Malinois - Lukas Bärfuss - E-Book

Malinois E-Book

Lukas Bärfuss

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Beschreibung

In zugleich sinnlicher wie analytischer Sprache gehen die Erzählungen Lukas Bärfuss' der Liebe und dem Begehren nach. Der erste Erzählband von Lukas Bärfuss! Die Liebe und das Begehren in all ihren Spielarten sind die Fluchtpunkte in diesen Erzählungen von Lukas Bärfuss. Wie begegnen wir uns? Welche Sehnsüchte treiben uns um? Nach welchen Vorlagen entwerfen wir die Geschichten unserer Leidenschaften? Bärfuss zeichnet eine Kartographie der Passionen. Seine Geschichten handeln von Grenzerfahrungen, die wir mitten im Alltag machen können. Sie zeigen die Momente der Verwandlung.

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Lukas Bärfuss

Malinois

Erzählungen

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© Wallstein Verlag, Göttingen 2019

www.wallstein-verlag.de

Umschlaggestaltung: Norm, Zürich

unter Verwendung einer Lithografie von Shirana Shahbazi (Palme, 2014)

ISBN (Print) 978-3-8353-3600-1

ISBN (E-Book, pdf) 978-3-8353-4433-4

ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-4435-8

Inhalt

Was ist die Liebe?

Bürgerort

Los Angeles

Haschisch

Ein Engel in Erding

Der Keller

Eine feine Nase

Ernesto

Erinnerungen an den Dramatiker Martin Babian

Der Schlüssel

Jakobshöhe

Malinois

Was ist ein Hund?

Nachbemerkung

Was ist die Liebe?

Eine Fürchterlichkeit natürlich; eine Wildnis, die Unterstand verspricht; ein schrecklicher Wille zur Unordnung, der sich hinter Ritualen verbirgt; eine Grausamkeit, die sich der Zärtlichkeit bedient; eine Gesetzlosigkeit, die Freiheit behauptet. Liebe ist auch eine Funktion des Magens, die sich nicht auf diesen beschränkt.

Ein vierundfünfzigjähriger Mann, der davon lebte, in Gaststätten die Geldspielautomaten zu unterhalten, seit zweiunddreißig Jahren verheiratet, Vater zweier Söhne, der Ehefrau treu und ergeben in jenem Sinne, dass er ihr vertraute und auch mit ihr zu reden versuchte, wenn es ihm leichter gefallen wäre, zu schweigen, verliebte sich in seinen Schwager, den Gatten seiner Schwester.

Der Schwager war Pfeifenraucher, und die Schönheit der reifen Männer war längst aus seinem Gesicht gefallen. Er kam ins Alter, in dem die Nase noch einmal größer wird und Haare in den Ohren sprießen.

Dreißig lange Jahre hatten die Männer sich gekannt, hatten geteilt, was sie glaubten teilen zu können, die Sonntagabende auf der Veranda, die Marmelade aus dem eigenen Garten, den Kummer mit den Kindern, einmal auch den Strandurlaub.

Der Mann hatte nichts für den Schwager gefühlt, bis zu jenem Samstag, an dem sie die Frühjahrsmesse besuchten. Sie waren beide in Laune, alberten mit den Verkäufern herum und lachten über eine Überflüssigkeit, die sie ihren Ehefrauen kauften.

Später entschlossen sie sich, den Heimweg zu verlängern und durch das Ried zu gehen. Es gab Hunde dort, und es war mitnichten Frühling, es war immer noch Februar, wenn auch ein viel zu warmer. Jenseits der Brücke blühten frühe Krokusse. Der Schwager bückte sich nach den Blumen, und der Mann sah die violetten Blüten in der großen Hand, dachte, schöne Krokusse in einer schönen Hand, und als der Schwager sich erhob, wurde der Mann schüchtern und lachte. Weshalb lachst du?, fragte der Schwager. Nur so, gab er zu Antwort und erkannte, dass ihm am Schwager auch die Augen gefielen. Er hustete. Er senkte seinen Blick. Sie gingen weiter. Vor dem Haus des Schwagers verabschiedeten sie sich. Er wurde zornig, wie er an seine Schwester dachte, und traurig, als er vor sich die sinnlosen Stunden sah.

Sonntags gab es Schnee. Seine Frau und er blieben zu Hause. Sie schaute fern, er saß neben ihr auf dem Sofa und blätterte in alten Fotoalben. Als sie einmal auf die Toilette ging, riss er eine Fotografie vom Karton und steckte sie in sein Portemonnaie.

Er sah sich die Fotografie immer wieder an, den ganzen nächsten Tag auf seiner Runde durch die Gaststätten. Er leerte rasch die Münzkassetten, ließ die durchgebrannten Leuchtdioden stecken, lehnte den Kaffee ab, den man ihm anbot, setzte sich in den Wagen und betrachtete das Bild seines Schwagers am Strand von Sète, Sommer sechsundachtzig. Du dummer Hund, du dummer, sagte er laut zu sich und schüttelte den Kopf.

Erst ein halbes Jahr später, nach einer Einladung bei Schwester und Schwager, offenbarte er sich seiner Frau. Sie waren in der Küche. Er saß. Sie stand.

Was willst du machen?, fragte sie.

Ich möchte bei ihm sein, ich möchte sehen, wie er Krokusse streichelt.

Das kannst du doch, meinte sie, da ist doch nichts dabei.

Es war eine Weile still, und dann sagte er: Und ich möchte ihn küssen, einmal nur.

Seine Hände lagen auf dem Tisch.

Dann sagte seine Frau: Ich habe darüber gelesen. Das kommt vor in deinem Alter. Das ist der Magen. Das geht vorbei.

Bürgerort

Meine Mutter hatte mir gesagt, dass, falls ich es nicht mehr könnte, die Gemeinde E. als mein Bürgerort für mich aufkommen müsste. Deshalb fuhr ich hin. Am Bahnhof löste ich, da ich nicht wusste, auf welchem Weg ich zurückkehren würde, lediglich eine Fahrkarte für die Hinfahrt. Im Zug traf ich eine Bekannte. Wir hatten uns zwei Jahre nicht gesehen. Sie erzählte von ihren Reisen. Sie schien müde. Wir tranken Kaffee, den meine Bekannte bezahlte. Deshalb bemerkte ich es im Zug nicht.

In B. verabschiedete ich mich von meiner Bekannten und stieg in den Regionalzug nach L. Im Zug saßen außer mir nur drei schweigende Frauen und ein Mann mit langen Haaren und einer tätowierten Stirn. Eine der Frauen hatte braune Augen, die mir gefielen. In S. verließ ich sie und wartete auf den Autobus, der mich nach E. brachte. Die Fahrt führte durch hügeliges Land. Es war ein ungewöhnlich trüber Tag, mit Regen seit dem Morgen. Der Sturm vom vorigen Winter hatte in jener Gegend schlimm gewütet. Ich sah Wälder, die keine mehr waren.

In E. fragte ich jemanden nach dem Weg zur Gemeindekanzlei. Ich hielt Ausschau nach Gebäuden, in denen Sozialwohnungen zu vermuten waren. Ich sah einen Wohnblock mit unglaublich kleinen Fenstern. Ich betrat einen Spezereiladen, in dessen Regalen nichts als ein verkohltes Brot und drei Stück holländischer Plunder lagen. Auf dem Plunder saßen Fliegen. Ich kaufte nichts. Deshalb bemerkte ich es im Spezereiladen nicht.

Beim Schulhaus empfing mich Geschrei und vor der Gemeindeverwaltung die Armee. Es gab Soldaten, Jeeps, Stacheldraht, aufgereihte Sturmgewehre, einen mit Sandsäcken geschützten Kontrollposten und einen Unteroffizier, der mich passieren ließ. In der Kanzlei saßen der Schreiber und sein Gehilfe an ihren Pulten. Ich fragte nach dem Zivilstandsregister. Ich sei Bürger dieser Gemeinde. Der Schreiber antwortete, es werde seit einiger Zeit aus Kostengründen in L. geführt. Er persönlich bedaure dies. Das Zivilstandsregister sei für einen Bürgerort dasselbe wie das Gedächtnis für den Kopf. Welchen Sinn habe ein Kopf ohne Gedächtnis, fragte der Schreiber. Der Hilfsschreiber hob die Schultern. Früher, fuhr der Schreiber fort, seien sommers die amerikanischen Mormonen gekommen, deren Vorfahren von hier ausgewandert oder vertrieben worden seien. Den Mormonen sei Ahnenforschung religiöse Pflicht, und er selbst sei in die Archive gestiegen. Er habe die Kolonnen in den alten Registern nach den Namen jener durchsucht, die aus der Gemeinde E. ausgewandert oder vertrieben worden seien. Er sei erblasst beim Lesen der Chroniken. Er habe Dinge gesehen, raunte der Schreiber. Der Hilfsschreiber nickte und blieb stumm. Auf der Schaltertheke lag eine Broschüre mit dem Titel »Heimatbuch von E.«. Ich fragte nach dem Preis. Es sei das letzte, sagte der Schreiber und schenkte es mir. Deshalb bemerkte ich es in der Gemeindekanzlei nicht.

Im Gasthof zum Löwen aß ich Fleisch und Bohnen und entschloss mich, weil es billig war, ein Zimmer zu nehmen. Die Serviererin lachte und setzte das Essen auf die Rechnung. Deshalb bemerkte ich es auch im Gasthof nicht.

Es war ein gutes Zimmer, und es war ein gutes Bett. Ich zog die Hose aus und lag eine oder zwei Stunden unter der warmen Decke und las im Heimatbuch.

Spät am Nachmittag stand ich auf dem Friedhof. Es war ein ungepflegter, schlammiger Acker an der Hauptstraße. Die Gießkanne hatte Rostlöcher, und auf dem gekiesten Pfad wuchs Unkraut. Selbst die Gräber der Kinder waren vergessen. Ich fand ein offenes Grab, faulige Trauerkränze und ein Kreuz, auf dem mein Name stand. Der Mann war seit zwanzig Jahren tot. In der Kirche, von deren Glocken es im Heimatbuch hieß, sie hätten, als die Täufer ermordet oder nach Amerika deportiert wurden, in angemessenem, bescheidenem B–Des geklungen, wollte ich dem Opferstock spenden.

Da bemerkte ich, dass ich das Portemonnaie mit meinem ganzen Geld verloren hatte.

Wie sollte ich nun die Fahrkarte bezahlen? Mit welchem Geld das Essen und das Zimmer? Ich hatte doch schon das Laken zerknüllt!

Ich dachte an das, was meine Mutter gesagt hatte.

Der Schreiber sagte: Ja, das habe früher gegolten, da habe die Heimatgemeinde ihre armengenössigen Bürger aufgenommen, habe ihnen Essen gegeben und ein Bett. Das sei nicht mehr so. Das sei vorbei. Schon lange. Geld gebe es keines. Unter keinen Umständen. Der Hilfsschreiber schüttelte den Kopf.

Deshalb verließ ich die Kanzlei, und deshalb floh ich aus E., von der in meinem Pass steht, sie sei meine Heimatgemeinde, und die mich genährt und gebildet und mir ein Bett gegeben hat, obwohl ich kein Geld hatte und nichts zum Bezahlen.

Los Angeles

Mutter wartete schon unten an der Straße. Jemand muss ihr die Treppe hinuntergeholfen haben. Sie hat sich hübsch gemacht. Sie trägt ein flaschengrünes Kleid, das Haar hat sie hochgesteckt, und auf den Wangen glänzt das Rouge.

– Hallo, sage ich und beuge mich zu ihr hinunter. Sie streckt ihren dünnen Hals, und wir küssen uns. Dann hebt Mama ihre Arme, damit ich sie fassen kann. Ich hebe sie aus dem Rollstuhl und setze sie auf den Beifahrersitz. Den Rollstuhl verstaue ich auf der Ladefläche des Transporters und bin erstaunt, wie schwer er ist. Mutter ist viel leichter.

– Dann wollen wir losfahren, nicht wahr, sagt Mama und lässt ihre Beinstummel über die Sitzkante baumeln. Sie ist aufgeregt wie ein Schulmädchen. Ich rieche ihr Parfum. Es ist süß.

– Was schaust du mich so an, sagt sie, du weißt, ich bin nervös. Schließlich haben wir uns seit weiß Gott wie langer Zeit nicht gesehen. Ich bin dort nicht erwünscht.

– Claire möchte dich häufiger sehen, sage ich, während ich den Motor starte. Du bist diejenige, die immer eine Ausrede findet.

Es ist noch früh. Wenn Mutter einen zu sich bestellt, so hat man früh zu erscheinen. Noch kein Verkehr auf der Autobahn. In der Schlucht, die wir auf dem Viadukt überqueren, hängt der Morgennebel, und aus den Schornsteinen steigt der Rauch in dünnen Fäden in den Himmel.

– Wenn sie bloß diesen Nichtsnutz verlassen würde, sagt sie.

– Versteh es endlich, Mama. Sie will ihn nicht verlassen. Sie lieben sich. Weißt du, was das ist, Liebe?

Mutter schaut durch ihre dicken Brillengläser hindurch einem roten Sportwagen hinterher.

– Und überhaupt, sage ich und weiß, dass es nichts ändern wird, was sollte dann mit Pepe geschehen?

– Ich habe euch auch alleine durchgebracht, faucht sie. Man braucht dazu keinen Mann.

Einen Mann vielleicht, aber sicher keinen Nichtsnutz. Ich habe es früh genug eingesehen. Seinen Kram habe ich ihm auf die Straße gestellt. Weg war er. Hat sich nicht wieder blicken lassen, verstehst du, nicht ein einziges Mal. Keinen Franken habe ich gesehen. Ich habe es alleine geschafft. Und hat es dir oder Claire in irgendeiner Weise geschadet?

– Darum geht es nicht, sage ich. Sie braucht nicht alles so zu machen, wie du es getan hast. Sie hat ihr eigenes Leben.

– Ach was. Sie ist bloß zu stolz, um zuzugeben, dass ich recht hatte. Von Anfang an habe ich es gewusst. Mit dem, habe ich zu ihr gesagt, mit dem wirst du deine Probleme haben.

Sie ist zu stolz. Ich bin auch stolz, das hat sie von mir. Ich war zu stolz, um einen Nichtsnutz auszuhalten. Das ist der Unterschied. Dann lässt sie sich schwängern, und jetzt hat sie Probleme.

– Sie hat aber keine Probleme, sage ich.

– Und die ewigen Wohnungswechsel, erwidert Mama, ist das etwa kein Problem? Die rennen doch vor irgendetwas weg. Und dem kleinen Pepe tut es auch nicht gut. Wie soll er denn Freunde finden?

Heute lebt meine Schwester in Spreitenbach, aber früher sind sie und Roman einige Jahre durch die Schweiz gezogen, haben mal hier, mal dort gewohnt. Ein halbes Jahr in Etziken bei Solothurn, einige Monate im Kanton Nidwalden, und für zwei Wochen in Bargen, am äußersten Zipfel des Kantons Schaffhausen. Ich habe ihnen bei den meisten Umzügen geholfen. Bargen gefiel mir, nicht wegen Bargen selbst, sondern der hübschen Straße wegen, die durch das Dorf hinunter zum Zoll führt und in Blumberg / Deutschland endet. Zwei Wochen freuten sich die beiden über das billige Fleisch, dann ging auf der Baustelle, auf der Roman Fliesen verlegte, die Arbeit aus. So packten sie das Geschirr wieder in die Kisten, die Kleider in den Mottenschrank und riefen mich an.

– Hör zu, sagte Claire am Telefon, wir müssen wieder weg hier. Roman hat Arbeit im Prättigau gefunden. Sei so lieb und komm mit dem Transporter nächsten Sonntag. Eine Fahrt wird reichen. Du und Roman, ihr fahrt mit dem Wagen, ich und Pepe nehmen den Zug.

– Wie heißt der Ort, fragte ich.

– Küblis, sagte sie.

– Und wie lange fährt man von Bargen nach … Küblis?

– Roman sagt zweieinhalb Stunden. Du weißt ja, wie er fährt. In zwei Stunden solltet ihr es schaffen.

Claire und Roman besitzen nicht viel, aber es scheint, dass sie alles Notwendige haben. Und meiner Schwester gelingt es immer wieder, in die traurigsten Wohnungen ihre Auffassung von Gemütlichkeit zu bringen.

Das Kind war in der Kübliser Zeit drei Jahre alt. Ich sah Claire in jener Zeit selten. Nach Küblis brauchte ich über drei Stunden, und außerdem mochte ich die Gegend nicht. Einmal besuchte ich sie, es war an einem Sonntag. Nach dem Mittagessen – es war köstlich, meine Schwester ist eine wunderbare Köchin –fuhren wir nach Klosters. Es war September oder Oktober. Die Bäume standen gelb. Klosters war ausgestorben, und die wenigen Menschen, die auf den Straßen gingen, warfen lange Schatten. Wir tranken in einem altrosa Tearoom Kaffee. Es gab süße Eclairs, die mit den kleinen Dessertgabeln schwierig zu essen waren. Eine elektrische Pendule schlug die Viertelstunden mit den Glocken von Big Ben. Die Lampen waren aus Kristallglas und hingen niedrig über den Tischen. Der kleine Pepe weinte die ganze Zeit. Er war einfach nicht zu beruhigen. Deshalb bin ich nie wieder nach Küblis gefahren. Küblis trifft keine Schuld, auch den kleinen Pepe nicht. Ich an seiner Stelle hätte auch geweint.

Mutter will Tee trinken, und so fahre ich bei der nächsten Raststätte raus. Wie ich den Wagen zur Zapfsäule steuere, kramt sie in ihrer blauen Handtasche nach dem Portemonnaie und drückt mir eine Zwanzigernote in die Hand. Der Diesel gluckert tief unten im Tank, aber ich höre es nicht. Zu laut ist der Lärm der Autobahn. Was ich höre, ist ein süßer Schlager, der aus dem Lautsprecher über dem Kiosk quäkt »… sie wohnt auf dem Hausboot, unten am River, jedermann nennt sie Pretty Belinda …«

Dann sitzen wir auf blutroten Barhockern an einem u-förmigen Tresen aus Chromstahl. Ich wollte an einem der Tische Platz nehmen, aber Mutter bestand darauf, dass wir uns an die Theke setzten. Ich fürchte um ihr Gleichgewicht, denn sie hat keine Füße, die sie auf den Fußlauf stellen könnte. Mama trinkt ihren Tee mit vier Würfeln Süßstoff. Sie hält die Tasse mit beiden Händen. Ihre Hände sind blau. Die Bedienung mag mich, aber ich habe nur Augen für die Schwarzwäldertorte, die in der Kühlvitrine mit dem Apfelkuchen Walzer tanzt. Gerne würde ich abklatschen. Doch meine Mutter sitzt neben mir. In ihrer Gegenwart esse ich nie Süßes. Ich fürchte, es könnte sie kränken. Sie hat in ihrem Leben nie den Mund in die süßen Lagen aus Schlagsahne vergraben. Sie weiß nicht, wie Mohrenköpfe schmecken. Vielleicht ist das der Grund. Ich bin verrückt nach Süßem.

Ein Chauffeur am anderen Ende des Tresens zeigt mit dem Finger auf die Leuchtreklame. Es ist neun Uhr früh, und er will eine Bratwurst. Die Bedienung schüttelt den Kopf, nur Frühstück, Breakfast only. Er flucht in einer Sprache, die keiner versteht.

Mutter gibt mir ein Zeichen. Ich schiebe den Rollstuhl an den Barhocker. Sie lässt sich sanft hineingleiten. Dann fährt sie zur Toilette.

– Schrecklich, sagt die Bedienung, während sie kassiert, wie schafft sie das bloß?

– Ja, nicht wahr, das frage ich mich auch immer. Aber sie ist tapfer.

– Ich würde lieber sterben, als mir die Füße amputieren zu lassen, sagt sie und verzieht die Lippen wie Gummibänder.

– Wenigstens braucht sie nicht hier zu arbeiten, gebe ich zur Antwort. Sie wirft mir einen Blick zu, der böse sein soll, aber ich finde ihn niedlich, und zum ersten Mal gefällt sie mir.

Bevor wir losfahren, kauft Mutter im Blumengeschäft einen Kranz aus Trockenblumen. Der Verkehr hat zugenommen. Mama lässt den Kopf zur Seite fallen. Bald atmet sie tief. Ich drehe das Radio an und hoffe, dass sie nicht aufwacht.

Nach Küblis kam Merligen. Es war eine schöne Zeit. Ich liebte die Wohnung mit dem direkten Blick auf den Niesen, hoch über dem Thunersee. Achtzehn Monate wohnte ich gleich nebenan und konnte, wann immer ich Lust hatte, in den Wagen steigen, und eine halbe Stunde später saß ich in der sonnigen Laube.

Dann war ich es, der wegzog. Aber vorher hatte ich Roman besser kennengelernt. Zu den Fahrten in meinem Transporter – hinten im Auto die Bilder, das Bett und das Geschirr, all die beinahe schon vertrauten Dinge –, zu den vibrierenden und stummen Stunden auf der Autobahn, unterwegs von einem Namen auf der Straßenkarte zu einem anderen Namen auf der Straßenkarte, war in Merligen der Alltag hinzugekommen. Oder das, was man für den Alltag hält. Ich sah Roman von der Arbeit nach Hause kommen. Ich sah, wie ihm die nassen Haare am Kopf klebten, und ich sah, wie schlecht ihm der Bademantel stand, den Claire ihm zum Geburtstag geschenkt hatte. Ich kam abends mit Taschen voller Lebensmittel in Merligen an. Ich kochte für uns vier. Ich deckte den Tisch. Ich wunderte mich über die Schlaftabletten in der Schublade. Ich sah sie kauen. Roman kaute gehetzt. Claire kaute unbarmherzig. Pepe kaute überhaupt nicht. Ich spielte mit ihnen ein idiotisches Brettspiel, das Pepe immer wieder spielen wollte. Ich half das Wohnzimmer tünchen. Ich trug die leeren Whiskeyflaschen zum Container. Ich war dabei, als sich Claire und Roman darüber stritten, wer am Vorabend in Pepes Zimmer das Fenster nicht richtig geschlossen habe und verantwortlich für seinen Schnupfen sei.