Mandalay Moon - Martin Schacht - E-Book

Mandalay Moon E-Book

Martin Schacht

0,0
9,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

TÖDLICHES SPIEL IM GOLDENEN DREIECK Traumstadt Bangkok: Die Erfüllung aller Wünsche ist hier käuflich, aber der Journalist Tom hat kein Geld. Da lernt er Chris und Victor kennen: schön, reich und gelangweilt. Sie wollen nach Burma, um einen Film über die legendäre Opiumprinzessin Olive Yang zu drehen. Tom wittert eine Story – und verliebt sich in Chris. Doch das Pärchen scheint etwas zu verschweigen. Zu spät erkennt Tom, was wirklich auf dem Spiel steht.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 503

Veröffentlichungsjahr: 2017

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



rowohlt repertoire macht Bücher wieder zugänglich, die bislang vergriffen waren.

 

Freuen Sie sich auf besondere Entdeckungen und das Wiedersehen mit Lieblingsbüchern. Rechtschreibung und Redaktionsstand dieses E-Books entsprechen einer früher lieferbaren Ausgabe.

 

Alle rowohlt repertoire Titel finden Sie auf www.rowohlt.de/repertoire

Martin Schacht

Mandalay Moon

Ihr Verlagsname

Unter besonderer Mitarbeit von Bettina Köster

Über dieses Buch

TÖDLICHES SPIEL IM GOLDENEN DREIECK

 

Traumstadt Bangkok: Die Erfüllung aller Wünsche ist hier käuflich, aber der Journalist Tom hat kein Geld. Da lernt er Chris und Victor kennen: schön, reich und gelangweilt. Sie wollen nach Burma, um einen Film über die legendäre Opiumprinzessin Olive Yang zu drehen. Tom wittert eine Story – und verliebt sich in Chris. Doch das Pärchen scheint etwas zu verschweigen. Zu spät erkennt Tom, was wirklich auf dem Spiel steht.

Über Martin Schacht

Martin Schacht, geboren 1965 in Rendsburg, arbeitet als Autor von Büchern und Fernsehreportagen. Bei Rowohlt erschienen die Romane «Mittendrin» und «Straßen der Sehnsucht». Er lebt in Berlin und verbringt den Winter gern in Asien.

Inhaltsübersicht

PrologTeil 1Kapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Teil 2Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Teil 3Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Kapitel 24Epilog

Prolog

DER GEDANKE, DASS ich mich für burmesische Lesben interessieren könnte, war vollkommen absurd. Für mich waren Lesben Weiber mit breiten Hüften und so viel Glamour wie Kartoffeln. Zumindest hatte ich in meinem Leben genügend Lesben getroffen, um diese Tatsache jederzeit beschwören zu können. Über Burma wusste ich noch weniger als über Lesben. Eigentlich bloß, dass es zu den ärmsten Ländern der Welt gehört und auf einem Ranking von einhundertsechsundachtzig erfassten Staaten seit Jahren auf dem vorletzten Platz rangiert. Zur Smalltalkbildung – und somit auch zu meiner – gehörte ansonsten, dass es dort mit Juwelen besetzte Pagoden gibt und über das Land seit vierzig Jahren eine höchst unerfreuliche Militärjunta herrscht.

Diese hat den poetisch klingenden Namen tatmadaw, was man jedem Quizshow-Kandidaten als mongolischen Feuertopf unterjubeln könnte. Das Exekutivorgan der tatmadaw nannte sich bis vor ein paar Jahren allen Ernstes SLORC, das State Law and Order Restoration Council. Der Name hat sich mir nachhaltig eingeprägt, weil er klingt wie aus einer Agentenkomödie mit Doris Day. Tatsächlich ist es SLORC gelungen, das nach dem Zweiten Weltkrieg vielversprechendste Land Südostasiens binnen zwei Generationen komplett zu ruinieren.

Die miese Erfolgsbilanz des Regimes verwundert überhaupt nicht. Wie sollte eine Organisation mit dem lächerlichen Namen SLORC auch irgendwo auf der Welt ernst genommen werden: «Mingalaba», so heißt die burmesische Begrüßung, «ich bin der Generalsekretär von SLORC.»

Das klingt wie Abrakadabra. Man stelle sich vor, jemand ruft mit diesen Worten bei der Weltbank an und verlangt einen Kredit. Offenbar fanden auch die Herren Generäle diesen Namen unpassend. Nach der brutalen Niederschlagung der Studentenproteste im Jahr 1988 mit geschätzten dreizehntausend Toten benannte SLORC sich kurzerhand in SPDC um. State Peace and Development Council, das klingt versöhnlich und kompromissbereit. Der offizielle Zweck des SPDC ist es, eine neue Verfassung zu entwerfen und das Land nach deren Verabschiedung zu der natürlich auch vom Militär dringend gewünschten Demokratie zurückzuführen. Damit ist man jetzt seit geschlagenen sechzehn Jahren beschäftigt – bislang ohne großen Erfolg.

Aber um sich mit diesen Feinheiten der burmesischen Zeitgeschichte auszukennen, muss man sich intensiver mit dem Land beschäftigen, als es die vermischten Seiten der Tageszeitungen, wo das Land gelegentlich auftaucht, hergeben. Sie sehen, ich kenne mich aus, und ich stecke tiefer drin in der Geschichte, als ich es jemals vorhatte.

Dabei bringt es mein Job eigentlich mit sich, dass ich mich mit den schönen Seiten des Lebens befasse. Meine Welt besteht aus Dingen, die sich schön fotografieren lassen und im redaktionellen Teil von Hochglanzmagazinen vorkommen. Und für diese Art von Medien ist Burma genauso uninteressant, wie es Lesben sind.

Teil 1

Kapitel 1

Burma, 1. März 1962

Die chinesischen Tänzerinnen werden ihn unterhalten. Das Ballett gibt Das rote Frauenbataillon. Der Große Vorsitzende persönlich hat eine Grußbotschaft telegraphiert, in der er der jahrhundertealten Freundschaft ihrer beiden Völker gedenkt – eine glatte Lüge übrigens, China und Burma waren immer Rivalen. Beijing gibt sich Mühe, sie hofieren ihn, die Kommunisten, und sie liefern ihm Waffen.

Die lästigen Nadelstiche der Kuomintang, die sich in ihrem Hauptquartier Möng Hsat verschanzt haben und aus ihren Verstecken in den Bergen der Wa über die Grenze in die Provinz Yunnan eindringen, können sie nicht ernsthaft gefährden. Chiang Kai-shek, der Generalissimus, ist ein zahnloser alter Tiger, aber die Angriffe tun ihre Wirkung. Sie schmerzen, und sie machen ihn für Beijing zu einem wichtigen Verbündeten. Beijing wünscht, dass der General das Problem für sie löst.

Es ist neunzehn Minuten vor sieben. Das Thermometer zeigt dreiunddreißig Grad im Schatten. Vor genau fünfzig Minuten ist die Sonne untergegangen, noch wirft sie einen schwachen goldenen Schein auf die Schwedagon-Pagode, deren schimmernde Kuppel auf einem Hügel über der Stadt thront. Es sind noch fünfundachtzig Minuten bis zum Beginn der Ballettaufführung, die natürlich erst dann beginnen wird, wenn der General in seiner Loge Platz genommen hat, und es sind sieben Stunden und fünf Minuten, bis Streitkräfte ausrücken werden.

General Ne Win, die Sonne des Ruhmes, wie er sich jetzt nennt, Oberbefehlshaber der burmesischen Streitkräfte, hat keinen Blick für den exquisiten Farbverlauf am Himmel, den er von seinem Fenster aus im fünften Stock des Regierungspalastes genießen könnte. Über den Dächern und den scherenschnitthaften Silhouetten der Palmen schwebt ein purpurner Streifen, der in ein glühendes Orange übergeht, das die Schleierwolken von unten anstrahlt. Und dann, innerhalb von Minuten, bricht die Nacht herein.

Der General verreibt zwischen den Handflächen eine haselnussgroße Menge nach Tuberose duftender Brillantine und verteilt sie gleichmäßig in seinem Haar. Sorgfältig setzt er den Kamm am Haaransatz in der Mitte über der Stirn an und zieht ihn mit einer tausendmal geübten Bewegung nach hinten, einmal über den ganzen Kopf. Dann schiebt er die glatte Fläche fettig glänzenden schwarzen Haares – er muss es immer noch nicht tönen – zwischen den beiden Händen zusammen, und die Haarfläche hebt sich um ein paar Zentimeter. Das lässt ihn noch größer erscheinen, als er mit seinen eins neunundachtzig ohnehin schon ist, zumal für einen Asiaten. Fast schlaksig wirkt er, beinahe jungenhaft, und die Frisur streckt sein weiches, eher rundliches Gesicht mit dem fleischigen Mund. Der Künstler, der ihn für das Wandbild im Treppenhaus des Regierungspalastes porträtiert hat, hat ihm geraten, immer auf die Proportionen zu achten. Sein Gesicht müsse optisch nur ein wenig verlängert werden, dann sei es perfekt in seiner Harmonie.

Der Rand des Spiegels ist in Facetten geschliffen, und das venezianische Kristall reflektiert das Gesicht des Generals in endloser Wiederholung, so wie es später die Geldscheine, die Titelseiten und Wochenschauen tun werden. Er hat ein Faible für Dinge aus Europa – der Spiegel hat ein Vermögen gekostet, englische Stoffe mag er auch, er lässt seine Uniformen in der Savile Row schneidern und fährt regelmäßig nach Ascot, auch wenn er die Englischschulen schließen lassen und Pferdewetten verbieten wird. Waffen aus den USA, die schätzt er besonders. Er wird sieben Mal heiraten, darunter eine italienische Filmschauspielerin und eine Urenkelin des letzten burmesischen Königs, vier Kinder in diesen Ehen zeugen und noch ein paar mehr außerhalb, und er wird sein Land in den vierzig Jahren bis zu seinem Tod völlig isolieren.

Der General trägt eine schwarze Hose mit einer Ripspaspel und eine weiße Uniformjacke mit Epauletten und goldbesticktem Stehkragen, elegant, dem Anlass angemessen und zugleich seinen militärischen Rang betonend, ein bisschen operettenhaft vielleicht, aber sein Faible für das Theatralische hat seine Feinde ihn schon häufig unterschätzen lassen. Nach der Aufführung wird er noch die Zeit finden, mit der Ballerina für ein Foto zu posieren, und sich dann unauffällig absetzen. Niemand wird Verdacht schöpfen. Und hat nicht das Parlament selbst ihn ermächtigt, ihn förmlich gedrängt, die Ordnung im Staat wiederherzustellen?

Die Frau ist schon wieder angezogen, sie hat die Lippen nachgezogen und raucht. Sie trägt ein Kostüm im westlichen Stil, hat die Haare unter einem Kopftuch zusammengefasst, aber trotz Sonnenbrille wird man sie erkennen, wenn sie das Gebäude verlässt. Ihr Gesicht ist zu bekannt, als dass sie sich verstecken könnte in Rangun, es lächelt riesenhaft von den gemalten Kinowerbungen, und es ist zu schön, als dass ein Burmese es vergessen könnte. Sie schiebt eine neue Zigarette in das Mundstück aus Jade und lächelt dem Spiegelbild des Generals zu, der gerade mit einer kleinen Bürste seine Augenbrauen in Form bringt.

«Ich hoffe», sagt sie, «du wirst dir auch bei meiner Premiere eine solche Mühe geben.»

«Welche Premiere?» Der General löst sich von seinem Spiegelbild und dreht sich zu ihr.

«Mandalay Moon», sagt sie, «der Film. Die Premiere ist morgen. Du wirst es hoffentlich nicht vergessen haben.»

Sie wirkt verstimmt, dann entspannen sich ihre Züge. Versöhnlich fügt sie hinzu: «Immerhin bist du der Ehrengast. Der Astrologe hat den Termin bestätigt, wir haben die Premiere nur deshalb verschoben, du erinnerst dich. Alle haben zugesagt, der Premierminister, die Botschafter und die Fürsten.»

«Bitte mach meine Manschettenknöpfe zu.»

Der General streckt ihr die Arme entgegen, ohne auch nur einen Schritt auf sie zuzukommen. Unwillig drückt sie die Zigarette aus. Sie muss aufstehen und einmal quer durch den Raum gehen: eine kleine Demonstration dessen, wer hier das Sagen hat.

«Natürlich», sagt der General zufrieden, «der Astrologe hat den Termin bestätigt. Ich erinnere mich. Aber ob sie wirklich alle kommen können? Fast möchte ich es bezweifeln. Vor allem der Premierminister. Vielleicht sieht die Welt morgen schon ganz anders aus.»

Eine Anspielung, überlegt sie, aber worauf? Jeder weiß, dass Präsident U Nu in der Windermere-Residenz mit den Abgesandten der Shan und Karen verhandelt. Eine politische Lösung der Stammeskrise an der Ostgrenze scheint in Sicht.

«Ich muss gehen», sagt die Frau, «Olive wartet.»

«Sie wird noch oft und lange warten müssen.»

Eine Wache bringt die Frau nach unten.

 

In den frühen Morgenstunden des 2. März 1962 besetzen Truppen die strategischen Positionen der Hauptstadt Rangun. Soldaten auf Militärlastern fordern die Bevölkerung mit Megaphonen auf, Ruhe zu bewahren. Es fallen Schüsse. Wie eine gespannte Metallfeder schnellt Olive aus dem Bett. Sie schüttelt ihren Kopf und ist sofort hellwach. Sie hat im Hof einen Schuss gehört. Da, noch einer, vorne am Tor. Wa Wa braucht länger als sie, um wach zu werden, Olive steigt schon in ihre Reithosen und Stiefel. Während sie aus dem Zimmer läuft, knöpft sie ihr Hemd zu und hängt sich den Pistolengürtel um. Sie hört Schreie und aufgebrachte Stimmen. Es hämmert gegen die Eingangstür, das Hämmern gipfelt in einem gewaltigen Krachen, als die Tür aus ihren Angeln splittert. Mittlerweile ist das Haus hell erleuchtet, die Diener schreien durcheinander. Eine Einheit des Militärgeheimdienstes stürmt in die Eingangshalle.

Olive fühlt, wie die Wut in ihr hochsteigt. Was soll das? Sie hat einen Deal mit Ne Win. Das Haus hat den Status einer diplomatischen Vertretung, sie ist das Staatsoberhaupt von Kokang. Aber was ist ein Deal wert, wenn man über die Macht verfügt? Die Macht tut immer, was sie will, nicht, was sie verspricht. Gerade Olive hätte das wissen sollen. Wie hatte sie so unvorsichtig sein können? Was ist passiert? Wer hat sie verraten? Wo sind die Wachen? Warum haben sie nicht geschossen? Und was will Colonel Lwin, der Chef des Militärgeheimdienstes, hier, in ihrem Haus, mitten in der Nacht?

«Was fällt Ihnen ein?», fährt Olive ihn an. «Hier herumzuschießen und meine Haustür aufzubrechen?»

Colonel Lwin zieht die Oberlippe hoch und schnaubt verächtlich. Arrogant ist dieser dreckige kleine ehemalige Steuereintreiber auch noch.

«Wir haben einen Spion bis zu Ihrem Grundstück verfolgt, Hoheit. Er hat uns gestanden, dass er hier Unterschlupf gefunden hat.»

«Blödsinn», blafft Olive ihn an, «bringen Sie mir den Mann her. Dann werden wir ja sehen, was er zu gestehen hat.»

«Leider hat er versucht zu fliehen.» Ein angedeutetes Lächeln huscht über das Gesicht von Colonel Lwin. «Er ist auf der Flucht erschossen worden. Und jetzt müssen wir dieses Haus untersuchen. Wir müssen es durchsuchen, um genau zu sein. Wir können nicht zulassen, dass sich Verräter hier aufhalten.»

Er gibt seinen Männern ein Zeichen. Olive weiß nicht, ob sie laut loslachen soll, doch Soldaten umstellen sie. Aufgerichtete Gewehrläufe halten sie in Schach.

«Hoheit», sagt der Colonel und betont das Wort mit hörbarer Ironie, «Ihre Waffen bitte.»

Olive überlegt, sich den Weg freizuschießen, als Wa Wa verschlafen und desorientiert im Morgenmantel in die Halle kommt. Wa Was Augen weiten sich angstvoll, als sie sieht, was vor sich geht. Bei einer Schießerei könnte eine verirrte Kugel sie treffen, es ist zu gefährlich, niemals würde Olive das Risiko eingehen, dass Wa Wa etwas geschieht. Olive lässt die Hand, die sie eben noch am Gürtel hatte, sinken. Sie neigt den Kopf und kooperiert.

«Wohin wird man mich bringen?»

Niemand gibt ihr eine Antwort. Langsam löst sie ihr Pistolenhalfter. Noch nie musste sie ihre Waffen unfreiwillig ablegen. Aber sie kann sehen, wie Wa Wa zittert und in einen Schockzustand fällt. Wa Wa steht immer noch mitten in der Eingangshalle. Sie nimmt ihre Mutter, die Brüder und den Arzt gar nicht wahr. Seine schwarze Tasche in der einen Hand, Wa Wa an seiner anderen, führt Dr. Hse Min sie zurück in das Schlafzimmer. Er setzt sie auf das Bett, holt eine Spritze hervor, bricht eine Ampulle Morphium auf, hat sie so schnell aufgezogen, wie nur Süchtige es können, und bindet Wa Was Arm mit einem Gürtel ab. Das Morphium wirkt sofort, Wa Wa ist besinnungslos.

Ihre Mutter durchsucht in aller Ruhe Wa Was Schmuckschrank, zieht immer mehr Juwelen aus den Schubladen. Gold spiegelt sich auf ihrem fetten Gesicht. Was für ein Schatz. Aber wo sind die Jadeknospen? Wa Was Mutter verliert langsam die Geduld, immer mehr Fächer werden immer schneller aufgerissen. Sie ist mit einem Satz an Wa Was Bett, schüttelt sie, härter und härter, sie schreit ihre Tochter an: «Wo sind die Jadeknospen? Wo?»

Wa Was Kopf rollt von Seite zu Seite, sie stöhnt und kann nur lallen: «Nicht hier, nicht hier.»

 

Am Morgen um acht Uhr fünfzig geht General Ne Win auf Sendung: «Bürger der Union von Burma», erklärt er, «ich muss Sie davon in Kenntnis setzen, dass die Streitkräfte angesichts der sich dramatisch verschlechternden Lage der Union die Verantwortung für die Sicherheit des Landes übernommen haben.»

Am nächsten Tag wird das Parlament aufgelöst und die Verfassung ausgesetzt. Ein Revolutionsrat unter der Führung des Generals gibt auf einer Pressekonferenz bekannt, dass die Armee an die Demokratie, den Sozialismus und eine gesunde Politik glaube.

Kapitel 2

40 Jahre später

VOR MIR WAREN Menschen, um mich, überall, unsicher lächelnd oder mit nackter Panik im Blick, während ich orientierungslos durch die Gänge tappte und Passanten, die es nicht schafften, mir rechtzeitig auszuweichen, unsanft anrempelte. Ich sah über ein Geländer hinab in das Atrium nach der nächsten Rolltreppe, die mich aus diesem Irrenhaus herausbringen konnte, doch es gab keinen Ausweg. Die Fahrtrichtung der Rolltreppen war so angeordnet, dass man sich einmal um die gesamte Etage quetschen musste, um in das nächste Stockwerk zu gelangen. Ich befand mich, so viel wusste ich, im MBK-Center, einem riesigen Einkaufszentrum am Siam Square in Bangkok. Wie ich hierher gekommen war und was ich hier wollte, allerdings nicht. Handys fiepten, gefälschte Markenuhren glitzerten, und Mädchen in Schuluniformen, weißen Blusen und dunkelblauen Faltenröcken rotteten sich zu kichernden Schwärmen zusammen, die wie auf ein unsichtbares Kommando abrupt die Richtung wechselten, was meine Konfusion noch verstärkte.

Dann, blitzartig, im Angesicht einer Pyramide von Glückskatzen aus Goldplastik fiel es mir wieder ein: Ich war hier, um eine thailändische SIM-Karte für mein Handy zu besorgen und so die Roaming-Kosten zu sparen, mit denen die Telefongesellschaften einen in den Ruin treiben. Ich starrte die grinsenden Glückskatzen an und vergaß sofort wieder, was ich suchte.

Als ich später zu mir kam, besaß ich immer noch keine SIM-Karte, aber eine kindsgroße Glückskatze, die mir vom Fußende des Bettes aus verheißungsvoll zuwinkte. Ich stellte sie, das Gesicht nach draußen, ans Fenster, wie es die Thais machen, um Glück und Wohlstand in ihr Haus zu locken. Draußen im Garten quiekten Kinder, und der Poolpfleger fischte Blätter aus dem Wasser. Das Orchid-Plaza-Hotel machte einen ambitionierten Eindruck. Die Zimmer waren manierlich eingerichtet, die beliebte Kombination von heimischen, natürlichen Materialien mit dem, was man für modernes Design hielt, aber eigentlich war es nichts Besonderes. Das sah ich sofort, nicht nur an den Gästen, die auf der Terrasse saßen: zumeist europäisches Mittelklassepublikum kurz vor dem Rentenalter und schwedische Familien mit Kleinkindern, die ihre schreienden Blagen, kaum dem Säuglingsalter entwachsen, um die ganze Welt schipperten.

Vielleicht war alles zu gediegen, etwas zu unmodern verarbeitet, aber mehr noch als das war es ein Gefühl. Ich kann es schlecht beschreiben, aber dieses Gefühl ist es, wofür man mich bezahlt. Ein paar Adressen zusammentragen kann jeder Reisejournalist. Ich weiß, ob etwas chic ist, wenn ich es sehe.

 

Ich hatte für den Flug zwei Schlaftabletten geschluckt, deutlich zu viel, deshalb der Kater. Auf dem einzigen Flug, den ich bekommen hatte, musste ich vier Mal umsteigen – eine Quälerei, die man nur völlig zugedröhnt ertragen konnte. Berlin, Frankfurt, Bahrain, verschwunden hinter einem Schleier aus billigem Airline-Rotwein und Diazepam. Nur an Abu Dhabi konnte ich mich erinnern, es sah aus wie eine begehbare Achtziger-Jahre-Brosche.

Ich riss die Zellophanhülle von dem Obstkorb, einer Aufmerksamkeit der Hotelleitung, verspeiste eine Babybanane und schlug die Pressemappe auf: Hochglanzabzüge, eine Foto-CD mit Bildern und Texten zum honorarfreien Abdruck, dieselben Prospekte wie überall. Ausführlich wurden darin die Vorzüge des Orchid Plaza für Individualtouristen und Geschäftsreisende, für Kongresse und was nicht alles beschworen, nicht ohne auf den Park aus hundertjährigen, heiligen Banyan-Bäumen im Zentrum von Bangkok zu verweisen, der eine absolute Seltenheit sei und mit seinem organisch geformten Pool eine Top-Wellness-Oase darstelle, die weltweit ihresgleichen suche. Die PR-Frau, eine Miss Dulayat, schlug vor, mich am nächsten Morgen zum Frühstück zu treffen und mir all dies bei einer gemeinsamen Begehung des Hotels näherzubringen. Darauf war ich nicht besonders scharf. Aber Job war Job. Schließlich wohnte ich hier für lau, weil irgendjemand sich etwas davon versprach, wenn ich über das Orchid Plaza in einer deutschen Frauenzeitschrift berichtete.

Ein befreundeter Dermatologe hatte mir erst kürzlich vorgeschlagen, mir ein stetes leichtes Lächeln ins Gesicht zu zaubern, indem er mit Botox-Injektionen ebenjene Muskeln lähmen würde, die meine Mundwinkel nach unten zogen. Das würde mein Dasein deutlich erleichtern, denn es war für mich mit äußerster Willensanstrengung verbunden, gute Laune zu heucheln. Ich hatte beschlossen, den Eingriff unmittelbar nach meiner Rückkehr nach Deutschland vornehmen zu lassen, egal, was es kostete oder wie die Nebenwirkungen aussahen. Gott sei Dank war hier niemand, der mich kannte oder dem ich etwas verkaufen musste, nur Asiaten, die alle gleich aussahen und ewig lächelten und sich höchstens fragten, wer dieser mürrische farang war. Für den Termin mit der Pressefrau allerdings hätte ich die Lächelspritze jetzt schon dringend benötigt. Allein die Idee eines Gesprächs war mir lästig. Ich würde mich zusammenreißen müssen.

Ansonsten waren mir die Einheimischen völlig egal. Ich hatte nichts gegen sie, doch sie interessierten mich nicht. Mir kamen sie vor wie diese kleinen Styroporkugeln in Paketen, Verpackungsmaterial, das einen empfindlichen Inhalt gegen die Außenwelt abschirmte. Genauso fühlte ich mich: zerbrechlich und etwas angekratzt, wenn nicht gar ernsthaft beschädigt.

Von Vorteil war, dass ich Asiaten sexuell völlig reizlos fand, ganz im Gegensatz zu den Absichten, die mir meine Bekannten unausgesprochen unterstellten, als ich bekannt gab, den Winter in Thailand zu verbringen. Ich wusste genau, was sie sich vorstellten: billige Nudelpfannen, Rucksacktouristen und Arbeitslose, die von ihrer Stütze enge, kleine Thai-Bräute bumsten, um die triste Realität in good old Germany zu verdrängen. Für mich jedenfalls traf das nicht zu. Ebenso gut hätten possierliche Eichhörnchen um mich herumhopsen können, und ebenso wenig hätte ich mit denen Sex haben wollen. Was ich an den Thais mochte, war die freundliche Distanz, die sie außerhalb der Touristenviertel wahrten. Solange man sich unauffällig verhielt, ließen sie einen in Ruhe, und ich fand es toll, dass ich kein Wort von dem zu verstehen brauchte, was sie redeten. Es gibt nichts Schlimmeres, als Leuten ständig bei ihrem blöden Gequatsche zuhören zu müssen.

Hier war ich völlig frei von dem Druck, tolle Pläne und Erfolgsmeldungen absondern zu müssen, und niemand ahnte hier, wie es um meine Zukunft stand. Ich hatte weder einen Job noch eine Idee, wie es weitergehen sollte. Ich hatte gerade mal genug gespart, um während meiner Abwesenheit Miete und Krankenkasse zahlen zu können, und zwei kleine Aufträge für Reisegeschichten in der Tasche. Eingestellt hatte ich mich auf eine Zeit des Alleinseins und der vollkommenen Leere. Vollkommen im buddhistischen Sinne völliger Wunschlosigkeit, eine Art Kurzzeit-Nirwana, in dem irgendeine Form von Erleuchtung über mich kommen sollte.

Insgeheim hatte mich die Einstellung der Style Avenue mehr getroffen, als ich zugeben mochte. Zwar hatte ich lange genug frei gearbeitet, um dem Druck monatelanger Beschäftigungslosigkeit standzuhalten, doch irgendwie hatte ich mir von der Arbeit als Redakteur mehr versprochen als ein halbes Jahr in Lohn und Brot und drei Monatsgehälter Abfindung. Ziel des Verlages war es gewesen, sich im journalistischen Hochpreissegment, irgendwo zwischen Design, Gesellschaftstratsch und anspruchsvoller Reportage zu positionieren, dort, wo der Anzeigenmarkt angeblich noch boomte, und man hatte mich in die Entwicklungsredaktion geholt, da man um meine guten Verbindungen in unterschiedliche Bereiche von Lifestyle – man traut sich kaum, dieses Wort auszusprechen, geschweige denn zu schreiben – und Kultur wusste. So beschrieb ich mein Arbeitsspektrum, wenn man mich fragte. Themen wurden recherchiert und verworfen, es gab drei Nullnummern, und am Ende war ein anderer Verlag mit seinem Konkurrenzprodukt schneller. Im Verlag verständigte man sich darauf und die Redaktion davon, dass der Markt zu klein sei für zwei derartige Magazine mit deckungsgleicher Zielgruppe, und wahrscheinlich hatte man recht. Ob nun zum hundertsten Mal das Apartment von irgendeinem Modedesigner gezeigt wird oder Innenarchitekten porträtiert werden, die mal für Brad Pitt einen Schrank entworfen haben: Am Ende ist es alles das Gleiche.

Insgeheim war ich erleichtert. Ich fühlte mich ausgelaugt von zu vielen Cocktails; die ewig gleichen Partys hatten meine Kanten abgeschliffen und mich in einen stromlinienförmigen Teil dieser Event-Füllmasse verwandelt, die durch die Galerien, Restaurants und Premieren schwappte. Man hält sich ja selbst gern für etwas Besseres, aber ich konnte all diese Leute, mich selbst eingeschlossen, nicht mehr sehen. Im Grunde genommen war es ein harmloser Überdruss, der mich befallen hatte, aber ich hatte das starke Bedürfnis, mich gehenzulassen. Ich kannte das bisher nur von anderen. Es gab genug Freiberufler, die sich einen Burnout gönnten, doch irgendetwas hatte mich immer davon abgehalten. Wenn ich mich bemühte, davon war ich überzeugt, würde ich einen Job finden, aber sich krankschreiben zu lassen, am besten mit einer Psychoklatsche, das hatte etwas Verlockendes. Zweifellos war die Grenze zwischen Lustlosigkeit und klinisch anerkannter Depression schmal. Eine Grenze, die man nur überqueren musste. Vielleicht war die andere Seite gar nicht so übel, auf jeden Fall eine Befreiung vom gewohnten Einerlei zwischen Akquise und Abarbeiten.

Auf etwas, was mich begeisterte, wartete ich vergebens. Erst kurz vor meiner Abreise hatte ich mich bei einer Cluberöffnung mit einem bekannten Theaterregisseur stundenlang über Ekzeme unterhalten. Das hatte mich mehr amüsiert als der ganze andere Firlefanz auf diesem Event, insbesondere weil die anderen Gäste sich vermutlich fragten, was wir so Wichtiges zu bereden hatten.

Ich hatte sogar überlegt, ob meiner Stimmung mit etwas Nützlichem beizukommen sei, vielleicht dem Engagement für ein Hospiz oder gegen die Pelztierhaltung. Auch Marathon, Yoga oder einen Aufenthalt in einem buddhistischen Kloster in Goa hatte ich in Erwägung gezogen. Nach Sex, Alkohol und Drogen waren das die typischen Stufen der Selbstfindung von Leuten, die keinen echten Grund zur Verzweiflung hatten. Was letztlich von meinen Überlegungen blieb, war die Erkenntnis, dass die Anzahl der Fluchtmöglichkeiten begrenzt war. Der Gedanke an einen Winter ohne Geld und Arbeit deprimierte mich. So war ich mit dem letzten Geld nach Asien gefahren und hoffte, dass mein Allgemeinzustand und die wirtschaftliche Großwetterlage sich bessern würden.

Ich hinterließ eine kurze Nachricht auf der Voicemailbox der PR-Frau des Orchid Plaza und sah noch ein wenig Fashion TV. Ein großartiger Sender: von morgens bis abends Modenschauen und Modelporträts, untermalt von Musik, die nicht wehtut. Ich hatte schon überlegt, mich dort zu bewerben. Ich nahm eine halbe Xanax und stellte die Glückskatze aus. Der winkende Arm hatte zu quietschen begonnen.

 

Am nächsten Morgen erwartete Miss Dulayat mich an der Rezeption, eine überschlanke junge Frau mit modischem Kurzhaarschnitt, in einem sandfarbenen Tweed-Kostüm mit kleinen, ausgestellten Schößchen. Wir tauschten Visitenkarten aus, und Miss Dulayat führte mich in den Frühstückssaal.

«Nennen Sie mich Orasa», sagte sie und schenkte sich einen Saft ein.

«Tom», sagte ich. «Ich bin Freelancer. Über das Orchid Plaza schreibe ich in der Home Abroad.»

Ich hatte die letzten Tage kaum etwas Festes zu mir genommen und beherrschte mich nur mühsam. Miss Dulayat sah mir lächelnd beim Essen zu und folgte jedem Bissen mit den Augen. Vielleicht hatte sie Bulimie.

«Und?», erkundigte ich mich. «Kommt er zu Ihnen?»

«Also», wägte Miss Dulayat ab und nippte an ihrem Pomelosaft, «vom PR-Standpunkt aus würde ich sagen, das machen wir, ja klar, aber die Sicherheit ist wirklich ein Problem. Es behindert die anderen Gäste zu sehr. Wochenlang wäre alles blockiert.»

Ich nickte ernst und zustimmend. Mir war kalt. Auf den Bildschirmen an der Wand flackerte ein gemütliches Feuer, doch die Klimaanlage lief auf Hochtouren. Miss Dulayat störte das offenbar überhaupt nicht. Wie sonst hätte sie bei diesem Klima kleine Tweedkostüme von Vivienne Westwood tragen können? Sie hatte ihre Jacke so über die Lehne drapiert, dass ich das Etikett lesen konnte, und ich fragte mich, ob sie das mit Absicht gemacht hatte und ob ich es kommentieren sollte. Ich entschied mich, bei George W. Bush zu bleiben. Niemand wollte ihn haben, auch wenn das so direkt keiner zugeben wollte. Schließlich war Thailand Gastgeber der ASEAN-Konferenz, und das Orchid Plaza lag in unmittelbarer Nähe der amerikanischen Botschaft. Von daher schien das Risiko, dass der Präsident hier absteigen wollte, relativ hoch. Zwar sollte die Konferenz erst in sechs Wochen stattfinden, war aber jetzt schon das alles beherrschende Thema. Überall schwirrten Emissäre herum, blockten Hotelzimmer, bereiteten Galadiners vor und ließen neue, abhörsichere Glasfaserkabel verlegen. Miss Dulayat rümpfte pikiert die Nase, schob sich einen hauchdünnen Bananenchip zwischen die Lippen und strich ihren Rock glatt. Dann huschte ein Lächeln über ihr Gesicht.

«Ich glaube nicht, dass er zu uns kommt», verkündete sie triumphierend. «Wir haben keinen Helikopterlandeplatz.»

Mit diesen Worten erhob sie sich, und ich folgte ihr.

In der Präsidentensuite hatten angeblich schon Victoria Beckham und die Herzogin von Kent genächtigt. Sie war im modernen Jim-Thompson-Stil gehalten. Dezente Exotik, Teak, Buddhaköpfe, indirektes Licht, antike Lackarbeiten. Orasa machte sich an den Knöpfen einer Fernbedienung zu schaffen, die ihr nicht gehorchen wollte. Ich zog den Vorhang zur Seite und erblickte eine Baustelle von den Ausmaßen eines Fußballfeldes.

«Wir eröffnen im Frühjahr das größte Day-Spa in Bangkok», erklärte sie eilig. «Natürlich müssen Sie dann nochmal vorbeikommen.»

«Natürlich», pflichtete ich ihr bei.

Die Fernbedienung hatte doch etwas bewirkt. Ein schwarzer Lackwürfel, der auf einer Säule mitten im Raum thronte, öffnete sich und schwenkte bedrohlich herum. Dabei gab er den Blick auf einen riesigen Bildschirm frei. Orientierungslos drehte sich der Würfel her und wieder zurück. Miss Dulayat griff zum Telefon und rief das Housekeeping an. Die mussten ja wissen, wie das Ding funktionierte.

«Vielleicht geht er ins Conrad?» Sie zuckte mitleidig die Schultern. «Was die schon für Kooperationen anbieten mussten.»

Wir verabschiedeten uns in der Lobby.

«Vielleicht können Sie mir eine Liste zusammenstellen, welche Shops, äh Stores» – man sagte jetzt eher Stores – «Bars und Restaurants ich mir ansehen sollte», bat ich und lächelte gewinnend. «Sie wissen doch sicher am besten, was man hier gerade so macht.»

Sich blind vertrauensvoll in die Hände von PR-Frauen zu begeben ist immer die beste Option. Sie wissen alles, und man spart sich die Recherchen.

«Gern. Ich schicke Ihnen was aufs Zimmer.»

Miss Dulayat deutete ein Winken an und bog in einen Flur ab. Ich wartete, bis das Klackern ihrer Pumps auf dem spiegelnden schwarzen Granitboden nicht mehr zu hören war, und begab mich zurück ans Buffet.

Kapitel 3

DER DICKE SCHLITTEN würde ihn breitfahren. Ich sah es kommen und schnell weg. Die weiße Stretchlimousine mit den getönten Scheiben stoppte im letzten Moment, und der Krüppel zog sich auf den mit Lumpen umwickelten Ellenbogen unter einen Marktstand am Straßenrand. Dann kam er zwischen den nackten Beinen der Touristen wieder zum Vorschein, seinen knochigen, fleischlosen und gelähmten Unterleib auf einem Skateboard hinter sich her ziehend. Eine weizenblonde Klischeedänin mit verschorftem Sonnenbrand trat beinahe auf ihn drauf. Sie kreischte, als sie ihn entdeckte, doch der Krüppel sah gar nicht hoch und verschwand unter einem Tisch mit Stapeln gefälschter Lacoste-Hemden und Burberry-Unterwäsche.

«Want gils? Hab’ vely nice gilshow!»

Ein Thai mit erstaunlicher Zahnformation hielt mir ein Album mit eingeschweißten Fotos unter die Nase, auf denen Mädchen ihre Geschlechtsteile präsentierten und Sexualakrobatik mit allerlei Gemüse vorführten. Der Mann grinste erwartungsfroh. Seine Schneidezähne ragten fast waagerecht aus dem Mund.

«Thanks», sagte ich gelangweilt und starrte weiter auf die Zähne. Sie waren extrem weiß und hatten – jeder für sich – eine schöne, ovale Form. Bei Schleppern und Verkäufern kam es darauf an, jeden Augenkontakt zu vermeiden. Meistens ließen sie einen dann in Frieden. Doch der Mann gab nicht auf.

«Like boys? Also hab’ boys.»

«No, no!», wehrte ich ab.

«Vely young ones. Also hab’ muscle boys. Ficki, ficki! Arschfotze eng!»

Damit hatte er mich. Ich drehte mich um und sah dem Mann kurz ins Gesicht. Verärgert ging ich weiter.

«Pussy-Ping-Pong!», rief der Mann mir hinterher und packte mich am Arm. «See Pussy-Ping-Pong-Show!»

Ich schüttelte ihn wortlos ab. Hätte er gewusst, wie oft ich mir Pussy-Ping-Pong ansehen sollte, hätte er mir Geld anbieten müssen. Aber es war früh für das Vergnügungsviertel Patpong, und wahrscheinlich brauchte er einen ersten Kunden. Der erste Kunde brachte Glück und bekam alles billiger. Die Straßenverkäufer auf dem Nachtmarkt betupften ihre Waren mit den frisch verdienten Scheinen. Der erste Kunde brachte lucky money, und ich fragte mich, ob wohl auch die Girls in den Gogo-Bars beim ersten Freier betupft wurden. Jedenfalls lohnte es sich, früh zu sein, wenn man tatsächlich etwas kaufen wollte. Ein befreundeter Stylist hatte mich beauftragt, ihm ein Set falsches Louis-Vuitton-Gepäck zu besorgen, und ich hatte vor, diese und ähnliche Erledigungen gleich in den ersten Tagen zu machen und das Zeug abzuschicken, damit ich nicht in Versuchung kam, fremdes Geld auszugeben.

Das angeblich so ausschweifende Nachtleben Bangkoks beschränkte sich auf ein paar Verbindungsstraßen zwischen der Silom Road und der Surawong Road und die Gassen um die obere Sukhumvit Road. Aus den Bars pulsierte das Wummern von Discomusik, und durch die geöffneten Türen schimmerten blassweiße Gliedmaßen aus dem Dunkel, fahle Zähne und Gesichter, die im ultravioletten Licht elektrisch leuchteten. Auf der Straße wurde gehandelt, in den Bars getrunken, und obendrüber gab es preiswerten Sex. Daran hatte auch der Premierminister nichts geändert, der den Drogen und der Prostitution den Kampf angesagt hatte. Der einzige Effekt war, dass alles offiziell um zwei dichtmachte. Später wurde bei geschlossenen Türen, in Garagen oder Privatwohnungen weiter gefeiert, natürlich unter den Augen der Zivilpolizisten, ohne die sowieso nichts lief. Allgemein ging man davon aus, dass der Premier sich für die Wahlen profilieren wollte. Danach sollte das Nachtleben auf bestimmte Viertel beschränkt werden, in denen es ohnehin schon stattfand, und alles würde sein wie zuvor.

Ich ging ein Stück an der Skytrain-Trasse entlang, die sich auf 15 Meter hohen Betonstelzen entlang des Mittelstreifens erhob, und nach ein paar hundert Metern war der Nachtmarkt vorbei. Jetzt säumten nur noch Hochhäuser die Straße, im Parterre Seiden- und Antiquitätengeschäfte, dazwischen ein psychedelisch bunter Hindutempel mit Götterfiguren aus bemaltem Beton. Die Straße war dicht und die Luft zum Schneiden. Viele Leute trugen einen Mundschutz, manche bedruckt mit den Logos von Gucci oder Louis Vuitton. Es war immer noch Rushhour, und der Stau konnte sich hinziehen. Ich entschied mich, zu Fuß zu gehen, doch als die Ampel umsprang, bekam ich einen Schwall Abgase in die Lunge. Der Würgereiz zwang mich, mir das T-Shirt vor den Mund zu pressen und in das nächste Taxi zu springen. Drinnen störte die Luft nicht so.

Ich drückte dem Fahrer einen Zettel mit einer Adresse in die Hand, und nach fünf Minuten stand ich vor einem kleinen Laden, dessen einziges Fenster von innen mit alten Plattencovern zugeklebt war. Zeit, mich meinem Hobby zu widmen. Ich weiß, eigentlich sind Hobbys etwas für Rentner oder picklige Nerds, aber ich bin so lange dabei, dass ich gar nicht anders kann, als damit weiterzumachen. Aufzuhören wäre das Eingeständnis, einen guten Teil meiner Lebenszeit unnütz vergeudet zu haben. Drinnen saß ein schlechtgelaunter Jugendlicher, der mit leichtem Kopfnicken zu verstehen gab, dass er mein Eintreten bemerkt hatte, und sich danach wieder einem Comic zuwandte, in dem, soweit ich das über Kopf erkennen konnte, vollbusige blonde Frauen von anthropomorphen Monstern mit Hundeköpfen missbraucht wurden.

Die Kunst der Coverversion reicht vom Erhabenen bis zum Grotesken. Eine schlechte Coverversion ist «Malen nach Zahlen» mit falschen Zahlen, eine gute Coverversion eine Liebeserklärung an das Stück. Ich mag die guten wie die schlechten, die schlechten beinahe noch ein bisschen mehr, denn ich liebe Trash und kann Stunden damit zubringen, Plattenläden und Karaoke-Shops nach absonderlichen Tonträgern exotischer Interpreten zu durchstöbern. Gerade die asiatischen und lateinamerikanischen Länder sind wahre Fundgruben, denn jeder Entertainer fühlt sich berufen, der Welt seine Version von Sunny, My Way oder Fever zu hinterlassen. Fever zum Beispiel ist für Sammler wahnsinnig ergiebig, ich besitze allein davon 72 Versionen, von Peggy Lee über Elvis bis zu Madonna, und es vergeht kaum ein Jahr, in dem nicht mindestens zehn neue dazukommen. Meine momentanen Favoriten sind die Version einer türkischen Sängerin namens Ashda Pekan, die daraus ein orientalisches Drama macht, und ein lange verschollenes Juwel von Cher, das ich entdeckte, nachdem die Sonny-und-Cher-Shows der frühen siebziger Jahre auf DVD herauskamen. Einzelne Stücke zu sammeln ist relativ unaufwendig, denn irgendwann erkennt man sie schon nach ein paar Takten. Für das Gesamtwerk von Komponisten reicht meine Zeit nicht. Tatsächlich gibt es Leute, Frührentner vermutlich, die von morgens bis abends in Burt-Bacharach- oder Cole-Porter-Foren diskutieren.

Ich erinnere mich genau an ein Schlüsselerlebnis aus meiner Kindheit. Mein Vater besaß eine Platte von Andy Williams, dem wirklich mit Abstand öligsten aller amerikanischen Entertainer. Ein Großmeister der falschen Gefühligkeit. Es überläuft mich eiskalt, wenn ich seine Stimme höre: Ich muss an alte Männer mit Mundgeruch und Nikotinfingern denken, die kleine Mädchen mit Bailey’s betrunken machen und dann wer weiß was mit ihnen anstellen. Wenn er ein Stück singt, das mir wirklich etwas bedeutet – und er hat sie alle gesungen –, sehe ich einen kompletten Horrorfilm vor mir. Andy Williams also interpretierte auf dieser Platte, die meine Eltern so liebten, das oft gecoverte und von jeder Hotelbarsängerin zum Besten gegebene Can’t Take My Eyes Off You, im Original von Franki Valli, und ich fand es grässlich, bis ich das gleiche Stück von der wunderbaren Dusty Springfield hörte. Ich begriff anfangs gar nicht, dass es sich um das gleiche Stück handelte, ich war noch nicht mal in der Schule, es kam mir nur irgendetwas daran bekannt vor, und dann fiel der Groschen. Ich beschloss, Coverversionen zu sammeln. Ich finde es heute noch erstaunlich, dass jeder jedes Lied singen darf, schließlich handelt es sich ja um geistiges Eigentum. Wenn ich Komponist wäre, würde ich da selektieren. Andererseits hat es etwas Beruhigendes, dass man die gleichen Worte und Töne immer wieder anders interpretieren kann.

Die wohl schlechteste Version von Can’t Take My Eyes Off You hat eine holländische Popgruppe namens Hermes House Band verbrochen, am liebsten sind mir die von Lauryn Hill, Al Green und das spanische No Puedo Quitar Mis Ojos de Ti von Matt Monro, der auch den James-Bond-Titel From Russia With Love gesungen hat.

Jedenfalls ist es mir zur Gewohnheit geworden, überall, wo ich hinkomme, nach Covern zu suchen. Ich bin da wie ein Trüffelschwein, ich wittere, wenn es was zu holen gibt. Andere Leute sehen sich Kirchen an, ich krame mich durch staubige Plattenläden. Man kann Songs wunderbar übers Internet tauschen, auf Flohmärkten nach Platten stöbern, und das Ganze hat wie jede Art von Sammelleidenschaft etwas sehr Kontemplatives. Man braucht nur einen MP3-Player und kann seine Sammlung immer bei sich tragen, anders als wenn man nun Schmetterlinge oder Motorräder sammeln würde. Ich lade die Stücke immer direkt auf meinen MP3-Player und kopiere sie zu Sicherungszwecken auf den Computer, diesen albernen Hype um Vinylplatten habe ich nie begriffen. Schließlich ist Musik etwas Immaterielles, wozu braucht man da diese Staubfänger?

Coversammler gibt es überall, aber die Asiaten sind da ein ganzes Stück organisierter als die Europäer. Ich vermute, es hat mit der weitverbreiteten Leidenschaft für Karaoke zu tun, das einen ähnlichen Ursprung hat. Von Stücken, die das Zeug für Karaoke haben, gibt es immer auch einen Haufen Coverversionen. Ein Stück braucht Potenzial zum Mitsingen, Schunkeln oder Heulen, um ein Klassiker zu werden.

Um den Laden zogen sich an der Wand Regale mit Vinyl, andere Stücke konnte man sich auf einem Computer anhören und direkt auf CD brennen lassen, das Stück zu hundert Baht, umgerechnet zwei Euro, sechs Stück für fünfhundert. Ein gutes Geschäft, zumal der Laden, wie ein herumliegender Flyer verriet, auch das Mail-Order-Geschäft bediente und CDs verschickte. Ich kramte ein bisschen herum, aber die Ausbeute war mager. Ich verließ den Laden mit zwei neuen Versionen von These Boots Are Made for Walking, eine von einer laotischen Band, deren Namen ich nicht entziffern konnte, weil er nur in Laotisch geschrieben war, und von einem koreanischen Teenie-Idol namens Rain.

Zurück im Hotel, duschte und rasierte ich mich. Für den Abend hatte die fabelhafte Miss Dulayat mir eine Einladung für eine Cluberöffnung besorgt. Vor dem Eingang wartete eine Limousine. Ich erklärte dem Chauffeur, dass ich vor der Party noch einen Abstecher zu machen hätte, und ließ mich in die kühlen Ledersitze sinken. Der Stau hatte sich immer noch nicht aufgelöst, aber das störte mich nicht. Es war ohnehin zu früh zum Ausgehen. Während wir im Schritttempo durch die Straßen rollten, beobachtete ich Passanten, die an den Garküchen Obst, Currys oder frittierte Fische kauften, und die Som-Tam-Verkäuferinnen, die mit geübten Handgriffen grüne Papayas in sauerkrautartige Streifen raspelten.

In alter Gewohnheit hatte ich ein paar Termine gemacht und mich für den Abend mit einem deutschen DJ verabredet, den ich nicht kannte und auch nicht wusste, was ich von ihm wollte. Solche Treffen bestimmten meinen Tagesablauf. Sie waren ohne jede Verpflichtung, und man wusste nie, was dabei herauskam.

Obwohl ich Bangkok nur von zwei kurzen Stopovers nach Phuket und Australien kannte, fiel es mir nicht schwer, mich zu orientieren. Praktischerweise tragen nur die großen Straßen Namen, die Seitenstraßen, die Sois, sind durchnummeriert, die geraden Zahlen auf der einen Seite, die ungeraden auf der anderen. Hat man dieses Prinzip einmal kapiert, kann kaum etwas schiefgehen.

Die Sukhumvit 11 hatte sich dem gehobenen Entertainment verschrieben. Der Bed Supper Club war eine elliptische Metallröhre auf Stelzen und sah aus wie ein Möbelstück von Marc Newson. Die Außenhaut war hell beleuchtet, und eine Treppe führte ins Innere. Ich berief mich auf meine Verabredung und wurde ins Restaurant geführt. Drinnen war es so kalt, dass ich meinen Atem sehen konnte, und wie ausgestorben, alles weiß und abgerundet, Tische mit pinkfarbenen Gerbera, an den Seiten Ruhebetten. Ich bestellte einen Cocktail, sah dem Kellner beim Polieren der Gläser zu und fror etwa eine halbe Stunde vor mich hin. Bevor ich endgültig zu Eis erstarrte, trat ein blonder Mittzwanziger im Edelskaterlook ein: meine Verabredung. Wir klopften dezent ab, welche gemeinsamen Bekannten wir hatten und inwiefern wir uns nützlich sein konnten, doch das Gespräch blieb seltsam zäh. Erst als ich in Aussicht stellte, ein Porträt über ihn zu schreiben, taute er auf.

Es war immer das Gleiche: Erst verließen die Leute Europa auf Nimmerwiedersehen, und wenig später freuten sie sich, wenn man ihnen ebendort ein bisschen Aufmerksamkeit verschaffte. Ganz so, als wollten sie ihren alten Bekannten unter die Nase reiben, dass sie es in der Fremde zu etwas gebracht hatten. Besser zu ertragen allerdings als die gescheiterten Heimkehrer. Ich habe nie verstanden, was aufregend daran ist, jahrelang in New York zu kellnern und dann zurückzukommen, ohne im Leben auch nur einen Schritt weitergekommen zu sein. Einfach nur älter und um viele Illusionen ärmer.

Mein Edelskater-DJ allerdings schien genug Stoff für eine kleine Erfolgsstory à la «Insider zeigt seine Geheimtipps» zu bieten. Oft gesehen, aus jeder Stadt, aber immer wieder gern genommen.

«Ich stelle mir den Artikel so vor», sagte ich. «Ein paar Bilder von dir hier im Club, dann du in einer schicken neuen Location und im Studio. Bildunterschrift: ‹Der Mann, der den Thais das Tanzen beibringt›.»

Tatsächlich können Thais nicht tanzen. So geschmeidig sie sich zu traditioneller Musik bewegen, so ungelenk tanzen sie zu House oder dem lokalen Billig-Techno.

 

Was ich spannender fand als das angeberische Geschwätz meines neuen Bekannten über seine erstklassigen Beziehungen zu vermutlich total unwichtigen Mitgliedern des Königshauses, zu denen er mir natürlich Zugang verschaffen könnte, war eine Geschichte über die Edelsteinminen in Burma. In Mogok fand man die besten Rubine, in Hkapant Jade. Da sein Vater Juwelier war, hatte er immer wieder Jade gekauft und, um den Bauch geklebt, nach Amsterdam transportiert, so lange, bis er ein Messer zwischen die Rippen bekommen hatte und eine Ladung Steine verschwunden war. Erst nach diesem Erlebnis war er ins Veranstaltungs- und Musikgeschäft umgestiegen. Rückblickend kann ich sagen, dass mir bei dieser Schilderung zum ersten Mal der Gedanke kam, nach Burma zu fahren. Irgendwie reizte mich die Idee von Minen im Dschungel mehr als ein Traumstrand. Und auf Jade und Rubine würde vielleicht auch eine Redakteurin anspringen.

Es gab einen Haufen Geschichten zum Thema Steine in Burma, und ich hörte aufmerksam zu, denn alle hatten einen tollen Gruselfaktor. Die Burmesen sind nicht zimperlich mit Schmugglern, sofern sie nicht mit der Regierung zusammenarbeiten. So gab es den berühmten Fall des SLORC-Rubins, der heute Nawata-Rubin heißt. Der golfballgroße Stein in feinstem Taubenblutrot wurde im Februar 1990 in den Minen von Mogok gefunden. Arbeiter versteckten das Stück vor den Aufsehern, und der Stein wurde nach Thailand geschmuggelt. Hier wird die Geschichte ein wenig unklar. Man erzählt sich, dass der Rubin einem thailändischen Händler angeboten wurde, aber man konnte sich nicht über den Preis einigen. Der Händler verriet den Ort, wo der Stein aufbewahrt wurde, an die Burmesen, zweifellos in der Hoffnung auf künftige Gefälligkeiten. Die tatmadaw schleuste ein Agententeam nach Chiang Mai ein, das den Stein und seine Besitzer nach Burma entführte. Der Rubin ist jetzt in einem Museum in Rangun zu besichtigen. Auch die ehemaligen Besitzer sind wieder in Burma. Da, wo sie den Stein fanden: tief unter der Erde.

 

In der Zwischenzeit hatte sich der Club gefüllt. Es war spät geworden. Wir versprachen, in Kontakt zu bleiben. Der Wagen hatte auf mich gewartet. Wir nahmen den Highway in Richtung Sala Deng. Das Thing lag mitten im Botschaftsviertel auf der Nordseite der Sathorn Road. Im Vorüberfahren sah ich stacheldrahtumzäunte Häuser, Metalltore mit Staatswappen und Soldaten. Schließlich rollten wir in eine beleuchtete Einfahrt und in einen neuen Stau. Den Limousinen entstiegen elegante Frauen, die Männer in Anzug und ein paar Jahre älter. Ich hatte keine Lust zu warten und gab dem Fahrer ein Trinkgeld. Durch eine Allee aus duftenden Frangipanibäumen kam man in den Eingangsbereich. Drinnen dominierten Teak und cognacfarbenes Veloursleder, und hinter einer Glasfront lag ein beleuchteter künstlicher See. Der Laden war riesengroß und noch kälter als der erste.

Als ich aus dem Tunnel zur Tanzfläche trat, segelte eine prächtig konservierte, korpulente Dame auf mich zu, die an eine Mischung aus Imelda Marcos und einer muskulösen, buntgemusterten Würgeschlange erinnerte. Sie trug ein plissiertes Issey-Miyake-Kleid mit Puffärmeln und war bemalt wie eine Teepuppe. Mit ein paar Schritten Abstand folgten ihr drei exakt gleich angezogene Dragqueens, die unablässig kicherten.

«Schön, dass Sie kommen konnten», sagte die Frau und reichte mir huldvoll die Hand. «Ich bin Mrs. Syn.»

Ich kannte Mrs. Syn aus Magazinen, die auf den hinteren fünfzig Seiten Partybilder von Leuten zeigen, die dafür berühmt sind, reich zu sein. Ich gab mir immer Mühe, mir diese Namen einzuprägen, man konnte ja nicht wissen, wozu das einmal nützlich sein würde, und wusste deshalb, dass Mrs. Syn mit einem Immobilien-Milliardär aus Hongkong verheiratet war. Dass sie mit dem eisernen Willen ausgestattet war, in der Gesellschaft eine Rolle zu spielen, war auch bekannt. Sie besaß ein panasiatisches Boutiquenimperium, und neuerdings, so hatte mir der DJ erzählt, dem ich von meiner Einladung zu der Eröffnung erzählt hatte, zu der er natürlich auch kam, war sie ganz versessen darauf, im Nachtleben Fuß zu fassen.

«Tollen Club haben Sie da hingekriegt», sagte ich. «Spektakulär. Wie wollen Sie den jeden Abend voll kriegen?»

Offenbar hatte ich zu laut gedacht.

«Machen Sie sich darum keine Sorgen», zischte Mrs. Syn und machte ein Gesicht wie eine Schnappschildkröte. «Alles, was ich mache, funktioniert. Das ist mein Job.» Dann wies sie auf die Dragqueens. «Ping, Pong und Pup. Wenn Sie etwas brauchen, wenden Sie sich an eine von den dreien.»

Mrs. Syn rauschte weiter. Pong blieb stehen und grinste anzüglich.

«Hi», nickte ich und verschlang ein Canapé. «Ich denke, ich komme zurecht.»

Pong schmiegte sich an mich und wisperte mir ins Ohr: «Wold is tleasulebox.»

«Treasure box», sagte ich. Pong versenkte ihre Hand deutlich zu tief in meine Hosentasche und fingerte ein bisschen an mir herum. Enttäuscht, dass sich nichts regte, hauchte sie mir einen Kuss auf die Wange und flötete: «Nighty nighty.»

Zurück blieb ein Päckchen mit einer undefinierbaren pulverisierten Substanz. Das würde helfen. Schließlich musste ich noch ein wenig bleiben. Das war ich Mrs. Syn schuldig.

Als ich von der Toilette kam, hatte ich das Gefühl, dass meine Nackenhaare sich aufstellten. Als ich mich umsah, winkte mich Miss Dulayat an die Bar und stellte mich ihrem Freund vor, einem drögen Engländer mit rotem Gesicht und weißen Wimpern, der im Offshore-Shipping tätig war. Er steckte mir eine überdimensionierte Visitenkarte zu, auf der gleich mehrere Geschäftssitze in Bangkok, Singapur und Manila vermerkt waren. Meine Frage, was eigentlich Offshore-Shipping sei, war das Letzte, woran ich mich erinnern konnte. Ich weiß es bis heute nicht.

 

Deutlich später kam ich in einer Bar zu mir. Der Laden war ein chinesischer Familienbetrieb, das war nicht zu übersehen. Der Vater stand an der Tür, Mutti zählte das Geld, und hinter dem Tresen hantierten die beiden Töchter mit den Drinks. Sie waren Zwillinge, und bei ihnen hatten sich auf erstaunliche Weise die hässlichen Eigenschaften ihrer Eltern herausgemendelt. Von der Mutter hatten sie den Überbiss, von ihrem Vater das lange, flache Gesicht. Zudem waren alle auf eine kränkliche Art hellhäutig, als hätten sie zu viel Bleichcreme benutzt. Auf der Bühne hantierte ein Mann im Paillettenfrack, offensichtlich der Sohn, mit Dartpfeilen. Während ich, gebannt von so viel Hässlichkeit, kaum die Augen von der Inhaberfamilie lassen konnte, tippte mir jemand an die Schulter. Als ich mich umdrehte, drückte mir ein Mädchen seine Brüste ins Gesicht. Ich fühlte mich zu schwach zur Gegenwehr und protestierte nur halbherzig. Erst jetzt registrierte ich das Drumherum.

Ich saß – oder vielmehr hing – an einem Tresen, der sich um eine Bühne zog, deren Rückwand mit einem verstaubten Glitzervorhang und einer kleinen Showtreppe dekoriert war. Der Rest des Ladens bestand aus klebrigem rotem Kunstleder. Um die Tanzfläche räkelten sich Mädchen, Freier und das obligatorische Grüppchen von Vietnamveteranen, die es mal richtig krachen lassen wollten und lautstark in Erinnerungen an ihre glorreiche Jugend schwelgten.

Jetzt ertönte ein Trommelwirbel, und auf die Bühne legte sich eine Reihe nackter Mädchen mit gespreizten Beinen. Im Vordergrund baumelten Luftballons. Die Gäste johlten. Mit geübten Handbewegungen schob der Sohn den Mädchen die Dart-Pfeile zwischen die Beine. In ein Metallröhrchen, wie ich später erfuhr, mit dem man auch Kronenkorken öffnen konnte. Ein Mädchen nach dem anderen hob die Hüften, schoss einen Pfeil ab, und jedes Mal platzte ein Ballon. Das war wirklich gut! Ich riss mich hoch und applaudierte begeistert. Dabei kippte ich beinahe vom Hocker. Meine Begleiterin, welche, da ich mich zur Bühne gedreht hatte, in Ermangelung eines Besseren meinen Rücken massierte, konnte mich gerade noch festhalten. Zum Dank spendierte ich ihr einen Drink und versuchte mich zu erinnern. Wusste der Himmel, wie ich hierher gekommen war.

Zu meiner Rechten saß ein Mann in Khakis und hellblauem Poloshirt, der die Mädchen bei ihren weiteren Darbietungen anfeuerte. Eines stellte jetzt etwas mit einer lebenden Maus an, was genau, konnte ich nicht erkennen, ein anderes fischte einen mittelgroßen Zierkarpfen aus einem Glas. Links neben mir saß eine Frau mit einer Menge glänzendem braunem Haar, das wie ein Vorhang ihre rechte Gesichtshälfte verdeckte.

«Hey», nuschelte ich und zupfte an ihrem Ärmel. «Was machen die da? Wo sind wir?»

«Den Namen musst du dir nicht merken», sagte sie und strich sich die Haare aus dem Gesicht. Ihr Mund verzog sich zu einem Lächeln. Sie nahm einen Zug von ihrer Zigarette und sah mich spöttisch an. «Aber vielleicht meinen.»

Ich sah kurz auf die Bühne.

«Kannst du das auch?», fragte ich.

Das war nicht besonders witzig, aber ich wollte auf keinen Fall, dass sie sich wieder umdrehte. Die Befürchtung war grundlos. Sie fixierte mich weiter mit ihren weit auseinanderstehenden blauen Augen, die mich – ich weiß, es klingt kitschig – mitten ins Herz trafen, und ihr Lachen kam irgendwo von tief unten aus ihrem Bauch. Die Frau war nicht in Verlegenheit zu bringen.

«Wer weiß», sagte sie. «Alles klar mit dir?»

«Alles klar», sagte ich, und das traf es. Ohne zu wissen, wer sie war, fühlte ich mich bei ihr gut aufgehoben. Manchmal trifft man jemanden, den man auf Anhieb mag, es ist eine Sache von Sekunden, und man weiß, dass man eine gute Zeit miteinander haben wird. Außerdem war sie die einzige Europäerin. Ihre Art hatte so gar nichts von den zierlichen Thai-Girls, die sich wie kicherndes Spielzeug benahmen. Sie hatte etwas Erwachsenes, und das gefiel mir.

«Ich kann Mädchen nicht leiden», sagte ich bedeutungsvoll. Ich machte eine vage Handbewegung in die Runde und legte meine Hand auf ihren Oberschenkel. «Aber ich liebe Frauen.»

Ohne sich von meiner Hand stören zu lassen, beugte sie sich vor und rief dem Mann auf der anderen Seite von mir etwas zu.

«Trink noch was», sagte er und drückte mir eine Flasche Bier in die Hand. Beide stießen so vertraut mit mir an, als seien wir alte Freunde, und lachten sich zu, als sie bemerkten, dass ich nicht ganz mitkam.

Auf der Bühne paradierten jetzt Mädchen mit Nummernstickern an den Tangahöschen. Sie waren hübsch, zerbrechlich und sehr jung, alle unter zwanzig. Meine Begleiterin, die immer noch an mir klebte, legte einen Zahn zu und rutschte rhythmisch auf meinem Schoß herum. Ich gab ihr noch einen Drink aus. Dann tanzte ein Mädchen auf dem Tresen, das Geld mit ihrer Vagina aus den Händen der Gäste sammelte. Mich erinnerte das an dressierte Elefanten, die mit dem Rüssel Erdnüsse von Zirkusbesuchern entgegennehmen. Isoliert betrachtet sahen die Körperöffnungen ähnlich aus, nur dass Elefanten keine Schamhaare am Rüssel haben.

Dann wurde es ungemütlich. Ein Jean-Jacques, der anscheinend zu unserer Gruppe gehörte, erhitzte heimlich eine Münze mit dem Feuerzeug und bot sie dem Mädchen in einer Papierserviette an. Er amüsierte sich prächtig über ihr schmerzlich verzogenes Gesicht, als sie auf den Trick hereinfiel, und stieß einen schreiartigen Lacher aus. Er winkte ihr mit einem Zehn-Dollar-Schein. Das Mädchen stelzte mit erstaunlicher Sicherheit zwischen den Bierflaschen und Gläsern herum, bückte sich mit einer raschen Drehung und schnappte sich den Schein. Dann verschwand sie hinter dem Vorhang. Auf Jean-Jacques’ Stirn zeichnete sich eine schmale rote Linie ab, die sich rasch verbreiterte. Blut rann über sein Gesicht und sammelte sich in schweren Tropfen an seinem Kinn. Jean-Jacques tastete wie in Zeitlupe nach seinem Kopf.

«Das Luder», japste er, als er das Blut an seinen Fingern sah. «Sie hat mich gekratzt!» Jean-Jacques sprang auf und brüllte jetzt wie ein wütendes Tier. «Sie hat versucht, mich abzustechen. Sie wollte mich umbringen!»

Er warf dem Mädchen eine Bierflasche hinterher, die in einem Spiegel landete. Beide zersprangen. Dann schwang er sich auf den Tresen und stürmte ihr hinterher über die Bühne. Als er den Vorhang abriss, wurde der Blick auf eine schmale Treppe zur Garderobe frei. Es wurde gekreischt, Glas splitterte, Stühle wurden zertrümmert, und von überall kamen Kellner und nackte Mädchen, die sich auf Jean-Jacques stürzten. Ich wusste nicht, ob ich aufstehen konnte. Nichts wie weg, dachte ich und stolperte auf die Straße. Dann fiel ich wirklich.

 

Olive liegt ausgestreckt auf einem Ast im Urwalddach, nackt bis auf die Tattoos auf ihrem Körper: Tattoos, wie sie die männlichen Shan-Krieger tragen. Sie sieht aus, als ob sie schläft, aber ihre Augen sind weit geöffnet, sie beobachtet eine Raubkatze auf dem Boden unter ihr. Die Katze hat Flecken und ist kleiner als ein Leopard. Die Katze verharrt regungslos, genau wie Olive. Viel Zeit vergeht. Olive wird klar, dass die Raubkatze darauf wartet, dass Beute an ihr vorbeizieht. Keine Gefahr geht von ihr aus, nichts ist von der Katze zu hören, nichts zu spüren. Sie hat ausschließlich auf Empfang geschaltet, jede Zelle ist achtsam. Olive fühlt ihren eigenen Körper mehr und mehr verkrampfen, ihr Bein zittert, der Ast wird lebendig und raschelt. Die Katze hat Olive entdeckt, sie sieht zu ihr hinauf, springt mit einem Satz in die Luft und ist verschwunden. Olive richtet sich auf und lässt sich fallen. Sie landet wie eine Katze auf allen vieren auf dem weichen Urwaldboden.

Dann liegt sie ausgestreckt auf einer Bastmatte. Es ist dunkel in der Hütte, und das einzige Licht kommt von einer Kerze. Der Zauberer kniet neben ihr und fährt mit einem kleinen vergoldeten Bären die Energiebahnen ihres Körpers entlang. Manchmal stupst er hier und da eine Stelle ganz sanft mit der Schnauze des Bären an. Der Goldbelag der Figur ist dort abgerieben, schwarzes Holz schimmert durch. Die Kreise, die der Zauberer zieht, werden enger, und der Bär kommt auf Olives Seite, auf halber Höhe zwischen Hüfte und erster Rippe, zur Ruhe.

«Hier wohnt das Herz der Katze», sagt der Zauberer. Die lange Tattoo-Nadel in einer Eisenschale. «Zeit für deine Medizin.»

Er hält ihr die Opiumpfeife hin. Olive nimmt einen tiefen Zug, er stopft die Pfeife noch einmal nach, sie raucht wieder und wieder. Die Hütte strahlt jetzt in warmem Glanz, der Gestank der Matte stört Olive nicht mehr. Ihr Blick folgt dem Rauch, der hinauszieht in den Wald, dahin, wo das Tier auf sie wartet. Der Zauberer hat ihre Seite geöffnet und schiebt ihre Organe mit seiner Hand zur Seite, um Platz zu schaffen. Auch das stört Olive nicht, sie kann die Katze jetzt spüren. Sie wartet darauf, in Olives Seite zu springen und dort zu bleiben bis zu Olives Tod. Mehr Opium. Der Tätowierer kommt, setzt sich neben sie und reicht ihr das Buch mit den Symbolen. Es macht nichts, dass Olive die Zeichen nicht versteht. Sie wirken auch so. Mehr Opium. Der Tätowierer untersucht die Nadel, alles ist bereit, er beginnt seine Arbeit. Der Zauberer verleiht dem Tattoo die Macht. Olive lässt sich fallen, raucht und versinkt. Sie läuft eine Straße auf dem Land entlang, rechts und links Reisfelder, Telegraphenmasten am Straßenrand. Sie fühlt sich immer leichter, ihre Schritte werden größer, mehr in der Luft als auf der Erde, der Telegraphendraht plötzlich auf gleicher Höhe mit ihr. Sie springt über den Draht und landet ganz weich, aber fast hundert Meter weiter, auf einem Feld. Es ist Nacht geworden, aber Olive sieht alles ganz klar, wie mit Katzenaugen.

 

ALS ICH AUFWACHTE, fühlte ich eine tiefe Ruhe. Ich hörte die Vögel zwitschern, und etwas war anders, das spürte ich, so friedlich und unschuldig. Es war eine Stimme, die mich in diese Stimmung versetzte. Sie redete in einer fremden, melodischen Sprache, die ich noch nie gehört hatte, halblaut und mehr zu sich selbst. Die Stimme schlich sich in meinen Schlaf und vertrieb die letzten Bilder, die ich aus dem Traum gerettet hatte. Als ich die Augen aufschlug, drang Licht durch heruntergelassene Bambus-Rollos. Unter der Decke drehte sich ein Ventilator, irgendwo bellte ein Hund. Abgesehen von der Stimme, war es ungewöhnlich ruhig. Das Hintergrundrauschen des Verkehrs fehlte, und man konnte Vögel hören. Auf einem Tablett neben dem Bett stand ein Teller mit frischen Früchten, Mango, Ananas und ein paar Scheiben Melone. Das Zimmer war ein Eckzimmer und hatte zu zwei Seiten Fenster. Es sah nicht nach Hotel aus. Ich öffnete das Fliegengitter und trat hinaus auf den Balkon, der sich um die ganze Etage zog. Das Haus, ein zweistöckiger Bungalow, lag in einem Garten mit ein paar Palmen, Bananen und einem ungepflegten Rasen, in den ein Pool eingelassen war. Hinter einer Mauer konnte man eine schmale Straße sehen und in der Ferne die Hochhäuser der Stadt. Unter mir auf der Terrasse lag eine Frau und sonnte sich. Es war die Frau aus der Bar, und sie war nackt. Sie trug einen Kopfhörer und lernte anscheinend Vokabeln. Ich sah sie einen Moment ungestört an, dann pflückte ich eine Blüte von einer Pflanze, die um das Geländer rankte, und ließ sie fallen. Die Blüte landete direkt auf dem Bauch der Frau. Sie schlug die Augen auf und lächelte. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass auch ich nichts anhatte.

«Hallo», sagte ich und muss wohl ein ratloses Gesicht gemacht haben.

«Hallo», sagte auch sie. «Ich bin Christine. Chris. Schon vergessen?»

«Hilf mir auf die Sprünge.»

Chris erhob sich, zog sich einen Baumwollkimono über, strich sich die Haare aus dem Gesicht und blinzelte gegen die Sonne.

«Schade eigentlich», meinte sie nach einem Moment, und ich glaubte, ein Bedauern herauszuhören. Wieder sagte sie etwas in der fremden Sprache. Es hörte sich für mich an wie «Thanaka kimchi mogok».

In diesem Moment hörte ich ein Geräusch. Ein Mann in Shorts lehnte im Türrahmen hinter mir und musterte mich prüfend. Nicht unbedingt mit großer Zuneigung, eher skeptisch, wie einen Gebrauchtwagen, den man auf versteckte Roststellen absucht und sich dabei fragt, ob er noch ein Jahr hält.

«Das heißt ‹Schöner Fremder› auf Burmesisch», sagte er. «Und ich bin Victor. Ich habe Tee gemacht. Komm rein. Ich hoffe, es geht dir besser?»

«Wenn’s mir vorher schlecht ging, dann geht’s mir jetzt besser.»

«Ich glaube, es ging dir gar nicht gut.»

Ich folgte ihm. Chris kam zu uns hoch, und wir fläzten uns zu dritt auf dem Bett, noch träge und ausgelaugt von der Nacht zuvor. Wir rauchten einen Joint, tranken Tee und knabberten scharfe Reiskekse. Später stiegen wir auf Gin Tonic um und sahen Fashion TV. Chris legte ihren Kopf auf meinen Schenkel, und ich fragte mich, ob Victor schwul sei, denn ich fand, dass er ein bisschen zu großzügig mit ihr umging, wenn sie seine Freundin war. Ich wusste nicht, worauf das Ganze hinauslaufen sollte, und anscheinend merkte man mir das an. Die beiden machten sich ein Spielchen daraus, und ich sollte raten, mit wem von beiden ich geschlafen hätte. Genau das hatte ich mich auch gefragt. Es lag eine Spannung in der Luft, die ich nicht recht erklären konnte.

«Und du weißt wirklich nichts mehr?», fragte Victor.

Ich verneinte.

«Versuchen wir es mal andersrum», sagte Chris. «Wer von uns hat ein Muttermal am Steißbein? Weißt du es noch?»

«Keine Ahnung. Du?»

«Siehst du!» Sie gab Victor einen Kuss auf die Wange. «Er tut nur so. Es ist ihm peinlich. Ich habe dir gleich gesagt, dass er zu nichts nütze ist.»

So ging es weiter, aber zum Schluss behaupteten sie, dass ich mit keinem von beiden Sex gehabt hätte, und auch jetzt geschah nichts. Dabei wäre ich zu allem bereit gewesen. Aber wie meistens, wenn alles möglich scheint, passierte gar nichts. Der Reiz des Unbekannten, der wildfremde Menschen zu hemmungslosen und willigen Sexualpartnern macht, war verpufft. Jetzt waren wir Bekannte.