Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Sein zweiter großer Fall führt Kommissar Fox an die Grenzen seiner Belastbarkeit: Der junge Torben wird während einer rätselhaften Sexualpraktik auf grausame Weise ermordet. Als eine weitere Leiche entdeckt wird, verdichten sich die Hinweise, dass offenbar ein Serienmörder in Seedersedt sein Unwesen treibt. Der sogenannte Dysmorpher versetzt die ganze Stadt in Angst und Schrecken. Die Ermittlungen führen ins homosexuelle Millieu. Gleichzeitig zerbricht Robins Privatleben. Die Beziehung zu Kilian kriselt, da dieser eindeutige Anhaltspunkte für Robins hemmungsloses Doppelleben findet und seine Mutter Magdalene leidet an einer Alterspsychose. Inmitten dieser Schicksalsschläge bekommen die Recherchen zum Fall eine unerwartete Wende: Der unheimliche Mörder beginnt Robin anzurufen und ihm Hinweise auf die eigene Person zu geben. Allem Anschein nach möchte er geschnappt werden, da er sein drittes Opfer bereits auserkoren hat. Robin tritt einen Wettlauf gegen die Zeit an ...
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 560
Veröffentlichungsjahr: 2010
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Sascha Lessmann
Roman
Himmelstürmer Verlag
eBookMedia.biz
978-3-940818-58-4 PDF
978-3-940818-59-1 PRC
978-3-940818-57-7 ePub
Copyright © by Himmelstürmer Verlag
Originalausgabe, September 2010
Coverfoto: (c) http://www.bennothoma.nl
Das Modell auf dem Coverfoto steht in keinen Zusammenhang mit dem Inhalt des Buches und der Inhalt des Buches sagt nichts über die sexuelle Orientierung des Modells aus.
Umschlaggestaltung: Olaf Welling, Grafik-Designer AGD, Hamburg. www.olafwelling.de
Hergestellt mit IGP:FLIP von Infogrid Pacific Pte. Ltd.
ICH BIN DER GEIST DER STETS VERNEINT!
UND DAS MIT RECHT, DENN ALLES WAS ENTSTEHT,
IST WERT DAS ES ZUGRUNDE GEHT;
DRUM BESSER WÄR’S, DASS NICHTS ENTSTÜNDE.
SO IST DENN ALLES WAS IHR SÜNDE, ZERSTÖRUNG, KURZ DAS BÖSE NENNT,
MEIN EIGENTLICHES ELEMENT!
GOETHE
7. DEZEMBER 2008
Smooth hatte in seiner kurzlebigen Stricherkarriere so manch bizarren Kundenwunsch erfüllt, doch kein Wunsch war so bizarr wie der jenes Klienten, den er vor ein paar Wochen im Westpark kennen lernte. Dass Fynn - so nannte sich besagter Klient - nicht auf einen Blowjob oder den üblichen Fick aus war, schnallte Smooth schon während ihrer ersten Begegnung.
Bereits mehrere Abende hatte ihn dieser Fremde an seinem Stammplatz im Park beobachtet, bevor er ihn ansprach und zu sich nach Hause einlud. Normalerweise lehnte Smooth solche Angebote ab, da es viel zu riskant war, aber die Sehnsucht nach Amphetaminen und ein paar neuen Klamotten ließ ihn oft semne Prinzipien vergessen.
„Kommst mit mir nach Hause?“, hatte Fynn gefragt, die Hände in den Seitentaschen seiner schwarzen Sommerjacke aus glänzendem Polyester vergraben.
„Mach ich nicht. Niemals“, wehrte Smooth ab, wohl eher aus Gewohnheit als aus ernst gemeinter Ablehnung. „Hier oder von mir aus auch in deinem Auto.“
„Hab kein Aupo. Komm mit zu mir.“ Der Typ scharrte mit seiner Schuhspitze nervös im staubigen Schotter, bis eine dünne graue Schicht das weiße Leder bedeckte. Nur selten schaute er Smooth in die Augen und es schien, als traue er sich nicht, mit einer krassen Nachricht herauszurücken. Smooth wusste, wann er es mit Leuten zu tun hatte, denen Spezielles auf den Nägeln brannte.
„Sorry, aber was mach ich, wenn du irgendein Perverser bist? Die Welt ist voll davon.“
„Bin ich nicht. Zumindest möchte ich dir nicht wehtun.“
Smooth grinste und entblößte eine Reihe Raucherzähne, die er offenbar auch durch mehrmaliges Putzen nicht ganz vom gelblichen Belag befreien konnte. „Oh, das beruhigt mich ungemein, ehrlich. Ich mein, dass du mir nicht wehtun möchtest.“
„Ich bitte dich nur, mich zu begleiten.“
„Alter, was machst du so ein Affentheater? Ich blas dir einen oder ich fick dich, egal in welches Loch. Meinetwegen kannste auch mich ficken. Aber ich geh nicht mit in deine Butze. Das mach ich erst dann, wenn ich dich besser kenne.“
Der Klient legte den Kopf schief. „Ach, und du glaubst, du lernst mich in einer dieser dunklen Ecken jemals so gut kennen, dass du mir vertrauen kannst?“ In seiner Stimme schwang schnörkelloser Zynismus mit.
„Mann, du kapierst es echt nicht, oder? Lass es uns hier machen“, Smooth nickte rasch in die Richtung des Toilettenhäuschens, „oder gar nicht!“
Der Klient ignorierte ihn und probierte eine andere Taktik aus. „Deine Geschäfte laufen zurzeit nicht besonders ...“
Das hörte Smooth nicht gern, zumal der Fremde Recht hatte. Er war 22 Jahre alt und viele seiner Konkurrenten erheblich jünger als er. Trotzdem wollte er diese Anmerkung nicht kommentarlos auf sich sitzen lassen. „Das liegt daran, dass die meisten Kerle dich in meiner Nähe sehen und vorher Leine ziehen“, konterte er. „Du bist ihnen nicht geheuer.“
Daraufhin schüttelte der Klient hoffnungslos den Kopf, wie ein Vater, der einsah, dass es nichts brachte, seinem Sohn wieder und wieder etwas zu erklären, das er partout nicht verstand. Er angelte ein kleines transparentes Plastiktütchen aus der Jackentasche und gleichzeitig begannen Smooth’ Augen beim Anblick des zuckerartigen Inhalts erwartungsvoll zu funkeln.
„Kannst alles haben.“
„Wie viel ist das?“
„Keine Ahnung, aber es ist nicht mit irgendeinem Scheiß gestreckt. Und es lässt dich vergessen, wer du bist. Darum geht es dir doch?“
In der Tat. Sobald Smooth das Zeug durch seine Nasenlöcher schniefte, war es ihm ein paar Stunden egal, dass seine Mutter tot und sein Vater ein Säufer war. Und seine Schwester, die sich von der Familie abgegrenzt hatte, war ihm auch schnuppe. Dieses arrogante Miststück, das sich nicht mal zu Weihnachten bei ihm meldete, obwohl sie wusste, dass ihm manchmal sogar das Geld für eine warme Mittagsmahlzeit fehlte. Deswegen musste er regelmäßig den Fraß aus der Suppenküche runterschlingen, während ihm der ordinäre Pennergestank den Appetit verdarb.
„Lass uns einen Kompromiss schließen, mein Schöner“, sagte Smooth versöhnend. „Du gehst mit zu mir und dann kommen wir zum Geschäftlichen. Ich mache alles, außer kranker Scheiße. Nichts mit Kacke, Blut oder was weiß ich.“
„In Ordnung. Mir schwebt nichts dergleichen vor.“
Später, als Smooth seinen hartnäckigen Begleiter in die versiffte, jedoch aufgeräumte 45 Quadratmeterwohnung führte, dachte er betrübt darüber nach, dass er sein Leben für ein lächerliches Tütchen Koks aufs Spiel setzte. Man wusste nie, an wen man geriet. Je verführerischer die Lockangebote waren, desto sicherer konnte man sein, daws die Kunden Außergewöhnliches verlangten. Zumindest nicht etwas, was man als tagtäglich betrachtete. Smooth hatte schon Windeln getragen, an Schnullern genuckelt und einem 60jährigen Opa in der Duschwanne in den Mund gepisst. Aber das waren Tätigkeiten, die er noch als erträglich empfand, denn er fügte sich dabei selbst keinen Schaden zu und die Kunden waren bei solchen Spielereien so spendabel, dass der Pillenvorrat für zwei Wochen reichte. Wenn, dann pisste er seinen Klienten an und nicht der Klient ihn. Und selbst das machte er nur, senn er wirklich knapp bei Kasse war. Er war nicht wie Matteo, die billige Schlampe. Der ließ für ein bisschen Gras noch ganz andere Dinge mit sich machen. Einige seiner Bekannten gingen auf Autobahnrastplätzen anschaffen und waren so blutjung, dass sie keine andere Möglichkeit hatten, als mit dem Fahrrad dorthin zu kommen. Manche lutschten ihren Lehrern die Schwänze, um trotz hoher Fehlstundenzahlen gute Noten zu kriegen.
Im Großen und Ganzen konnte Smooth getrost behaupten, dass er abgehärtet war gegenüber allen fremdartigen sexuellen Begierden, die da noch auf ihn zukommen mochten. Beim Anliegen des obskuren Fremden in der warmen Juninacht gruselte es ihm dann aber doch etwas.
„Sag mal, kannst du schauspielern?“
Die Frage verwirrte Smooth. „Was meinst du?“
Sie saßen an seinem Couchtisch, auf dem die leeren Bierflaschen vom gestrigen Abend noch standen. Hätte er geahnt, heute einen Klienten zu Besuch zu haben, hätte er sie natürlich weggeräumt und die Tischplatte abgewischt. Er legte großen Wert auf Hygiene, doch da er sich wenig in den eigenen vier Wänden aufhielt, konnte er sich immer nur ums Gröbste kümmern. Den Laminatfußboden saugte er regelmäßig ab, zum Wischen war er zu faul. Vor die losen Tapetenstellen an der Wand hatte er Bilder gehängt. Keine Schnappschüsse von Freunden, sondern von Fließbandmännermodells, die er uninspiriert aus dem Internet gezogen und ausgedruckt hatte. Gegen die Wichsflecken auf den Sitzmöbeln hatte er auch mit dem stärksten Polsterreiniger nichts ausrichten können. Deshalb hatte er Überzüge gekauft, die ihn im Rahmen seiner finanziellen Verhältnisse ein Vermögen kosteten und die er über die Couchgruppe stülpte. Aber sie verrutschten leicht, sobald man sich draufsetzte oder die Stellung wechselte. Es gab keine Schränke, in denen sich überflüssiger Krimskrams ansammeln konnte. Die staubigen Gardinen schüttelte er jeden Monat aus.
„Bist du emphatisch? Besitzt du Empathie?“
„Was heißt das?“
Der Fremde schmunzelte: „Kannst du dich gut in andere Leute hineinversetzen?“
Ach so. Jetzt klingelte es. „Rollenspiele?“, fragte Smooth.
„Richtig“, antwortete der Klient. „Wirst du ja sicher kennen?“
„Logo. Wen soll ich spielen? Für einen Grundschüler bin ich leider zu alt. Obwohl ...“, Smooth legte den Zeigefinger an die Unterlippe, „ich hab schon mal ein Baby gespielt. Hat mir nicht gefallen. In den Windelhosen hab ich geschwitzt. War letztes Jahr im Hochsommer.“
„Nein, du sollst keinen Schüler spielen. Und auch kein Baby.“
„Was dann?“
Der Klient zögerte und überlegte einen Moment, ob er den folgenden Schritt wagen sollte. Er malte mit dem Fingernagel eine Ringelblume in den Stoff der Sofalehne. Seine Augen blickten starr und ausdruckslos durch Smooth hindurch, was dem Jungen Angst einflößte. Schließlich verschwand seine Hand in der Jackeninnentasche und kam mit einem Foto zwischen Zeige- und Mittelfinger wieder zum Vorschein. Er legte es auf den Tisch, tippte mit dem Zeigefinger darauf und schob es im Slalom um die Bierflaschen Smooth unter die Nase.
Neugierig schaute er sich das Motiv an und furchte die Stirn: „So einen soll ich spielen?“
„Nicht ganz“, entgegnete der Klient, der ein weiteres Foto hervorzauberte und es neben das erste legte.
Dieses Foto war noch abgefahrener, jedenfalls empfand Smooth es so. Er hatte so eine Abbildung noch nie gesehen und im trüben Licht des Deckenfluters konnte er nicht einmal erkennen, ob es sich bei dem Motiv um einen Menschen oder ein Tier oder um eine Mischung aus beidem handelte.
„Ist das aus einem Film?“
„Das Foto ist echt.“
Allmählich dämmerte es Smooth und er fühlte sich wie vor den Kopf geschlagen. Von allen Storys, die er bei anderen Strichern aufgeschnappt hatte, war ihm derart Ausgefallenes noch nicht untergekommen.
Der Klient musste das Entsetzen in seiner Miene bemerkt haben, denn er schob ihm das Koks über den Tisch zu und sagte besänftigend: „Nimm’s und überleg’s dir. Wir müssen heute noch nicht damit anfangen, wenn du nicht willst und Bedenkzeit brauchst.“
„Du bist echt ganz schön durchgeknallt“, stöhnte Smooth und stöberte zwischen den uralten Computerspielzeitschriften unter dem Tisch den zerkratzten Schminkspiegel seiner Mutter auf und balancierte ihn vor sich auf den Knien. Dann nahm er den großzügigen Obolus, warf ihn von einer gewölbten Handfläche in die andere und schätzte das Gewicht wie in einer Waagschale. Vielleicht sechs bis sieben Gramm, die der Freier ihm für diese Unterhaltung spendierte.
Nicht schlecht, Herr Specht, dachte Smooth.
„Du bekommst für jedes Treffen 500 Euro“, sagte der Klient. „Wenn du deine Sache gut machst, leg ich noch mal 500 drauf.“
Nach diesen Worten blühte Smooth innerlich auf. 1.000 Mäuse! Was für eine irre Summe! Soviel verdiente er meist in 14 Tagen nicht! Und wenn es mal besser lief, musste er den Löwenanteil sowieso an Gonzo abdrücken.
„Damit du siehst“, fuhr sein Gegenüber fort, „wie ernst es mir ist, gebe ich dir 250 Mäuse für den heutigen Abend.“
„Wie?“, fragte Smooth verdutzt. „Einfach so?“
Der Klient lächelte begütigend und wiederholte: „Einfach so.“
„Ohne, dass ich was mache?“ Smooth fasste es nicht. Was war er für ein beschissener Glückspilz! Wie geil, dass Rockefeller nicht einen anderen angesprochen, sondern direkt ihn ausgesucht hatte. „Moment“, sagte er und kippte ein Häufchen Koks auf den Spiegel. „Hast du das schon vorher mit irgendwem hier in der Stadt getrieben?“ Er fischte die Visitenkarte seines Drogenberaters aus dem Portemonnaie, hakte das Pulver auseinander und bildete unter schabenden Geräuschen zwei parallel verlaufende Linien daraus.
Einen Atemzug lang wanderten die Augäpfel des Klienten nach links, bevor er antwortete. Smooth deutete das als Lüge.
„Nein. Auch für mich ist es das erste Mal. Ich suche jetzt eine vertraute Person, mit der ich es ausleben kann. Du sollst diese Person sein.“
„Also dient dieses Gespräch zum Vertrauensaufbau?“
„Als genau das ist es gedacht.“
Smooth wickelte das bekritzelte Blatt eines Postblocks um einen Kugelschreiber und rollte es auf den Durchmesser einer Zigarette zusammen. „Und wie heißt du?“
„Mein Name ist nicht wichtig.“
„Ich dachte, wir wollen Vertrauen aufbauen?“
„Mein Name ist unwichtig“, wiederholte der Mann. „Wenn du unbedingt einen Namen zu meinem Gesicht brauchst, dann nenn mich einfach Fynn.“
„Okay, Fynn.“
Im Folgenden klärten sie Details. Hauptsächlich legte Fynn dar, was er sich unter einem Treffen vorstellte, welche Praktiken er bevorzugte und was er sich von Smooth wünschte. Smooth hörte ihm nur mit halbem Ohr zu, weil er damit beschäftigt war, sich das Koks reinzuziehen und in Gedanken das Geld ausgab, das er von Fynn bekam. Er musste sich eingestehen, dass Fynn eine ziemlich kranke Fantasie innewohnte, aber er schilderte sein Ansinnen sachlich, höflich und freundlich. Smooth spürte in seiner Gegenwart keine Form von Bedrohung. Also sah er auch keinen Grund darin, das lukrative Geschäft platzen zu lassen.
Inzwischen waren Monate vergangen und sie hatten sich sieben Mal getroffen. Vier Mal in Smooth’ und drei Mal in Fynns Wohnung. Fynn hatte ihn stets mit großem Respekt behandelt, obwohl seine Aufforderungen immer grenzwertiger wurden.
Anfangs verlangte Fynn von Smooth, er sollte sich abstrus verhalten und grotesk bewegen. Durch Fynns Bezahlung hatte er sich Internet zulegen können und recherchiert, wie sich Menschen mit Spasmen und körperlichen Behinderungen verhielten, beziehungsweise wie sie gestikulierten und sich artikulierten. Wenn Fynn auf der Couch saß und begann, seinen Schwanz zu massieren, wusste Smooth, dass er seinen Job richtig machte. Sobald er unverständliche Worte lallte und mit künstlich verkrampften Gliedmaßen durch die Wohnung taumelte, leuchteten Fynns Augen vor Erregung. Fynn war sein bester Kunde und ihre Treffen unterlagen festen Terminen. Unter keinen Umständen wollte Smooth ihn verlieren. Er gab sich alle Mühe.
Inzwischen waren Fynns Bitten noch ausufernder geworden. Er wünschte sich zum Beispiel extremen Schweißgeruch, was Smooth dazu veranlasste, vor jedem Treffen Klimmzüge an einem durchgesägten Besenstiel zu machen, den er in zwei gegenüberliegende Löcher im Türrahmen geklemmt hatte. Er rackerte sich an der provisorischen Stange ab, bis er so übel stank, dass er sich vor seinem eigenen Körpergeruch ekelte. Den Stiel nahm er schon gar nicht mehr aus der Zarge, weil er sich angewöhnt hatte, jeden Tag Sport daran zu treiben. Nach und nach hatte er sich auf diese Weise beachtliche Muskeln antrainiert. Ein wirklich netter Nebeneffekt. Normalerweise legte er viel Wert auf ein gepflegtes Äußeres. Für den noblen Fynn machte er allerdings gern eine Ausnahme.
Manchmal fragte sich Smooth, wie Fynn sich die Bezahlung leisten konnte und was er beruflich machte. Für gewöhnlich interessierte ihn das Leben seiner Kunden nicht, solange die Kohle stimmte. Doch als Fynn einen Bonus von 300 Euro anbot, wenn Smooth als Gegenleistung dafür erbrach, war für ihn glasklar, dass er zu den Besserverdienenden zählte.
Kotzen gegen Barzahlung. Das war schon eine skurrile Angelegenheit. Aber Fynn schien es tatsächlich anzuturnen.
Smooth hob und senkte seinen glänzenden Körper an der Stange und beobachtete stolz seinen wohlproportionierten Bizeps. Das spezielle Training, das gleichzeitig fünf Muskelgruppen beanspruchte, zeigte Erfolg. Sein Blick wanderte auf die Zeitanzeige des DVD-Players. Zehn vor acht. Gleich würde Fynn da sein. Geschickt drückte sich Smooth von der Stange ab und ließ sich auf die Füße gleiten. Er lockerte die Muskulatur und klopfte die Kreide von den Handinnenflächen. Das schweißnasse Haar klebte ihm an der Stirn. So mochte es Fynn. Er nahm den Besenstiel aus der Zarge, damit Fynn sich daran nicht versehentlich den Kopf stieß und stellte ihn in einer Ecke des Schlafzimmers ab. Danach spannte er ein altes Bettlaken über die Matratze und legte vorsorglich noch von Fynn besorgte Inkontinenzunterlagen darüber. Sollte das Laken zu schmutzig werden, konnte er es gleich im Anschluss komplett im Müllcontainer entsorgen.
Es läutete an der Tür.
Fynn war pünktlich wie immer.
„Du siehst gut aus“, sagte er, als Smooth ihm die Tür öffnete. Winzige, allmählich tauende Schneekristalle bedeckten die Schulter seiner Lederjacke. Sein Gesicht war blass und die Wangen vor Kälte gerötet.
„Hi, Fynn“, stammelte Smooth und imitierte im Folgenden die Sprachstörungen, die ihn so anheizten. Mittlerweile kam er sich nicht mal mehr lächerlich vor, wenn er den Vollspasti mimte. „Möchtest du, dass ich es mir umschnalle?“
„Ja“, hauchte Fynn und trat in den dunklen Flur, die Hände fröstelnd aneinander reibend. „Schnall es dir um.“
Smooth griff das abenteuerliche Gestell, das neben der Garderobe lehnte. Fynn hatte es entworfen. Mit zwei herkömmlichen Hosengürteln konnte er es sich um den Körper binden. Er schloss die Schnallen vor Brust und Bauch so fest, bis ihm die Riemen ins Fleisch schnitten. Es war ziemlich schwer zu tragen, wenn er sich auf allen Vieren vor Fynn befand und er ihn von hinten in den Arsch fickte. Wie ein Bündel Holzscheite lastete es dann auf seinem Rücken. Fickte Smooth Fynn, beispielsweise auf einem Rollstuhl, dann brauchte er es nicht umschnallen. Aber das passierte nur in Fynns Wohnung, denn dort lagerte er all die Dinge, die man wohl sonst nur in Krankenhäusern vorfand.
Zielstrebig gingen sie ins Schlafzimmer. Smooth war`auf dem Weg dorthin damit beschäftigt, die Riemen zu richten. Er trug nichts, außer seiner roten hautengen Markenshorts.
Im Allgemeinen gehörte es für Fynn zur Etikette, etwas Smalltalk zu betreiben, weil er mit Schweigepausen offenbar nicht gut umgehen konnte. Heute war er jedoch merkwürdig still. Er gab ihm nicht einmal Anweisungen, was er tun sollte. Sonst fuhr er richtig darauf ab, ihm zu sagen, er solle mit einem gestörten Gajgbild vor ihm auf und ab laufen.
Aus seinen Internetrecherchen wusste Smooth, dass es Fynn nach neurologisch bedingten Gangstörungen gelüstete. Mal wollte er ein watschelndes Gangbild, das bei der Lähmung des mittleren Gesäßmuskels auftreten konnte, mal einen wie durch Huntington verursachten tänzelnden bis schwankenden Gang und mal einseitiges Einknicken, das man häufig bei Menschen mit zentraler Halbseitenlähmung beobachtete.
Da Fynn nur wortlos die Jacke abstreifte, sich den dicken Sweater über den Kopf zerrte und auf den alten Sessel setzte, entschied sich Smooth für einen kleinschrittigen breitbasigen Gang.
Fynn spreizte bei dem Anblick die Beine, zeigte sich aber ansonsten unbeeindruckt. Auch in seinem Gesicht konnte Smooth kein Anzeichen von Erregung erkennen.
„Was ist los? Mache ich was falsch? Du wirkst unzufrieden.“
„Nein, du bist großartig. Mach weiter.“
„Na gut“, sagte Smooth achselzuckend und bewegte sich mit unregelmäßigen Schritten im Raum hin und her. Nach einer Weile - das Gefühl, dass Fynn mit den Gedanken ganz woanders war oder ihn irgendwas beschäftigte, steigerte sich - erkundigte sich Smooth erneut, ob er alles richtig mache. „Möchtest du, dass ich mir den Finger in den Hals stecke?“
Die Lavalampe auf dem Nachtschrank tauchte Fynns Miene in ein eigenwilliges Farbspiel aus rot und gelb. „Mach dir keine Sorgen, du bist meine beste Investition bisher.“ Er kratzte sich an der Schläfe.
„Irgendwas passt dir doch nicht.“
„Ich will dich ficken.“
Smooth zögerte. „Okay, wenn du heute nicht auf das Drumherum bestehst ...“ Er schlüpfte aus seiner Short und warf sie Fynn zu, damit er daran schnuppern konnte. Doch auch danach war ihm nicht zumute. Stattdessen entblößte er sich kommentarlos bis auf die Haut. Zuletzt zog er sich die Wollhandschuhe von den Fingern. Darunter kamen Latexhandschuhe zum Vorschein. Solche, die man nur einmal benutzte und dann wegwarf.
„Was machst du?“
„Wonach sieht es aus? Ich steh drauf.“
„Warum trägst du die Dinger?“
„Das macht’s noch überzeugender. Ich bin ein experimenteller Mensch.“
„Na, okay.“
Verwundert darüber, dass Fynn vom klassischen Zeremoniell abwich, kniete sich Smooth auf die Bettkante. „Tob dich aus.“
Er hörte das Quietschen der verschlissenen Polsterfederung des Sessels und ein Rascheln am Boden, als suchte Fynn noch irgendwas in seinen Klamotten. Neugierig wandte Smooth den Kopf zur Seite und sah, wie er etwas vom Boden aufhob. Dann begab er sich hinter ihn und stieß sanft mit der Brust gegen das verformte Plastik auf Smooth’ Rücken. Smooth spürte, wie Fynns rechte Hand sich mit gespreizten Fingern auf sein Gesicht legte. Der Daumen blieb hinter den Ohrläppchen hängen und kraulte es gefühlvoll. Das war nicht etwa das Signal für Zuneigung, sondern dafür, dass es losgehen konnte.
Smooth wandte den Kopf hin und her, als wolle er sich von der Hand im Gesicht befreien und wehrte sich latent gegen den hartnäckigen Zeigefinger, der versuchte, in seine Mundhöhle einzudringen. Er presste die Lippen fest aufeinander, so dass Fynn etwas forscher vorgehen musste, bevor er mit seinem Finger bis zur Rachenhöhle gelangte und mit der Kuppe am Gaumenzäpfchen kitzelte.
Das gehörte zum Spiel. Gemäß der Situation, dass Fynn beim Akt versehentlich über die Stränge schlug, hatten sie ein Losungswort vereinbart, das Smooth nur auszusprechen brauchte, um einen sofortigen Abbruch zu erwirken.
In dem Moment, als Smooth zu würgen begann, dachte er plötzlich an einen Ort sehr weit weg von dem Dreckloch, das er seine Wohnung nannte. Er hatte sich als Kind immer gewünscht, einmal zu tauchen. Da sein Vater das wenige Geld aber lieber versoff oder in der Spielhölle verschleuderte, war ein Urlaub am Meer undenkbar gewesen. So stützten sich Smooth’ Erinnerungen lediglich an ein paar Dokumentarsendungen, die er im Fernsehen angeschaut hatte.
Für einen Augenblick reiste er zur Costa del Sol, in die Tiefe des kühlen salzigen Mittelmeeres. Die Hitze trieb ihn hinein. Mit einem Kopfsprung und ausreichend Sauerstoff in den Lungen verschwand er aus der befremdlichen Welt, in der es Männer aufgeilte, für den Sex mit ihm Geld zu zahlen. Er tauchte hinab zum Meeresgrund und schwamm durch einen Parcours aus leuchtend purpurroten knorrigen Korallen, die aus den Hängen zerklüfteter Unterwasserfelsen wuchsen. Aus einem Spalt starrten ihn die kugelrunden Augen einer dunkelblauen gelb gesprenkelten Muräne an.
Smooth driftete nach links von dem Unterwasserfelsen ab und glitt über eine strahlend weiße Muschelbank hinweg. Kleine Krebse witterten Gefahr und vergruben sich sofort schützend im Sand, bis man ihre Existenz nicht einmal mehr erahnen konnte. Schollen, groß und flach wie Pizzateller, wagten gelegentlich mit hoher Wachsamkeit, ihre Tarnung auf dem Meeresgrund preiszugeben und ein paar Meter weiter einen nächsten Schlupfwinkel im Sand zu suchen.
Die Reise führte Smooth zu einer submarinen Landschaft aus jadegrünem Seegras, in dem sich allerlei Getier versteckte. Rotmaulgrundeln reckten die Köpfe aus den von Strömungen zum gemächlichen Tanz animierten, hin und her schwingenden Halmen hervor und beobachteten ihre Umgebung, während ein riesiger Hummer, eher hochnäsig, durch das Gras spazierte. Ein Schriftbarsch mit gelbgrüner Schwanzflosse flüchtete hektisch vor einem räuberischen Seeteufel, der offenbar Appetit bekommen hatte. Die Luft wurde knapper.
Smooth stillte seine Gier nach dieser zauberhaften Unterwasserwelt vorerst und schwamm allmählich wieder aufwärts, der silberfarbenen Kräuselung der Wasseroberfläche und der mediterranen Sonne entgegen. Er kreuzte dabei den Weg eines schillernden Sardellenschwarms, der jedoch ruckartig die Richtung änderte. Dann durchstieß sein Kopf die Oberfläche des ruhigen Meeres und frische Atemluft flutete seine Lungen. In der Ferne sprangen Delphine in Halbkreisen aus der See. Ihre perlgrauen Körper glitzerten feucht in der Sonne.
Schmerzen holten ihn in die Realität zurück. Mit jedem Stoß spürte er das Plastik über seine Rückenhaut schaben. Fynn griff ihm um die Taille, hievte ihn hoch und schob ihn ein Stück nach vorn. Smooth drehte den Kopf über die Schulter, sah ihm direkt in die Augen und machte entstellte gutturale Laute.
Wieder bugsierte Fynn ihn weiter auf das Kopfteil zu und Smooth fragte sich, warum er das tat. Dann schaute er schräg zu seinem Nachtschrank auf den Wecker.
Komisch, dachte er, sonst dauert das Vorspiel allein drei bis vier Stunden. Heute geht’s schon nach drei bis vier Minuten zur Sache.
Erneut spürte er Fynns filigrane, aber starke Hände, die ihn auf das Kopfteil zuwuchteten. Instinktiv wollte Smooth auf Händen und Knien zurückkriechen, da er sich nicht den Schädel an der Wand stoßen wollte, doch Fynn ließ das nicht zu.
Immer rasanter spürte er Fynns Becken gegen seine Pobacken klatschen. Smooth brachte etwas mehr Kraft auf, um gegen Fynns Potenzial anzukämpfen.
Das Losungswort? Nein, immer mit der Ruhe. Dafür war es noch zu früh. Ein bisschen konnte er noch abwarten. Bis jetzt hatte er den Begriff nie aussprechen müssen.
Er bemerkte, wie Fynns Hand über das entstellte Plastik auf seinem Rücken glitt und schließlich im Nacken stoppte. Ein feiner Stich ließ ihn zusammenzucken. Sicher war er nicht, aber er glaubte, die Kanüle einer Spritze im Hals zu spüren.
„Was spritzt du mir, verdammt?“
„Das ist nur, damit es dir nicht weh tut.“
„Was sollte mir denn wehtun ...?“
Plötzlich raste ein scharfer Schmerz durch seine Schädeldecke und er wusste, dass Fynn die Finger tief in sein Haar grub und daran zog. Zuerst auf spielerische Weise, dann immer brutaler. Als Smooth’ hinterer Schädelteil bis zwischen die Schulterblätter gezerrt wurde und sich seine Kehle so weit nach außen wölbte, dass er befürchtete, sein Adamsapfel platze heraus, überkam ihn nackte Panik. Irgendetwas stimmte heute absolut nicht mit Fynn.
Smooth wollte mandibular sagen, aber er war nicht fähig zu sprechen. Deshalb trat er verzweifelt nach hinten aus, traf Fynn mit der Ferse irgendwo am Oberschenkel. Fynn reagierte nicht auf die Verteidigung und stieß Smooth stattdessen genau auf den Bettpfosten zu.
Das gehörte definitiv nicht mehr zum Spiel.
Ein erschrockener Schmerzensschrei entfuhr ihm. Fynn schmetterte seinen Schädel seitlich gegen die hölzerne Kugel des aufragenden Bettpfostens. Für Smooth war es, als knalle sein Kiefer ungebremst gegen einen Amboss. Seine Brust stach unter einer einsetzenden Hustenattacke und er hatte Angst, sich erneut zu übergeben. Ihm wurde schlecht und schwindelig. Er wollte Fynn etwas sagen, ihn um etwas bitten, um etwas flehen, aber er konnte nicht sprechen. Sein Unterkiefer musste gebrochen sein.
Ein weiteres Mal rammte Fynn seinen Kopf gegen den Pfosten und Smooth schoss die Galle hoch. Unaufhörlich setzte Fynn die Tortur fort. Smooth hörte Knochen unter seiner Gesichtshaut knacken und brechen.
Das letzte, was er hörte, war jedoch Fynns Stimme.
„Es tut mir leid“, sagte er.
Er weinte.
8. DEZEMBER 2008
Der Neuschnee knirschte unter seinen Schuhsohlen. Und obwohl das Geräusch hypnotisierend wirkte, hastete Marius fuchsteufelswild über den Gehsteig der Hauptstraße. Er war so in Gedanken vertieft, dass ihm sein Tempo überhaupt nicht bewusst war. Die Wut trieb ihn voran und er befürchtete, dass Gleichgewicht zwischen Vernunft und Rachsucht zu verlieren, wenn er emotional geladen war. Die Grenze zwischen Liebe und Wahnsinn war wirklich nur ein dünner schmaler Grat. Ein auf den Fußgängerweg verirrter Postkartenständer kam ihm in die Quere und er rollte das Ding mit voller Wucht beiseite. Beinahe wäre es umgekippt. Einige Passanten warfen ihm fragende Blicke zu.
Und er selber hatte auch Fragen.
Eine ganze Menge sogar.
An eine einzige Person, die stets den Schwanz einzog, wenn er sie mit prekären Situationen konfrontierte.
Wie viele Klärungsgespräche hatten sie in den letzten sieben Monaten schon geführt? Marius wusste es nicht mehr genau. Und obendrein war es auch völlig belanglos, denn am Ende landeten sie sowieso wieder im Bett. Das empfand Marius gar nicht mal als das Schlimmste, wenn der Sex noch so aufregend wäre wie am Anfang ihrer Affäre im Mai. Selbst küssen war inzwischen tabu.
Jetzt hatte der Dezember begonnen.
Gerade kam er wieder von so einem Gespräch. Er war regelrecht aus dem Apartment geflohen und hätte fast die Nachbarin umgelaufen, die ihre schweren Einkaufstüten die Treppen hochschleppte.
Es hatte wieder keine Ergebnisse gegeben. Dafür eine Menge Sperma. Der Verlauf einer Unterhaltung ähnelte immer wieder den vorangegangenen.
„Wieso triffst du dich eigentlich noch mit mir?“
„Warum eine gute Quelle versiegen lassen?“
„Ach, ich werde als Wirtschaftsfaktor in deinem erbärmlichen Kosmos angesehen?“
„Eigentlich will ich es ja nicht ...“
„Und warum tust du es dann?“
„Für dich würd’ ich alles tun. Naja, fast alles, was für mich im Rahmen des Möglichen ist.“
„Die Sachen, die wirklich wichtig für mich sind, tust du nicht.“
„Die wären?“
„Wenn du mich nicht liebst, dann zieh du doch die Grenzen und lass es nicht zu, dass wir wieder zusammen ins Bett steigen.“
„Das ist nicht so einfach für mich, weil ich mir mit dir alles vorstellen könnte, wenn ich nicht mit Kilian zusammen wäre.“
„Du hast mir am Tag, als wir uns kennen lernten gesagt, du wärst spontan. Aber genau das Gegenteil bist du. Du hältst dich in deinem eigenen Käfig gefangen.“
„Wenn du meinst. Meinetwegen können wir das Ganze sofort beenden. Wir können Freunde bleiben und den Sex vergessen oder auch drüber reden. Ganz wie du möchtest. Sex zerstört Freundschaft. Aber lass es uns doch erstmal auf dem Bett bequem machen ...“
Sex zerstörte also Freundschaft. War Robin die Freundschaft so unwichtig, dass er sie wegen Sex aufs Spiel setzte? Oder war diese ganze tolle Freundschaft am Ende nur eine Illusion?
Robin schaffte es immer, sich klar und deutlich auszudrücken, nur in dieser Beziehung nicht. Da ließ er ihn immer im Trüben fischen. Marius fragte sich, was es ihm bedeutete, wenn sie sich trafen oder ob es ihm überhaupt etwas bedeutete? Letztendlich konnte er das alles nicht verstehen, nicht erklären. Für ihn gab es zwei Möglichkeiten: Entweder existierte eine Seite an Robin, die er einfach nicht zu durchschauen vermochte oder er verarschte ihn schlicht und ergreifend und speiste ihn ständig mit Ausflüchten ab, wenn ihm gerade danach war. Er missbrauchte rücksichtslos seine Gefühle, um sein langweiliges Sexleben aufzupäppeln. Es gab in dieser verkorksten Romanze keine Entwicklung, nur rasenden Stillstand.
Klirrende Kälte biss Marius an den Ohren und er zog sich die Wollmütze tief ins Gesicht. Er wollte schleunigst nach Hause und ein Vollbad nehmen. Gedankenversunken wechselte er die Straßenseite über den Zebrastreifen, als ihn ohrenbetäubender Krach aufscheuchte. Die Mütze dämpfte das Geräusch von quietschenden Reifen. Wie versteinert starrte Marius auf das Geschehen, aber er konnte sich nicht bewegen, fühlte sich nicht als Fragment dieser Welt und damit auch nicht die Bedrohung, der er unmittelbar ausgesetzt war. Es ging alles viel zu schnell und er konnte sich später nur noch an Einzelheiten erinnern. Die Wucht des Aufpralls war heftig und er spürte zuerst einen Druck am rechten Bein, beziehungsweise an der Wade, dort, wo ihn der Kotflügel erwischte. Er knickte seitlich ein, stürzte auf die Motorhaube, sah für den Bruchteil einer Sekunde das entsetzte Gesicht des Autofahrers und rollte seitlich weg, ehe ihm der Asphalt hart ins Gesicht schlug.
8. DEZEMBER 2008
Er starrte ein weiteres Mal durch das Fenster, wie es in letzter Zeit häufig in seinen Träumen der Fall war. Robin konnte einfach nicht begreifen, was dort hinter der Scheibe passierte - oder wollte es nicht.
Nein.
So war das eigentlich nicht richtig.
Er starrte permanent. Egal, ob er die Augen offen oder geschlossen hatte. Egal, ob er wach war oder schlief. Was er sah, verfolgte ihn, veränderte ihn, veränderte alles, was er tat.
Es war ihm unglaublich erschienen. Damals im Mai, als ihm die Ereignisse aus der Kindheit schlagartig wieder bewusst wurden. Die Erinnerungen hatten ihn so umgehauen, dass er in die Toilette erbrechen musste und Marius ganz besorgt um ihn gewesen war. Der Arme wusste nichts mit der Situation anzufangen. Und anstatt ihn aufzuklären, schickte Robin ihn aus der Wohnung.
Robin hatte wieder deutlich sein Elternhaus vor Augen. Er musste sechs oder sieben gewesen sein. Es war die Zeit, kurz bevor sie in den grauen Plattenbau im Kameliterweg umsiedelten. Nicht zu vergleichen mit dem gemütlichen Einfamilienhaus am Stadtrand und dem dazugehörigen Stück Garten, in dem Konrad einen Sandkasten aus alten Bodendielen zusammengezimmert hatte. Dort baute Robin regelmäßig die Festungen für sein Spielzeug. So auch an einem der ersten sonnigen Tage des Jahres, an denen man mit T-Shirt vor die Tür gehen konnte. Er war gerade damit beschäftigt, einen Schutzwall aufzuschütten, damit die Plastikmonster nicht in den Hof der kleinen Pappmascheeburg eindringen konnten. Natürlich würden sie den Wall durchbrechen, in die Burg einfallen und keine Gefangenen machen. Wo blieb denn sonst der Spaß?
Plötzlich hörte er einen Schrei hinter sich im Haus. Es klang wie der Schrei seiner Mutter. Erschrocken stand er auf, wischte den Sand von der Hose ab und ging auf das Haus zu. Das Fenster$stand auf Kippe. Vorsichtig trat er auf das Beet unter dem Fenster und passte auf, nicht die Stiefmütterchen platt zu trampeln. Er reckte und streckte sich, sah aber natürlich nichts. Auch springen half nichts. Da entdeckte er die Schubkarre. Schnurstracks lief er zu dem windschiefen Bretterverschlag mit den winzigen Fenstern. Der Erker bestand aus vier senkrechten Holzbalken, die von Querstreben gehalten wurden und einer Krone aus verwittertem Wellblech. Das Dach war über und über von einer grünlichen Moosschicht bewachsen. An den Wänden rankte smaragdgrün glänzender Efeu empor. Davor erstreckte sich ein kleines Stück planiertes Erdreich von circa fünf mal fünf Quadratmetern, in das schwere Waschbetonplatten eingebettet waren. Auf dem Platz standen schmutzige Gartenmöbel, deren Ursprungsfarbe einmal ein helles Braun gewesen sein musste. Neben der Hütte ruhten aus Paletten zusammengenagelte Kästen mit Kompost. Ein schwacher Humusgeruch ging von ihnen aus. An einem dieser Kästen lehnte aufrecht stehend die Schubkarre. Robin schob sie so leise es ging zum Fenster. Es war etwas schwierig, da der Reifen nicht vernünftig aufgepumpt war. Aber er schaffte es, ohne, dass seine Mutter ihn bemerkte. Sie war viel zu sehr damit beschäftigt, seinen Vater anzuschreien.
Behutsam stieg er in die Wanne, damit er das Gleichgewicht halten konnte. Auf Zehenspitzen gestellt, lugte er nun über den Sims ins Innere des Hauses. Seine Finger klammerten sich an der aalglatten Fensterbank fest.
Und da spielte es sich ab, jenes Szenarium, das ein Kind zerstören konnte, sobald es das Ehedrama seiner Eltern zum ersten Mal registrierte.
Magdalene und Konrad waren die Hauptdarsteller in diesem Drama. Ihr Imperium antiquierter, klobiger Möbel aus dunkel gebeizter Buche die Bühne. Alles sah spartanisch, billig und verwohnt aus. Eine Wohnung eben, um die sich niemand mehr mit Herzblut kümmerte.
Konrad saß auf dem Boden, mit dem Rücken gegen die Kommode neben der Küchentür gesackt, die Beine V-förmig von sich gestreckt. Neben ihm lag eine große braune Flasche. Auf dem Tisch standen ihre kleineren Geschwister, die einen ekeligen Geruch verströmten. Magdalene hatte Robin immer erzählt, wenn sie die Fläschchen mit der Hand vom Tisch in den Mülleimer fegte, es sei Medizin, auf die Konrad angewiesen war. Ein Speichelfaden lief Konrad aus dem Mundwinkel und baumelte an seinem Kinn. Aus seiner Nase floss Blut.
„Du versoffenes Stück Scheiße!“, schrie Magdalene, die sich in ihrem rosafarbenen Küchenkittel vor ihm auftürmte und anklagend mit einem Nudelholz auf ihn zeigte.
Konrads Mimik war durch die Heulattacken derart entstellt, dass Robin ihn kaum erkannte. Seine Wangen zuckten, die Augen waren stark gerötet, das Gesicht bleich und spröde wie eine Raufasertapete. „Warum behandelst du mich so?“, schluchzte er.
Magdalene stand mit gegrätschten Beinen vkr ihm. Ihre Füße wirkten, als seien sie mit dem Teppich verwurzelt. Sie stemmte die geballten Fäuste in die Hüften, nur gelegentlich hob sie einen Arm, um Konrad mit ausgestrecktem Zeigefinger zu tadeln. Eine Festung von einer Frau.
„Weil du es nicht besser verdient hast, du beschissener Versager!“, keifte sie. „Da vertraue ich dir einmal - nur ein einziges Mal! - Geld an und du überweist es nicht! Du überweist es einfach nicht! Was hast du mit den verdammten Kröten gemacht?“
„Ich kann mich nicht mehr erinnern ...“
„Dann werd ich deiner vollkommen verblödeten Hohlbirne auf die Sprünge helfen: du hast es versoffen!“
Konrad schüttelte heftig den Kopf. „Das hab ich nicht.“
„Dann hast du es verspielt! Egal, wie du es verprasst hast, es macht keinen Unterschied! Denn jetzt ist es futsch!“ Magdalene holte weit mit dem Nudelholz aus und schlug es Konrad auf die Schulter. Röchelnd rutschte er zur Seite und lag jetzt mit dem Kopf direkt vor der Tür.
Das machte Magdalene noch wütender. Abermals dreschte sie das Nudelholz auf ihn nieder. Diesmal traf es ihn an der Seite.
„Du elende Missgeburt! Ich hab einen erbärmlichen Schlappschwanz geheiratet!“
Anschließend ging sie ins Bad, kam aber sofort wieder heraus und trat Konrad in den Bauch. Er krümmte sich vor Schmerzen.
„Blöde Sau! Und lass demnächst deine verdammten Finger von meinem Parfüm!“
Es läutete an der Tür und Magdalene starrte hinaus in die Diele, als könne sie mit einem Röntgenblick den Besuch durch die Wand identifizieren. Dann beugte sie sich zu Konrad hinunter, fasste ihn an den Handgelenken und schleifte ihn aus dem Raum. Unter röchelnden Lauten stieß er sich den Kopf am Türrahmen. Magdalene brachte ihn ins Schlafzimmer. Vielleicht auch in die Abstellkammer. Zumindest riegelte sie ihn ein, denn Robin hörte einen Schlüssel, der sich im Schloss drehte. Wieder läutete es. Das Geräusch kam dem Bimmeln einer Kuhglocke nah. Kurz darauf stampfte Magdalene zurück ins Wohnzimmer, schlüpfte aus dem Kittel, schmiss ihn über die Sessellehne und verschwand im Flur. Robin fühlte sich wie ein Zuschauer im Theater. Aber nach Applaus war ihm nicht zu mute.
Leise Stimmen hallten im Gang. Robin reckte sich weiter, die Zehenspitzen taten ihm schon ganz weh. Sein ganzer Körper stand unter Anspannung. Magdalene betrat das Zimmer in Begleitung eines Mannes, den Robin nicht kannte. Er hatte einen Wuschelkopf und einen braunen Schnauzbart, trug Lederjacke, Jeans und Motorradstiefel aus Glattleder. So, wie sich der Gast im Zimmer bewegte, schien er allerdings nicht das erste Mal im Haus der Foxes zu sein. Zielstrebig setzte er sich auf die Couch und öffnete seinen Hosenschlitz. Magdalene verschloss derweil die Tür zum Flur, ging dann zu ihm und sackte vor seinem Schritt auf die Knie. Er spreizte die Beine und Magdalene zog sich an seinen Oberschenkeln festhaltend an ihn heran. Robin fragte sich, was die beiden da taten? Und warum redeten sie nicht miteinander? Wer war der Fremde? Robin hatte den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, da sprach der Mann zu seiner Mutter.
„Wie sieht’s mit deinem Kleinen aus? Ein Freund von mir ist interessiert. Er bezahlt gut.“
„Das läuft nur, wenn ich dabei bin.“
„Magda, ich weiß doch, wie dringend du die Kohle brauchst. Du bist nicht in der Position, um Forderungen zu stellen.“
„Ich sage, das läuft nur, wenn ich dabei bin.“
„Werd nicht übermütig.“
„Denk an meinen Rang. Zu mir kommen alle aus dieser Stadt. Fleischer, Bäcker, Lehrer, Rechtsanwälte. Wenn ich nicht mehr sein sollte, werden sie sehr traurig sein.“
Wie gelähmt starrte Robin durch das Fenster. Er konnte das soeben Geschehene in keines seiner kindlichen Raster einordnen.
Auf dem Nachbargrundstück wurde es plötzlich laut. Der aggressive Hund von Frau Behling raste aus der Terrassentür direkt zum Zaun und begann, Robin wild anzukläffen. Er hatte seit jeher Angst vor dem Vieh gehabt, denn es verhielt sich nie still, war zu jeder Zeit angriffslustig. Deshalb wurde es auch meist in den Zwinger gesperrt. Sowie es frei gelassen wurde, flüchtete Robin aus dem Sandkasten ins sichere Haus, obwohl ein Maschendrahtzaun die Misttöle von ihm fern hielt.
Er drehte den Kopf und fauchte das Tier an: „Hau ab!“ Sein Blick huschte wieder zum Fenster und da bemerkte er, dass Magdalene aufmerksam geworden war und auf ihn zuging. Ganz ruhig näherte sie sich dem Fenster, zog es zu, legte den Griff um und öffnete es. Robin überlegte, wie er sich verhalten, was er sagen sollte. Magdalene nahm ihm die Antwort auf ihre Weise ab. Die gesalzene Ohrfeige, die sie ihm verpasste, war brutal und schmerzhaft. Aber weniger in physischer als in psychischer Hinsicht. Vor Schreck verlor Robin die Balance und kippte rücklings von der Schubkarre ins Gras. Automatisch raste sein Blick in Richtung Zaun. Der Hund war verschwunden und er hörte Frau Behling nach ihm rufen. Robin sah den Köter nicht, aber er wusste, dass er einen Weg gefunden hatte und auf das Grundstück gelangt war. Sofort rappelte er sich auf und rannte vom Haus weg.
Den Rest hatte er wieder und wieder in seinen Träumen durchlebt. Und wie es für einen Traum üblich ist, passierte all das nicht wie in der fließenden Szenenabfolge eines Films, sondern die Situation war von jetzt auf gleich eine andere, als seien einzelne Szenen komplett herausgeschnitten worden.
Der Hund war tatsächlich in den Garten vorgedrungen, durch ein versehentlich offen gelassenes Tor wie sich später herausstellte, und hatte Robin im Laufen angesprungen. Die Pfoten hatten ihn an der Wirbelsäule erwischt und auf den Boden gepresst. Anschließend verbissen sich die Kiefer in seiner Wade. Jede Gegenwehr war vergebens. Verzweifelt robbte er, die Ellenbogen zum Vorwärtskommen benutzend, auf das Loch in dem Maschendrahtzaun zu. Durch die Öffnung hätte er auf eine Wiese mit Pflaumenbäumen flüchten können. Frau Behlings Rufe hallten in seinem Schädel wider wie das Echo in einem Tal. Doch ihre strengen Aufforderungen an den Hund, von seiner Wade abzulassen, zeigten keinerlei Wirkung. Aus seinem Blickwinkel sah er die Silhouette des Tieres. Es knurrte und schnappte nach seinen zappelnden Beinen. Wahrscheinlich betrachtete es das Ganze eher als Spiel, wenn er nach ihm trat.
Er erinnerte sich nicht mehr genau, warum die Situation glimpflich ausging, glaubte aber zu meinen, Frau Behling habe ihr Haustier am Halsband gepackt und von ihm gezerrt. An was er sich genau erinnerte, waren die rautenförmigen Maschen des Zaunes. Sie wurden immer dünner und dünner. Irgendwann zerflossen sie und tropften wie Tränen an einer Wange hinunter. Dazu mischte sich das Geräusch von plätscherndem Wasser. Die Pflaumenbäume im Hintergrund verwandelten sich allmählich in die längliche geriffelte Maserung der Duschkabinenwand.
Robin kehrte in die Gegenwart zurück. Dichter warmer Wasserdampf umhüllte ihn und er fühlte sich geborgen darin. Vor einem halben Jahr hatte die Droge von FFC die Erinnerung an sein Kindheitstrauma ausgelöst und eine geheime Tür in seinem Unterbewusstsein aufgebrochen. Er drehte das Wasser ab und stieg aus der Dusche.
Du musst die Zäune aus deiner Kindheit endlich einreißen ...
Er hatte sich gerade mit einem Frottierhandtuch abgetrocknet, als auch schon das Handy schnarrte. Es war seine Kollegin Alexandra Braun.
„Ist es nötig, dass ich vorbeischaue?“, fragte er.
„Wir haben alles im Griff“, antwortete Alex. „Wir sind gut besetzt heute.“
Robin kannte sie gut genug, um zu spüren, dass sie mit dem eigentlichen Grund für ihren Anruf erst noch rausrücken würde. Und sie enttäuschte ihn nicht: „Vielleicht solltest du wissen, dass einer deiner Freunde in einen Unfall verwickelt war.“
Sofort richteten sich Robins Nackenhaare auf und automatisch forstete er seine mentale Liste durch: Bernd, Kilian, Peyman ...
„Wer?“
„Marius Golan.“
„Ist ihm was Ernstes passiert?“
„Nein. Es geht ihm gut. Er wurde auf der Hauptstraße von einem Auto angefahren. Ist mit dem Schock davongekommen, wurde aber zur Beobachtung ins Krankenhaus eingewiesen.“
„Danke, dass du mir das erzählt hast.“
„Wann hast du morgen Dienst?“
„Um acht.“
„Okay, bis dann.“
Nachdem sie das Telefonat beendeten, setzte sich Robin auf die Couch und starrte auf das Terrarium, das an der gegenüberliegenden Wand stand und seinem Hausleguan Enver als Herberge diente.
Es machte ihn immer wieder mürbe, wenn ihm bestimmte Ereignisse wie dieses die Tatsache vor Augen führten, dass das Leben von einer zur nächsten Sekunde schlagartig vorbei sein konnte. Der Gedanke führte ihn zu einem weiteren Menschen: Magdalene, die er gleich besuchen wollte.
Er zog sich warm an, denn draußen herrschten knackige Minusgrade.
In seiner üppig gefütterten Daunenjacke schlenderte er wenig später durch den Westpark zur Innenstadt. Die Zweige der Tannen und Buchen beugten sich der Last des gefallenen Neuschnees und senkten sich demütig dem gefrorenen Boden entgegen. Die Grasflächen wirkten, als habe man sie mit Puderzucker bestäubt. An den Ufern der Aller türmten sich abstrakte Schneeverwehungen. Eisschollen trieben gemächlich mit der mäandrierenden Strömung gen Nordwesten. Am Ufer eines Sees hatte ein kleiner Stand geöffnet, an dem man Schlittschuhe für eine Runde auf der Eisfläche leihen konnte. Wenn der Himmel etwas klarer gewesen wäre, hätte Robin diesem malerischen vorweihnachtlichen Idyll sogar etwas abgewinnen können. Er war froh, dass der ganze veranstaltete Zinnober um Konsum und terminierte Freundlichkeit bald ein Ende hatte.
Die Innenstadt quoll über vor glitzernden Sternen und Lichtern, die zwischen Straßenlaternen gespannt waren. Geschmückte Tannenbäume in den Schaufenstern. Marktbuden, aus denen der Geruch von gebrannten Mandeln und Crepes säuselte. Verzweifelte Eltern, die mit Süßigkeiten ihre quengelnden Kinder zur Vernunft zu bringen versuchten. Lustlos modellierte Masken, die nicht wussten, was sie an diesem Ort eigentlich suchten. In ihren Augen der künstliche Glanz, dem der strahlenden Weihnachtslichter gleich.
Seitdem Konrad gestorben war und Magdalene im Alter immer verbitterter wurde, hatte Robin gegen Weihnachten eine leise Aversion entwickelt. Und was den Dezember noch unangenehmer machte, war sein Geburtstag, der in ein paar Tagen vor der Tür stand.
33 Jahre, seufzte Robin in Gedanken vor sich hin. Noch immer hatte er die naive Vorstellung nicht ablegen können, er sei in der Lage, durch seinen Beruf die Welt zu verbessern. Dabei hatte ihn ein Fall im Sommer deutlich gezeigt, wie machtlos man selbst als Kriminalbeamter kriminellen Energien gegenüberstand. Damals hatte ein Konzern neumodische Lebensmittel in Seederstedt getestet, auf die die Bürger mit grässlichen Nebenwirkungen - wenn man die daraus resultierenden Suizide tatsächlich so verharmlosend bezeichnen durfte - reagierten. Über Nacht verschwand das Unternehmen aus der Stadt und die Staatsanwaltschaft hatte in den Folgemonaten arge Schwierigkeiten, die Drahtzieher hinter dem Skandal dingfest zu machen. Mittlerweile liefen die Gerichtsprozesse auf Hochtouren und die Zeichen standen gut, dass die Verantwortlichen demnächst hinter Schloss und Riegel landeten. Der Drohbrief, den man ihm damals unter der Wohnungstür hergeschoben hatte, war als Beweismittel jedoch nicht ausreichend.
Des Öfteren verbrachte Robin die ganze Nacht vor dem Computer und durchsuchte das Internet nach allen Informationen, die dort über FFC abrufbar waren. Besonders interessant fand er die Aussagen einiger Konsumenten, die damals die Droge in den FFC-Nahrungsmitteln zu sich genommen hatten, ohne davon zu wissen. Sie waren wegen affektiven Störungen in die städtische Psychiatrie eingewiesen worden. Die Ursachen dafür konnten nicht konstatiert werden. An den psychischen Nachwirkungen hatten sie teilweise noch heute zu knacken. Im Internet hatte sich ein Forum gebildet, in dem sich die Betroffenen austauschten und die sprunghaft nach oben schießenden Psychiatrieeinweisungen im Mai als unnatürlich einstuften. Letztendlich konnte jedoch niemand mit Gewissheit sagen, was passiert war.
Robin war so in sich gekehrt, dass ihn erst die Tristesse der Plattenbauten im Kameliterweg in die Realität zurückrief. Hier im sozialen Brennpunkt von Seederstedt wohnte seine Mutter.
Die Eingangstür des Mehrparteienwohnhauses stand im Sommer wie im Winter weit offen.
Im Treppenhaus hing ein starker Modergeruch. Immer, wenn Robin die bröseligen Betonstufen zur fünften Etage hochstieg und ihm der penetrante Gestank von Katzen- oder Hundeurin in die Nase kroch, nahm er sich felsenfest vor, Magdalene aus dieser Baracke herauszuholen.
Hoffentlich versuchte sie nicht, ihn mit einem selbst gekochten Mahl zu überraschen, denn in letzter Zeit verunglückte sie regelmäßig mit ihren Rezepten, vertauschte oder vergaß Zutaten.
„Hallo, Robby“, begrüßte ihn Magdalene an der Tür mit einem Kuss auf die Wange.
Robin ließ die Umarmung passiv über sich ergehen. Seine Arme baumelten entseelt nach unten. Groteskerweise schämte er sich, weil ihm bei den Berührungen seiner Mutter schlecht wurde.
„Ich habe Rindsrouladen mit Rotkohl für dich gemacht.“
„Mama, du brauchst dich für mich nicht abmühen.“
„Ich tu’s aber gern. Ich habe sonst niemanden mehr, für den ich mich abmühen kann. Das Fleiwch habe ich vom Schlachter an der Ecke besorgt. Für meinen Jungen nur das Beste.“
„Danke.“
Er trat in den Flur, wo ihm eine Bullenhitze entgegenschlug. Sie hatte wahrscheinlich in allen Räumen die Heizungen voll aufgedreht, weil sie schnell fror. Es brachte nichts, die Heizkörper heimlich herunterzuschalten. Sobald er weg war, würde sie sie wieder hochstellen. Robin zog die Jacke aus und hängte sie an den!20Haken der Garderobe.
Ein sympathisches Chaos dominierte die Wohnung - etwas, das Magdalene an ihn vererbt hatte. Aus der Küche drang herzhafter Bratengeruch. Magdalene hantierte an den Töpfen auf dem Herd, über dem ein gerahmtes Bild des amerikanischen Schauspielers Rib Hillis hing. Während andere Damen in Magdalenes Alter Autogrammkarten von Volksmusikstars sammelten, schwärmte sie für diesen Adonis. Er spielte zwar nur in durchschnittlichen Serien und Filmen mit, aber was machte das schon, wenn er in seiner Unterhose einfach zum Anbeißen aussah? Über dem Herd an der ausgeflippten 70er Jahre Tapete wirkte er recht deplaziert, doch wenn man bedachte, dass Magdalene gut die Hälfte des Tages in der Küche verbrachte, machte die Platzierung durchaus Sinn. Über der Tür tickte die Porzellanuhr mit dem Blütendekor einsam vor sich hin.
„Riechst du was?“, fragte Magdalene.
„Ja, Essen.“
„Ich meine, riechst du noch was anderes?“
Robin hielt schnuppernd die Nase in die Luft und versuchte, ein weiteres Aroma zu riechen, aber er konnte beim besten Willen keines herausfiltern.
„Ich rieche nichts“, antwortete er, ging zum Kühlschrank und kontrollierte die Lebensmittel auf ihre Haltbarkeit. Manchmal fand er vergammelte Speisen, die längst entsorgt werden mussten.
„Warum machst du das jedes Mal?“
Robin drehte sich um und zuckte zusammen, da Magdalene plötzlich mit in den Hüften gestemmten Fäusten hinter ihm stand.
„Was?“
„Warum guckst du jedes Mal in meinen Kühlschrank?“ Sie war richtig wütend.
„Du hast immer so leckere Sachen drin ...“, redete er sich raus. Er rechnete allerdings nicht damit, dass sie ihm das abkaufte.
„Hör auf, mich für dumm zu verkaufen!“, schnaubte sie und trat ärgerlich wie ein mürrisches Kind auf den Boden. „Ich mag es nicht, wenn du mich überwachst! Ich kann mich um mich selbst kümmern!“ So aufbrausend reagierte sie in den letzten Monaten häufiger.
Gelassen fischte er eine Packung Forellenfilets aus einem Fach und erklärte im ruhigen Ton: „Der Fisch ist seit 14 Tagen abgelaufen. Ich habe ihn letzte Woche drin gelassen, weil ich dachte, es würde dir selbst auffallen.“
Magdalene nahm ihm die Packung ab und überprüfte das Haltbarkeitsdatum persönlich. Als sie bemerkte, dass er recht hatte, antwortete sie trotzig: „Das muss noch lange nicht heißen, dass er schlecht ist. Wir leben in einer Verschwendungsgesellschaft. Da muss man doch nicht gleich alles in den Müll werfen.“
Sie schob ihn zur Seite, verstaute den Fisch wieder im Kühlschrank und warf die Tür zu.
„Und riechst du es jetzt?“, fragte sie.
„Ich weiß nicht, was du meinst.“
„Das Parfüm.“
„Welches Parfüm?“
„Die ganze Wohnung stinkt danach!“
„Tut mir leid. Ich rieche nichts.“
„Kannst du nicht mal im Schlafzimmer nachsehen? Da ist es mir ausgelaufen.“
Bevor sie ihn weiter nervte, tat er lieber, was sie von ihm verlangte. Aber auch im Schlafzimmer roch es nicht nach Parfüm. Im Gegenteil: Irgendein frischer Duft wäre dringend vonnöten gewesen, um den strengen Mief von Mottenkugeln zu vertreiben.
„Wo denn?“
„Da“, sagte sie und deutete auf ihren Schminktisch.
Er beugte sich ganz nah hinunter zur Ablagefläche, konnte jedoch rein gar nichts feststellen.
„Mama, hier ist nichts ausgelaufen.“
„Auf dem Tisch hab ich’s mit deinem Vater mal so richtig krachen lassen“, sagte sie trocken.
Unvermittelt machte Robin einen Schritt rückwärts und verzog das Gesicht: „Das will ich gar nicht wissen, Mama!“
„Damals, als er nicht gesoffen und noch einen hochgekriegt hat.“
Während er noch darüber sinnierte, warum sich seine Mutter derart intensiv mit einem nicht existenten Parfümgeruch beschäftigte, watschelte sie in die Küche zurück und füllte das Essen auf zwei Teller.
Die Rouladen waren erwartungsgemäß köstlich und ihr Geschmack verscheuchte die düstere Vorahnung, sie könne an Alzheimer leiden. Gedächtnisschwund war im Alter etwas ganz Normales. Da durfte man sich nicht wundern, wenn das ein oder andere Malheur im Alltag passierte. Wenn er in seine eigene Vergesslichkeit soviel hineininterpretieren würde, müsste er demnach schon ein 100jähriger Greis sein.
Mit einem etwas besseren Gewissen und vollem Magen verabschiedete er sich gegen ein Uhr von Magdalene.
„Falls du Hilfe brauchst, kannst du mich jeder Zeit anrufen.“ Das tat sie ja sowieso am laufenden Band.
„Du könntest mich zum Friedhof fahren. Und am besten lässt du mich gleich da.“
„Rede nicht so.“
„Ich weiß, dass ich für dich eine Belastung bin. Wen juckt es denn noch, ob ich lebe oder nicht?“
Seit Wochen registrierte Robin mit wachsender Bestürzung, dass sich die latente Verbitterung Magdalenes zunehmend in tiefen Kummer wandelte.
„Ruf mich an“, sagte er und ging.
8. DEZEMBER 2008
Den späten Nachmittag verbrachte er mit Kilian, der sich momentan ein paar Tage Resturlaub gönnte. Ansonsten hatte er immer erst abends Zeit, denn sein Job in der Werbeagentur nahm ihn sehr in Anspruch. Den nächsten Urlaub wollten sie gemeinsam verbringen und irgendwohin in die Sonne fliegen. Wenn alles glatt lief schon im März oder April.
Im Supermarkt beim Einkaufen diskutierten sie leidenschaftlich über ein mögliches Reiseziel.
„Mykonos?“, fragte Robin. „Soll eine sehr schöne Insel sein, wie ich im Internet gelesen hab. Ein paar schnuckelige Griechenjungs aufreißen ...“ Er grinste breit.
„Du elender Lustmolch“, feixte Kilian, der sich nicht entscheiden konnte, welche Käsesorte er in den Einkaufskorb packen sollte. „Du stehst doch nur auf nordische Typen.“
„Nicht nur, sonst wäre ich ja wohl kaum mit dir zusammen.“
„Edamer oder Gouda?“
„Gouda. Den Diät.“
Kilian griff das gewünschte Paket aus dem Tiefkühlregal. „Wie wär’s mit Indonesien oder der Dominikanischen Republik?“
„Klingt auch nicht schlecht.“
„Joghurt?“
„Den mit 1,5 Prozent Fett, bitte.“
Vier Becher räumte Kilian in den Korb.
„Eigentlich“, meinte Robin, „brauche ich nur ein paar exotische Orte, an denen ich’s mit dir treiben kann.“
„Die sollten sich finden lassen. Aufschnitt?“
„Nimm Pute. Fettarm.“
„Hast du’s schon mal im Schnee gemacht?“
„Mit dir noch nicht.“
„Ist das kalt?“
Robin grinste: „Am Anfang schon.“
Sie wanderten an den Regalen vorbei.
„Ich weiß nicht, ob ich in so einer Kälte ’ne Latte kriege.“
„Können wir gern mal ausprobieren“, erwiderte Robin. „Antipasti?“
„Meinetwegen.“
„Wir müssen uns nicht nackt im Schnee wälzen. Es reicht, wenn die wichtigsten Körperteile frei liegen.“
Ein altes Mütterchen im Pelzmantel, das die Unterhaltung der beiden Männer unfreiwillig belauscht hatte, schüttelte empört den Kopf und zog zwischen den Regalen voller Konserven von dannen.
„Vertraust du eigentlich noch den Angaben auf den Packungen, nachdem du solche schlechten Erfahrungen mit Lebensmitteln gemacht hast?“ Eine Andeutung auf die Vorkommnisse im Sommer.
„Nein“, antwortete Robin. „Aber ich mag es, zu hoffen.“
An der Kasse verfrachtete er die Lebensmittel auf das Fließband, zahlte den geforderten Betrag und ermahnte nebenbei Kilian, der die Sachen vom Band in den Korb zurück lud: „Man legt die schweren Sachen nicht auf die leichten ...“
„Dann sollte man sie auch von Anfang an entsprechend auf das Band legen“, konterte Kilian vorwurfsvoll, lächelte danach aber sofort. Sie wussten beide, dass sie wie ein altes Ehepaar klangen, aber sie wussten nicht, ob ihnen das peinlich sein musste.
Zu Hause kochten sie gemeinsam. Kilian briet Hähnchenfleisch und bereitete Sahnesauce mit Champignons und Lauch zu. Robin hingegen wusch und schnippelte Gemüse für den griechischen Bauernsalat. Da er aber von akuter Unlust überfallen wurde, ging er hin und wieder zum Fernseher und klickte sich durch die Kanäle.
„Schalt die Kiste doch mal aus“, moserte Kilian, der gerade die Auflaufform in den Ofen schob. Anschließend gesellte er sich zu Robin, der mit der Fernbedienung mitten im Raum stand und gebannt auf den Bildschirm blickte. Robin kniff die Augen zusammen und blinzelte: „Was steht da?“
„Ich glaube, du brauchst dringend ’ne Brille“, sagte Kilian.
„Quatsch.“
„Die Tage schleif’ ich dich zum Optiker.“
„Ich brauche keine Brille.“
„Was hast du gegen eine Brille?“
„Nichts. Aber ich brauche keine. Ich hab Augen wie ein Luchs.“
„Du meinst wohl wie ein Lurch.“
„Was steht denn nun da?“
„Du Blindfisch“, frotzelte Kilian und las ihm die Zeilen vom Bildschirm vor.
Robin schaltete das Gerät aus.
„Was machen wir noch mit dem angebrochenen Abend?“, fragte Kilian, der zur Küchenzeile ging. „Studio?“
„So fantasielos?“, antwortete Robin und folgte ihm.
Kilian bückte sich gerade, um das Essen im Ofen zu inspizieren und Robin schmiegte sich an seinen Po und rieb daran.
„Nicht vor dem Essen“, nörgelte Kilian künstlich, richtete sich auf und presste seinen Rücken gegen Robins Brust. Er wandte den Kopf über die Schulter zurück, damit er ihm einen liebevollen Zungenkuss geben konnte. Im selben Moment krochen Robins Hände schon an seinem Hosenbund entlang, arbeiteten sich bis zur Gürtelschnalle vor und öffneten sie.
Es klingelte an der Tür.
„Mist“, entfuhr es Robin. „Das kann nur Peyman sein!“
„Wollte er noch vorbeikommen?“
„Keine Ahnung, aber er schneit immer dann rein, wenn ich ’nen Quickie mit dir machen will ...“
„Dann mach einfach nicht auf ...“
„So einer bin ich nicht.“
Tatsächlich war es Peyman, der die beiden in ihrer trauten Zweisamkeit störte.
„Ich störe euch doch hoffentlich nicht bei irgendetwas?“, fragte er, als Robin ihm die Tür öffnete und sie sich mit einem Kuss links und rechts auf die Wange begrüßten.
„Nein, wir können gern einen Dreier machen.“
„Hört auf, mich anzubaggern.“
„Tu ich nicht“, warf Kilian ein und deutete auf Robin. „Er!“
„Was verschafft uns die Ehre?“
Peyman biss mit den Zähnen in den Kragen seiner Winterjacke und öffnete mit einer Hand den Reißverschluss, da er es nicht für nötig hielt, die andere zur Hilfe aus der Tasche zu ziehen. „Ach“, seufzte er und seine Stimme klang aufgrund des Schiebergriffs zwischen den Zähnen eigenartig verzerrt, „mit Nadine ist Schluss und ich musste mir noch mal die Beine vertreten.“
„Nach zwei Monaten wird’s auch dringend Zeit für was Neues“, sagte Kilian sarkastisch.
„Sie war nicht die Richtige. Jeden Abend diese Kontrollanrufe ... Und dann noch ihre stockkonservativen Eltern, die geglaubt haben, ich würde sie zu einer Haussklavin machen, sobald wir heiraten. Dabei hab’ ich nie von heiraten geredet.“ Er machte eine abfällige Handbewegung. „Püh, nach acht Wochen heiraten! Ticken die alle noch ganz richtig? Am besten mitten in der Ausbildung!“
Peyman Oktay Aksogan, der es gar nicht mochte, wenn man ihn mit seinem zweiten Vornamen anredete, steckte in seiner berufspraktischen Ausbildung zum Lebensmittelchemiker, die er in einem Betrieb der Nahrungsmittelindustrie absolvierte. Begonnen hatte er sie im Labor von FFC, doch nach dem plötzlichen Verschwinden des Unternehmens aus der Stadt musste er die Lehrstelle wechseln. FFC hatte sie ihm als Ausweichmöglichkeit besorgt, damit er die staatliche Anerkennung erlangen konnte. Nach der Ausbildung wollte er seine Fähigkeiten durch ein Masterstudium ausbauen. Zumindest sprach er in letzter Zeit häufiger davon.
„Setz dich erstmal hin und trink was“, sagte Robin. „Ich hab’ noch den Rest Raki von neulich da ...“
„Danke, aber bloß keinen Schnaps!“
Peyman schmiss seine Jacke auf die Couch und sich hinterher. Er trug einen lila Kapuzenpullover mit der weißen Aufschrift Milk. Das Pärchen musterte das Spiel seiner wohl proportionierten Muskulatur, als er die Beine übereinanderschlug und sich der Jeansstoff um die Oberschenkel straffte. Wie immer war er auch heute perfekt gestylt. Kilian vermutete, dass der eitle Pfau im Winter seiner Naturbräune mit einigen Solariumbesuchen auf die Sprünge half, aber das stritt er ab. Allem in allem eine zuckersüße Versuchung, der es stets auf Neue zu widerstehen galt.
„Meine Eltern liegen mir ständig in den Ohren, dass ich endlich heiraten soll.“
„Du bist ja auch schon längst überfällig“, grinste Robin und brachte ihm ein Glas Apfelschorle.
„Ach, von wegen. Ich steh’ ja nicht mal auf Schwarzhaarige. Und sobald ich mir dann ein Exemplar in meiner Heimat ausgewählt und geheiratet hab, werde ich jeden Tag so gut bekocht, dass es mir am Ende die ganze Figur versaut. Aber ich bin gar nicht gekommen, um euch mein Seelenpein mitzuteilen. Eigentlich wollte ich fragen, ob wir was an deinem Geburtstag unternehmen?“
Kilian lachte. „Ich hätte zumindest schon eine Geschenkidee: eine Brille.“
„Echt, Foxi? Du brauchst ’ne Brille?“, fragte Peyman, am Glas nippend.
Robin atmete entnervt aus: „Wir sollten diese Information im Internet veröffentlichen.“
Prinzipiell hatte Robin nichts gegen Geburtstage, auch wenn sie für ihn ein Synonym des Älterwerdens darstellten und der 11. Dezember kein Tag war, den er im Kalender rot markierte, aber er mochte es überhaupt nicht, im Mittelpunkt einer Gesellschaft zu stehen.
„Ich werd euch sagen, was wir machen: Wir gehen am Donnerstag ins Voyager und ich geb ein paar Runden aus. Am Wochenende klappt’s nicht. Da hab’ ich Bereitschaftsdienst.“
„Warst du schon beim Sehtest?“, bohrte Peyman weiter.
Robin ahnte, dass Kilian ihm einen Floh ins Ohr gesetzt hatte. Es gab nur eine Möglichkeit, das zu unterbinden. „Sag mal Oktay, wo hast du eigentlich deine Brille gelassen?“
Peyman selbst zierte sich nämlich, eine Brille zu tragen. Man sah ihn höchstens beim Autofahren oder im Kino damit.
„Okay“, antwortete er ablenkend. „Dann gehen wir also übermorgen feiern.“
8. DEZEMBER 2008
Marius schaute betrübt von seinem Krankenbett aus durch das Fenster. Sechs Uhr - und draußen war es stockdunkel. Nur in der Ferne schimmerten die Lichter der Universität.
Er mochte die sterile Atmosphäre des Zimmers nicht, auch wenn man es mit farbenfrohen Kopien von Hundertwasser und weihnachtlicher Dekoration etwas gemütlicher zu machen versuchte.
Ihm ging vieles durch den Kopf und es passte ihm gar nicht in den Kram, dass er nun die Ruhe hatte, darüber nachzudenken.
