Malessa macht Urlaub - Andreas Malessa - E-Book

Malessa macht Urlaub E-Book

Andreas Malessa

4,8

Beschreibung

26 sonnig-leichte kurze Geschichten, persönliche Anmerkungen und Anekdoten von A bis Z – geschrieben mit "Stil und Klasse" von Andreas Malessa. Für reisefreudigen Menschen und Daheimurlauber: die perfekte Lektüre fürs kleine Gepäck! "Andreas Malessa ist ein Meister der Erzählkunst. Urkomisch, voller Wortwitz, mit scharfer Zunge und viel Herz. Reisespaß als Lesespaß. Auch für die häusliche Bettlektüre geeignet. P.S.: ACHTUNG! Ihr lautes Auflachen bei Andreas Malessas Reisegeschichten könnte Ihren Nachbarn erschrecken. Am besten, Sie lesen ihm die urkomischen und scharfsinnigen Geschichten gleich vor!" Claudia Filker * Autorin ("10 1/2 gute Gründe ... lieber locker zu bleiben") "Mit einer Prise Leichtigkeit versehen etwas über die Dinge der Welt zu erfahren und dabei von einem wunderbaren Schmunzeln in ein herzhaftes Lachen überzugehen – das liebe ich! Danke, Andreas Malessa, für diese Urlaubsverschönerung mit Nachklang!" Johannes Warth * Ermutiger, Persönlichkeitscoach und Überlebensberater

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Andreas Malessa

Feriengeschichten von A–Z

Andreas Malessa, Hörfunk- und Fernsehjournalist für mehrere ARD-Sender, Theologe, Buchautor und Songtexter (zuletzt für das Musical „Amazing Grace“), ist verheiratet, Vater zweier erwachsener Töchter und lebt in der Nähe von Stuttgart.

Vom Autor im Brunnen Verlag Gießen erschienen und lieferbar:

Was gibt’s da zu feiern?! – Weihnachtsgeschichten, kurz und gut. Gießen, 2015

Was gibt’s da zu lachen?! – Advent und Weihnachten, mal so gesehen. Gießen, 3. Auflage 2012

Männer sind einfach … – aber sie haben’s nicht leicht. Mit Ulrich Giesekus. Gießen, 6. Gesamtauflage 2016

Vergeben kann man nicht müssen – Weiterleben, wenn Unverzeihliches passiert. Mit Ulrich Giesekus. Gießen, 5. Auflage 2012

© 2017 Brunnen Verlag Gießen

Lektorat: Petra Hahn-Lütjen

Umschlagfoto: Getty Images

Umschlaggestaltung: Jonathan Maul

Satz: DTP Brunnen

Druck: GGP media GmbH, Pößneck

ISBN Buch 978-3-7655-0976-6

ISBN E-Book 978-3-7655-7383-5

www.brunnen-verlag.de

Inhalt

Vorwort

Abschied

Braun werden, aber schnell

Christliche Freizeiten

Drogen, erlaubte

„Erzähl mir nix …“

Flanieren

Gästebuch

Heilfasten – krank wandernd

Inkognito anwesend

Junge, lern Deutsch

Klima-Erwärmung, kulturelle

Liegend surfen, barfuß

Medienpräsent schweigen

Nasen. Flügel der Erinnerung

Ohne Kinder

Pfannkuchen der Verbundenheit

Quatsch

Reisesegen, irisch

Seefahrt, kreuzweise

Theken und Tresen

Ur-Erlebnis, isländisch

Vorbeugen beim Autostehen

Wahl-Heimat und Heim-Weh

Xenophobie

Yes, ve gan

Zu Hause!

Vorwort

Sommerlektüre soll „leicht“ sein. Also physisch leicht zu tragen und geistig leicht zu lesen. Dünn genug, um das Handgepäck und die Strandtasche nicht zu belasten. Aber dick genug, um vierzehn Tage Unterhaltung zu bieten. Am besten in einem abwaschbaren Umschlag gebunden, so dass Sonnenöl, Sand, Picknick-Wurst und undichte Wasserflaschen dem Buch nichts anhaben können.

(Wenn Sie diese ersten Zeilen auf Ihrem Tablet nicht gut erkennen konnten: Nehmen Sie die Sonnenbrille ab. Oder beauftragen Sie Ihre Familie, das Ladegerät zu suchen. Oder verändern Sie den Winkel der Sonneneinstrahlung So. Geht’s jetzt?)

Mit meinen Kurzgeschichten möchte ich Sie be-helligen. Also Ihre Stimmung aufhellen, indem ich ein paar erhellende Beobachtungen mit Ihnen teile. Jeden Tag ein Kapitel zu sich zu nehmen, wird Sie erleichtern. Denn von rund 82 Millionen Deutschen fahren 54 Millionen mindestens einmal jährlich in Urlaub. Dafür geben sie pro Kopf und Reise durchschnittlich 958 Euro aus, sagen die Marktforscher. Wer so viel investiert, gerät unter Erwartungsdruck. Und dann unter Leistungsdruck. Sagen die Ärzte, Therapeuten und Seelsorger. Väter wollen geduldiger, Mütter wollen sorgloser, Paare wollen rücksichtsvoller, Singles wollen lockerer und Kinder wollen friedlicher sein. Und, ganz wichtig, alle wollen „abschalten“, „Abstand gewinnen“, „runterkommen“, „die Seele baumeln lassen“, „zu sich selbst finden“ und – das wollen Christenmenschen noch obendrauf – „in der Stille zu Gott finden“. Mit neuen Erkenntnissen nach Hause kommen. Am besten mit ganz tiefen.

Viele Monate vor diesen tiefen Einsichten, Erkenntnissen und Erfahrungen aber haben sie ja recherchiert, wie tief der Griff in die Tasche sein müsste:

Durchschnittlich 18 Stunden verbringt der normal verdienende Bundesbürger vor dem Bildschirm, wenn er im Internet einen Urlaub plant. Einen!

56 Stunden benötigt er für alle Urlaubstrips und Ausflüge des Jahres zusammen. Nach dem Klick auf das Schaltfeld „verbindlich buchen / jetzt kaufen“ quält ihn die Sorge, ob er nicht doch alle „5 Millionen weiteren Schnäppchen“ hätte prüfen sollen, mit denen zum Beispiel das Reiseportal „sonnenklar.de“ wirbt.

Sich entscheiden müssen oder sich entschieden haben, das macht manchen das Herz schwer. Und die es leicht nehmen, sitzen dann im Flieger neben jemandem, der denselben Flug 150 Euro billiger ergattert hat.

Drei Kilo Reiseführer aus Papier sagen dem Reiseplanenden nun, was man im Urlaubsland gesehen haben muss, was man unbedingt vermeiden sollte, wo man was am leckersten isst, wie man trotzdem gesund bleibt, die Natur schont, Energie spart, den Einheimischen sozial gerecht wird und bei alledem noch Geld übrig hat. Machen Sie das mal alles gleichzeitig, an jedem Urlaubstag!

„Richtig reisen“ ist schwer. Diese Tatsache leichtzunehmen und sich mit einer Prise Selbstironie darüber lustig zu machen, macht leicht. Und heiter. Und hell.

Bitte schön. Würde mich freuen.

Andreas Malessa

Abschied

Sie wundern sich, warum ein Urlaubsgeschichten-ABC mit „Abschied“ beginnt? Weil sich viele Männer und Frauen von Schreibtischen und Arbeitsplatten erst dann beruhigt verabschieden, wenn dort alles abgearbeitet ist. Abartig vieles. Vor dem realen Abfahren kommt das mentale Abfahrenkönnen.

Nur noch schnell diese eine Geburtstagskarte, diese zwei Überweisungen, diese unaufschiebbaren drei Telefonate, diese vier wichtigsten Antwortmails! Vielleicht sind die letzten Arbeitstage vor dem Urlaub die effizientesten in der Jahresleistung eines Berufstätigen. Hat das denn noch kein Institut mal untersucht? Je schlechter das Betriebsklima in einer Firma ist, umso hektischer wird der Kurz-vor-Urlaub-Fleiß: „Den Arbeitsplatz sauber zu verlassen“ ist meist eine notwendige Sicherheitsmaßnahme, damit die Urlaubsvertretung nichts Missverständliches vorfindet. Oder gar Fragwürdiges entdeckt. Wär’ doch blöd, wenn die hinterlassenen Papierstapel reichlich Stoff für den Teeküchen-Tratsch der lieben Kollegen böten …

Du weißt, dass die Abfahrt in den Urlaub bevorsteht, wenn es tagelang weder Salat noch Gemüse gibt. Wenn sich Obst, Eis, Kuchen, ja sogar Brot, Wurst und Käse still verabschiedet haben, weil „die Reste verschimmeln würden, bis wir wiederkommen“. Und weil man ja keine Lebensmittel wegwerfen will. Also jedenfalls nicht in Mengen. Der Urlaub naht, wenn man lernt, dass Fliegenlarven Madenheere erzeugen, dass Lebensmittelmotten selbst in eingetupperte Grundnahrungsmittel dringen und dass es Schimmelbefall in den Variationen blau, rosa und pelzig gibt. Die Ferienabreise rückt heran, wenn von den Pflanzen der Wohnung nur noch als Opfer gesprochen wird. Als Opfer möglicher Verwahrlosung. Wenn sie entweder vertrocknen oder ertrinken oder verfaulen oder einfach vereinsamen könnten.

Aber während die Gespräche sorgenvoller, die Mahlzeiten karger und die Portionen kleiner werden („mach nichts Neues mehr auf, ja?“), wird die Wohnung immer schöner! Selten im Jahr – die Vorweihnachtstage mal ausgenommen – wird so gründlich gesaugt, so viel gewischt, so energisch gewienert, geräumt und geordnet wie an letzten Tagen vor dem Urlaub.

Dass der Kompost entsorgt werden muss, leuchtet selbst Männern ein. Aber warum Fenster geputzt, Gardinen gewaschen, Teppiche ausgeklopft, Bettwäsche gewechselt und Regale abgestaubt werden müssen, bleibt ein Geheimnis zwischen den Geschlechtern.

Der Start in den Urlaub lässt in manchen Familien sogar Wunder geschehen: Zeitschriftenstapel schrumpfen, CDs finden in ihre richtigen CD-Hüllen zurück, Altglas und Altpapier verschwinden, kaputtes Spielzeug und defekte Computerhardware landen endlich, endlich im Metallschrott.

Wann ist das Ziel dieser verdichteten, geradezu explosiven Häuslichkeit erreicht? Das sollten Unbeteiligte – mehrheitlich Männer und Kinder – besser nicht fragen. „Die Wohnung tipptopp hinterlassen“ ist ein evolutionärer Prozess wie die Schöpfung Gottes. Nie ganz abgeschlossen. Allerdings muss ich einschränken: Den Seufzer „So! Jetzt müssten wir nur noch die Raufaser streichen. Wollen wir nicht zwei Tage später fahren?“ – den halte ich für ein antifeministisches Gerücht. Glaub ich nicht. Hat keine Frau je gesagt. Aber dass Männer schon gefragt haben: „Warum ist unsere Wohnung immer dann am saubersten, wenn sie niemand sieht?“ – das weiß ich aus zuverlässiger Quelle.

Vielleicht gibt es nur zwei Methoden, den mühselig langen Abschied vor der Abreise abzukürzen, das zwanghafte Erfüllen von Aufräum- und Putz-Pflichten zu beenden. Eine ist einfach. Die andere ist radikal:

Fahren Sie mit dem Wohnmobil in einen Campingurlaub. Dann nämlich räumen Sie alles Unaufgeräumte aus der Wohnung in den Wagen, stopfen alle Vorräte und Lebensmittelreste in den Kühlschrank – und fahren ab.

Oder: Stellen Sie sich vor, in den nächsten zwölf Stunden zu sterben.

Was wäre, wenn Sie alles Kleine und alles Große, den banalen Krimskrams und die wichtigen Familienthemen, die Essensvorräte und die Versöhnungswünsche, den Glauben, die Hoffnung und die Liebe unvollendet, unerfüllt, halbfertig und unerledigt hinterlassen müssten. Wenn Sie Psalm 90, Vers 12 ernst nähmen:

„Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, damit wir klug werden.“

Dieser Abschied kommt. So viel ist sicher.

Braun werden, aber schnell

Ich habe einen Traum“, hatte der schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King am 28. August 1963 in Washington vor 250.000 Demonstranten gerufen. „Ich habe den Traum, dass meine Kinder eines Tages nicht mehr nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt werden!“

Roswitha beurteilte ihre Kinder immer noch nach der Hautfarbe. „Wie blass du wieder aussiehst!“

Nicht aus Rassismus tat sie das. Aus reiner Fürsorge. „Geh doch mal an die frische Luft! Hock nicht immer vor dem Computer! Wo kommen denn diese Pickel und Pusteln her?“ Von der Pubertät, könnte man meinen. Aber nein: „Wir müssen mehr vegetarisch kochen, mehr Obst essen, mehr Sport treiben, mehr nach draußen!“

Wolf-Rüdiger, ihr noch neunundvierzigjähriger Mann, wäre auch lieber nach seinem Charakter beurteilt worden. War ein müdes Hellgrau seine vorherrschende Gesichtsfarbe, warnte ihn Roswitha vor baldigem Burn-out-Syndrom. Kam er mit geröteten Wangen und Ohren aus dem Büro, befürchtete sie Bluthochdruck und Herzinfarkt.

Es ist eigenartig: Noch immer gilt „knackebraun nach Hause kommen“ als untrüglicher Beweis für einen glücklichen, gelungenen Urlaub. Egal, wie astronomisch hoch die Sonnenschutzfaktoren der Cremes und Öle noch werden und wie oft Hautärzte vor den Gefahren krebserregender Verbrennungen warnen – sonnengebräunte Haut ist nicht nur Schönheitsideal, sondern auch Statussymbol. Jahrhundertelang war klar: Das Dekolleté einer vornehmen Frau schimmert porzellanweiß, denn für die groben Arbeiten unter sengender Sonne hat sie natürlich Personal. Gebräunte Gesichter verraten den Bauern, die Magd und alle, die ihr Brot draußen im Freien verdienen müssen.

Heute signalisiert Hautbräune: Da hatte jemand das Geld und die Zeit, sich in die Sonne zu legen! War in einer Weltgegend, wo immer die Sonne scheint. Da hat eine Frau drei kleine Kinder, einen Teilzeitjob und keinen Mann, sieht aber wahnsinnig frisch und erholt aus. Ich packe das locker, ich bin souverän, ich bleibe entspannt, verkündigt ihr Teint.

Deshalb verblüffte es Wolf-Rüdiger, dass Roswitha kopfschüttelnd eine sonnenbankbraune Person betrachtete, als sie nebeneinander in der U-Bahn saßen. Eine junge Frau schräg gegenüber trug ein bauchfreies T-Shirt, obwohl sie beileibe nicht bauchfrei war. Roswitha fuhr mit der Hand an ihrem Körper entlang. Dorthin, wo mal eine Taille gewesen sein musste. „Rettungsringe sollte man nicht auch noch öffentlich präsentieren“, flüsterte sie, „und rot sind die Speckröllchen auch noch! Weil die Röhrenjeans so klemmt. Möchte nicht wissen, wie die im Bikini aussieht.“

Wolf-Rüdiger nickte. Ehrlicherweise hätte er sagen müssen: „Ich schon“. Aber was man nicht weiß, kann man sich ja denken, und so stellte er sich noch ein paar andere Hautpartien der freizügigen Bauchigen vor.

„Hörst du mir überhaupt zu?!“, hörte Rüdiger seine Frau fragen. Ein ehrlicher Charakter hätte jetzt „Entschuldige, nein“ geantwortet. Rüdiger aber sagte verdattert „Ja, klar“ und wurde dabei ein wenig rot.

Zu seinem fünfzigsten Geburtstag präsentierte Roswitha sie dann doch: ihre unstraffe, blasse, weitgehend nackte Haut. Auf Ibiza. Während einer Woche Strandurlaub in der preiswerten Nebensaison. Der war das Festgeschenk für ihren Mann. Von dem sie träumte, dass er knackebraun in den Berufsalltag heimkehren und als glücklich erholter, souverän entspannter Bonvivant beneidet werden würde.

Jede Art von fünfzigstem Geburtstag hatten die beiden schon mitgemacht: Rockkonzerte in zu kleinen Räumen (mit Tinnitus-Garantie, tagelang); kreatives gemeinsames Kochen unter Anleitung eines 5-Sterne-Chefs (der Knoblauchgeruch im Partyhemd überlebte jeden Waschgang), Barfußtanzen in Mittelalterkostümen aus Filzwolle (Wolf-Rüdiger klagte noch lange über sogenannten Phantom-Juckreiz) und esoterische Klangmeditationen mit Solo-Cellistin (zwei Mal musste Roswitha diskret geweckt werden). Auf all diesen Jubiläen ihrer Freunde war Roswithas Traum gereift: Zum Fünfzigsten ab in die Sonne!

Die aber blieb hinter schweren Wolken so verborgen wie Wolf-Rüdigers erotische U-Bahn-Fantasien hinter seiner Stirn. Sonnenbaden? Braunwerden? Im März auf den Balearen diesmal Fehlanzeige. Am ersten kühl windigen Strandtag fegte eine regnerische Sturmbö Roswithas Handtasche samt Pass und Geldbörse in die Brandung. Am zweiten Nieselregentag bekam Wolf-Rüdiger erst Schnupfen und dann allergische Hautrötungen. Am dritten Urlaubstag schließlich – da setzte sich ein irisches Paar zu ihnen an den Tisch. Sie wog schätzungsweise hundertzwanzig Kilo und hatte die schneeweißeste Alabasterhaut, die Roswitha je gesehen hatte. Er war so struppig rothaarig und schuppig sommersprossig, wie ihn keine Whisky-Werbung hätte besser erfinden können. Sie sprachen englisch, das war zu ahnen, aber wegen ihres Dubliner Dialekts kaum zu verstehen. Die beiden kramten Spielkarten hervor, man verständigte sich rasch über die wichtigsten Grundregeln, und dann begannen Canasta-, Rommé- und Bridge-Turniere. Ein unablässiges Zuprosten auf runde Geburtstage und verregnete Urlaube, ein Lachen und Herumalbern bis in die Nacht. Die Gesprächsthemen schwankten von Kindererziehung bis Weltpolitik.

„Als Barack Obama gewählt wurde“, rief Wolf-Rüdiger irgendwann mit schwerer Zunge, „da brachten sie bei uns im Fernsehen die I-have-a-dream-Rede von Martin Luther King.“ Er musste kurz aufstoßen und holte tief Luft. „Also, wenn man die so in Schwarz-Weiß sieht, im Original meine ich, wenn man die nochmal hört – da kriegt man vor Rührung, da kriegt man …“

Da kriegt man richtig Gänsehaut, wollte er sagen.

Aber Roswitha wusste auch nicht, was Gänsehaut auf Englisch heißt.

Christliche Freizeiten

Zum besseren Verständnis für Uneingeweihte: Normale Berufstätige unterscheiden täglich zwischen Arbeitszeit und Freizeit (im Singular).

Christen dagegen arbeiten nach ihrer regulären Arbeitszeit auch in ihrer Freizeit weiter. Ehrenamtlich nämlich. Dafür haben sie am Wochenende oder im Urlaub „Freizeiten“ (im Plural).

Gemeint sind organisierte Gruppenreisen von Gleichgesinnten, die in sogenannten Freizeit-„Heimen“ stattfinden. Das sind Unterkünfte, die von der Architektur, der Innenausstattung, dem Service und der Atmosphäre her oberhalb von Militärkasernen rangieren, gleichauf mit Jugendherbergen liegen, aber unterhalb viersterniger Urlaubshotels bewertet würden.

Untrügliches Erkennungszeichen jedes christlichen Freizeit-„Heims“ ist der rote Tee. Hagebuttentee. Aus verbeulten Blechkannen in dickwandige, meist kalte Stapeltassen serviert. So wie Tomatensaft mit Pfeffer und Salz ausschließlich in Flugzeugen getrunken wird, wird Hagebuttentee ausschließlich in christlichen Freizeitheimen getrunken. Sonst nirgendwo auf der Welt. Unternehmensberater nennen so was den „Unique Selling Point“, das konkurrenzlose Alleinstellungsmerkmal.

Falls es ausnahmsweise – durch ein Versehen, kann ja mal passieren – keinen roten Tee geben sollte, dann gibt es Kamillentee. Sein Geruch gemahnt nämlich auch kerngesunde Freizeitteilnehmer daran, dass sie jederzeit tragisch pflegebedürftig werden könnten.

Im dunklen 20. Jahrhundert hatten Kinder und Jugendliche manchmal Angst, „ins Heim zu kommen“. Berechtigterweise. Heutzutage können sie’s kaum erwarten. Vorausgesetzt, es ist ein „Freizeit“-Heim, ein christliches. Trotz roten Tees ist nämlich in den meisten Einrichtungen das Betriebsklima warmherzig, die Betreuung fürsorglich und das Programmangebot vielfältig. Ganz im Ernst: Geboten werden dort Sport, Spiel, Spaß, Bildung und Unterhaltung, soziales Lernen und – spirituelles Erleben. Geistliche Erfahrungen. Möglichkeiten zur Begegnung mit Gott. Es gibt Gottesdienste, man liest in der Bibel, betet zusammen, diskutiert Themen, bietet Beichtgespräche an – alles auch für Erwachsene, klar. Männerwochenenden mit Outdoor-Action, Frauen-Verwöhntage, Ehe- und Familienfreizeiten, thematische Tagungen und Seminare, Einkehr- und Schweige-Wochenenden, „Exerzitien“, wie Katholiken sagen würden – und das alles in der Regel von professionellem Personal präsentiert: Erlebnispädagogen, Gemeindediakone, Jugendleiter und Sozialarbeiterinnen, Pfarrerinnen und Pfarrer, Musiker, Schriftsteller, Ergo-, Logo- und Physiotherapeuten, Ärzte und Dozenten engagieren sich mehrheitlich gern und oft bei solchen „Freizeiten