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Metalbands stehen auf gewaltigen Bühnen, vor Verstärkertürmen und Tausenden wilder Fans. Sie trinken kübelweise Bier, rauschen in Tourbussen durch die Nacht und besingen Sex, Drogen und den Tod. Ihr größtes Ziel: Wacken. Alle Metalbands? Nein! Eine kleine Metalband tingelt seit zwei Jahrzehnten über Dorffeste, Vereinsfeiern, Hochzeiten, Vernissagen und durch Geburtstagspartys. Sie hat keine Verstärker, keine Plattenfirma. Sie liefert annähernd CO2-neutralen Metal wie Pizza auf Bestellung und hätte einmal beinahe Angela Merkel beschallt. Sie singt nur übers Wetter und spielt im Sitzen, gediegen gekleidet und teetrinkend. Sie richtet sich gleichermaßen an Bildungsbürger, Mutbürger, Spießbürger. Ihr Name: Malmzeit. Ihr Genre: Kammermetal. Ihr Motto: Make Metal Small Again! Tauchen Sie ein in die völlig irre Bandbiographie der kleinsten Metalband der Welt, verfasst von den Musikern selbst. Ein Buch voller bizarrer Ereignisse, das komplett erfunden sein könnte, wäre nicht jedes Wort wahr!
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Seitenzahl: 188
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Herausgegeben von Charalampos Efthymiou, Peter Kritzinger und Peter Pichler
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Jörg Scheller (aka Earl Grey, rechts im Bild) lehrt und forscht an der Zürcher Hochschule der Künste und der Kunsthochschule Posen. Nebenbei ist er zertifizierter Fitnesstrainer und als freier Autor für diverse populäre wie auch unpopuläre Medien tätig. Er lebt im schweizerischen Hochsteuerkanton Bern. Jochen Neuffer (aka Sumatra Bop, links im Bild) ist Softwareingenieur in der Automobilindustrie und lebt in Stuttgart. Ebendort ist er in einer Vielzahl musikalischer Projekte aktiv. Unter anderem spielt er Gitarre in der Alternative-Band Cristo Crouch und widmet sich mit FruitOfTheLoop der Klangforschung. Zusammen bilden Scheller und Neuffer das Metal-Duo Malmzeit und besingen, stets gut gekleidet, sitzend und teetrinkend, einzig das Wetter. Seit 2004 betreiben sie einen weltweit mutmaßlich einzigartigen Heavy-Metal-Lieferservice und bringen ihre Konzerte direkt in die guten Stuben.
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Umschlagabbildung: © André Krysl
1. Auflage 2023
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-043435-6
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-043436-3
epub: ISBN 978-3-17-043437-0
Zusatzmaterial online:
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„I consider them the Florence Nightingale of Heavy Metal.“(John Kimble)
„Some Heavy Metal bands are brave. This one is brav.“(Diana Reddin)
„Hello, Heavy Metal Delivery Service audience. You will not miss the seasons if they are not here.“
(King Buzzo, The Melvins)
Geleitworte
Einleitung: Tea, Trash & Talk
2003
Metal im Sitzen
2004
Wie der Heavy-Metal-Lieferservice entstand
2005
Auf Tour in der Comicszene
2006
Müllmusik für wenig Kohle
2007
Spargelparty from Hell
2008
Metal auf der Manga-Messe
2009
Anything goes as long as it’s heavy
2010
Sonneninseln und Museumsnächte
2011
Unplugged unter Strom
2012
Metal gegen die Klimakrise
2013
Bilanz zum Jubiläum: Milestone „Verbürgerlichung“ erreicht
2014
Unter Hausbesetzern und Kunstfreunden
2015
Moshen auf Schloss Donzdorf
2016
Unterwegs in Osteuropa
2017
Malmzeit für den Mittelstand
2018
Bilanz zum Jubiläum: Milestone „Musealisierung“ erreicht
2019
Im Heavy-Metal-Tee-Salon
2020
Von Malmzeit zu Malmstein
2021
Winterthur is coming
2022
Samowar statt Manowar
2023
Bilanz zum Jubiläum: Milestone „Geriatrisierung“ erreicht
Prinzipiell verhalten sich Heavy Metal, in allen seinen Spielarten, und das Feuilleton antithetisch zueinander. Letzteres lässt sich als textgewordene Borniertheit deutscher Akademiker beschreiben, die, elendig an rückwärtsorientierte Kunstformen geklammert, wirklich Neuartiges weder verstehen können noch wollen. Subkulturen werden höchstens mit „Phänomenartikeln“ abgespeist, wenn sie sich dank kritischer Masse nicht mehr ignorieren lassen. So zieht sich mittlerweile auch eine Schleimspur vom Feuilleton zum Metal.
Die harte Gitarrenmusik definiert sich in den paraphrasierten Worten von Malmzeit-Tieftöner Earl Grey hingegen dadurch, dass sie sich trotz größtem Respekt vor den eigenen Traditionslinien stets neu erfindet. Malmzeit gleichen dabei einem anarchistischen Elementarteilchen, das – je nach Blickwinkel des Betrachters – in einer Art künstlerischer Quantenmechanik zwischen Metal und Feuilleton changiert und potenziell in beiden Räumen existiert.
Musikalisch basieren Malmzeit auf einer Melange aus frühen Celtic Frost-, Thrash- und primitiven Florida Death-Einflüssen, die jeweils deutliche Rudimente aus Punk und proletarischem Hardcore aufweisen. Die gebotene Verneigung vor der Tradition ist also vorhanden. Äußerlich hält sich das betont teetrinkende Duo jedoch in Anzugträgersphären auf.
Der Vollzugsort, die Couch, schon vom hintersinnigen Loriot als zum Möbel geronnene Essenz des Bürgerlichen ikonisiert, steht ebenso im krassen Widerspruch zur Erwartungshaltung ordentlicher Headbanger, schwitzende Langhaarige mit Bier und E-Gitarren in der Hand auf der Bühne zu sehen.
In diesem eigentümlichen Quantenzustand zählen plötzlich Ministerpräsidenten zu Malmzeits Publikum. Dabei hätten Landesherren noch vor wenigen Jahren jegliche Berührung mit dem „satanischen Todesblei“ (Metal in der Diktion eines deutschen Professors, der seine grenzdebilen Thesen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk breittreten durfte) aus Angst vor fundamentalistisch-christlichem Wählerzorn partout gemieden. So mutiert die schadenfrohe Eroberung des Salons aus musikalischer Liebe durch zwei noch nicht so alte weiße Männer gleichzeitig zur Provokation aller selbsternannten Gralshüter der reinen metallischen Lehre.
Chapeau, Malmzeit – weitermachen!
Auf den ersten Blick mag ein „Heavy-Metal-Lieferservice“ im betulichen Stuttgart als Widerspruch erscheinen. Die musikalische Entwicklung dort schien seit Friedrich Silcher („Der Mai ist gekommen“) fast geradlinig auf die beiden „Zupfgeigenhansel“ zuzulaufen. Eine genauere Analyse zeigt jedoch die tieferen kulturhistorischen Bezüge, geradezu Notwendigkeiten, die zum „Lieferservice“ führten.
Wenn es einen Stoff gibt, der das Land prägt, dann ist es Metall. Einer der Protagonisten dort ist die IG Metall. Der eher schlichte Name darf nicht täuschen: Understatement ist eine schwäbische Stammeseigenschaft, hinter der sich indes geballte Energie verbirgt. Schon in den Sechzigerjahren erzielten die Metaller mit „Iron Man“ Otto Brenner an der Spitze beträchtliche Erfolge in der Auseinandersetzung mit den „Kings of Metal“.
Kennzeichnend ist, dass der Klang von Metall auch im Mittelpunkt der Lyrics von Friedrich Schiller steht: „Das schlägt an die metallne Krone, die es erbaulich weiter klingt“ oder „dass vom reinlichen Metalle / Rein und voll die Stimme schalle.“ Metal für die Ewigkeit!
In zahllosen Heavy-Metal-Hits wird unverhohlen auf schwäbische Gegebenheiten Bezug genommen: Den Andrang am Wochenende auf die Schwäbische Alb schildert „Run to the Hills“ von Iron Maiden, mit „Heaven and Hell“ greift Black Sabbath das den Stillen im Lande teure Bild vom „breiten und dem schmalen Weg“ auf. Das Lustschloss hoch über Stuttgart wird von Candlemass in „Solitude“ besungen, und die „Wheels of Confusion“ von Black Sabbath meinen superteure schwäbische Alufelgen.
Wie tief die Wurzeln reichen, zeigt das „Metall-M“ in der Mitte des Namens des 1853 gegründeten schwäbischen Traditionsunternehmens WMF. Bemerkenswert ist auch die Bezugnahme auf den Luftschiffbauer der vorvergangenen Jahrhundertwende vom Bodensee bei Led Zeppelin.
Die Zeiten indes ändern sich und die Industrie- wird zur Dienstleistungsgesellschaft. Hier wies Fear Factory mit „Demanufacture“ den Weg, den mit großem Erfolg der „Lieferservice“ beschreitet. Passend zu typisch schwäbischen Anlässen, bei denen traditionell Hirnsuppe gereicht wird oder Innereien verzehrt werden, liefert er nun seit zwanzig Jahren die Begleitmusik. Der „Heavy-Metal-Lieferservice“ ist somit durch und durch logisches Produkt einer den Südwesten prägenden Kultur.
Zuerst einmal: Ich habe keine Ahnung von Heavy Metal. Ende des Geleitworts.
„Dann schreib doch Dein Geleitwort darüber, dass Metal so ein maskulinistisch-konservatives Image hat“, schlägt mir Jörg Scheller vor.
Das stimmt! Bloß komme ich aus Düsseldorf. Und bei uns bedeutet Metal: Doro Pesch. Als Jugendliche lehrte sie mich die wichtige Lektion, dass auch Frauen scheiße Musik machen konnten. Was bedeutete: Musik, die ich nicht verstand, weil ich ihre Texte nicht verstehen konnte.
Metal ist für mich Musik, die Untertitel braucht.
Tatsächlich ist Metal aber noch viel mehr.
Als ich Jörg Scheller kennen lernte, wurde er mir als Professor für Kunstgeschichte vorgestellt. „Und Bodybuilder und Heavy-Metal-Musiker“, ergänzte er, und die Vorurteile in meinem Gehirn machten: Crash. Meine Gedanken gingen in etwa so: Bodybuilder und Metalheads sind dumm – sprich: proletarisch –, also können sie keine Professoren sein. Außer für Heavy Metal und Sport. Wow!
Offensichtlich haben meine Probleme mit Metal gar nicht in erster Linie mit Gender zu tun, sondern mehr mit Class.
Höchste Zeit, mir Metal erklären zu lassen oder zumindest ein Konzert von Malmzeit anzuschauen. Ich bin direkt positiv überrascht: Malmzeit ist eine Band, die im Sitzen spielt. Ich bin eine Frau, die sogar Sport liebend gern im Sitzen macht. Da haben wir schon mal eine Gemeinsamkeit. Die zweite ist, dass wir nur arbeiten, wenn wir dabei Tee trinken können. Meine Teetassen rhythmisieren meinen Schreibfluss, Malmzeits Teetassen sind ein eigenes Instrument. Da soll noch mal jemand sagen, dass Verzerrungen keine Schönheit haben: Schlürf.
Sumatra Bop und Earl Grey spielen ein weiteres Riff, und plötzlich schalten sich meine Spiegelneuronen ein und ich stehe mit ihnen im Sturm und der Regen peitscht uns ins Gesicht und es ist atemberaubend und aufregend und gefährlich. Wenn man Metal spielt, ist man draußen im Wind. Ich verstehe die Musik noch immer nicht, aber ich verstehe, dass sie verdammten Spaß macht.
Dies sind die Midlife-Memoiren der mutmaßlich merkwürdigsten und ganz sicher kleinsten Metalband der Welt. „Klein“ in jeder Hinsicht. Als wir, Earl Grey und Sumatra Bop, im Jahre 2003 das Metal-Duo Malmzeit gründeten, waren wir der Monumentalität und der Materialschlachten des Metal müde. Und gleichzeitig wollten wir die Musik, die wir liebten, weiterhin spielen. Was tun? Uns stand der Sinn nach einem Projekt, das die Brutalität des Todesbleis mit der Heimeligkeit der Kammermusik verquickte. Schubert meets Slayer, wenn man so will. Oder kürzer: Kammermetal. Dazu ein billiger Drumcomputer, der elitären Thrash Metal in niederschwelligen Trash Metal zu verwandeln vermochte. Zudem sollten bei den Konzerten die Pausen zwischen den Songs länger als die Songs selbst sein, auf dass wir bei einem Kännchen Tee mit dem Publikum ausführlich über Gott, die Welt und das Wetter plaudern konnten. Vor allem über das Wetter. Schnell stand fest, dass wir unsere Songtexte einzig diesem Thema widmen wollten. Von Beginn an setzte Malmzeit dabei auf Eigenkompositionen und begründete so neben Kammermetal und Trash Metal auch Heavy Meteo.
Das vorliegende Buch erzählt, wie im Humus dieser Ideen unser Entschluss reifte, die rostigen Routinen des Konzertbetriebs wie auch des Albenveröffentlichens hinter uns zu lassen und den weltweit ersten Heavy-Metal-Lieferservice zu gründen – eine Dienstleistung, die Metal-Konzerte wie Pizza in die guten Stuben bringt. Warum sollte die Kundschaft denn immer zur Band kommen müssen? Das Konsumbürgertum des 21. Jahrhunderts verlässt das Haus ohnehin nur noch für Fernreisen und kosmetisch-chirurgische Eingriffe. Nahrungsmittel, Unterhaltungselektronik und Erotik lässt es sich ins traute Heim liefern. So, dachten wir, müsste es sich doch auch mit zeitgemäßem Metal verhalten. Und tatsächlich funktionierte die Sache auf Anhieb.
Seit 20 Jahren sind wir nun mit minimalem CO2-Fußabdruck in Europa unterwegs, beschallen auf Bestellung mal hochrangige Politiker, mal linksalternative Hausbesetzer*innen, konzertieren mal im rumänischen Rundfunk, mal in einem venezianischen Pavillon, bringen mal einen illegalen Club zum Kochen, mal eine Seniorenrunde während einer Matinee auf Schloss Donzdorf. Wir produzieren keine Tonträger, sondern offerieren die Kostbarkeiten einmaliger Ereignisse. Wir haben keine Plattenfirma, sondern praktizieren anarchische Selbstorganisation. Wir trinken kein Bier, sondern nippen an gesundheitsförderlichen Teevariationen. Wir sprinten nicht streberhaft über Bühnen, sondern sitzen beim Brüllen und Schrubben entspannt im Korbsessel. Und während sich andere Metaller noch im hohen Alter ins knarzende Lederwams zwängen, achten wir auf eine gediegene Bühnengarderobe, mit der sich ohne Zeitverlust direkt zum Opernball oder zum Vorstellungsgespräch wechseln lässt.
Mit der vorliegenden Bandbiographie schließen wir das erste Kapitel unserer Geschichte ab: zwei Dekaden voller Tea, Trash & Talk. Den Heavy-Metal-Lieferservice wird es zwar weiterhin geben. Doch ein neues Kapitel hat sich aufgetan. Mit der Malmzeit-Coverband Malmstein, die ausschließlich aus Malmzeit-Mitgliedern besteht, aber nur im Stehen, in Metal-Kluft und mit Session-Drummer statt Drumcomputer auftritt, diversifizieren wir unser Angebot und expandieren in den Heavy-Meta-Sektor. Es gibt schon zu viele schlechte Coverbands auf dieser Welt. Indem wir das Cover-Geschäft selbst übernehmen, kommen wir miesen Epigonen zuvor und schützen unser Erbe für die künftigen Generationen. Trashige Audio- und Videodokumente dieses Erbes sind über die hier und da am Rand dieses Buchs verstreuten QR-Codes zugänglich.
Zürich und Stuttgart, im Juni 2023Earl Grey & Sumatra Bop
Schon am Anfang kam alles ganz anders, als es hätte kommen sollen. Im Jahr 2003 wurde in Stuttgart überraschend ein Konzert der sagenumwobenen Postrock-Band Ma Cherie for Painting angekündigt, obwohl sie eigentlich keine Live-Auftritte mehr absolvierte. Entsprechend groß waren das Interesse und die Vorfreude im Club „Merlin“. Doch die Typen auf der Bühne waren … irgendwie anders. Die Musik war … irgendwie anders. Nein, das waren doch nicht Ma Cherie for Painting! Die Band hatte sich einen Spaß erlaubt und kurzerhand die Musiker ausgewechselt. Niko Lazarakopoulos, Joachim Henn und Christian Steckroth verbrachten das eigene Konzert vermutlich fußballschauend zuhause.
Unter den frei improvisierenden Musikern auf der Bühne befand sich ein gewisser Earl Grey. Der damals 24-Jährige simulierte in Stuttgart ein Kunstgeschichtsstudium und war hauptsächlich in Tonstudios, in Musikclubs, im Fitnesscenter „Move Factory“ und in einem Asia-Imbiss in Bad Cannstatt, von dem noch die Rede sein wird, anzutreffen. Mit Ma Cherie for Paintings Schlagzeuger Niko Lazarakopoulos und einem blauen Flusskrebs lebte er, inmitten der Stuttgarter Reichen und Verschönerten, in einer etwas heruntergekommenen WG am Killesberg. Eine blinde, über 90-jährige Dame namens Emma Hosenthien vermietete diese aus humanitären Gründen an Studenten. Mitglieder der im Kollektiv Motorcity Sonic organisierten Stuttgarter Indie-Szene gingen dort ein und aus, darunter Floyd und Gage von Navel, Ralv Milberg und Jyrgen Ueberschär von longjumpmin, die Steinbach Twins von The Go-Luckys! und viele mehr.
Im „Merlin“-Publikum wiederum stand ein gewisser Sumatra Bop. Ein paar Jahre zuvor war er nach Stuttgart gezogen und wurde in der dortigen Subkultur neben seinen hauptberuflichen Ingenieurspflichten als Musiker aktiv. Wie Earl Grey hatte er seine Kindheit in der schwäbischen Provinz verbracht, mithin in einer Gegend geprägt von Maschinenbau und industrialisierter Landwirtschaft. In diesem Umfeld war es naheliegend, Metal-Bands zu gründen, was Earl im zarten Alter von 13 Jahren als Sänger und Sumatra mit 14 Jahren als Gitarrist denn auch taten. Während Earl erst im Keller der örtlichen Apotheke, dann im Keller des Musikvereins der Pietisten-Hochburg Korntal probte, musizierte Sumatra 50 Kilometer weiter östlich unter dem schlecht gedämmten Dach des bei Göppingen gelegenen elterlichen Bauernhofes. Es war ein idealer Raum, um an Samstagnachmittagen das gesamte Dorf an den Fortschritten teilhaben zu lassen. An Feedback mangelte es folglich nicht. Jahre später, es muss so Mitte der Neunziger gewesen sein, entschied sich Sumatra aus einer Laune heraus, bei einem Musikalienhändler im nahe gelegenen Donzdorf ein gebrauchtes Saxofon zu kaufen. Damals ahnte er noch nicht, dass das ortsansässige Kleinunternehmen Nuclear Blast dereinst zu einem der bedeutendsten Metallabels der Welt werden würde. Auch konnte Sumatra beim Kauf des Saxofons noch nicht wissen, dass er einmal im Donzdorfer Schloss mit Malmzeit gastieren würde. Doch dazu später.
Die autodidaktischen Versuche auf dem Saxofon ließen sich mit reichlich gutem Willen als eine Spielart von Free-Jazz bezeichnen. Dafür bestand in der Provinz jedoch keine Nachfrage – zu wenig Metal. In der Metropole Stuttgart jedoch erfreuten sich Sumatras holzbläserische Kapriziositäten einer gewissen Nachfrage unter experimentierfreudigen Musikern. So war Sumatra denn zeitweise als Gastbläser bei besagten Ma Cherie for Painting engagiert. Selbstredend wollte er sich den raren Auftritt seiner Teilzeitkollegen nicht entgehen lassen und begab sich an jenem denkwürdigen Abend erwartungsvoll ins „Merlin“. Sumatra und Earl waren sich bereits zuvor begegnet, als sich ersterer in der damaligen Band des letzteren, dem Gehobenen-Mittelstands-Experimental-Rock-mit-stark-technoidem-Einschlag-Trio longjumpmin, ebenfalls als Teilzeit-Saxophonist betätigte.
Nach dem Sans-Cherie-Konzert kamen wir, Sumatra Bop und Earl Grey, erstmals persönlich in ein vertieftes Gespräch. Bei einem Glas Apfelschorle an der Bar entspann sich eine Konversation, die sich ums Zähneputzen drehte. Gründe für die Themenwahl dürften wohl ewig ein Rätsel bleiben. Der damals 32-jährige, lebenserfahrenere Sumatra sprach sinngemäß zu Earl:
„Wer die Bürste von oben nach unten und unten nach oben bewegt, schrubbt alles in die Zahnfleischtaschen. Mit kreisenden Bewegungen lässt sich das vermeiden.“
Von hier aus war es nur noch ein kleiner Schritt zum Austausch intimster Details, darunter die genau hier, an der Bar des „Merlin“ entdeckte gemeinsame Metal-Vergangenheit.
Wir gestanden einander, ein wenig verschämt, nicht schon von Kindestagen an in verkopften Postrock-Formationen gespielt zu haben. Vielmehr waren wir Mitglieder eher kunstferner Heavy-Metal-Bands gewesen – Sumatra an der Gitarre, Earl an der Kehle. Sumatra hatte mit Bands wie Chamoix, Spunk und On Mouse Over zahlreiche Konzerte absolviert, unter anderem im Vorprogramm von The Notwist. Earl war schon als 14-Jähriger mit Pigster auf der Bühne gestanden, etwa in Filderstadt als Vorband von Araya. Und weil am Anfang des neuen Jahrtausends allgemein eine gewisse Nostalgie in der Luft lag, und weil Metal bekanntlich forever ist, und weil es überhaupt ein merkwürdiger Abend war, beschlossen wir, dass man es doch noch einmal versuchen könnte. Das mit dem Metal. Aber auf eher leichtmetallische Weise. Am 31. Mai fand die erste kalendarisch verbürgte Jamsession in Bad Cannstatt statt. Malmzeit war geboren!
Kein Drummer, da waren wir uns schnell einig. Drummer machen Ärger. Sie benötigen Kombifahrzeuge, sind materialintensiv, verbrauchen viel Energie, sind selten taktvoll und überhaupt, diese ganze verschwitzte Körperlichkeit – das passte nicht in die anbrechende digitale Ära, in der doch alles klein, smart, flexibel und easy werden sollte! Also musste ein Drumcomputer her. Wir erstanden ein preiswertes Gerät des Herstellers Zoom im Stuttgarter Musikwarenladen „Sound of Music“, den ein knorriger älterer Herr führte. Hans R. Schweizer hatte sämtliche Rockgrößen des Multiversums persönlich kennengelernt und war für sein unnachahmliches Jugendslangimitat bekannt, mit dem er die Vertreter der schwäbischen Subkulturen zu begrüßen pflegte: „Heyyyyyy, ihr seid immer kniffe [sic!] drauf!“ Die Masche funktionierte kniffe. Jahrelang erwarben wir unser Equipment in Schweizers Geschäft, das damals an der Ecke Wilhelmstraße-Olgastraße lag, darunter auch das bis 2022 verwendete Headset-Mikrophon mit dem charakteristischen kanistrig-mattdumpfen Klang.
Beim Bargespräch im „Merlin“ hatte sich herausgestellt, dass wir beide wenig Interesse daran hatten, über nackte Drachen, feuerspeiende Frauen oder unsterbliche Motorräder zu singen. Die wirkliche Härte im Leben, der absolute Horror, die wahre Allmacht, das einzige Nicht-zur-Gänze-Kontrollierbare, das letzte der Erhabenheit des Metal würdige, aber in ebendiesem noch nicht vollumfänglich erschlossene Thema – das, so waren wir nach dem Apfelschorle bei zwei Tässchen Früchtetee überein gekommen, ist allein das Wetter. Auch schien uns, dass die anderen beiden großen Themen, also Sex und Tod, im Metal bereits hinlänglich behandelt würden. So fassten wir einen Entschluss von monumetaller Tragweite: Das Wetter, einzig das Wetter, wollten wir fortan besingen. Malmzeit war damit – und ist es unseres Wissens weiterhin – das erste und einzige Heavy-Meteo-Duo der Welt. Wie wir aber auf den Namen „Malmzeit“ kamen, und ob dieser etwas mit dem Wetter zu tun hat, müssen andere herausfinden – wir wissen es nicht, haben es vergessen, haben es womöglich auch nie gewusst.
Sumatras damalige Lebensgefährtin fertigte ein Bandfoto an, das uns als ältliche Wettermoderatoren zeigte. Earl schlüpfte dafür in einen übergroßen, in der Schorndorfer Altkleiderhölle „Wühli“ aus dem Klamottenberg gegrabenen Anzug. Der berufstätige Sumatra verfügte bereits über edleres Garn. Die eilends angeworbene Webmasterin Miriam Mohr platzierte die beiden Meteometaller für eine minimalistisch designte Internetseite vor eine Wetterkarte in freundlichen Gelb-, Rot- und Orangetönen. Ein zweites Bandfoto (► Abb. 1) präsentiert uns vor einem überdimensionierten Wetterhäuschen, das im weiteren Verlauf dieser Erzählung noch eine Rolle spielen wird.
Abb. 1: Foto aus der Frühphase: Malmzeit vor Wetterhäuschen (nicht maßstabsgerecht).
Nachdem wir lange die Unterschiede zwischen Wetter und Klima debattiert hatten und übereingekommen waren, dass Klima so etwas wie Wetter in „November-Rain“-Länge sei, nahm die unheilvolle Allianz von Metal und Meteorologie ihren Lauf und die apokalyptische Klimadebatte der 2020er-Jahre vorweg. Denn selbstverständlich handelten unsere Songtexte von schlechtem, ja desaströsem Wetter und seinen Folgen: von Tornados, Kälteeinbrüchen, Erdrutschen, Sturmfluten. Frühe Textzeilen lauteten etwa:
Lightning, prayer, Luther dead Vultures circling ’round his head.
Oder:
In Janesville stands a mansion brightWith Uwe Wesp insideHe’s snoring with the taifun’s breathCalm’s the center of man’s death.
Zum Ausgleich, und weil uns die Jahreszeiten überbewertet vorkamen, verfassten wir einen Song über unsere mit übers gesamte Jahr gleichbleibenden meteorologischen Verhältnisse gesegnete Lieblingsinsel Kiribati, die wir später mehrfach bereisen sollten und über deren Geschichte wir uns vorab in intensivem E-Mail-Verkehr austauschten.
Die Beats, die Sumatra zu diesen Ergüssen auf Zoom programmierte, klangen wenig metallisch. Eher tönte das nach Plastik. Trashig. Und vor allem: unspielbar von Drummern aus Fleisch und Wut. So entstand die seither auf allen unseren Konzerten gegenüber dem Publikum betonte Selbstbezeichnung „Trash Metal – ohne h!“ Gelegentlich gaben wir uns auch als Begründer des „No Metal“ aus, in Abgrenzung zum damals modischen Nu Metal.
Unsere ersten Songs, namentlich der dem Wettermoderator Uwe Wesp gewidmete Song „Wesp“ oder der die Familienverhältnisse des Temperaturerfinders Anders Celsius thematisierende „Celsius’ Sons“ sowie der schlüpfrige Stampfer „Breasts of Heaven“, entstanden wie in einem Rausch, was auch dem permanenten Überkonsum hochwertigen Schwarztees geschuldet gewesen sein mag. Im Bad Cannstatter Tonstudio „Landebahn Favoritenpark“ nahmen wir die Eigenkompositionen probehalber auf und boten sie im Anschluss an ein Konzert von longjumpmin im Stuttgarter Nordbahnhof-Areal live dar. Es war der erste und letzte Auftritt, den wir im Stehen absolvierten.
Das Jahr 2004 begann bedächtig. Neujahrsempfänge, Vernissagen, Spargelpartys, Hochzeitsfeiern, hochkarätige Polit-Events und andere offizielle Anlässe, die dereinst zu unserem Markenzeichen werden sollten, waren noch nicht bereit für Malmzeit. Und Malmzeit war weder bereit für bürgerliche Stuben noch für das große Parkett. Das sollte sich bald ändern. Im März erhielten wir die Anfrage, bei der Geburtstagsfeier des uns schon seit längerem bekannten Comiczeichners Christopher „Piwi“ Tauber aufzutreten. Er entwarf später unser Logo mit fliegender Teetasse und Teebeutel im Wind über einem epischen Ozean. Was viele nicht wussten und nicht wissen: Die Bildschöpfung basiert auf der Nationalflagge Kiribatis und hätte uns ein paar Jahre später, als die amerikanischen Campus Wars nach Europa geschwappt waren, wohl Vorwürfe wegen Cultural Appropriation eingebracht. Andererseits sind Social Justice Warriors meist nicht mit den Feinheiten der Flaggenkunde vertraut, weshalb wir das Logo auch heute noch gelegentlich und bislang ohne Proteste als Backdrop bei Konzerten nutzen.
Piwi plante eine eher kleine Veranstaltung im häuslichen Umfeld, also keine klassische Konzertsituation. Da spielte uns unsere ursprüngliche Entscheidung, keinen menschlichen Schlagzeuger in die Band aufzunehmen, in die Karten. So musste weder ein komplettes Schlagzeug in die oberste Etage des Gründerzeithauses im Stuttgarter Osten geschleppt werden noch bestand ein übergroßes Risiko, sich Ärger mit den Nachbarn einzuhandeln. Der Lärm, den wir zu veranstalten planten, würde den Lärm einer üblichen Party von jungen oder jung gebliebenen Erwachsenen nicht übersteigen. Wir hatten vor, über die normale Stereoanlage zu spielen, die dauerhaft in Piwis Wohnzimmer aufgebaut war. Ein günstiges Mischpult für die Hosentasche, das wir bei Herrn Schweizer erworben hatten, sollte uns in die Lage versetzen, unsere überschaubare Anzahl an Signalen zu einer mehr oder weniger wohlklingenden Stereo-Summe zusammen zu mischen. Auch handelsübliche Hi-Fi-Geräte sollten damit klarkommen – so unsere Einschätzung.
