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Noch am Hochzeitstag reisen im April 1915 der Bauingenieur Fritz Sigrist und die Krankenschwester Clara Hilty aus dem Schweizerischen Werdenberg in die südöstliche Türkei, wo Fritz seit 1910 beim Bau der Bagdadbahn arbeitet. Kurz nach ihrer Ankunft beginnen die armenischen Deportationen, Tausende und Abertausende von Armeniern ziehen unter ihrem Fenster vorbei, während sie oben in ihrem abgelegenen Häuschen ihren Alltag leben. Bei einem Besuch in Aleppo ist ihnen klar geworden, dass es sich um gezielte Todesmärsche handelt. Trotz Widerstand der Sigrist-Hiltys und anderer Ingenieure müssen sich bald auch die armenischen Facharbeiter an der Bagdadbahn diesen Todesmärschen anschließen. Nur vereinzelt gelingt Rettung, so verhelfen sie ihrem armenischen Magaziner Haig Aramian zu einer abenteuerlichen Flucht. Clara, die Tagebuch führt, dokumentiert die Gräuel in ihren Alltagsnotizen und schreibt einen Augenzeugenbericht, auch Fritz Sigrist verfasst Schriften dazu. Dora Sakayan hat die kurrentschriftlichen Dokumente transkribiert, akribisch aufgearbeitet und ins historische Geschehen der Zeit eingebettet. Mit Hilfe eines autobiografischen Buches von Haig Aramian erzählt sie zudem, wie das Ehepaar ihm das Leben gerettet hat.
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Seitenzahl: 354
Veröffentlichungsjahr: 2016
Noch am Hochzeitstag reisen im April 1915 der Bauingenieur Fritz Sigrist und die Krankenschwester Clara Hilty aus dem Schweizerischen Werdenberg in die südöstliche Türkei, wo Fritz seit 1910 beim Bau der Bagdadbahn arbeitet. Kurz nach ihrer Ankunft beginnen die armenischen Deportationen, Tausende und Abertausende von Armeniern ziehen unter ihrem Fenster vorbei, während sie oben in ihrem abgelegenen Häuschen ihren Alltag leben. Bei einem Besuch in Aleppo ist ihnen klar geworden, dass es sich um gezielte Todesmärsche handelt.
Trotz Widerstand der Sigrist-Hiltys und anderer Ingenieure müssen sich bald auch die armenischen Facharbeiter an der Bagdadbahn diesen Todesmärschen anschließen. Nur vereinzelt gelingt Rettung, so verhelfen sie ihrem armenischen Magaziner Haig Aramian zu einer abenteuerlichen Flucht.
Clara, die Tagebuch führt, dokumentiert die Gräuel in ihren Alltagsnotizen und schreibt einen Augenzeugenbericht, auch Fritz Sigrist verfasst Schriften dazu.
Dora Sakayan hat die kurrentschriftlichen Dokumente transkribiert, akribisch aufgearbeitet und ins historische Geschehen der Zeit eingebettet. Mit Hilfe eines autobiografischen Buches von Haig Aramian erzählt sie zudem, wie das Ehepaar ihm das Leben gerettet hat.
Foto Mariné Anakhatounian
Dora Sakayan wurde in Saloniki (Griechenland) als Kind armenischer Flüchtlinge aus Kleinasien geboren. Sie ging in die armenische Grundschule und in die deutsche Schule von Saloniki, danach in die Oberschule in Wien VI. 1946 zogen die Sakayans als Repatriierte in die damalige Armenische Sowjetrepublik, wo Dora Sakayan im Jerewaner Pädagogischen Fremdspracheninstitut studierte. Sie promovierte 1965 im Fach Germanistik an der Moskauer Lomonossov-Universität. Im Jahre 1975 wanderte Sakayan nach Kanada aus.
In der ersten Hälfte ihrer fünfzigjährigen Berufszeit lehrte Sakayan an der Jerewaner Staatsuniversität und war zehn Jahre (1965–1975) Leiterin des Lehrstuhls für fremde Sprachen. Die zweite Hälfte verbrachte sie im «Department for German Studies» an der McGill-Universität in Montreal und erlangte dort den Rang eines «Full Professor».
Zu Sakayans Forschungsbereichen gehören die germanistische Linguistik und die Amenologie. Sie ist Autorin zahlreicher Publikationen und Übersetzungen und wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Bundesverdienstkreuz.
www.dorasakayan.org
Dora Sakayan
«Man treibt sie in die Wüste»
Clara und Fritz Sigrist-Hilty als Augenzeugen des Völkermordes an den Armeniern 1915–1918
Mit einem Vorwort von Wolfgang Gust
Limmat Verlag
Zürich
Sie war Deutschlands größte Auslandsinvestition, die Bagdadbahn, und versprach, die schnellste Verbindung von Europa an den Persischen Golf zu werden und damit nach Indien, der Perle des britischen Weltreichs. Für die Armenier, besonders für jene aus dem Westen des Osmanischen Reichs, wurde sie im Ersten Weltkrieg der schnellste Weg in den Tod. Von ihrem Schicksal handelt dieses Buch.
Kein Industrieobjekt der Deutschen war so prestigeträchtig wie die Bagdadbahn. Sie machte für viele Deutsche den Weg frei ins wilde Kurdistan, Synonym für den Orient schlechthin, wie ihn damals der meistgelesene deutsche Autor, Karl May, als Phantasiegebilde beschrieben hatte, denn er hatte niemals einen Fuß auf nur eines der Länder seiner sagenhaften Märchenwelt gesetzt. Viel sachlicher sah das die Deutsche Bank, der Hauptfinanzier des Prestigeobjekts. Nachdem im Oktober 1898 die entscheidende Lizenz den Deutschen zugesprochen worden war, kommentierte der Vorstandssprecher der Bank den Abschluss sarkastisch: «Ich pfeife auf diese Konzession und auf die ganze Bagdadbahn.» Bis Kriegsende sollte die Bagdadbahn das Reich 360 Millionen Mark gekostet haben – und die meisten in dessen Bau beschäftigten Armenier das Leben.1
«Man muss in der Geschichte der Menschheit weit zurückgehen, um etwas Ähnliches an bestialischer Grausamkeit zu finden wie die Ausrottung der Armenier in der heutigen Türkei», schrieb am 17. August 1915 der Vizepräsident der Anatolischen Eisenbahn-Gesellschaft, die die Bagdadbahn betrieb, Franz Günther. Kurze Zeit später schickte er Arthur von Gwinner, dem Sprecher des Vorstandes der Deutschen Bank, einen Bericht mit einem Foto, «die Anatolische Bahn als Kulturträgerin in der Türkei darstellend. Es sind unsere sogenannten Hammelwagen, in denen beispielsweise 880 Menschen in 10 Wagen befördert werden.» Die zusammengedrängten Menschen in den Viehwagen waren ausschließlich deportierte Armenier.2
Transport von Armeniern in vollgepferchten sogenannten Hammelwagen.
In der heutigen Literatur spielt die Bagdadbahn manchmal auch eine Rolle bei der Ablenkung von der historischen Wirklichkeit; so ist sie bei Genozidleugnern, zu denen die offizielle Türkei gehört, als Ablenkung von dem eigentlichen Geschehen sehr willkommen. Denn das deutsche Prestigeobjekt wird gern als Symbol eines deutschen Imperialismus dargestellt, den es zweifellos in vielen Variationen gab, mit der Assoziation, dass in einem solchen Klima Vernichtungszüge wie die gegen Hereros und Nama in Namibia und eben auch gegen die Armenier ideologisch bestens aufgehoben sind.
Das Schicksal der am Bau der Bagdadbahn arbeitenden Armenier während des Völkermords ist praktisch unerforscht, denn die Deutsche Bank stellt ihr Archiv nur von ihr ausgewählten Forschern zur Verfügung, weshalb mir der Zugang zu den Akten verwehrt wurde. In diesem Buch wird das Schicksal dieser Armenier aus der Sicht des Beobachter-Ehepaars Sigrist-Hilty dargestellt, und die beiden schildern, was sie sahen und erlebten – und das war in erster Linie das Schicksal der Vertriebenen, weniger das der bei der Bahn angestellten Armenier. Diese wurden gern eingestellt, weil sie nicht nur als hervorragende Handwerker bekannt waren, sondern in der Regel auch polyglott, wichtige Eigenschaften für Mitarbeiter der französischsprachigen Führung der Eisenbahn.
Tagebücher von Ausländern, die einen direkten Zugang zu den im Ersten Weltkrieg beim Völkermord deportierten und zumeist ermordeten Armeniern hatten, sind eine große Rarität. Umso wichtiger ist, dass sie veröffentlicht werden, um unser immer noch lückenhaftes Bild von dem ersten großen Genozid des 20. Jahrhunderts zu vervollständigen. Deshalb sind die von Dora Sakayan veröffentlichten Schriften des Schweizer Ehepaars, Clara und Fritz Sigrist-Hilty, so bedeutsam und wichtig.
Eine andere Rarität sind Memoiren von den so wenigen vom Genozid verschont gebliebenen armenischen Bagdadbahn-Arbeitern. Die im vorliegenden Band von Dora Sakayan zum ersten Mal in deutscher Sprache vorgestellten Erinnerungen eines ehemaligen armenischen Bahnarbeiters ist unschätzbar. Es wird abermals bestätigt, dass die christliche Nächstenliebe der bei der Bagdadbahn tätigen europäischen Zivilingenieure – in diesem Falle die des Schweizer Ingenieurs Fritz Sigrist – für die armenischen Bahnarbeiter der einzige helle Lichtblick war.
Die deutsche Leitung des größten wirtschaftlichen Auslandsprojekts des damaligen Kaiserreichs garantierte ihren Ingenieuren eine gewisse Unabhängigkeit, denn Deutschland war der wichtigste Verbündete des Osmanischen Reichs im Ersten Weltkrieg, und die Berichterstattung über den Völkermord an den Armeniern war damit schwer auszuschalten. Viele Schweizer waren Angestellte der Bagdadbahn und erhielten so aus erster Hand Informationen über die streng geheimen Vorgänge beim Vollzug des Genozids. Ferner war die Schweiz neutral und der wichtigste Staat, der enge Verbindung zu beiden Kriegslagern hielt. Und drittens waren Armenier lange Zeit und vereinzelt bis zum Kriegsende die bevorzugten Mitarbeiter der größten Eisenbahn in der Türkei, zum Ende hin zwar kaum noch als Angestellte, aber immerhin als Arbeiter, wenn auch zum Schluss unter bejammernswerten Umständen. Schweizer Informanten halfen, das Ausland zu informieren, ohne sich selbst in allzu große Gefahr zu begeben.
Karte der geplanten Bagdadbahn von 1914.
Das Schweizer Ehepaar Sigrist-Hilty lebte während des Völkermords im heutigen Fevzipaşa nicht weit von der nordsyrischen Stadt Aleppo und damit an der wohl wichtigsten Schnittstelle der Deportationsrouten. Wie viele andere Schweizer Ingenieure war Fritz Sigrist noch seit 1910 am Bau der Bagdadbahn als Sektionsingenieur in Aleppo tätig. Ab dem Jahr 1915 hatte er die Projektierung der Linienführung des Abschnitts Islahiye–Radjou und die Leitung des Durchschlags des 905 m langen Tunnels durch das Amanusgebirge übernommen, und geschäftlich bedingte längere Aufenthalte in Aleppo – zuweilen begleitet von der Gemahlin – waren hie und da fällig.
Aleppo war die Schaltzentrale der Bagdadbahn im Osten des Osmanischen Reichs und ein Knotenpunkt für die Deportationszüge der Armenier. Das multiethnische Aleppo war eine der wichtigsten Städte im arabischen Süden des Osmanischen Reichs. Viele Informationen liefen dort sowohl aus dem Innern der Türkei als auch den orientalischen Provinzen zusammen.
Im Herbst 1917 sorgten in Aleppo ansässige Vertreter großer Hilfsorganisationen sowie Diplomaten besonders der USA und Deutschlands dafür, dass Informationen auch unter Kriegsbedingungen noch außer Landes gelangen konnten. Der deutsche Konsul Walter Rößler nutzte seine guten Kontakte zu den türkischen Behörden auch zur Linderung mancher Not der Armenier. Denn ihm stand – als einzigem ausländischen Regierungsvertreter – die Möglichkeit offen, unzensierte Berichte sowohl seiner Botschaft in Konstantinopel als auch dem Berliner Auswärtigen Amt zu senden, dank der Verschlüsselung, die als Privileg einzig dem Kaiserreich gewährt wurde. Kein deutscher Diplomat hat sich darüber hinaus so sehr für die Armenier eingesetzt wie Konsul Rößler.
Von Aleppo aus führten die beiden einzigen Eisenbahnstrecken in den Südosten des Osmanischen Reichs. Die eine führte entlang der heutigen türkisch-syrischen Grenze in Richtung Bagdad, die andere über Damaskus und Jerusalem in den Sinai. Aleppo war dadurch ein Drehkreuz der militärischen Routen zu den beiden Kriegsschauplätzen Persischer Golf und Suezkanal. Diese Landverbindungen waren umso wichtiger, als die Schiffe der Ententemächte das Mittelmeer beherrschten und damit die Häfen kontrollierten.
Die Deportationen der Armenier begannen in großem Maßstab in ihren eigentlichen Siedlungsgebieten im Nordosten der Türkei. Die größten und grausamsten Massaker fanden gleich zu Anfang des Völkermords in der Ebene der Stadt Musch (Muş) und der Region der Stadt Bitlis statt. In der Muschebene wurden Tausende von Armeniern in Scheunen und Häusern zumeist lebendig verbrannt. Wem aus den etwa dreihundert armenischen Dörfern dieser Ebene die Flucht gelang, der schaffte es nicht zu einer der fernen Stationen der Bagdadbahn. Das Gleiche gilt für die Umgebung der Stadt Bitlis, einem weiteren Siedlungsschwerpunkt der Armenier im Nordosten der Türkei, die direkt in die syrische Wüste deportiert wurden. Auch aus den großen armenischen Siedlungsgebieten zwischen der russischen Grenze und Ersindjan (Erzincan) gelangte kaum einer je an eine Bagdadbahnstation. Viele verschwanden in den Fluten des Euphrats, der wochenlang mit zum Teil zusammengebundenen armenischen Leichen verstopft war. Endstation vieler armenischer Deportierter aus diesen Gebieten waren die Schluchten um die Stadt Mamuret el-Aziz (Harput), wo türkische Wachmannschaften die erschöpften Armenier regelrecht abschlachteten, wie der amerikanische Konsul der Stadt, Leslie Davies, bei zwei Ausritten mit einem Arzt beziehungsweise türkischen Freunden bezeugen konnte. Und die Armenier der Stadt Van, die sich wochenlang gegen die türkische Armee verteidigt hatten, zogen es vor, über die russische Grenze in das Gebiet der kaukasischen Armenier zu fliehen, wobei ein Großteil von ihnen in den eisigen Bergen ums Leben kam. An der Schwarzmeerküste um Trabzon wurden ins Meer getrieben und dort ertränkt, in der Region von Erserum (Erzurum) bis Ersindjan (Erzincan) wurden Züge durch die Kemach-Schlucht (Kemah-Schlucht) geschleust. Als der deutsche Korrespondent der «Frankfurter Zeitung» in Konstantinopel, Paul Weitz, im letzten Kriegsjahr mit der türkischen Armee nach dem freiwilligen Rückzug der Russen die Nordost-Region durchfuhr, erlebte er, dass in den Kaffeehäusern «mit seltenem Freimut die grausamsten Einzelheiten von den Massakern an den Armeniern erzählt wurden. Dabei hob man, was uns bei Fortsetzung der Reise mehr wie einmal auffiel, immer die Tatsache besonders hervor, dass es in der betreffenden Gegend keinen einzigen Armenier mehr gäbe.»3 Die deutschen Akten des Auswärtigen Amts sind voll von detaillierten Berichten über die Ausrottung der Armenier in ihren einstigen Hauptsiedlungsgebieten.
Die größte Vernichtung der Armenier aus diesen Regionen geschah auf den Landrouten in Richtung Süden. Eine Eisenbahn gab es in diesen Landstrichen nicht, weil die Russen 1900 mit den Osmanen eine Konvention geschlossen hatten, im Bereich des Schwarzen Meeres Eisenbahnen nur auf eigene Rechnung zu bauen, wozu ihnen das Geld fehlte, oder die Konzession den Russen zu geben, die allerdings nicht das geringste Interesse hatten, das damals modernste Verkehrsmittel in Richtung Kaukasus und Russland zuzulassen.4
Folglich betrafen auch die vom Ehepaar Sigrist bezeugten Untaten an der Bagdadbahn nicht die Armenier aus dem Nordosten, ihrem eigentlichen Siedlungsgebiet. Ohnehin wurde die Bagdadbahn erst Monate nach Beginn der Mordaktionen für Deportationen von Armeniern eingesetzt, und diese betrafen in erster Linie Armenier der Mitte Anatoliens und des Westens sowie aus der stark bevölkerten Provinz Kilikien.
Die Verantwortlichen der Bagdadbahn versuchten, die Armenier als wichtige Angestellte und Arbeiter zu halten. Wo aber schon die deutsche Botschaft in Konstantinopel ziemlich machtlos war, ihre armenischen Angestellten vor der Vernichtung zu schützen, was nur in wenigen Fällen gelang, waren die Möglichkeiten der Eisenbahnverwaltung noch geringer. Hinzu kommt, dass der im türkischen Generalstab für die türkischen Eisenbahnen verantwortliche Offizier ein Deutscher war, Oberstleutnant Sylvester Böttrich. Über die Ohnmacht der Deutschen einerseits und den berüchtigten Eifer Böttrichs berichten die Akten des deutschen Auswärtigen Amts.
Am 3. Oktober 1331 (entsprechend dem 28. Oktober 1915) schickte Kriegsminister Enver den Erlass an die Bagdadbahn, dass die Armenier bestimmter Regionen ihre Heimat zu verlassen hätten. Er verlangte die Anfertigung einer Liste der armenischen Eisenbahnmitarbeiter, «deren Anzahl hoch ist». Die Armenier wurden in zwei Gruppen eingeteilt, von denen die einen mit einer Frist von ein bis zwölf Monaten deportiert würden, die anderen innerhalb von ein bis vier Jahren. Ersetzt werden sollten diese Armenier durch Männer «natürlich muslimischer Religion oder anderer Völker, in die Vertrauen gesetzt werden könne».5
Unterschrieben hatte Böttrich mehrere Deportationsbefehle. «Nicht nur, dass Herr Böttrich gegen die Kommissionsbeschlüsse Verwahrung beim Kriegsministern nicht eingelegt hat, sondern er hat sich herbeigelassen, diese Kommissionsbeschlüsse mit seiner Unterschrift versehen weiterzugeben», schrieb daraufhin der Stellvertretende Direktor der Anatolischen Eisenbahn, die die Bagdadbahn betrieb, Franz Günther, auf die Kopie einer dieser Verfügungen, die er der deutschen Botschaft zuschickte.
«Unsere Gegner werden einmal viel Geld bezahlen», fügte Günther hinzu, «um dieses Schriftstück zu besitzen, denn mit der Unterschrift eines Mitglieds der Militärmission werden sie beweisen, dass die Deutschen nicht allein nichts getan haben, um die Armenierverfolgung zu verhüten, sondern dass gewisse Befehle zu diesem Ziel sogar von ihnen ausgegangen, d.h. unterschrieben worden sind.» Mit «kaustischem Lächeln» habe der türkische Militärkommissar «den Finger auf die Unterschrift des Herrn Böttrich gelegt, denn auch für die Türken ist die Tatsache kostbar, dass dieses Dokument, von dem noch viel die Rede sein wird, eine deutsche und nicht eine türkische Unterschrift trägt.»
Es waren nur relativ wenige Armenier, die von der Bagdadbahn-Leitung vor dem sicheren Tod gerettet wurden. Es waren generell nur wenige Deutsche, die sich tatkräftig für die Rettung der Armenier eingesetzt hatten, und noch weniger höhere deutsche Offiziere. Nur einer – Militärmissionschef Otto Liman von Sanders – hatte wirkungsvoll interveniert und die Armenier und Griechen der Stadt Smyrna (Izmir) vor der Deportation gerettet, während die deutschen Spitzenoffiziere im Großen Generalstab, allen voran Generalstabschef Bronsart von Schellendorff, die Deportationen befürworteten und möglicherweise generalstabsmäßig begleiteten.
Die wirkliche Rolle der deutschen Militärs in der Türkei wird in Deutschland wissenschaftlich praktisch nicht aufgearbeitet, auch weil das Auswärtige Amt aus Rücksicht auf Nato-Partner Türkei an diesem Verschweigen großes Interesse hat. So ist es umso wichtiger, dass Private wie das Ehepaar Sigrist durch ihre Aufzeichnungen dazu beitragen, die deutsche Beteiligung an dem Völkermord an den Armeniern aufzudecken. Sehr wichtig ist hier Clara Sigrist-Hiltys Tagebucheintrag vom 19. Februar 1916 darüber, dass Oberstleutnant Böttrich in Person zur Islahiye-Station zu einem Hochtreffen mit den Ingenieuren Joh. Lor. Winkler und Fritz Sigrist-Hilty u.a. kam, um die Befolgung seiner Deportationsbefehle sicherzustellen. Nach diesem Hochtreffen, so Clara Sigrist, «muss er [Fritz] noch mehr ins Büro. Nun pressieren die Listen von den Armeniern: noch weiß man nicht, wen man behalten kann. Aber die Ausweisung scheint streng genommen zu werden.»
Mit armenischen Deportierten vollgestopfte Hammelwagen der Bagdadbahn waren ein Symbol der deutschen Mitverantwortung oder genauer: des deutschen Versagens, die Vernichtung der Armenier zu verhindern. Ein Jahrhundert sollte es dauern, bis die höchste Vertretung aller Deutschen, der Bundestag, einmütig den Mut fand, die armenische Tragödie im Osmanischen Reich als das zu bezeichnen, was sie war: ein Völkermord. Auch auf die deutsche Mitschuld legten sich die deutschen Parlamentarier fest, ohne sie genauer zu benennen. Damit gaben sie ein starkes Signal an die deutschen Bundesländer und Universitäten, das Tabu des Verschweigens nicht länger zu dulden. Der Genozid an den Armeniern und die deutsche Rolle dabei gehören – gerade wegen der Absicht der Türkei, die Kinder von drei Millionen Türken in Deutschland oder Deutschen türkischer Herkunft weiterhin von der Wahrheit fernzuhalten – in die deutschen Schulbücher und an die deutschen Universitäten. Das Buch von Dora Sakayan ist ein wichtiger Beitrag dieses herauszuarbeitenden Gesamtbilds des Völkermords an den Armeniern und seiner Haupt- und Mitschuldigen.
Im Sommer 2002 übersandte mir ein Schweizer Kollege und Freund, der mit meiner Sensibilität für das Thema Völkermord vertraut war, einen Beitrag nach Montreal, der in jenen Tagen im Zürcher «Tages-Anzeiger» erschienen war.6 Redaktor Daniel Suter brachte auf einer ganzen Seite des Blattes eine noch unveröffentlichte Schrift der Schweizerin Clara Sigrist-Hilty, die sich im Jahr 1915 in der Türkei befunden und die dortigen Gräuel des Völkermords schriftlich festgehalten hatte. Suter spricht ganz allgemein von Claras Tagebüchern aus dieser Zeit und konzentriert sich dabei auf ihren fünfzehnseitigen handgeschriebenen Augenzeugenbericht unter dem Titel «Sommer 1915», der eigens dem Genozid an den Armeniern gewidmet ist und separat von ihren Tagebucheinträgen verfasst wurde.
Dieser im Zentrum stehende Bericht von Clara Sigrist-Hilty ist gekürzt wiedergegeben; er enthält an mehreren Stellen Hinweise auf Auslassungen. Dies beeinträchtigt keineswegs den klaren Einblick in die beschriebenen Ereignisse, die heute schon mehr als hundert Jahre zurückliegen. Dazu verhilft die von Suter unternommene Gliederung des Textes in inhaltliche Abschnitte, die von ihm einfühlsam betitelt werden. Beigefügte kleine, jedoch informationsreiche Rubriken zur Person der Autorin, zur Kultur, Religion und Geschichte des armenischen Volkes und des an ihm verübten Völkermordes, ein Foto aus der Zeit der Deportationen und eine historische Karte von Armenien vervollständigen die Seite. Zwei Faktoren sind bei Redaktor Suter nicht zu übersehen: Ehrerbietung für Clara Sigrist-Hilty, die Autorin des Berichts, und Kenntnis der Geschichte.
Mit 87 Jahren vermacht Clara Sigrist-Hilty das Tagebuch einer ihrer Enkelinnen.
Tief beeindruckt von Claras Schrift, las ich sie mehrere Male. Ich war fasziniert von ihrer gepflegten Ausdrucksweise, die klar und präzise ist; von ihrem geschmeidigen Stil und ihren lebendigen Schilderungen, die von hohem Bildungsstand und einer zutiefst menschlichen Art zeugen. Wer war Clara Sigrist-Hilty? Aus den wenigen biografischen Angaben in Suters Beitrag kannte ich nun ihren Geburtsort (Buchs-Werdenberg, Schweiz) und ihre Lebensdaten (1884–1988). Ich wusste auch, dass sie ausgebildete Krankenschwester war und im Jahr 1915 ihrem Mann, dem Bauingenieur Fritz Sigrist-Hilty, der beim Bau der Bagdadbahn tätig war, gleich nach ihrer Trauung in die Türkei folgte.
Über die Jahre ließ mein Interesse an Claras schriftlichem Nachlass nicht nach. Wie sehr wollte ich ihr Tagebuch und ihren ungekürzten Augenzeugenbericht lesen! Beide Schriften im Original in meinen Händen halten, ihre Handschrift, ein Foto von ihr sehen, auch Näheres über ihren Lebenslauf, über ihre in der Türkei verbrachten Jahre erfahren. Doch lange konnte ich weder in Schweizer Bibliotheken noch im Internet etwas ausfindig machen.
Meine wiederholte Suche im Netz führte mich schließlich im Frühling 2012 zum inzwischen erst digitalisierten Jahresbericht 2005–2006 des Archivs für Zeitgeschichte (AFZ) der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETHZ).7 Sie brachte unter den «Neuzugängen und Nachlieferungen» auch eine Mitteilung zum «Teilnachlass Fritz und Clara Sigrist-Hilty». Rudolf (Ruedi) Sigrist-Clalüna, einer der Söhne des Ehepaars, hatte im Jahre 2005 einen Teil des Nachlasses seiner Eltern dem AFZ zur Verfügung gestellt. Der kurze AFZ-Artikel enthält auch ein gut erhaltenes Foto des neuvermählten Ehepaars Sigrist-Hilty aus dem Jahr 1915.8 Clara und Fritz sitzen, beide noch blutjung, an einem Tisch in ihrem exotisch eingerichteten Heim in Keller (heute Fevzipaşa) in der südöstlichen Türkei. Im AFZ-Artikel wird einleitend die bedeutende Rolle der Eheleute als Zeugen des Völkermords an den Armeniern hervorgehoben:
«Der an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs im Osmanischen Reich begangene Völkermord, welcher rund eine Million Opfer forderte, wird bis heute trotz der anders lautenden historischen Belege immer wieder in Zweifel gezogen. Umso wertvoller sind Aufzeichnungen von Augenzeugen wie Fritz und Clara Sigrist.»
Ich wusste nun, wo ich mich nach dem gesuchten Material erkundigen konnte. Die Anfrage beim AFZ erbrachte in digitalisierter Form eigentlich alles, was ich mir ursprünglich gewünscht hatte: Claras Tagebuch und ihren vollständigen Augenzeugenbericht, beides in Kurrentschrift, sowie drei Fotos des Ehepaars aus derselben Zeit.
Doch ich war unersättlich. Während meiner elektronischen Korrespondenz mit den hilfsbereiten Mitarbeitern des AFZ hatte ich inzwischen erfahren, dass es eine reichhaltige Dokumentation der Einzelbestände und Nachlässe zur Familiengeschichte des Ehepaares Fritz und Clara Sigrist-Hilty gab und dass ich eine digitalisierte Version von allen Einzelbeständen gegen eine minimale Gebühr erhalten konnte. Voller Begeisterung bestellte ich die ganze verfügbare Dokumentation, die nach einer Wartezeit von einigen Monaten im Juni 2013 auch eintraf.
Natürlich war meine Freude grenzenlos, besonders, als ich mir vergegenwärtigte, dass das AFZ-Team den nun aus 16 Teilen bestehenden Teilnachlass sorgfältig dokumentiert, thematisch und zeitlich gegliedert und nach einem gebrauchsfreundlichen System geordnet hatte. Dankbar erfuhr ich später, dass die ganze Sigrist-Dokumentation im AFZ eigentlich auf meine Anfrage hin digitalisiert worden war.
Ein wichtiger Fund war mir beschert worden, und ich musste mich schnell an die Arbeit machen, um aus der überwältigenden Fülle an Materialien das für mich Bedeutsame auszusondern. Und was war für mich bedeutsam? Belege, Aussagen, Beweisstücke, welche die Angaben der einschlägigen Literatur zum Genozid an den Armeniern, und ganz speziell zu dessen Verlauf in der Amanusgegend, bekräftigten bzw. ergänzten. Auch musste ich in den mir verfügbaren Archivbeständen den für mich maßgeblichen zeitlichen Rahmen abstecken. So beschloss ich, mich auf die Zeit ab dem Jahr 1915 zu konzentrieren. Das war das Jahr, so unterrichteten mich die Unterlagen, in dem das neuvermählte Ehepaar aus der Schweiz – fast direkt vom Traualtar und über die Bedenken der Eltern hinweg – in die Türkei reiste, die vor einigen Monaten in den Ersten Weltkrieg eingetreten war. Wir können verfolgen, wie sich die jungen Eheleute nach einer langen und strapaziösen Reise in die Südost-Türkei zunächst in Entilli9 und einige Monate später in einem weltabgeschiedenen Häuschen an einem Berghang in Keller / Fevzipaşa niederlassen. Keller war ein Eisenbahnknotenpunkt am Fuß des Amanus-Gebirges im historischen Land von Kilikien.10
Kurze Zeit nach der Ankunft des Schweizer Ehepaars begannen die Deportationen der Armenier, und eine der Hauptrouten für diese Todesmärsche in die syrische Wüste zog sich durch Keller. Monatelang musste Clara – während ihr Mann auf der Bahnstrecke tätig war – tagein, tagaus die Leiden der an ihrem Häuschen vorbeiziehenden Armenier sehen. Es ist daher nicht von ungefähr, dass es im Nachlass von Sigrist-Hilty ab dem Jahr 1915 kaum Dokumente gibt, die nicht in irgendeiner Form vom türkischen Völkermord an den Armeniern geprägt wären.
Die größte Überraschung in den Unterlagen der Sigrist-Hilty- Dokumentation war für mich ein armenisches Buch. Der Autor ist Professor Haig A. Aramian, und das Buch enthält eine auf Deutsch handgeschriebene Widmung vom 11. Mai 1971 an Fritz Sigrist-Hilty: «Meinem unvergesslichen Retter im Jahre 1916».11
Nach gründlicher Durchsicht des mir verfügbaren Sigrist-Hilty-Nachlasses galt mein Augenmerk folgenden Dokumenten:
1. Claras Tagebuch
2. Claras Augenzeugenbericht «Sommer 1915»
3. Fritz’ Brief post mortem «An die armenischen Freunde»
4. Zwei Aufsätze von Fritz
5. Biografien, Nekrologe
6. Rudolf (Ruedi) Sigrist-Clalülas vier Artikel12
7. Ruedis handschriftliche Notizen
8. Haig Aramians armenisches Buch13
9. Fotos und Landkarten
10. Briefe und Postkarten
Im Bewusstsein, dass aus diesen Beständen bisher sehr wenig und nur auszugsweise veröffentlicht worden ist und dass man daher selbst in der Schweiz sehr wenig über den Nachlass des Sigrist-Hilty-Ehepaars weiß, erkannte ich sofort meine Aufgabe: alle hier sowohl handschriftlich als auch gedruckt präsentierten Materialien zum Genozid an den Armeniern zusammenzuführen, sie aufzuarbeiten und in einem Buch zu veröffentlichen. Es galt aber auch, einen Einblick in das dreijährige turbulente Leben eines jungen Schweizer Ehepaars während des Ersten Weltkrieges im tiefen Orient zu geben, die Personen Clara und Fritz Sigrist-Hilty wieder lebendig werden zu lassen und ihr Andenken sicher für die Nachwelt aufzubewahren.
Die Struktur dieses Buches bot sich von allein an. Es sollte aus drei Hauptkapiteln bestehen, die jeweils dem Lebenslauf und den Schriften einer Person gewidmet sind. Diese Personen sind die Schweizer Clara Hilty und Fritz Sigrist und der Armenier Haig Aramian. Ein wohldurchdachtes Zusammenspiel von Primär- und Sekundärtexten sollte eine kohärente Geschichte von erlebtem menschlichen Leiden, aber auch von Mitgefühl, Hilfsbereitschaft und Selbstlosigkeit erzählen.
Das Buch über Clara und Fritz Sigrist-Hilty sollte in drei Sprachen erscheinen und ganz verschiedene Leserkreise erreichen. Zunächst richtet sich die vorliegende deutsche Originalauflage an eine breite deutschsprachige Leserschaft, vor allem natürlich an die schweizerische. Darauf soll die englische Ausgabe dieses Buches die Namen Clara und Fritz Sigrist-Hilty weltweit bekannt machen.
Eine besondere Bedeutung lege ich einer armenischen Ausgabe bei, die den in der ganzen Welt verstreuten Armeniern noch einmal vor Augen führen wird, wie oft in schicksalsschweren Zeiten die Schweiz mit ihrer wohlwollenden Einstellung und tatkräftigen Unterstützung für die Armenier einstand. Schweizer suchten schon am Ende des 19. Jahrhunderts, während der Pogrome 1894–1896 unter Sultan Abdülhamid II. und erst recht während des Völkermords an den Armeniern in den Jahren 1915–1923, die Not der Verfolgten und Gefolterten zu lindern.14 Zu erwähnen wären das «Schweizerische Hilfswerk für Armenien» sowie andere christlich-humanitäre Hilfen der Schweiz, die dem notleidenden Volk beistanden, aber auch die Schweizer Presse, in der die tragischen Ereignisse in Anatolien ihren regelmäßigen und breiten Niederschlag fanden. Schweizer Augenzeugen des Völkermords an den Armeniern haben nicht nur umgehend gehandelt und den Schutzsuchenden wirksame Hilfe geleistet, sondern auch schriftliche Zeugnisse hinterlassen, die ihren Teil zur Geschichte dieses Völkermords beisteuern. Man denke nur an den Appenzeller Jakob Künzler15 und an die Baslerin Beatrice Rohner.16 Zu diesen ruhmreichen Namen aus der Schweiz kommen nun die von Clara und Fritz Sigrist-Hilty hinzu.
Ich vertraue darauf, dass das vorliegende Buch zur Aufarbeitung dieses dunklen und für die Armenier nach wie vor schmerzvollen Kapitels ihrer Geschichte ebenso beitragen wird wie zur Stärkung der freundschaftlichen Beziehungen zwischen Armenien und der Schweiz.
Clara17 erblickte am 5. Juli 1884 in Buchs SG als erstes Kind des Johann Paravicin Hilty von Werdenberg18 und der Hanna, geb. Ernst von Winterthur, das Licht der Welt. Sie wuchs mit ihren zwei Geschwistern wohlbehütet im Elternhaus am Werdenbergersee auf. Sie stammt aus einem uralten Werdenberger Bürgergeschlecht. Professor Carl Hilty, ihr Großonkel, war erster Vertreter der Schweiz am Internationalen Schiedsgerichtshof in Den Haag, und die letzte Schlossherrin Frieda Hilty war auch eine Verwandte von Clara.
Wie damals alle Mädchen aus «besserem Hause» verbrachte Clara ein Institutsjahr im Pensionat in der Villa Yalta. Dort befreundete sie sich mit Marie Heim-Vögtlin19, der ersten Ärztin in der Schweiz, und die gemeinsamen Spaziergänge, der rege Gedankenaustausch zwischen den beiden Frauen hatte einen entscheidenden und nachhaltigen Einfluss auf das Denken der jungen Clara. Die weltoffene Haltung, durch die sich Clara zeitlebens auszeichnete, hat sie vornehmlich ihrer Freundschaft mit Marie Heim-Vögtlin zu verdanken.
Werdenberg 1908. Clara Hilty mit 22 Jahren.
Nach Abschluss der École supérieure in Neuchâtel ging Clara in die Schweizer Pflegerinnenschule Zürich, wo sie und ihre Freundin Lis Sigrist zu Krankenschwestern ausgebildet wurden. Anschließend arbeitete Clara im Spital Grabs unter dem Chefarzt Dr. Weiss. Durch Lis lernte Clara deren Bruder, den Ingenieur Fritz Sigrist von Netstal, kennen, der seit 1910 in der Türkei am Bau der Bagdadbahn tätig war. Als Fritz im Jahr 1914 wieder einmal die Schweiz besuchte, verlobten sich Clara und Fritz, und nach einem Jahr, am 26. April 1915, fand ihre Hochzeit statt.
Unmittelbar nach der Trauung folgte Clara ihrem Mann in die Türkei, die als Verbündete von Deutschland in den Ersten Weltkrieg eingetreten war. Die Neuvermählten fuhren von Werdenberg mit der Eisenbahn durch das Kriegsgebiet über den Balkan und dann via Istanbul in die Südost-Türkei, wo sie sich zuerst in Entilli und nach einigen Monaten in Keller / Fevzipaşa in einem alleinstehenden Häuschen auf einer felsigen Anhöhe am Fuße des Amanus niederließen. Keller, ein kleines, gebirgiges Dorf, bevölkert vornehmlich von Kurden, aber auch von Türken, Arabern und Armeniern, war ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt am Rande des Amanusgebirges. Vom Fenster ihres Häuschens aus hatte Clara einen Blick auf die schöne kilikische Berglandschaft, aber auch in die tief unter ihnen liegende Ebene, wo sie Transporte von Militär und Kriegsmaterial und auf der Etappenstraße ganze Züge von englischen und indischen Gefangenen sehen konnte. Der jungen Schweizerin wurde bald bewusst, dass sie sich nicht nur im tiefen Orient, sondern auch nicht sehr weit vom Kriegsgeschehen befand.
Die Reise in die Türkei veränderte Claras Leben für immer. Am meisten belastete sie die Tatsache, dass ihre Ankunft in die Gegend zeitlich mit dem Beginn des Völkermords an den Armeniern zusammenfiel. Die jungtürkische Regierung nützte den Ersten Weltkrieg aus, um die «Armenische Frage» zu lösen, indem sie die armenische Bevölkerung aus ihrer historischen Heimat vertrieb und südwärts durch die syrische Wüste in den sicheren Tod verschickte. Eine der Hauptrouten in die syrische Wüste zog sich durch Keller, und Clara musste täglich, während ihr Mann unten im Tal arbeitete, die vom Norden her kommenden Todesmärsche mit ansehen. Als Augenzeugin sah sie sich verpflichtet, in ihrem Tagebuch, und später auch im speziellen Augenzeugenbericht, alles festzuhalten, was sie tagtäglich an Gräueltaten beobachtete.
Das abgelegene Haus am Berghang in Keller / Fevzipaşa.
Mitten in den Kriegswirren schenkte Clara am 26. Januar 1917 ihrem ersten Sohn, Karlfrideli (Karl Fritz), das Leben. Die Geburt fand im weltabgeschiedenen Häuschen in Keller unter schwierigen Bedingungen statt.
Nach Beendigung der Arbeit ihres Mannes beim Bahnbau trat die junge Familie am 3. April 1918 ihre Heimreise an. Zunächst reisten sie nach Istanbul, wo sie monatelang zurückgehalten wurden, bevor sie von den Behörden die Genehmigung erhielten, in die Schweiz auszureisen.20 Clara, die wieder guter Hoffnung war, beeilte sich, denn «sie wollte nicht noch einmal in diesem Lande unter solch schrecklichen Umständen gebären müssen»21. Schließlich durfte die aus drei Personen bestehende Familie im selben Jahr, am 21. August 1918, in die Schweiz reisen, wo sie sich in Claras Elternhaus in Werdenberg niederließ.
Am Sonntag, dem 17. November 1918, gebar Clara in ihrem Elternhaus in Werdenberg die Drillinge Kaspar, Hans und Rudolf.
Ende 1927 kehrte die Mutter mit ihren vier Jungen wieder nach Istanbul zurück, da ihr Mann die Leitung des Baus der Eisenbahnlinie Fevzipaşa–Diyarbekir übernommen hatte. Die Familie nahm Wohnsitz in Istanbul, wo die Söhne die Deutsche Schule besuchten. Noch in der Schweiz hatte Clara ihren Kindern die türkische Sprache beigebracht. Da die Arbeitsstelle ihres Mannes in der Türkei sehr abgelegen war, etwa tausend Kilometer von der Familie entfernt, war Clara beim Großziehen der Kinder in Istanbul ganz auf sich gestellt. Sie klärte die heranwachsenden Söhne auf über viele wichtige Dinge im Leben, vor allem über Hygiene und vorbeugende Maßnahmen gegen Krankheiten. Sie besprach mit ihnen Gott und die Welt, und es gab keine Tabus. Sie erzählte den Kindern von ihren Erlebnissen aus den Jahren des Weltkrieges, von den Deportationen der Armenier und erinnerte sich mit Schrecken an die vielen Krankheiten, an denen so viele Menschen starben: Ruhr, Cholera, Flecktyphus u.a.
Wägital 1923. Clara und Fritz mit ihren vier Söhnen.
Im Jahre 1930 erkrankte Claras Drillingskind Kaspar an Leukämie. Dagegen war sowohl die Mutter als auch die Medizin machtlos, und am 11. März 1931 verstarb Kaspar in Istanbul. Er wurde dort auf dem protestantischen Friedhof von Feriköy neben zwei anderen Schweizern begraben. Später hat Clara in ihren Notizen auch die Geschichte von Kaspars Krankheit eingehend geschildert.
Als 1934 die nationalsozialistische Ideologie auch in die Deutsche Schule von Istanbul eindrang, schickte Clara die Jungen auf eine Internatsschule in der Schweiz. Nach einem Jahr kehrte sie selbst in die Schweiz zurück, und ihr Mann folgte ihr im Jahre 1936. Von 1937 bis 1939 lebte Clara in Zürich, wo ihre Kinder ausgebildet wurden. Danach und bis zum Ende ihres Lebens lebte sie in der «Villa», in ihrem Elternhaus unweit des Werdenberger Schlosses.
Werdenberg 1975. Clara wird 90 Jahre alt.
Nach einem langen und erfüllten Leben verstarb Clara Sigrist-Hilty am 22. März 1988 in ihrem Geburtsort Werdenberg im Alter von 104 Jahren.
Für ihre Aufzeichnungen benutzt Clara Sigrist-Hilty eine gedruckte Tagebuch-Ausgabe Reihe «Jahr für Jahr» von Walker’s, die für fünf Jahre eingerichtet ist. Das Fünfjahresbuch hat eine am Kalender orientierte feste Struktur. Seine 365 Seiten beginnen mit «Januar 1» und enden mit «Dezember 31». Jede Seite ist mit einer Linie in fünf übereinander liegende Abschnitte gegliedert, wobei jeder Abschnitt für einen Tag steht. Für den jeweiligen Tageseintrag verfügt man also nur über ein Fünftel der Seite. Die Jahreszahl wird vom jeweiligen Tagebuchbenutzer eingetragen. Man kann an einem beliebigen Jahrestag einsetzen. Startet man zum Beispiel am 5. Mai 1915, so wird im ersten Abschnitt der Seite «Mai 5» zunächst die Jahreszahl 1915 eingegeben und der erste Text eingetragen. Auf der nächsten Seite folgt dann «Mai 6», und nach der Eingabe der Jahreszahl 1915 kommt der zweite Eintrag. So bewegt man sich Seite um Seite fort, bis man am Ende des Jahres 1915 auf die letzte Seite des Buches gelangt. Für das Jahr 1916 kehrt man zum Anfang des Tagebuchs («Januar 1») zurück und benutzt den zweiten Abschnitt (von oben). So wächst das Tagebuch von Tag zu Tag, die unbeschriebenen Abschnitte bleiben als Leerstellen zurück; häufig sagt gerade das Fehlen des Textes etwas aus.
Der erste Januar 1914 bis 1918 im Tagebuch.
Es leuchtet ein, dass in einem solchen Tagebuch nicht genug Platz zur Verfügung steht, um einen Tagesablauf detailliert zu beschreiben. Doch gerade von seiner kompakten Struktur kann ein Fünfjahresbuch profitieren. Sein Benutzer lernt, mit wenig Zeitaufwand das Wesentliche des Tages festzuhalten, notfalls reichen auch hastige Notizen für eine Eintragung. Der ökonomische Umgang mit Zeit und Sprache erleichtert die Konstanz der Tagebuchführung sowie einen einheitlichen Charakter der Eintragungen. Außerdem zwingt die knappe Ausdrucksweise zu Genauigkeit und Sachlichkeit. Ein weiterer Gewinn ist, dass dieser Typ von Tagebuch am Ende einen Überblick über die Aufzeichnungen von mehreren Jahren auf derselben Seite zulässt.
Clara hat ihr Fünfjahresbuch nicht lückenlos gefüllt. Ihren ersten Text trägt sie 1914 noch in der Schweiz ein, beginnt aber – abgesehen von einem Gedicht am 1. Januar und zwei flüchtigen Notizen im Juni 1914, in denen sie ihre Anstellung im Spital in Grabs aufzeichnet – erst im September 1914 mit ihrer Tagebuchführung. Im ganzen Tagebuch gibt es nur eine Seite, die vom 1. Januar, in der alle fünf Abschnitte belegt sind. Aber auch von September 1914 bis April 1915 ist sie noch nicht die eifrige Tagebuchschreiberin, wie wir sie in den folgenden drei Jahren in der Türkei kennenlernen werden. In diesen sieben Monaten gibt es nur gelegentliche und meist lakonische Ein-Satz-Notizen, und die meisten Abschnitte bleiben leer.
Clara weiß vom begrenzten Raum ihres Tagebuchs sehr gut Gebrauch zu machen. Sie bedient sich einer ganzen Reihe von Abkürzungen. Die Konjunktion ‹und› ist fast durchwegs durch das &-Zeichen ersetzt. Oft steht ein ‹f.› für ‹für›, ein ‹v.› für ‹vor› sowie ‹v.› oder ‹z.› für die jeweiligen Kasusverbindungen der Präpositionen ‹von› und ‹zu› und ähnliches mehr. Gelegentlich werden auch längere, aber bekannte Wörter gekürzt, kl. für klein, Schw. für Schwester und vieles mehr. Mit der Zeit eignet sie sich einen sparsamen, sachlich-deskriptiven Stil an, der ausdrucksvoll ist. Präzise Kurzsätze jeglicher Art – bald einzelne Nomen oder Infinitive, bald längere, doch meist elliptische Sätze – verschaffen dem Leser Zugang zu Claras Gedanken und Gemütsbewegungen.
Teils wegen des mangelnden Platzes, teils wegen Claras zurückhaltender Natur wird im Tagebuch – ausgenommen die Seiten, wo es um ihren Erstling Karlfrideli geht – nicht viel Persönliches und Intimes festgehalten. Auch sind Werturteile selten. Nur an zwei Stellen ihrer ganzen Tagebuchführung kann sie nicht umhin, die Grenzen des ihr zugeteilten engen Raums zu sprengen, um ihrem Herzen Luft zu machen. Sie ist dann auf den Anhang des Tagebuchs angewiesen, wo ihr einige leere Seiten unter der Überschrift «Memorandum» zur Verfügung stehen. Dort nimmt sie sich die Freiheit und hat auch genug Platz, Dinge offen und eingehend anzusprechen. Sie greift auf ihre Einträge vom 21. Januar 1916 und vom 17. Juni 1916 zurück, erweitert den einen und schreibt den anderen Eintrag neu. Hier lässt sie als Augenzeugin ihrer Feder freien Lauf und prangert den moralischen Verfall türkischer Machthaber an. Dabei handelt es sich um Gewalttaten nicht nur gegen Armenier. In der ersten Episode beschreibt Clara als Augenzeugin eine «Bastonnade», eine mittelalterliche Strafe des Orients, die unter ihrem Fenster von einem türkischen Offizier seiner eigenen Mannschaft gegenüber angewandt wird. Die Soldaten, die dieser körperlichen Züchtigung unterzogen wurden, hatten es gewagt, Krankheitsurlaub zu beantragen.
Die zweite Episode schildert, welcher unmenschlichen Behandlung der Polizeichef, der «Henkersknecht», wie Clara ihn nennt, eine kleine Gruppe von schwerkranken armenischen Frauen und Kleinkindern aussetzt. Clara und Fritz, nachdem sie der Gruppe Brot und Wasser verabreichen ließen, sind nun «präsent» bei der Gruppe und wollen helfen. Eine unverzügliche Hospitalisierung dieser armen Menschen ist erforderlich, und Fritz lässt für deren Transport Tragtiere kommen. Doch der türkische Polizeichef, der gerade vorbeikommt, schickt die Tragtiere weg. «Leute, die nicht 10 Schritte gehen können ohne umzusinken», schreibt Clara am 17. Juni 1916,«[will] man zum Aufbruch zwingen», damit sie sich zu Fuß zum Hospital schleppen. Erschüttert angesichts der Unmenschlichkeit, die «das eigene Herz in grausamer Wirklichkeit erlebt», wird Clara hier sehr kritisch, und erst an dieser Stelle wird es dem Leser bewusst, wie zurückhaltend die Autorin ansonsten ist.
Clara bedient sich der üblichen Handschrift ihrer Zeit, der Kurrentschrift oder der «gotischen Handschrift» mit fließenden Abgrenzungen und ineinander verschlungenen Schriftzeichen. Ihre geradezu kalligrafische Handschrift der Briefe und des Augenzeugenberichts erweckt in ihrer schönen Gleichmäßigkeit den Eindruck einer gebildeten, organisierten und gepflegten Persönlichkeit. Das Tagebuch bietet meist ein anderes Bild: Die Zeilen, in aller Eile eingetragen, sind unregelmäßiger, schwieriger zu entziffern oder gar unleserlich. Aber der Aufwand für die mühsame Entzifferung erwies sich in jeder Hinsicht als lohnenswert, denn Claras Tagebuch ist ein historisch wichtiges Dokument, das mit dem Fortschreiten der Zeit immer schwieriger zu verstehen sein wird.
Claras Sprache ist das Schweizer Hochdeutsch mit einer gewissen Beimischung mundartlicher Formen, die ihrem Stil eine angenehme persönliche Note verleihen. Helvetismen wie Morgenessen oder Zmorgen für Frühstück, Znüni für Pausenbrot und Nachtessen oder Znacht für Abendessen sind gemeinsprachlich verständlich. Der durch Häufigkeit auffallende Gebrauch von Diminutiva mit dem Verkleinerungssuffix -li oder -i hat einen volkstümlichen Klang. Gewöhnliche Alltagswörter hören sich gut an, und Wörter wie Hüsli für Haus, Weibli oder Fraueli für Frau, Büdeli für Bude müssen nicht unbedingt gefühlsbetont sein, doch wir schließen von ihnen auf Claras gute Stimmung. An anderer Stelle reflektieren solche Formen Gefühle der Intimität und Zärtlichkeit, bei Büebli für Bube, Schätzli für Schatz, s’Müetti für Mutter, Margelchöpfli für ihren Lieblingsberg Margelkopf und so weiter. Ein Satz wie «Jörgli erkennt sein Tanteli» ist gefühlsgeladen. Dass Diminutiva bei Clara eine lebensbejahende, positive Bedeutung haben, ist daraus zu erkennen, dass diese kaum in Einträgen vorkommen, in denen sie düstere Bilder, wie etwa die des Genozids, schildert.
Selbst bei hastigem Notieren fließt die Sprache und ist orthografisch einwandfrei. Fast keine Flüchtigkeitsfehler, so gut wie keine Korrekturen. Besonders beeindruckend ist bei ihr die orthografische Korrektheit der vielen Orts- und Personennamen. Vor Personennamen führt sie meist die zugehörige Grad-, Amts- und Berufsbezeichnung an, die bei wiederholtem Gebrauch unverändert bleibt: Oberingenieur Winkler, Oberstleutnant Böttrich, Dr. Kant, Nilquellenerforscher, Prof. Kirchner, deutscher Archäologe, Oberstabsarzt Dr. Schacht, General Falkenhayn, Baron v. Oppenheim, Nuri Bey, Abgeordneter Abdul Rahman Pascha, Oberstleutnant, Generalstabschef Kretschmar, Etappenmajor Hilfiker, Direktor Hasenfratz usw. Diese Tatsache hat mir die Suche nach den Namen dieser Persönlichkeiten in der einschlägigen Literatur sowie im Internet sehr erleichtert.
Beim Entziffern der Einträge hat mich noch etwas überrascht: Bei Personennamen bedient sich Clara statt der Kurrentschrift der Lateinschrift, und zwar konsequent, was mir viel Mühe erspart hat. Das warf für mich anfangs viele Fragen auf: Hat sie sicherstellen wollen, dass alle Eigennamen unbedingt leserlich sind? Wusste sie, dass sie für die Nachwelt schrieb? Inwieweit war ihr die Bedeutung dieses Tagebuchs bewusst? Erst neulich erfuhr ich, dass man in jenen Zeiten häufig in einem kurrentschriftlichen Text bei Eigennamen die Lateinschrift gebrauchte.
Wie knapp auch immer Ihre Notizen sind, Clara ist eine gute Erzählerin, und man kann ihrem mehrjährigen Tagebuch eine in sich stimmige Schilderung eines Lebensabschnitts entnehmen.
Im September 1914 lernte Clara durch ihre Freundin Lis deren charmanten Bruder kennen, Bauingenieur Fritz Sigrist, und im September 1914 begann sie auch, Tagebuch zu führen.22 Am 6. September lesen wir einen einzigen Satz: «Lis und Herr Sigrist bei uns im Hüsli.» Wie die meisten Tagebuchschreiber – man glaubt ja, nur für sich zu schreiben – deutet Clara bloß an, und erst aufgrund ihrer Biografie können wir heute aus ihren knappen Aufzeichnungen auf die Zusammenhänge schließen. Und so schlussfolgern wir, dass in jenen Tagen Fritz um Clara warb und dass es ihr schwerfiel, sich zu entscheiden. «Von Zögern und Zagen ist zerrissen der Sinn», heißt es in einer Liedstrophe, die sie am 8. September 1914 einträgt. Tage darauf ist stichwortartig von zwei Briefen von «Herrn Sigrist» die Rede, und Clara scheint von ihrem Inhalt nicht sonderlich erbaut zu sein. Kein Wort darüber, worum es ging oder was sie ins Wanken brachte. Aber auch hier ist es aufgrund unserer heutigen Kenntnisse nicht schwer, Vermutungen anzustellen. Es ging wohl um die Anstellung des Bauingenieurs Fritz Sigrist, der von 1910 bis 1914 beim Bau der Bagdadbahn in der Türkei tätig gewesen war und dessen Vertrag für das Jahr 1915 erneuert worden war. Fritz sollte bald wieder in die Türkei zurückreisen, und im Falle einer Eheschließung hätte Clara ihm folgen müssen.
War sie zu einer so grundlegenden Lebensumstellung bereit? War es ratsam, zu Kriegszeiten ins Ungewisse zu ziehen? Würde sie es nicht später bereuen, wenn sie ihre vor nur wenigen Monaten erworbene und geliebte Stelle als Krankenschwester im Spital des heimatlichen Grabs aufgeben würde? Am 8. September 1914 schreibt Clara: «Das ganze Spitalglück auf einmal dahin … » Nach langem Schweigen, d.h. nach vielen leeren Abschnitten im Tagebuch, notiert sie am 26. September: «Trostloses Sich-nicht-entschließen-Können. Heute glaub ich bestimmt, Nein sagen zu müssen.» Doch nach dem dritten Brief von «Herrn Sigrist» mit der Nachricht, dass er «morgen komme», ändert sich alles. Am 30. September liest man schon zwischen den Zeilen Claras Ja-Wort: «Prachtsonnentag, und Fritz bringt die ersten Rosen.» Am 11. Oktober kommt Lis zu Besuch: «Lis bei mir. Das ganze Stübli voll Nelken und Rosen.» Und man muss annehmen, dass am 14. Oktober im Haus der Hiltys der Bund offiziell gefestigt wird, denn es heißt: «Fritz bringt Papa, Mama, Ida, Ruedi und Herbert mit ins Hüsli. Abends reise ich mit nach Netstal zurück.» Am nächsten Tag, dem 15. Oktober, wird die Verlobung von Clara und Fritz «beim Zivilstandesamt» angemeldet, und von da an bis zum Frühling 1915 wird nicht viel ins Tagebuch eingetragen. In den wenigen Notizen ist der Name Fritz meist präsent: gemeinsame Spaziergänge durch die malerische Werdenberger Gegend, Reisen durch das Heimatland, Konzertbesuche in Zürich, Visiten bei Verwandten u.a. Clara wirkt glücklich und ausgeglichen, ohne es ausdrücklich anzugeben. Erst im April 1915 beginnt Clara ihre regelmäßige Tagebuchführung. Es sind aufregende Zeiten, und alles ist emotional geladen: die Vorbereitungen für die Hochzeit und die bevorstehende große Reise in die Türkei. In diesem Lebensabschnitt braucht sie das Tagebuch. Ihre Einträge werden länger, der verfügbare Platz zum Schreiben reicht ihr nicht mehr, und ihre Handschrift verkleinert sich dort, wo sie möglichst viel unterbringen will. Unbeschriebene Flächen gibt es kaum mehr.
Werdenberg 1914. Fritz Sigrist und Clara Hilty anlässlich der Verlobung.
