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Nach vielen erfolgreichen Sachbüchern, legt die Ärztin Dr. Verena Breitenbach ihren ersten Roman vor. Darin beschreibt sie eine romantisch-ironische Liebesgeschichte. Im Mittelpunkt der Geschichte steht die achtundzwanzigjährige Clara, Redakteurin eines Lifestyle-Magazins. Trotz beruflichem Erfolg sehnt sich Clara nach einer glücklichen, innigen und romantischen Beziehung, findet aber nicht das schlussendliche, private Glück. Die Männer, die sie anziehen, sind zweifellos attraktiv, charmant und erfolgreich, aber nicht gerade bindungswillig und monogam. So bleibt Clara die Hoffnung, dass irgendwann Mr Right auftauchen wird. Solche Dinge geschehen meistens, wenn frau es nicht erwartet.
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Seitenzahl: 210
Veröffentlichungsjahr: 2013
Titelseite
Impressum
I
II
III
IV
Vita
Verena Breitenbach
Engelsdorfer Verlag 2008
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Copyright (2008) Engelsdorfer Verlag
Alle Rechte bei der Autorin
Coverfoto © Yuri Arcurs - Fotolia
www.engelsdorfer-verlag.de
eISBN: 978-3-86901-051-9
Es war als hätt’ der Himmel die Erde still geküsst
(Eichendorff)
Oder
Manchmal ist die Liebe ein seltsames Spiel
Heute wird es passieren. Darüber war sich Carla klar, als sie die Augen öffnete. Heute war ihr Tag. Ihr großer Tag. Sie wurde 28 Jahre alt und jetzt war es Zeit, ihrem Leben eine Wendung zu geben – d i e wesentliche Wendung überhaupt. Es war der Moment, auf den sie schon so lange gewartet hatte.
Heute würde sich ihr Leben ändern. Nicht dass es bis jetzt etwa langweilig war, aber auch nicht so glanzvoll, wie es ab heute sein würde. Und ab einem gewissen Alter braucht Frau eine wirklich große Veränderung, nicht nur einen anderen Farbton in der Wohnung oder eine neue Jeans oder Job oder Lover. Nein, etwas wirklich Neues, Großes und Weltbewegendes!
Der Höhepunkt in ihrem Leben überhaupt, so fand sie. Eine Frau auf dem Zenit ihres Lebens. Kaum diäten-, job- oder männergeschädigt. Problemzone: Oberschenkel Stufe I, trotzdem noch einigermaßen begehrenswert, ohne Anhang (maximal der Teddybär aus ihrem Kinderzimmer) und Altlasten (höchstens Mamas Erziehung). Hm ... könnte schlimmer sein!
Heute ist mein Tag, und heute wird es sein. Da gab es keine Zweifel mehr, nur noch eine Menge zu tun. Straffende Gesichtsmaske und Mut steigernde Maßnahmen, zunächst aber einen klaren Kopf und mehr strategisches Durchhalten, als bei Kohlsuppe oder Bauch-Beine-Po-Training.
Nein, keine Unsicherheit! Nein, nicht heute! Sie würde es schaffen und erfolgreich sein. Und ihr war klar, was sie wollte. Nein, diesmal ohne Selbstfindungsseminare oder stundenlange nächtliche Telefonate mit Freundinnen.
Nein, diesmal sogar ohne Coach und Guru – einfach so von innen, von sich heraus. Klasse Carla, du emanzipierst dich, du wirst erwachsen, du gehst deinen eigenen Weg! Für mich soll’s rote Rosen regnen und zwar heute und am besten für immer.
Langsam öffnete sie die Augen, um sich gleich noch mal, unter der Decke zu verkriechen. Mut verlass mich nicht! Quatsch, ich schaff das schon.
Das Handy neben sich, aber auf Leise gestellt, ein Blick drauf, Privatnummer, also erst mal abwarten, die Mailbox war an – man konnte getrost seine Glückwünsche hinterlassen. Und bitte nur Positives heute. Anderes erreicht mich nicht!
Sechs Anrufe in Abwesenheit und fünf neue Mitteilungen, und dabei war es erst acht Uhr. So konnte doch ein Geburtstag gut beginnen. Zum Aufstehen viel Zeit, also lieber noch mal die Augen schließen und träumen, überlegen, nachdenken und planen – am besten mit Randy Crawford, die verstand einen wenigstens in den schwersten und schönsten Stunden zugleich.
Doch da blieb nicht viel Zeit. Das Telefon klingelte penetrant, und beim Festnetz gab es leider kein Lautlos.
Mist, hätte ich es doch nur ausgesteckt – wer das wohl ist? Und wo ist das blöde Kabel?
Aber es hörte nicht auf. Den Anrufbeantworter hatte sie vergessen einzuschalten, und das liebte Carla ansonsten besonders. Erst einmal abwarten, wer dran ist, und dann reagieren. Wenn schon keine Privatsekretärin oder besser noch, kein Privatsekretär im Vorzimmer, dann doch diesen elektronischen Diener. Noblesse obliegen ... oder andersrum? Oder ... wie auch immer.
Also Mädel, schlepp dich lieber ans Telefon, bevor es noch Stunden klingelt. Und als sie den Hörer abnahm, war es ihr klar. Natürlich, so früh konnte es nur Mutti sein. Sie hasste Handys und war bestimmt schon vom Auf-nüchternen-Magen-Joggen mit dem Hund, vor dem Geschroteten-Korn-Frühstück mit fettfreiem Sojajoghurt zurück.
Denn da soll die Fettverbrennung ja am besten sein. So war sie eben – na ja, manche Mütter haben schlimmere Marotten.
Zudem war acht Uhr nicht früh, schon immer predigte sie: Morgenstund hat Gold im Mund, und diese Devise musste leider ihr Umfeld mit ihr teilen.
„Schatz, die allerbesten Wünsche zu deinem Geburtstag! Ich hoffe, dass ich die Erste bin, denn das ist das Recht der Mutter, ihrer Tochter als Erste gratulieren zu können. Also, süßeste Tochter aller Zeiten, ganz herzlichen Glückwunsch zu deinem Geburtstag, viel Glück, Gesundheit, Erfolg und allen Sonnenschein, den diese Erde zu bieten hat! Das große Geschenk steht noch hier.“
Mama, hoffentlich bekomme ich es heute Abend!
„Wir kommen dich ja eh nächstes Wochenende besuchen. Ein kleines Präsent müsste heute ankommen.“
Oh Gott, daran habe ich ja gar nicht mehr gedacht, fiel es Carla ein, das wird wieder super anstrengend, Kultur statt Kneipe, Theater statt Tetris spielen, erfolgreiche Freunde mit noch erfolgreicheren heiratsfähigen und -willigen Kindern, mindestens Ärzte, Unternehmer oder Rechtsanwälte. Na ziemlich ätzend und nervraubend.
„Auch von Paps ganz liebe Grüße! Er steht, wie du annehmen kannst, schon wieder am OP-Tisch.“
Als Schönheitschirurg, wahrscheinlich gerade größerer Busen oder schmalere Oberschenkel.
„Er wird sich sobald wie möglich melden!“
Paps war wenigstens kein Auf-nüchternen-Magen-Jogger oder Yogitee- statt Kaffeetrinker. Er behob lieber die Folgen des nicht gesunden Lebenswandels mit dem Skalpell. Sauber, aseptisch und direkt. Zehn Jahre lustvolles Lotterleben mit zwei Stunden OP. Das war doch ein fairer Deal und bestimmt immer noch kostengünstiger, als 5 Jahre La Prairie Kosmetik oder Ähnliches. Außerdem effektiver und weniger schmierig.
Sogar ihre Freundinnen nahmen eine kleine Operation oder Faltenunterspritzung dankend als Geburtstags- oder Weihnachtsgeschenk an. Das konnte ein Jahr Kosmetik ersetzen und den Flirtfaktor auch, meistens auf jeden Fall.
Wenn das nichts nützte, gab es noch einen günstigen Preis für Fettabsaugen an allen Problemzonen, wie Bauch, Beine Po, aber durchaus auch manchmal Knöchel oder Handgelenk – es lebe die 68er Generation – welche dann eventuell gezielt an Wangen, Lippen oder Schlupflidern eingesetzt werden konnte. So musste man sich nicht mit Fitness und Diäten oder Appetitzügler quälen.
Stattdessen verdoppelte sich die Datenhäufigkeit, hofften sie auf jeden Fall. Na ja, zum Glück schauen die Jungs nicht so häufig hinter die Fassade, und sind schon ganz fortgeschritten, wenn sie einen Silikonbusen von einem echten Busen unterscheiden sollen.
Es lebe der Fortschritt! Und die Blendung und die inneren Werte! Und Carla hatte so immer die meisten Geburtstagseinladungen, auch wenn sie es nicht wollte. Danke Paps!
„Und natürlich von Oma, sie flog gestern kurz entschlossen nach Florida.“
Na, Oma, hättest mich auch mitnehmen können!
„Sie wird dich aber anrufen oder dir ein Telegramm schicken. Sie war bestimmt wieder beim Krokodileretten oder Sümpfe ausheben oder vielleicht hatte sie einfach einen neuen Lover.“
Echt cool, fand Carla. Was Mami streng war, war Omi locker. Sie kleidete sich immer nach der neuesten Mode, zuletzt hatte sie sich sogar Piercen lassen, flippte durch die Weltgeschichte, und wenn sie mal zwischen Charity und Männern Zeit hatte, ging sie sogar mit Carla ins P1, der Disco überhaupt in München.
„Und natürlich von deinem herzallerliebsten Bruder, der bestimmt um diese Zeit noch schläft.“
Luca, schöner italienischer Name, Ewigstudent in Rom, Pisa, Siena. La Dolce Vita in Reinform. Ob Architektur, Kunstgeschichte, Geografie, was es ohne Zulassung zu studieren gab, das machte er. Der Weg ist das Ziel, predigte er immer. Ob er diesen Satz wohl etwas zu wörtlich nahm?
Auf jeden Fall studierte er das Leben und die Italienerinnen. Why not? Auch eine Lebensform, solange das Geld floss. Bis 30 hatte er freie Hand – 29 war er jetzt. Na, der ist mutig, wenn ich nur so relaxed wäre. Jungs haben’s doch manchmal einfacher im Leben.
„Lass dich jetzt nicht weiter stören, du bist bestimmt gerade am Frühstücken!“
Hat die ne Ahnung!
„Ich drücke dich, und vielleicht hast du für dieses Jahr bestimmte Pläne und Wünsche ...“
Stille, kein Ton, dann ... verlegenes Schweigen.
„... vielleicht beruflicher Aufstieg ...“
Wieder Stille.
„... oder regelmäßige Fitness?“
Jetzt sehr lange Stille – und dann ein: „Na ja, das kann man eben nicht planen!“ Dann fast verlegen: „Du weißt ja, vor dreißig ...“
„Ja, Mami, ich weiß!“
Warum müssen Mütter immer so nerven?
Sie haben nur ein Thema: DEN PASSENDEN SCHWIEGERSOHN!
„Sei fest umarmt, meine süße Tochter!“ Und fast als Entschuldigung: „Wir sind alle so stolz auf dich!
Beinahe flog Carla der Telefonhörer aus der Hand. Das war Mutti! Wusste sie etwas? Oder wünschte sie sich nur endlich, den MR. RIGHT, vielleicht noch gleich Nachwuchs, am besten doch einen von Papas Jung-Oberärzten. Dann bleibt es in der Familie. Quadratisch, praktisch, gut.
Erfolgreich, langweilig und so karrieregeil. Super! Und dann das zweite Thema. Sofort ein Griff an die Oberschenkel. Zu viel? Nein, das nicht – bei 173 cm und Kleidergröße 36, das war nicht zu viel. Zu schwammig? Nein, für heute kein gutes Thema. Stärke dein Selbstbewusstsein, nicht deine Schwächen!
Überschminken konnte man Oberschenkel nicht, da gab es nur Morgenmäntel – Licht aus und lange Röcke.
Morgen können wir wieder Kritik üben, heute nicht. HEUTE BIN ICH DIE SCHÖNSTE, BESTE UND UNWIDERSTEHLICHSTE! Und das war typisch Mutti, immer gleich zielsicher die Schwächen finden! Für sie war ein Tag ohne Sport keiner.
Carla war da eben anders. Aber immerhin hatte sie sich für das Leonissimo angemeldet. Der Fitnessklub überhaupt – ein Muss für alle dynamischen und sportbegeisterten Jungaufsteiger.
Die meisten ihrer Kolleginnen gingen dahin. Sie auch – manchmal, doch dann lieber zum Kaffee trinken und tratschen an die Bar. Und die war klasse!
Die Männer eher weniger, auf jeden Fall in Carlas Augen. Aufsteigende Produktmanager, Jungredakteure, Unternehmensberater oder karrierebewusste Rechtsanwälte. Sie alle hatten das Leben im Griff. Hihi!
Ich muss wenigsten nur die Oberschenkel kaschieren, die aber ihr Gehirn und wahrscheinlich manchmal das gesamte Leben. So war Mutti!
Vati war da anders, er war überhaupt der beste Vater aller Zeiten. Leben und leben lassen, war seine Devise. Er war so mit Operieren beschäftigt, dass zum Missionieren anderer Familienmitglieder zum Glück keine Zeit blieb. Privatklinik Professor Dr. Stefano Carlucci in Düsseldorf, sicherlich einer der fünfbesten deutschen Schönheitschirurgen, guter Arzt, liebevoller Vater und doch gut aussehender Italiener. Diese Kombination war wohl kaum zu toppen.
Arme Jungrechtsanwälte, Verkaufsprofis oder sonstige Nacht- und Fitnessschwärmer. An ihn kam so schnell kein Mann ran, außer ...
Von Vati hatte sie die Augen, den Charme und das Lebensgefühl geerbt.
Na, der italienische Flirtfaktor steht mir bei!
„Paps, gib mir deine Ausstrahlung, dann kann heute nichts schief gehen!“
So, das reicht erst mal von Familie. Jetzt muss ich endlich mein eigenes Leben in Angriff nehmen.
Heute ist mein Tag, mein großer Tag!
Nach einer Tasse frischem Cappuccino und einem Glas Kiwisaft ging es Carla wieder besser. Wann immer es möglich war, trank sie ihn.
„Gönn dir täglich was, genieße das Leben!“ Das war ihr letzter Artikel, den sie geschrieben hatte. Und bei sich selber musste man bekanntlich zuerst anfangen. Wenn schon keinen Mann, dann doch wenigstens Kiwisaft. Etwas Gesundheit musste ja sein, und die grüne Farbe der Hoffnung war nie schlecht. Besonders heute! Und Kiwi war bestimmt gut für die Oberschenkel, Vitamin C für die Fettverbrennung.
Und ein bisschen Luxus und Exklusivität stand ihr gut. „Kind, schwimm nicht mit der Masse!“, hörte sie ihre Mutter sagen. Siehste Mutti, deine Erziehung bringt doch etwas. In kleinen Dingen kann ich mich bereits abheben – besonders, wenn sie angenehm sind.
So fing also ihr Geburtstag an – mal sehen, wie das Ende sein würde. Denn nur das zählte heute, sonst nichts. Der Weg soll das Ziel sein – nein, heute war das Ziel der Weg. Und zwar straight und ohne Umwege. Also los, keine Zeit zu verlieren. Carpe diem und den Mann dazu. Jetzt und heute. Auf und los!
Der Vollstress kam am Nachmittag, Maniküre, Pediküre, Friseur. Terminplan wie ein Manager, dachte Carla, und immer wieder klingelte das Handy, bis Henning, ihr Herzensfriseur, Exlover von ihrem Mitbewohner Georg und der einzige Mann, den sie außer Georg an ihre Haare ließ, völlig genervt war.
„Welcher Künstler soll denn hier noch arbeiten können. Schalt sofort das Ding ab, sonst werde ich mal zickig und beende meine Arbeit auf der Stelle!“
Und das wäre fatal gewesen.
Dann muss man manchmal doch Prioritäten setzen, auch wenn es schwer fällt und es sich gegen das Handy entscheidet. Das Tor zur Welt, zu allen verflossenen und potenziellen neuen Lovern. Und mindestens genau so wichtig – zu den fünf besten Freundinnen. Kaum vorstellbar, dass es ein Leben vor der SMs gab.
Also, Henning gab sein Bestes, leider wollten die Haare nicht so, wie er oder besser gesagt, wie Carla. Die leicht hellbraunen Strähnchen verliehen ihrem Haar auch nicht den wirklichen Glanz – das Rot der letzten Tönung verschwand nicht völlig. Sie hätte weinen können. Weinen vor lauter Frust und Ärger. Mist! Mensch, heute ist mein Geburtstag! Macht mir doch die Freude, ihr blöden Haare!
„Reg’ dich nicht so auf, Kleines“, sagte Henning, „im Notfall machst du erst mal einen Pferdeschwanz, die Haare finden schon ihre Lage, spätestens nach der nächsten Periode!“
Na klasse, dachte Carla, du musst es ja wissen, unglaublich beruhigend. Aber sie hatte keine Wahl, und als noch ein Nagel einriss, verwandelte sich die Wut in Resignation. Beim Anblick der Models in der SHE verlor sie das letzte Selbstvertrauen.
Jetzt wäre Zeit für eine Currywurst und einen schönen Frauenabend mit Theresa. Was tu ich mir eigentlich an? Aber: No way back! Und wer kennt nicht diese ambivalenten Situationen. Lust und Angst! Vor und zurück! Da gibt es nur eins, Augen zu und durch. Und wenn’s dann auch ins Glück ist.
Na ja, aber Theresa würde sie bald wieder sehen. Und ich kann dann ja noch immer bei ihr bleiben und nicht zum Flughafen fahren, sondern lieber zur Würstchenbude. Da gab es nur eine in München, die richtig gute Currywurst hatte, und die war am Viktualienmarkt. Manchmal ist es gut, eine Lösung B parat zu haben, das macht die Situation einfacher. Aber spätestens um fünf wollte sie fertig sein, um noch auf einen Espresso und vielleicht ein gutes Top, in ihr Lieblingsgeschäft La Dolce zu schauen. La Dolce gehörte Theresa und war momentan eines der gefragtesten Geschäfte in Downtown Schwabing, Ecke Hohenzollern-Leopoldstraße. Theresa war wie sie Halbitalienerin, ihre Mutter kam aus Napoli und hatte gewisse Ähnlichkeiten mit Sophia Loren, was sie natürlich auch ständig betonte. Ihr Vater war Banker in Frankfurt. Theresa hatte das Studium geschmissen und war ihrer Liebe, einem Tessiner Designer, nach München gefolgt.
Die Liebe verflog, die Mode und das Geschäft gediehen. So, wie das Leben manchmal spielt.
Aber sie war nicht unglücklich, hatte momentan für jede Gelegenheit einen Mann an der Hand und einen russischen Künstler in Aussicht, dem ihre ganze Liebe galt. Sie war stolz, immer die aktuellste italienische Mode zu haben.
Einmal im Monat fuhr sie nach Italien, um dort auf den Märkten und den Modenschauen in Mailand, Ware zu besorgen. Und die war immer super hipp und klasse!
Dazu gab es italienische Opern, Rock oder Schmusesongs, schöne Accessoires, immer italienischen Espresso, stets ein offenes Ohr für alle Sorgen und meist sogar noch ein paar aufmunternde Worte.
So war Theresa, ein Menschenfreund durch und durch, egal, wie schnoddrig sie nach außen wirkte. Das braucht Carla heute! Gerade heute! Und dann musste sie auch schon um sechs Uhr weg, um ja rechtzeitig am Flughafen zu sein. Die Maschine aus Hamburg landete um 19:05 Uhr. Und da wollte sie pünktlich sein. Musste sie sein. Sie konnte es kaum erwarten.
Selbst Theresa wusste nichts von ihrem Vorhaben: Vorschläge wie: Sei nicht zu nett, nicht zu cool, nicht zu prüde, nicht zu sexy, nicht zu dumm, nicht zu intelligent, nicht zu dünn und nicht zu dick, hätten sie völlig aus der Bahn geworfen.
Als sie schließlich Punkt sechs Uhr Theresas Geschäft verließ, wusste sie, dass sie fahren würde. Ein wunderbares pinkfarbenes Top mit Spaghettiträger, in dezenter Leopardenoptik und Spitzeneinsatz am Dekollete, gab ihr die Sicherheit. Das hatte eine raffinierte Mischung von Edel, Sexy und Unschuld. Passend zu ihrem schwarzen Hosenanzug und den pinkfarbenen Strassohrringen, im Stil der zwanziger Jahre, war sie ein echter Hingucker. Da konnten die Haare schon etwas quer liegen, die Ohrringe lenkten den Blick genügend ab.
„Leider hat die Lufthansa Maschine aus Hamburg mit der Flugnummer LH 3458 aufgrund der Wetterverhältnisse 30-45 Minuten Verspätung.“
Typisch, Schnee treiben Anfang März, statt zu Weihnachten. Bin ich trotz Stau einmal pünktlich, muss ich trotzdem warten. Carlas Selbstbewusstsein war mit jedem männlichen Blick wieder gestiegen. Männer sollen ja einfach gestrickt sein: tiefes Dekollete, knackige Rundungen und super XXL Beine bis zum Hals. Selbst bei der Tagesschau sollen die Zuschauer bekanntlich besser Bescheid wissen, wie die Sprecherin aussieht – als darüber, was sie sagt. So sieht die politische Bildung in Deutschland aus.
Sogar in Highheels hatte sie sich gequält. Hoffentlich falle ich nicht gleich hin, dachte sie ständig, und hoffentlich müssen wir keine Riesenstrecken zurücklegen.
Diese Schuhe konnten nur Männer erfinden. Apropos Männer: ER hatte ihr heute den schönsten Blumenstrauß aller Zeiten geschickt – 50 rote Rosen mit 50 weißen Lilien. „Liebe und Reinheit – wie du sie vereinst“, waren seine Worte.
„Meiner Prinzessin, die allerzärtlichsten Geburtstagswünsche! Wie trist wäre das Leben ohne dich! Ich freue mich unendlich auf dich, bin in Gedanken ganz nah und kann es kaum erwarten, dich zu sehen!“
Gibt es etwas Schöneres? Nein! Und dann noch gestern Abend: Punkt 0.00 Uhr, der Anruf. Er war einfach perfekt. Hatte sich sogar von seinem Businessdinner weggeschlichen, nur um ihr zu gratulieren.
Nein, definitiv – das war ein Mann von Klasse, das hatten die Youngster nicht drauf. Zum Glück war er schon reifer, und er schätzte sie als Frau, Freundin, Gesprächspartnerin. Claus von Hohenstein ...
Dass gerade sie den perfektesten Mann aller Zeiten abbekommen sollte – kaum zu glauben! Wenn Vati sie nur sehen könnte, er wäre stolz – und Mutti erst. Vielleicht kann ich IHN endlich nächstes Wochenende vorstellen. Bestimmt wäre selbst ihr Mitbewohner Georg ein bisschen neidisch auf so einen tollen Mann gewesen. Theresas Kritik fürchtete sie allerdings: „Warte mal seine Macken ab, dann reden wir weiter!“
Nein, Macken konnte Carla wirklich keine entdecken. Und das wollte was heißen. Theresa musste ja nicht immer Recht haben.
Manchmal macht das Schicksal einem doch Geschenke. Zum Glück war sie gefahren. Jetzt wusste sie, dass es richtig war! Ihr Herz schlug schneller bei dem Gedanken, Claus von Hohenstein gleich zu umarmen. Er, ja er gab ihrem Leben wirklich erst den richtigen Sinn. Emanzipation und Selbstverwirklichung ade – romantische Liebe entre. Das war es, was eine Frau wirklich erfüllte. In jedem Alter und zu jeder Zeit. Da war sich Carla jetzt sicher. Sich für einen Mann zu stylen oder Karriere zu machen – da gab es keine Zweifel mehr, was wichtiger und schöner war! Na ja, wenn das andere Frauen noch nicht erkannt hatten, dann war das deren Problem. Carla wusste jetzt, wo es lang ging.
Alle Zweifel waren verflogen. Na ja, fast alle. Außer, die der Oberschenkel. Die lassen wir heute besser! ER kam ihretwegen früher von Hamburg, um mit ihr Geburtstag zu feiern. Sie konnte es irgendwie immer noch nicht so richtig glauben, hatte deswegen noch nichts ihren Freunden erzählt. Jetzt war noch eine gute Stunde Zeit, endlose Zeit. Vielleicht sollte ich doch die Einkaufsstraße entlang schlendern? Der neue Escada-Shop war sehr reizvoll. Und dann noch in den Spiegel als Politunikum und in den an der Wand schauen. Claus liebte doch politisch gebildete, interessierte Frauen. Und dabei noch gut aussehend. Die Stylisch-Gebildet-Kätzchen-Erfolgreich-Lady-Vamp-Kind-Frau.
Das, was eben Männer so wollen. Schön – und das immer, selbst morgens mit zwei Stunden Schlaf, erfolgreich, aber um Himmelswillen nicht zu sehr – auf keinen Fall erfolgreicher als er. Natürlich die super Mutter oder potenziell, aber natürlich nie mit Brei auf der Bluse, durch die neckisch La Perla blitzt. Und um Gotteswillen, nie mit einem schreienden Kind auf dem Arm oder gar mal gestresst. Und natürlich der Supervamp, aber nur für ihn und nur bei Bedarf. Denn zu viel Vamp ist auch anstrengend. Und manchmal auch die Lady, aber natürlich immer passend. Sozusagen, das kleine Programm. Ist ja wirklich keine Kunst, Mädels! Das wird doch zu schaffen sein?
Wie Georg immer zu sagen pflegte: „Männer wollen die Köchin in der Küche, die Dame im Salon und die Hure im Bett.“ Leider könnte daraus auch die Dame in der Küche werden, die Hure im Salon und die Köchin im Bett. Dann haben wir ein klitzekleines Problem! Na ja, wenn’s weiter nichts ist. Manchmal hilft dann nur Auswechseln, denn neue Frauen ... besser.
Der Countdown lief, noch zwanzig, fünfzehn, zehn, fünf, zwei eine Minute. Einfach zu viel Zeit für dumme Gedanken. Endlich!
Die Maschine war gelandet. Ob Claus wohl Gepäck hatte? Carla konnte es kaum erwarten und drückte sich an die Absperrung, um jeden zu sehen, der aus der Ankunftshalle kam.
Hatte er Gepäck oder nicht? Das waren die entscheidenden Minuten. Förderband ja oder nein? Carla, reiß dich zusammen, du bist ja schlimmer als ein vierjähriges Mädchen, das Weihnachten nicht erwarten kann!
Einen Herzschlag von zweihundertvierzig. Fast Herz infarkt-Verdächtig! Mein Gott, da redet jeder, wie schön Liebe ist. Sie ist einfach irre anstrengend, dachte Carla. Adrenalinschub, Endorphinschub, Dopamin- und Serotoninpush oder was sonst noch so alles im Gehirn an Transmittern kreucht und fleucht.
Und wie bitte schön sollte sie da ruhig, cool, ladylike und sexy wirken? Blöde Ratgeber! Ihr habt das selber noch nie erlebt!
Totales Gehirnchaos sozusagen, kaltschweißige Hände, schlimmer als beim Staatsexamen – die Pumpleistung des Herzens steigt weiter, die Atemfrequenz erhöht sich drastisch, der Bauch fängt an zu grummeln. Doch kein Hunger, nein, die pure Aufregung – irgendwie schön und grausig zugleich. Dann ...
EEERRRR! Stille, Pause, Ruhe, fast Herzstillstand. Ihre Blicke treffen sich ... Er – groß, schlank, in grauem Anzug, mit der geliebten runden Nickelbrille, den Trench’ lässig über den Arm geworfen und einen großen Blumenstrauß in der Hand. Und ein ebenso großes Strahlen auf seinem Gesicht.
Das war er also – der Hauptgewinn, der beste Mann auf der ganzen Welt. Für ihn hatte sich das Warten gelohnt. Für diesen Mann lohnte sich jedes Warten, jede Mühe, jeder Stress. Für ihn lohnte es sich, zu leben, zu lieben, Abitur zu machen, sich mit dem Glätteisen beim Friseur malträtieren zu lassen – selbst schlimmste Fastenkuren. Ja, das alles lohnte sich. Wie konnte sie bisher überhaupt ohne ihn sein? Aber jetzt war es zum Glück anders.
Wie ein Blitz traf es Carla von neuem. Er schritt langsam durch die Tür (er schritt immer, eilte nie, das unterstrich nur seine Männlichkeit, die Carla so liebte). Er hatte noch das Handy in der Hand, stecke es schnell in die Hosentasche (wie oft hatte sie ihm gesagt, er solle das, wegen der möglichen Strahlen auf das Erbgut, nicht tun – zum Glück dachte sie schon weiter, man konnte ja nie wissen), wahrscheinlich wollte er sie anrufen und hatte mit ihrem Kommen nicht gerechnet.
Da trafen sich ihre Blicke. Claus setzte ein Lächeln auf und schritt zu ihr, schloss sie in seine kräftigen männlichen Arme und hauchte ihr ins Ohr: „Liebling ich bin der glücklichste Mann der Welt, dass ich die wundervollste Frau in den Armen halten darf. Ein Tag ohne dich ist ein verlorener Tag. Die Welt sollte sich nur um uns beide drehen. Ab heute und für immer! Alles Gute zu deinem Geburtstag! Wie schön, bei dir zu sein! Der Abend gehört dir! Ich konnte es nicht erwarten, dich in meine Arme zu schließen! Und jeden Tag wird die Liebe mehr, tiefer und inniger!“ Dann schmiegten sich seine Lippen auf die ihren, und ein langer, leidenschaftlicher Kuss, ließ sie fast ohnmächtig werden.
Ehrlich gesagt: Es gibt ja nicht viele Männer, die wirklich gut küssen. Die einen beißen einem fast die Lippen ab, die anderen scheinen die Zunge herauszureißen beim Saugen, die dritten lösen mit dieser einen Würgereiz aus und manche wissen überhaupt nicht, dass es einen Mund oder eine Zunge gibt. Sie überspringen diese und greifen gleich an den Busen oder tiefer. Vielleicht wäre das Mal ein Superratgeber für Männer. Pflichtlektüre sozusagen. How to kiss?
Aber Claus war da anders. Er war einfach anders, als jeder Mann, den Carla bisher kennen gelernt hatte. Er war einfach Claus Hohenstein. Nur das Beste!
Eng umschlungen gingen sie zu ihrem Auto. Zweimal wäre sie mit ihren Highheels fast umgekippt, waren es die Schuhe oder die Aufregung? Mist, wie peinlich! Er merkt bestimmt, dass ich nicht so häufig Schuhe ab 6 cm aufwärts trage! Das wäre endlich Mal ein guter VHS-Kurs für die Frau von Heute! Sex und Schuhe: Was Männer an Frauen alles so lieben! Ja, da würde ich mich sofort anmelden, dachte Carla bei sich. Das wäre wirklich besser, als Klöppeln mit Kindern in der Vorweihnachtszeit oder Excel-Tabellen für den beruflichen Wiedereinstieg über 25 Jahre auf dem zweiten Bildungsweg oder ein ähnlicher Schwachsinn. Hätte ich mich nur auf das Wesentliche konzentriert, dann wäre ich jetzt besser dran.
Aber er fing sie grandios auf.
Na ja, manchmal lieben Männer ja wohl auch eine gewisse Unsicherheit, versuchte sie sich zu beruhigen. Hoffentlich mache ich keinen schlechten Eindruck, nur bitte heute nicht.
Vor lauter Stress hatte Carla im Halteverbot geparkt, die Parkwächterin war gerade dabei, ihr ein Knöllchen ans Auto zu kleben. Wie kann man nur Parkwächterin werden – wie ich sie hasse, diese Tussen. Andere bestrafen zu wollen, das ließ schon tief in die Seele dieses bebrillten, ungeschminkten Etwas aus dem öffentlichen Dienst blicken. Nein, Parkwächterin war kein Beruf, sondern eine Diagnose.
Claus schritt zu ihr: „Bitte, Mylady, die Dame hat heute Geburtstag – seien Sie doch gnädig!“ Sie war es und nahm das Knöllchen zurück.
So war Claus, ein Gentleman par excellence – selbst bei unscheinbaren weiblichen Wesen, ja sogar bei der Spezies Parkwächterin. Er räumte einem fast alles aus dem Weg. Deswegen fühlte sie sich auch so sicher an seiner Seite. Keine Situation, die er nicht im Griff hatte.
„Mein Schatz, entspann dich! Ich übernehme das für dich“, sagte er und nahm ihr den Schlüssel aus der Hand.
