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Mit welchen Mitteln und Techniken werden kurzfristige Meinungen sowie längerfristige Wertmaßstäbe und Weltbilder hergestellt? Klaus-Jürgen Bruder und Almuth Bruder-Bezzel liefern eine Analyse, die die gegenwärtige Situation von Verleumdung, Fake News und Verschwörungstheorien vor Augen hat, dabei aber die grundlegenden Prinzipien und Mechanismen der Beeinflussung und Manipulation an ausgewählten Beispielen untersucht.
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Seitenzahl: 345
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Ebook Edition
Macht
Wie die Meinung der Herrschendenzur herrschenden Meinung wird
Herausgegeben vonKlaus-Jürgen Bruder und Almuth Bruder-Bezzel
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www.westendverlag.de
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
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ISBN 978-3-86489-787-0
© Westend Verlag GmbH, Frankfurt/Main 2021
Umschlaggestaltung: Buchgut, Berlin
Satz und Datenkonvertierung: Publikations Atelier, Dreieich
»Die herrschenden Gedanken sind die Gedanken der Herrschenden« (Marx). Wer die Macht hat, muss auch die Köpfe beherrschen. Es stellt sich immer wieder die Frage, ob und wie das gelingt. Eine wirkliche Meinungsvielfalt ist daher möglichst auszuschalten, vor allem in aufregenden in Zeiten, in denen etwas für die Bevölkerung Unangenehmes durchzusetzen gilt.
Dieses Buch wurde noch vor der Coronazeit geplant und konzipiert. Es hatte daher also einen anderen Blickpunkt, aber die Belastungen und Irritationen von uns allen haben das Projekt verzögert und beeinflusst. So sind in verschiedenen Beiträgen Spuren dieser Thematik zu finden, dennoch ist das Buch kein »Corona-Buch«.
Zu keinem anderen Zeitpunkt aber konnten wir besser sehen als heute, dass die Macht durch die »Meinung« herrscht, in überwältigendem Ausmaß nur eine offizielle, veröffentlichte Meinung, vorgetragen mit dem Anspruch des wissenschaftlichen Expertentums, unter der Drohung hoher Gefahr für Leib und Leben.
In der Regel wirkt sie durch Überredung, Überzeugung, Verführung – durch die Register des Redens, der Behauptung, Belehrung, des Zeigens –, und des Versteckens, Verschweigens, kurz: des Diskurses, einfach dadurch, dass man in den Diskurs einsteigt und sich gemäß seiner Regeln in diesem Diskurs bewegt (s. Foucault 1982/1987, S. 255). Und Foucault meinte damals, nur im Grenzfall braucht sie Gewalt, Drohung, Befehl oder Vorschrift. Haben wir nun diesen »Grenzfall«?
Es war vor einem Jahr und bis heute geradezu verblüffend zu sehen, wie schnell und offenbar weitgehend die Bevölkerungen fast aller Staaten (190 von 193) weltweit sich den Zumutungen der Corona-Pandemie-Politik gebeugt und sie akzeptiert haben. Am Anfang überrumpelt, sicher auch eingeschüchtert von der Angst vor der Ansteckung durch ein unbekanntes, unsichtbares Virus, scharte sich der Großteil der Bevölkerung in Deutschland ängstlich und vertrauensvoll um die offiziellen Verlautbarungen der Kanzlerin und ihrer Experten, des Robert Koch-Institut (RKI) und Christian Drosten, und verzichtete darauf, sich noch außerhalb der öffentlich-rechtlichen Medien zu informieren. So ließ sich die Bevölkerung fast den gesamten Bewegungsraum inklusive eines großen Teils der Arbeitsplätze einschränken. Dabei waren die Krankheitsfälle, auch die mit schweren Verläufen, und die Mortalität viel geringer als erwartet und vorhergesagt und geringer als bei vorherigen Grippeepidemien. Im Juni 2020 schreibt Klaus Schwab vom Davoser Wirtschaftsforum, die Coronakrise sei »eine der am wenigsten tödlichen Pandemien, die die Welt in den letzten 2000 Jahren erlebt hat« (Schwab & Malleret 2020, S. 296).
Das war nicht nur erklärbar durch den Schock und die Angst vor dem tödlichen Killervirus allein, sondern durch die Annahme einer entsprechenden Bereitschaft in der Bevölkerung zum Gehorsam: ein Autoritarismus, der nicht mehr der der klassischen »autoritären Persönlichkeit« zu sein scheint, sondern eine Haltung, die den Versuchspersonen des Milgram-experiments näherkommt, eine Haltung, die hinnimmt und damit regierungsaffirmative Orientierungen und Argumente unterstützt. Wir könnten hier eher, sinnvollerweise den Begriff der »Mentalität der Angepasstheit« einsetzen.
Die Mentalität des loyalen, vielleicht sogar dankbaren, Staatsbürgers wurde oder hat sich lange vorbereitet. Nachdem in den 68er-Jahren die Herrschenden aus dem Tritt gekommen waren, wurden Schritt für Schritt die »Freiräume« wieder abgeräumt, die eine aufmüpfig oder übermütig gewordene Jugend den Herrschenden abgerungen hatte. Mit einer Melange aus den verschiedensten Herrschaftstechniken von Repression bis Verführung wurde allmählich ein Klima geschaffen von Resignation, von sich Einfügen in das, was nicht zu ändern sein sollte, Willfährigkeit und Geschmack daran finden, die Verführungen zu genießen (vgl. Bruder 2013). In diesem Klima konnte sich jene Loyalität gegenüber der Regierung entwickeln, die den Boden bereitete für jene schnelle, bereitwillige Akzeptanz der Politik.
Es geht in diesem Buch um die Herstellung von kurzfristigeren Meinungen und gleichzeitig um längerfristige Wertmaßstäbe, Normen und Weltbilder. Es gilt dabei aufzuzeigen, mit welchen Mitteln, unter welchen Voraussetzungen, mit welchen Institutionen, unter welchen Formaten dies erfolgreich gelingt. Das Projekt ist die Herstellung von Meinung durch Medien der verschiedenen Arten und Techniken, durch Sozialisations- und Bildungsinstitutionen wie Familie und Schule, Konsum, Arbeitssituation, um die Wirkung von Zuschreibungen, die als Verleumdung gemeint sind (wie »Antisemitismus« oder »Verschwörungstheorie«) sowie um die Darstellung von politischen Großereignissen. Die Analysen haben zwar die aktuell gegenwärtige Situation vor Augen, wollen aber zugleich grundlegender die Prinzipien und Mechanismen der Beeinflussung und Manipulation an ausgewählten Beispielen untersuchen.
Die Geschichte der Herausbildung des modernen »Meinungsmanagements« stellt Almuth Bruder-Bezzel im einleitenden Kapitel »Propaganda und Macht« dar. Sie zeigt, wie die Herrschenden ihre Gedanken und Interessen zu herrschenden Meinungen machen können. Und dies im großen Maßstab der Massenmedien und Massenkommunikation. Es werden hierzu die Pioniere der Massenkommunikationstheorien herangezogen. Es geht schließlich auch um die Frage, welche psychologischen Prozesse und Dynamiken bei den einzelnen Individuen eine Rolle spielen.
Klaus-Jürgen Bruder schließt in seinem Beitrag daran an. Für die Übernahme der Gedanken und Ideen der Herrschenden durch die Beherrschten ist es entscheidend, dass diese als eigene ausgegeben werden, um ihnen folgen zu können. Wir tun so, als folgten wir dem eigenen Befehl. Darin realisiert sich das Subjekt als Herr seines eigenen Sprechens und Handelns.
Die Herstellung dieser Loyalität läuft nicht nur über die Medien, die »Meinungsmacher« (Albrecht Müller), die »Manufakturen des Konsens« (Noam Chomsky). Auch wenn der Konsens dort produziert und reproduziert wird, gibt es viele andere Produktionsstätten der Meinung als nur die öffentlichen Medien. Die Medien arbeiten mit Meinungen, die es bereits gibt, oder besser: mit Teilen von Meinungen, Bildern, Vorstellungen, Aussagen, die die Menschen mitbringen, aus anderen Bereichen, Feldern, in denen bereits Meinungen gebildet worden sind: in der Familie, in Schule, Ausbildung, Beruf, in kulturellen Räumen und Veranstaltungen der Freizeit.
Diesen Orten, den Erfahrungen dort, in denen sch Meinungen gebildet, beziehungsweise ausgetauscht, übertragen, angeeignet werden, wenden wir uns zu.
Mit dem Beitrag »Die vererbte Meinung« stellt Anton Perzy die ganz grundlegende Ausgangssituation der Entstehung von Meinung in der Familie dar. Über diese Sozialisationsagentur werden – wie über andere – Meinungen zum Ausdruck eines gesellschaftlichen Verhältnisses, zum Erbe der sozialen Umstände und herrschenden Machtverhältnisse und so – aktuell – zu einem Ergebnis neoliberaler Interessen.
In der Schule, die im Beitrag von Magda von Garrel als Normierungs- und Selektionsanstalt charakterisiert wird, werden die mitgebrachten Ungleichheiten durch Gleichschaltung reproduziert und zugleich Grundhaltungen und Sekundärtugenden geformt, die die Kinder auf ihre Rolle von »stummen Werkzeugen« vorbereitet.
»Stumme Werkzeuge« ist auch der Titel von Werner Rügemers Aufsatz und seine Bezeichnung für die Arbeitnehmer. Bereits im Bürgerlichen Gesetzbuch sind sie als weisungsgebundene, fremdbestimmte, in persönlicher Abhängigkeit gehaltene Menschen definiert. Als solche werden sie – in der Öffentlichkeit der Medien – zum Schweigen verurteilt und in Schweigen gehalten, können ihre Lage und ihre Haltung im Arbeitsunrecht nicht artikulieren und im Durchschnitt damit auch nicht zu Bewusstsein bringen.
In der Sphäre des Konsums schließlich wird die Formierung der Subjekte vollendet, wie Burkhard Bierhoff in seinem Beitrag in den verschiedenen Phasen des Kapitalismus aufzeigt. In der Konsumgesellschaft ab den Fünfzigerjahren wurden die Lebenswelten der Logik des Massenkonsums unterworfen, das Subjekt wurde für den Massenkonsum formiert, Wünsche und Bedürfnisse wurden stimuliert und produziert, Konsum bekam die Rolle des Ausdrucks des Wertes einer Person. Im modernen Überwachungs- und Datenkapitalismus werden Daten gesammelt und Datenprofile zum Zweck der Kontrolle und Manipulation der Konsumenten erstellt.
Vor dem Hintergrund dieser in Familie, Schule, Arbeit und Freizeit aufeinander aufbauenden Sphären von Meinungsbildung, erheben sich die Manufakturen der Medien wie Monster, die alles zurechtschneiden, zusammenpressen, synthetisieren, seines lebendigen Inhalts berauben und mit blendendem Glanz lackieren.
Ein Kapitel über das Funktionieren und die Wirkung des Internets eröffnet die Analysen ausgewählter Phänomene der Manipulation von Information – nicht nur – durch die Medien: Wolfgang Romey zeigt, wie mit dem Internet als Meinungsbildner Wahlkampf betrieben wird und die Menschen mit Zensur und Überwachung überzogen werden, beispielsweise durch das Verbergen von Informationen und das Löschen von unliebsamen Nachrichten, er zeigt die Bedeutung der Vernetzung der Rechner auf, die schließlich im »Internet der Dinge« kulminiert.
Da die manipulative Industrie stark vernetzt ist, sind gleichförmige Nachrichten durchsetzbar, worauf Georg Rammer hinweist. Die mit Verschweigen und Lügen manipulativ hergestellte öffentliche Meinung führt dazu, dass die Mehrheit der Bevölkerung aus der Teilhabe ausgeschlossen bleibt, sodass die Machtelite ihre Deutungshoheit und damit ihre Politik gegen den Willen der Bevölkerung durchsetzen und legitimieren kann.
Moshe Zuckermann analysiert die Orwellsche Umkehrung der Bedeutung von Begriffen am Beispiel des Holocaust-Diskurses, sowohl in Deutschland als auch in Israel, als Möglichkeit, dass das nahende Unglück sich unauffällig heranschleicht, statt mit einem heftigen Paukenschlag zu beginnen, sodass es den Schein von Routine und Normalität wahrt, und man es ignorant hinnehmen kann. Man sieht allenthalben autoritär-diktatorische Tendenzen um sich greifen; man registriert, wie die letzten Reste von Demokratie zuschanden kommen; man gewahrt, wie das bisschen an vermeintlicher Zivilgesellschaft, rapide verrottet und verkommt.
Matthias Bröckers, der hierbei auf seine nun zwanzigjährige Beschäftigung mit diesen Themen zurückgreifen kann, schreibt über die inflationäre Verwendung des denunziatorischen Kampfbegriffs »Verschwörungstheorie«. Anlässlich des Mordes an John F. Kennedy 1963 als Kampfbegriff gegen Kritiker der offiziellen Version des Geschehens vom CIA eingeführt, seit dem Elften September erneut inflationär eingesetzt, wird dieser Begriff inzwischen gegen die Versuche gerichtet, die Verschwörungspraxis der regierenden Elite aufzudecken. Am Beispiel von Julian Assange und Edward Snowden kann man sehen, welche gnadenlose Inquisition eingesetzt wird, wie Hannes Sies am Beispiel des Umgangs der Mainstream-Medien mit der skandalösen Verleumdung, Verfolgung und Gefangennahme von Julian Assange zeigt; also wie einer der berühmtesten investigativen Journalisten ausgeschaltet werden kann und welche Rolle die Medien dabei spielen. Wenn vereinzelt überhaupt darüber berichtet wird, dann so, dass die Perspektive der Verfolger übernommen wird, mit Fake News, Unterstellungen, falschen Beschuldigungen, das Bild eines Verbrechers gezeigt wird, der zu Recht keinerlei Hilfe und Unterstützung verdient.
Über die Rolle und Bedeutung von Bildern bei der Meinungsmanipulation schreibt Daniela Lobmueh anhand von visuellen Propagandaschlachten in drei Beispielen, die zumindest indirekt mit dem transatlantischen Kampf zwischen dem Westen und Russland zusammenhängen: Es geht um den Abschuss der malaysischen Passagiermaschine zur Zeit der Maidan-Konflikte, um den Krieg in Syrien und um Venezuela. Bilder werden als angebliche Beweismittel eingesetzt, die falsche Assoziationen wecken und Zusammenhänge verschleiern.
Kurt Gritsch zeigt am Beispiel des ersten Angriffskrieges der Bundesrepublik, dem Krieg der NATO gegen Jugoslawien 1999, dem die Mehrheit der Bevölkerung skeptisch bis ablehnend gegenüberstand, mit welchen »Argumenten« diese Teilnahme begründet wurde: Aus der deutschen Vergangenheit erwachse die Verantwortung, global als geläuterte Ordnungsmacht aufzutreten. Aus »Nie wieder Krieg, nie wieder Auschwitz!« wurde die Rechtfertigung eines Angriffs.
Stefan Korinth analysiert den durchgängigen Gleichklang der Berichterstattung in den führenden Medien zum Maidan-Konflikt 2013/2014 in der Ukraine, in dem sich das transatlantische Narrativ »Westen gegen Russland« ausdrückt und durchsetzt. Daher folgt die Berichterstattung der Maxime, den prowestlichen Protest zu unterstützen, entsprechend den Verlautbarungen der Regierung.
Wolf Wetzel zeigt am Beispiel des Mordes am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke im Juni 2019, wie die mediale Vermittlung als Desinformation fungiert, mit der sowohl die Zusammenhänge eines »Einzeltäters« zum neonazistischen Untergrund als auch die Rolle der Ermittlungsbehörden im Dunkeln bleiben.
An den hier ausgewählten Facetten sehen wir die Macht der Meinungsbildung, die Macht, die durch Meinung wirkt, gerade auch wenn, wie in vielen der Beiträgen, ein Blick auf die aktuelle Corona-Politik geworfen wird. Aber gerade hier sehen wir auch, wie schnell die Grenze überschritten werden kann, jenseits deren die Macht sich nicht mehr auf den Diskurs, das bloße Reden beschränkt, wie unvermittelt die Gewalt ins Spiel kommt, wie die Begründung (auch eine Form des Diskurses) der Anweisungen der Macht sich als Befehl outet, dessen Nichtbefolgung Konsequenzen zeitigt, die unsanft ins Jenseits des Diskurses schleudern.
Almuth Bruder-Bezzel, Klaus-Jürgen Bruder
Berlin, im März 2021
Bruder, Klaus-Jürgen Bruder (2013). Massenloyalität. Zur Aktualität der Sozialpsychologie Peter Brückners. In: Sozialpsychologie des Kapitalismus. Zur Aktualität Peter Brückners – heute. Hg. v. Klaus-Jürgen Bruder, Christoph Bialluch, Benjamin Lemke. Giessen: Psychosozial-Verlag, S. 13–31.
Foucault, Michel (1982): Das Subjekt und die Macht. In Ders: Jenseits von Strukturalismus und Hermeneutik. Hg. v. Hubert L. Dreyfus & Paul Rabinow. Berlin: Athenäum, 241–261.
Schwab, Klaus & Malleret, Thierry (2020): COVID-19: Der Grosse Umbruch. Köln/Genf: Forum Publishing.
Almuth Bruder-Bezzel
Wenn ich jemanden dazu bringe, meine Meinung zu Fragen und Themen aller Art zu übernehmen oder einen Konsumenten zu einem Produkt des Marktes zu überzeugen, wenn ich Meinung herstellen oder verändern kann, dann habe ich Macht. Das entspricht auch in etwa der Definition von Macht von Max Weber, bei dem Macht jede Chance bedeutet, den eigenen Willen durchzusetzen und so auf das Denken und Verhalten einzuwirken.
Für die Meinungsbildung in der Gesellschaft insgesamt, also der sog. »öffentlichen Meinung« ist allerdings für Karl Marx klar, dass in der (kapitalistischen) Klassengesellschaft »die Gedanken der herrschenden Klasse […] die herrschenden Gedanken« sind. Und weiter:
[Das heißt] die Klasse, welche die herrschende materielleMacht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre herrschende geistige Macht. Die Klasse, die die Mittel zur materiellen Produktion zu ihrer Verfügung hat, disponiert damit zugleich über die Mittel zur geistigen Produktion, so dass ihr damit zugleich im Durchschnitt die Gedanken derer, denen die Mittel zur geistigen Produktion abgehen, unterworfen sind. (Marx 1845/1962, S.46)
Marx sagt damit, welche Meinung in der Gesellschaft die herrschende Meinung wird, er sagt aber (noch) nichts darüber, wie diese Meinung in der Bevölkerung hergestellt wird. Das ist unsere Frage.
Diese Meinungsherstellung geschieht in einer Gesellschaft auf vielen verschiedenen Wegen, über diverse öffentliche Medien, über institutionelle Sozialisationsagenturen aller Art vom Kindergarten zur Schule und Universität, Familie, Kirche, Justiz, über Arbeitsprozesse, Konsum, Kulturereignisse oder auch direkt über Werbeagenturen, Think Tanks, Lobbygruppen.
Brecht setzt in seinem Turandot den Tui ein, einen Intellektuellen, der die kaiserliche Meinung verbreitet oder, in kleinerem Format als Medienmacher, Meinungen und Ideologien als Ware verkauft. Durch diese »Tuis« werden über Sprache und Bild die Gedanken der Herrschenden zu herrschenden Gedanken. Sie wirken als Meinungsführer und prägen die öffentliche Meinung.
Es geht um kürzere Beeinflussungen in einzelnen Fragen oder um längere Sozialisationsprozesse, das heißt Prozesse, die das Individuum in die Gesellschaft mit ihren Normen und kulturellen Eigenheiten integrieren sollen. Diese Prozesse bergen in sich Widersprüche, sodass sie im Sinn der Herrschenden auch schiefgehen können. Das hat Peter Brückner sehr schön hervorgehoben:
Es ist im Interesse von Herrschaft, dass einige Beherrschte lernen zu denken, aber dann können sie auch über das Interesse der Herrschaft nachdenken. Immer bereiten die gleichen Techniken der Sozialisation beides vor: die Auslöschung jeder Autonomie und die Tendenz, Freiheit zu maximieren. Das treibt zur Reflexion, nicht nur zur kontinuierlichen Unterwerfung. Diese Widersprüchlichkeit des Sozialisationsprozesses zwingt die Inhaber von Herrschaftspositionen zu einer fortlaufenden Nachproduktion falschen Bewusstseins. Nicht nur die Revolution, auch die Reaktion ist nur als permanente denkbar. (Brückner 1968, S. 153)
Ein ungeheuer großer Apparat steht dafür zur Verfügung, zur Herstellung eines gesellschaftlichen Konsens. Diese Vielfalt und Größe der Beeinflussungsapparate zeigen zum einen, wie wichtig es den Mächtigen ist, Macht über Meinung, über Zustimmung, zu bekommen, und zum anderen, wie viel Anstrengung es kostet, damit das »autonome Subjekt« zum Schweigen gebracht wird, damit die Manipulation, die Beeinflussung funktionieren kann.
Im Einzelnen und in besonderen Situationen scheint dies allerdings ziemlich einfach zu sein, wie wir angesichts der aktuellen Corona-Politik leider feststellen mussten. Mit den probaten Mitteln »Angst« und stetiger Wiederholung wurden große Teile der Bevölkerung rasant schnell mobilisiert.
Es geht hier also bei der Meinungsherstellung um Zustimmung, um gesellschaftlichen Konsens. Denn unsere Gedanken, Ideen Meinungen und Bedürfnisse sollen so sein, wie die der Herren. Wir sollen wollen, was wir sollen. Nur dadurch haben die Herrschenden die Macht und können sie Macht behalten, lenken, dirigieren, kontrollieren.
Albrecht Müller von den »Nachdenkseiten« stellte 2010 zu dieser Herstellung von Konsens fünf Thesen auf:
1.Meinung macht Politik. Die öffentliche Meinung ist oft maßgeblich für die politischen Entscheidungen.
2.In vielen Fällen bestimmt allein die veröffentlichte Meinung, also die von den tonangebenden Personen, Gruppen und Medien mehrheitlich vertretene Meinung, die politischen Entscheidungen.
3.Meinung kann man machen.
4.Wer über viel Geld und/oder publizistische Macht verfügt, kann die politischen Entscheidungen massiv beeinflussen.
5.Die totale Manipulation, die gleichgerichtete Prägung des Denkens vieler Menschen ist möglich (Müller 2010, S. 10 f.).
Müller zitiert dazu noch George Orwells Roman 1984: »Und wenn alle anderen die von der Partei oktroyierte Lüge akzeptierten […], dann ging die Lüge in die Geschichte ein und wurde Wahrheit« (Orwell 1949/2020, S. 45).
In dieser Einleitung wollen wir uns auf das Wirken der Massenmedien konzentrieren, und die Anfänge dieser wissenschaftlichen Praxis skizzieren.1 Wir sehen daran, in welche Vorstellungswelt über Demokratie und über das Publikum, diese Theorien und Praxis der Massenkommunikation eingebettet sind. Die Klassiker etwa ab der Zeit des Ersten Weltkrieges sprechen hierzu eine sehr offene Sprache, und die erschreckt. Auch wollen wir fragen, wie weit und wie lange wir relativ autonom sind, trotz der Beeinflussungen, oder wann es so weit ist und unter welchen Umständen, dass wir uns manipulieren lassen.
Das Versprechen auf Demokratie in der Klassengesellschaft nach der Französischen Revolution war für die bürgerlichen Eliten bedrohlich, denn Kapitalismus, Besitz an Privateigentum und Demokratie, Herrschaft des besitzlosen Volkes, sind eigentlich unvereinbar.
Die ideale Verpflichtung, Herrschaft auf das Volk zurückzuführen, und der reale Anspruch von Oligarchien, über das Volk zu herrschen, führten schon von Anbeginn des bürgerlichen Aufstiegs zur Macht in Schwierigkeiten (Agnoli 1968, S. 7).
Es mussten »Demokratieformen« und Techniken entwickelt werden, die für die Mächtigen, die Regierenden, »für die besitzende Klasse risikofrei sind«, bei denen tatsächlich die Elite herrscht, nicht das Volk, sodass wir in einer »Illusion von Demokratie« leben, »mit oligarchischen Strukturen unter demokratischem Deckmantel«, wie Rainer Mausfeld dies in aller Schärfe formuliert (Mausfeld 2018, S. 24, 29). Repräsentative Demokratie ist dafür genau das richtige Mittel, »das Mittel zur Verhinderung von Demokratie« (ebd., S. 91). Damit das Volk weiterhin keinen Einfluss bekommt, ist entweder Meinungsmanipulation, die für die Übernahme der Meinung der Herrschenden sorgt, oder die Entpolitisierung des Volkes für die Herrschenden günstig.
Die Eliten, die Herrschenden, brauchen aber Zustimmung, brauchen Massen, um ihre Geschäfte ungestört und unter Mithilfe erledigen zu können. Sie brauchen den »sozialen Frieden«, und der ist – mit Agnoli ausgedrückt – erreicht,
wenn gegen die Herrschaft keine Forderungen mehr erhoben […] werden, die Massen ihr Interesse an einer Veränderung der Gesellschaft verlieren und von der Befreiung auf die Befriedung und Befriedigung … zurückgebracht werden […]. Konsumlusterweckung und optimale Lustbefriedigung … helfen dabei, den Verlust an Politik zu kompensieren und die Notwendigkeit der Politik zu verdecken. (Agnoli 1968, S. 22)
Unter dem Einfluss der Corona-Politik haben wir darüber hinaus erlebt, dass unter besonderen Umständen mehr als nur Apathie nötig ist, sondern sehr aktive Mitwirkung, voller Einsatz und Gehorsam.
Wie lässt sich nun garantieren, dass die herrschende Meinung – das ist doch eigentlich die öffentliche Meinung – die Meinung der Herrschenden ist beziehungsweise bleibt, unter den Bedingungen der Demokratie und unter den Bedingungen der Ungerechtigkeit, Spaltung der Gesellschaft?
Es geht darum zu erforschen, wie die »Masse« denkt, fühlt, sich verhält, wie sie tickt, was sie antreibt und wie ihre inneren psychologischen Prozesse ablaufen. Dies ist wichtig, um die Bevölkerung in die gewünschte Richtung lenken und kontrollieren zu können, um die gewünschte öffentliche Meinung und Verhaltensweisen herzustellen. Denn das ist für die Herrschenden die beunruhigende und die zu lösende Aufgabe in der Demokratie. Wie sonst soll gewährleistet werden, dass die Demokratie nicht die des Volkes, sondern die Staatsform der Elite ist und bleibt?
Ziel der Sozial- und Massenpsychologie ist also die Beherrschung der Massen, »systematische Steuerung und Kontrolle der Psyche« mit dem Ziel, »den Einzelnen mit der Lebensform auszusöhnen, die ihm von der Gesellschaft aufgezwungen wird.« (Marcuse 1968, S. 12 f.). Diesem Zweck dient die Manipulation von Meinungen, aber auch panem et circenses, Brot und Spiele, Weckung von Konsumbedürfnissen sowie deren Formung und Lenkung. Allgemeiner gesagt:
Wer auf Herrschaft aus ist und ein Interesse daran hat, die Repression der Bürger zu verewigen, erklärt die Privatsphäre zum Heiligtum, denn nur in ihr entwickeln sie sich zum stillen Agenten und Akklamateur eben jener Herrschaft […]. Erst als verinnerlichte sind Könige vor der Guillotine sicher. (Brückner 1968, S. 100)
Man braucht Instrumente, um die Massen zu manipulieren, um sie zu entmachten. Dabei dürfen »die Techniken des Herrschens den Beherrschten« nicht »zum Bewusstsein gebracht werden«. Daher muss auch
politikwissenschaftliche Erkenntnis«, die »aufzeigt, wie manipuliert wird und damit auch, wie man sich der Manipulation entziehen kann, […] in den Grenzen des Akademischen gehalten [werden]. (Agnoli 1968, S. 12)
Um den Ausschluss aus der Demokratie zu legitimieren, wurde der Bevölkerung, den »Massen«, vor allem jede Rationalität und Verantwortungsbereitschaft abgesprochen, weshalb sie unfähig zu einer Führungsposition seien. So werden die Elitenherrschaft und die Notwendigkeit der Führung und Kontrolle der Massen gerechtfertigt. Zugleich konnte man aufzeigen, dass und wie die Massen in aktuellen Zusammenschlüssen tatsächlich emotional aufgeheizt werden können und dadurch manipulierbar sind – etwas, was man ihnen wiederum zum Vorwurf macht. Das geht so weit, dass man sie zum Beispiel für den Faschismus verantwortlich gemacht hat.
Solcherart Psychologie über die Massen gab es sozusagen immer, wo es Klassengesellschaften und entsprechend auch Unruhen und Aufstände gegeben hat, so zum Beispiel bereits in der Elitendemokratie des antiken Griechenland.
Für unsere Zeit war aber vor allem Gustav Le Bons berühmte Schrift Psychologie der Massen (Originaltitel: Psychologie des foules) von 1895 maßgebend, neben den Veröffentlichungen anderer Autoren aus Frankreich und Italien. Die »Massenpsychologie« war natürlich im Nachgang der Französischen Revolution, dann der späteren revolutionären Bewegungen in Frankreich 1848 oder im Aufstand der Pariser Kommune 1871 als Warnung vor dem »Mob« und vor dem Sozialismus zu verstehen. Auch sah man angesichts der aufstrebenden Industrialisierung bereits zu dieser Zeit die Epoche der Masse bedrohlich heraufziehen. Die Massen in der Massensituation seien, so bei Le Bon, vom Irrationalen und Suggestiven beherrscht, reaktiv, leichtgläubig und leicht zu beeinflussen. Masse wird klinisch und kriminologisch beschrieben, sie steht »unter dem Einfluss des Hypnotiseurs«. »Da das Verstandesleben des Hypnotisierten lahmgelegt ist, wird er der Sklave seiner unbewussten Kräfte, die der Hypnotiseur nach seinem Belieben lenkt« (Le Bon 1895/1953, S. 18). Die Massen seien vom Unbewussten und Triebhaften beherrscht (ebd., S. 15), ihre Gefühle seien einfach und überschwänglich (ebd., S. 35). In ihrer »Umformung zu Masse besitzen« die Individuen »eine Art Gemeinschaftsseele« (ebd., S. 13), »in der Gemeinschaftsseele verwischen sich die Verstandesfähigkeiten und damit auch die Persönlichkeit der Einzelnen« (ebd., S. 15 f.). »Der Einzelne ist nicht mehr er selbst, er ist ein Automat geworden, dessen Betrieb sein Wille nicht mehr in der Gewalt hat« (ebd., S. 19).
Unglücklicherweise hat sich Sigmund Freud 1921 dieser Massentheorie von Le Bon angeschlossen – und somit lebt sie auch heute in der Psychoanalyse fort. Hintergrund bei Freud sind sowohl die Arbeiterbewegung im sozialdemokratischen »Roten Wien« als auch die Massen des italienischen Faschismus. Beidem stand er skeptisch gegenüber.
Freud zitiert ausführlich und stets zustimmend Le Bon. Er spricht mit Le Bon von der
Massenseele [als] dem Seelenleben der Primitiven und der Kinder. […] Die Masse ist impulsiv, wandelbar und reizbar. Sie wird fast ausschließlich vom Unbewussten geleitet […]. Nichts ist bei ihr vorbedacht. (Freud, 1921/1999, S. 82)
In der Masse schränken die Individuen ihre »narzisstische Eigenliebe« ein, sie benehmen sich so, »als wären sie gleichförmig, dulden sie die Eigenart des anderen« (ebd., S. 112 f.). Das zeige, dass »das Wesen der Massenbildung in neuartigen libidinösen Bindungen der Massenmitglieder aneinander besteht« (ebd., S. 113), die Individuen regredieren und identifizieren sich miteinander und mit dem Führer gleichzeitig (vgl. ebd., S. 118). Massen seien so über Identifizierung in doppelter Art Bindung gefangen, die Bindung an den Führer und Bindung untereinander. Die affektiven Bindungen würden »den Mangel an Selbstständigkeit und Initiative beim Einzelnen« erklären (ebd., S. 129).
Die linken, kulturkritischen Intellektuellen, aus den Kreisen der kritischen Theorie (Adorno, Horkheimer, Marcuse) hatten sich positiv auf Freuds Massenpsychologie bezogen. Ihr Bezugspunkt waren die tatsächlich emotionalisierten und manipulierten faschistischen Massen (vgl. dazu kritisch Bussemer 2005, S. 92–100). Auch heute ist diese Theorie mit Abstrichen noch innerhalb der Psychoanalyse anerkannt.
Diese Massentheorien – von Le Bon, Freud und auch die des Spaniers José Ortega y Gasset (1930) – drücken die Massenfeindlichkeit des Bürgers, des Intellektuellen aus, sie sind eine elitäre, Herrschaft legitimierende Beschreibung der vermeintlich regressiven und einfältigen Massen. Kritik an Massenpsychologie wendet sich auch gegen die Gleichsetzung von Massen mit unteren Klassen und Gleichsetzung von Massenaufmärschen mit Regression. Letztlich geht es um das Ressentiment gegen untere Klassen und um die Angst davor, dass Massen eigene Meinungen haben oder gar sich durchsetzen wollen, dass also aus der Illusion von Demokratie eine Volksherrschaft würde und die Gedanken der Herrschenden nicht mehr die der Beherrschten wären. Diese Haltung spielt heute zum Beispiel auch in der Ablehnung der direkten Demokratie eine wichtige argumentative Rolle.
Manipulative, emotionale Propaganda aller Art und Inhalte im Sinne der Weckung neuer Bedürfnisse, die Schaffung von Feindbildern, das Schüren von Ängsten oder patriotischen Stimmungen gehören aber zu den täglichen Instrumenten auch solcher bürgerlicher Medien, die es mit einem voneinander isoliertem, auch »seriösem« Publikum zu tun haben, wie bei Presse oder Fernsehen.
Kritik an der Massenpsychologie heißt ja nicht, zu leugnen, dass akute Massen (auf Großveranstaltungen wie Konzerten, Stadien oder Straße) häufig emotionalisiert und angestachelt werden und der Manipulationen und Regression zugänglich sind. Und umgekehrt werden mit dieser Massenpsychologie auch gerechtfertigte und wichtige Emotionen in der Freude oder Empörung denunziert, mit Irrationalität gleichgesetzt.
Massen bei Demonstrationen sind zum Beispiel sicher oft »emotional«, denn diese Menschen sind ja da, weil sie ein Anliegen, eine Sorge bewegt und sie Forderungen haben. Diese Massen haben keine andere Macht als die »Straße«, und tragen ihr Anliegen häufig auch zu Recht emotional – empört, wütend – vor. Und diese Emotion ist nötig, um etwas bewegen zu können. Das aber fürchten die Herrschenden, aber auch die Intellektuellen.
Ganz im Unterschied dazu haben Bürger des Establishments, gar die Mitglieder der – im breiten Sinn – herrschenden Klasse, diese »Straße«, diese Emotion, nicht nötig. Sie haben andere Kanäle, sie haben Macht, gehört zu werden, sie können ihre Interessen ganz ruhig, besonnen, cool vortragen, und sie haben keine ernsten Nöte und Sorgen, die ihnen den Schlaf rauben.
Mit der Weiterentwicklung des Kapitalismus zur Massen- und Konsumgesellschaft, der Verschärfung der Klassengegensätze, mit den nun neuen Erfordernissen für die Herrschenden, Massen in großem Maßstab kontrollieren, lenken und beeinflussen zu können, entwickelte sich in den USA ein neuer Forschungszweig und eine neue Praxis der Propaganda, Medientheorie, Meinungsforschung. Der Kriegseintritt 1917, die bewegten Zwanzigerjahre mit den kulturellen Aufbrüchen, den politischen und gewerkschaftlichen Kämpfen (die teils mit großer Gewalt niedergerungen wurden), die darauffolgende Große Depression ab 1929 und die Reformbewegung des New Deal von 1933 bis 1939 verstärkten diese Notwendigkeiten.
Massenkommunikationsforschung hat sich zunächst durchaus auch an der Massenpsychologie Le Bons orientiert und psychoanalytische Konzepte einbezogen, denn Psychoanalyse war ab circa 1910 bis weit in die Zwanzigerjahre hinein unter amerikanischen Intellektuellen und Bohémiens zur Analyse der Kultur und Politik, sehr beliebt, dementsprechend in entsprechenden Zirkeln, Medien und Publikationen präsent.
Walter Lippmann, geboren 1889 in New York, deutscher Herkunft, war Journalist, Kolumnist, Medientheoretiker mit engen Verbindungen nach oben, zu den US-Präsidenten Theodore Roosevelt und Woodrow Wilson, und zu universitären Kreisen unter anderem zu William James. 1916 trat er im Wahlkampf von Woodrow Wilson auf, und beide arbeiteten auf den Kriegseintritt hin.
Nach dem Eintritt der USA in den Krieg im April 1917 wurde durch die Anregung und Beratung von Walter Lippmann ein Propagandaapparat (Commitee on Public Informationn, CPI) eingerichtet. Es sollte sachliche Argumente für das amerikanische Kriegsengagement bereitstellen, wurde aber immer mehr ein massenpsychologisch orientiertes, emotional-manipulatives Propagandainstrument (Bussemer 2005, S. 73 f.), etwas, was zuvor aus einem liberal-demokratischen Denken heraus in der Öffentlichkeit abgelehnt wurde.
Lippmanns bekanntestes Buch, The Public Opinion von 1922, das als eine Art Bibel und grundlegende Arbeit für das Verständnis moderner Massenmedien und Massenmanipulation verstanden wird, liest sich in Teilen zunächst wie ein Buch aus der kognitions- oder wahrnehmungspsychologischen Grundlagenforschung für die praktische Beeinflussung und Propaganda. Wenigstens drei Merkmale sind demnach wesentliche Instrumente der Meinungsbeeinflussung:
1.Unsere Meinung über die Welt ist wesentlich durch unsere Bilder von der Welt geprägt.
2.In der Wahrnehmung der Welt werden wir von Stereotypen geleitet.
3.Symbole spielen für die Meinungsbildung und für die Führung der Massen eine bedeutende Rolle.
Zu Punkt eins: Menschen machen sich Bilder oder erfinden Fiktionen von der Wirklichkeit, was Lippmann auch »Pseudoumwelt« nennt, und sie reagieren auf diese Bilder ebenso stark wie auf die Wirklichkeit. »Sein Verhalten ist die Reaktion auf diese Pseudoumwelt« (Lippmann 1922/2018, S. 64). Pseudoumwelten, ihre inneren Vorstellungen von der Welt, sind ein bestimmendes Element im Denken, Fühlen und Handeln. Alles, was der Mensch tut, beruht »nicht auf unmittelbarem und sicherem Wissen, sondern auf Bildern, die er sich geschaffen oder die man ihm gegeben hat« (ebd., S. 72.).
Zu Punkt zwei: Unsere Meinungen sind zusammengesetzt aus Schilderungen anderer Leute und aus unseren inneren Vorstellungen (vgl. ebd., S. 109).
Wir werden über die Welt bereits unterrichtet, bevor wir sie sehen. Wir stellen uns die meisten Dinge vor, bevor wir unsere Erfahrungen damit machen. Und diese vorgefassten Meinungen beherrschen aufs Stärkste den Vorgang der Wahrnehmung. (ebd., S. 116 f.)
Wir wählen aus, »was unsere Kultur bereits für uns definiert […] und stereotypisiert hat« (ebd., S. 110), »die subtilsten und allgegenwärtigsten aller Einflüsse sind diejenigen, die das Stereotypenrepertoire schaffen und aufrechterhalten« (ebd., S. 116).
Zu Punkt drei: Symbole halten die Anhänger zusammen, mit Symbolen kann der Führer eine Menschenmenge in Bewegung setzen, »im Symbol entlädt sich das Gefühl in Richtung eines gemeinsamen Ziels« (ebd., S. 220 f.). Es kann »die Manipulation der Masse durch Symbole das einzig effiziente Mittel sein, um eine brenzlige Situation zu meistern« (ebd., S. 222).
Aus all dem folgt für Lippmann: »Aber was ist Propaganda, wenn nicht die Bemühung, das Bild zu ändern, auf das die Menschen reagieren, das heißt ein Gesellschaftsmodell durch ein anderes zu ersetzen?« (ebd., S. 73) Wer also die Bilder in den Köpfen der Menschen beherrschen kann, beherrscht sie. 2
In der Propaganda verwehre »eine Gruppe von Menschen […] der Öffentlichkeit den ungehinderten Zugang zu den Ereignissen […] [und] arrangiert die Nachrichten«. Sie benutze ihre Macht, »um die Öffentlichkeit […] die Dinge so sehen zu lassen, wie sie es wünschten« (ebd., S. 84). Daher ist Propaganda »ohne eine gewisse Form der Zensur« nicht möglich, denn Propaganda errichtet »eine Schranke zwischen Öffentlichkeit und Ereignis, […] der wirklichen Umwelt« (ebd., S. 85).
Hier geht Lippmann zwar von allgemeinpsychologischen Grundlagen aus, ist in seiner Haltung der Anwendung aber getragen von Vorstellungen der irrationalen Masse, die in ihren Gedanken, Gefühlen und Bedürfnissen durch wirtschaftliche und politische Führer gelenkt und manipuliert werden muss.
Lippmann hatte stets eine Elitentheorie oder »Expertokratie« vertreten. Die öffentliche Meinung müsse über die Medien gesteuert werden, von eine intellektuellen Elite, denn nur die politische Elite sei in der Lage, die Komplexität der Wirklichkeit zu verstehen – in Wirklichkeit geht es natürlich nicht darum, sondern um den Machterhalt der Elite.
Das Volk als »verwirrte Herde« behält in Lippmanns »Demokratie« die Rolle von Zuschauern. Die Herde müsse gezähmt werden, mittels der neuen Propagandatechniken, durch die Herstellung von Konsens (manufacturing consent).
Lippmann deutet vieles nur an, der Kritiker Chomsky bringt es auf den Punkt:
Die Öffentlichkeit soll auf Ereignisse eingestimmt werden, die sie eigentlich ablehnt (vgl. Chomsky 1991/2003, S. 30). Sobald es Probleme bei der Konsensbildung gibt, muss man die verwirrte Herde ablenken, man muss die Angst vor den Feinden schüren oder einen neuen Feind gegebenenfalls erfinden (vgl. ebd., S. 41 f.). Nützlich sei auch, eine regelmäßige Dosis patriotischer Propaganda darzubieten (vgl. ebd., S. 103). Auch Debatten und Diskussionen können im Propagandasystem ihre Aufgabe erfüllen, wenn sie in angemessenen Grenzen bleiben (vgl. ebd., S. 102).
Chomsky verweist noch einmal besonders auf die Rolle der Intellektuellen als Erfüllungsgehilfen der Mächtigen: Intellektuelle und führende Persönlichkeiten seien erstrangiges Ziel der Herstellung von Konsens. Wer die Meinungselite mobilisiert, hat damit auch die Öffentlichkeit. »Die Wirkungen staatlicher Propaganda sind umso größer, je mehr sie von den gebildeten Schichten unterstützt und keine Kritik daran zugelassen wird« (ebd., S. 30).
Hier müssen wir natürlich wieder an die Figur des »Tui« von Brecht denken, die Intellektuellen und Wissenschaftler als »Mandarine« am Hofe des Kaisers. Die großen Tuis müssen für den Kaiser die beste, die überzeugendste Lüge für einen Betrug vom Kaiser erfinden. Das klappt, hat immer geklappt und funktioniert auch heute blendend.
Nach dem Krieg 1918 wurde die Propaganda in den USA erweitert auf Werbepsychologie und Reklameforschung, weiter neben der politischen Propaganda. Hier ist vor allem Edward Bernays, geboren 1891 in Wien, aufgewachsen ab 1892 in New York, Neffe von Freud, zu nennen, als Pionier der »Public Relations« – wie die anrüchige Propaganda nun genannt wird. Bernays, durchaus beeinflusst von Lippmann, gilt als »PR-Machiavelli« und »Ingenieur der Demagogie« (Kocks 2011, S. 12 f.), der auf dem Klavier der unbewussten Wünsche und Sehnsüchte zu spielen verstand. In »brutaler Offenheit« pries er »die Möglichkeiten, die Öffentlichkeit ohne deren Wissen vorsätzlich zu manipulieren« (ebd., S. 11).
Auch er hatte seine Sporen bereits in der Kriegspropaganda (CPI) verdient, die er als »grandios« erfolgreich rühmte und die ihm »die Augen geöffnet« hat für die »Möglichkeiten von Manipulation der Massenmeinung« (Bernays, 1928/2011, S. 33). Bernays, eher Praktiker als Theoretiker, wurde PR-Berater für Politiker auf höchster Ebene und Berater für verschiedenste große Industriebranchen und Institutionen.
Er beginnt sein Buch Propaganda (1928) mit folgenden Sätzen:
Die bewusste und zielgerichtete Manipulation der Verhaltensweisen und Einstellungen der Massen ist ein wesentlicher Bestandteil demokratischer Gesellschaften. Organisationen, die im Verborgenen arbeiten, lenken die gesellschaftlichen Abläufe. Sie sind die eigentlichen Regierungen in unserem Land […]. Die unsichtbaren Herrscher, die Mitglieder des Schattenkabinetts, regieren uns dank ihrer angeborenen Führungsqualitäten […] und aufgrund der Schlüsselpositionen, die sie in der Gesellschaft einnehmen. (Bernays 1928/2011, S. 19)3
Bernays definiert Propaganda als das stetige, konsequente Bemühen, Ereignisse zu formen oder zu schaffen mit dem Zweck, die Haltung der Öffentlichkeit zu einem Unternehmen, einer Idee oder einer Gruppe zu beeinflussen (ebd., S. 31).
Er entwickelt ein Konzept der Beratung mit systematischer Abfolge, wie Analyse des Problems des Auftraggebers, Analyse des Publikums, das erreicht werden soll, Formulierung übergreifender Strategien und so weiter (ebd., S. 42 f.). Wichtig ist nicht nur, Emotionen und Gefühle zu erfassen und zu wecken, auch muss – »da der Mensch ein Gemeinschaftswesen ist« – es »den verborgenen Herrschern« gelingen, »den Einzelnen in seiner Gruppenzugehörigkeit zu erreichen und seine Motive zu manipulieren« (ebd., S. 49).
Dies wendet er natürlich auch auf die Politik an, was sein zynisches Verhältnis zur Demokratie noch einmal mehr verdeutlicht:
Ein seriöser und talentierter Politiker ist dank des Instrumentariums der Propaganda glücklicherweise in der Lage, den Volkswillen zu formen und zu kanalisieren. Unsere Demokratie muss von einer intelligenten Minderheit geführt werden, die weiß, wie man die Massen leitet und lenkt. (ebd., S. 99)
Mit der Großen Depression von 1929 kam es auch in den USA zu großer Verarmung, Arbeitslosigkeit, die Streiks und Unruhen auslösten. Dies wurde dann Anfang der Dreißigerjahre mit den Reformkonzepten des New Deal ab 1933
