweise aufsammelte und umlegte. Anders kann man es nicht sagen. Ich war Michaels Satellit, der ihn umkreiste und nahm, was übrig blieb. Genau diese Mitläufer gab es auch bei den Mädels und auf die hatte ich es abgesehen. Für sie war es schön, auch mal beachtet zu werden und dafür gab ich mich gerne her.

Michael und ich gingen in sein Zimmer und er warf eine Platte auf den Teller, die er gekauft hatte, ließ sie laufen. Laute, zeitweise seltsame Musik, drang aufdringlich aus den riesigen Boxen, die er aufgebaut hatte. Es dröhnte gewaltig und andere Menschen konnten froh darüber sein, dass Michael in einem Einfamilienhaus wohnte.

Ich sah ihn seltsam an und er meinte dazu: „Macht nichts, Muddi ist nicht da. Sie ist auf einer Sitzung, kommt irgendwann wieder. Solange wir alleine sind, kann ich die Anlage aufreißen, wie ich will!“

Er hatte mir erzählt, dass er mit seiner Mutter alleine wohnte und keine Geschwister hatte. Über seinen Vater hatte er keine gute Meinung, erzählte wenig von ihm, nannte ihn, wenn überhaupt, Erzeuger. Was genau vorgefallen war, konnte ich nicht sagen, spielte für mich keine Rolle.

Während die Scheibe lief, holte Michael Gläser, entsprechende Verdünnung und eine Tüte Chips. Genau die richtige Einstimmung auf den kommenden Abend. Während ich es mir auf seinem Schreibtischstuhl gemütlich gemacht hatte, lümmelte er sich auf sein Bett. Zwischen uns stand ein wackeliger Tisch, auf dem unsere Vorräte Platz gefunden hatten.

Der Inhalt der Flasche nahm ab, die Kartoffelschnitten verschwanden im Hals.

Als die erste Seite der Patte zu Ende war, stand Michael auf und ging zum Spieler, wendete sie und wir hörten eine weibliche, leicht rauchig klingende Stimme durch die geschlossene Tür dringen.

„Michael, bitte nicht so laut. Ich habe Kopfschmerzen!“

Wie es aussah, war Michaels Mutter gekommen und beklagte sich über die dröhnende Musik, was ich durchaus nachvollziehen konnte.

„Alles klar Muddi, wusste nicht, dass du da bist. Entschuldige!“, rief Michael genauso durch die geschlossene Tür. Damit war das Thema gegessen. Er drehte den Lautstärkeregler geringfügig herunter und legte den Tonabnehmer auf die schwarze Scheibe.

Wie vermutet war die Lautstärke nicht wesentlich leiser, was Michael nicht zu stören schien. Seine Mutter auch nicht. Sie beklagte sich nicht, kam nicht in Michaels Zimmer.

Wir verdrücken den Rest aus der Flasche, knabberten an den verbliebenen Chips und waren pünktlich zum Ende der Schallplatte damit fertig. Leicht angeheitert steckte sich Michael Geld ein und machte sich fertig zum Gehen. Er brauchte dafür nicht lange, war der Meinung, dass ein gut aussehender Mann das nicht nötig hatte. Bei ihm stimmte das sogar. Seine Ausstrahlung und der Witz, den er aufbringen konnte, reichte, um den Mädels den Kopf zu verdrehen. Charm besaß er zur Genüge.

Mit guter Laune verließen wir das Zimmer und gingen Richtung Ausgang, als erneut die Stimme aus einem der anderen Räume kam.

„Michael, kommst du mal eben her? Ich muss was mit dir besprechen!“

Er sah mich an, verdrehte die Augen und ging in Richtung der Stimme, öffnete die Tür und verschwand im entsprechenden Zimmer. Leise Stimmen drangen an meine Ohren, konnte die beiden gut unterscheiden, verstand jedoch nichts, worüber gesprochen wurde.

Plötzlich hörte ich Michaels Stimme, wurde von ihm gerufen.

Als ich das Zimmer betrat, traf es mich wie ein Schlag. Es war das Wohnzimmer, war normal eingerichtet, wobei das große, U-förmige Sofa den zentralen Punkt bildete. Darauf saß Michaels Mutter, wobei sitzen der falsche Ausdruck ist. Sie hatte einen dieser strengen Kostüme an, die die Damen im Business trugen, dunkelblau, fast Schwarz. Halblanger, über die Knie gehender Rock mit Blazer und heller, weißer Bluse darunter. Die dazu gehörenden Pumps hatte sie ausgezogen, standen auf dem Boden. Ihre Beine hatte sie angewinkelt auf das Sofa gezogen und saß in einer der Ecken desselben. In den Händen hielt sie eine Zigarette, an dessen Filter von dem dunklen Rot ihres Lippenstifts hing und ein Hörer des Telefons. Wie es aussah, wollte sie telefonieren, hielt den Hörer entsprechend hoch.

„Muddi, darf ich dir vorstellen. Das ist Jan, ein Klassenkamerad!“, kam es von Michael und sie nickte mir zu. Dabei sah sie mir tief in die Augen, zog wie abwesend an der Zigarette, stieß den Rauch schnell aus.

„Hallo Jan. Schön dich kennenzulernen. Mein lieber Sohn vergisst es gerne, mir seine Freunde vorzustellen!“

„Guten Abend Frau Becker!“, antwortet ich wie im Traum, wusste nicht, was ich weiterhin sagen sollte. Dies unterbrach Michael recht einfach, indem er sich umdrehte und zu mir ging.

„Wir wollen unseren Abend doch nicht mit Gequatsche verbringen oder?“, meinte er zu mir und zog mich förmlich aus dem Zimmer. Das Letzte was ich sah waren die zu einem leichten Lächeln verzogenen, dunkelroten Lippen und ein paar Runzeln auf der Stirn, als wenn sie über was stark nachdachte. Vielleicht waren es auch ihre Kopfschmerzen, die sie dazu veranlasste.

„Echt peinlich!“, flüsterte Michael, als wir aus dem Haus gingen und die Tür hinter uns ins Schloss fiel.

„Wieso?“, fragte ich Michael automatisch, obwohl ich an was anderes dachte.

„Na, diese Vorstellerei. Muddi ist vom alten Schlag und möchte wissen, wer in ihrem Haus verkehrt!“

Ich selber fand es in Ordnung und um es ehrlich zu sagen, war es bei uns Zuhause nicht viel anders. Das sagte ich ihm aber nicht, war mit was ganz anderem gedanklich beschäftigt.

Vor mir sah ich Michaels Mutter, ihr helles, bleiches Gesicht mit leicht eingefallenen Wangen, die dunkelroten Lippen, die überdeutlich hervorstachen. Dazu die kleine Nase, die von einigen Sommersprossen umrandet war. Dazu kamen die halblangen, gelockten, schwarzen Haare, die wirr von ihrem Kopf abstanden, als wenn man sie kurz zuvor aus einem Zopf entlassen hatte. Vielleicht hatte sie zuvor einen getragen und ihn kurz vorher aufgelöst. Wie alt sie war, konnte ich nicht sagen, ging aber davon aus, dass sie um die vierzig Jahre alt war, vielleicht ein wenig jünger. Ihre Bekleidung ließ es nicht zu, es besser zu schätzen. Sie machte älter.

Auf dem Weg zu unserem Ziel quatschte Michael die ganze Zeit wirres Zeugs, wie ich es von ihm gewohnt war. Ich hörte mit einem Ohr zu, ließ ihn reden, beschäftigte mich mehr mit den Bildern, die sich in mein Gehirn eingebrannt hatten. Ab und zu nicke ich, oder schüttelte mit meinem Kopf, hoffte, dass es an der richtigen Stelle war. Wahrscheinlich bekam es Michael nicht mit. Er war in seiner Welt, ich in meiner. Daher war ich überrascht, als wir vor unserem ersten Ziel standen. Eine größere Kneipe, in der sich die Jugend traf, um später in die Disco, an der nächsten Ecke überzusiedeln. Es war zu früh dafür, vor Mitternacht ging man dort nicht hin.

Hier war die auch die Anlaufstelle für die Mädels, die solo waren und warteten auf die Opfer, die sie umsonst mit in die Disco nahmen, natürlich mit der Aussicht, für die Drinks nichts zu bezahlen.

Michael nannte sie Schlampen, mir war es egal. Ich konnte keine besonderen Ansprüche stellen, war froh, wenn sich eine dazu erbarmte, mit mir zu sprechen. Meistens stand ich neben Michael, hatte eine Flasche Bier in der Hand, viel Flüssigkeit für wenig Geld, und sah mich um, während Michael seine Opfer suchte.

Mit gezieltem Blick, fand er, was er suchte, steuerte diese an und zog mich am Ärmel mit. Warum hatte ich nie verstanden, vielleicht sah er neben mir besser aus als alleine. Mich störte es nicht.

Kaum bei seinem Ziel angekommen, folgten ein paar Sprüche, die ich persönlich für peinlich hielt, bei ihm wirkten.

Ich hatte es bei passender Gelegenheit mit denselben versucht, was ein Reinfall wurde. Was bei Michael lustig und stimmig klang, war bei mir lächerlich, beschämend. Mehr als unangenehme Blicke erntete ich dafür nicht, wurde abgewiesen und meine angepeilte Beute zeigte mir die kalte Schulter, gab mir einen Korb. Selbst wenn es klappte, was selten vorkam, war ich der Mann, mit dem man sich unterhielt, einen ausgegeben bekam, nicht mehr. Wie ich es überhaupt damals schaffte, gelegentlich ein weibliches Wesen in mein Bett zu bekommen, ist mir heute schleierhaft.

An diesem Abend war es mir egal, war nicht bei der Sache. Das Einzige, was ich tat war, mich langsam zuzuschütten. Dabei war es ein großer Vorteil, sein Geld für sich zu haben.

Es wurde teuer, lustig in dem Sinne, dass Michael trotz aller Versuche versagte. Er gab eine Menge Geld dafür aus, eine gewisse Dame zu beeindrucken, die sich nach dem Ende seines Vermögens schnell verabschiedete. Zu später Stunde saßen Michael und ich an dem Discotresen, hielten uns an den letzten zwei Flaschen Bier fest, die ich mir leisten konnte, und starrten in den Spiegel, der uns gegenüber an der Wand, hinter den Gläsern, befestigt war. Der Barkeeper war damit beschäftigt, die Gläser zu polieren und wollte bald Feierabend machen.

„Scheiß Abend, scheiß Weiber!“, sinnierte Michael vor sich hin, und starrte dabei in die Öffnung seiner Flasche, als wenn er darin eine Lösung für sein Problem finden konnte.

Ich nickte, sah ihn für einen Moment von der Seite aus an und wusste, dass ich genug hatte. Es war schwer für mich, die Zwillinge neben mir zu unterscheiden. Ein Michael war genug, zwei zu sehen, war zu viel. Also starrte ich wie er in den Spiegel und zählte die doppelte Anzahl von Gläsern.

Ich hatte genug. Wieder war ein Wochenende vergangen, ohne was abgeschleppt zu haben, wie üblich. Für den nächsten Tag hatte ich kein Geld mehr, musste Zuhause bleiben. Ganz normal für mich. Lieber einen Tag aus den Vollen leben, als sich zwei hintereinander was zu verkneifen.

Der Laden war inzwischen leer geworden, lediglich die übrig gebliebenen saßen oder standen stumpfsinnig in den Ecken oder an den Tischen. Zu diesen Verlierern wollten wir nicht gehören und standen auf. Beim Rausgehen sahen wir uns ein letztes Mal um, in der Hoffnung ein unvorsichtiges Opfer zu finden, doch das gab es nicht. Entweder vergeben, hässlich oder so besoffen, dass es eine Nacht mit Eimer werden würde. Keine gute Aussicht, dann blieb man lieber alleine, wachte ohne Sorgen, lediglich mit Kopfschmerzen auf. Die reichten vollkommen. Man brauchte in dem Moment keine Probleme, die neben einem lagen.

Ich verabschiedete mich von Michael, nahm einen der ersten Busse, die fuhren. Zur Sicherheit steckte ich mir jeden Abend, den ich ausging, eine Fahrkarte ein. Man konnte nie wissen und oft brauchte ich sie auch. Für ein Taxi war kein Geld mehr übrig.

Als ich ausstieg, kaufte ich bei einem Becker ein paar Brötchen ein. Nicht für mich, sondern für meine Eltern. Sie hatte im Scherz gesagt, dass ich, wenn ich um die Zeit nach Hause kam, ruhig welche mitbringen könnte. Das machte ich oft mit einem kleinen Betrag, den ich für diesen Zweck zurückhielt. Meine Eltern freuten sich, besonders mein Vater, weil er nicht mehr los musste. Besonders gerne sah er es im Winter, wenn es kalt war oder regnete.

Zuhause angekommen, schlich ich mich leise durchs Haus, deponierte die Brötchen auf dem Küchentisch, damit sie gefunden wurden, schleppte mich nach oben und fiel ins Bett. Mich auszuziehen, war nicht einfach, besonders die Schuhe nicht. Natürlich, wie immer in dieser Situation, hatte sich ein Knoten im Schnürsenkel gebildet. Mehrfach nahm ich Anlauf diesen zu lösten und es gelang mir beim dritten Anlauf. Kaum hatte ich den Rest vollendet, drehte ich mich zum Nachttisch um, nahm eine der Brausetabletten aus der Verpackung und warf sie in ein Glas Wasser, dass ich an solchen Abenden, dort hinstellte. Mit glasigen Augen sah ich dabei zu, wie sich die Tablette auflöste, und nahm sie ein, als sie nicht mehr zu sehen war.

Es schmeckte nicht gut, würde mir beim Aufstehen den dicken Kopf ersparen. Was blieb war ein wattiges Gefühl, mit dem man leben konnte.

Endlich konnte ich meinen schweren Kopf auf das Kissen legen und hoffte schnell einzuschlafen. Das bekannte Karussellfahren setzte ein, war zu ertragen. Ein Eimer war nicht erforderlich. Das Letzte, was ich vor dem Einschlafen sah, war das Bild von Michaels Mutter, die auf dem Sofa saß. Sie lächelte mich geheimnisvoll an, zog an der Zigarette und blies einen Rauchring in meine Richtung.

 

Kapitel 2

Wie gedacht, wachte ich einige Stunden später auf. Ein pelziger Geschmack auf der Zunge erinnerte mich daran, was ich die letzte Nacht getrieben hatte. Die Tablette hatte ihre Wirkung getan und ich konnte ohne nennenswerte Schmerzen aufstehen. Ein taubes Gefühl blieb übrig, war normal in meinem Zustand. Selbst gemachte Leiden, musste ich mit durch.

Wankend ging ich ins Bad, wusste, dass eine Dusche mit wechselnden Temperaturen gut für mich war. Kurz aufs Klo, danach unter den heißen Strahl, den ich zwischendurch auf saukalt stellte. Mit dieser Behandlung geriet mein Kreislauf in Schwung. Dabei gab es eine Möglichkeit, diesen Effekt zu verstärken. Nachdem ich mich abgeseift hatte, die Haare ausgespült, nahm ich eine weitere Handvoll Duschgel, umschloss damit meinen halbsteifen Stamm, der diese Behandlung kannte und darauf gewartet hatte. Freudig ließ er sich streicheln, wurde innerhalb weniger Sekunden steif und schickte die angenehmen Gefühle in meinen Körper, auf die ich es abgesehen hatte.

Jetzt brauchte ich eine weitere Stimulation aus meinem Gehirn. Ich stellte mir einige Mädels vor, vornehmlich die aus meiner Klasse, an die ich nicht rankommen würde, was dieses Mal nicht funktionierte. Selbst die Frauen aus dem Fernsehen, die ich geil fand, bekamen keine Chance in meinen Vorstellungen Spaß mit mir zu haben. Stattdessen schob sich ein anderes Bild vor meine Augen. Es ließ sich nicht vertreiben, ließ mich verzweifeln, da es nach meiner Meinung nicht passte.

Mit Gewalt versuchte ich es aus meinen Gedanken zu vertreiben, wobei ich die Konzentration auf meinen Schwanz verlor, der sich dafür rächte.

Er schrumpelte ein, verlor an Kraft und ich konnte lange reiben, wie ich wollte, konnte dem Ende nicht näher kommen. Erst als ich mich auf das Bild einließ, kam ich zu einer erstaunlich starken Erlösung. Innerhalb kürzester Zeit kam es mir, schoss aus mir heraus und ich knickte mehrmals in den Knien ein. Dabei sah ich Michaels Mutter vor mir, wie immer mit Zigarette, an der sie jedoch nicht zog. Stattdessen hielt sie in der anderen Hand ein Glas mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit, starrte mir auf den Schwanz, und als ich fertig war, hob sie es an, prostete mir zu und nahm einen kleinen Schluck.

„Gut gemacht!“, hörte ich ihre rauchige Stimme an meine Ohren dringen, was so echt klang, als wenn sie wirklich mit im Bad gewesen wäre. Ich zuckte zusammen und schüttelte meinen Kopf wie ein Hund, der nass geworden war. Es war ein Versuch das Geschehene los zu werden. Ich verstand es nicht, wollte es nicht, empfand es als abwegig. Ältere Frauen hatten mich niemals interessiert, waren außerhalb meines Interesses. Immerhin war Michaels Mutter in etwa demselben Alter wie meine, also ein Neutrum. Nach meinem Empfinden durfte ich mich nicht für sie erwärmen, durfte nicht auf meiner Abschussliste stehen. Trotzdem war sie da, lächelte mich an, egal wo ich mich befand. Es verging keine Stunde, in der ich nicht an sie dachte, sie vor mir sah.

Langsam bezeichnete ich mich selber als verrückt, suchte nach anderen Bildern von jungen Frauen, egal ob im Fernsehen, in Zeitschriften oder au der Straße. Sie waren toll, sahen teilweise wahnsinnig gut aus, hätten mich jederzeit glücklich machen können, wenn sie mir ein Lächeln geschenkt hätten, aber das taten sie nicht. Im Gegenteil. Das hintergründige Lächeln von Michaels Mutter schob sich darüber, wie das der Mona Lisa, das man ebenfalls nicht vergisst, wenn man es einmal gesehen hat.

In der Schule wurde es für mich zur Qual. Michael saß die meiste Zeit neben mir und ich hoffte, dass er meine Gedanken nicht lesen könnte, was ein vollkommener Quatsch war. Er konnte es nicht, trotzdem mochte ich ihm nicht in die Augen schauen.

Es fiel ihm nicht auf, er sah sich lieber die Mädels in der Klasse an, obwohl er bei ihnen keine Chance hatte. Das Terrain hatte er längst abgegrast.

Sah ich zu ihm herüber, wenn er mich was fragte oder mit mir sprach, hoffte ich nicht rot zu werden. Die Neigung hatte ich zum Glück nicht.

Am kommenden Donnerstag wollten wir zusammen für eine Klausur lernen und Michael lud mich dazu ein. Bei ihm war es ruhiger als bei uns. Meine jüngeren Geschwister waren oft laut, besonders wenn sie miteinander stritten, und störten beim konzentrierten Lernen. Daher war es besser in der Ruhe bei Michael. Dabei muss ich gestehen, dass ich zusätzlich darauf hoffte, seine Mutter zu sehen.

Als der Tag kam, ging ich mit klopfendem Herzen zur Haustür, obwohl ich mich dafür für dumm hielt. Einer Frau, wie sie eine war, war ich egal. Ich stellte nichts da, war ein Niemand, musste vollkommen uninteressant für sie sein. Außerdem war sie die Mutter meines besten Freundes. Daher verbot es sich von selber, einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden.

Ich drückte mit einem Finger auf den Klingelknopf und wartete. Zu meiner Enttäuschung tat sich nichts, auch nicht, nachdem ich ein zweites, drittes Mal geklingelt hatte. Keiner machte auf, keine Regung war im Haus zu hören.

In dem Moment, als ich mich umdrehte, wurde von Michaels Mutter die Gartentür geöffnet und sie kam auf das Haus zu. Sie sah mich erstaunt an und blieb einen Meter vor mir stehen.

„Hallo Jan, ist Michael nicht da?“

Ich sah sie erstaunt an, schüttelte den Kopf und betrachtete sie unauffällig von oben bis unten.

Sie sah aus, wie ich es kannte. Perfekt sitzendes Kostüm, bestrumpfte Beine, deren Füße in halbhohen, dunkelblauen Pumps steckten. Diesmal hatte sie ihr Haar, wie bereits vermutet, zu einem dicken Zopf nach hinten gebunden, der ihr ein strengeres Aussehen verlieh, als ich es kannte. Ihre schwarzen Haare klebten förmlich an ihrem Kopf und glänzten leicht im Sonnenlicht.

„Das sieht ihm wieder ähnlich. Er hat heute Training, und wie ich ihn kenne, hat er sich verquatscht. Der Junge hat es nicht mit Pünktlichkeit, kennt die Uhr nicht. Ich sollte ihm einen großen Wecker kaufen und um den Hals hängen.

Wenn du willst, kannst du drinnen auf ihn warten. Er müsste bald kommen, wenn er euer Treffen nicht vergessen hat. Wäre nicht das erste Mal!“

Michael war nicht der Pünktlichste, das kannte ich. Mehrmals war er zu spät in Unterrichte erschienen, hatte jedes Mal eine fadenscheinige Begründung dafür auf Lager. Es spielte keine Rolle, da er genauso wie ich volljährig war. Für selbst verschuldete, ausgefallene Stunden und Tage konnten wir uns selber Entschuldigungen schreiben. Ein großer Vorteil, wenn man es nicht mit der Zeit hatte.

Die Idee, drinnen auf ihn zu warten, fand ich gut, wollte nicht draußen rumstehen.

„Vielen dank Frau Becker!“, antwortete ich und sah sie zur Tür gehen, um diese aufzuschließen. Dabei sah ich ihr unbewusst auf den Hintern, der sich unter dem straff gespannten Stoff des Rocks deutlich abzeichnete. Erst als ich es richtig wahrnahm, hob ich meinen Kopf schnell an.

Frau Becker öffnete die Tür, hielt sie für mich auf und ich ging an ihr vorbei. Dabei konnte ich sie riechen. Es war ein eigentümlicher Geruch, eine Mischung aus Zigarettenrauch und Parfüm, wobei das Duftwasser eine herbe Note hatte. Es passte zu ihr, unterstrich ihre Weiblichkeit, war gut ausgesucht worden. Sie war eine selbstbewusste Frau aus dem Leben, kein Püppchen oder Mädchen, wie ich sie kannte. Sie flößte mir Respekt ein, ein Gefühl, das ich sonst bei älteren Männern kannte.

Im Haus blieb ich stehen, war mir unschlüssig, wohin ich gehen sollte. Einerseits konnte ich im Zimmer von Michael warten, was mir jedoch falsch vorkam. Wenn er nicht da war, wollte ich auch dort nicht sein. Es war sein privater Bereich.

Andererseits konnte ich mich mit Frau Becker unterhalten. Ob sie Lust dazu hatte, stand auf einem anderen Blatt Papier.

Die Entscheidung wurde mir von ihr abgenommen, als sie mit ins Haus kam und neben mir stand.

„Lass uns ein wenig reden. Es kommt selten vor, dass ich mich mit den Freunden von Michael unterhalten kann. Ich hätte ein wenig Zeit, natürlich nur, wenn du Lust dazu hast, den Ausführungen einer alten Frau zuzuhören?“

Ich sah sie an, erkannte ein gewisses Interesse in ihrem Blick und antwortet.

„Frau Becker, sie sind doch nicht alt und ja, ich unterhalte mich gerne mit ihnen!“

Sie sah mich an, lachte leise und dreht sich vor mir einmal langsam um die eigene Achse.

„Bin also nicht alt und das in den Augen eines jungen Mannes. Danke für das Kompliment. Ach ja, bevor ich es vergesse. Du bist alt genug, um Sie zu dir zu sagen. Da ich es nicht tue, brauchst du es auch nicht. Frau Becker klingt zu förmlich. Sag Carola zu mir. Aber nur wenn du damit einverstanden bist?“

Es kam mir seltsam vor, dass sie mir das anbot. Sie kannte mich erst kurze Zeit, genauso wie ich sie. Außerdem kam es mir falsch vor. In diesem Fall nahm ich es an, vermied es jedoch, es anzuwenden.

„Gerne!“, log ich und folgte ihr, als sie auf das Wohnzimmer zuging, vor mir eintrat und sich Richtung Sofa begab, sich darauf setzte. Es war zu niedrig, um richtig sitzen zu können, daher winkelte sie ihre Beine seitwärts ab, wobei der Rock hochrutschte und ihre Knie freigab. Stramme Waden kamen zum Vorscheinen, die anzeigten, dass sie es gewohnt war, auf höheren Schuhen zu laufen.

„Puhhh!“, stöhnte sie und sah mich auffordernd an, mich zu setzten. Ein einzelner Sessel war vorhanden, in dem ich es mir bequem machte.

„Was für ein Tag. Viel Arbeit, wenig dabei rausgekommen. Wie war es bei dir?“

„Schule ist immer dasselbe. Lernen, lernen nichts anders!“, antwortetet ich und war mir nicht sicher, wohin das Gespräch führen sollte. Wahrscheinlich wollte sie ein wenig reden, nichts anderes, auf das Thema kam es nicht an.

„Tust du mir einen Gefallen?“, fragte sie mich und ich nickte, obwohl ich nicht wusste, was kommen würde.

„Kannst du mir einen Drink bringen? Dort in der Bar steht eine halb volle Flasche Whiskey. Ich hätte gerne ein Glas davon, daumenbreit vom Boden an gesehen hoch gefüllt?“

Warum nicht. Ich nickte, stand auf und ging zur Bar, goss das Gewünschte ein.

„Wenn du möchtest, kannst du dir auch einen nehmen. Obwohl ich denke, dass es für das spätere Lernen nicht förderlich ist!“

Damit hatte sie leider recht. Gerne hätte ich ihn probiert, er roch leicht torfig, war recht dunkel und hatte ein angenehmes Aroma, brannte nicht in der Nase, wie vieles, was ich mir leisten konnte.

Mit schwerem Herzen nahm ich Abschied von dem Getränk, drehte mich zu Carola um und konnte sehen, dass sie sich inzwischen hingesetzt hatte, wie ich es bereits gesehen hatte.

Sie saß in ihrer Ecke, hatte die Beine mit auf das Sofa gezogen und sah mich nachdenklich an. Ihre Augen blieben auf mir kleben, während ich mich ihr näherte, das Glas vor sie auf den Tisch stellte und mich in den Sessel setzte.

Kaum saß ich, nahm sie von einem kleinen Nebentisch ein goldenes Zigarettenetui, öffnete es und entnahm ein Stäbchen.

„Auch eine?“, fragte sie mich, als wenn es das natürlichste der Welt wäre.

„Danke nein, ich bevorzuge Zigarren!“

Mit dieser Antwort hatte sie nicht gerechnet und auf ihrer Stirn traten dieselben Runzeln hervor, die ich bereits bei ihr gesehen hatte.

„Ungewöhnlich für einen jungen Mann wie dir. Aber warum nicht. Wir haben alle unsere Eigenarten. Leider habe ich keine hier. Mein Ex-Mann hatte immer welche im Haus. Welche bevorzugst du?“

Damit hatte sie mich in eine Ecke gedrängt, die nicht bedacht hatte. Eigentlich war das mit den Zigarren eine Art Scherz gewesen, wollte mich wichtiger machen, als ich war. Gewöhnlich rauchte ich zu Silvester eine, weil es Tradition war. Wobei es eher darauf ankam, mit dem Glimmstängel die Knaller und Raketen anzuzünden. Auf der anderen Seite empfand ich den Geruch als angenehm, wobei es darauf ankam, welch ich erwischte. Billig und groß musste sie sein. Edlen Tabak suchte man dort vergebens. Daher konnte es vorkommen, dass sie stanken und im Sommer eher dafür genutzt werden konnte, die Mücken zu vertreiben.

Jetzt musste ich mir schnell eine Antwort einfallen lassen, wollte nicht als Depp dastehen.

„Wenn ich sie mir leisten könnten, wäre Cuba gut. Ich mag den Geschmack!“

Carola nickte kurz und ihr bezauberndes, zugleich nachdenkliches Lächeln erschien. Es sah aus, als wenn sie sich innerlich über mich lustig machte. Wie es aussah, hatte sie erkannt, dass ich keine Ahnung hatte, ihr was vorlog. Sie sagte nichts dazu, lies es dabei bewenden und wechselte schnell das Thema, um mich nicht in weitere Bedrängnis zu bringen.

Sie war sehr aufmerksam und ich musste aufpassen, was ich sagte. Dabei schien sie mich zu studieren, sah mir tief in die Augen und legte Stolpersteine aus. Einmal machte sie es überdeutlich, als das Telefon schellte.

Sie nahm ab, unterhielt sich für wenige Sätze und legte auf. Danach fragte sie mich, als wenn sie es vergessen hätte: „Wo waren wir stehen geblieben?“

Ich war mir sicher, dass sie es wusste. Sie stellte mir die Frage, um zu erkennen, ob ich aufgepasst hatte.

Zum Glück wusste ich es und konnte das Gespräch nahtlos fortsetzten. Ein weiteres Lächeln erschien auf ihren Lippen. Sie war zufrieden mit meiner Antwort und ihr Gesicht entspannte.

Zwei Minuten später hörten wir die Tür aufgehen und Michael kam ins Wohnzimmer.

„Hallo Muddi!“, begrüßte er Carola und sah mich im Sessel sitzen, und schlug sich klatschend mit der Handfläche an die Stirn.

„Mist, ganz vergessen. Wir wollten heute lernen. Entschuldige, habe ich komplett vergessen!“

„Macht nichts, ich habe mich gut mit deiner Mutter unterhalten!“

Michael sah sie an, danach mich und schüttelte seine Kopf, sagte jedoch nichts dazu. Erst als wir auf seinem Zimmer ankamen, sah er mich belustigt an.

„Ah ha, gut unterhalten. Solltest lieber sagen, dass das Verhör nicht schlimm gewesen ist. Ich kenne das, habe es mehrmals erlebt. Meine Mutter kann jeden zur Verzweiflung bringen, ob Mann oder Frau. Sie frisst Menschen wie dich zum Frühstück. Wundert mich, dass du mir nicht schreiend entgegen gekommen bist!“

„Nun mach mal halblang!“, antwortete ich, als Michael mit seinem Spruch fertig war.

„Es war unterhaltsam. Deine Mutter ist eine interessante Frau mit Gehirn. Sie kann gut erzählen und kennt sich in vielen Dingen aus!“

Michael sah mich ungläubig an.

„Dachte ich es mir doch, du musst von ihr eine Gehirnwäsche bekommen haben, oder sie hat dich verhext. Eins von beiden oder beides zusammen. Sie hat ihre Klauen in dein Gehirn geschlagen und es ausgewrungen wie ein Schwamm, danach mit ihren eigenen Gedanken und Ansichten gefüllt. Du bist nur noch eine Hülle, ein Zombie, der macht, was sie will!“

Nach diesem Satz musste er laut lachen, schlug mir mit einer Hand auf die Schulter und konnte sich kaum halten.

„Nee, im Ernst. Es ist nicht leicht mit ihr. Sie hat ein Händchen dafür, meine Bekannten zu vergraulen!“

„Finde ich nicht!“, antwortete ich und sah Michael fragend an, konnte nicht verstehen, was er damit meinte.

„Wenn nicht jetzt, dann später, glaube es mir. Kannst dich drauf verlassen, dass es Menschen gibt, die dieses Haus meiden. Besser gesagt nicht das Haus, sondern die Bewohnerin. Mal sehen, wie lange es bei dir dauert, bis du dahinter kommst. Dreimal darfst du raten, warum meine Mutter alleine ist. Sie mag ein hohes Tier in der Wirtschaft sein, kann sich durchsetzten, was ich auf der einen Seite bewunderte, auf der Anderen verabscheue. Sie ist kalt und emotionslos, was ich als Kind zu spüren bekommen habe. Ein Wunder, dass ich überhaupt auf der Welt bin!“

Ungläubig sah ich Michael an, schüttelte meinen Kopf.

„Meinst du nicht, dass du ein wenig dick aufträgst? Ich finde sie sympathisch!“

Michael machte große Augen, fing erneut an zu lachen.

„Ich wusste bereits, als ich dich das erste Mal sah, dass was bei dir anders ist, jetzt hat es sich bestätigt!“, sagte Michael, als er mit dem Lachen aufhörte.

„Wie dem auch sei. Lass uns lernen Herr Seltsam!“

Die nächsten zwei Stunden lernten wir intensiv und es gab zwischendurch Minuten, in denen ich nicht an Carola dachte. Diese Zeiten waren selten.

Gegen späten Nachmittag ging ich nach Hause, war darüber betrübt, dass ich Carola nicht mehr zu sehen bekam. Normalerweise hätte ich mich von ihr verabschiedet, aber da sie nicht zu sehen oder hören war, ließ ich es bleiben.

Zuhause angekommen, lag ich eine ganze Weile auf dem Bett, sah an die Decke und ging durch, was Michael zu mir über seine Mutter gesagt hatte. Kalt und emotionslos hatte er gesagt, womit er eigentlich recht hatte. Sie war keine Frau, in deren Gegenwart man sich wohlfühlte, in dem Sinn. Sie hatte nichts Mütterliches an sich, zeigte keine Regungen, keine Wärme. Wenn sie lächelte, wirkte es nicht echt, war wie eine Art Maske, hinter der sie ihre wirklichen Gedanken versteckte. Trotzdem zog sie mich an, wobei ich nicht sagen konnte, warum und in welche Richtung.

Später musste ich mich dazu zwingen, zu schlafen. Es war nicht einfach mit Carola im Kopf. Die Klausur am nächsten Tag war wichtig und ausgeschlafen zu sein, war eine gute Voraussetzung, um sie nicht zu verhauen.

Ich schaffte es spät einzuschlagen, war am Morgen entsprechend zerschlagen, brauchte eine Zeit, um wach zu werden. Zum Glück war ich in der Schule hellwach und konnte mich auf die Klausur konzentrieren. Das Lernen hatte was gebracht, da wir uns zufällig genau den richtigen Stoff reingezogen hatten. Es ging flüssig vom Kugelschreiber auf das Papier und wir waren eine halbe Stunde früher fertig als nötig. Ein gutes Zeitpolster um die gröbsten Schreibfehler zu entfernen. Darauf kam es zwar nicht an, sah besser aus.

Nach der Abgabe der Arbeit, verließen wir das Klassenzimmer, atmeten tief durch und standen eine Weile zusammen.

„Alter, Glück gehabt!“, meinte Michael zu mir und grinste über das gesamte Gesicht.

„Jo, war nicht schlecht. Wir sollten das zur nächsten Klausur wiederholen. Lohnt sich doch ein wenig zu lernen!“

Michael nickte, sah mich danach seltsam an.

„Was is?“, fragte ich und sah ihn entsprechend an.

„Nichts, ich frage mich nur, was du mit meiner Mutter gemacht hast. Sie spricht von dir, wie von einem Weltwunder. Sie hat gesagt, dass du ein verständnisvoller, netter, junger Mann bist, von dem sie sich gut unterhalten fühlt.

Ey, ich glaube, du hast bei ihr ein Stein im Brett. Das gab es vorher noch nicht!“

Michael lachte und man konnte erkennen, dass er es ernst meinte. Es erheiterte ihn, machte ihm Spaß mich damit aufzuziehen.

Als wir bei anderen aus der Klasse standen, die sich über die Klausur unterhielten, grinste er mich breit an, wenn ich ihn ansah. Ich fand es nicht witzig, schüttelte mehrmals meinen Kopf, was ihn nicht davon abbrachte, mich aufzuziehen.

Ich war froh, als ich endlich zuhause war. Hier konnte ich seinen Sprüchen und Andeutungen entgehen, die mir langsam auf den Sack gingen.

Am Samstag ging ich in die Stadt, wollte mir eine neue Hose kaufen. Nichts Besonderes, eine Jeans die längere Zeit hielt. Ich legte nicht viel Wert darauf, Hauptsache sie saß und war bequem.

In der Stadt angekommen, ging ich von einem Geschäft zum nächsten, sah mir die Auslagen an und verglich die Preise mit dem, was ich veranschlagt hatte. Dabei wurde mir schnell klar, dass die Boutiquen nicht mein Schachtfeld waren, sondern die größeren Geschäfte. Mein Budget war begrenzt oder besser gesagt, wollte ich den Preis für die Ware nicht ausgeben, wollte mit dem, was übrig blieb lieber was anderes kaufen. Ich dachte ökonomisch, versuchte das Gelernte aus dem Wirtschaftsunterricht praktisch anzuwenden. Anders gesagt, ich war zu geizig.

Ich stand gerade vor einer der Auslagen, die ich mir nicht leisten wollte, und überlegte, wohin ich als nächste gehen sollte, als eine bekannte, rauchige Stimme an meine Ohren drang. Sie war recht nah an meinem Ohr, daher musste die Person direkt seitlich hinter mir stehen.

„Na junger Mann. Shoppen?“

Langsam drehte ich mich um und sah Carola dort stehen. Sie sah aus wie immer, hatte dazu eine große, dunkle Sonnenbrille auf, die ihre Augen verbarg. Ob sie mich ansah, oder die Auslage betrachtete, konnte ich nicht erkennen.

„Oh, hallo!“, sagte ich und lächelte dazu.

„Shoppen würde ich es nicht nennen. Ich brauche eine neue Hose, habe sonst bald keine mehr!“

Carola trat einen Schritt nach hinten, betrachtete mich von oben bis unten, danach zurück. Zumindest deutete das ihr Kopf an, der sich entsprechend neigte.

„Dann bist du hier falsch. Die Klamotten in dem Geschäft sind nichts für dich, es sei denn, du bist sechzig und hast einen fetten Bauch. Wenn du was für dein Alter brauchst, musst du woanders hingehen. Du brauchst was, das deine Figur an der richtigen Stelle hervorhebt. Dreht dich mal um!“

Ich fand es seltsam, mich vor ihr, in aller Öffentlichkeit zu drehen, doch ihre Stimme verriet, dass sie keinen Widerspruch duldete. Zum Glück war gerade nicht viel los und daher sah es kaum einer.

Als ich mit dem Rücken zu ihr stand, hörte ich ihre Stimme, die hart klang.

„Stop. Einen Moment. Heb mal deine Jacke hoch, die verdeckt alles!“

Damit hatte sie recht. Vorne war sie offen, ließ einen Blick zu, hinten hing sie über meinem Hintern.

Ich zog sie hoch und blieb für einen Moment stehen, bis ich ihre Stimme vernahm.

„Reicht, kannst dich wieder umdrehen!“

Ich vollendete den Kreis und fragte mich, was sie damit bezweckte. Das wurde mir schnell klar.

„Du hast Glück, dass ich ein wenig Zeit habe. Ich weiß, wo wir was für dich finden. Mitkommen!“

Es war keine Bitte, klang wie ein Befehl. Mechanisch setzte ich mich in Bewegung und folgte ihr, ging nach wenigen Schritten neben ihr.

„Ich verstehe es einfach nicht, warum ihr jungen Leute euch immer so unvorteilhaft anzieht. Michael ist genauso ein hoffnungsloser Fall. Er lässt sich nichts sagen. Bei dir könnte ich mir vorstellen, dass es anders ist. Oder liege ich da falsch?“

Was sollte ich darauf sagen. Ich wollte sie nicht enttäuschen, fühlte mich gleichzeitig seltsam dabei, mit der Mutter meines Freundes einkaufen zu gehen.

„Ein wenig konstruktive Hilfe wird mir nicht schaden!“, antwortete ich ihr und sie nickte zufrieden.

Wenige Minuten später kamen wir an einem Geschäft an, das ich bereits angesteuert hatte. Ich hatte es links liegen gelassen, war von den Preisen abgeschreckt worden.

Vielleicht konnte Carola einige Gedanken lesen, als sie sich zu mir umdrehte und meinte.

„Auch wenn es hier nicht gerade billig ist, es lohnt sich. Eine gute Verpackung ist teuer, damit muss man leben. Oder glaubst du, dass ich mir meine Kostüme von der Stange kaufe. Ich bin nicht mehr die Jüngste, daher muss ich an mir arbeiten. Körperliches Training und gut sitzende Bekleidung ist ein Minimum, um sich zeigen zu können. Hygiene setzte ich voraus. Auch bei euch Männern. Haare gehören nicht überall hin, wo sie wachsen!“

Sie ließ mich erstaunt mit dieser Aussage stehen, ging zum Eingang, blieb vor der Tür stehen und räusperte sich leise.

Als ich erkannte, was sie von mir forderte, trat ich schnell ein paar Schritte vor, öffnete für sie die Tür und ließ sie vor mir eintreten.

Was jetzt kam, werde ich nicht mehr vergessen. Normalerweise nahm ich eine Hose in der Größe, wie sie passen musste, zog sie an und kaufte sie, wenn sie einigermaßen saß. An diesem Tag wurde nichts aus meiner Taktik. Carola hatte an jedem Modell was auszusetzen. Entweder die Farbe, die Länge oder was auch immer. Besonders der Schnitt war ihr wichtig. Mehrmals musste ich mich vor ihr drehen, obwohl es mir peinlich war. Wobei nicht das Drehen beschämend war, sondern die Blicke mehrerer Mädels, die ebenfalls dort einkaufen. Sie kicherten leise und machten sich über mich lustig.

Zum Schluss war es mir egal. Ich wollte möglichst schnell aus dem Laden und macht daher, was Carola von mir wollte. Die zehnte Hose war es endlich, bei der sie nickte. Vielleicht waren es mehr gewesen, gezählt hatte ich sie nicht.

Als ich damit aus der Kabine kam, drehte ich mich ohne Anweisung von ihr und war froh, als die erlösenden Worte kamen.

„Na also. Geht doch. Wäre auch gelacht, wenn wir nicht das Richtige finden würden. Sitzt perfekt. Die und keine andere!“

Als ich auf das Preisschild sah, wunderte ich mich, dass sie nicht die Teuerste war, die ich anprobiert hatte. Im Gegenteil. Sie war günstiger als alle anderen. Trotzdem hatte ich den Eindruck, als wenn die Qualität mindestens genauso gut war.

Ich ging zur Kasse und bezahlte, während sich Carola weiter umsah. Ich betrachtete sie aus dem Augenwinkel, während ich in der kleinen Schlange anstand. Sie ging zu mehreren der Ständer für weibliche Oberbekleidung, nahm mehrere Stücke heraus, betrachtete sie länger und hängte sie zurück an ihren Platz.

Als ich bezahlt hatte, kam sie zu mir zurück, stöhnte einmal hörbar und meinte: „Noch einmal zwanzig Jahre jünger und ich wüsste, was ich kaufen würde!“

Einen Moment später standen wir draußen und sie fragte: „Und jetzt? Was brauchst du noch?“

Zum Glück nichts, und wenn doch, hätte ich es verschwiegen.

„Das war es schon!“, antwortete ich ihr und man konnte an ihrer Reaktion erkennen, dass sie enttäuscht war. Sie sackt leicht in sich zusammen, als wenn sie ihre innere Stabilität verloren hätte. Das korrigierte sie sogleich und stand, wie gewohnt, stocksteif vor mir.

„Hätte ich auch keine Zeit für gehabt. Trotzdem schade. Wenn du weiterhin Rat brauchst, ruf mich an. Wir werden einen Termin finden!“

Ohne auf eine Antwort von mir zu warten, drehte sie sich um und ich konnte sie von hinten betrachten, als sie ging, dabei hatte ich den Eindruck, als wenn sie stärker mit dem Hintern wackelte, als es sein musste. Vielleicht war es bei ihr normal. Dafür hatte ich keine Vergleichsmöglichkeiten.

Zuhause angekommen probierte ich die Hose ein weiteres Mal an und stellte mich damit vor einen Spiegel. Zufällig kam meine kleine Schwester vorbei, blieb für einen Moment stehen und betrachtete mich. Sie sah mich von oben bis unten an und meinte wie nebensächlich: „Hey Bruder, seit wann hast du einen so prallen Arsch?“

Nach einem bösen Blick von mir drehte sie sich um und lief lachend in ihr Zimmer. Danach drehte ich mich zur Seite, betrachtete aus dieser Perspektive mein Hinterteil, eine Ansicht, die mir zuvor egal gewesen war.

Mein Schwesterchen hatte recht. Durch die eng anliegende Passform trat mein fester Hintern besser hervor. Bei meinen anderen Hosen war es nicht der Fall gewesen, hingen eher locker an meinem Körper.

Ich war zufrieden mit mir und der Welt, auch wenn der Weg dahin lang und steinig gewesen war und ich musste Carola recht geben.

 

 

Kapitel 3

Heute in der Schule ist was Merkwürdiges geschehen. Ich habe die Hose das erste Mal getragen und bekam ein positives Feedback darauf. Eine der Mädels in meiner Klasse hat mich gemustert und gemeint: „Hey Jan, geiles Teil. Woher hast du die?“

Ich wusste zuerst nicht, was sie meinte, normalerweise sprachen wir nicht miteinander, spielten in verschiedenen Liegen. Erst als ihr Blick an meiner Körpermitte hängen blieb, wurde es mir bewusst.

„Gestern in der Stadt gekauft. Passt recht gut!“

„Welcher Laden?“

Ich nannte ihr das Geschäft und sie nickte.

„Kenn ich, nicht gerade der billigste Laden, scheint sich trotzdem zu lohnen. Werde ich auch mal ausprobieren!“

Nach dem Small Talk hatte sie sich umgedreht, sich mit ihren Freundinnen aus ihrer Klasse unterhalten. Dabei sah ich aus dem Augenwinkel, wie sich zwei von ihnen betrachteten und tuschelten.

Vielleicht hatte der Spruch „Kleider machen Leute“ was für sich.

Michael ist guter Laune, er hat eine neue Flamme. Wenn ich ihn richtig verstanden hatte, sollte es was für länger sein. Kann ich mir nicht vorstellen. Bei Michael ist jede Beziehung, die länger als einen Monat dauert, eine Belastung. Er ist nicht bindungsfähig, dafür gibt es zu viele Versuchungen, von denen er naschen möchte. Ich hingegen wäre froh, wenn ich endlich eine längere Freundschaft hätte. Ich erwarte nicht viel, sie sollte trotzdem meinen Mindestanforderungen entsprechen. Wobei ich mir nicht sicher bin, welche das sind. Ich werde mich überraschen lassen.

Gegen Abend bekam ich einen überraschenden Anruf. Meine Schwester rief mich, nachdem sie ans Telefon gegangen war, und sah mich verwirrt an, als sie mir den Hörer gab. Innerhalb weniger Sekunden wusste ich warum.

Eine rauchige Stimme war zu hören, weiblich, mir bekannt.

„Hallo Jan, ich wollte mich erkundigen, wie es dir geht?“

Aus Überraschung konnte ich zuerst nicht antworten. Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf, die zu nichts führte.

„Jan, bist du dran?“, hörte ich eine ungeduldige Frage und räusperte mich.

„Ja, bin dran. Ich wunder mich nur ein wenig!“

„Worüber? Dass jemand ich anruft und sich erkundigt, ob es dir gut geht? Ist das so ungewöhnlich?“

Natürlich war es nicht seltsam, dass sich jemand über meinen Gesundheitszustand erkundigt, doch es war Carola. Das war das Seltsame.

„Nein, natürlich nicht. Danke der Nachfrage. Es geht mir gut!“

Weiter kam ich nicht. Carola würgte jeden weiteren Satz ab, um selber fortzufahren.

„Ich muss morgen in die Stadt. Was hältst du davon, mich zu begleiten. Ich würde mich darüber sehr freuen. Dabei können wir unsere Gespräche fortsetzen!“

Ich schluckte einmal, wusste nicht, was ich dazu sagen sollte. Es war eine seltsame Situation, der ich nicht gewachsen war. Ohne darüber nachzudenken, sagte ich zu.

„Gerne komme ich mit. Zu welcher Urzeit?“

„Um zehn Uhr. Sei bitte pünktlich!“