Magisches Viertel - Be'shan - E-Book

Magisches Viertel E-Book

Be´shan

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Beschreibung

Am 22. August 2009 besetzen 200 Künstler in Hamburg die leerstehenden Häuser des Gängeviertels und richten dort Galerien, Ateliers und Partyräume ein, um damit auf dringend benötigten Raum für kreative Menschen in der Stadt aufmerksam zu machen. Noah, ein Künstler mit Leib und Seele, erlebt die außergewöhnliche Besetzung hautnah und wird ein Teil des Ganzen. Aus Sicht des Künstlers, der nebenbei auch das ganze Viertel bekocht, werden wir Zeugen der chronologischen Entwicklung dieses einzigartigen Projekts. Ein friedlicher Kampf voller Hoffnung, Kunst und Partys beginnt. Mitten in der Hamburger City entsteht eine Insel der Kreativität, zu der viele Menschen aus aller Welt pilgern, um gemeinsam Kunst oder Musik zu machen, zu feiern oder einfach sie selbst zu sein.

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Seitenzahl: 221

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Am 22. August 2009 besetzen 200 Künstler in Hamburg die leerstehenden Häuser des Gängeviertels und richten dort Galerien, Ateliers und Partyräume ein, um damit auf dringend benötigten Raum für kreative Menschen in der Stadt aufmerksam zu machen.

Noah, ein Künstler mit Leib und Seele, erlebt die außergewöhnliche Besetzung hautnah und wird ein Teil des Ganzen. Aus Sicht des Künstlers, der nebenbei auch das ganze Viertel bekocht, werden wir Zeugen der chronologischen Entwicklung dieses einzigartigen Projekts. Ein friedlicher Kampf voller Hoffnung, Kunst und Partys beginnt. Mitten in der Hamburger City entsteht eine Insel der Kreativität, zu der viele Menschen aus aller Welt pilgern, um gemeinsam Kunst oder Musik zu machen, zu feiern oder einfach sie selbst zu sein.

Be´shan, 1970 in Tiflis/Georgien geboren, lebt und arbeitet als Künstler, Autor und Kunsttherapeut in Hamburg.

Mehr Information über den Autor:

www.beshan-art.de

www.kunsterlebnisse.com

Inhalt

Eines wunderschönen Sommers

Ein farbiges Spektakel

Kreatives Chaos

Kochmarathon

Kennenlernen und Vernissage

6

. Frostiger Start

Bye Hanzevast, hello Viertel

Zeitreise

Im Zeichen der Farbe

Lethargie

Heilige Donnerstage

Der Trip

Miniröcke und Kochturbulenzen

Bad Vibrations

Good Vibrations

Ein Jahr später

Zeitreise 2

Das Jahr 2039

1. EINES WUNDERSCHÖNEN SOMMERS

Noah hatte Glück, er hat eine Zweizimmerwohnung im sogenannten Szeneviertel Hamburg Ottensen. Vollgestopft mit großformatigen Ölbildern, eine regelrechte Museumswohnung, in der das Wohnzimmer in zwei Bereiche geteilt ist, in einen Wohn- und einen Malbereich. Hier malt er seit seinem abgeschlossenen Kunststudium, und es riecht immer nach Ölfarbe, die Möbel sind voller Farbspritzer und es sieht alles nach einer gewissen Bohème aus. Die ganze Wohnung ist ein einziges großes Gemälde, es war schon immer sein größter Wunsch, in einem großen Bild zu leben, und nun ist es Realität geworden.

Die Augustsonne brennt. Das Jahr 2009 atmet noch die Luft der Finanzkrise, die auch das Leben der etablierten Künstler erschwert haben soll. Ihre Bilder verkaufen sich nicht mehr für 300 000 Euro, nur noch für 150 000 oder noch weniger. Pech für Sotheby’s und wie die Häuser alle heißen. Für Noah ändert sich dadurch natürlich gar nichts, aber auch die Ängste der Otto Normalverbraucher haben zugenommen und nun kaufen sie noch weniger bezahlbare Kunst, vor allem, seit Ikea und Aldi ebenfalls in Kunst machen.

Ein Besuch seines alten Freundes Charles steht an. Ein waschechter 68er, der sich nie einer politischen oder künstlerischen Gruppe angeschlossen hatte, Fotograf und Philosoph. Ein Einzelgänger. Er klingelt schon an der Tür.

„Komm, lass uns ein paar Fotos machen“, sagt er gleich beim Reinkommen, „es ist herrlich draußen!“

„Gerne, aber erst die Stärkung.“

Der Gastgeber serviert den gekühlten Chardonnay. Außerdem präsentiert er dem älteren Freund ein neues Bild. Ein großformatiges, farbenprächtiges Bild mit abstrahierten Blumen.

„Und?“, fragt er aufgeregt, auch wenn er sich geschworen hat, nie wieder jemanden um seine Meinung zu einem seiner Bilder zu bitten. Damit hat er meist schlechte Erfahrungen gemacht. Aber Charles’ Meinung zählt, egal was er sagt.

„Ja.“

„Ja was?“

„Es gefällt mir!“

Wenn Charles das sagt, dann meint er es auch so. Dann folgt etwas, das typisch ist für Charles, der nie ein Blatt vor den Mund nimmt:

„Du stinkst nach Schweiß.“

Hamburger Schule, direkt und undiplomatisch. Nur die Wahrheit, nichts als die heilige, nackte Wahrheit!

5 Stunden in glühender Hitze gemalt, kein Wunder. Wer will schon Ihre Heiligkeit mit Namen Muse einfach so unterbrechen, wegen ein paar läppischer Schweißtropfen? Jetzt erinnert sich der Künstler, wie er sich in den letzten Stunden gefühlt hatte: wie beim Duschen, nur ohne Wasser.

Er springt schnell unter die Dusche und sie gehen hinaus in die brennende Sonne.

„Wie heißt nun das neue Bild?“, fragt Charles.

„Überschwemmte Wünsche blühen wieder auf.“

Der alte Freund sagt nichts dazu. Vielleicht zu lyrisch für ihn, er mag weder Lyrik noch andere Sentimentalitäten, dafür hat er zu viel Übles in seinem Leben erlebt. Möglicherweise stirbt die Empfänglichkeit für Lyrik ab 55. Aber da ist Hoffnung drin, hätte Noah fast noch hinterhergeschickt, doch er lässt es lieber bleiben, man kann ja nicht immer nur Lob kriegen. Der Titel ist schließlich nicht so wichtig, Hauptsache, das Bild selbst gefällt Charles.

Die zwei schießen einige Fotos, meist künstlerische Porträts von Noah, der sei sehr fotogen, sagt Charles oft. Entlang der Ottenser Hauptstraße nehmen sie jede urbane Ecke dieses Stadtteils vor die Linse. Die Passanten gucken neugierig zu. Besonders die jungen Mädchen.

„Mit einer Kamera lockst du sie immer“, grinst Charles mit altehrwürdigem kessem Lächeln, „was glaubst du, warum ich immer mit der Kamera rumlaufe.“

Aha! Viele seiner Geschichten gehören in die seligen 70er Jahre, die Kamera war tatsächlich eine Wunderwaffe in der Kunst, das weibliche Geschlecht, besonders das junge, anzuziehen, und sie ist es immer noch. Die gestreiften Sakkos, die die beiden Künstler tragen, steigern das Interesse noch mehr. Noah macht immerzu allerlei Faxen und wirft sich exaltiert in Pose, doch das nervt Charles, „bleib einfach so, wie du bist, und guck nicht in die Kamera.“

Der Weg führt auf die andere Seite des Altonaer Bahnhofs, in die neue Große Bergstraße, wo einst das Leben blühte und nun etwas Undefinierbares entstanden ist, eine Fußgängerzone ohne Charme, aber vielen Bars. Charles will wieder zurück, „das ist ja eine tote Ecke hier.“ Da hat er recht, verarmte Altonaer mit merkwürdigem Slang, Digger und Alte von allen Seiten, auch viel Übergewicht springt ins Auge. Dann ein Blick auf das ehemalige Karstadtgebäude.

„Was ist denn hier passiert?“, fragt der neugierige Fotograf. Es sieht aus, als hätte eine pinselbewehrte Armee das Gebäude gestürmt.

„Hier hausen Künstler. So eine Art Besetzung. Sie nennen sich Frappant“, antwortet Noah und erinnert sich, dass ein befreundeter russischer Künstler hier in diesen Betonkatakomben ein Atelier hat.

„Dann lass uns ihn besuchen.“

Die Tore sind verschlossen.

„Pjotr!“, schreit Noah, so laut er kann. Und Pjotr lässt nicht lange auf sich warten. In einem Fenster im zweiten Stock zeigt sich ein Kopf mit langer Mähne. „Ja, ich mache auf, warte.“

Drinnen im Flur ist es genauso uncharmant und trostlos wie draußen vor der Tür. Dieses Stück Beton lässt sich offensichtlich nicht einmal mit ein wenig Kunst verschönern. Es reihen sich Tür an Tür, und du hast das Gefühl, als Buchhalter in einer großen Firma zu arbeiten. Offensichtlich wurde eine Büroetage in Ateliers umgewandelt. Aber ein Blick in Pjotrs Atelier entschädigt für die kurze Enttäuschung. Alte russische Schule, da wird noch das Handwerk geschätzt. Es riecht angenehm nach Farbe und ein geordnetes Chaos im typischen Atelierstil macht die Laune wieder top.

„Meine neue Arbeiten“, zeigt der Hausherr seine Acrylbilder. Alte Schiffe mit in Gold gehaltenem Hintergrund, ikonenhaft und doch modern. Charles ist mit seiner Kamera beschäftigt und scheint perfektes Licht zu erwischen.

Das Atelier ist ziemlich klein. „Besser als nichts“, sagt Pjotr.

Er gibt dem Künstlerkollegen einen getippten Text. Noah überfliegt ihn im Stehen und guckt hin und wieder aus dem Fenster, wie die Sonne über dem abendlichen Altona untergeht.

„Was meinst du?“, fragt der Russe.

Eine Gruppe Künstler und Historiker wollen sich in einer Woche im … wie war das noch mal … ja, im Gängeviertel treffen und womöglich dort leer stehende Häuser besetzen.

„Was ist denn überhaupt das Gängeviertel? Noch nie was davon gehört.“

„Das ist ein Viertel zwischen Musikhalle und Gänsemarkt“, weiß Charles, er fotografiert nun die beiden Künstler mit eingeschaltetem Blitz.

„Du brauchst unbedingt ein Atelier, da könntest du eins bekommen, wenn alles gutgeht.“

Sagt Pjotr und bietet seinem Besuch Kaffee an. Er trinkt seit Langem keinen Alkohol mehr, zu viel gesoffen, war nah dran abzukratzen, dafür kifft er umso mehr, aber einen Joint gibt es heute nicht.

Klick! Jetzt weiß Noah wieder, wo das besagte Viertel liegt. Er erinnert sich, mit einem Freund dort vor etwa einem Monat eine Party gefeiert zu haben. Es war sehr dunkel und irgendwie nicht ganz real in dieser Nacht. Sie mussten in einer Bar namens „Kaschemme“ die Treppen steil nach unten gehen und dann landeten sie in einem Keller voller Dunkelheit, Röhren und Ratten. Es roch seltsam. Auch das Publikum war nicht sonderlich sympathisch. Was Noah aber gefallen hatte, war der Häuserkomplex an sich, und sofort hatte er an Atelierräume gedacht.

Ein Atelier, das ist es, was ein Künstler unbedingt braucht. An welchem Ort soll er denn sonst all die Farbe auskotzen? Zu Hause, so wie er es momentan tut? Ja, das tun viele, aber das ist nicht das Wahre; man braucht einen Raum, wo man alles stehen und liegen lassen kann, und am nächsten Tag geht es dann weiter mit der Arbeit. Man braucht Abstand zu seinem Werk. Doch angesichts der explodierenden Mieten in den Städten müsse man froh sein, überhaupt eine Wohnung zu haben, hört man immer wieder.

„Wie besetzt man ein Haus?“

„Man bricht das Schloss eines zu lange leer stehenden Hauses auf und besetzt es einfach. War gang und gäbe in den 70ern“, sagt Charles, der schon aufgestanden ist und gehen will.

„Willst du bei der Besetzung nicht mitmachen?“, fragt Charles, nachdem sie das Karstadtgebäude hinter sich gelassen haben. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Eine Hausbesetzung ist immer so eine Geschichte. Er solle doch unbedingt mitmachen, ermuntert ihn sein älterer Freund. Das habe der heute renommierte Hamburger Künstler Daniel Richter auch in der Hafenstraße gemacht und sei dadurch bekannt geworden … Sei gut für die Publicity.

Damit ist das Thema vorerst erledigt. Es gibt außerdem noch ein anderes Thema, das Noah schon lange beschäftigt: Berlin. Viele Künstler ziehen nach Berlin und neulich war er auch dort und sofort verliebt in die Stadt. Er will endlich den Umzug wagen und den hanseatischen Pfeffersäcken, die mit Kunst nicht viel am Hut haben, den Rücken kehren. Berlin hat ein Herz für Künstler, Berlin ist dynamisch, Berlin ist frei, Berlin hat Geschichte.

Die Entscheidung wird vertagt. Stattdessen wird es heute ein besinnlicher Abend, mit Kochen, Trinken und DVD-Gucken.

Die ganze Woche scheint in Hamburg die Sonne, so intensiv, dass es, auch wenn das zu glauben schwerfällt, des Guten zu viel wird und Noah so wie viele andere die dunkelgrauen Hamburger Tage herbeisehnt, um besser arbeiten zu können und die Welt draußen zu vergessen. Denn es ist unmöglich, sich in dieser Hitze auf die Kunst zu konzentrieren.

Noah hat im Internet recherchiert und einiges über das Gängeviertel rausgekriegt. Ein Elendsviertel in Hamburgs Geschichte, wo früher Pest, Armut und Kriminalität den Tagesablauf bestimmten. Ein berüchtigtes Viertel, das völlig in Vergessenheit geraten und nun von den Behörden zum Abriss freigegeben ist. Doch was geht ihn das eigentlich an, er will eh weg aus Hamburg und sich nach Berlin absetzen.

Trotzdem geht ihm der Name Gängeviertel nicht mehr aus dem Kopf. Vielleicht verpasst er da doch etwas Wichtiges, vielleicht wird am heutigen Tag Geschichte geschrieben, vielleicht werden schon heute die Ateliers verteilt? Da er sich selbst entscheidungsunfähig fühlt, fragt Noah einen Freund um Rat, der ihn wie immer Freitag am späten Abend anruft. Sascha, einer der Filme machen will und meistens schweigt. Auch dieses Mal schweigt er sich am Telefon aus, stattdessen will er vorbeikommen und, wie er es immer ausdrückt, ein Bierchen trinken.

Sascha bringt Ritalin mit, ein Zeug, das er vom Arzt bekommt (Saschas Diagnose seit seiner Kindheit: ADS) und später pulverisiert in seiner Nase landet. Als Kokain oder Speed-Ersatz.

„Wollen wir eine nehmen?“, fragt er, nachdem er es sich auf dem Sofa in Noahs Wohnatelier gemütlich gemacht hat. Noah muss nicht lange überlegen, heute braucht er etwas, was seinen Blick auf die Welt in kürzester Zeit rosiger werden lässt. Sie nehmen eine und schweigen. Noah wünscht sich, Sascha würde etwas zu seinem neuen Bild sagen, aber der bemerkt es nicht einmal. Noah steht auf, um am Bild eine Kleinigkeit zu verändern. Nicht mal das bemerkt der schweigsame Freund. Noah gibt auf, setzt sich wieder und sie trinken weiter schweigend ihr Bier.

Mit folgender Maßnahme ließe sich vielleicht das Schweigen durchbrechen:

Raus aus der Wohnung, rein in die Bar um die Ecke.

Die künftige Besetzung des Gängeviertels scheint Sascha nicht wirklich zu interessieren, also wird es auch nicht zum Thema heute Abend. Sascha ist in seinem Kopf und braucht jemanden, der einfach nur neben ihm sitzt. Manchmal unerträglich, dieses Schweigen.

Es überträgt sich auf Noah und so werden die heißen Flirtblicke der Mädels in der proppenvollen Bar nur mit Schweigen beantwortet. Keine Kraft für die Show, die man heute braucht, um Frauen zu beeindrucken. Obwohl die Prise Ritalin einiges leichter machen würde.

„Na ja, um andere Künstler kennenzulernen… vielleicht.“

Er wirft Sascha den Satz unvermittelt zu. Vielleicht würde es sich allein deshalb lohnen, an der Besetzung teilzunehmen. Da war etwas dran, bis jetzt war es ihm nicht wirklich möglich gewesen, in Hamburg ein Netzwerk von Künstlern aufzubauen. Alles Individualisten, alles nur selbstherrliche Typen und Frauen, die niemals fragen, wie es dir geht, was für eine Kunst du machst, was du überhaupt vorhast. Dafür erzählen sie dir in ellenlangen Monologen, was für tolle Kunst sie selbst machen.

„Was meinst du?“

Sascha nickt. Aber auch er hat bereits Berlin im Kopf und will hier schnellstmöglich weg.

Der 22. August ist ein Sonntag. Bis zu diesem Tag hält es Noah im Dorf Ottensen. Schon seit er da wohnt, hat er das Gefühl, kaum aus diesem Stadtteil rauszukommen. Wozu auch, es gibt dort alles, was ein Künstlerherz begehrt, die Elbe inklusive. Aber diese Ernsthaftigkeit, die da inzwischen herrscht, kann einen in den Wahnsinn treiben. Besonders abends vor den Bars, herumstehende Menschen, die nur noch mit ihren Bierflaschen flirten. Die Neuyuppies. Die Themen dieser Leute kreisen nur noch um Karriere und Geld, und natürlich um das, was gestern im Privatfernsehen lief. Alleine wegen dieser Leute sollte er dem Viertel endlich den Rücken kehren und zu dieser Hausbesetzung gehen. Das wird bestimmt aufregend. Außerdem ist die ganze Stadt voll von diesen kleinen runden roten Aufklebern mit der weißen Schrift:

Komm in die Gänge. 22.08.09.

Diese Zahlen beginnen langsam ihre Wirkung zu entfalten, als wären sie pure Magie. Die Aufregung lässt sich nicht mehr verleugnen.

2. EIN FARBENFROHES SPEKTAKEL

Die schönste Jahreszeit hat ihren Höhepunkt erreicht. Die Sommereuphorie ist verflogen, über allem lastet die fast unerträgliche Hitze. Auch an diesem 22. August ist es heiß und man kann sich die nasskalten Hamburger Tage gar nicht mehr vorstellen, ein Wetter wie in Kalifornien. Der Regen wurde abgeschafft. Viele bunte Menschen im sterilen Hamburger Stadtzentrum, wo man sonst nur die hoch gewachsenen, hastenden Geschäftsleute in Grau sieht.

„If you’re going to San Francisco…“

Dieses alte Hippielied geht Noah nicht aus dem Kopf, am liebsten würde er es laut heraussingen und die Leute, die ihm unterwegs begegnen, anlächeln. Nur die Blumen im Haar fehlen.

Wo ist denn nun das Gängeviertel? Außer jungen Menschen, die eilig irgendwohin streben, sieht man nur Glasfassaden! Glas ist allgegenwärtig, aber siehe da, da versteckt sich doch etwas. Mitten zwischen all dem Glas, dem Beton und den Bürowelten offenbart sich ein Gebäudekomplex, wie es ihn kein zweites Mal in Hamburg mehr gibt. Tausend Mal daran vorbei gelaufen und nie wahrgenommen. Was für ein Kontrast! Mitten im Glas- und Betonuniversum. So etwas kann es doch unmöglich in der City noch geben?!

„Hey, komm mit“, schubst den noch im Staunen begriffenen Noah ein junges, ausgeflippt gestyltes Mädchen, sie lächelt und geht weiter. Klar kommt er mit. Sein Name macht dem Viertel wahrlich alle Ehre: Gänge ohne Ende. In jedem der Gänge mit den ziemlich heruntergekommenen Häusern stehen zumeist junge Leute in bunten Klamotten. Künstler haben eindeutig einen besseren Geschmack in Sachen Outfit und machen selbst aus Wenigen Stücken immer einen Augenschmaus. Vielleicht gibt es hier jemanden, den Noah kennt? Schließlich ist er selbst kein Unbekannter in der Hamburger Künstlerszene. Er geht von Grüppchen zu Grüppchen in der Hoffnung, zumindest auf ein einziges bekanntes Gesicht zu treffen.

Die Leute malen im Freien oder singen, alle sind prächtig gelaunt und laden die Passanten dazu ein, sich ihnen anzuschließen. Eine Revolution?

„Was ist denn hier los?“, fragen sich viele, als sie aus der Musikhalle herausströmen, wo sonntags irgendwelche klassischen Konzerte stattfinden. Die Hamburger Schickeria in Weiß gerät ins Staunen, anscheinend haben sie so ein buntes Spektakel in der City noch nie erlebt. Sind wir überhaupt noch in Hamburg?

Natürlich ist die Polizei auch schon vor Ort und sperrt die Straße. Die Einsatzkräfte sehen irgendwie nett und harmlos aus, anders als sonst, und sie haben nicht vor, hier Randale zu provozieren, das gelänge ihnen auch nicht, denn die Besetzer haben alles andere als Unruhe im Sinn. In einem Hof taucht ein DJ auf und beginnt aufzulegen, cooler Beat, die Party steigt.

Noah hat Neuland betreten. Das gilt auch für viele der anderen Besucher oder Aktive. Man sieht eine gewisse Aufregung in ihren Gesichtern. Werden die Ordnungshüter die Party vielleicht doch noch auflösen? So, wie es immer der Fall ist? Sieht aber noch nicht danach aus, stattdessen werden die Schlösser der Eingangstüren aufgebrochen und die Erdgeschosse besetzt. Juhu! Applaus. Künstler tragen ihre Werke hinein und stellen in den verwaisten Räumen ihre bunte Kunst aus. Auch Noah wagt einen Blick in die Räume; es riecht muffig, die alten Tapeten vielleicht. Die Zimmer sind klein, eigentlich viel zu klein für seine Monsterbilder, aber irgendwie niedlich. Aber darum geht es jetzt nicht, er schaut fleißig hierhin und dorthin und hofft, auf ein bekanntes Gesicht zu treffen in diesem euphorisierenden Wirrwarr.

Nein, sieht nicht so aus. Egal, das ganze Geschehen ist sowieso irgendwie größer, als sich darauf zu beschränken, auf jemanden zu stoßen, den man kennt, um sich dann in die immer gleichen Gespräche zu verwickeln, das hat man schließlich tagtäglich. Es sind zwei-, dreitausend Leute hier, eine ganze Menge. Man fragt sich nur, wo waren die alle früher? Wo haben sie bloß gesteckt?

Noah hat heute auf Kommunikation keine Lust, erst beobachten, checken, verinnerlichen. Er sieht sich die tollen Performances in insgesamt drei Höfen an und genießt. In einem der Höfe steht ein Klavier und es wird fröhlich musiziert. In vielen improvisierten Diskussionen geht es darum, dass die Häuser seit Jahren leer stehen und die Stadt sie nun abreißen will. Ein Investor stünde bereit.

„Wir können das verhindern“, sagt ein etwas älterer abgemagerter Typ. Lenin in moderner Ausgabe. Und überhaupt, man könne vieles verhindern, wenn man die Stimme erhebe. Hier könnte man eine Oase der Kultur schaffen, ist von der Seite zu hören. Ein Joint wird herumgereicht, Noah lehnt dankend ab, will das Ganze nicht mit bekifftem Geist auf sich wirken lassen, aber die anderen greifen gerne zu. Bier? Oh ja, gerne, ein Bier kann er jetzt gebrauchen, und er stößt mit einem unermüdlich lächelnden Mädchen an, das einen hübschen, wahrscheinlich selbst genähten Rock trägt. Sie wirft ihm einen Luftkuss zu.

Es wird allmählich Abend. Eine definitiv andere Hausbesetzung, als man sie bislang kannte.

EINE VISION:

Im Gängeviertel ist ein Künstlerdorf entstanden, Ateliers ohne Ende. Eine Gemeinschaft, die meist aus Künstlern besteht, tagsüber arbeitet man und nachts feiert man ausgiebig. Freie Liebe wird praktiziert, ohne darüber nachzudenken, welche Theorien es dazu gibt. Zwischendurch wird auch über Kunst diskutiert, zusammen gekocht, gegessen und getrunken, oder es werden auch andere scharfe Sachen konsumiert. Jeden Tag gibt es Interviews, die Presse und die Fernsehleute sind geradezu besessen davon, diese Künstler aus dem Gängeviertel vor die Kamera zu bekommen, sie sind regelrechte Medienstars geworden. Kunstinteressierte aus der ganzen Welt kommen in dieses Viertel, um den Künstlern ihre Werke abzukaufen, sie können sich vor Aufträgen nicht retten. Sogar Groupies werden gesichtet. Ein Künstlerleben wie aus dem Bilderbuch. Das Vorbild macht Schule, auch in anderen Großstädten weltweit entstehen eigene Gängeviertel.

Die Party geht munter weiter. Es wird getanzt, gechillt und gesprüht. Innerhalb von Minuten werden die alten grau-bräunlichen Fassaden graffitibunt. Das rote Logo „Komm in die Gänge“ ist allgegenwärtig.

„Sind wir vorbereitet, wenn die Polizei doch noch eingreifen sollte?“

Damit rechnet hier niemand. Wir haben das Jahr 2009. Die Leute hier sind wirklich nicht die Generation, die Steine schmeißt. Dennoch hätte Noah eine Idee:

Falls sie stürmen, werden Blumen vor ihre Füße geschmissen. Und dann werden die jungen Frauen die Bullen zu küssen beginnen. Und die Jungs die Polizistinnen. Dazu wäre Noah sofort bereit. Und zum Schluss so eine Art Liebesduft versprühen und alle, einschließlich der Polizei, werden weich, sinken zu Boden und schreien nach Liebe. Eine Liebesorgie wie im „Parfüm“ bricht sich Bahn.

Nein, es kommt nicht dazu, die Gesetzeshüter sind plötzlich weg. Unfassbar, sie haben das Feld sang- und klanglos geräumt. Die Party tobt weiter. Doch es ist schwer, an die Leute ranzukommen. Nicht, dass sie jemanden abweisen würden, aber es scheint, dass hier jeder jeden kennt. Cliquenwirtschaft also auch hier. Hamburg ist eine einzige Clique. Noah schaut hierhin und dorthin, aber findet keinen Platz, an dem er sich dazugehörig fühlen kann. Künstler sind doch große Individualisten. Wer organisiert überhaupt das Ganze, wer sind die Macher, wer die zufällig Dazugestoßenen, wer ist wirklich Künstler, wer womöglich eingeschleuster Spion? Alles sehr schwer durchschaubar. Und dass Noah bislang keinen Bekannten getroffen hat, enttäuscht ihn ein wenig. Jetzt bereut er doch, niemanden mitgenommen zu haben, denn hier so mutterseelenallein rumzustehen, überfordert ihn zusehends. Vielleicht ist das Ganze nur eine Eintagsfliege, eine Schnapsidee, sie werden feiern, sich besaufen und irgendwann nach Hause gehen. Ja, so wird es bestimmt kommen, wer hat es denn bislang geschafft, nur mit guter Laune, Partymachen und Kunstschaffen ein ganzes Viertel zu besetzen und umzukrempeln, und das auch noch in einer geldbesessenen Handelsstadt wie Hamburg?

Alles nur ein schöner Traum.

Er nimmt diesen Traum mit nach Hause.

Zu Fuß also nach Ottensen über die Schanze. Auch wenn es schon Sonntagnacht ist, die Schanze feiert immer. Hipster mit Laptops, Bart und Brillen. In Schulterblatt stehen Menschen, ob Jungs oder Mädchen, alles ein Schlag, mit Beck’s in der Hand. Ach, war das schön, eben im Gängeviertel! Jetzt muss er hier durch. Nur die rote Flora versprüht etwas Alternatives, alles andere ist verraten und verkauft. Schnell weg hier!

Wie der Zufall es will, sieht Noah jemanden, den er von früher kennt, zu dem er aber keinen richtigen Kontakt mehr hält. Haldo heißt er, mit Ho-Chi-Minh-Bart und einem seltsamen Cowboyhut.

„Lass uns ein Bier trinken“, schlägt Haldo sofort vor und erzählt, wie beschissen es ihm geht. Job verloren, beinah die Wohnung verloren, und jetzt nur noch am Saufen. Mit Kunst hat er nichts am Hut, aber er kann gut zuhören. Noah erzählt sofort vom Gängeviertel, auf etwas anderes kann er sich im Moment sowieso nicht konzentrieren.

„Wow, das klingt spannend, wann wollen wir hin?“

Haldo ist sehr angetan, vielleicht weil er viele Erfahrungen mit linken Aktivitäten vorweisen kann, nannte sich früher mal Marxist …

Ja, wann denn… Morgen? Nein, morgen will Noah ein Bild zu Ende malen. Übermorgen? Abgemacht. Aber Haldo wird natürlich schon heute Abend hingehen und den Ort inspizieren.

Sonst hat er nichts mehr zu sagen, außer dass es ihm richtig scheiße geht. Ja, Haldo weint sogar kurz, sieht keine Perspektive mehr in seinem Leben. Auch er redet nicht viel. Wie wäre es mit einer Wurst? Gute Idee. Sie essen schweigsam in der Susannenstraße eine Currywurst und gehen dann getrennte Wege.

Bekanntlich kommt meist alles anders und Noah geht am nächsten Tag viel lieber an der Elbe spazieren statt zu malen. Auch wenn er bis Dienstag ans Gängeviertel nicht mehr denken wollte, schafft er es nicht, sich an ein anderes Thema zu wagen, und die Medien machen es ihm auch nicht leichter:

„200 Künstler besetzen das historische Gängeviertel!“

Das Thema heute überall. Die Zeitungen berichten sogar auf den Titelseiten, dazu schrille Gestalten und Hausbesetzer auf Fotos. Auch das Radio kennt nur das eine Thema. Eine Sensation in der Stadt. Und es gab bis jetzt noch keine Räumung. Irgendwie schon verdächtig. Wie kann das sein? Am liebsten würde er schon jetzt hingehen, vielleicht haben sie die Ateliers schon verteilt, vielleicht ist es morgen schon zu spät?

Er vertreibt sich die Zeit an der Elbe und genießt die vorbeifahrenden Schiffe. Das ist so ziemlich das Einzige, was er an Hamburg mag: Diesen Hauch des Weiten. Auch wenn die Elbe nur ein Fluss ist, gibt sie dir das Gefühl und die Frische des Meeres. Der beste Ort, um abzuschalten und Hoffnung zu schöpfen.

3. KREATIVES CHAOS

Wie verabredet trifft er sich am Dienstag mit Haldo am Hauptbahnhof. Von dort gehen sie zu Fuß ins Neuland. Sie sind beide aufgeregt, tausende Ideen schweben auf einmal in der Luft, was man dort alles machen könnte. Zuvor aber hatte Noah wieder mal eine Mail von einer Galerie bekommen:

„Wir bedauern, Ihnen mitteilen zu müssen …“

Natürlich passt er nicht ins Konzept. Es passt nie ins Konzept. Ist man womöglich ein Außenirdischer und weiß es selbst gar nicht? Zum Teufel mit eurem Konzepten und Strategien und Trends.

Sie sind auf dem Weg ins Gängeviertel. Gut, dass er jetzt ein Ziel hat, sonst würde er seine Kunst wieder einmal gründlich in Frage stellen und lange, lange nichts mehr schaffen können. Diese Absagen können einen richtig lahmlegen und für eine Weile traumatisieren.

„Meinst du, dass sie wirklich nicht geräumt worden sind?“, fragt Haldo, zieht eine große Wurst aus dem Rucksack und beginnt sie mit zitternden Händen zu essen. Er liebt Wurst, das ist sein Markenzeichen: eine dicke Wurst, Sorte Krakauer, Open Air zu essen.

Nein, sie wurden nicht geräumt, aber es wirkt jetzt alles etwas ruhiger als am Sonntag, bis auf die bemalten Häuser erinnert nichts mehr an die Partystimmung.

„Das ist ja geil“, sagt Haldo erstaunt, „ich habe dieses Viertel noch nie im Leben gesehen.“

Tja, Junge, nicht nur dir geht es so. Das Ding ist aus dem Nichts aufgetaucht und jetzt in aller Munde. Hamburg hat wahrlich ein Juwel lange versteckt gehalten, jetzt gibt die Stadt es wieder frei.

Endlich sehen sie einen jungen Kerl, der nicht von dieser Welt ist (könnte Winnetou als Vorfahre haben) und einen langen roten Teppich in einem Hof verlegt. Er wird gleich angesprochen.

„Gute Sache, was ihr da macht“, sagt Noah etwas verlegen.

„Danke, Mann!“

Winnetou sieht in Noah und Haldo bestimmt Passanten, die sich zufällig hierhin verirrt und sich nun aus Neugierde hineingetraut haben. Ansonsten ist Winnetou ziemlich wortkarg, also wird nun ein anderer Hof erforscht. Eingang Valentinskamp. Da ist etwas mehr los, viele hektisch werkelnde Menschen, es wird gebaut und gebastelt. Lenin, der Typ vom ersten Tag der Besetzung, ist auch da: mager, etwas älter als die anderen und sehr geschäftig. Deutlich offener und kommunikativer als die jüngeren.

„Wir wollen zu euch“, verkündet Haldo ohne Umschweife.

„Dann fass mal an!“, sagt Lenin und zeigt ihm, wie man ein neues Schloss an der Tür einbaut.

„Eh… Nicht jetzt gleich, erst wollen wir gucken, was hier los ist und wo wir noch gebraucht werden könnten“, gibt nun Noah seinen Senf dazu.

„Dann geht doch erst mal ins Büro und lasst euch in irgendwelche Gruppen einschreiben.“