Manchmal hast du keine Wahl - Elisa Bragy - E-Book

Manchmal hast du keine Wahl E-Book

Elisa Bragy

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Beschreibung

Isa ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder, arbeitet als Freelancerin für ein Übersetzungsbüro und engagiert sich im Kulturbereich. Tim ist ein erfolgreicher Theater- und Filmschauspieler, freiheitsliebend, nicht gebunden und über zehn Jahre jünger als Isa. Aus einer Begegnung nach einer Aufführung und anschließenden Gesprächen entwickelt sich eine tiefe Verbundenheit. Die Intensität ihrer Liebe und die Seelenverwandtschaft, die zwischen ihnen besteht, verändert ihrer beider Leben. Sie haben keine Wahl, diese Gefühle zwingen sie, konventionelle Grenzen zu überschreiten, auch wenn die Angst vor dem Verlust groß ist. Finden sie einen Weg?

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 1237

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt

Impressum 2

Zitat 3

Kapitel 1 4

Kapitel 2 103

Kapitel 3 201

Kapitel 4 300

Kapitel 5 401

Kapitel 6 500

Kapitel 7 595

Kapitel 8 687

Kapitel 9 768

Epilog 769

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2022 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99131-589-6

ISBN e-book: 978-3-99131-590-2

Lektorat: Mag. Eva Reisinger

Umschlagfotos: Volgariver, Dmitriy Sladkov, Fabrice Loyola | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

Innenabbildung: Peri Priatna | Dreamstime.com

www.novumverlag.com

Zitat

«The most beautiful things in the world cannot be seen or touched,

they are felt with the heart.»

Antoine de Saint-Exupéry, The Little Prince

«Die schönsten Dinge auf der Welt kann man weder sehen noch

anfassen, man muss sie mit dem Herzen fühlen.»

Antoine de Saint-Exupéry, Der kleine Prinz

Kapitel 1

Es sind seine Augen. Sie führen ein Eigenleben in diesem schönen männlichen, von der Sonne gebräunten Gesicht. Sie sind blau, ein ganz besonderes Blau, und machen diesen Blick zu dem, was er ist. Sie schauen dich nicht nur an, sie fixieren dich. Je nach Situation. Du kannst dich in diesen Augen nicht verlieren, du hast vielleicht das Gefühl, es zu können, aber du kannst es nicht. Was du aber kannst, ist, an ihnen zu erfrieren oder zu zerbrechen. Sie sind wie Spiegelfenster. Er sieht hinaus, aber du kannst nicht hineinsehen, außer er lässt es zu, was nicht allzu oft vorkommt. Wann diese Grenze sich öffnet oder schließt, entscheidet er, und nicht du.

Sein Mund kann lächeln, seine Worte dir schmeicheln, er kann charmant sein, dich um den Finger wickeln, sein Lachen dich betören und seine Ausgelassenheit dich mitreißen. Er gibt dir das Gefühl, dass er ganz bei dir ist, aber wenn du in die Augen siehst, merkst du, dass dem nicht so ist. Sein Blick sagt dir, dass er schon lange irgendwo anders ist und seine Gedanken schon weitergezogen sind, bewusst oder unbewusst. Trotzdem lassen dich diese Augen nicht los. Sie spielen mit dir, sie haben dich eingefangen. Plötzlich, warum auch immer, ist die Grenze offen, er ist wieder da und lässt es zu, dass sie dich sehen. Es ist wie der Flügelschlag eines Schmetterlings, der dich berührt, du bist verzaubert du schwebst. Du wirst zu Ikarus und schwingst dich der Sonne entgegen, aber freue dich nicht zu sehr. Diese Grenze ist unberechenbar, schon bald ist sie wieder zu und der Augenblick ist vorbei. Du aber der Sonne schon zu nah. Das Wachs deiner Flügel schmilzt dahin und du stürzt ins Bodenlose.

Sind sie der Spiegel seiner Seele? Spiegeln sie das Wissen, Unkontrollierbarem zu begegnen? Spiegeln sie die Angst, Freiheit zu verlieren oder Verletzungen nochmals ausgesetzt zu werden, die Grenze zu überschreiten – oder ist es einfach Arroganz und Selbstverliebtheit?

Etwas davon mit ‘Ja’ zu beantworten, wäre zu simpel. Dafür ist dieser Mensch zu vielschichtig, seine Leidenschaft zu groß und die Grenze für ihn zu nah.

Er ist beliebt, gern gesehener Gast, intelligent und von den Menschen umschwärmt. Er weiß, worüber man nicht lachen darf, und kennt menschliche Werte. Ebenso weiß er, wann und wo man sich wie benimmt, nützt seine gute Kinderstube. Zudem kennt er die Zauberformel um aufgefordert zu werden, einzutreten. Er lässt sich nicht einschränken, nicht zwingen, entspricht bei näherem Hinsehen nicht dem ‘Ideal’ eines gängigen Menschen. Das ist ihm bewusst, aber er will es auch gar nicht.Es spielt für ihn keine Rolle – nicht im Moment –, er ist noch jung genug, erfolgreich und feurig. Er kann noch brennen, er hat noch die Wahl. Er lebt sein Leben an seiner Grenze, hat Plattformen, um diese Grenze nicht überqueren zu müssen. Das macht ihn aus. Dafür ist er geboren worden, dafür hat er gekämpft. Dafür lebt er.

***

Dies und noch vieles mehr wurde mir auf einen Schlag bewusst, als ich ihm das erste Mal begegnete. Es war wie ein Déjà-vu. Alles, was ich über ihn gelesen, gehört und gesehen hatte, bekam noch mehr Sinn. Gebannt schaute ich ihm zu. Er spielte seine ureigene Komposition, spielte genau die Töne, die er wollte. Bestimmte das Tempo, den Anfang und das Ende der Partitur und übernahm jede Stimme, die er dazu brauchte. Und er wurde gehört. Die Menschen hingen an seinen Lippen, wurden von seinem Wesen angezogen wie die Motten vom Licht. Es wäre zu einfach zu sagen, es wären nur die Frauen. Nein, er hatte die Fähigkeit, alles, was menschlich ist, in seinen Bann zu ziehen.

Und da stand ich nun, in sicherem Abstand, gebannt, ängstlich und überwältigt zugleich. Ich war berauscht wie ein Teenager, leider nicht mehr so naiv, trotzdem wusste ich nicht, ob ich bleiben oder mich in sichere Gefilde retten sollte. Verzaubert und gleichzeitig unendlich traurig. Traurig, da ich bereits erkannt hatte, dass ich wie Ikarus war und mich unendlich von dieser Sonne angezogen fühlte. Dies trotz des Wissens, am Ende ins Unendliche abzustürzen. Trotzdem hatte ich weder die Kraft noch den Willen, mich abzuwenden. So wie dieser Mann seinen Weg ging, musste ich den meinen gehen, das war das Einzige, was mir in diesem Augenblick klar war. Also blieb ich dort, wo ich war, und wartete darauf, dass ich die Möglichkeit bekam, ihn kurz anzusprechen, um ihm mein Anliegen mitteilen zu können.

Es dauerte. Während ich da stand, fiel mir auf, dass er ein-, zweimal den Kopf wendete und kurz zu mir herüber sah, bevor er sich wieder seinem Gegenüber zuwandte. Ich hatte das Gefühl, dass ihn mein Abstandhalten etwas irritierte. Er konnte mein Verhalten nicht ganz zuordnen, da all die anderen seine Nähe suchten. Ich aber stand ruhig dort an der Säule und schaute nur zu. Nach einiger Zeit, als die Damen, berauscht von seiner Nähe, etwas echauffiert und mit roten Wangen, ihre Selfies mit ihm gemacht und ihre Autogramme erhalten hatten und die Männer langsam nicht mehr wussten, über was sie sprechen sollten, löste sich die Gruppe auf. Er drehte sich nochmals um, verbeugte und bedankte sich bei allen und ging relativ zügig auf die Türe zu. Das war nun der Moment, wo ich mich in Bewegung setzen musste, wollte ich ihn noch aufhalten. Ich ging los und gerade als er die Türklinke niederdrücken wollte, sprach ich ihn an.

Er hielt inne und drehte sich mir zu, überrascht, die Frau, welche die ganze Zeit an der Säule geklebt hatte, vor sich zu sehen.

Einen Wimpernschlag lang wirkte er müde, abwesend und etwas genervt. Dann war er wieder da, charmant lächelnd.

«Ja, bitte, haben Sie einen Wunsch?»

Ich schaute ihn an und sagte – Ja, auf diesen Satz habe ich schon lange gewartet …

Nein, das sagte ich ganz bestimmt nicht! Da war meine Feigheit zu groß oder meine Schlagfertigkeit zu klein oder beides.

«Guten Abend, Herr Brechner. Mein Name ist Bergmann. Entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie aufhalte. Ich bin keine Journalistin, sondern komme mit einem Anliegen. Ich möchte Sie um ein kurzes Gespräch bitten. Nicht jetzt, aber wenn möglich in den nächsten drei Tagen», antwortete ich ihm lächelnd.

«Ja, worum geht es denn? Normalerweise wenden sich die Leute an meine Agentur», sagte er immer noch sehr freundlich.

«Ich weiß, aber mein Anliegen ist nicht groß genug, um es in ihrer Agentur zu deponieren. Sie würden es nicht weiterleiten, da es ihrer Ansicht nach nicht wichtig genug wäre, um Ihnen damit die Zeit zu stehlen», kam es von meiner Seite.

«Also gut, können Sie mir kurz sagen, worum es geht? Ich bin noch verabredet!»

Der Ton veränderte sich um eine winzige Nuance, wurde um eine Spur dunkler und seine Augen fixierten mich.

«Gern, es geht um ein Projekt, welches Sie aufgebaut haben. Sie haben für ein klassisches Werk eine eigene persönliche Form entwickelt, um jungen Menschen die Literatur näher zu bringen. Als ich das gelesen habe, war ich von dieser Idee fasziniert. Vor allem, weil Sie für mich auch heute noch, im übertragenen Sinn natürlich, ein Brückenbauer sind. Nun möchte ich von Ihnen wissen, wie man das auch bei uns einbringen könnte. Aus diesem Grund würde ich mich gern mit Ihnen über das damalige Projekt unterhalten. Ich bin noch bis Montagmorgen hier und wohne zurzeit in der Lenkaigasse 17. Ich habe Ihnen meine Handynummer aufgeschrieben, unter der Sie mich erreichen können. Wenn Sie Lust und Zeit haben, würde ich mich über ein Gespräch mit Ihnen wirklich sehr freuen.»

Ich hielt seinem Blick stand, ließ mir nicht anmerken, dass ich ihn am liebsten geschüttelt hätte, damit er mir wirklich zuhörte, und reichte ihm den Briefumschlag.

«Gut, ich werde sehen, ob ich die Zeit dafür finden kann», sagte er mit einem charmanten, unverbindlichen Lächeln.

«Das ist nett, vielen Dank, und bitte nicht wegwerfen oder verlieren», lächelte ich zurück.

«Na, das werde ich mir doch merken. Also dann, Sie werden von mir hören.» Er verabschiedete sich und als er gerade die Türe öffnen wollte, sah er sich nochmals um. Erstaunt schaute er zu mir hin, da ich immer noch an der gleichen Stelle stand.

«Ich möchte mich nur noch für den Abend bedanken, es war eine großartige Performance!», sagte ich mit einem freundlichen Lächeln.

Nun machte er wieder einen Schritt auf mich zu und schaute mich an. Sein Blick war auf mich gerichtet, die Grenze offen und das Lächeln, das sein Gesicht aufhellte und den Ausdruck ‘ok, erledigt’ verfliegen ließ, erreichte seine Augen. Er nahm mich, respektive das Gehörte wahr, das konnte ich auf Anhieb sehen. Was für eine Verwandlung! Plötzlich war die Hektik von ihm abgefallen und er schien alle Zeit der Welt zu haben.

Nun war ich es, die sich lächelnd verabschiedete, einfach umdrehte und davon ging. Gott sei Dank sah er nicht, wie viel Kraft mich das kostete. Da ging ich klopfenden Herzens, aufgewühlt, froh und voller Hoffnung, Angst vor der nächsten Begegnung oder der Nichtbegegnung. Die Gefühle jung, die Verpackung etwas reifer, nicht viel gescheiter als vor Jahren, nur wissender.

Auf dem Nachhauseweg schlenderte ich gemütlich die Straßen entlang, vorbei an den schönen alten Häusern mit ihren prachtvollen Fassaden. Sie waren gepflegt und im Wert zunehmend, schützenswerte Objekte, wie sie genannt wurden. In diesem Moment wünschte ich mir, ein Haus zu sein und nicht eine Frau. Eine Frau wird älter, aber ist im geläufigen Sinn nicht schützenswert, wird einfach nur alt. Auch die schönen alten Bäume, die da so majestätisch standen, bei denen jeder Jahrring zu ihrer Schönheit beitrug, auch die halfen nicht, mich aus meiner Tristesse, die mich ohne Vorwarnung überfallen hatte, zu reißen. Bei uns Frauen werden Falten und Flecken überdeckt, der Körper getrimmt, Jahre weggeschminkt und verleugnet. Man erwartet, dass wir jung, schön und fit diesen Planeten verlassen.

Ein Mann hat es da etwas einfacher, besonders wenn er erfolgreich ist. Da stehen ihm noch, trotz rundem Bauch und schwabbliger Masse, die Türen offen. Er lacht sich ein junges Geschöpf als Jungbrunnen an und zeigt der ganzen Welt, was er noch alles kann. Lacht eine Frau sich einen jüngeren Mann an, da glauben alle zu wissen, dass dieser ganz sicher einen Mutterkomplex hat oder sie so dumm ist, dass sie nicht merkt, warum er es mit ihr aushält. Ich wusste, dass da eine klitzekleine Bitterkeit in mir war, und warum das so war, wusste ich ebenfalls.

Müde und doch irgendwie sehr wach stieß ich das Gartentor auf. Der Kies knirschte unter meinen Schuhen, als ich zum Eingang ging. Ich öffnete die Tür und trat ein. Die Kühle der Eingangshalle ließ mich frösteln. Meine Schritte auf den wunderschönen schwarz-weißen Fliesen hallten in meinen Ohren etwas zu laut. Langsam stieg ich die Stufen zur zweiten Etage hinauf und stand dann vor meiner Tür und trat ein. Als Erstes schlüpfte ich aus meinen Schuhen. Als ich den Boden unter meinen Fußsohlen fühlte, war es wie immer befreiend. Die Schwelle ins Wohnzimmer hieß mich mit einem leisen Knarren willkommen. Ich knipste die Stehlampe neben dem Tisch an und öffnete die Flügeltüre. Mit dem Glas Rotwein, das darauf wartete, fertig getrunken zu werden, trat ich auf den Balkon hinaus. Der Himmel war übersät mit Sterne und der Mond ließ sich hinter den Blättern der Bäume schon erahnen. In ungefähr einer Stunde würde er über den Baumkronen stehen und in mein Schlafzimmer hineinschauen. Nur würde dieses, wie fast immer in den letzten Tagen, leer sein. Ich arbeitete an einer Übersetzung und das bedeutete, dass ich die paar Tage in meinem selbstgewählten Exil unbedingt nützen wollte. Gleichwohl war ich ehrlich genug zuzugeben, dass es da schon etwas gäbe, was mich davon abhalten könnte. Ein Gespräch mit Tim Brechner.

Als ich einen Moment später die Balkontüre schloss und mich setzte, fragte ich mich, ob er sich melden würde oder ob er den Briefumschlag bereits entsorgt, das heißt liegen gelassen oder weggeschmissen hatte. Einerseits war ich mir fast sicher, sein Verhalten abschätzen zu können, anderseits kannte ich ihn aber nicht. Wenn er so war, wie ich es mir vorstellte, würde die Neugierde überwiegen. Zu wissen, was genau ich von ihm wollte und warum, könnte ihn eventuell dazu bewegen, mit mir Kontakt aufzunehmen. Aber wie ich ebenfalls wusste, entsprach er keinem Muster. Wie wir alle, war er ein Mensch aus vielen Schichten, mit dem Unterschied, dass er diese verschiedenen Schichten oder Seiten auch lebte, was man überall lesen konnte. Dennoch hatte ich das Gefühl, dass er in seiner Unberechenbarkeit trotz allem irgendwie berechenbar war. Einbildung meinerseits?

Ich hätte noch stundenlang darüber sinnieren können und wäre zu keinem schlüssigen Resultat gekommen. Also entschloss ich mich, mit meiner Arbeit fortzufahren. Erstaunlicherweise gelang mir das besser als erwartet und ich konnte meine Gedanken lenken und umsetzen. Wie immer vergaß ich die Zeit. Plötzlich klingelte mein Handy. Erstaunt stellte ich fest, dass es bereits zwei Uhr war und schaute auf das Display. Unterdrückte Nummer, was soll’s? Ohne lange nachzudenken drückte ich den Anruf weg. Gerade als ich mich wieder meiner Arbeit zuwenden wollte, fing das Geklingel erneut an. Genervt nahm ich ab und.meldete mich mit einem ziemlich zackigen «Ja», als ich die Stimme von Tim Brechner vernahm. Ich spürte, wie sich meine Nackenhaare aufstellten, mein Mund trocken wurde, die Zunge an meinem Gaumen festklebte, so dass alles, was ich rausbrachte, ein klägliches «Hallo» war.

«Störe ich Sie?», fragte mich eine hellwache und sehr präsente Stimme.

«Nein, nein, überhaupt nicht.»

Ich konnte fast nicht sprechen, mein Hals war wie zugeschnürt, so kam es mir jedenfalls vor.

«Ich stehe hier unten vor Ihrem Haus und sehe, dass bei Ihnen noch Licht brennt. Ich hätte jetzt Zeit für ein Gespräch. Kann ich raufkommen?», fragte er, als wäre es das Normalste der Welt, um zwei Uhr morgens bei jemandem zu klingeln und zu fragen, ob er eintreten dürfe.

Überhaupt, woher wusste er, dass das Licht zu meiner Wohnung gehörte? Annahme oder Bereitschaft zum Risiko?

«Ja, klar, warten Sie, ich öffne Ihnen. Kommen Sie rauf.»

Ich spurtete zur Tür, drückte den Summer und öffnete die Wohnungstüre einen Spaltbreit. Danach rannte ich wie ein aufgescheuchtes Huhn ins Bad, sah in den Spiegel und wunderte mich, dass dieser bei meinem Anblick nicht zersprang. Was soll’s, da war in dieser kurzen Zeit nichts mehr zu machen. Sein aufgekratztes «Hallo» war bereits vor der Tür und ich hörte, wie er eintrat und die Schuhe von seinen Füßen kickte. Ok! Volle Kraft voraus! Was dich nicht umbringt, macht dich ja bekanntlich stark, fiel mir ein beliebtes Sprichwort meiner Mutter ein. «Contenance, liebe Frau, Contenance, das ist es, was Sie jetzt brauchen», flüsterte mir dagegen meine innere Stimme zu.

Da standen wir nun in meinem Wohnzimmer um zwei Uhr morgens, ich in Leggins und T-Shirt, barfuß. Er barfuß in Jeans und Shirt, noch etwas Schminke in seinem Gesicht, die Haare zerwühlt, eine alte Tasche umgehängt. Seine Körperhaltung ein Fragezeichen in Ausrufzeichenmanier, grinsend übers ganze Gesicht. Ein Junge mit Flausen, hellwach und voller Neugierde. Eine unbeschreibliche Ausstrahlung. Meine Nervosität war von einem Moment zum anderen wie weggeblasen. Es kam mir vor, als wäre es das Normalste der Welt, hier um zwei Uhr morgens mit ihm zusammen in meinem Wohnzimmer zu stehen und ihn zu fragen, ob er etwas zu trinken wünschte. Eine so verrückte Situation in eine so normale zu transformieren, das konnten nicht viele. Dies war einer seiner großen bewussten oder, was ich eher vermutete, unbewussten geschenkten Stärken. Nur sehr wenige Menschen können andere ohne große Worte und nur mit ihrer Anwesenheit so gefangen nehmen. Die Frage, ob eventuell noch jemand anders hier wäre, kam ihm erst gar nicht in den Sinn – alles, was ihn interessierte, war herauszufinden, was ich von ihm wollte. Auf meine Frage, woher er wusste, dass das beleuchtete Fenster zu meiner Wohnung gehörte, meinte er, dass er erfahren habe, dass es im zweiten Stock ein Airbnb gab. Und ich hätte ja gesagt, dass ich zurzeit dort wohne. Kluges Köpfchen … und er hatte mir wirklich zugehört!!

Nachdem er sein Glas Wasser und den gewünschten Tee erhalten hatte, setzte er sich im Schneidersitz auf das Sofa, sah mich an und wartete darauf, dass ich anfing. Small Talk war absolut nicht gefragt – Gott sei Dank!

Gut, wo fing ich an? Keine Ahnung! Bevor ich meine Gedanken in Worte fassen konnte, löcherte er mich bereits mit der ersten Frage.

«Woher wissen Sie das wegen … Nein, ich bin Tim und wer bist du?»

«Ich bin Isa», antwortete ich.

«Also, Isa, woher kennst du mich und seit wann?»

«Also, wann ich dich das erste Mal wahrgenommen habe, weiß ich leider nicht mehr so genau, irgendwie war es Zufall.» Das war sicher nicht die Antwort, die er hören wollte, aber fact is fact!

«Was ich gehört und gesehen habe, hat mich sehr beeindruckt. Ich habe verschiedene CDs und Filme von dir. Auch habe ich gelesen, wie deine Reise mit deiner mobilen Theaterproduktion und dem Experiment angefangen hat. Ich schaue mir deine Interviews an und besuche Vorstellungen, wenn das möglich ist. Dabei ist mir klargeworden, dass du außerhalb der Normen lebst und spielst. Du hast keine Berührungsängste, keine Hemmungen, das zu sein, was du bist. Mir gefällt es, wie du dich auf deine Rollen einlässt. Du machst alles, um nicht in eine Schublade gesteckt zu werden. Wohlverstanden, hier spricht eine Laiin und nicht eine Fachfrau, die sich in der Theater- und Schauspielwelt gut auskennt, aber irgendwie bist du eine vertraute Seele für mich.»

«Bin ich das?», fragte er mich und sah direkt in mich hinein.

«Ja, auch ich passte und passe auch heute noch in keine Schublade, wenn auch anders als du. Schon in jungen Jahren war ich deswegen manchmal ein Alptraum für meine Umgebung. Aber kommen wir auf dich zurück, meine Geschichte hat hiermit nichts zu tun und ist nicht relevant. Ich weiß nicht, wie es bei euch ist, beimir löst dieses Gehabe um die Kultur oft einen schalen Nachgeschmack aus. Sie ist zum Teil sehr elitär.»

«Was meinst du damit?»

«Da ist zum Beispiel immer noch das mit der E- und U-Unterhaltung. Gehörst du zu denen, die Kunst verstehen und wissen, worum es geht, hörst du natürlich E-Musik, gehst in die Oper und ins Theater, besuchst die Ausstellung, die man gesehen haben muss, und liest nur Bücher, die wirklich ‘gehaltvoll’ sind. Wenn du aber zu der Gruppe der ‘einfacher gewickelten Menschen’ gehörst, dann konsumierst du U-Musik und -Bücher, aber sicher nur seichten Stoff. Wenn ich solche Äußerungen höre, wird mir übel. Dann könnte ich schreien und aus der Haut fahren! Kultur muss in all ihren Facetten für jedermann zugänglich sein. Für viele Leute ist die Hemmschwelle, sich auf die Kultur einzulassen, einfach zu groß, da sie Kultur nur mit Theater, Oper etc. in Verbindung bringen. Zusätzlich schreckt sie das Gehabe gewisser Leute ab. Genau dieses Verhalten wirkt auf sie einschüchternd und bestätigt so ihre Vorurteile gegenüber dem, was sie als Kultur ansehen. So werden sie den wichtigen Schritt über diesen Graben niemals machen. Ich bin überzeugt, dass viel mehr Menschen sich dafür interessieren würden, wenn sie nicht Angst haben müssten, sich zu blamieren. Es wäre großartig, wenn sie sich bewusst wären, dass man einiges nicht verstehen darf und einem auch nicht alles gefallen muss. Man müsste nur einen Weg finden, um ihnen zu zeigen, dass Kultur viele Farben hat und man sich dabei nicht langweilen muss, dass es nicht nur ein Entweder-Oder gibt. Auch sollten sie wissen, dass es bei den sogenannten Kulturkennern viele gibt, die überhaupt nichts verstehen, sondern sich nur aufplustern wie ein Pfau. Aus diesem Grund finde ich, dass das, was du machst, so genial ist. Du reißt Grenzzäune nieder und wagst es, zu experimentieren. Du hast die Fähigkeit, dies mit Respekt und Passion zu tun. Durch deine persönliche Auseinandersetzung mit den Werken zeigst du auf, dass diese sogenannten alten verstaubten Texte überhaupt nichts an Aktualität verloren haben und definitiv nicht nur für eine bestimmte Gesellschaftsklasse gemacht worden sind. Du präsentiert sie so, dass sie den Zugang, sowohl zu jungen als auch zu solchen, die sich bis anhin damit immer gelangweilt haben, finden. Du überlistest den ‘Dünkel’ der überheblichen Menschen. Du bist so eine Ausnahme, dass selbst die ‘ehrbaren’ Bürger nicht anders können als dir zuzuhören, dein Können zu respektieren und sich damit zu brüsten, dass sie diesen genialen Verrückten kennen.»

Tim brach in schallendes Gelächter aus, seine Augen blitzten schalkhaft, als er sagte:

«So, so, ein genialer Verrückter bin ich also. Gut gebrüllt, Löwin! Dann bist du aber ein verrücktes Huhn.»

«So in etwa», kam es spontan von meiner Seite.

«Was meinst du damit?», fragte er grinsend und schaute mich an.

«Ja, sagen wir, ich bin so etwas wie eine verrückte, mittelaltrige Henne, das würde es wohl eher treffen!»

Er grinste noch mehr. «Ah, die Dame fischt nun nach Komplimenten.»

«Nach Komplimenten fischen, wer, ich?», frech grinste ich zurück.

Ich schaute auf die Uhr. Es war bald vier Uhr und der Tag stand schon vor dem Fenster. Gott, war ich müde und trotzdem hellwach.

Ohne Übergang fragte mich Tim: «Könnte ich hier auf deinem Sofa einen Moment schlafen? Es haut mich nächstens um.»

«Klar, kein Problem, ich hole dir eine Decke.» Ich erhob mich und ging ins Schlafzimmer.

Als ich zurückkam, lag er ausgestreckt mit geschlossenen Augen, einen Arm angewinkelt da und schlief bereits. Vorsichtig legte ich die Decke über ihn und erlaubte mir den Luxus, ihn einen Moment lang zu betrachten. Es war unglaublich, hier lag er nun, friedlich als könnte er kein Wässerchen trüben, ruhig und entspannt – auf meinem Sofa in Morpheus’ Armen, als wäre es das Normalste der Welt. Ein fünfzigjähriger Mann oder etwa ein Faun aus der Mythologie – oder beides?

Todmüde, aber glücklich, verzog ich mich ins Schlafzimmer, schloss die Tür und legte mich hin. Einen Pulsschlag später folgte ich Tim ins Land der Träume.

Ich hörte weder das Zwitschern der erwachenden Vögel, noch spürte ich die Sonnenstrahlen auf meiner Haut. Ein neuer Tag war erwacht, aber ich hielt mich noch mit aller Kraft am alten fest. Wer weiß schon, wann es wieder so einen Tag, respektive eine Nacht geben würde.

Da waren Menschen, viele Menschen und sie schauten mich an. Einer fragte mich vorwurfsvoll:

«Wie konnten Sie nur!? Was haben Sie sich dabei gedacht, ihn einfach liegen zu lassen? Wir haben gewartet!»

Herrgott, was war los, ich versuchte einfach, zu gehen, aber ich konnte nicht. Irgendetwas hielt mich fest und es war so unglaublich warm. Ich schlug um mich, ich konnte diesen Rambazamba nicht mehr ertragen. Mit einem Ruck öffnete ich die Augen und erwachte endlich. Es war ein Traum! Ich hatte dieses konfuse Zeug geträumt. Gott sei Dank!

Mühsam wickelte ich mich aus der Decke, die sich um mich geschlungen hatte, so dass ich meine Beine nicht mehr bewegen konnte. Da saß ich nun auf der Bettkante und versuchte meinen Kopf klarzubekommen. Ich schaute auf das Handy, es war kurz vor zwölf Uhr. Die Sonne schien durch die Fensterscheibe voll auf mich. Darum war es mir so warm. Zuerst langsam und dann schlagartig erinnerte ich mich wieder.

Da war ja noch jemand im Wohnzimmer. Auf leisen Sohlen ging ich zur Zimmertür und öffnete diese. Das Sofa gegenüber war leer, leerer konnte es nicht sein. Keine Spur von Tim, seine Tasche und er waren fort, aber seine Schuhe lagen immer noch bei der Tür. Das Ganze war fast so schräg wie mein Traum, aus dem ich kaum aufwachen konnte. Wäre da nicht dieser Duft in der Luft gehangen, der mir schon bei Tims Eintreten aufgefallen war, hätte ich keine Mühe gehabt zu glauben, dass die Schuhe schon da waren, als ich vor ein paar Tagen diese Wohnung bezogen hatte.

War er einfach so gegangen, einfach auf und davon? Sofort erinnerte ich mich an einen Bericht, den ich gelesen hatte, in dem eine Frau schrieb, dass man es mit ihm nicht aushalten kann, da er nie dort war, wo er sein sollte. Dass Unzuverlässigkeit sein zweiter Name sei, er aber trotzdem ihr bester Freund wäre. Na ja, das passte ja nicht ganz zu dieser Situation. Freunde waren wir ja nicht! Die Decke war sorgfältig zusammengefaltet. Darauf lag ein Zettel, worauf stand:

«Hallo und guten Morgen, ging, als du noch geschlafen hast. Ich melde mich! Danke für das Sofa und die Decke! Tschüss!»

Gut, nein, überhaupt nicht gut. Aber was wäre dann gut? Ich schaltete die Kaffeemaschine an und machte mir einen starken Kaffee. Mit dem heißen schwarzen, herrlich duftenden Gebräu setzte ich mich an den Tisch. Nach einem Moment stand ich wieder auf. Ruhelos wanderte ich durch die Wohnung und verzog mich schlussendlich ins Badezimmer. Dort stellte ich mich unter die Dusche, drehte das Wasser auf kalt und ließ es auf mich niederrauschen. Der Kälteschock rückte meine Welt wieder an den richtigen Platz. Als fast neuer Mensch, gekämmt, etwas aufgebrezelt und angekleidet setzte ich mich wieder hin und fing mit meinem Mittagsfrühstück an. Als ich meinen Kopf hob, wanderte mein Blick durch das Wohnzimmer und den offenen Eingangsbereich. Meine Augen blieben an den Schuhen hängen. Ich musste lächeln, und dachte, «also stimmt es wirklich, er verliert tatsächlich seine Schuhe von Zeit zu Zeit und marschiert nudis pedibus durch die Gegend.» Mein Herz machte einen kleinen Hüpfer. Auch ich verlor meine Schuhe regelmäßig, sei dies zu Hause, im Büro, an Sitzungen, oder unter einem Rednerpult. Dann stand ich manchmal da und merkte es erst, wenn man mich darauf aufmerksam machte oder jemand einen mehr oder weniger großartigen Spruch fallen ließ. Natürlich wurde darüber nicht geschrieben wie bei Tim, dafür war meine Person doch etwas zu gering.

«Was nun?», dachte ich. Blieb ich zu Hause oder ging ich etwas spazieren? Ich entschied mich für den Spaziergang am Fluss entlang, mit Handy natürlich. Allzeit bereit …

Dem Wasser und dem Lichterspiel zuzusehentat mir gut. Es roch nach Sommer. Libellen flogen über dem Wasser, Schmetterlinge tanzten in der warmen Luft und man hörte das Summen der Insekten. Bei den Steinen am Ufer bildeten sich kleine Wirbel und das Wasser gluckste leise. Die Halme der Gräser am Ufer entlang wogen sich in der schwachen Brise, die aufgezogen war. Nach einer Weile kehrte ich in die Wohnung zurück. Dort nahm ich die Wasserkaraffe aus dem Kühlschrank, schnippelte ein paar Limettenscheiben hinein und schenkte mir ein Glas davon ein. Als ich etwas später davon trank, merkte ich, wie durstig ich war. Bevor ich mit dem Schreiben anfing, wollte ich noch Jonas anrufen. Ich hatte mich schon seit zwei Tagen nicht mehr gemeldet. Zu Hause war alles im grünen Bereich und das beruhigte mein schlechtes Gewissen, das ich eigentlich gar nicht zu haben brauchte. Gerade als ich mit dem Schreiben anfangen wollte, klingelte mein Handy. Ohne das Display anzusehen, meldete ich mich.

«Hallo, du Langschläferin, bist du aufgewacht?», fragte mich eine mir schon vertraute Stimme.

«Ja», antwortete ich, «schon vor Stunden.»

«So, schon vor Stunden? Als ich ging, war alles noch totenstill hinter deiner Tür, und das war etwa vor Stunden», kam die Antwort und ich konnte sein Schmunzeln direkt vor mir sehen.

«Hör mal, können wir uns heute nochmals sehen und das Gespräch weiterführen?»

«Ja, klar, gerne sogar», kam es von mir.

«Gut, ich bin noch am Einstudieren einer neuen Rolle, aber danach würde es mir passen.»

«Kann ich dir dabei helfen?», fragte ich ihn spontan. In Interviews hatte er erwähnt, dass er für das Rollenstudium seine eigene Technik entwickelt hatte.

«Hättest du Lust dazu?», fragte Tim.

«Ja, sicher, wenn ich es kann und es dir nützt.»

«Selbstverständlich kannst du das, würde es dir dann etwas ausmachen, zu mir nach Hause zu kommen?»

«Überhaupt nicht, wohin soll ich kommen und wann?», fragte ich ihn.

Er nannte mir seine Adresse. «Sollte ich noch nicht da sein, warte bitte, ich mache mich jetzt auf den Nachhauseweg.»

«Gut, dann bis gleich», antwortete ich.

Ein kurzes «Tschüss» und er legte auf. Er war wirklich nicht von diesem Planeten, das wurde mir in diesem Moment wieder bewusst. Er lebte in seiner Welt, in dieser Welt tickten die Uhren einfach anders. Welcher andere sehr bekannte und erfolgreiche Schauspieler würde dir schon nach einem etwas längeren Nachtgespräch einfach so seine Adresse geben? Es war schon sehr speziell, aber es gefiel mir und zeigte mir, dass er in seinem Innersten ein sehr offener Mensch war. Ich schaute auf mein Handy, es war vierzehn Uhr. Kurzentschlossen stellte ich mich nochmals unter die Dusche, zog mir etwas Bequemes an, kontrollierte mein Make-up, packte meinen Laptop und sonst noch einiges in die Tasche. Dann suchte ich nach einer Tüte für Tims Schuhe. Leider erfolglos. Also kamen sie tütenlos mit. Ich rief ein Taxi. Gerade als ich die Tür schloss und die Treppe hinunter gehen wollte, begegnete mir die ältere Dame von gegenüber. Sie stand vor ihrer Tür und grüßte mich freundlich. Wir wechselten kurz ein paar Worte und sie fragte mich, ob ich einen Schuhmacher für die Schuhe in meiner Hand suche. Etwas perplex antwortete ich:

«Nein, warum?»

«Ach, nur so, die Herrenschuhe wirken etwas gebraucht und Sie sind ja nicht von hier.»

«Nein, nein, ich suche keinen Schuhmacher – ich bringe sie nur zurück», ich wusste, mich ritt ein kleiner Teufel, aber ich konnte nicht anders, «aber vielen Dank! Auf Wiedersehen.»

Vor mich hin schmunzelnd stieg ich die Treppe hinunter, das Beobachten war also da genauso üblich wie bei uns. Aber die nette Art der Dame machte mir ihr ‚Neugierig-Sein‘ doch sehr sympathisch. Unten angekommen sah ich, dass das Taxi soeben vorgefahren war. Ich öffnete die Autotür, stieg ein, grüßte den Fahrer und nannte ihm die Adresse. Als ich aufsah, begegnete mir sein Blick im Spiegel. Freundlich lächelte er mir zu. «So, gnädige Frau, gefällt es Ihnen bei uns?»

Etwas überrascht sah ich ihn an. Warum wusste er, dass ich nicht von hier war? Sah ich so anders aus als die Ansässigen? Und dieses ‘gnädige Frau’, das ließ mich um Jahre, um nicht zu sagen um gefühlte Jahrzehnte altern. Aber mein Lächeln hielt sich dank des Make-ups gut im Gesicht und ich antwortete ganz zahm:

«Danke der Nachfrage, ja, es ist wunderschön hier.»

Was ja auch stimmte. Zufriedenheit breitete sich auf seinem Gesicht aus. Vielleicht war ich zu Unrecht betupft und er wollte nur höflich sein. Dass ich nicht von hier war, hörte man ja an meinem Deutsch. Bevor ich diesem Mann aber noch mehr Unrecht antun konnte, waren wir angekommen. Ich bezahlte, stieg aus und sah mich um. Es war schön hier, nicht weit vom Zentrum, aber trotzdem ruhig und sehr privat. Ich stieg die paar Stufen zum Hauseingang hinauf und klingelte. Drinnen ertönte die Glocke laut und deutlich. Sie hörte sich etwas schrill und blechern an. Keine Reaktion, alles blieb still. Scheinbar war er noch nicht zurück. Kurzerhand setzte ich mich auf die Stufen, ließ meinen Blick durch den kleinen Vorgarten schweifen und schaute den Fußgängern zu, die an der Hecke entlang vorbeischlenderten. Es war immer noch warm und die Luft hatte diese sommerliche Schwere, welche unsere Schritte automatisch etwas verlangsamte. Gerade als ich meinen Laptop auspacken wollte, um etwas zu arbeiten, kam er um die Ecke. Barfuß, seine Tasche umgehängt und irgendwelche Holzstücke in der Hand. Lachend kam er auf mich zu und sagte nur:

«Ja, ja, diese Pünktlichkeit. Diese tickt scheinbar in jedem von euch genauso wie der Fleiß.»

Man sah ihm an, dass er es nicht böse meinte, aber etwas Sarkasmus spürte man schon und irgendwie schubste er mich damit in eine Position, in der ich nicht sein wollte.

«Scheinbar warst du aber auch ein fleißiger Brummer, wenn ich so sehe, was du alles mit dir trägst!», antwortete ich etwas bissig lächelnd.

«Touché ma chère! Aber ich war nicht fleißig, ich konnte nur nicht daran vorbeigehen – bin halt ein Sammler.»

«Fragst du dich manchmal auch, was dir die Dinge alles erzählen würden, wenn sie sprechen könnten? Diese Frage stelle ich mir oft, wenn ich auf dem Flohmarkt vor alten und gebrauchten Dingen stehe. Zu Hause habe ich einen sehr alten Tisch und als ich ihn das erste Mal berührte, fragte ich mich, von wie vielen Schicksalen, die sich an diesem Tisch entschieden haben, er wohl erzählen könnte. Ich bin mir bewusst, dass es etwas skurril klingt.»

Ich musste mich zwingen nicht weiterzusprechen, plötzlich war ich sehr, sehr nervös. Er schaute mich an, nein, er schaute eigentlich in mich hinein. Tim gab mir das Gefühl, dass er bis auf den Grund meines Ichs sah, dann setzte er sich neben mich auf die Stufen und sagte:

«Schön, dass du das auch so empfindest, wenn nur mehr Menschen diesen Zeitzeugen die nötige Beachtung schenken würden. Oder wenn Sie etwas mehr Fantasie besäßen, um zu sehen, was die Natur alles schaffen kann. Vielleicht würden sie dann nicht einfach achtlos daran vorübergehen.»

Diese Sensibilität, diese Nähe berührte mich sehr. Wo war der ruhelose und konstant in der Bewegung lebende Tim, von dem man immer las? Bevor ich mir aber weitere Gedanken dazu machen konnte, wurde das Kapitel von ihm abgeschlossen. Er stand auf, ging hoch zur Tür, schloss auf und trat ein. Schon fast ungeduldig wartete er darauf, dass ich ihm folgte. Rasch packte ich meine Tasche und seine Schuhe und ging ihm nach. Etwas erstaunt schaute er auf meine Hände.

«Sind das nicht meine Latschen?», fragte er mich.

«Ja, klar, ich dachte, sie machen sich besser bei dir als bei mir, da die Größe leider nicht ganz meinem Fuß-Format entspricht!»

«Ach, diese Schuhe, ich vergesse sie überall, schrecklich!»

«Für dich oder die Schuhe?»

«Na, was denkst du denn?» Er erwartete aber keine Antwort darauf, das konnte man an seiner Körperhaltung ablesen.

Wir traten in ein etwas spartanisch eingerichtetes Wohnzimmer. Als Erstes legte er die Gegenstände auf den Tisch und leerte seine Tasche. Was da alles zum Vorschein kam! Ein paar lose Blätter mit bunt angestrichenen Wörtern, ein speziell geformter Stein, ein Stück Rinde und ausgebleichte, wirklich schön strukturierte Holzstücke. Ein richtiges kleines Sammelsurium. Auf dem Tisch gab es noch mehr Leuchtstifte und Blätter sowie ein Skript. Das waren die einzigen Farbkleckse neben dem Kissen und der Decke, die auf dem Sofa lag. Der Raum wirkte groß und luftig. Der Holzboden war wunderschön und verlieh dem Zimmer Charme. Durch die hohen Fenster konnte man in den Garten sehen.

«Was hältst du davon, wenn wir jetzt an meinem Text arbeiten und später unser Gespräch von gestern fortsetzen?»

«Das ist eine gute Idee. Kannst du mir bitte erklären, was ich zu tun habe?»

Als Erstes stellten wir unsere Handys ab, damit wir nicht gestört werden konnten. Dann zeigte er mir, welche Sätze ich ihm vorlesen musste und erklärte mir, wie. Für die nächsten Stunden wanderten wir durch seine Wohnung, dabei legte er zwischendurch eine Hand auf meine Schulter. Ich versuchte, jede Zeile so neutral als möglich vorzulesen. Die Veränderung war sagenhaft. Der Tim von letzter Nacht verschwand und der Schauspieler übernahm seinen Platz. Ein Mann, geladen mit Energie, welcher die Sätze, wie ein trockener Schwamm das Wasser, in sich aufsog, um sie dann mit der dazugehörigen Gestik wiederum freizugeben. Der entrückt vom Hier und Jetzt, immer mehr ein Teil der Rolle wurde. Zigmal wiederholte er die Sätze, bis sie so aus ihm herausflossen als wären es seine eigenen. Pure Energie, raumfüllend, fesselnd und berauschend. Und das alles nur beim Lernen. In diesem Moment erlebte ich persönlich, was er mit der Aussage ‘ich stelle mich zur Verfügung’ meinte. Er hatte die Grenze zwischen ihm als Person und der Rolle, die er spielte, überquert. Diese Zeitreise so nah zu erleben, war unglaublich und ich war sehr aufgewühlt. Ich wandte mich um und war überrascht, ihn zu sehen. Ich kann nicht sagen, was ich erwartet hatte. Er war mir fremd und trotzdem vertraut. Er war hier, aber doch nicht da. Kommentarlos drehte er sich um und ging ins Badezimmer. Kurz darauf vernahm ich die Dusche. Ich schaute auf die Uhr. Es waren fast drei Stunden vergangen, seit wir mit dem Einstudieren der Rolle begonnen hatten. Ich öffnete das Fenster und setzte mich aufs Sofa, um das Erlebte zu verdauen. Die Gedanken in meinem Kopf schwirrten herum wie ein Schwarm Bienen und ich war froh, einen Moment für mich zu haben.

Der Mann, der nach einiger Zeit aus dem Badezimmer kam, war wieder Tim, wie er leibt und lebt. Die Haare trocken gerubbelt, kreuz und quer auf alle Seiten stehend, offenes Hemd, bequeme Hosen und barfuß. Auf den Wangen warfen die dunkel sprießenden Barthaare bereits Schatten und an der Seite hatte sein Haar einen silbernen Schimmer. Er sah verdammt sexy aus und roch zum Anbeißen gut. Kümmerte ihn das? Nein, überhaupt nicht.

«Ich bin wahnsinnig hungrig», sagte er und fragte mich, «wie sieht’s bei dir aus?»

«Jetzt, wo du mich so fragst, muss ich gestehen, ich habe sogar einen Mordshunger!»

«Dann koch ich doch lieber etwas, bevor du über mich herfällst!», antwortete er grinsend.

Sofort merkte ich, wie sich eine große Verlegenheit in mir ausbreitete. Nur nicht anmerken lassen, dass ich ihn zum Anknabbern fand.

«Ich weiß jetzt nicht, ob ich das für das bessere Angebot halten soll!», kam es schlagfertig von meiner Seite.

«Na, mich attackieren ist doch etwas zu dramatisch.Findest du nicht?»

«Gosh are you petty!!»

Er drehte sich lachend um, fixierte mich mit seinem Blick und sagte: «Am I? And you, are you brave?»

«No, no, I am a coward!»

«Bist du nicht, das weiß ich.»

«Wenn du meinst, dann glaube ich dir das doch.»

Ich war froh darüber, dass ich die Situation etwas drehen konnte. Was er nicht wusste, war, dass mich in solchen Momenten nur meine Schlagfertigkeit rettet. Auch wenn man tief graben musste, zuinnerst war ich immer noch gleich schüchtern wie in jungen Jahren.

«Kann ich dir helfen?»

«Nein, das mag ich nicht. Wir können uns weiter unterhalten und unser Gespräch von gestern fortsetzen, das wäre toll, aber Finger weg von meiner Küche!», sagte er mit einem charmanten Lächeln auf den Lippen, aber dennoch nicht weniger überzeugend.

«Na, das ist doch ein Wort!», antwortete ich.

Ich schenkte mir ein Glas Wasser ein und setzte mich an den kleinen runden Tisch, der in der Ecke stand. Man sah auf den ersten Blick, dass diese Küche gebraucht wurde, und dass jemand darin kochte, der das gerne tat. Als Tim mit dem Kochen anfing, sah ich ihm zu. Eigentlich ohne Übergang setzten wir unser Gespräch von letzter Nacht fort. Er hantierte währenddessen mit dem Messer, schnitt das Gemüse und was er sonst noch so alles brauchte. Tim unterstrich dabei seine Aussagen mit den Händen. Es wirkte schon fast virtuos. Woher nahm dieser Mann nur seine scheinbar unerschöpfliche Energie? Mit jedem Wort, das er sagte und wie er es sagte, bestätigte er mir, wie wichtig es für ihn war, dass die jungen Menschen einen Bezug zur Literatur herstellen konnten. Das war ihm ein sehr, sehr großes Anliegen. Er war davon überzeugt, dass man nur ihre Neugierde dafür wecken musste. Dann könnten sie sehen, dass die Texte heute noch genauso aktuell sind wie damals. So würden sie sich durch das verstaubte und elitäre Denken der Gesellschaft nicht vergraulen lassen. Er kam zu mir und setzte sich. Als ich ihn fragte, ob es für ihn vorstellbar wäre, so ein Projekt, natürlich in viel kleinerem Rahmen, auch heute noch durchzuführen, meinte er:

«Schau, das ist heute bei meinen Verpflichtungen ein sehr schwieriges Unternehmen. Ich bin zwar sehr selbstständig in meinem Arbeiten, und wie du sicher gelesen hast, bin ich immer auf dem Sprung. Aus diesem Grund ist mein Terminkalender sehr vollgestopft. Heute Nachmittag konntest du miterleben, dass das Erlernen eines neuen Textes für mich mit ziemlicher Arbeit verbunden ist. Es ist spannend und macht mich am Ende zu dem, was ich bin. Aber ich benötige dazu relativ viel Zeit. Wie hast du dir das Ganze denn vorgestellt?»

Gerade als ich ihm antworten wollte, klingelte sein Telefon. Allem Anschein nach hatte er es wieder aktiviert. Er stand auf und ging zum Handy, welches auf dem Sofa lag. Als er sah, wer dran war, drehte er sich zu mir um, zuckte mit den Schultern und sagte:

«Entschuldige bitte, aber es ist wichtig!»

Kurz nach der Begrüßung fing er an, hin und her zu gehen. Während des Sprechens kam er in die Küche, regulierte die Hitze des Backofens und kehrte danach ins Wohnzimmer zurück. Ich hörte nur einzelne Gesprächsfetzen, aber er schien von dem Gehörten sehr angetan zu sein. Als er zurück war, wirkte er elektrisiert und angespannt. Er sah mich an und sagte:

«Ich fahre morgen gegen Abend nach Berlin, ich springe für einen Kollegen ein.»

Mir blieb das Herz stehen, das war’s dann wohl gewesen! Instinktiv wusste ich, dass es enorm wichtig war, wie ich auf diese Aussage reagierte. Das raste mir innert Nanosekunden durch den Kopf. Er stand vor mir und seine Augen ließen mich nicht einen Wimpernschlag lang los. Ich wich seinem Blick nicht aus und sagte:

«Hey, das ist ja super, dass du das machen kannst. Soll ich lieber gehen? Du brauchst sicher noch Zeit für dich.»

Sein Blick verlor diese gewisse Starre, das Blau der Augen veränderte sich und die Grenze, die für einen Moment mehr als geschlossen war, öffnete sich wieder. Ich fühlte, wie sich eine Wärme in meinem Körper ausbreitete. Vor Erleichterung hätte ich einfach drauf losheulen können.

«Nein, alles im grünen Bereich, jetzt essen und diskutieren wir weiter. Meine notwendigen Sachen sind immer reisefertig verpackt und die Rolle kenne ich gut, so dass ich sie nur noch ein-, zweimal durchgehen muss.»

Bevor meine aufgesetzte Fröhlichkeit mich verlassen konnte, fragte ich ihn, ob ich sein Badezimmer benutzen durfte. Er drehte sich nicht einmal um, sondern sagte nur:

«Es ist die zweite Tür links.» Gerade als ich die Türe öffnen wollte, rief er: «In fünf Minuten kann man essen.»

«Ok!» ich setzte mich auf das Klo und versuchte mich zusammenzureißen. Wenn ich jetzt schon so durcheinander war, wie würde sich denn das Ganze entwickeln, sollte es sich überhaupt entwickeln? Es war höchste Zeit, hier, jetzt und sofort einen Schlussstrich zu ziehen. Einen Schlussstrich unter meine Gefühle, sonst gab es da ja überhaupt nichts, worunter man einen Schlussstrich ziehen könnte! Ich putzte mir die Nase, betätigte die Spülung und wusch mir die Hände. Als ich in den Spiegel schaute, sah man in meinem Gesicht nichts von dem Sturm, der in mir tobte. Vielleicht ein klein wenig in meinen Augen, aber dafür musste man mich schon gut kennen. Plötzlich konnte ich sein Aftershave riechen. Der Duft gefiel mir sehr, männlich, aber nicht aufdringlich. Er fiel mir schon letzte Nacht auf, als er in meiner Wohnung war.

«Essen steht auf dem Tisch», tönte es aus der Küche.

Ich öffnete die Tür und antwortete: «Bin schon unterwegs.»

Lächelnd kam ich um die Ecke, der Tisch war schön gedeckt. Er hatte für uns beide ein Glas Wein eingeschenkt und eine Karaffe mit frischem Wasser dazu gestellt. Das Essen und das Baguette verströmten einen vielversprechenden Duft. Also auch diese Seite seiner Vielschichtigkeit beherrschte er. Es schmeckte hervorragend, die Diskussion war hochinteressant, nur manchmal wünschte ich mir für ein paar Sekunden ein etwas einfacheres Gegenüber. Nach Kaffee und Dessert schaute ich auf die Wanduhr. Ich konnte es kaum glauben, es war schon wieder nach Mitternacht und Tim war immer noch auf Touren. Jetzt kam mir langsam die Frage hoch – wie weiter? Meine Batterien mussten so rasch wie möglich wieder aufgeladen werden, ich war todmüde, um nicht zu sagen erschöpft. Schweren Herzens sagte ich:

«Tim, sei mir bitte nicht böse, aber ich muss jetzt gehen, ich bin sehr müde.»

«Möchtest du dich hinlegen? Du kannst gerne mein Gästezimmer benutzen. Das Sofa biete ich einer Dame prinzipiell nicht an», stellte er grinsend fest.

«Das ist sehr lieb, aber ich möchte gern in die Wohnung zurück. Kannst du mir bitte ein Taxi rufen?»

Ich fühlte mich mehr als feige, ich hasste mich in diesem Moment, aber ich wusste, ich musste gehen. Einige Federn an meinen Flügeln waren sehr lose und das Wachs schon weich.

«Schade, wie gesagt, mein Gästezimmer steht dir zu Verfügung, aber ich rufe dir gern ein Taxi», antwortete er.

«Danke!», war alles, was ich dazu sagen konnte.

Als er mich zur Tür begleitete, umarmte er mich kurz und sah mich an. Ich erwiderte seinen Blick und versuchte, diese blauen Augen auszuhalten. Ich bedankte mich nochmals herzlich dafür, dass er sich Zeit für mich genommen und mich dazu noch mit einem guten Essen und einem schönen Abend verwöhnt hatte. Ohne mich umzusehen ging ich die Stufen hinunter. Gerade als ich auf der letzten Stufe angekommen war, stand er plötzlich neben mir.Er hielt mich am Arm fest und drehte mich zu sich um.

«Ich könnte zwischen elf und zwölf Uhr nochmal bei dir vorbeikommen. Würdest du dann noch kurz die Rolle mit mir durchgehen?», er schaute mich fragend an.

Ich konnte nicht anders, als ihn einfach anzustrahlen.

«Ja, sicher, sehr gern.»

Er drückte mich nochmals kurz, lächelte und sagte:

«Tschüss, bis später, schlaf gut und sogni d’oro», drehte sich um und rannte die Stufen hinauf.

«Sogni d’oro anche a te!», rief ich ihm lächelnd nach. Ich schwebte fast zum Taxi und war wieder hellwach.

Der Taxifahrer sah mich an, strahlende Menschen um diese Uhrzeit waren scheinbar auch hier nicht das Übliche. Zu Hause angekommen, ging ich ins Bad. Bevor ich mich hinlegte, stellte ich den Wecker noch auf zehn Uhr. Wider Erwarten schlief ich tief und fest. Als der Wecker klingelte, fühlte ich mich frisch und ausgeruht. Vor mich hin summend ging ich unter die Dusche. Einigermaßen zufrieden mit dem Resultat verließ ich das Badezimmer, suchte mir meine Garderobe zusammen und zog mich an. Dann ging ich in die Küche und setzte die Kaffeemaschine in Betrieb. Der Kaffee roch herrlich, als er in meine Tasse floss. Ich nahm sie und verzog mich damit auf den Balkon. Dort sah ich den Wolken nach, die wie große Wattebausche am Himmel vorbeizogen. Die Luft war nicht mehr so schwer wie tags zuvor, sie war genauso, wie ich sie mochte. Meine Gedanken flogen den Wolken entgegen und zogen mit ihnen weiter. Ich bemühte mich, nicht an heute Abend oder an morgen zu denken. Da hörte ich, wie das Gartentor geöffnet wurde und kurz darauf klingelte es. Ich ging hinein, drückte den Summer und öffnete die Haustür. Einen Augenblick später stand er vor mir. Seinen Rollkoffer zog er hinter sich her und er hatte die Tasche, welche ich bereits kannte, umgehängt. Er lächelte, war frisch geduscht und wirkte auf eine charmante Art ein klitzeklein wenig zerknittert, aber er trug Schuhe an den Füßen. Ein von Kopf bis Fuß attraktiver Zeitgenosse. Ehe ich mich versah, waren die Schuhe weg, der Rollkoffer, die Jacke und die Tasche neben dem Sofa parkiert und schon stand er vor mir. Er umarmte mich und wedelte mit einer vielversprechenden Papiertüte, aus welcher es verführerisch duftete, vor meiner Nase rum und sagte grinsend:

«Riech mal, so riecht das Paradies!»

«So, so, dann öffne es doch und lass uns Einzug halten!», gab ich grinsend zurück.

«Ja, meine Dame, so einfach ist das nicht, da müssen Sie mir schon ein gutes Angebot machen, damit ich Sie mitnehme!»

«Ach nein, auch für das Paradies gibt es Bedingungen. Gut, was sagt der Herr zu Kaffee oder Tee?»

«Na, Sie sind ja sowas von klug, da Sie auf Anhieb erraten haben, worauf ich aus war! Applaus, Applaus, Sie Engel.»

«Es reicht jetzt, du Frechdachs, sag mir, was du möchtest, Kaffee oder Tee? Ich habe echten Yorkshire, welcher eigentlich nur für auserkorene Gäste gedacht ist, Minztee, Espresso, Kaffee oder Cappuccino.»

«Na, die Antwort ist doch sonnenklar – ich bin ein auserkorener Gast – oder etwa nicht?»

«Wie könnte es auch anders sein!», blödelte ich zurück. Wenn er wüsste, wie recht er hatte. Er würde die Tüte wohl hinschmeißen und das Weite suchen.

«Nimmst du ihn schwarz oder mit Milch?», fragte ich ihn.

«Einfach nur schwarz. Aber einen Kaffee bitte, keinen Tee. Bin eine schwarze Seele, weißt du das noch nicht?»

«Was, keinen Yorkshire?»

«No, sorry, I don’t feel like a cup of tea.»

«Ganz, wie du möchtest.» Ich machte den Kaffee und er deckte den Tisch auf dem Balkon. Als ich mit dem Kaffee rauskam, saß er da, die Beine auf dem einen Stuhl lange ausgesteckt, und sah zum Himmel.

«Hast du die Wolken gesehen?», fragte er mich. «Sie sehen aus wie Schafe, die vorüberziehen.»

«Ja, ich liebe es, wenn der Himmel mit Wolken durchzogen ist. Ich fühle mich dann wie in England.»

«Du magst England sehr, nicht wahr?», fragte er und schaute mich an.

«Ja, das ist so, ich fühle mich mit diesem Land sehr verbunden und vermisse es dadurch oft. Aber komm, lass uns jetzt den Kaffee genießen, bevor er kalt wird, und uns dem herrlich duftenden Gebäck widmen. Es wäre mehr als schade, wenn wir es nicht richtig würdigen würden.» Er nickte, griff sich eines und biss mit Genuss hinein.

«Wie nennt ihr diese Hörnchen?»

«Das sind Schillerlocken mit Eierlikörsahne, das da Waldviertler Mohnzelten und das hier sind Nuss- und Mohnbeugel.»

Ich lachte und er sah mich fragend an.

«Was?»

«Gibt es etwas, mit dem ihr uns arme Fremde nicht verführen wollt?»

«Eigentlich nicht! Wir bemühen uns, alles zu tun, damit wir erfolgreich sind», antwortete er und schnurrte vor Wonne fast wie ein Kater vor dem Sahnetopf.

Als ich ihn ansah wurde mir schmerzlich bewusst, wie sehr ich dieses Geplänkel und diesen Menschen schon nach dieser kurzen Zeit vermissen würde. Für einen Moment stieg eine unendlich tiefe Traurigkeit in mir hoch und nahm mir fast den Atem. Als hätte er es gespürt, schaute er hoch. Seine Augen fixierten mich und ich konnte nicht wegsehen. Ich weiß nicht, woher ich die Kraft nahm, meine Gefühle wegzudrücken und diese Trauer, die mich drohte einzuwickeln, zu zerreißen.

«Möchtest du noch einen Kaffee?», fragte er und stand bereits neben mir. «Ich hole mir noch einen.»

«Nein, danke, aber ich hole noch die Karaffe mit dem Wasser und zwei Gläser. Kaffee habe ich heute schon genug getrunken.» Ich stand ebenfalls auf und folgte ihm in die Küche.

«Wollen wir dann mit der Arbeit beginnen?», fragend sah ich ihn an.

«Eigentlich dachte ich mir, wir könnten uns noch etwas weiter über das Projekt unterhalten. Da mein Auftritt erst am Freitag ist, kann ich meinen Text auch noch später durchgehen, ich finde immer jemanden, der mir dabei hilft.»

Etwas überrascht sah ich auf. Er nahm mein Anliegen wirklich ernst, und machte sich bereits Gedanken um das ‚wie weiter‘. Sofort holte ich meine Notizen von gestern Abend und setzte mich ihm gegenüber. Ohne Punkt und Komma nahm er das Gespräch genau dort wieder auf, wo wir aufgehört hatten. Nach einiger Zeit merkten wir, wie sich der Himmel verdunkelte und aus der Ferne vernahmen wir Donnergrollen. Erstaunt schaute er auf das Display seines Handys und sagte, dass sein Fahrer in einer Stunde bereits hier sein werde. Schon wieder war die Zeit viel zu schnell verflogen. Wir packten unsere Papiere zusammen und verzogen uns ins Wohnzimmer, wo wir alles nochmals kurz zusammenfassten.

«Melde dich, sobald du mehr weißt und du mit den zuständigen Leuten gesprochen hast.»

«Mache ich, kannst du mir noch sagen, wen ich anrufen soll?»

«Na, mich natürlich, das entscheide ich und sonst niemand.» Da sprach ein Mann, der wusste, was er wollte.

«Gibst du mir dann noch deine Telefonnummer, bitte?»

«Hast du die noch nicht?», fragte er mich überrascht.

«Mein lieber Mann, woher sollte ich wohl deine Handynummer haben», dachte ich.

«Ich habe dich doch angerufen.»

«Ja, das hast du, aber mit unterdrückter Nummer!»

«Habe ich das? Wollte ich aber nicht, war scheinbar noch falsch eingestellt. Hier ist sie. Bitte nicht weitergeben.»

«Ah, du meinst, dass ich sie nicht ins Netz stellen soll?», ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Nennt man das nicht Galgenhumor? Er sah mich etwas konsterniert an.

«Mensch, das war doch nur ein Witz. Denkst du wirklich auch nur eine Sekunde daran, dass ich dein Vertrauen missbrauche?» Ich stand auf und legte mein Handy auf die Küchenabdeckung.

«Nein, Isa, das glaube ich, zu meiner Überraschung, bei dir überhaupt nicht», antwortete er schon fast vorwurfsvoll und schaute mich mit seinen jetzt fast gletscherblauen Augen an.

«Bist du dir deiner Gabe bewusst, Leute innert kürzester Zeit dazu zu bringen, Dinge zu tun, die sie in ihrem Leben nie wieder tun wollten oder sich geschworen haben, dass sie solche niemals wieder mit sich geschehen lassen würden?», sagte er, stand auf und kam näher.

«Glaubst du das wirklich von mir?», fragte ich ziemlich unsicher, irgendwie wirkte er fast etwas wütend.

«Nein, das glaube ich nicht, das weiß ich, seit ich dich um zwei Uhr morgens überfallen und mit dir gesprochen habe!» Er kam noch näher, wenn das überhaupt noch möglich war.

Ich kam mir vor wie ein gefangenes Tier, ich zitterte innerlich und wäre am liebsten weggerannt. Da hörte ich kurz eine Autohupe und fühlte mich unerklärlicherweise etwas sicherer. Aber falsch gefühlt!

Bevor ich etwas anderes denken konnte, legte er seinen Zeigefinger auf meinen Mund, senkte den Kopf, ertastete mit seinen Lippen zärtlich die meinen und küsste mich. Es durchströmte mich ein unwahrscheinliches Gefühl von Vertrautheit. Es war, als wäre ich wieder dort angekommen, wo ich vor vielen Leben bereits einmal war. Als er nach einem Moment seinen Kopf hob und mich ansah, waren seine Augen von einem tiefen unergründlichen Blau. Diese zwei blauen Fenster sahen mich forschend an. Er löste seine Hände von meinem Gesicht und umarmte mich fest. Dann drehte er sich um, nahm seine Jacke, zog die Schuhe an, griff nach seinem Gepäck und ging, ohne sich umzuwenden. Beim Rausgehen sagte er noch:

«Du hörst von mir!»

Das Einzige, was ich raus brachte, war: «Ich wünsche dir eine gute Fahrt!»

Ich ging auf den Balkon und sah ihm nach. Die Tränen liefen über mein Gesicht, ohne dass ich es merkte. Kurz vor dem Einsteigen drehte er sich nochmals um, blieb einen Moment stehen, schaute hoch und hob grüßend die Hand. Kaum war er eingestiegen, fuhr der Wagen los. Alles in mir schrie: «Bleib, bleib, bitte, bitte, geh nicht einfach so aus meinem Leben.» Aber der Wagen fuhr davon und mit ihm der Zauber. Alle Farben wurden grau. Ich hatte fürchterliche Schmerzen, es war, als ob jemand ein Messer in mich hineinstechen und es mit großem Genuss in mir umdrehen würde. Es goss jetzt wie aus Kübeln und innerhalb weniger Sekunden war ich durch und durch nass. Wen kümmerte es? Taumelnd ging ich ins Wohnzimmer zurück. Komplett durchnässt setzte ich mich auf das Sofa und konnte nicht aufhören zu weinen. Ich schloss die Augen, seine tiefblauen Augen, sie ließen mich nicht los, ich war in ihnen gefangen. Sein letzter Blick war da vor meinem Gesicht. Ich spürte immer noch den Druck seiner Lippen und fühlte die Wärme seines Körpers schmerzhaft. Seinen Duft, welcher ihn wie eine zweite Haut umgab, konnte ich immer noch riechen. Ohne dass ich es aufhalten konnte, hatte er sich in mein Herz und in meine Seele eingeschlichen, und dass innerhalb weniger Stunden. Ich war bewohnt von ihm. Das Wachs an meinen Flügeln schmolz und schmolz und ich konnte es nicht aufhalten. Wo waren meine über die Jahre angesammelten Erfahrungen, wo waren sie – nirgends. Sie hatten sich aufgelöst, sie existierten nicht mehr. Auch wenn die Jahre zugenommen hatten, Schutz gegenüber diesen heftigen Gefühlen, die mit einer Urgewalt auf mich einstürzten, konnten sie mir nicht bieten. Nach einiger Zeit fand ich die Kraft, mich auszuziehen und unter die Dusche zu stellen. Das warme Wasser ergoss sich tröstend über meinen Körper und langsam fand ich wieder zu mir. Ich hatte es von Anfang an gewusst, dass die Chancen, dass ich mich verbrennen würde, mehr als groß waren. Und so war es. Aber ich musste es wagen und nun musste ich diesen angefangenen Weg weitergehen. Ich hatte keine Wahl.

Zurück in der Küche nahm ich die Tasse, welche er gehalten hatte, vorsichtig in meine Hände und ließ den Nachmittag nochmals an mir vorüberziehen. Es war wie ein Film in slow motion und ohne Ende. Noch einmal vernahm ich seine Stimme, hörte sein Lachen und sah sein Grinsen klar und deutlich vor mir. Ich sah seine Augen, seinen Blick, fühlte seine Lippen auf den meinen und spürte die feste, schon fast heftige Umarmung. Wäre ich eine Zauberin gewesen, hätte ich ihn, ohne zu zögern, zurückgeholt. Es war aber gut, dass ich keine war, denn die Zeit würde unsere Geschichte schreiben und nicht ich. Mit aller Deutlichkeit wurde mir bewusst, dass ich eine Grenze überschritten hatte.

Plötzlich klingelte mein Telefon. Ich hielt den Atem an, bevor ich einen Blick auf das Display warf. Enttäuscht erkannte ich die Nummer von zu Hause. Ich mochte nicht antworten, ich würde später zurückrufen. Es war nicht die Zeit, um mit meiner Familie zu sprechen. Dieses Eingeständnis trug dazu bei, dass ich mich noch schlechter fühlte. Aber was soll’s. Ich fing an, meine Sachen zu packen, wusch das Geschirr ab, räumte alles, was ich nicht mehr brauchte, in meinen Rollkoffer und war eigentlich bereit zu gehen. Nichts hielt mich mehr zurück, einfach nichts – außer die verrückte Hoffnung, dass Tim plötzlich klingeln würde. Wie konnte man in meinem Alter nur so dumm oder so schwach sein? Leider fiel mir keine passende Antwort darauf ein. Ich trat auf den Balkon und sah, dass der Regen aufgehört hatte. Einzelne Tropfen fielen noch von den dunkelgrünen Blättern auf den Asphalt, als wären es Tränen. Tief sog ich die frische Luft ein. Der Anblick der schönen alten Bäume, die vor dem Balkon standen und schon viele Jahre über dieses Haus wachten, tröstete mich ein wenig. Was hatten sie wohl schon alles gesehen? Wie viel Glück und Leid? Meine innere Stimme flüsterte mir zu: «Sei dankbar für jeden Moment, den du erleben durftest, niemand wird dir das je nehmen können.» Dieser Trost musste genug sein für das Jetzt. Aber wie konnte er genug sein, wenn ein Teil meines Ichs, ob ich es wollte oder nicht, einfach fort war? Um diese Lücke zu füllen, brauchte ich allen Trost der Welt.

Ich ging zurück ins Schlafzimmer, nahm mein Handy und rief zu Hause an. Jonas freute sich über meinen Rückruf. Gott sein Dank sah er, mein verheultes Gesicht nicht. Auf die Frage, ob ich den ersten Anruf nicht gehört hätte, antwortete ich mit:

«Leider nein. Ich habe das Telefon auf lautlos geschaltet, damit ich in Ruhe arbeiten kann.»

Ein paar Fragen gingen hin und her und plötzlich spürte ich, wie ich Mühe bekam, einfach so weiterzusprechen. Ohne lange zu überlegen sagte ich:

«Ich melde mich, sobald ich morgen im Zug sitze. Ok? Jetzt muss ich noch etwas weiterarbeiten. Den Zeitplan für die Telefongespräche am Dienstag habe ich noch nicht ganz fertig. Ich wünsche euch allen noch einen schönen Abend. Tschüss und bis morgen!»

«Kein Problem! Tschüss und gute Reise.»

Seine Stimme war voller Verständnis und ich konnte hören, dass man sich zu Hause auf mich freute.

«Tschüss!»

Erleichtert legte ich auf. Was war ich nur für ein Mensch? Ich hatte keine Wahl. Sicher würden viele andere Menschen sagen, dass man immer eine Wahl hat. Aber das war nicht so.

Es war dunkel geworden und bevor ich mich unter meine Bettdecke verkroch, machte ich mir noch eine warme Milch mit einem Teelöffel Honig und Zimt. Der Geschmack tröstete, da er mich an meine Kindheit erinnerte. Dann stellte ich den Wecker und ließ die letzten zwei Tage noch einmal Revue passieren. Schweren Herzens fragte ich mich, ob sich Tim genauso verloren fühlte wie ich. Wenn ich je eine Antwort erhalten wollte, gab es keinen anderen Weg als auszuhalten und zu warten. Erfolglos versuchte ich einzuschlafen