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Das MANICAMP 2017 war die erste Veranstaltung zum Harmonia Manifest: Ein lebendiger und vielfältiger Austausch und Einstieg in die Welt des harmonischen Handelns mit Menschen aus den unterschiedlichsten Lebensbereichen und Berufen. Im Rahmen des selbstorganisierten Barcamp-Formats brachten die Teilnehmer ihre eigenen Anliegen und Fragen zum stimmigen Handeln ein. Beeindruckend, welche Bandbreite an Themen dabei in der Kürze der Zeit eine teilweise tiefe Bearbeitung erfuhren. Hierzu gehörten Themen wie: - Was hindert mich, stimmig zu handeln? - Wie komme ich vom schlüssigen zum stimmigen Handeln? - Stimmiger Diskurs in der Wissenschaft - Stimmigkeit in öffentlichen Institutionen - Harmonie als kulturelles Konzept - Stimmigkeit und Kunst Das vorliegende Buch dokumentiert neben der Arbeit aller Anliegengruppen auch den Impulsvortrag von Martin Böckstiegel, die Anleitung zum Barcamp von Elke Böckstiegel sowie die gemeinsamen Learnings beider Initiatoren.
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Seitenzahl: 150
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Das MANICAMP 2017 war die erste Veranstaltung zum Harmonia Manifest: Ein lebendiger und vielfältiger Austausch und Einstieg in die Welt des stimmigen Handelns mit Menschen aus den unterschiedlichsten Lebensbereichen und Berufen. Im Rahmen des selbstorganisierten BarCamp-Formats brachten die Teilnehmer ihre eigenen Anliegen und Fragen zum stimmigen Handeln ein. Beeindruckend, welche Bandbreite an Themen dabei in der Kürze der Zeit eine teilweise tiefe Bearbeitung erfuhren.
Das vorliegende Buch dokumentiert neben der Arbeit aller Anliegengruppen auch den Impulsvortrag von Martin Böckstiegel, die Anleitung zum Bar-Camp von Elke Böckstiegel sowie die gemeinsamen Learnings beider Initiatoren.
Dr. Martin Böckstiegel und Dr. Elke Böckstiegel sind Autoren des 2016 veröffentlichten Harmonia Manifests. Gemeinsam sind sie Pioniere der stimmigen Handlungs- und Organisationslogik in Theorie und Praxis. In ihrer täglichen Arbeit unterstützen sie Individuen und Organisationen, auf dieser Grundlage eine dynamische Sicherheit in einer Welt zunehmender Unvorhersehbarkeit und Komplexität zu gewinnen.
Mit dem Manifest und dem MANICAMP stellen sie dieses Konzept der Allgemeinheit zur Verfügung. Ihre Initiative will einen Impuls setzen für die Verbesserung des sozialen Miteinander aus der Haltung einer Freiheit in Verbundenheit, auch als Grundlage einer freien und verbundenen Gesellschafts- und Staatsordnung.
Vorwort der Herausgeber
*
Teil 1: Eröffnung des MANICAMPs 2017: Impulsvortrag
von Martin Böckstiegel
Teil 2: Eröffnung des BarCamps
von Elke Böckstiegel
Teil 3: Dokumentation der Arbeit in 12 Anliegengruppen
AG: Was hindert mich stimmig zu handeln?
AG: Angst vor Stimmigkeit?
AG: Von schlüssig zu stimmig
AG: Stimmigkeit in der Bildung
AG: Stimmiger Diskurs in der Wissenschaft
AG: Stimmige Kommunikation in Politik und Gesellschaft
AG: Gesundheitswende durch Stimmigkeit
AG: Stimmigkeit in öffentlichen Institutionen
AG: Stimmige Bürgerbeteiligung
AG: Harmonie als kulturelles Konzept
AG: Das Manifest als Werk
AG: Stimmigkeit und Kunst
Teil 4: Learnings der Herausgeber:
Was wir durch das MANICAMP 2017 gelernt haben
Anhang:
Text des Harmonia Manifests
Über die Herausgeber
* Wegen der besseren Lesbarkeit geben wir nur die männliche Bezeichnung von Personen an, adressieren aber selbstverständlich alle Personen jedweden Geschlechtes.
Diese Dokumentation beruht auf der Mitwirkung vieler, denen wir für ihre Beiträge von Herzen danken. Besonders nennen möchten wir:
• alle Teilnehmer am MANICAMP 2017, die mit ihren substanzreichen, engagierten, oft auch sehr persönlichen Beiträgen der Veranstaltung die große Tiefe und Breite verschafft haben, über die wir so glücklich sind; die es uns außerdem gestattet haben, die Audiomitschnitte der Anliegengruppen, die ursprünglich nur für unseren eigenen Rückblick gedacht waren, für diese Publikation auszuwerten,
• alle Anliegeneinbringer, die mit ihren Impulsen die Themen gesetzt, die Anliegengruppen angeregt und das Kaleidoskop des Gedankenaustauschs in Gang gebracht haben,
• alle Autoren der Abstracts zu den Anliegengruppen, die das Erarbeitete nicht nur höchst individuell zusammengefasst haben, sondern uns auch noch teilhaben lassen, welchen Gewinn sie aus der Arbeit der Gruppen für sich und ihre Anliegen mitgenommen haben,
• das Team des exploratorium berlin, das uns ihre wunderbaren Räume zur Verfügung gestellt hat, und Herrn Helmut Bieler-Wendt, der uns den Kontakt dorthin gemacht hat,
• Frau Clara Steinkellner, die den Service bei der Veranstaltung im Griff gehabt, uns auch sonst unermüdlich organisatorisch den Rücken freigehalten und danach bei der Publikation unterstützt hat,
• Herrn Christoph Poerksen, der den Abschnitt über die Arbeit der Anliegengruppen gründlich Korrektur gelesen und uns wertvolle Anregungen zur Verbesserung des Textes gegeben hat,
• schließlich unsere Kinder Valentin, Fabian und Carla, die jede/r auf ganz eigene Art zu der Veranstaltung beigetragen haben, und dadurch nicht nur uns, sondern auch vielen Teilnehmern große Freude bereitet haben.
Ohne alle diese Beiträge wäre das MANICAMP 2017 nicht so stark und rund geworden, wie wir es erleben durften, und die Dokumentation nur ein Schatten ihrer jetzigen Form. Sämtliche Fehler und Unzulänglichkeiten gehen selbstverständlich auf unsere Kappe.
„Nichts ist praktischer als eine gute Theorie.“ Dieses berühmte Diktum des Psychologen Kurt Lewin könnte als Leitspruch für unser Wagnis gelten, ein Harmonia Manifest zu formulieren. Und das, obwohl der darin formulierte Denkansatz der stimmigen Logik den strengen wissenschaftlichen Anforderungen an eine Theorie bisher nicht Genüge tut. Aber er bewirkt etwas ganz Ähnliches. Ein Teilnehmer des MANICAMPs 2017 hat es so ausgedrückt: „Das Manifest ist ein theoretisches Fundament für etwas höchst Praktisches.“
Das Harmonia Manifest als theoretische Grundlage für stimmiges Handeln
Wir haben im Harmonia Manifest die stimmige Handlungslogik beschrieben, weil wir der Überzeugung sind, dass diese Logik ein ganz wesentlicher Beitrag dazu ist, wie wir mit den heutigen Herausforderungen besser umgehen können. Es ist mittlerweile Gemeingut, dass die bisher üblichen schlüssigen Handlungs- und Systemlogiken, insbesondere Macht- und Kollektiv-Logiken, nicht mehr ausreichen. Es braucht andere Ansätze, um mit den tiefgreifenden Veränderungen besser umzugehen, die durch den weltweiten technischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel hervorgerufen werden. Der Ruf nach neuen Ansätzen ist deshalb allgegenwärtig.
Erfreulicherweise gibt es schon einige Ideen, die in eine ähnliche Richtung streben, Konzepte, die nicht blindlings in einer einseitigen Logik laufen wollen, sondern den Blick auf das Ganze und in die Tiefe verbinden wollen mit der Ausrichtung auf praktisches Handeln. So sind im organisatorischen Bereich neben der systemischen Denkweise in jüngerer Zeit vor allem die agilen und integralen Ansätze hervorzuheben, etwa Scrum, Design Thinking oder die Theory U. Im gesellschaftlichen Kontext erleben Elemente vorhandener Konzepte, etwa des Genossenschaftswesens oder der christlichen Soziallehre eine Renaissance. Und es werden neue Ansätze ausprobiert, etwa „social entrepreneurship“ oder neue Verfahren der Bürgerpartizipation, aber auch Ideen fernöstlicher Provenienz.
Warum glauben wir, dass es darüber hinaus der stimmigen Logik bedarf? Weil die sich aus dem Naturprinzip der Harmonie ergebende stimmige Logik auf einen, wenn nicht den archimedischen Punkt zurückführt, von dem aus unser Handeln einen anderen Pfad nehmen kann als im Rahmen der üblichen Handlungslogiken (siehe auch Learning 3). Und dies sogar, ohne mit letzteren brechen zu müssen. Sie führt uns dahin, sowohl die Ganzheit unseres Handlungsfeldes auf dem Schirm zu haben, als auch fokussiert in produktives Handeln zu kommen. So können wir auch in nicht vorhersehbaren Zusammenhängen jederzeit dynamisch stabil und damit subjektiv sicher handeln (siehe Learning 2).
Die stimmige Logik ist in der Lage, die bisherigen Handlungslogiken und die neueren Handlungsansätze zu integrieren. Sie bildet die Klammer um alles, indem sie an einen tieferen Punkt führt, von dem aus stimmig beantwortbar wird, mit welcher Logik und mit welchen Werkzeugen der Handelnde in der konkreten Situation vorgehen möchte.
Das MANICAMP 2017: Eine Auseinandersetzung mit dem Harmonia Manifest
Das MANICAMP 2017 war ein weiterer Impuls, sich mit den theoretischen und praktischen Grundlagen der stimmigen Logik auseinanderzusetzen, sich daran zu reiben und zu schärfen.
30 Teilnehmer aus den unterschiedlichsten Bereichen von Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung, Kunst und Kultur, jung und alt, mit den vielfältigsten Erfahrungen im Hintergrund, haben sich knapp 6 Stunden in der Form eines interaktiven BarCamps (siehe auch Teil 2: Eröffnung des BarCamps) intensiv mit dem Ansatz des stimmigen Handelns auseinandergesetzt. Wie facettenreich die Auseinandersetzung war, zeigt sich an den behandelten Themen, die in Teil 3 dokumentiert sind und sich – obwohl völlig ungeplant – in drei Themenblöcke gliedern lassen:
Themenblock 1 „Persönliche Hindernisse und Ressourcen, um stimmig zu handeln“: Diese Frage durchzog die gesamte Veranstaltung und war explizites Thema von drei Anliegengruppen: AG „Was hindert mich?“, AG „Angst vor Stimmigkeit?“, AG „Von schlüssig zu stimmig“.
Themenblock 2 „Wie kann in Organisationen (Unternehmen, Schulen, Krankenhäusern) und in großen Systemen (Gesundheits-, Wissenschafts- und Staatssystem) stimmiger gehandelt werden?“: Mit diesem Fragenkomplex haben sich folgende fünf Anliegengruppen beschäftigt: AG „Stimmigkeit in der Bildung“, AG „Stimmiger Diskurs in der Wissenschaft“, AG „Stimmige Kommunikation in Politik und Gesellschaft“, AG „Gesundheitswende durch Stimmigkeit?, AG „Stimmigkeit in öffentlichen Institutionen?“, AG „Stimmige Bürgerbeteiligung“.
Themenblock 3 „Die kulturelle Dimension des Konzepts“: Mit dieser Dimension, vor allem den Fragen, wo überall auf der Welt wurde und wird Harmonie als kulturelles Konzept schon gelebt und was können Kunst und Künstler uns im eigenen Umgang mit Stimmigkeit lehren, beschäftigten sich drei Anliegengruppen: AG „Harmonie als kulturelles Konzept“, AG „Das Manifest als Werk“ und AG „Stimmigkeit und Kunst“.
Die vorliegende Dokumentation
Diese Dokumentation ist entstanden auf vielfachen Wunsch der Teilnehmer und jener, die aus verschiedensten Gründen beim MANICAMP 2017 nicht dabei sein konnten, und war ursprünglich als eine unaufwändige Zusammenstellung der Inhalte gedacht.
Mit etwas Abstand und dem Hören aller Audiomitschnitte der Anliegengruppen wurde uns klar, dass wir das wertvolle Material der interessierten Öffentlichkeit zugänglich machen möchten. Außerdem bietet diese Dokumentation die Möglichkeit, sich neben dem Zugang über das Harmonia Manifest selbst auf eine andere Art und Weise mit stimmigem Handeln auseinanderzusetzen. In Teil 4 haben wir unsere eigenen Learnings aus den Resonanzen auf das Manifest zusammengefasst. Und vielleicht hilft es gerade denjenigen, die das Manifest als Text durchaus als harte Kost empfunden haben, einen anderen Zugang zu finden.
Mit der Publikationsreihe „HarmoniaLogic Publishing“ wollen wir ohne Anspruch auf Regelmäßigkeit und Vollständigkeit weitere Impulse dieser Art folgen lassen.
So ist das MANICAMP 2017 für uns der Beginn von auf Gemeinnützigkeit ausgerichteten Aktivitäten, dem hoffentlich viele weitere Impulse folgen werden. In diesem Sinne freuen wir uns schon auf das MANICAMP 2018 am 13. Oktober in Berlin.
Berlin, Frühjahr 2018
Martin Böckstiegel Elke Böckstiegel
Kontakt: Dr. Martin Böckstiegel, Dr. Elke Böckstiegel, Leydenallee 39, 12167 Berlin, [email protected]
Ich möchte Sie alle herzlich willkommen heißen. Es ist großartig, dass Sie gekommen sind, um mit uns ein klein wenig das Manifest zu feiern und inhaltlich einzusteigen, um zu sehen, was so alles dahintersteht.
Wir haben uns ja schon Mühe gegeben, das Manifest in Form dieser großen Plane in den Raum zu holen, dennoch möchte ich kurz ein paar Punkte herausgreifen und daran erklären, um was es uns mit dem Manifest geht.
Einer unserer wohlwollenden Unterstützer hat den heutigen Zustand unserer Welt in einem Satz zusammengefasst: „Wir und unsere Systeme sind so fragmentiert“. Diese Fragmentierung war für uns ein wesentlicher Beweggrund, das Manifest zu schreiben. Denn es ist ja tatsächlich so, dass wir ganz häufig nur mit einem ganz kleinen Teil unserer Person betrachtet werden: Für den Fiskus sind wir der Steuerzahler, für den Arbeitgeber der Arbeitnehmer, für die Politik, wenn es gut kommt, der Wähler, wenn es schlecht kommt, das Stimmvieh. So haben wir viele Teile und die Systeme sehen uns immer nur in diesen einzelnen kleinen Teilen.
Dieses Phänomen ist bereits 1964 von jemanden beschrieben worden, der uns in unserem Leben eine ganze Zeit lang begleitet hat. Es ist der Verfassungsrechtler und Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde, bei dem wir das Glück hatten, studieren zu dürfen. Er hat dieses Phänomen schon damals in einem Aufsatz beschrieben, den er mit der Frage beendete: „Kann der Mensch so leben?“
Was wir mit der Fragmentierung meinen, ist nicht dasselbe wie unsere sozialen Rollen, die wir selbstverständlich einnehmen, z.B. als Vater, Ehemann, Nachbar oder Freund. Denn in diesen Rollen bleiben wir als ganze Person bestehen; wir stellen darin lediglich einen bestimmten Aspekt von uns in den Vordergrund, während die anderen Ausdrucksformen unserer Selbst eher in den Hintergrund treten. So bleiben wir ein Ganzes und werden nicht geteilt.
Im Gegensatz dazu betrachten uns die Systeme immer nur in dem für sie relevanten Ausschnitt, in dem Ausschnitt, auf den ihre Systemlogik gerichtet ist. Wir haben festgestellt, dass in diesem „nur in Teilen wahrgenommen werden“ einer der Punkte liegt, unter dem viele Menschen leiden. Hieraus entsteht die Sehnsucht, als Ganzes wahrgenommen, leben und wirken zu können. Und wir meinen zu Recht. Die Frage ist natürlich: Wie geht das?
Wir haben im Manifest beschrieben, dass die Einseitigkeit, die aus der schlüssigen Denkweise kommt und in der eben auch die Systeme funktionieren, nämlich dass das eine aus dem anderen folgt und nur dieser Blickwinkel wahrgenommen wird, dazu führt, dass solche Fragmentierungen entstehen. Dem haben wir das Wirkungsprinzip der Harmonie entgegengesetzt, also der Versuch, die Dinge wieder als Ganzes zusammen zu sehen. Wir verstehen hier Harmonie nicht als „Harmoniesoße“, mit der alles gleich gemacht wird. Sondern im Gegenteil: In Harmonie bleiben die Dinge unterschiedlich und klingen im unterschiedlich Sein zusammen. Es ist also die Zusammenschau von Dingen, die unterschiedlich bleiben dürfen, aber trotzdem miteinander verbunden sind.
Mit dem Wirkungsprinzip der Harmonie beschreiben wir nicht einen besonderen Inhalt, sondern ein Verfahren, wie man miteinander handeln und umgehen kann, um z.B. möglichst zu WIN-WIN-Lösungen zu kommen. D.h. wir geben in keiner Weise einen inhaltlichen Standpunkt vor, sondern eigentlich nur, dass es schön wäre, auf diese Art miteinander umzugehen. Denn dann sehen wir größere Chancen, dass es auf eine gute Art ein Miteinander gibt. Welchen Inhalt das dann hat, ist den Beteiligten überlassen. Und wir sind überzeugt, dass dieses harmonisch-stimmige Vorgehen die einzelnen Beteiligten in ihrer Selbstwirksamkeit stärkt und dadurch in eine Aufwärtsspirale in Gang kommen kann. Im Gegensatz dazu kostet die Fragmentierung uns sehr viel Energie und führt uns tendenziell in eine Abwärtsspirale mit all den bekannten Symptomen wie z.B. psychischen Erkrankungen.
Darüber hinaus setzt das harmonisch stimmige Arbeiten auch noch etwas anderes frei: viel Kreativität und schöpferische Kraft. Weil Dinge wieder zusammen sein dürfen, die sonst getrennt sind. Woran man das sieht? Es entstehen mit dieser Vorgehensweise sehr schnell WIN-WIN-Lösungen, die mit der schlüssigen Vorgehensweise äußerst schwer zu erreichen sind. Das ist erst einmal ungewohnt, weil wir das in weiten Bereichen unseres Lebens nicht praktizieren können, so etwa im öffentlichen oder professionellen Bereichen, weil es hier heißt, dass sei unprofessionell. Wir erleben es in vielen Zusammenhängen: Sofort hüpfen wir auf fertige Lösungsrezepte und erhoffen uns von ihnen, dass sie die Probleme lösen. Wenn wir aber alle auf fertige Rezepte hüpfen und damit selbstverständlich auch auf gegensätzliche, dann passiert das, womit alles so voll ist: Debatten darüber, wer Recht hat, gefolgt von machtpolitischem Kampf. Zurück bleiben Gewinner und Verlierer (WINLOOSE) und ein Rezept, dass sich irgendwie per Macht durchgesetzt hat.
Was das bedeutet, wird uns allmählich schmerzhaft bewusst und zwar auf allen Ebenen:
Auf der individuellen Ebene fühlen sich immer mehr Menschen überfordert, ohnmächtig, was am Ende zu hohen gesundheitlichen Belastungen führt; die Medien sind voll der erschreckenden Statistiken zu nicht nur körperlichen, sondern auch zunehmenden psychischen Erkrankungen.
Auf der Ebene der Organisationen und damit vor allem im Arbeitsleben fühlen sich viele Menschen als Verlierer oder als potentielle Verlierer, z.B. weil sie nicht mehr gebraucht werden, weil sie mit den Entwicklungen nicht mitkommen, weil sie sich als reines Objekt einer Arbeitslogik erleben und die Arbeit sinnentleert ist. Dabei kämpfen Organisationen ihrerseits mit enormen Dysfunktionalitäten aufgrund ihrer engen Systemlogiken. Oft arbeiten die Teile einer Organisation mehr gegeneinander als miteinander, weil sie völlig schlüssig in ihren Teil-Logiken funktionieren, aber den Blick für das Ganze verloren haben.
Auch auf der gesellschaftlichen Ebene produziert die Einseitigkeit unserer mächtigen Systeme immer mehr Verlierer, teilweise objektiv z.B. durch die zunehmende Ungleichheit, besonders aber subjektiv mit dem Gefühl, für die irrwitzigen Herausforderungen der Welt nicht gerüstet zu sein. Das können auch die Korrektursysteme unseres Kapitalismus, etwa Sozial- und Gesundheitssysteme oder der Umweltschutz nicht mehr auffangen, weil damit keine Selbstwirksamkeit einhergeht, sondern bestenfalls Versorgung, Lebenserhalt. Und die Verlierer reagieren: Mit Bomben, Wahlen, brennenden Flüchtlingsheimen, Wutveranstaltungen. Und auch hier sind wie bei den Organisationen die Dysfunktionalitäten der bestehenden Systeme eklatant. Bloß, auch hier fällt uns als Gesellschaft bisher nicht viel Besseres ein.
Die Systeme, die wir entwickelt haben, scheinen nicht auszureichen, um das aufzufangen. Weil wir z.B. auf der einen Seite ein kapitalistisches System haben, das sehr einseitig effizient getrieben ist, haben wir auf der anderen Seite Sozialsysteme entwickelt, die in einem zweiten Schritt die Effekte wieder auffangen müssen. Allerdings scheint das nicht mehr so richtig gut zu funktionieren. Und unser Vorschlag mit dem harmonischen Weg ist, aus diesem Zwei-Schritt einen Ein-Schritt zu machen. Also in jedem Schritt möglichst zu schauen, dass wir gar nicht erst in diese Einseitigkeit kommen, sondern bereits Lösungen zu finden, die die unterschiedlichen Perspektiven mit einbeziehen.
Das im Manifest beschriebene stimmige Handeln setzt deshalb nicht beim Inhalt und der Rechthaberei an, sondern bei einem Verfahren, das hilft, Lösungen zu finden, die möglichst keine Verlierer produzieren. Ein Verfahren, das dazu führen kann, dass wir gesund, ohne Exzesse, mit dem Blick aufs Gemeinwohl und in Freiheit und Frieden als ganze Menschen leben können (Thesen 9 - 12). Damit ist es zunächst einmal ein grundliberaler Ansatz, also ein Ansatz, der auf die Freiheit des Einzelnen setzt, aber nicht egoistisch oder isoliert, sondern in Verbundenheit mit seinem Kontext, den es auf Augenhöhe zu berücksichtigen gilt. Wir haben das mal vorläufig „co-liberal“ oder „colliberal“ genannt.
Der Umstand, dass das Manifest ein Verfahren, keine normative Ethik beschreibt, ist uns übrigens auch immer wieder als Kritik entgegengehalten worden. Viele Menschen vermissen darin absolute Werte als Orientierungen, denen man „nur“ folgen muss. Dabei liegt Problem nach unserer Wahrnehmung gerade im „nur“ und im „absolut“, das funktioniert nämlich seit Jahrtausenden eher schlecht als recht, weil wir alle davon offenbar ziemlich überfordert sind. Genau da setzt das stimmige Modell des Manifests an: Darin fehlen nämlich die orientierenden Faktoren nicht etwa, sie sind insbesondere mit dem Ideal und dem Fundament im Handlungsfeld explizit und stark vertreten. Aber nicht als „absolute“ Werte, sondern als relative Faktoren, die wir berücksichtigen, so gut wir es eben vermögen, ohne dadurch zu scheitern, zu verlieren oder gar zu sündigen.
M.a.W. beim stimmigem Handeln sind alle Faktoren im Feld Ressourcen, die man nutzt, keine Ziele, die man verfehlt. Stimmiges Handeln denkt in einer (und wenn auch noch so bescheidenen) Fülle und führt zu mehr Fülle, macht uns also alle subjektiv zu Gewinnern. Statt zu Verlierern oder Gescheiterten an den Ansprüchen absoluter Werte und Ideale. Darin liegt ein guter Teil der befreienden Kraft stimmigen Vorgehens.
Es ist keine praktische Anleitung! Es wird jeder beim Lesen gemerkt haben, dass es notwendigerweise ein wenig abstrakt und allgemein gehalten ist. Wie stimmiges Handeln praktisch aussehen kann, möchte ich später an kleinen Beispielen zeigen.
