Männlich, weiblich, menschlich - Stephan Schad - E-Book

Männlich, weiblich, menschlich E-Book

Stephan Schad

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Beschreibung

Soziale Konflikte sind Konflikte um Verteilungsfragen. Seit vielen Jahren bestimmen sie den demokratischen Streit. Politische Machtkonflikte haben sich um zwei Achsen geordnet – einmal um den Ausgleich zwischen (ökonomischer) Freiheit und (sozialer) Sicherheit; zweitens um ein progressives oder konservatives Verhältnis zu Liberalisierung und Pluralisierung. Das Kursbuch 215 kreist um diese Konflikte. Stephan Schad nimmt sich in seinem Beitrag die soziale Konfliktzone des Genderns vor – einerseits im Hinblick auf das faktische Konfliktpotenzial, andererseits bezogen auf die merkwürdige Antinomie, dass sich das Anliegen sprachlich nicht wirklich darstellen lässt, auch weil die Sprache ihren Eigensinn hat. Das überraschende Ergebnis ist, dass manche besonders gut gemeinten Formen eine patriarchale Form geradezu verlängern. Dabei blickt Schad detailliert auf beabsichtigte Formen und unbeabsichtigte Nebenfolgen.

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Seitenzahl: 23

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhalt

Stephan SchadMännlich, weiblich, menschlichWarum das Gendern das Patriarchat verlängert

Der Autor

Impressum

Stephan SchadMännlich, weiblich, menschlichWarum das Gendern das Patriarchat verlängert

Die Entwicklung des sprachlichen Genderns war von dem Bestreben geleitet, eine soziale Konfliktzone zu befrieden. Dabei galt es, die Diskrepanz zwischen der Verwirklichung von Geschlechtergerechtigkeit und Anerkennung geschlechtlicher Diversität auf der einen Seite und einer maskulinen Dominanz in der Sprache auf der anderen zu einem gesamtgesellschaftlichen Thema zu machen. Das Ziel war die Sichtbarmachung von Frauen und Menschen mit den mannigfaltigen geschlechtlichen Identitätsentwürfen. Man verband damit die Hoffnung, durch diese sprachliche Aufmerksamkeit die Gesellschaft als Ganzes zu einer ausgewogeneren sozialen Balance zu inspirieren. Ein gutes Ziel, ein wichtiges Anliegen und eine wahrlich überfällige Initiative. Aktiv zu gendern ist soziale Überzeugungsarbeit, heißt, allzeit die Bereitschaft zu signalisieren, tatkräftig zur Überwindung dieser sozialen Konfliktzone beitragen zu wollen. Ein Signal das für die meisten von uns eigentlich unablehnbar ist.

Doch diese John-Lennon-Geste, die uns alle aufrichtig und mit den besten Absichten zu einer politischen und sozialen Kultur des »Come together« einladen wollte, bewirkt aufs Ganze gesehen inzwischen das Gegenteil. Der Versuch, möglichst viele Menschen von einer allgemein üblichen, an ihrer Sprache stets erkennbaren Geschlechtersensibilität zu überzeugen, um dadurch ein konstruktives Klima anzuregen, welches einer fortschrittlichen Gesellschaft würdig ist, muss als gescheitert bezeichnet werden. Von einer Überwindung dieser sozialen Konfliktzone war bisher nichts zu erkennen. Stattdessen fand sich ein großer Teil der an der Sprache Beteiligten unversehens in einer noch größeren sozialen Konfliktzone wieder, die uns allen bis dato unbekannt war. Anstatt eines inspirierenden Come together, anstelle eines Klimas, das eines umsichtigen Gemeinwesens würdig wäre, entstand zum Erstaunen vieler Zeitgenossen, auch großer Teile des progressiven Spektrums, ein Klima der Gesinnungsbefragung. Zwar fühlten sich viele Menschen durch das Gendern endlich inkludiert, andererseits fühlten sich jetzt viele andere Menschen ausgegrenzt und darüber hinaus einem recht übergriffigen Konformitätsdruck ausgesetzt.

Dieser Druck wird weniger vom Staat, als vielmehr von einer als akademisch elitär wahrgenommene Minderheit erfolgreich ausgeübt, die damit einer gesellschaftlichen Stimmung Vorschub leistet, an die sich etwa ältere Ostdeutsche in einem anderen Zusammenhang atmosphärisch noch erinnern. Dabei tut der mit dem Gendern verbundene Gesinnungsargwohn den meisten, die vom Gendern nicht überzeugt sind, bitter Unrecht. Das Anliegen des Genderns ist für jeden, der halbwegs bei Trost ist, eine Selbstverständlichkeit. Das Mittel Gendern hingegen wird allerdings von allzu vielen als peinsames Fehlkonstrukt empfunden, das eine für sie unstrittige soziale Konfliktzone nicht nur nicht befriedet, sondern ausweitet; und zwar auch noch auf sie selbst, sprich auf viele Menschen, die von den Anliegen des Genderns überhaupt nicht überzeugt werden müssen. Wie konnte das passieren? Wie konnte diese Fehlkonstruktion entstehen?