Straßen der Sehnsucht - Martin Schacht - E-Book

Straßen der Sehnsucht E-Book

Martin Schacht

0,0
9,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Berlin in der Krise: Hier macht eine Fernsehproduktion dicht, da wird ein Werbeetat gestrichen, dort ist eine New-Economy-Klitsche zahlungsunfähig. Und mit der Liebe klappt es sowieso nicht. Gibt es hier eigentlich irgendwo einen Aldi? In Berlin-Mitte, eben noch gefühltes Zentrum der New Economy, changiert die Stimmung zwischen Ratlosigkeit, Fatalismus und Entsetzen. Allen steht's bis hier. Auch in seinem zweiten Roman lässt Martin Schacht seine Berliner Glückssucher von einer Schlappe in die andere stolpern. Gerade lief doch noch alles so gut. Und wenn es nun tatsächlich wieder mehr um Inhalt und Moral als um Partys und Verpackung ginge? Dann wäre man nicht selbst schuld an der Misere, sondern die allgemeine Stimmung. Und bis die sich bessert, wird das teure Apartment untervermietet, versetzt, was nicht niet- und nagelfest ist, oder ein bisschen auf den Strich gegangen. Und bei allem hilft die unerschütterliche Gewissheit, dass man anderen etwas voraus hat. Auch wenn man nicht so genau weiß, was.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 224

Veröffentlichungsjahr: 2017

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



rowohlt repertoire macht Bücher wieder zugänglich, die bislang vergriffen waren.

 

Freuen Sie sich auf besondere Entdeckungen und das Wiedersehen mit Lieblingsbüchern. Rechtschreibung und Redaktionsstand dieses E-Books entsprechen einer früher lieferbaren Ausgabe.

 

Alle rowohlt repertoire Titel finden Sie auf www.rowohlt.de/repertoire

Martin Schacht

Straßen der Sehnsucht

Berlinroman

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

Berlin in der Krise: Hier macht eine Fernsehproduktion dicht, da wird ein Werbeetat gestrichen, dort ist eine New-Economy-Klitsche zahlungsunfähig. Und mit der Liebe klappt es sowieso nicht. Gibt es hier eigentlich irgendwo einen Aldi? In Berlin-Mitte, eben noch gefühltes Zentrum der New Economy, changiert die Stimmung zwischen Ratlosigkeit, Fatalismus und Entsetzen. Allen steht’s bis hier.

Auch in seinem zweiten Roman lässt Martin Schacht seine Berliner Glückssucher von einer Schlappe in die andere stolpern. Gerade lief doch noch alles so gut. Und wenn es nun tatsächlich wieder mehr um Inhalt und Moral als um Partys und Verpackung ginge? Dann wäre man nicht selbst schuld an der Misere, sondern die allgemeine Stimmung. Und bis die sich bessert, wird das teure Apartment untervermietet, versetzt, was nicht niet- und nagelfest ist, oder ein bisschen auf den Strich gegangen. Und bei allem hilft die unerschütterliche Gewissheit, dass man anderen etwas voraus hat. Auch wenn man nicht so genau weiß, was.

Über Martin Schacht

Martin Schacht lebt als Autor und Journalist in Berlin. Sein erster Roman, «Mittendrin», erschien 2002 als Rowohlt Paperback.

Inhaltsübersicht

Ähnlichkeiten mit lebenden ...Kapitel 1 Cindys GeheimnisKapitel 2 Unter GeiernKapitel 3 Leas EntscheidungKapitel 4 Mutmaßungen über DonatellaKapitel 5 Das Dünne und das BöseKapitel 6 Kryolan Ultra Foundation MB 2Kapitel 7 Am Anfang war das EiKapitel 8 Menschen am SonntagKapitel 9 Schnee im AugustKapitel 10 Aber schön war es dochKapitel 11 Geordnete VerhältnisseKapitel 12 Der Tod im OffKapitel 13 Die letzte LolaKapitel 14 Fast wie neuKapitel 15 They never come backKapitel 16 Überall ist LagerfeldKapitel 17 Die Angst und der AldiKapitel 18 KunstKapitel 19 Der Sitz der MachtKapitel 20 Ich bin dein GeschöpfKapitel 21 Eine internationale UnterhaltungskünstlerinKapitel 22 Alles SchönchenKapitel 23 Innerlich reinKapitel 24 Der weltbeste PartygastdarstellerKapitel 25 FettKapitel 26 FamilientreffenKapitel 27 Ultraslim und KamikatzeKapitel 28 Dingsbums und BumsdingsKapitel 29 MarmeladeKapitel 30 Herzen im DuettKapitel 31 Pack schlägt sich, Pack verträgt sichKapitel 32 Freesien

Ähnlichkeiten mit lebenden Personen gibt es nicht.

Kapitel 1 Cindys Geheimnis

Das Tolle ist, dass man aus allem im Leben eine Anekdote machen kann. Egal, wie weh es tut, wie peinlich oder langweilig es ist – jedes Erlebnis gerinnt irgendwann zu ein paar Sätzen, mit denen man die Leute unterhalten kann. Deshalb wird auch dieser Abend zu etwas nütze sein, hofft Hanno, als er in den gläsernen Lift steigt und nach oben fährt

Im Stilwerk geht es heute ungewohnt geschäftig zu. Ansonsten agieren die Läden eher am Rande der Insolvenz, erzählt man sich. Was Wunder: Das Stilwerk vereint alles, was der Berliner schon immer an Hamburg und Düsseldorf nicht mochte. Es ist sauber und hell, mit vielen transparenten Glasflächen, und die Möbel, die es hier zu kaufen gibt, sehen weder nach Flohmarkt aus noch nach Türkentrash. Außerdem kosten sie deutlich mehr als bei Hütter’s Junger Wohnwelt.

Unten vor dem Gästelistencounter lungern die üblichen Foyer- und Entreeschwuchteln und warten auf ihre besten Freundinnen, die die Einladungen haben. Kurz hinter dem Counter steht, onduliert und in Escada mit maritimen Goldknöpfen, Frau von Lahnstein, um die Gäste zu begrüßen. Alle denken natürlich, dies sei ihre Party, auch wenn das nicht der Fall ist. Sie beherrscht diese Nummer bis zur Perfektion. Hanno musste sie einmal des Platzes verweisen, und seitdem grüßen sie sich nicht mehr. Frau von Lahnstein sieht weg und rümpft verachtungsvoll ihre Nase.

Als die Musik kurz ausgeht, ist es innerhalb einer Minute totenstill, dann bricht ein Lichtgewitter los, als bediene Albert Speer die Regler. Dazu ertönt, immer wieder gern genommen, Also sprach Zarathustra. Als das Stück in einem sanften Panflötengeröchel verebbt, kommen auch die hektisch kreisenden Scheinwerfer zur Ruhe und weichen milder Beleuchtung. Ganz viel Kosmetikfolie, denkt Hanno. Und dann kommen sie hinter den apricotfarbenen Stellwänden hervor, erst Felix, dem höflich applaudiert wird, dann, mit einem Soundeffekt, sie: Cindy, die Schöpferin von Cindy’s Secret, dem Produkt, das Benutzerinnen von La Mer, Kanebo’s La Crème und Cliniques Turnaround Cream aussehen lässt wie ein alter Lederstrumpf. Cindy Crawford ist jetzt nicht mehr nur ein Model, sondern auch eine Creme.

Felix macht seine Sache nicht übel, findet Hanno, der sich hinten am Ausgang positioniert hat, um im Zweifelsfalle als Erster am Aufzug oder an der Treppe zu sein. Der Junge bemüht sich redlich, gut auszusehen in seinem anthrazitfarbenen Anzug, was neben Cindy Crawford natürlich schwierig ist. Aber die Fragen und Antworten sind abgesprochen, das kriegt er auch ganz gut hin. Sie lachen gekünstelt, und Cindy behauptet, sie würde sich gern mal privat Berlin ansehen.

«Den kenn ich von früher», sagt Hanno nicht ohne Stolz zu dem Mädchen von der Konkurrenz, das neben ihm steht und nicht recht weiß, ob sie ihn im Auftrag ihrer Firma observiert oder was sie hier tut. «Hat auf meinen Veranstaltungen gearbeitet, so wie du hier heute.»

Das stimmt zwar so nicht ganz, Felix hat seinerzeit bei dem Partyservice gejobbt, den Hanno für seine Events immer nimmt, klingt aber besser. Jaja, Mädel, aus dir kann noch was werden, musst dich nur an die richtigen Leute halten. Die Kleine, zweites Semester Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation, erstes Praktikum bei einer Agentur, versucht, ihn weiter in den Saal zu lotsen und ist ganz begeistert, den großen Hanno John persönlich kennen zu lernen. Sie kennt seinen Namen aus dem Vorlesungsverzeichnis, denn Hanno hält an der Universität der Künste einmal pro Semester eine Vorlesung zum Thema Branding. Die kann er inzwischen auswendig, so oft, wie er schon referieren musste.

«Möchten Sie was trinken?», fragt die Praktikantin eifrig und winkt einem Kellner. Im Prosecco dümpeln rote Johannisbeeren als Zeichen dafür, dass es sich um einen A-Event handelt.

Schade eigentlich, dass es nicht seine Veranstaltung ist. Hanno sieht sich verstohlen nach den Notausgängen um, wie er es immer tut, seit er im Frühjahr an einer Anti-Terror-Schulung für Marketing-Fachleute teilgenommen hat, und muss widerwillig anerkennen, dass er selbst das Problem nicht besser hätte lösen können. An den Eingängen und auf der Terrasse stehen ein paar auffällige Gorillas in Anzügen, die unter der Schulter kneifen, und brabbeln finster dreinblickend in ihre Headsets.

Alles nur Staffage, die eigentliche Security ist im Publikum, unauffällig, nur daran zu erkennen, dass ihre Blicke manchmal etwas zu lange auf Leuten vor der Bühne verweilen, als sich auf Cindys Lächeln oder ihren immer noch tadellosen Leib zu konzentrieren, der heute in ein schlichtes Oberteil mit Spaghettiträgern und eine mokkafarbene Lederhose gehüllt ist.

Der wichtigste Grundsatz beim Erkennen von Terroristen oder gefährlichen Irren mit Brotmessern in der Tasche ist, dass sie einfach nicht da hingehören, wo sie ihrer mörderischen Tätigkeit nachgehen. Das hat ihnen damals der Experte eingebläut, ein gut aussehender junger Mann, Modelmaterial, mit dunklem, etwas öligem Haar, der ein perfektes Business-Englisch sprach. Alle Menschen wollen irgendwohin, etwas kaufen oder jemanden treffen. Es gibt immer einen konkreten Grund, warum jemand da ist, wo er sich gerade aufhält, und diesen gilt es zu erkennen. Wenn das nicht möglich ist, so ist die betreffende Person erst einmal verdächtig.

Der Mann musste es ja wissen. Schließlich konnte er eine Menge Diplome vom israelischen Geheimdienst, der CIA und wer weiß wem noch vorweisen und hatte, bevor er seine reichhaltigen Erfahrungen der zahlenden Geschäftswelt zukommen ließ, angeblich drei Jahre lang auf einem belebten Platz in Tel Aviv Dienst getan.

Seinen Vortrag beendete er mit einer Anekdote über einen Selbstmordattentäter, dem beim Einsteigen in einen Bus der Kopf in der Tür eingeklemmt wurde. Als der Busfahrer bei dem Bewusstlosen erste Hilfe leisten wollte, entdeckte er den Sprengstoffgürtel. In einem solchen Falle müsse man den Leuten mit einem gezielten Griff das Genick brechen, das sei unbedingt notwendig. Da aber der Busfahrer diesen nicht beherrschte, flog alles in die Luft, als der Mann wieder zu sich kam.

Hanno drängte darauf, den Todesgriff zu erlernen, und fragte später ganz unschuldig nach, ob der gut aussehende Mr. Anti-Terror denn selbst schon mal jemanden umgebracht habe, doch der zog sich geschickt aus der Affäre: «Meistens schießen so viele Leute durcheinander, dass man nicht weiß, wer wen getroffen hat.» Er lächelte verbindlich. «Und man will es auch nicht wissen.»

Gestern Bali, heute Stilwerk, wer weiß? Der Tod von Cindy Crawford wäre zwar nicht die am nächsten liegende Werbemaßnahme für die Ziele von Al Qaida, aber öffentlichkeitswirksam allemal. Ein Terrorexperte würde hier mit Sicherheit verzweifeln, überlegt Hanno und nickt einem Moderedakteur zu, der gerade eine dreifache Ladung Giveaways in seiner Tasche verstaut. Achtzig Prozent der Leute haben überhaupt keinen Grund, hier zu sein – es sei denn, man zählt das Abgreifen von Schnittchen mit besserem Schmierkäse unter den Augen von Cindy Crawford als einen. Man kommt, man isst, man geht.

Die paar Journalisten, die später über Cindys Wundercreme berichten werden, hätte man ebenso gut und günstiger für ein Wochenende nach New York fliegen können, aber da will ja im Moment kein Mensch hin, selbst dann nicht, wenn es ein Wochenende im Soho Grand gratis gibt.

Trotzdem gibt es viel zu wenige von diesen Events. Obwohl das Geld da ist, und auch nicht viel weniger als vor ein paar Jahren, traut sich in Deutschland keiner mehr, es auszugeben. Könnte ja unangenehm auffallen. Bei wem eigentlich? Den Gewerkschaften? Den Arbeitslosen? Die kaufen ohnehin keine Creme zu 98 Euro. Und so wird eine ganze Branche kaputt gespart. Seine Branche, denkt Hanno. Die Stimmung changiert zwischen Ratlosigkeit, Fatalismus und Entsetzen. Keine Krise so schwer, dass alles nicht noch viel schlimmer kommen könnte.

Vorne an der Bühne passiert es jetzt. Fünfzigjährige Redakteurinnen, die einmal gehofft haben, sich ganz nach oben bumsen zu können und jetzt von den sieben Zeichen der Hautalterung betroffen sind, keifen ihre Kabelträger an und drängeln, als gäbe es wunder was. Die sieben Zeichen der Hautalterung, Super-Kampagne! Klingt wie die vier Reiter der Apokalypse, nur bedrohlicher. Keiner weiß, was das ist, aber was sich hinter Jod-S 11-Körnchen verbirgt, wird ja auch für immer ein Geheimnis bleiben. Cindy posiert mit dem Cremetopf, Design by Andrée Puttman, für die Kameras, dann ist der Spuk vorbei.

Hanno schießt ein Name durch den Kopf. Wer, zum Teufel, war nochmal Adelheid Streidel? Gott ja, die Frau, die Oskar Lafontaine niedergestochen hat, weiß der Himmel, warum sein Hirn diesen Namen gespeichert hat und ausgerechnet jetzt ausspuckt. Hanno sieht sich ängstlich um, neuerdings hat er häufig so ein komisches Gefühl in der Öffentlichkeit, er will ganz schnell hier raus. Als Cindy von der Bühne abtritt, applaudiert er lautstark. Irgendwer muss hier ja Begeisterung zeigen. Hanno steht’s bis hier. Er ist die Krise leid.

Kapitel 2 Unter Geiern

Das Plus am Bel Air ist die Lage. In einem kleinen Park gelegen, entspricht es perfekt dem Wunsch gestresster Großstädter, einmal rauszukommen ins Grüne, aber dafür nicht mehr als eine halbe Stunde Zeit opfern zu müssen. Leider sieht man dem Café die Vergangenheit als Mehrzweckgaststätte an. Obwohl frisch gestrichen, verströmt der flache Pavillon mit seinen Glasbausteinen und unverblendeten Platten-Fugen-Wänden von außen noch den gewissen Charme einer Hauptstadt der DDR. Innen ist es allerdings recht angenehm.

Statt wie damals den Launen tyrannischer Kellner ausgeliefert zu sein, wird der Gast von hübschen, kurzhaarigen Schwulen und modischen Frauen, die ein bisschen zu viel lachen, begrüßt. Mit ein paar Eames-Schalen, gebügelten, weißen Tischdecken und einem Alabaster-Tresen hat man das Lokal auf elegante Sixties-Lounge gestylt. Gut gemeint und fast gelungen, könnte man sagen, wäre da nicht zum Leidwesen der Besitzer das Publikum, das doch recht durchwachsene Publikum.

Unglücklicherweise war das Bel Air kurz nach seiner Eröffnung einmal als Geheimtipp in der alljährlichen Hauptstadtreportage eines überregionalen Magazins erwähnt, was für ambitionierte Szenegastronomie natürlich beinahe einem Todesstoß gleichkommt. An Feiertagen oder Wochenenden dominieren deshalb Touristen und andere völlig unmögliche Gäste, auch wenn es zu Fuß fast zehn Minuten zum Scheunenviertel ist und man alles tut, um diesen Leuten den Laden zu vergällen.

Die Kännchen und die Schwarzwälder Kirsch hat man den Rentnern ebenso genommen wie den Touristen die Berliner Weiße, aber so einfach geben die sich nicht geschlagen. Nun sitzen sie herum und bestellen eben Latte Macchiato und Profiteroles, die Verwegenen auch schon mal zur Happy Hour einen Cocktail. Nicht ohne dabei den Kellnern mit ständigen Fragen, was denn was sei, auf die Nerven zu fallen. Alexander hat daraufhin beschlossen, die Happy Hour ganz abzuschaffen und 08/15-Cocktails wie die Caipirinha drastisch zu verteuern.

Nur abends funktioniert der Laden so, wie er und Daniel sich das erhofft haben: Es gibt ein paar nette Kleinigkeiten zu essen, und man ist dank Türsteher unter sich. In letzter Zeit allerdings ein bisschen sehr unter sich. Die Leute gehen unter der Woche weniger weg, man merkt es schon. Nur wenn noch zusätzlich ein DJ auflegt, ist der Laden voll. Das wiederum rechnet sich nicht, und außerdem beschweren sich die Anwohner, obwohl das nächste Wohnhaus fast hundert Meter entfernt ist. Früher haben sich die Leute gefreut, wenn sie eine gute Bar in der Nähe hatten. Die Leute werden alt und spießig.

Seit sie das Café zusätzlich zum Partyservice übernommen haben, ist Alexander nur am Jammern. Mal gibt es Ärger mit den Ämtern, dann langt das Personal in die Kasse, ein paar Tage später wird eingebrochen und die Anlage geklaut, der Ärger will einfach nicht aufhören.

«Versuch mal, einen vernünftigen Geschäftsführer zu finden», klagt Alexander. «Unmöglich! Und selbst wenn du einen hast, musst du trotzdem jeden Tag im Laden stehen. Die Leute wollen dich sehen. Kaum bist du ein paar Tage weg, heißt es: Der Laden kann ja nichts taugen, wenn selbst der Besitzer sich da langweilt.»

«Anlaufschwierigkeiten», meint Stella gelassen. «Mach doch einen Verein draus, mit Mitgliedsausweisen und einem freiwilligen Unkostenbeitrag. Rezessionsgastronomie auf Vereinsbasis läuft im Moment wie verrückt. Da ist es dann auch egal, wenn es schmuddelig aussieht und es nichts Ordentliches zu essen gibt.»

Sie kann sich nur wundern. Offenbar hat Alexander sich vorgestellt, er bräuchte nur einmal am Tag zum Abrechnen zu kommen, während Daniel sich weiter um den Partyservice kümmert. Doch ganz so einfach geht es eben nicht. Seit einer halben Stunde schon sitzt sie mit ihm in dem halb leeren Lokal und lässt seine Leidensgeschichte über sich ergehen. Ihre Gäste sind wie üblich spät dran. Glücklicherweise sieht sie jetzt die ersten kommen und scheucht Alexander zurück an den ungeliebten Tresen.

Schließlich ist es ein Frauenstammtisch. Einmal im Monat, jeweils am zweiten Mittwoch, trifft man sich im Bel Air und redet. So über dies und über das und wie die Stimmung ist, später meistens über Männer, obwohl das Thema ursprünglich tabu bleiben sollte. Aus dem Networking und den beruflichen Synergieeffekten, die sich Stella und Annette einstmals davon versprochen haben, ist wenig geworden, aber sie haben es immer nett und unverbindlich.

Eigentlich war einmal geplant, reihum bei den festen Teilnehmerinnen zu tagen, aber irgendwie ist man im Bel Air hängen geblieben. Und seit Annette geheiratet hat und in die Schweiz gezogen ist, bleibt die Organisation an Stella hängen, die froh ist, wenn sie sich nicht allzu viel kümmern muss.

Ohnehin ändert sich die Zusammensetzung der Runde ständig, und das liegt an der Berliner Ökonomie. Hier macht eine Fernsehproduktion dicht, da wird ein Werbeetat gestrichen, dort ist eine New-Economy-Klitsche zahlungsunfähig. Und die Leute, die bei diesen Firmen bequeme, gut bezahlte Jobs hatten, fliehen in der Hoffnung, dass man dort auf sie wartet, zurück nach München, Köln oder Hamburg. Kein Durchhaltevermögen, findet Stella. Kaum streicht man ihnen den Dienstwagen und das dreizehnte Monatsgehalt, werden sie panisch. Haben doch immer alle davon geredet, wie flexibel sie seien. Stella findet es interessant, zu beobachten, wer Berlin wortlos den Rücken kehrt, weil er angeblich irgendwo ein Superangebot hat. Ein halbes Jahr später sind die meisten wieder da, immer noch ohne Job.

Wie dem auch sei: Es gibt ihren Jour Fixe, und Stella ist stolz darauf, dass er inzwischen einen gewissen Ruf hat. Wer kommt, der kommt, und wer nicht, eben nicht. Gegen zehn sitzt noch ein halbes Dutzend Frauen beisammen. Eine frisch entlassene Redaktionsmanagerin feiert feuchtfröhlich ihre Kündigung und spendiert die dritte Runde Houdinis.

«Erst haben sie von zehn Redakteuren sieben entlassen», quakt sie fröhlich, «und dann haben sie sich überlegt, dass sie für drei Redakteure ja auch kein Redaktionsmanagement mehr brauchen.»

«Da ist wohl was Wahres dran», meint dazu säuerlich eine freie Producerin von Werbefilmen, die sich früher gern über Leute mit Festanstellungen lustig gemacht hat. «Da siehst du mal, wie es uns Freiberuflern geht. Du kriegst jetzt drei Monate Gehalt, wahrscheinlich eine Abfindung, vier Wochen Resturlaub und dann jahrelang Arbeitslosengeld. Unsereins reißt sich den Arsch auf und kriegt gar nichts.»

Stella vernimmt das mit einer gewissen Genugtuung. Lange genug hat sie sich anhören müssen, dass auf dem freien Markt viel mehr zu holen sei als mit Arbeitsvertrag und Festgehalt. Ganz antizyklisch ist sie persönlich nämlich ziemlich zufrieden. Seit einem halben Jahr arbeitet sie für eine kleine Agentur in Kreuzberg und macht die PR für ein kalifornisches Surf-Label und eine Jeansfirma, die ihre Stoffe angeblich auf Originalwebstühlen aus den vierziger Jahren herstellt. Das Gehalt ist nicht besonders hoch, doch die Arbeit macht Spaß.

«Prost, Kinder», ruft sie, bevor das Ganze in eine Grundsatzdiskussion über die Ungerechtigkeit des Sozialsystems oder das Freiberuflerunwesen an sich abdriftet. «Übrigens will ich wieder zum Sport gehen. Wer kann was empfehlen?»

Tatsächlich machen alle irgendetwas. Die eine schwört auf Yoga-Hermann, die andere auf einen süßen Trainer, das besonders große Schwimmbad, den Bauchworkout, den Wellnessbereich oder die Saftbar, so als wollten sie sich mit Judo oder Pilates auf den großen Verteilungskampf vorbereiten, der Deutschland heimsuchen wird. Natürlich bekommen alle aufgrund ihrer Beziehungen oder Presseausweise Sonderkonditionen in den Clubs, trotzdem findet Stella, dass es mit der Verelendung der Kreativen nicht so weit her sein kann, solange die, ohne mit der Wimper zu zucken, monatlich hundert Euro und mehr fürs Fitness-Studio hinblättern.

«Holmes Place allerdings», bemerkt eine frisch entgiftete DJ-Bookerin, die schon den ganzen Abend demonstrativ an ihrer Diet-Coke nippt, «würde ich dir nicht empfehlen. Da sehe ich dauernd den guten Felix. Oder seid ihr wieder lieb zueinander?»

Sind sie nicht. Stella übergeht die Spitze, doch eine Frau, die niemand eingeladen hat und von der Stella nur weiß, dass sie immer mit einem Mikrofon dort herumlungert, wo Prominente hineingehen, hakt nach: «Vorabendserien-Felix? Ach was? War da mal was zwischen euch? Na ja, ’nen guten Body hat er. Gibt’s ja oft genug zu sehen, wie er aus der Dusche kommt …»

Stella überhört auch diese Bemerkung geflissentlich. Sie hat nicht vor, sich provozieren zu lassen. Genauso wenig, wie sie vorhat, sich in irgendeiner Form mit Felix zu befassen.

«Aber das nützt auch nichts mehr», mischt sich eine Storylinerin von Straßen der Sehnsucht ein. «Das ist so ein Junge, dem die Leute so lange erzählt haben, dass er hübsch ist, bis er angefangen hat, selbst daran zu glauben. Und Selbstgefälligkeit steht solchen Typen nicht. Man mag sie nur, solange sie nicht wissen, dass sie hübsch sind.»

«Weiß nicht», sagt Stella leicht dahin, so als würde es ihr nichts bedeuten. «Er ist ein netter Kerl. Ich freue mich, wenn es ihm gut geht.»

Auch darauf hat die Storylinerin eine Antwort.

«Fragt sich, wie lange noch. Ich finde, die Figur ist auserzählt. Ein Fahrradkurier, der es in zwei Jahren zum Facharzt bringt, also please! Wenn’s nach mir ginge …»

Stella ist froh, als in diesem Moment die Tür aufgeht und zwei Männer mit blonden Perücken und viel zu engen Blusen am Türsteher vorbeistürmen und, in der offensichtlichen Absicht, sich interessant zu machen, mit Spielzeugpistolen herumfuchteln. Es sind der Freund der Entgifteten und ein Typ, der mal einen Film über Staub gemacht hat. Sie sind ziemlich breit und kommen, in lautem Falsett kreischend, an den Tisch.

«Hallo-oh! Dürfen wir mal Mäuschen spielen? So als Frauen ehrenhalber?»

Die Stimmung schlägt von anfänglich erbostem Gemurmel in begeisterte Fraternisierung mit dem anderen Geschlecht um, als die Jungs Champagner ordern.

Stella nutzt einen Gang zum Klo, um sich unauffällig abzusetzen. Weil sie noch nicht müde ist, fährt sie auf einen Absacker in die Paris Bar, dahin, wo sie niemanden zu treffen hofft. Aber irgendetwas muss heute in der Nähe los gewesen sein. Beim Reingehen läuft sie in Vera Magun, die sich gerade verabschiedet, und auch ein paar Nasen von der Modepresse sitzen herum. Warum, zum Teufel, war sie nicht eingeladen? Selbst wenn sie selbstverständlich nicht hingegangen wäre. Hanno John ist zu betrunken, um ihr Auftauchen noch zu registrieren. Er gräbt an einem einfältig dreinblickenden Mädchen herum, das deutlich zu jung für ihn ist. Du weißt doch, würde Stella ihm am liebsten zurufen, was herauskommt bei Praktikantinnen. Am Ende gibt es immer irgendwo Flecken.

Kapitel 3 Leas Entscheidung

Das Schicksal meint es nicht gut mit Lea Bernburg. Die attraktive Brauereierbin aus Frankfurt am Main verbringt nach einem Streit mit ihrem Mann Fabian eine Woche auf dem Gut ihrer Tante Margarete bei Frankfurt an der Oder. Tante Margarete, eine Frau von großer Herzensgüte, erkennt, dass ihre Nichte mehr zum Leben braucht als den oberflächlichen Glanz der hessischen Bankenmetropole und stellt Lea dem Verwalter Ernst Ötter vor. Zwischen der weltgewandten Lea und dem stillen Gutsverwalter entspinnt sich eine zarte Romanze, doch muss Lea der Geschäfte wegen zurück nach Frankfurt am Main. Ernst weiß nichts von ihrer Ehe, und sie will die Blitzscheidung.

Als Lea das Penthouse betritt, steigt ihr der Duft von Fabians After Shave in die Nase, und mit einem Mal ist alles wieder da: Die Demütigungen, der Streit auf der Dachterrasse und die andere Frau in seinem Hotelzimmer. Tränen rinnen ihre Wangen hinab, als sie die Swarowski-Kristalltier-Sammlung auf dem Kaminsims betrachtet – glitzernde Symbole ihres zerronnenen Glücks.

Ein Geräusch reißt sie aus ihren Gedanken. Fabian steht kalt lächelnd in der Tür: «Weißt du, Lea, was ich an dir mag? Dass es dir immer noch ein Stück schlechter geht als mir.»

«Fabian», sagt Lea ernst, «wir können so nicht weiterleben. Müssen wir uns denn das Leben zur Hölle machen? Ich werde gehen. Und zwar für immer.»

Er macht ein ungläubiges Gesicht. Dann fängt er sich und lacht böse: «Ich wüsste nicht, wie du das anfangen willst. Ich werde persönlich dafür sorgen, dass du in ganz Frankfurt nie wieder einen Job findest.»

«Ganz gleich. Irgendwie geht es schon weiter. Ich will ehrlich zu dir sein. Ich habe einen Mann kennen gelernt, mit dem ich mein Leben teilen möchte. Er weiß nicht, dass ich verheiratet bin. Wenn du mich je geliebt hast, musst du mich gehen lassen.»

Lea wickelt die Kristalltiere sorgsam in Seidenpapier und verstaut sie in ihrem Koffer, als das Klingeln des Telefons die angespannte Stille zerreißt. Sie stürzt zum Apparat. Fabians flache Hand (keine Blutergüsse) trifft sie hart im Gesicht, bevor er ihr das Telefon entreißt. Lea geht zu Boden und schluchzt. Aus dem Telefon dringen gedämpft besorgte Rufe.

«Sie hätten sich den Anruf sparen können», sagt Fabian. «Lea gehört mir.»

Dann reißt er das Kabel der Ladestation aus der Wand und pfeffert das Telefon in die Ecke. Mit einem Lächeln lässt er Leas Lieblingsfigur zerschellen – es ist ein Delphin. Bevor die Tür hinter ihm zufällt, wendet er sich ihr noch einmal zu.

«Glaub nicht, dass du so einfach davonkommst.»

Das Ganze geht noch fünf Werbepausen und gut sechzig Minuten so weiter, in deren Verlauf Fabian das gemeinsame kleine Kind entführt und seiner Frau das Familienunternehmen abspenstig zu machen versucht, was ihm, der unerschöpflichen Phantasie der Drehbuchautoren sei Dank, natürlich nicht gelingt. Schließlich befinden wir uns im großen TV-Roman am Donnerstag, dessen Hauptzielgruppe, Frauen zwischen Mitte dreißig und Menopause, es kaum goutieren würde, wenn ihre Identifikationsfigur Lea Bernburg am Ende die Gelackmeierte wäre.

Felix findet, dass er seinen Part recht gut gemacht hat für die paar Drehtage, und wählt mindestens zwanzigmal nacheinander die eingeblendete Nummer mit der Endziffer 1 für die Fortsetzung des Pilotfilms von Leas Entscheidung. Der Zuschauer, also die Frau zwischen Mitte dreißig und Menopause, kann sich mit der Endziffer 2 auch für Schändlich ist die Nacht, ein Drama im Rotlichtmilieu, das letzte Woche lief, oder mit der 3 für Kalt erwischt entscheiden, etwas Jüngeres, Lustiges für alle diejenigen, die die schlüpfrigen Sprüche aus Sex and the City nochmal auf Deutsch wiedergekäut haben möchten. Und darauf wird es wahrscheinlich hinauslaufen, vermutet Felix, auch wenn er sich das nur ungern eingesteht.

Ein Dallas im hessischen Bier- und Bankenmilieu braucht nun wirklich kein Mensch, und der Ton war so schlecht gemischt, dass man vor dem wabernden Soundteppich kaum ein Wort verstanden hat. War auch nicht nötig. Wer kommt überhaupt auf solche Ideen? Hat Hessen eine neue Fernsehförderung? Das gibt es ja, so Produktionsfirmen, die ihren Hauptsitz in Hannover oder auch Stuttgart haben, wo dann ein paar Sekretärinnen herumsitzen und die einzureichenden Förderanträge in zwölffacher Ausfertigung bearbeiten. Meistens wird dann die Postproduktion vor Ort gemacht.

Nicht sein Problem, denkt Felix, eine Fortsetzung ist unwahrscheinlich. Vielleicht geht es ja tatsächlich wieder mehr um Inhalte. Hanno deutete so was an, und tatsächlich klingt das logisch. Wenn die Leute sich nichts leisten können, ist Anspruch billig, das war ja nach dem Zweiten Weltkrieg genauso. Mit diesem neuen Ansatz allerdings ausgerechnet auf dem Meet and Greet nach der Produktpräsentation einer Faltencreme von Cindy Crawford anzukommen, das war wieder typisch Hanno, und Vera hatte sich die Bemerkung nicht verkneifen können, dass es bei einer Creme ja wohl eher auf die Inhaltsstoffe ankomme, und was den Inhalt selbst anbetreffe, höchstens auf dessen Menge im Verhältnis zum Preis.

Felix geht auf den Balkon und steckt sich einen Joint an. Es ist noch ein wenig hell draußen, ein rosiger Schein am Horizont, ist ja auch August, und angenehm warm, ein Abend, um irgendwo draußen zu sitzen, zu trinken und später mit irgendwem zu knutschen. Cindy musste natürlich früh zu Bett, in den Flieger nach St. Petersburg, Wien, Rom oder wo sonst sie ihre Creme noch promotet. Felix weiß auch nicht, was er erwartet hat, einen tollen Abend sicher nicht, aber irgendwie mehr, als dass sie nach einer Viertelstunde Geplauder mit ihrer Entourage verschwindet.