Magie der Asche - Michaela Weber - E-Book

Magie der Asche E-Book

Michaela Weber

0,0
3,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Als Mia es in ihrer unglücklichen Beziehung nicht mehr aushält, trennt sie sich vom Vater ihres Sohnes. Dieser ist jedoch mit der Trennung nicht einverstanden und übt Rache. Der mysteriöse Jake rettet die schwer verletzte Mia und weicht von da an nicht mehr von ihrer Seite. Bei ihm fühlt sich Mia wieder wohl und sicher, doch Jake hat ein Geheimnis, das Mia nach und nach lüftet. Als ihr Ex begreift, dass er an Mia nicht mehr herankommt, entführt er kurzerhand ihren gemeinsamen Sohn und Mia begibt sich auf eine gewagte Rettungsmission. Immer mehr beschleicht sie das Gefühl, anders zu sein und nicht ganz so menschlich wie sie dachte.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 450

Veröffentlichungsjahr: 2021

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Michaela Weber

Magie der Asche

Lodernde Versuchung

© 2021 Michaela Weber

Verlag und Druck:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

Paperback:      978-3-347-24682-9

Hardcover:      978-3-347-24683-6

e-Book:             978-3-347-24684-3

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Fürmeine Söhne

Marcel, Oliver& Niklas

Selige Sehnsucht

Sagt es niemand, nur den Weisen,

Weil die Menge gleich verhöhnet,

Das Lebend’ge will ich preisen,

Das nach Flammentod sich sehnet.

In der Liebesnächte Kühlung,

Die dich zeugte, wo du zeugtest,

Überfällt dich fremde Fühlung,

Wenn die stille Kerze leuchtet.

Nicht mehr bleibest du umfangen

In der Finsternis Beschattung,

Und dich reißet neu Verlangen

Auf zu höherer Begattung.

Keine Ferne macht dich schwierig,

Kommst geflogen und gebannt,

Und zuletzt, des Lichts begierig,

Bist du Schmetterling verbrannt.

Und so lang du das nicht hast,

Dieses: Stirb und werde!

Bist du nur ein trüber Gast

Auf der dunklen Erde.

Johann Wolfgang von Goethe (1817)

1

Mia blickte aus dem Fenster. Wie hatte dieser wundervolle Tag nur so plötzlich zu so einem kompletten Alptraum werden können? Sie griff sich auf die Stirn.

>> Autsch! << entschlüpfte es ihr und sogleich fuhr sie zusammen und blickte prüfend in Richtung Wohnzimmer, ob ER sie gehört hatte.

Nichts rührte sich. Erleichtert legte sie ihre Stirn vorsichtig gegen das kühle Glas des Fensters und schloss für eine Sekunde die Augen. Das tat gut. Sie öffnete die Augen und nahm den Mond ins Visier. Er war wunderschön heute. Mia verlor sich in seinem strahlenden Schein. Sie bildete sich sogar ein, die für den Mond so charakteristischen Krater, mit freiem Auge erkennen zu können. Im gleichen Moment fiel Mia ihr Spiegelbild ins Auge. Das würde eine Farbenpracht geben, denn bereits nach so kurzer Zeit, schimmerte es blau durch die Haut auf ihrer Stirn, wie man in der Reflektion der Scheibe gut erkennen konnte.

>> Dumme Gans! << schimpfte sie sich selbst.

Sie hätte es wissen müssen. ODER Mia hatte es gewusst und hatte versucht es hinauszuzögern. Nur so konnte sie sich erklären, dass sie um eine Stunde später als verabredet, nach Hause gekommen war, was ihr den ganzen Ärger wieder einmal eingebracht hatte. Aber vermutlich hätte er sowieso einen Grund gefunden.

Schließlich sollte sie sich nicht amüsieren, auch wenn er das nie sagen würde. So viele Sterne waren am Himmel und blinkten und leuchteten um die Wette. Einer schöner und strahlender als der andere und sie alle wussten nicht, was für ein Sturm in ihrem Inneren tobte. Sie hatte Angst. Große Angst. Angst um ihren Sohn und um ihre geliebte Familie. Angst, dass ihre jüngeren Geschwister oder ihre Eltern ihretwegen zu Schaden kommen könnten. Die Angst lies ihr Herz rasen und die feinen Härchen auf ihrer Hand standen zu Berge. Leicht fröstelte es sie, obwohl die Temperatur im Raum durchaus warm war. Es würde schlimm werden und sie bezweifelte noch immer, dass sie es schaffen würde. Doch sie hatte ihre Entscheidung gefällt. Lange schon spielte sie mit dem Gedanken, den Mistkerl Bob, der in ihrer Wohnung hauste und der der Vater ihres Sohnes Marc war, einfach vor die Tür zu setzen. Leider war das nicht so einfach. Dieser Idiot hatte sich hier gut eingerichtet. Sie bezahlte die Miete und kaufte das Essen.

Sie ging Vollzeit arbeiten, um alles zu bezahlen und erledigte auch die ganze Hausarbeit allein. Er machte nichts, außer vor dem PC oder dem Fernseher zu sitzen. Alles blieb an ihr hängen und da er es so bequem hatte, würde er das bestimmt nicht so leicht aufgeben. Sie redete sich auch ein, einen Grund zu brauchen, um ihn auf die Straße zu setzen. Aber wenn sie ehrlich mit sich war, hatte ihr einfach der Mut gefehlt und sie hatte sich von ihrer Angst leiten lassen. Heute jedoch hatte der brutale Bastard den Bogen zu weit Überspannt und nun war er zerbrochen. Einst hatte sie ihn geliebt und hätte ihm alles gegeben, doch nun empfand sie nur noch Hass und Abscheu für ihn und würde ihn lieber schon gestern als heute loswerden. So viele Male hatte er Hand an sie gelegt und ihr blaue Flecken und Blutergüsse verpasst. Vermutlich hätte sie niemals den Mut aufgebracht ihn rauszuwerfen, obwohl er ihr den ganzen Lebensmut und Energie raubte. Sie wäre in diesem Trott geblieben. ABER heute war das erste Mal, dass er ihren gemeinsamen Sohn bedroht hatte und damit brachte er das Fass zum Überlaufen. Etwas war in Mia zerbrochen und konnte nicht mehr zusammengefügt werden. Sie hatte seine Wutanfälle immer ertragen und sich eingeredet, dass ein Vater bei seinem Sohn sein müsse. - Doch sie hatte sich geirrt. Am besten, er war so weit entfernt wie es nur ging! Zumindest für diesen Vater galt das. Sie hatte keine Ahnung wie sie das alles überstehen sollte aber für ihren Sohn würde sie es versuchen. Sie würde es schaffen… Sie würde… Bei diesen Überlegungen merkte Mia eine kleine wärmende Flamme in ihrem Inneren. Konnte das… Sollte sie hoffen… Ja, sie konzentrierte sich auf ihr Inneres und…. ja sie konnte spüren wie ihr Lebenswille und ihre Lebensfreude zurückkam. Es war nur eine kleine Flamme oder eher das Aufflackern einer Glut, aber es war da und es würde wachsen! Tja, eine Warnung an solche Männer da draußen: Legt euch nie- wirklich niemals mit einer Mutter an, die ihr Kind beschützt!

Ihr werdet es bitter bereuen!

2

>> Marc, hopp, hüpf rein Baby! << ermutigte Mia den Kleinen.

Marc mit seinen zwei Jahren kletterte umständlich in seinen Kindersitz. Mia schnallte ihren Sohn an und ärgerte sich wieder darüber, dass die Schnalle nicht einrasten wollte. Der alte Kindersitz sollte schon längst ausgetauscht werden, doch das konnte sie sich nicht leisten. KLICK Endlich. Sie gab dem Kleinen einen Kuss auf die Stirn, weil er nicht herumgezappelt hatte, wie er es sonst so gerne tat, und dadurch das Anschnallen oft erschwerte. Jetzt konnte es losgehen. Mia freute sich schon lange auf die Geburtstagsfeier ihrer Tante. Sie schloss die Tür ihres in die Jahre gekommenen Wagens und eilte mit ihrer Tasche um das Auto herum. Das Auto wurde bereits vom Rost angeknabbert und es war ein Wunder, dass sich nicht schon Teile lösten, fand Mia. Sie öffnete die Fahrertür und sah beim Einsteigen, dass Bob aus dem Fenster des Hauses guckte. Ihr Herz klopfte laut und wild, als wollte es aus ihrer Brust springen - hoffentlich überlegte er es sich nicht doch noch anders und wollte plötzlich doch mit. Oder noch schlimmer - dass er sie doch nicht auf das Fest lassen wollte. Er wollte eigentlich nie mit zu Familienfesten, da ihre Familie ihn nicht mochte, wie er behauptete. Tatsächlich nahm Mia an, dass er befürchtete irgendwann von einem Familienmitglied auf seine brutale Art angesprochen zu werden. Eigentlich hatte er sogar gemeint, warum sie denn zu dieser Feier müsse. Mia war für einen kurzen Moment die Luft weggeblieben, da sie unbedingt dahin gehen wollte. Dann dachte sie, dass jeder wissen würde, dass sie seinetwegen nicht kommen würde und das wollte er natürlich nicht. Somit hatte er nicht mehr nach gehackt. Sie hatte sich bemüht so zu tun als wolle sie ohnehin nicht hin und dass es nur eine Pflichtveranstaltung sei, denn alles andere wäre für Bob nicht akzeptabel - wer will denn auch Zeit vergeuden, die man mit ihm verbringen kann …

>> Marc, komm! Wink deinem Papa nochmal zu! << bat Mia den Kleinen und er gehorchte brav und wedelte fröhlich mit den Armen.

Mia vermied es in seine Richtung zu sehen. Sie legte eine teilnahmslose Mine an den Tag, um nur bloß nicht zu zeigen, wie sehr sie sich auf das Fest freute. Sie stellte ihre Tasche auf den Beifahrersitz und kontrollierte mit einem letzten Blick, ob Windeln, Feuchttücher, Fläschchen und Schnuller auch darin waren. Zum Glück war alles da und sie konnten los. Sie steckte den Schlüssel in den Zylinder und drehte. So alt und klapprig ihr Auto auch war, es lief perfekt. Der Motor brummte und sie lenkte den Wagen langsam um die grüne Insel in der Mitte zur Ausfahrt hin. Noch immer sah sie im Rückspiegel, dass Bob am Fenster stand und ihnen nachsah. Sie setzte den Blinker und bog nach links auf die Straße hinaus. Danach bog sie aus der Seitenstraße links in die Hauptstraße ab und gab Gas. Sie blickte in den Rückspiegel und fing an zu strahlen - sie war auf dem Weg zur Party! Sie grinste von einer Sekunde auf die nächste über das ganze Gesicht. Mia holte tief Luft - sie hatte gar nicht bemerkt, dass sie sie angehalten hatte und lachte noch mehr über das ganze Gesicht. Wenn das überhaupt noch ging. Wenn sie so weitermachte, würde sie bis am Abend in den Mundwinkeln und den Wangen einen Muskelkater bekommen. Sie griff zum Radio und drehte die Musik so laut wie es mit dem kleinen Marc möglich war. Dann sang sie laut und voller Begeisterung mit. Der kleine Marc machte ein Gesicht als wäre ihm das nicht ganz geheuer, bis Mia ihn über dem Rückspiegel aus vollem Herzen anlachte. Das schien dem Kleinen seine Skepsis zu nehmen und auch er versuchte, was seiner Mutter offensichtlich so viel Freude machte und sang das Lied mit, soweit es eben ging. Der Kleine konnte noch nicht alles sprechen, aber er fand es lustig und Mia gefiel es sowieso. Bestens gelaunt, waren sie schnell am Ziel. Das kleine Gasthaus in dem gefeiert wurde, war schon immer im Besitz einer sehr netten Familie, die sehr bemüht war, jegliche Wünsche zu erfüllen. Aus diesem Grund feierte ihre Familie auch fast alle Feste bei ihnen. Mia parkte fast direkt vor der Tür, da erst sehr wenige da waren. Sie stieg aus, schnallte den kleinen Marc ab und zog ihm seine Jacke über. Es war erst Februar und trotz strahlendem Sonnenschein, ziemlich frisch, was wohl durch den frostigen Wind verursacht wurde. Sie schnappte sich ihre Tasche und den kleinen Marc und kramte noch schnell vor der Tür ihr Geschenk aus der Tasche. Sie hatte für ihre Tante einen Gutschein besorgt, weil sich der vor Bob leicht verstecken ließ. Er konnte nicht verstehen, dass man jemanden etwas schenkte. Für ihn war das Geld sinnlos rausgeschmissen. Mia jedoch mochte ihre Tante sehr gerne und wollte ihr eine Freude machen. Sie öffnete die Eingangstür und lotste Marc hinein. Mia bog den ersten Gang nach rechts ab in den großen Saal. Sie wusste, dass sie dort feiern würden, da ihre Familie sehr groß war und in dem kleineren Partyraum hätten sie niemals Platz gehabt. Kaum an der Tür des Saales gedrückt, schoben sich schon die ersten Gesichter in Mias Blickfeld. Sie strahlten ihr entgegen. Sie öffnete die Tür und bewunderte, wie großartig der Saal geschmückt war. Überall hingen Wimpel- Ketten und Luftschlangen, sowie große Maschen, die überall befestigt waren und auch Fotos von Linn hingen überall. Während sie ihrer Familie winkte ging sie schnellen Schrittes auf ihre Tante Linn zu.

>> Ich wünsche dir von Herzen alles Gute und herzlichen Dank für die Einladung. << wünschte Mia ihr, während sie sie auf beide Wangen küsste.

>> Schön, dass du kommen konntest. Freut mich wirklich, dass ihr zwei heute mit mir feiert. Sucht euch einen schönen Platz aus. << ließ sie Mia wissen und lächelte sie warmherzig an.

Mia begrüßte auch noch Louis, den Lebensgefährten ihrer Tante. Die zwei waren ein tolles Paar. Danach gingen Mia und Marc die Reihen ab und begrüßte ihre Cousinen und deren Familien. Sie wechselte mit allen ein paar Worte und freute sich, sie wieder zu sehen. Marc kannte hier niemanden gut und klammerte sich an Mias Hand. Als sie alle begrüßt hatte, gesellte sie sich zu ihrer Familie. Ihre Eltern und Geschwister hatten bereits Platz genommen und sie setzte sich mit Marc einfach im Anschluss hin. Gleich neben Selena, ihrer jüngsten Schwester. Es war eine tolle Atmosphäre - alle plauderten und lachten ausgelassen. Nach und nach füllte sich der Raum mit den Gästen, die noch eintrafen.

Jeder drehte seine Runde, um mit allen etwas zu plaudern. Als alle Plätze besetzt waren hielt Mias Tante eine kurze Rede. Anschließend bat sie die Musikband aufs Podest und dann wurde ordentlich getanzt. Die Musiker waren sehr einfallsreich und machten Spiele mit den Gästen, so, dass die Laune richtig ausgelassen war.

Der kleine Marc war keine anderen Kinder gewohnt. Er war immer bei seinen Großeltern, wenn Mia arbeiten musste. Dort gab es keine anderen in seinem Alter, deswegen stand er immer neben Mia und beäugte die anderen Kleinen auf der Party, traute sich aber nicht zu ihnen hin. Es war süß. Mia half ein bisschen nach und ging mit Marc zusammen an den Kindertisch und stellte die Kids einander vor. Sie setzte sich etwas dazu und vermittelte ein bisschen. Die Kinder malten und bastelten und warfen sich scheue Blicke zu. Langsam tauten sie auf und kamen sich näher. Marc schnappte sich auch einen Stift und fing an zu malen. Mit seiner Mama fühlte er sich ganz wohl zwischen den anderen. Mia machte auch ein paar Striche, stand dann langsam auf und ging weg. Kurz darauf stand auch Marc auf und wollte ihr folgen. Aber da eines der Kinder seinen Namen rief und ihn anlächelte, setzte er sich doch wieder. Von da an war das Eis gebrochen und er kam nur mehr zwischendurch an den Tisch von Mia, um etwas zu trinken oder als das Essen serviert wurde. Mia freute sich sehr für ihn, endlich konnte er mal mit anderen Kindern ausgelassen spielen. Sie konnte ihm ansehen, wie sehr er es genoss.

Er durfte lärmen und laufen, denn der Saal war groß genug und die Musik übertönte ohnehin alles. Zuhause musste Mia immer dafür sorgen, dass er nur ja nicht zu viel Lärm machte. Toben und Laufen waren undenkbar, wenn Bob in der Nähe war. Es war herrlich, die Stimmung war so toll und alle genossen das Fest in vollen Zügen. Mia blickte immer wieder durch die Runde und wollte so viel wie möglich von der ausgelassenen Stimmung im Kopf behalten, um noch lange davon zehren zu können. So verging Stunde um Stunde und die Zeit rann Mia durch die Finger.

Sie hatte Bob versprochen um etwa acht Uhr zu Hause zu sein. Das musste sie unbedingt einhalten, damit er nicht wieder ausflippte.

Deswegen ließ sie Marc auch wissen >> Bald müssen wir Heim fahren. <<

Dem Kleinen gefiel das gar nicht und er düste auch ganz schnell wieder ab. Mia seufzte, etwas Zeit hatten sie zwar noch, aber dann mussten sie zusammenpacken. Als es so weit war, ließ sich Mia in dem Wissen, dass Bob sie das bereuen lassen würde, von Marc und ihrer Familie erweichen und gab Marc noch eine Stunde Aufschub.

Schnell und ohne dass jemand etwas davon mitbekam, kramte Mia unter dem Tisch in ihrer Tasche und fischte das Handy heraus. Mit flinken Fingern schrieb sie eine SMS an Bob, um ihn hoffentlich zu beruhigen „Bleiben etwas länger, da sich Marc so glänzend mit den anderen Kindern versteht und er sonst nie welche zum Spielen hat. Wir sehen uns eine Stunde später als ausgemacht. Bis dann.“ Schnell drückte sie auf Senden, bevor sie es sich anders überlegen konnte. Sobald die Nachricht rausgegangen war und das Handy wieder in der Tasche verstaut war, machte sich ein ungutes Gefühl in ihrem Magen breit und sie rutschte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her. Leise beschlich sie eine Panik. Sie hatte zwar noch eine Stunde und zwanzig Minuten, bis sie bei Bob sein würde, aber schon jetzt war ihr übel vor Angst von seiner Reaktion. Sie versuchte es so gut wie es eben ging, vor ihren Eltern zu verstecken. Ihre Eltern hatten aber wohl so einen zusätzlichen Sinn und musterten sie genau, was Mia natürlich nicht entging. Mia wappnete sich innerlich, doch zum Glück sagte niemand etwas.

Sie versuchte sich mit allen zu unterhalten und sich locker zu geben, konnte sich aber nicht mehr auf die Gesprächsthemen konzentrieren. Irgendwann hielt Mia es nicht mehr aus und etwa zwanzig Minuten früher als geplant, hielt sie es dann gar nicht mehr aus. Mia schnappte sich das Fläschchen aus ihrer Tasche und das Pulver, das sie zum Einrühren brauchte. Sie bat ihre Mutter darum ein Auge auf Marc zu haben, während sie draußen an die Theke abgekochtes Wasser holen wollte.

Sie wollte gleich ein Fläschchen fertig machen, weil sie damit rechnete, dass Marc beim Heimfahren ziemlich schnell einschlafen würde. Mia ging in Richtung Tür und drückte sie auf, dann schritt sie vorbei an der großen Eingangstür, um auf die andere Seite des Gasthauses zu gelangen. Die nette Ingrid stand hinter der Theke und schenkte gerade einem sehr großen Mann auf der anderen Seite eine Cola ein. Er musste ein Riese sein, da er zwar auf einem der Hocker saß, aber trotzdem den neben ihn Sitzenden, um einen Kopf überragte.

Ingrid lenkte Mias Blick wieder auf sich, indem sie sie fragte, wie sie ihr den helfen könne.

>> Wärst du so lieb, ich brauche ein abgekochtes Wasser biiiiiitte. << umgarnte Mia sie.

>> Klar meine Liebe! Soll ich es auch gleich anschließend abkühlen? << fragte sie Mia.

Mia verneinte, da das Wasser bestimmt die richtige Temperatur haben würde, bis sie alles zusammengepackt hatte und Marc dann im Auto sein würde. Ingrid verschwand durch die Tür hinter der Theke in die Küche und man hörte das Geklapper von Töpfen. Mia vertrieb sich die Wartezeit und guckte durch das Gastzimmer. Sie grüßte einige bekannte Gesichter. Plötzlich war ihr, als würde ihr Nacken prickeln, ungefähr so, als würde man beobachtet werden. Mia drehte den Kopf langsam, um hinter sich zu blicken und die Quelle ausfindig zu machen. Da saß aber nur der große Mann, der auf seine Coke stierte. Da er nicht in ihre Richtung guckte musste Mia sich wohl getäuscht haben. Sie betrachtete den Kerl näher und fand das er wirklich sehr attraktiv war. Er sah irgendwie exotisch aus. Seine Haut war dunkel von der Sonne, seine Haltung wirkte angespannt und er war vielleicht ein paar Jahre älter als sie. Sein Gesicht konnte sie nur von der Seite erkennen. Er hatte pechschwarzes Haar, das ihm in Strähnen ins Gesicht fiel. Sein legeres Shirt mit der Aufschrift der Band „Sonata Arctica“, spannte leicht an seinen muskulösen Armen. Sie kannte sonst keinen, der Sonata Arctica mochte, außer ihr selbst.

Sein Hintern sah sehr verlockend aus auf dem Barhocker.

Mia kicherte innerlich. Lecker. Mia hatte sich schon lange nicht mehr für Männer interessiert und das lag vermutlich an dem Prachtexemplar, das sie zu Hause durchfütterte. Sie stand schon immer auf große Männer, obwohl, oder vielleicht gerade, weil sie selbst nur einen Meter und siebenundfünfzig Zentimeter groß war. Gerade ließ sie ihren Blick wieder intensiv über diesen Körper gleiten, er musste riesig sein. Sie war noch nie der Typ gewesen, der seinen Partner hinterging- das kam für sie nicht in Frage. Aber gucken durfte man ja… In dem Moment drehte der unbekannte Riese seinen Kopf und blickte Mia direkt in die Augen. Sein Blick schien sie zu verbrennen. Er hatte wahnsinnig dunkle Augen. Das Licht musste ihr einen Streich spielen, denn von hier sah es aus, als wären sie schwarz und irisierend. Als würden sich ein dunkles Grau und das Schwarz in Wellen immer wieder von Neuem mischen. Dunkler als die dunkelste Nacht. Mia zuckte vor Schreck kurz zusammen, bevor sie sich wieder fangen konnte. Unheimlich und anziehend zugleich. Ihr Herz klopfte bis zum Hals. Sie hatte Ihn noch nie in der Gegend gesehen und hier kannte eigentlich jeder jeden. Er musste neu in der Gegend sein.

Obwohl, was wusste sie schon? Sie war seit Jahren nicht mehr ausgegangen. Das Einzige waren Familienfeiern.

Wie traurig war das denn bitte? Peinlich berührt, weil sie ertappt worden war, sah sie auf ihre Füße und hoffte, dass Ingrid sich mit ihrem Wasser beeilen möge. In dem Moment kam Ingrid durch die Tür und stellte das mitgenommene Fläschchen vor Mia ab und mit einem Zwinkern meinte sie noch >> Vorsicht heiß! <<.

Verwirrt schüttelte Mia den Kopf, da sie nicht genau wusste, ob Ingrid nun das Fläschchen oder den Typen gemeint hatte, bedankte sich und warf noch einen letzten Blick auf den Kerl an der Theke. Dieser starrte wieder auf seine Cola und Mia war sich nicht sicher, ob sie sich das vielleicht alles nur eingebildet hatte. Sie drehte sich um und ging zurück in den großen Saal. Sie zog Marc seine Jacke an und schnappte sich ihre Tasche. Sie umarmte ihre Eltern und Geschwister und verabschiedete sich von Linn. Marc ließ sich anstandslos mitnehmen, da er jetzt schon ziemlich müde war. Mia setzte den Kleinen dann ins Auto und gab ihm das Fläschchen in seine Hand. Er fing auch gleich gierig an zu trinken, während ihm bereits die Augen zufielen. Auch Mia fühlte sich schon müde. Sie startete den Wagen und fuhr nach Hause. Ihr Herz klopfte schon sehr laut und eine schlimme Vorahnung beschlich sie. Ihr Bauchgefühl irrte sich eigentlich nie, aber sie hoffte es trotzdem. Mia bog kurze Zeit später schon in die gewundene Auffahrt zu ihrer Wohnung ein. Sie stellte den Wagen ab, hob Marc aus seinem Kindersitz und ging den rund - angelegten Weg zur Eingangstür hinauf. Oben angekommen, griff sie nach der äußeren Eingangstür. In diesem Moment wurde sie bereits von der anderen Seite aufgerissen. Mia schaute erschrocken von der anvisierten Klinke auf und blickte in Bobs Augen. In Bobs sehr sehr wütenden Augen.

3

Sein Gesicht war furchtbar und zu einer wutentbrannten Fratze verzerrt. Mia musste Schlucken. Hatte ihre letzte Stunde geschlagen? Sein Mund war zu einem fürchterlichen Grinsen verzogen, da er lautlos durch seine zusammengebissenen Zähne knurrte, ganz so als hätte Mia ihn wieder einmal auf die Palme gebracht. Mia rutschte ihr Herz in die Hose und sie blickte sich hilfesuchend um. Niemand war da. Der einzige Nachbar arbeitete nur Nachtschicht und hatte die Angewohnheit. vor dem Arbeiten, mit Freunden noch was trinken zu gehen. Außerdem hielt er sich prinzipiell aus allem raus.

Und die Vermieter wohnten im großem Haupthaus. Das Haupthaus war durch einen großzügig geschnittenen Hof, der durch Mauern eingefasst war, von ihrer Wohnung entfernt. Es würde auch niemand kommen.

Marc regte sich in ihren armen und Mia bewegte sich langsam zur Tür hin.

>> Ich bringe Marc schnell ins Bett. << ließ sie Bob wissen.

Er verdrehte die Augen und wich angeekelt und widerwillig einen kleinen Schritt zur Seite. Mia quetschte sich am Türrahmen entlang vorbei und durchquerte schnell die Küche. Sie stieg die Stufe hinunter und wendete sich nach links wo das Kinderbett stand. Sie legte Marc sachte hinein und zog ihm die Decke über den Körper. Sie legte ihm noch die Windel an die Seite und den Schnuller.

>> Ich habe nicht ewig Zeit! << kam es aus der Küche. Mia seufzte.

Sie gab Marc einen mit Liebe gefüllten Kuss auf seine kleine Stirn und richtete sich auf, um in die Küche zu gehen. Sie holte tief Luft und wappnete sich für das, was kommen würde. Ihre Gedanken rasten. Was sollte sie bloß tun? Wie konnte sie ihn besänftigen.

Mia stieg die Stufe hinauf und zog vorsichtshalber die Tür hinter sich zu. Sie drehte sich um und… Ihre Wange explodierte im feurigen Schmerz. Es pochte und brannte wie verrückt. Sie schüttelte benommen den Kopf, um wieder klar zu sehen.

>> Bob << flehte sie.

>> Bob, ich bin doch nicht mal die ganze Stunde mehr geblieben! <<

Schon wieder raste eine Hand auf sie zu, der sie gerade noch ausweichen konnte. Das war aber niemals eine gute Idee, da es ihn nur noch wütender machte.

>> Bist du verrückt? << fragte Bob.

>> Ausgemacht ist ausgemacht, das ist nicht okay, dass du dann später kommst. Ich warte hier ganz umsonst. Bestimmt war ein anderer Kerl schuld, du kleines Flittchen! << brummte er durch zusammengebissene Zähne.

Mia wich wieder einem Haken aus. Langsam kam er in Rage.

>> Glaubst du, irgendwer außer mir wird dich wollen?

Ganz sicher nicht! Schau dich doch mal an! Schon wieder waren alle anderen wichtiger als ich und dabei bin ich der Einzige, der für dich da ist! << brüllte er.

Oh Gott, hat er recht? War es ihre Schuld? Mia zerriss es innerlich und Schuldgefühle drängten sich an die Oberfläche. Halt das ist doch gar nicht wahr! Wieder manipulierte er sie. Immer drehte er alles so, wie er es brauchte und lies sie als die Schuldige dastehen. Immer wieder brachte er sie dazu, darüber nachzudenken, ob er recht haben könnte. Eigentlich wusste sie, dass er im Unrecht war, aber er war so geschickt im Ausredenfinden und im Verdrehen der Wahrheit. Wenn Bob mit seinen Erklärungen fertig war, dann wusste man nicht mehr. wo oben und wo unten war. Mia brannten die Treffer am ganzen Körper, die er bis jetzt erlangen konnte. Sie zitterte am ganzen Körper.

>> Also echt, wie kannst du nur immer wieder so sein zu mir - du bist an allem schuld! Glaubst du, ich will das tun? NEIN - Du bringst mich dazu! << schrie er und Mia konnte nicht mehr rechtzeitig unter seiner Faust wegtauchen.

Er packte sie grob am Hals und klatschte sie mit dem Rücken gegen die Vitrine. Im Inneren der Vitrine klirrten die Gläser und Teller bedrohlich. Er drückte verdammt fest zu und Mia hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Er stellte ihr fragen, aber sie war unfähig zu antworten, da sie nicht genug Luft bekam. Ihr Kopf dröhnte von dem Zusammenstoß mit dem Glas hinter ihr. Er brüllte sie weiter an und sein Gesicht kam immer näher. Mia flehte ihn mit den Augen an, doch bitte endlich los zu lassen. Es war ihm schier egal. Er kam so nah, dass sich ihre Nasen fast berührten und schrie ihr wieder gegen ihr Gesicht. Seinen stinkenden Atem blies er direkt in ihren Mund. Mia wurde schlecht und langsam ging ihr auch der Sauerstoff aus. Vielleicht sollte sie es einfach geschehen lassen… Dann wäre es überstanden und er könnte ihr nie wieder etwas antun.

Mit der freien Hand boxte er sie in die Seite und verlangte Antworten, die ihm Mia nicht geben konnte.

Mia verlies langsam der Lebenswille. Bob wurde immer wütender. Er schnappte sich das Glas, das neben ihm am Tisch stand und knallte es Mia an die Stirn. Wieder explodierte ein unglaublicher Schmerz in ihrem Kopf. Das Glas fiel zu Boden und zerschellte dort. Jetzt bekam Mia Panik, ihre Lungen brannten bereits und nun lagen auch noch jede Menge Scherben am Boden. Hoffentlich kam er nicht auf die Idee, eine davon zu benutzen, denn dann hätte sie wirklich keine Chance mehr. Wie konnte es so weit kommen? Sie hatte ihn geliebt. Er war zuvorkommend und charmant gewesen. Er hatte sich um sie gekümmert und war liebevoll gewesen. Er hatte mit Mia verschiedene Ausflüge unternommen. Erst später hatte er angefangen mit plötzlicher Eifersucht ohne je einen Grund gehabt zu haben. Ihre Augen brannten und langsam fingen Tränen an über ihre Wangen zu kullern.

Zuerst nur ganz wenige, aber mit der Aussichtlosigkeit der Situation, wurden es immer mehr. Er drückte immer fester zu und schnappte sich einen kleinen Heizlüfter, der neben der Vitrine abgestellt war. Er zog auf und wollte ihn ihr gegen den Kopf donnern, aber hatte ihn nicht richtig zu fassen bekommen und so rutschte ihm das Ding aus der Hand. Er schlug noch einmal danach und Mia bekam es mit voller Wucht in die Seite. Wieder explodierte der Schmerz und nahm ihr die wenige Luft, die sie noch hatte. Noch mehr Tränen schossen ihr in die Augen und ein unaufhörlicher Fluss rann ihr über die Wangen und durchnässte ihr Shirt und seinen Ärmel, was ihn nur noch mehr ärgerte. Unaufhörlich brüllte er ihr entgegen wie unfähig sie sei und dass niemand sie sonst wolle. Die Worte schmerzten fast noch mehr als das Körperliche. Sie drangen tief in ihre Seele und brannten wie ein Feuer darin. Heute wollte er einfach kein Ende finden. Viel Zeit war seit seinem letzten Black-out vergangen und es war, als hätte er den Hass und die Wut zusammengesammelt. Sie hatte sich die ganze Zeit über bemüht, alles so zu machen, wie er es gewollt hatte. Sie war in der Früh eine halbe Stunde zur Arbeit gefahren und zu Mittag wieder heim, um flink zu kochen und war ohne Mittagessen, wieder in die Arbeit gefahren, weil sich das nicht ausgegangen wäre. Nur, damit er seine Mahlzeit hatte und dabei war er nie da gewesen, sondern war erst gekommen, wenn sie wieder weg war. Aber er hatte darauf bestanden und um Frieden zu haben, hatte sie es gemacht. Das und vieles mehr. Sie hatte schon vor langer Zeit ihr Leben auf ihn ausgerichtet und daher ihres komplett zurückgestellt. Sie existierte eigentlich gar nicht mehr. Als Dank wurde es immer schlimmer. Er zog sie mit seinem Schraubstockgriff um ihren Hals vom Schrank weg und klatschte sie wieder dagegen. Mia wurde die restliche Luft aus den Lungen gepresst und Sterne explodierten in ihrem Kopf. Urplötzlich ließ er sie los. Mia saugte gierig Luft in ihre Lungen. Ihr Hals brannte wie Feuer, aber sie konnte nicht aufhören immer mehr Sauerstoff in ihre Lungen zu pumpen, während sie kraftlos an der Vitrine nach unten rutschte. Bob schnappte sich noch ein paar Teller vom Tisch und ließ sie wahllos durch die Küche fliegen. Sie schlugen nach und nach rundherum ein. Mia war das egal. Hauptsache sie war nicht das Ziel. Bob sah sie voller Abscheu an. Er bückte sich und griff, wie in Zeitlupe, nach dem unteren Teil des Glases, während er Mia hämisch ins Gesicht grinste. Gefährlich standen Zacken davon ab, da der halbe Teil zersplittert daneben lag. Mia hatte keine Kraft mehr. Plötzlich bewegte sich die Tür. Auch Bob musste es gesehen haben, denn er drehte seinen Kopf in diese Richtung. Panik und Verzweiflung verschaffte Mia einen Energieschub und sie griff nach dem Glas in Bobs Hand und riss es ihm aus den Fingern. Überrascht schaute er sie an. Die Tür öffnete sich und Marc stand verschlafen im Rahmen. Er blickte sie an und Mia versuchte ihn anzulächeln, um ihm zu vermitteln, dass alles in Ordnung sei. Innerlich betete sie, er möge wieder in sein Zimmer gehen.

>> Bitte… << flehte er in jammernden Ton.

>> … tu der Mama nicht weh! <<

Mia zerbrach das Herz. Es zersprang förmlich in tausend Scherben und würde wohl nie wieder ganz heilen werden. Bob sah sie wütend an, denn er mochte es überhaupt nicht, wenn er als der „Böse“ hingestellt wurde.

>> Bring ihn ins Wohnzimmer, sonst weiß ich nicht, was ich mache!! << presste Bob zwischen den Zähnen hervor.

Mia sprang auf, der Schreck ließ ihren Körper den Schmerz vergessen. Die Angst um Marc tat ihr übriges.

Sie schnappte sich Mark und drückte ihn fest an sich.

Ihr Herz klopfte wie wild. Vorsichtig prüfte sie, ob ihre Füße sie auch sicher tragen würden. Sachte setzte sie Fuß vor Fuß. Immer wieder strich sie Marc beruhigend über seine Haare und flüsterte ihm beruhigende Worte in sein kleines Ohr. Im Wohnzimmer setzte sie ihn neben der Spielzeugkiste ab und legte ihm sein Lieblingsspielzeug vor die Füße.

>> Bleib schön hier Schatz, ich komme gleich wieder. << ließ sie ihn wissen, während sie ihm erneut über die Haare strich und ihm tief in seine fragenden Augen sah. Sie drückte ihm einen Kuss auf die Stirn und drehte sich um. Sie musste ihren Sohn beschützen. Sie konnte Bob körperlich nicht besiegen. Also blieb nur eine Möglichkeit. Sie musste ihn beruhigen und versuchen seine Laune wieder von „Hulk“ auf „Schmusekätzchen“ herunterzufahren. Sie musste sich voll ins Zeug legen… denn das Leben des kleinen Marc hing davon ab! Sie wollte sich gar nicht ausmalen, was auch nur ein Schlag von Bob, mit dem kleinen Marc anstellen könnte. Die zarten Knochen würden brechen und… Mia schüttelte den Kopf, um die grauenvollen Gedanken zu vertreiben. Schrecklich, einfach nur schrecklich. Sie wischte sich eine Träne weg, die sich nicht zurückhalten ließ.

4

Langsam drehte sie sich in Richtung Küche und ging durch das Kinderzimmer die Stufen zur Küche. Bob atmete schwer.

Bist du außer Atem? - Selber schuld, du Arsch!

In Mias Kopf überschlugen sich die Gedanken. Sie musterte Bob genau. Sie blickte ihm nicht direkt in die Augen, das wäre wie bei einem Hund, man durfte ihn nicht direkt reizen. Er sah aus, als hätte er sich etwas beruhigt. Das war gut, sehr gut! Sie nutzte ihre Chance und redete beruhigend auf ihn ein.

>> Es tut mir leid, natürlich hast du recht, ich hätte das nicht tun sollen und es wird nie wieder vorkommen. << flüsterte sie ihm zu, während sie ihm vorsichtig die Hände auf die Hüften legte.

Widerwillig tat sie so, als würde sie ihn gerne umarmen und rutschte mit den Händen nach hinten, bis sie an ihm lehnte. Er stand etwas steif da, als merkte er, dass sie sich dazu durchringen musste. Die Situation war sehr heikel, da die Stimmung von Bob jederzeit wieder kippen konnte. Bei ihm traf es zu, dass im Sternzeichen Zwilling Geborene, zwei Seiten hatten. Bei ihm waren es zwei komplett gegensätzliche Seiten. Voller Ekel fuhr sie mit ihren Händen an seinem Rücken auf und ab. Sie wandte sich innerlich, aber sie musste zumindest für heute den Schein waren. Morgen wäre ein neuer Tag und sie hatte bereits einen Plan. Sie küsste ihn flüchtig und hoffte, er würde es für Zurückhaltung aufgrund des Streits halten.

Sie hielt die Luft an und bangte, ob er darauf einsteigen würde. Mia hielt ihre Augen geschlossen, denn sie konnte ihn dabei nicht anschauen. Sie würde sich übergeben müssen, wenn sie ihn dabei in die Augen sehen müsste. Langsam kam Bewegung in ihn und er erwiderte den Kuss. Der Kuss schmeckte für Mia bitter.

Sie fühlte sich furchtbar, das war nicht sie - sie beugte sich zwar immer den Wünschen von Bob, aber bevor sie etwas tat oder sagte, dass eine Lüge war, ließ sie es lieber sein. Er vertiefte den Kuss und Mia musste sich beherrschen, dass sie nicht würgen musste. In ihrem Inneren war es, als würde jemand mit einem Kochlöffel darin umrühren. Ihr war so flau. Hoffentlich war es bald vorbei. Für ihn war es wohl die großartige Versöhnung nach einem Streit, doch für Mia bedeutete es nichts.

Zumindest war es wohl vorüber, der Zorn war vorerst verraucht und die Gefahr war gebannt. Die Erleichterung ließ Mia seufzen. Bob musste wohl denken, dass sie wegen ihm seufzte, da er den Kuss unterbrach und zufrieden grinste. Er sah sich um und es wirkte als wäre er selbst überrascht über das Chaos in der Küche und die vielen Scherben.

>> Ich räume das gleich auf, ich leg nur noch schnell Marc schlafen. << beeilte sie sich zu sagen und Bob nickte mit einer hochgezogenen Augenbraue.

So wollte er wohl andeuten, dass es das Mindeste sein würde. Mia schnappte sich einen Besen und schob alles aus dem Weg. Nicht, dass noch jemand in die Scherben reinsteigen würde. Sie ließ aber den Besen dann neben den Scherben stehen und rührte ein neues Fläschchen für Marc ab. Sie prüfte noch einmal die Temperatur und ging dann ins Wohnzimmer. Marc spielte zwar noch mit seinem Lieblingsauto, aber er gähnte schon sehr herzhaft.

Mia hob ihn auf ihren Schoß und setzte sich auf die Couch. Sie legte ihn in ihren Arm und steckte ihm das Fläschchen in den Mund. Er fing an zu trinken und seine Augen fielen bereits zu. Marc kämpfte noch etwas gegen die Müdigkeit an, aber verlor nach kurzer Zeit und schlief fest ein. Mia stellte die Flasche neben sich ab und brachte Marc in sein Bett. Sie deckte ihn liebevoll zu und küsste ihn auf die Stirn. Sie holte sich noch das Fläschchen aus dem Wohnzimmer, das gleichzeitig auch ihr Schlafzimmer war und lies ihren rabenschwarzen Kater Zeus, durch das Fenster herein. Zeus kam und ging, wie er es wollte, da normalerweise immer ein Fenster für ihn offenstand. Sie mussten hier keine Angst haben, da das Fenster im ersten Stock war und die Gegend sowieso sicher. In der Nacht wurde die Couch ausgeklappt und bot genügend Platz zum Schlafen. Die Wohnung war etwas klein und so war das die beste Lösung, denn eine größere Wohnung konnte sich Mia nicht leisten. Sie ging in die Küche und fing an die großen Scherben zusammenzufegen. Die Scherben brachte sie vorsorglich gleich raus in die große Mülltonne. Man wusste ja nie… Dann schnappte sie sich den Sauger, um auch die kleinsten Splitter zu erwischen, es wäre schlimm, wenn der kleine Marc sich eine in die Sohle treten würde. Sie blickte in Richtung Wohnzimmer und sah, dass Bob es sich bereits auf der von ihm ausgezogenen Couch bequem gemacht hatte. Dann blickte sie sich in der Küche um. Er hatte wieder ganze Arbeit geleistet. In der Küche sah es aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Sie hatte für ihn gekocht und er hatte es nicht einmal geschafft, sein Geschirr in die Spüle zu stellen. Sie brachte Geschirr und Gläser zur Spüle und fing an alles zu waschen. Anschließend trocknete sie alles ab und räumte die Sachen in den Schrank. Mit einem Lappen wischte sie noch alle Oberflächen ab und trocknete anschließend alles noch ab. Sie ging ins Badezimmer, das durch eine Tür in der Küche zu erreichen war. Sie seufzte, der Berg Wäsche sollte auch noch erledigt werden. Mia beugte sich hinunter und schloss die Augen. Ihr Kopf pochte und ihre Rippen brannten. Sie fuhr sich mit den Händen über den Körper, um zu prüfen, ob sie etwas spürte. Soweit sie feststellen konnte war wohl zum Glück nichts gebrochen. Vermutlich hatte sie sich bloß Prellungen zugezogen.

War nicht das erste Mal. Sie blickte wieder auf die Wäsche hinunter und ging vorsichtig in die Knie, anstatt sich hinab zu beugen. Sie sortierte die Wäsche auseinander und legte die roten Teile auf die Seite, die mussten warten. Alle anderen Teile stopfte sie in die Waschmaschine und klappte die Tür zu. Sie startete ihr Lieblingsprogramm, das in ungefähr einer Stunde fertig sein würde. Sie brachte noch die Toilette und das Waschbecken in Ordnung und drehte sich der Dusche zu. Eigentlich liebte sie es zu Baden, aber in dem kleinen Bad gab es nur eine Dusche. Die Dusche hatte eine etwas tiefere Wanne, in der sie zumindest Marc das Baden immer ermöglichen konnte. Mia überlegte und kam zu dem Schluss, dass sie, wenn sie die Knie anziehen würde, sicher auch Platz hätte. Mia überlegte und beugte sich aus dem Bad, um zu sehen was Bob machte. Bob schlief bereits und der Fernseher lief. Mia seufzte erleichtert auf. Sie könnte es wagen. Sie steckte den Stoppel in den Abfluss und schaltete das Wasser ein. Sie kippte etwas von ihrem Duschgel in das Wasser und es begann zu schäumen. Der Duft von Beeren breitete sich aus. Sie liebte fruchtige Seifen und Shampoos. Auf leisen Sohlen schlich Mia ins Kinderzimmer, wo sie im Kasten von Marc auch ihre Wäsche untergebracht hatte, da Bob den Kasten im Wohnzimmer zur Gänze für sich beanspruchte. Sie schnappte sich Unterwäsche, ein Trägertop und eine Short und zuckte zusammen als der Kasten beim Schließen ächzte. Sie hielt den Atem an, aber zum Glück reagierte Bob nicht. Sie schlich zurück und zog sich unter Schmerzen ihre Wäsche aus. Zum Glück hing der Spiegel sehr hoch und sie vermied den Blick nach unten. Vorsichtig stieg sie in das heiße Wasser und schloss genüsslich die Augen. Die Dusche war nur an der Vorderseite offen und durch einen Vorhang konnte man für Privatsphäre sorgen. Die drei anderen Seiten waren geflieste Mauer. Sie ließ ihren Rücken an der hinteren Mauer langsam hinuntersinken. Als sich ihre Knie anwinkelten brannte es in ihrer Seite durch die Anspannung, aber als sie endlich am Boden saß, ließ sie erleichtert ihren Kopf gegen die Fliesen sinken. Sie sog den Duft gierig ein und ganz langsam konnte sie sich entspannen. Sie schloss die Augen und döste weg. Die ganze Aufregung forderte ihren Tribut. Ihre Gedanken gingen auf die Reise……

Sie erinnerte sich daran zurück, wie Bob die ersten paar Male so richtig am Rad gedreht hatte. Am Anfang war alles großartig gewesen. Am Beginn hatte sie ihn angebetet. Sie war so stolz gewesen, seine Freundin zu sein. Mittlerweile waren sie seit vier Jahren zusammen - Naja mehr oder weniger, denn sie waren immer wieder zwischendurch getrennt gewesen. Das erste Jahr war schön. Bob hatte mit ihr Ausflüge gemacht und abends fuhren sie auf dem Moped in Discos und hatten Spaß.

Dann fing er langsam an eifersüchtig zu werden. Es fing klein an. Erst sollte sie keine Kleidung mehr tragen mit Ausschnitt oder etwa kurze Röcke. Danach zweifelte er an ihrer Treue. Er wollte stets wissen, wo sie zu finden war und wann. Anfangs fand Mia das noch süß und schmeichelhaft und es gefiel ihr, wie sehr er an ihr hing und dass er sie nicht teilen wollte. Das erste Mal kam ihr Zweifel kurz nach ihrem siebzehnten Geburtstag. An ihrem Geburtstag überraschte er sie romantisch mit Verlobungsringen als Geburtstagsgeschenk. Sie fand das großartig, welches Mädchen wollte nicht mit einem Heiratsantrag überrascht werden. Doch zwei Tage später fing der Ärger an. Er brachte sie zwar noch zum Bahnhof, da sie nach Wien in die Berufsschule aufbrach, doch da wirkte er schon gestresst und irgendwie wütend. Mia konnte nicht recht verstehen warum. Mia dachte erst er wolle ihr einfach mit seinem Unmut zeigen, wie ungern er ohne sie war. Angekommen im Internat, rief sie sofort bei Bob an. Doch dieser war bereits am Durchdrehen. Er warf ihr sofort Männerbekanntschaften vor. Er konnte sich nicht vorstellen, weswegen sie sich so spät melden würde, dabei hatte sie sich so beeilt. Sie war vom Zug durch die Gassen zur U- Bahn gehastet und dann von der U- Bahn zum Internat gerannt, weswegen sie auch völlig aus der Puste gewesen war. Ihre Freunde und Schulkollegen hatten nur den Kopf geschüttelt. Er war stinkwütend und machte ihr die Hölle heiß. Mia gab klein bei. Ein Fehler, wie sie jetzt wusste. Damals war sie nur verzweifelt gewesen. Er hatte gleich am Telefon die Verlobung wieder gelöst. So ging das die kompletten zehn Wochen der Berufsschulzeit. Am Wochenende zu Hause war alles in bester Ordnung. Kaum war Mia wieder in Wien, brach die Hölle los. Sie musste öfter anrufen, um ihn zu erreichen. Es folgten Unterstellungen und er schrie sowieso hauptsächlich in das Telefon. Zu Hause gingen sie auch nicht mehr aus und blieben immer nur im Zimmer. Danach war nichts mehr wie vorher.

Bob hatte Mia in der Hand, irgendwie hatte er es geschafft sie zu lenken. Ihre Freundinnen meldeten sich nicht mehr, denn niemand hatte Lust auf Bob. Selbst die Familie verbrachte eher nur Zeit mit Mia, wenn Bob mal nicht da war. Wenn sie doch damals schon gewusst hätte…

Mia öffnete langsam die Augen. Es fröstelte sie, scheinbar war sie ganz schön lange im Wasser gewesen. Oder war das der Nachhall dessen, was passiert war? Sie krabbelte umständlich aus dem Becken und trocknete sich vorsichtig ab. Sie zog sich an und putzte sich die Zähne.

Wieder in der Küche, trat sie ans Fenster und betrachtete gedankenverloren den Mond…

Mia riss sich irgendwann von dem Anblick des Himmels los und blickte auf die Uhr, die über dem Küchentisch angebracht war. Ihre Augen weiteten sich, so spät schon.

Zeus strich mit seinem langen seidenweichen Fell um ihre Beine und miaute sie erwartungsvoll an. Sie schnappte ihn sich und setzte ihn zu seinem Futternapf, den sie auch gleich füllte. Zufrieden schnurrend verschlang er seine Mahlzeit. Morgen war Montag und sie musste arbeiten. Sie sollte schleunigst sehen, dass sie ins Bett kam. Es würde sowieso schon schwer genug sein, ihre Male zu überschminken und dazu war der Valentinstag schon in ein paar Tagen. Sie arbeitete als Floristin und da war jetzt einiges zu tun. Zu dieser Zeit wurde früher angefangen und später aufgehört, da Vieles vorzubereiten war. Vor und nach dem Öffne wurden Sträuße vorgerichtet und Gestecke gemacht, damit immer genug da war. Es war sehr anstrengend, aber Mia liebte es, wenn man sich im Geschäft beinahe nicht bewegen konnte, weil so viele Kunden sich darin tummelten. Außerdem hatte sie morgen noch etwas Besonderes vor. Sie hatte die Schlösser, die Bob bei seinem Einzug ausgetauscht hatte, aufbewahrt. Er wollte damals nicht, dass die Vermieter in die Wohnung konnten, da sie einen Schlüssel besaßen. Keine Ahnung, warum Bob das so gestört hatte, es war ja nicht so dass wir irgendwas besaßen, das wichtig genug zum Klauen gewesen wäre. Mia wollte sich aber gerade jetzt nicht darüber beschweren, da es ihr jetzt nur zu gut in den Kram passte. Das Schloss mit allen Schlüsseln lag in einer Lade. Mia starrte die Lade an und sah vor ihrem inneren Auge schon, wie sie es machen konnte. Sie hatte Bob damals den Schraubenzieher und das Schloss halten müssen und daher wusste sie jetzt genau, was zu tun war.

Zufrieden mit ihrem Plan steckte sie noch schnell ihr Telefon an die Ladestation und kontrollierte den Wecker für Morgen.

Sie schaute noch einmal nach Marc und legte sich dann schlafen. Erstaunlich, wie schnell sie ins Land der Träume rutschte.

5

Viel zu früh wurde sie von dem lauten Piep aus dem Schlaf gerissen. Mia blickte sich um und sah, dass Bob bereits in der Küche war und es roch nach Kaffee. Soweit sie es von da aus sehen konnte, hatte er es geschafft, am Tisch bereits wieder ordentlich für Chaos zu sorgen. Sie krabbelte aus dem Bett und sammelte seine Klamotten auf, die er neben dem Bett hatte liegen lassen. Im Vorbeigehen zog sie bei Marc schon mal die Vorhänge auf. Meistens dauerte es dann nicht mehr lange bis er wach wurde. Sie ging weiter und ließ die Wäsche in den Korb im Bad fallen. Noch vermied sie es, in den Spiegel zu sehen.

>> Tschüss! << sagte Bob, während er sich gerade seine Schuhe zuband.

Mia wagte nicht zu fragen, wohin er den eigentlich fahren wollte, und wenn sie ehrlich war, wollte sie es auch nicht wissen. Es passte ihr einfach perfekt in den Plan. Er drehte sich zu ihr um und gab ihr einen kurzen Kuss auf die Lippen.

>> Tschüss. << gab Mia angeekelt zurück und ihr Herz fing an zu rasen. Sie nahm das Geschirr vom Tisch und brachte es zur Spüle, während sie Bob aus den Augenwinkeln im Blick behielt. Er schnappte sich seine Jacke und die Geldbörse.

>> Ach so, ich habe mir von dir fünfzig Euro geborgt – Danke. << meinte er, während er bereits die Tür öffnete. Er zwinkerte Mia noch verschwörerisch zu und dann war er auch schon weg.

Ausgeborgt… Pfffft ja sicher. Als ob dieser Idiot vorhätte, das je wieder zurückzugeben.

Mia trat an das Fenster und guckte versteckt hinter dem Vorhang hinaus. Gerade stieg er in sein Auto ein. Etwas Geduld noch… nicht auszudenken, wenn er noch etwas vergessen hätte und sie dann dabei erwischte! Er fuhr los. Mia klopfte das Herz, als würde sie gerade einen Marathon laufen.

Komm fahr… Gib Gas… Weg mit dir…

Mia gab ihm im Gedanken noch einen Schubs. Nach einer gefühlten Ewigkeit rollte er endlich Richtung Ausfahrt. Ein paar Meter noch und er wäre weg. Mia guckte ihm nach und stumm verabschiedete sie sich von ihm.

Auf nimmer Wiedersehen!

Mia blieb noch fünf Minuten am Fenster stehen, um sicher zu gehen, dass er nicht zurückkommen würde. Sie blickte auf die Uhr und kam in die Gänge. Sie öffnete die Lade und nahm das Schloss heraus. Sie Probierte zur Sicherheit nochmal die Schlüssel - Sie passten perfekt! Schnell schnappte sie sich den Schraubenzieher aus dem unteren Schrank und machte sich an die Arbeit. Sie drehte die Schraube heraus und entfernte das Zylinderschloss. Sie war so stolz auf sich.

Schnell das alte hinein und festschrauben. Fertig.

Unbändige Freude machte sich in ihr breit. Sie betrachtete ihr Werk und war sichtlich erleichtert. Das war der erste Schritt. Das war der einfachste Schritt. Sie legte den Zylinder von Bob, draußen neben die Tür am Boden ab und gleich ihren Schlüssel dazu. Wieder ein Blick auf die Uhr - Oh, jetzt musste sie Gas geben, denn gleich würde ihre Mutter da sein, um Marc abzuholen. Sie lief ins Bad und duschte, putzte sich die Zähne und zog sich in weniger als fünfzehn Minuten an.

>> Das war Rekordverdächtig! << kicherte sie.

Erst beim Auflegen ihrer Schminke verging ihr das Lachen. Es tat höllisch weh. Sie musste die Stellen erst mit weißem Kajal abdecken, damit man nach dem Make -up nichts mehr sah. Bestimmt hatte sie noch nie so eine dicke Schicht aufgelegt. Sie sah sich noch einmal gründlich im Spiegel an und war zufrieden, denn wer nicht wusste was sich drunter befand, würde nichts sehen. Sicherheitshalber packte sie sich die Tube ein, es würde heute stressig werden und für den Notfall konnte das nie schaden. Als sie ihre Schuhe zuband kam auch schon ihre Mama durch die Tür.

>> Guten Morgen! <<

>> Guten Morgen! Hallo! <<

>> Ist irgendwas? << wollte ihre Mutter wissen und musterte Mia genau.

>> Mama, bitte setz dich kurz. << bat Mia sie.

Ihre Mutter gehorchte und Mia setzte sich dazu. Mia wusste nicht so recht, wie oder wo sie anfangen sollte. Hm, das hatte sie sich etwas leichter vorgestellt. Sie stand wieder auf, da sie einfach zu aufgewühlt war, um ruhig zu sitzen. Die ganze Zeit ließ ihre Mutter sie nicht aus den Augen. Mia sah sie an, lächelte, sah entsetzt aus und lächelte wieder. In ihrem Kopf rumorte es.

>> Ist es endlich vorbei? << wollte ihre Mutter von ihr wissen.

Mia blickte ihre Mutter an, sie war ihr so dankbar.

>> Ja. <<

>> Das ist doch super. Ich freue mich so und Papa wird auch begeistert sein. << strahlte sie Mia an.

Mia strahlte ihre Mutter an, doch dann sanken ihre Mundwinkel nach unten.

>> Mama, ähm ja, das ist super und ich bin froh, aber noch weiß er es nicht! Außerdem wird das jetzt vor allem gefährlich. << schloss sie und sah ihre Mutter an. Bestimmt wäre diese enttäuscht, dass Mia ihnen das antat. Doch ganz im Gegenteil. Ihre Mutter war noch immer begeistert. Sie redete auf Mia ein, jetzt nur ja nicht nachzugeben. Und sie beruhigte sie, dass sie das alles gemeinsam schaffen würden. Mia liebte ihre Mutter in dem Moment noch mehr als sonst.

>> Erst wenn du und Marc bei euch zu Hause seid werde ich Bob die SMS schicken, dass er nicht mehr in die Wohnung kann. Dann wird es losgehen. Bitte passt gut auf! << warnte Mia ihre Mutter.

Ihre Mutter versprach es ihr fest.

Ihre Mutter blieb noch bis Marc aufwachte und würde sich bei ihr melden, sobald sie mit Marc weg sei. Dann konnte Mia Bob die Nachricht schicken. Damit war Mia mehr als zufrieden. Sie würde dann noch etwas warten, um sicherzugehen, dass die beiden auch zu Hause angekommen waren und dann würde sie Bob abservieren. FÜR IMMER!

Mia verabschiedete sich, drückte ihrer Mama noch den passenden Schlüssel in die Hand und marschierte dann zum ersten Mal, seit langer Zeit, beschwingt den Weg zum Auto hinunter. Die Strecke, für die sie normalerweise eine halbe Stunde brauchte, hatte sie heute um fünf Minuten abgekürzt. Sie war aufgekratzt. Im Auto hatte sie die Musik so laut aufgedreht, dass die Boxen schon vibrierten - vermutlich würden die das nicht ewig aushalten. Aber das war Mia heute egal. Schon sah sie das große Schild der Firma. Sie parkte am anderen Ende des Parkplatzes. Das machten sie immer so, damit die Kunden neben dem Shop parken konnten, um ihnen den weiten Weg, mit den Waren, ersparen zu können. Die Stimmung vor und während solchen sensationellen Tagen, wie dem Valentinstag, war immer sehr gut. Es war, als würden sich Käufer und Verkäufer gleichermaßen freuen. Mia ging beschwingt durch den Eingang und brachte ihre Tasche in den Aufenthaltsraum. Alle lächelten ihr entgegen wie immer.

Mia arbeitete sehr gerne hier. Die Atmosphäre war großartig. Es war ein Familienbetrieb. Jeder hatte so seine Aufgabe. Der Chef machte die Buchhaltung, die Chefin leitete den Laden und arbeitete genauso mit, wie ihr Personal. Die Tochter der Beiden arbeitete auch mit und würde den Laden bald übernehmen. Es gab außerdem noch einen Bruder, der aber einen eigenen Floristenbetrieb mit seiner Frau führte. Es gab außer Mia noch eine zweite Angestellte namens Martina. Sie war schon etwas älter und hatte an einer Umschulung teilgenommen. So war sie durch ein Praktikum zu ihnen in die Firma gekommen. Mia mochte sie sehr gerne, sie war sehr hilfsbereit und immer sehr zuvorkommend. Gerade kam sie zur Tür herein und grüßte Mia schon von dort. Jeder wusste, was zu tun war und auch die ersten Kunden purzelten schon herein. Super, je mehr los sein würde desto weniger hatte Mia Zeit zu Grübeln. Sie machte sich Sorgen um ihre Familie. Bob war nicht zu unterschätzen und wer wusste schon, was ihm alles einfallen könnte. Ihr Telefon hatte sie sich hinten in die Tasche gesteckt und auf lautlos gestellt, um die Nachricht ihrer Mutter nicht zu verpassen. Sie bediente einige Kunden, es machte wie immer einen Höllenspaß.

Am besten hatte ihr der Strauß gefallen, den sie gerade einpackte. Der junge Mann hatte für seine Freundin einen riesigen Strauß mit weißen Rosen haben wollen.

Mia liebte weiße Rosen und es hatte ihr so eine Freude gemacht sie zu binden. Der junge Mann musste seine Freundin sehr gerne haben, da weiße Rosen bedeuteten, dass man etwas ganz Besonderes war. Mia brummte der Hintern. Das war ihr Stichwort. Aufregung machte sich breit. Sie gab ihrer