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Liv ist Pflegerin, Mitte dreißig und führt ein scheinbar perfektes Leben in einem Osloer Einfamilienhaus. Sie liebt ihren Mann Terje und ihre beiden Kinder Rosa und Johannes. Aber was kaum jemand weiß, nicht einmal ihr Mann: Liv ist vor Jahren vergewaltigt worden. Der Gang zum Zahnarzt ist für sie eine Herausforderung; wenn sie nachts von der Bushaltestelle nach Hause läuft, muss sie Terje anrufen. Überall lauert die Angst. Liv bemüht sich, die Oberfläche frei von Kratzern zu halten. Auch wenn sie hinter der Fassade damit beschäftigt ist, ihr Trauma zu bewältigen: Sie will die Opferrolle nicht annehmen. Der Vorfall liegt ein halbes Leben zurück, warum soll er immer noch bestimmen, was sie im Hier und Jetzt tut? ›Macht‹ ist ein Buch mit großer Schlagkraft. Eindringlich schildert Heidi Furre das Nebeneinander von Zweifel und Selbstbestimmtheit, Mut und Wut.
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Seitenzahl: 231
Veröffentlichungsjahr: 2023
Copyright: © Niki de Saint Phalle, 1961
Liv ist Pflegerin, Mitte dreißig und führt ein scheinbar perfektes Leben in einem Osloer Einfamilienhaus. Sie liebt ihren Mann Terje und ihre beiden Kinder Rosa und Johannes. Aber was kaum jemand weiß, nicht einmal ihr Mann: Liv ist vor Jahren vergewaltigt worden.
Der Gang zum Zahnarzt ist für sie eine Herausforderung, wenn sie nachts von der Bushaltestelle nach Hause läuft, muss sie Terje anrufen. Überall lauert die Angst. Liv bemüht sich, die Oberfläche frei von Kratzern zu halten. Auch wenn sie hinter der Fassade damit beschäftigt ist, ihr Trauma zu bewältigen: Sie will die Opferrolle nicht annehmen. Der Vorfall liegt ein halbes Leben zurück, warum soll er immer noch bestimmen, was sie im Hier und Jetzt tut? Doch als eine neue Patientin ins Pflegeheim eingeliefert wird, deren Bruder vor Jahren wegen einer Vergewaltigung angeklagt worden ist, muss Liv ihr mühsam aufgebautes Leben verteidigen. Bei ihrer Familie und ihrer Freundin Frances findet sie Kraft und Trost: Sie wagt die Konfrontation und übt den Befreiungsschlag – denn sie will unbedingt die Macht über sich selbst zurück.
Heidi Furres Roman ist ein Buch mit großer Schlagkraft, ein Text, der sich mit dem Thema sexualisierter Gewalt auseinandersetzt, aber nicht die Tat, sondern die Frau, die sie erlebt hat, in den Mittelpunkt stellt. Eindringlich schildert Heidi Furre das Nebeneinander von Zweifel und Selbstbestimmtheit, Empathie und Wut.
© Julia Naglestad
Heidi Furre, geboren 1985, hat bereits mehrere Romane veröffentlicht. ›Macht‹, ein NORLA-Empfehlungstitel 2021, ist der erste, der auf Deutsch erscheint. Heidi Furre arbeitet als Fotografin und lebt in Oslo.
Karoline Hippe studierte u.a. Skandinavistik und Anglistik. Sie übersetzt aus dem Norwegischen, Dänischen und Englischen, zuletzt Heidi Sævareid, Lotta Elstad und Ida Lødemel Tvedt.
Heidi Furre
MACHT
Roman
Aus dem Norwegischen von Karoline Hippe
Die Übersetzung wurde gefördert durch NORLA.
Die norwegische Originalausgabe erschien 2021 unter dem Titel ›Makta‹ bei Flamme Forlag, Oslo.
Copyright © FLAMME FORLAG 2021
eBook Auflage 2023
© 2023 für die deutsche Ausgabe: DuMont Buchverlag, Köln
Alle Rechte vorbehalten
Übersetzung: Karoline Hippe
Umschlaggestaltung: Lübbeke Naumann Thoben, Köln
Umschlagabbildung: © plainpicture/Reilika Landen
Abbildungen Vor- und Nachsatz: Niki de Saint Phalle, 1961
© Gragnon François / Paris Match Archive
Satz: mittelstadt 21, Vogtsburg-Burkheim
eBook-Konvertierung: CPI books GmbH, Leck
ISBN eBook 978-3-8321-8279-3
www.dumont-buchverlag.de
Jeden Tag gehe ich an einem Haus aus rotem Backstein vorbei. An der Tür hängt ein Kranz, der mit den Jahreszeiten wechselt. Jetzt ist Oktober. Der Kranz ist aus weißem Heidekraut und ockergelben Samtbändern gebunden. Bald ist Allerheiligen. Dann werden dort Kürbisse auf der Treppe liegen. Sie sind klein, in den unterschiedlichsten Farben, unterschiedlich gemustert. Nicht von dieser vulgären orangen Sorte, sondern perfekte kleine Gewächse. Und es sind viele, sie quellen über die Treppenstufen. Ich habe keine Ahnung, aber die kosten sicherlich tausend Kronen. Der Kranz kostet bestimmt fünfhundert. Im Fenster hängt eine Louis-Poulsen-Pendelleuchte. Die kostet zehntausend.
Vorher hat dort eine andere Familie gewohnt. Mann, Frau, zwei hübsche Kinder. Sie haben das Haus für mehrere Millionen verkauft. Gut zu wissen, schließlich decken Schadensersatzsummen für Opfer häuslicher Gewalt nur einen Bruchteil der heutigen Immobilienpreise ab. Eines Nachts ist dort etwas passiert. Die Frau kam auf die Straße gerannt, unbekleidet. Sie schrie sich die Seele aus dem Leib. Ein Nachbar hatte eine Daunenjacke über sie geworfen, ehe die Polizei kam und sie in Wärmefolie einwickelte. Den Mann trugen sie auf einer Trage hinaus. Sie hatten ihm Handschellen angelegt. Die neuen Bewohner wissen, was passiert ist. Sie schlafen im selben Schlafzimmer. Ihre Kinder spielen in denselben Kinderzimmern. Verbringen dort ihre geborgene Kindheit. Bald werden sie den Weihnachtsbaum schmücken. Nichts in diesem Haus ist für mich begehrenswert. Ich schaue lieber nicht zum Küchenfenster hinein, zur Designerlampe und all den maßgezimmerten Bücherregalen. Gehe schnell vorbei, denn das Haus katapultiert mich zurück in einen Raum, in dem ich nicht sein möchte. So darf ich gar nicht denken, sonst gäbe es keine Räume mehr, in denen ich mich aufhalten könnte. Denn es ist allgegenwärtig, das, was ich versuche zu vergessen. Alle Räume haben ihren eigenen Klang, in kürzester Zeit kann die Tonlage von sicher zu unsicher kippen. Meine Aufgabe ist es, ganz genau hinzuhören. Ich habe kein absolutes Gehör, aber es ist gut ausgebildet. Eine Schlange horcht mit ihrem gesamten Körper nach Gefahren, sie spürt, wie der Boden unter ihr vibriert. Sie lauscht mit Schuppen und Skelett, bevor sie ihre Beute angreift oder unter dem Wurmfarn Schutz sucht.
Ich schöpfe einen kranken Trost aus dem, was in diesem Haus geschehen ist. Dass ich nicht die Einzige bin. Dass es nicht möglich ist, sich an Orten aufzuhalten, an denen einem nichts passieren kann. Die Frau war draußen auf der Straße sicherer, nackt, mitten in der Nacht. Sicherer als in ihrem eigenen Bett. Also bin ich frei, denn es gibt keinen Raum, der sicher ist. Ich telefoniere immer mit meinem Mann, wenn ich abends nach Hause gehe. Ich sage:
Jetzt gehe ich an der Bushaltestelle vorbei.
Jetzt gehe ich am Apfelbaum vorbei.
Jetzt gehe ich am Backsteinhaus vorbei.
Jetzt musst du kommen und mich finden, falls etwas passiert.
Wir bleiben in der Leitung, bis ich den Schlüssel ins Schloss stecke. Es ist nicht so, dass ich Angst habe; der Anruf auf dem Heimweg ist ein Ritual, das in Fleisch und Blut übergegangen ist. Das ist meine Art, in dieser Welt zu sein. Mein Gang und mein Blick ändern sich mit den Lichtverhältnissen. Den Park allein im Dunkeln würde ich nicht betreten, dort existieren unsichtbare Grenzen, sobald die Nacht anbricht. Unter den Straßenlaternen gehe ich nach Hause. Halte an dem Selbstbetrug fest, dass mein Zuhause der sicherste Ort der Welt ist.
Der Vorfall mit der Frau auf der Straße gilt in der Nachbarschaft als besonders außergewöhnliche Geschichte. Es war ein Skandal, aber sie haben viel für das Haus bekommen. Zur Besichtigung kamen lauter Familien mit Kindern, die jede beliebige Summe gezahlt hätten. Die Nachbarn sind auch alle zur Besichtigung gegangen, vor allem, um nach Antworten zu suchen. Aber das Haus war wie jedes andere, hübsche Möbel, glatte Oberflächen. Was dort passierte, war abscheulich. So etwas konnte doch hier nicht geschehen sein. Das war eine Ausnahme. Aber ich weiß, dass es so was gibt. Es existiert in mir und in anderen. Anscheinend existiert es in einer von zehn Frauen. Es. Alle sind sich einig, dass es nicht existieren darf, und trotzdem tut es das. Was gesagt wird und was passiert, passt nicht zusammen.
Oft kann ich es anderen ansehen. Ich weiß nicht genau, woran ich es festmache, denn es ist flüchtig. Es lebt in den Gesichtern. In der Haut, um den Mund herum, in den Augen. Einige Frauen tragen den Schmerz im Gesicht. Männer auch. Es ist schwer zu greifen, es windet sich so leicht davon. Es trotzt der Jugend, es trotzt der Schönheit. Ich habe es anderen schon als Kind angesehen, ehe ich wusste, was es ist. Ich habe es Kindern angesehen. Ich habe es älteren Frauen angesehen. Manchmal sehe ich es auch in mir selbst. In den Poren, im Hautton, in den Grübchen. Es tröpfelt heraus, wenn ich nicht aufpasse.
Pretty Woman war lange mein Lieblingsfilm. Es geht um eine Sexarbeiterin, die von einem ihrer Kunden gerettet wird. Das erste Mal, als ich den Film sah, habe ich das Kind der Nachbarn babygesittet. Sie hatten einen ausgebauten Partykeller und eine Satellitenschüssel. Um 22:00Uhr kamen sie nach Hause, drückten mir zwei Fünfziger in die Hand, und ich liebte es, im Dunkeln heimzugehen, die zwei grünen Scheine in der Hosentasche. Ich liebte Vivian in ihren Nuttenstiefeln, aber auch im adretten Kostüm. Ich durchwühlte meinen Schrank nach nuttigen Klamotten, träumte vor allem von der blonden Perücke. Zog einen Badeanzug und einen Rock an, stand vor dem Spiegel und sehnte mich nach einem Leben in Beverly Hills. Vivian wollte Sex, aber keine Küsse auf den Mund. Ich verstand das nicht, sah aber ein, dass ich auch lernen musste, so zu denken. Dachte, dass ich eines Tages erregt werde, indem ich meinen Kopf von meinem Körper abspalte. Am Anfang des Films hört man eine Stimme aus dem Off. Eine Stimme, die sagt: Eine tote Frau wurde in einem Container gefunden. Es war ein Freitagabend, ich aß Süßigkeiten. Die Szene mit dem Container verstand ich nicht, aber ich atmete erleichtert auf, als Richard Gere Julia Roberts von der Straße auflas. Die Ästhetik des Films war einladend, so wollte ich leben. Tolle Klamotten, glänzender Latex, schimmerndes Haar. Ich mochte schöne Menschen, das tue ich immer noch. Ich betrachte Julia Roberts’ Gesicht, es ist genauso schön wie 1990. Meine Kosmetikerin erzählte mir, dass sich alle mit Ende dreißig ein kleines Lifting gönnen. Man müsse damit anfangen, bevor es zu spät sei, dem Alterungsprozess vorbeugen, denn das erwarten die anderen von dir.
In Gedanken spiele ich verschiedene Ideen durch, was ich mit meinem Gesicht alles anstellen kann. Gut auszusehen ist ein Spiel, das im Verborgenen ausgetragen wird. Ein essenzieller Teil des Spiels ist es, nichts preiszugeben. Wenn ich ungeschminkt bin, bin ich selbstverständlich nicht ungeschminkt. Erst trage ich eine Tagescreme auf, die ein bisschen Tönung enthält, ein bisschen Concealer unter die Augen, ein bisschen Highlighter auf Wangen und Stirn, ein bisschen Augenbrauenstift zum Schluss. Eine sanfte Farbe auf die Lippen. Bevor ich das Haus verlasse, gehe ich noch einmal schnell ins Badezimmer, besprühe mein Gesicht mit Feuchtigkeitsspray. Ich will für mich behalten, wie viel Zeit ich für all das verschwende. Deshalb verschwende ich erst viel Zeit mit der Handlung selbst und dann damit, die Handlung zu vertuschen. Und schließlich verschwende ich meine Zeit damit, mich für diese ewige Fixierung auf mein Äußeres zu schämen.
Die Zeit, die dabei vergeht, ist nicht greifbar, selbst für mich gerade nur so. Das Planen von Outfits ist ein kompliziertes Puzzle. Es muss willkürlich wirken, aber alles andere als willkürlich sein. Wie Patti Smith in neuen weißen Sneakern. Suzanne Brøgger mit Eyeliner. Meghan Markle nach der Geburt. Willkürlich wie die Anzahl der Stunden, die Christine Blasey Ford auf dem Friseurstuhl saß, bevor sie eine Rede vor dem Senat hielt. Oder wie Alexandria Ocasio-Cortez, gut gekleidet, jung und hübsch. Rote Lippen, dezentes Augen-Make-up. Sie weiß, was das zu bedeuten hat, vor allem wenn man sich erhebt und etwas Wichtiges sagen will.
Die Pflichten kommen zum Vorschein, wenn ich ihnen nicht mehr nachgehe. Das Nichtgeschminktsein hat Konsequenzen, es ist nur eine Frage von Stunden. Wenn ich die Grippe habe, oder Magen-Darm, bricht alles in sich zusammen. Ich stehe auf, die wenige Energie, die ich noch habe, geht dafür drauf, Frühstück zu machen, Brote zu schmieren, die kleinen Kinder in die großen Schneeanzüge zu stecken. Sobald sie aus der Tür sind, gehe ich zurück ins Bett, um das Fieber wegzuschlafen. Und dann kommt es zum Vorschein. Das Hässliche, Erschöpfte, Zerzauste. Je älter ich werde, umso teurer wird es. Ich hinke schneller hinterher. Bringe die Kinder in den Kindergarten und beobachte, wie eine Mutter einen Vintage-Mantel von Max Mara an den Haken ihres Kindes hängt. Der kostet fünftausend. Ich gehe zu Elternabenden, alle Mütter sind schön. Die Person neben mir trägt ein Set aus Kaschmir. Zweitausend. Ich sitze da und studiere jemanden am anderen Ende des Raumes. Jedes noch so kleine Detail ist überlegt, lackierte Nägel, frisiertes Haar, die Kleider sehen neu aus. Die einzigen Dissonanzen sind die blauen Plastikschoner über den Schuhen, aber ich kann hier und da hohe Absätze unter ihnen erahnen. Bei der Vorstellungsrunde sage ich, mein Name ist Liv, ich bin die Mutter von Johannes und Rosa. Ich habe natürlich auch meine Hausaufgaben gemacht. Mein Haar habe ich hochgesteckt, mit einer schildkrötengemusterten Spange, wie sie alte Frauen oft tragen. Habe mir die dunklen Ringe unter den Augen und die Stresspickel auf der Stirn weggeschminkt. Schicke Klamotten, aber nicht zu schick, damit die anderen sich nicht underdressed fühlen. Ich habe verstanden, was hier erwartet wird. Dass es kein Ziel gibt, nur einen ewigen Balanceakt auf Messers Schneide zwischen dem Natürlichen und dem Kontrollierten.
Jedes Mal, wenn ich zum Zahnarzt soll, muss ich mir den Rest des Tages freinehmen. Bei der Arbeit erzähle ich, dass sie mir die Weisheitszähne ziehen, obwohl ich nur zur Kontrolle muss. Die Zahnärztin ist lieb. Sie hat langes, dunkles Haar, weiße Zähne und nur dezent aufgespritzte Lippen. Erst liege ich in einem Raum mit gedimmter Beleuchtung. Ob ich eine Decke haben möchte, ja, bitte, sag ich. Die Zahnärztin verlässt den Raum. Dort liege ich und schaue an die Decke, höre das Surren der Lüftung. Drehe mich um und ziehe die Decke fester um mich. Ein zugezogener Vorhang sorgt dafür, dass mich hier niemand liegen sieht. Solche Räume sind geheime Clubs, nur für uns, die Bescheid wissen. Ein sicherer Salon für Eingeweihte. Die Zahnärztin kommt zurück, bittet mich, eine Mixtur zu trinken. Fragt mich, wie es mir mit meiner Angst geht. Ich sage, dass alles gut ist, solange ich das hier bekomme. Stürze die Mixtur hinunter, obwohl ich weiß, dass sie nicht stark genug ist. Eine halbe Stunde später spüre ich das Kribbeln, das sich über meinen ganzen Körper legt. Ich habe genauso viel Angst, bin aber zu dösig, um mich zu wehren. Wir gehen in das Behandlungszimmer der Ärztin, sie stützt mich. Sie sind so gut zu mir, sage ich. Ich weiß, ich werde wegen so einer leichten Dosis nicht das Gleichgewicht verlieren, lasse es aber trotzdem zu, dass sie mich stützt, fürs Image. Außerdem fühlt es sich gut an, so gehalten zu werden. Ich lege mich in den Behandlungsstuhl, wieder starre ich hinauf an die Decke. Das Schlimmste ist nicht das Geruckel an den Zähnen. Das Schlimmste ist es, an die Decke zu starren, und drauf zu warten, dass es endlich vorbei ist.
Ich schneide kleine Kindernägel und sauge sie vom Fußboden auf. Ab und zu tauchen solche kleinen Nägel an Orten auf, an denen ich sie am wenigsten erwarte. Ich entdecke sie, verhakt in der Wolle eines Pullovers, während ich unterwegs bin. Plötzlich ist sie einfach da, eine kleine Mondsichel. Dann bin ich gerührt von dem Gedanken, dass sie mich den ganzen Tag begleitet hat, ein winziger Teil vom Körper eines meiner Kinder. Aber gerade haben diese Nägel keinen sentimentalen Wert für mich. Ich stelle den Staubsauger weg, gehe in die Küche. Schmiere vier Brote, verteile sie in vier Brotbüchsen, wasche Trauben und Tomaten, trockne sie an etwas Küchenpapier ab und lege sie obendrauf. Später denke ich manchmal daran, wie diese Brotbüchsen an die Kinder verteilt werden. Wie sie beim Öffnen Hilfe benötigen. Dann bereue ich es immer, mir nicht mehr Mühe beim Schmieren gegeben zu haben, an genau diesem Tag nicht kreativer gewesen zu sein. Das tue ich oft, bereue meine frühere Knauserigkeit.
Ich ziehe Rosa an, kämme ihr das verfilzte Haar, während sie um mich herumspringt. Terje kommt aus der Dusche, Johannes zieht sich selbst an. Ich sehe, dass er den Pullover auf links überstülpt, lasse ihn einfach. Jeder Morgen fühlt sich so an, als würde ich in einem Labyrinth erwachen, jeden Tag ist dieses Labyrinth ein bisschen verändert. Ungeahnte Wendungen und Hindernisse tauchen auf. Ein Streit, irgendeine Klamotte fehlt. Volle Mülltüten im Flur. In der Sekunde, in der sich die Haustür öffnet, wird es still. Der Augenblick, auf den wir alle hingearbeitet haben. Die Kinder stürmen hinaus in die Welt, alle winken allen. Alle lieben alle, Mama liebt Rosa, Rosa liebt Mama, Papa liebt Johannes, Johannes liebt Papa, Mama liebt Johannes, Johannes liebt Mama, Papa liebt Rosa, Rosa liebt Papa. Ich schließe die Haustür und gehe ins Bad. Föhne mir die Haare, reinige mein Gesicht, trage Serum und Tagescreme auf. Ich muss gar nicht auf die Uhr schauen, heute habe ich Spätschicht. Im Haus ist es still. Ich hole Puderpinsel und kleine Paletten mit den unterschiedlichsten Farben hervor. Male mir eine neue Haut auf die Haut. Male neue Farben darüber. Verbessere mich selbst, so wie es sich gehört. Ich habe mir angewöhnt, diese Aufgaben zu genießen. Früher habe ich diesen Moment dazu genutzt, vor mich hinzuträumen.
In meiner Jugend habe ich mich geschminkt, um eine andere zu werden. Das Ziel lag in der Zukunft, dort wollte ich hin. Sich morgens ein neues Gesicht aufzumalen war entscheidend, es würde mich an dieses Ziel bringen. Ich wusste nicht, dass ich mal in diesem Haus stehen würde, im Leben angekommen. Ich bin mittleren Alters. Guck, hier ist mein Leben. So lief’s bisher. Ich bin nicht kaputt.
Ich gehe in die Küche und räume den Frühstückstisch ab. Heize den Ofen ein und stelle eine Maschine Wäsche an. Aus dem Küchenfenster sehe ich den Fernseher der Nachbarn leuchten. Auf dem Bildschirm sind zwei Personen in einem Studio, die sich miteinander unterhalten. Zwischen ihnen liegt eine Bibel auf einem Tisch. Bei den Nachbarn läuft ständig dieses Programm, der Fernseher leuchtet jede Minute, das ganze Jahr über. Ich stelle meinen Laptop auf einen kleinen Schemel und rolle meine Yogamatte aus. Tippe den Namen der Yogalehrerin ein, die ich am liebsten mag. Sie gibt mir ein Gefühl von Sicherheit und Freude, obwohl eigentlich alle, die Yoga machen, gestört sind. Ich tue dreißig Minuten lang, was sie sagt. Werde ruhig und müde. Am Ende des Videos bittet sie mich, eine bequeme Sitzhaltung einzunehmen und die Gedanken vorbeiziehen zu lassen. Das tue ich. Schließe die Augen und atme. Höre den schwachen Atem der Yogalehrerin. Das Video endet, es folgt eine Werbung für einen Podcast über den Mord an einer jungen Frau. Ich klappe den Laptop zu und mach mich fertig für die Arbeit.
Bei meiner Arbeit kümmere ich mich nicht um die Alten, sondern um die Jungen. Man muss nicht alt sein, um in einem Pflegeheim zu landen, sondern pflegebedürftig. Einer meiner Patienten ist fünfundsechzig Jahre alt. Sein Körper ist noch jung, aber sein Gedächtnis ist bald fort. Wenn ich Zeit habe, setze ich mich beim Abendessen zu ihm. Heute wirft er den Teller auf den Boden. Der Teller zerbricht. Ich sammele die Porzellanscherben ein, wische das Essen auf. Hole eine neue Portion und stelle sie auf den Tisch. Aus der Entfernung sieht er gesund aus. Er hat eine jugendliche Erscheinung, Sneaker und Trainingsjacke. Seine Garderobe hat sich seit seinem Einzug nicht verändert. Klamotten, die zu einem sportlichen, fitten Menschen gehören. Während meiner Ausbildung habe ich gedacht, dass die Arbeit mit Kranken leichter sein würde, dass ich es einfach nur als Job sehen könnte. Aber es ist nicht leichter geworden, es fühlt sich eher so an, als bewegte ich mich um etwas herum, das ich nicht loslassen kann. Ich begegne mehr Kranken als Gesunden, warte nur darauf, selbst eine von ihnen zu werden. Vor allem plagt mich der Gedanke an die Angehörigen. Die Panik steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Diese Gesichter rauben mir nachts den Schlaf. Alle sagen dasselbe, dass es so ungerecht sei. Aber vielleicht ist gerade gerecht, dass die Krankheit vor niemandem haltmacht. Nicht vor den Guten, nicht vor den Jungen oder denen, die für sich selbst zahlen, für sich selbst sprechen können. Es geschieht einfach.
Nach ein paar Runden im Grünen sehe ich den Patienten draußen auf einer Bank sitzen. Die Sonne verschwindet hinter den Häuserblocks. Das rötliche Abendlicht steht ihm, denke ich. In dem kleinen Garten im Innenhof können die Patienten und Patientinnen sich frei bewegen. Eine ältere Dame harkt Laub, die anderen sitzen drinnen und schauen fern. Wir sind heute nur zu zweit in der Spätschicht, ich und eine Krankenpflegestudentin. Die Studentin putzt gerade die Küche und räumt die Spülmaschine ein. Sobald sie fertig ist, schließe ich die Tür zum Medikamentenvorrat auf und bereite die Dosierungen für die Abendrunde vor. Optimal ist es nicht, die Studentin derweil mit den Patienten allein zu lassen, aber normalerweise geht das schon. Die Abende sind wie bei uns zu Hause, sobald alle gegessen haben, bricht eine Flut an Aufgaben über uns herein. Medizin soll genommen werden, Windeln gewechselt, Nachthemden zugeknöpft. Der erste Patient geht um neun ins Bett, der nächste um halb zehn. Dass Ganze muss geschmeidig vonstattengehen, denn bestenfalls sollen alle bereits schlafen, bevor die Nachtschicht anfängt. Doch es gibt auch solche, die niemals schlafen, sondern bloß in ihren Betten warten. Eine ältere Dame kommt nur dann zur Ruhe, wenn ihre Tür abgeschlossen ist. Erst wenn sie das Klicken im Schlüsselloch hört, kann sie einschlafen. Ich kann sie gut verstehen. Vor ein paar Jahren wurden unsere Pflegepersonaluniformen geändert, jetzt tragen wir nur noch ein weißes Oberteil zu normalen Hosen. Den Patienten gefiel das, wir entfernten einen kleinen Teil dessen, was dazu beitrug, dass sie sich krank fühlten. Um sie herum gibt es genug, das an ihren Zustand erinnert. Sie schlurfen mit Pantoffeln über den Linoleumboden. Alle Stühle und Betten sind mit Pissbezügen bezogen. Auf den Esstischen liegen geblümte Plastikdecken, die Sessel im Aufenthaltsraum sind aus abwaschbarem Skai-Kunstleder.
Der Nachtdienst kommt. Wir tauschen Informationen, ich fülle das Protokoll der Spätschicht aus. Nachts arbeiten oft die Jungen, sie glauben, sie könnten sich verausgaben, ohne sich kaputt zu machen. Die Mutigsten nutzen die Nacht, um im Fitnessraum zu trainieren. Nachts auf dem Laufband, das erinnert mich an meine Teenagerzeit. Der Zwang, abends im Zimmer Sit-ups zu machen. Das war konstruktiv. Die Jeans sollte stramm sitzen, der Pulli war kurz. Aber es heißt, Sport verlängert das Leben, und Nachtarbeit verkürzt es, ist vielleicht gar nicht so dumm, das irgendwie auszugleichen. Die Nachtschicht knackt mit ihren Acrylnägeln einen Energydrink auf. Sie trägt Sportklamotten und Wimpernextensions, ihre Wimpern sind eine Spur zu dicht. Sie erreicht damit genau das Gegenteil von dem, was sie erreichen wollte, ihr Blick ist matt und unnahbar. Gleichzeitig weiß ich, dass solche Attribute auch als eine Art Panzer funktionieren, du stößt gewisse Menschentypen ab und ziehst andere an. Die extremen Wimpern verraten, dass auch die Lippen vergrößert sind. Wären die Wimpern nicht so modifiziert, wäre mir der leicht steife Ausdruck um den Mund vielleicht gar nicht aufgefallen. Ich schätze 0,3Milliliter in der Oberlippe und 0,2 in der Unterlippe. Spüre regelrecht, wie die Tränen kullern, sobald die erste Nadel einsticht. Der zweite Stich, der dritte Stich, der zehnte Stich. Es ist Gift. Die Wimpern sind aus Kunststoff. Ich bitte sie, alle zwei Stunden im Zimmer Nummer vier vorbeizuschauen. Der Patient kommt schon mal auf die Idee, im Dunkel herumzuwandern.
Neuneinhalb Stunden später bin ich wieder bei der Arbeit. Im Pausenraum treffe ich die Nachtschicht an. Wieder öffnet sie mit ihren Nägeln einen Energydrink. Sie blättert in der aktuellen Tageszeitung und erstattet Bericht von vergangener Nacht. Der Energydrink nervt mich, die Qualität ihres Schlafes sollte ihr wichtiger sein. Heute wird eine neue Patientin zu uns kommen, ich lese ihren Namen in einem Brief. Kommt mir bekannt vor. Ich blättere durch das Dokument. Relativ jung, Rehabilitation nach einem Motorradunfall. Zwei Tage lang stand eines der Zimmer leer, ein Patient weniger, den man ins Bett bringen muss, füttern, abwischen, kämmen. Weniger Verantwortung, weniger Herumgerenne. Ich schaue auf die Uhr, ich bin fünf Minuten hinter der Zeit. Mehrere Personen liegen in ihren Betten und warten. Ich gehe zur ersten. Ihr Gesicht erinnert mich an Rosas, wie sie ganz still liegt, in ihrem Gitterbett, nachdem sie aufgewacht ist. Oft bleibe ich in der Tür stehen und beobachte, wer Rosa ist ohne mich. Der Blick der Patientin ist ebenso friedlich, sie schaut aus dem Fenster, sieht einer Elster nach. Sie dreht sich zu mir um, hebt die Hand, dann wendet sie sich wieder der Elster zu. Warte, bedeutet das. Rückwärts verlasse ich den Raum, gehe zum nächsten Patienten. Er ist körperlich fitter, ich stehe hinter ihm und sehe ihm im Spiegel beim Zähneputzen zu. Viele sind noch lange in der Lage, sich selbst die Zähne zu putzen, diese Fähigkeit verschwindet manchmal als letzte. Die Erinnerung sitzt tief in den Muskeln. Zähneputzen ist fast wie Atmen. Er hat guten Kontakt zu sich selbst im Spiegel, er ist im Moment besonders wach. Ich sehe auch das Kind in ihm. Denke daran, wie sehr Kinder es lieben, im Spiegel Grimassen zu ziehen. Ich beneide sie dafür, dass sie keine Angst vor ihrem grotesken Schlund haben. Ich muss das auch gemacht haben, bevor ich den Spiegel mit Verpflichtungen assoziiert habe. Ich lächle den Patienten im Spiegel an, lege eine Hand auf seine Schulter und frage ihn, ob er bereit ist fürs Frühstück. Uns unterscheiden nur winzige Nuancen, ich bin gefangen in meinen Erinnerungen, er ist gefangen in der Abwesenheit seiner. Höflich fragt er mich, ob ich schon lange hier lebe. Ich antworte, dass ich woanders wohne, dass ich hier nur arbeite.
Die neue Patientin kommt nach dem Mittagessen. Eine Frau in den Vierzigern, sie wird von einem kleinen Gefolge begleitet. Ex-Mann, gute Freundin, Bruder. Bruder. Den Bruder kenne ich. Er ist ein bekannter Schauspieler. Ein bekannter Schauspieler und ein bekannter Vergewaltiger. Eine Produktionsassistentin beschuldigte ihn, sie während der Dreharbeiten zu einem Film sexuell missbraucht zu haben. Ich habe den Fall aufmerksam verfolgt, es stand Aussage gegen Aussage, kein Urteil. Sie waren sowohl vor als auch nach dem Missbrauch in einer Beziehung miteinander. Ihre jeweiligen Schilderungen zu dieser Beziehung waren deckungsgleich, bis zu dem Punkt, als es um den Vorfall ging, da verzweigten sich ihre Erzählungen in unterschiedliche Richtungen. Zwei völlig unterschiedliche Versionen ein und derselben Nacht. Von Überschneidung keine Spur. Kein Raum für Mehrdeutigkeiten oder Grauzonen. Eine Aussage war eine Lüge, die andere nicht. Ich habe die Zeitungen sorgfältig studiert, Sätze abgesucht, wollte etwas finden, das verraten könnte, wer nicht die Wahrheit sagte. Aber ich habe nichts gefunden. Beide waren gleichermaßen überzeugend. Einer von ihnen war ein sehr geschickter Lügner. Das charismatische Wesen des Schauspielers machte das Ganze zusätzlich verwirrend. Die Produktionsassistentin hatte alles zu verlieren, falls sie der Falschaussage bezichtigt würde, sie war Freiberuflerin. Nach dem Rechtsstreit kehrte sie nie wieder zu der Produktionsgesellschaft zurück. Der Schauspieler ging nach ein paar Jahren peu à peu wieder seiner Arbeit nach. Er wurde freigesprochen. Und jetzt steht er hier, im Zimmer der neuen Patientin. Er hat ein freundliches Gesicht. Ich gebe ihm die Hand, stelle mich vor. Es passiert so schnell wie ein Angriff aus dem Hinterhalt. Ich erinnere mich, wie er vor dem Gerichtssaal bespuckt wurde. Auf dem Pressefoto wischt er sich die Spucke und die Tränen mit dem Handrücken weg. Jedes Mal, wenn ich dieses Bild sah, tat er mir leid. War das Strafe genug? Er würde nie verurteilt werden, aber er würde auch nie mehr nicht der Vergewaltiger sein. Eine unlösbare Gleichung. Durch einen Schuldspruch wäre diese Gleichung vielleicht weniger verworren gewesen, aber sie hätte die ewige Verbindung zwischen Opfer und Täter nicht aufgelöst. Alle hatten ohnehin verloren. Das Verkorkste war, dass ich dem Opfer gegenüber Verachtung empfand. Jede Aussage im Gerichtssaal löste Übelkeit in mir aus, weil es meine eigene hätte sein können. Die Gesetzgebung konnte diesen kranken Nuancen von Mitleid und Verachtung nichts entgegensetzen. Ich war wütend. Aber die Wut ist ein seltenes Tier, das seine Gestalt ändert, sobald ich es sehe.
Ich weiß nicht, wo die Gewalt bleibt, wenn sie verübt worden ist. Sickert sie in die Matratze? (Ich denke jedes Mal daran, wenn ich in einem Hotelbett übernachte.) Wenn sie wie Säure ist, ätzt sie sich durch die Matratze, durchs Parkett, in den Waldboden. Dringt in Hirn und Muskeln. Wird hässlich, zieht hässliche Furchen ins Gesicht. Die Haut rau und grau. Ich hatte mal eine Lehrerin, deren Gesicht völlig grau war. Gelbes Haar hing über dem Pult. Wenn sie etwas an die Tafel schrieb, lag die Kreide schwer in ihrer Hand. Als würde es sie erdrücken, das kleine Kreidestück.
