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Maos letzter Tänzer ist die autobiografische Geschichte des jungen Chinesen Li Cunxin, der aus ärmlichen Verhältnissen stammt und Anfang der 70er-Jahre völlig überraschend für die renommierteste Ballettschule des Landes, Madame Maos Ballettakademie, ausgewählt wird. In Peking erhält er eine klassische Ballettausbildung. Inspiriert von einem Lehrer, begeistert sich Cunxin immer mehr für den Tanz und gelangt schließlich zu Weltruhm. Als er in Amerika die Tänzerin Elizabeth heiratet, kommt es jedoch zu politischen Verwicklungen mit der fatalen Konsequenz, dass er seine Heimat zunächst nicht mehr besuchen darf. Dieses Buch schildert eindringlich und bildgewaltig das karge Leben im kommunistischen China, in dem jeder Tag ein Kampf ums Überleben ist, die harten Jahre der Ballettausbildung, das Heimweh des kleinen Jungen und seine Leidenschaft für den Tanz. Die beeindruckende Lebensgeschichte eines Ausnahmetalents, die nicht nur Tänzer begeistern wird.
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Seitenzahl: 413
Veröffentlichungsjahr: 2012
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Für Fragen und Anregungen:
2. Auflage 2014
© 2012 by mvg Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH,
Nymphenburger Straße 86
D-80636 München
Tel.: 089 651285-0
Fax: 089 652096
© der Originalausgabe: Text © Li Cunxin, 2003
Die englische Originalausgabe erschien 2003 bei Penguin Books unter dem Titel Mao’s Last Dancer.
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Übersetzung: Dr. Kimiko Leibnitz, Würzburg
Redaktion: Dr. Gabriele Würdinger
Umschlaggestaltung: Pamela Machleidt, München
Umschlagabbildung: Li Cunxin als kleiner Junge und das Neue Dorf, Kommune Li. Beide Bilder mit freundlicher Genehmigung von Li Cunxin.
Satz: Carsten Klein
Epub: Grafikstudio Foerster, Belgern
ISBN Print 978-3-86881-257-1
ISBN Ebook (PDF) 978-3-86415-275-7
ISBN Ebook (EPUB, MOBI) 978-3-86415-290-0
Den beiden wichtigsten Frauen in meinem Leben –
meiner Mutter und meiner Frau
Eine Hochzeit – Tsingtau, 1946
Teil Eins: Meine Kindheit
Eins – Mein Zuhause
Zwei – Niang und Dia
Drei – Kindheit in der Kommune
Vier – Sieben Brüder
Fünf – Nana
Sechs – Schulzeit unter Mao Zedong
Sieben – Abschied
Teil Zwei: Peking
Acht – Eine Feder im Wirbelsturm
Neun – Der Vogel im Käfig
Zehn – Das erste einsame Jahr
Elf – Der Füllfederhalter
Zwölf – Meine eigene Stimme
Dreizehn – Lehrer Xiaos Worte
Vierzehn – Wendepunkte
Fünfzehn – Die Mango
Sechzehn – Wandel
Siebzehn – Auf dem Weg in den Westen
Achtzehn – »Verdorbenes, kapitalistisches Amerika«
Neunzehn – Auf Wiedersehen, China
Teil Drei: Der Westen
Zwanzig – Zurück in die Freiheit
Einundzwanzig – Elizabeth
Zweiundzwanzig – Republikflucht
Nachwort
Eine kurze Zusammenfassung der langen Geschichte Chinas
Bildteil
Zeittafel – Li Cunxin und China im 20. Jahrhundert
Danksagung
Bildnachweise
Am Tag ihrer Hochzeit sitzt die achtzehnjährige Reiqing alleine zu Hause und wartet. Es ist ein strahlender Oktobermorgen, die Landluft ist kühl und frisch. Sie hört, wie fröhliche Musik sich ihrem Haus nähert, aber sie ist angespannt. Die Hochzeit wurde, wie es Brauch ist, von Heiratsvermittlern arrangiert. Heute wird die Braut ihrem Bräutigam zum ersten Mal begegnen. Sie fragt sich, ob ihr künftiger Ehemann womöglich unfreundlich ist und sie nicht mag. Aber am meisten Sorgen macht sie sich über ihre ungebundenen Füße. Denn gebundene Füße gelten immer noch als Schönheitsideal. Im Alter von fünf oder sechs Jahren müssen kleine Mädchen damit beginnen, sich ihre vier restlichen Zehen unter den großen Zeh zu klemmen und sie fest zusammenzuschnüren, damit sie nicht weiterwachsen. Je fester die Füße gebunden werden, umso kleiner bleiben sie. Die Mädchen sind schließlich so verstümmelt, dass sie sich nur noch auf den Fersen fortbewegen können. Als Reiqings Mutter ihr damals die Füße binden wollte, wehrte sie sich und rannte davon. Aber was werden ihr künftiger Mann und seine Familie wohl zu ihren ungebundenen Füßen sagen?
Der Bräutigam ist einundzwanzig Jahre alt. Er verlässt das Haus noch vor Sonnenaufgang. Kräftige Männer stehen bereit, um zwei Sänften von seinem Dorf zu dem seiner Braut zu tragen. Sie werden von Musikern begleitet, die Trompeten, Zimbeln, Gongs und Bambusflöten spielen. Der Stuhl der Braut ist mit roten und rosafarbenen Seidenwimpeln und Blumen geschmückt. Der des Bräutigams ist in schlichtem Blau gehalten.
Als der Bräutigam eintrifft, ist Reiqing beinahe außer sich vor Angst. Er trägt ein dunkelblaues Gewand aus Baumwolle und einen hohen Hut. Seidenblumen sind an seine Brust geheftet, direkt über dem Herzen. Er kniet nieder, verbeugt sich dreimal und berührt mit seinem Kopf den Boden – gen Norden, in die Richtung des Glücksgottes.
Dann werden Tee, Konfekt, geröstete Sonnenblumenkerne und Erdnüsse gereicht und anschließend ein Festmahl abgehalten. Die Kosten dafür übersteigen bei Weitem die Mittel, über die die Familie der Braut verfügt. Deshalb müssen viele Verwandte und Freunde finanziell etwas beisteuern. Doch dafür wird Reiqings Familie den zahlreichen Gönnern über viele Jahre hinweg nicht nur ihr Geld zurückzahlen, sondern auch unzählige Gefälligkeiten erweisen müssen.
Während sich die Familie des Bräutigams stärkt, sitzt die Braut in gebührendem Abstand auf ihrem Bett, dem Kang. Ein Seidenschleier verbirgt ihr Gesicht. Dies nennt sich »stilles Sitzen«. Sie trägt ein langes dunkelrotes Gewand, das mit rosafarbenen Seidenblumen bestickt ist. Sie hat keinen Schmuck; ihre Familie kann sich einen solchen Luxus nicht leisten.
Gegen Ende der Mahlzeit bringt die Brautmutter ihrer Tochter eine Schale Reis, einen beidseitigen Handspiegel und zehn Paar rot lackierte Essstäbchen. Die Braut muss drei Bissen Reis zu sich nehmen und die letzte Portion in die Tasche ihrer Mutter spucken.
Als Zeichen dafür, dass sie auf ihrem weiteren Lebensweg niemals Hunger leiden wird, wird sie auf dem ganzen Weg bis zum Haus ihrer Schwiegereltern etwas Reis im Mund behalten müssen. Dann steckt sie acht Paar Essstäbchen in die Tasche ihrer Mutter. Die verbleibenden zwei Paar, die mit Kastanien und Datteln geschmückt sind, behält sie. Diese stehen für die baldige Geburt von Söhnen.
Die Braut zittert am ganzen Leib. Tränen strömen über ihr Gesicht. Bald wird sie Ehefrau und Schwiegertochter sein und einer fremden Familie angehören.
»Dummes Kind«, schimpft ihre Mutter. »Hör auf zu weinen! Du kommst in eine Familie, in der es genug zu essen gibt. Willst du für den Rest deines Lebens Hunger leiden?« Sie wischt die Tränen ihrer Tochter behutsam weg und nimmt sie in den Arm. »Ich werde dich immer vermissen und lieben. Kümmere dich gut um deinen Mann, und er wird gut zu dir sein. Sei folgsam, und mache ihn glücklich. Schenke ihm viele Söhne, und achte deine Schwiegermutter.« Sie senkt den Schleier, verhüllt das Gesicht ihrer Tochter wieder und verlässt sie schweren Herzens.
Auf der ersten Hälfte ihrer Reise ins Dorf ihres Bräutigams schluchzt die Braut still vor sich hin. Sie ist noch nie von zu Hause fort gewesen. Sobald sie den halben Weg zurückgelegt haben, ruft einer der Träger: »Dreh deinen Spiegel um!« Sie nimmt den Handspiegel, den man ihr zuvor gegeben hat, und wendet ihn: Mit diesem symbolischen Akt soll sie ihre Vergangenheit besiegeln und in eine neue Zukunft blicken. Die Musiker spielen weiter fröhliche Musik, während die Träger ihren Weg auf der holprigen Landstraße fortsetzen.
Schließlich erreichen sie das Tor zum Anwesen des Bräutigams. In der Mitte des Innenhofs steht ein Tisch, auf ihm lodert ein Feuer in einer Metallschale. Der Bräutigam steigt aus seiner Sänfte und wartet auf seine Braut. Sie ist noch immer verschleiert, zwei seiner Schwestern müssen ihr beim Aufstehen helfen. Gemeinsam schreiten sie zu dem Tisch, während ein Dorfweiser ein altes Gedicht vorträgt. Nur wenige Anwesende verstehen seine Worte, weil kaum jemand eine Schule besucht hat. Braut und Bräutigam knien auf Bambusmatten nieder und verbeugen sich voreinander. Der Bräutigam nimmt die Hände seiner Braut und hilft ihr auf. Sie kann die Flammen nicht sehen, die in der Schüssel flackern, doch spürt sie die Hitze, die das Feuer der Leidenschaft, das Feuer der Liebe symbolisieren soll.
Bevor die Braut ihre ersten gemeinsamen Schritte mit ihrem Mann macht, fährt der vierte Bruder des Bräutigams vorsichtig mit einem Bügeleisen, das mit glühenden Holzkohlen gefüllt ist, über die Sohlen ihres Schuhwerks, um ihren Körper von den Füßen bis zum Herzen zu wärmen. Von ihrem Ehemann geführt, schreitet sie langsam zur Haustür, wo ihnen ein Sattel den Weg versperrt. Er steht für die harten Zeiten, die sie gemeinsam durchstehen müssen. Über diesen steigen sie nun gemeinsam hinweg. Durch ihren Schleier kann Reiqing nichts sehen, und sie befürchtet, sie könne stolpern. Aber ihr Ehemann drückt sachte ihre Hand. »Halt. Jetzt den Fuß heben«, flüstert er. Sie hebt ihr Gewand bis zu den Knien und steigt sicher über den Sattel. Aber sogleich fühlt sie sich ertappt. Sie hat der ganzen Welt ihre ungebundenen Füße gezeigt! Die Familie ihres Mannes wird sicher entrüstet sein.
Ihr Ehemann spürt ihr Zögern. »Gehen wir zum Kang«, sagt er sanft.
Auf einer Ecke des Ofenbetts steht eine dreieckige Holzkiste. Darin befinden sich verschiedene Getreidesorten: Weizen, Mais, Reis, Hirse … sie stehen für die Hoffnung, das frisch vermählte Paar möge sein ganzes Leben lang stets genug zu essen haben.
Zuerst reicht die Braut ihrem Ehemann ein rotes Taschentuch, das ihr ihre Mutter mitgegeben hat. Er legt es in die Kiste. Dann reicht sie ihm die mit Kastanien und Datteln geschmückten Essstäbchen, die er senkrecht in das Getreide spießt.
Der Bräutigam sagt sanft: »Bu yao pa, wu bu hui shang ni.« – Fürchte dich nicht. Ich werde dir nichts tun.
Den ganzen Tag hat sich die Braut danach gesehnt, ihren Schleier endlich lüften zu dürfen. Nun, da es so weit ist, scheut sie davor zurück. Vielleicht findet ihr Mann sie abstoßend. Nervös hebt sie ihren Schleier. Zum ersten Mal in ihrem Leben sehen sie sich an. Die Braut findet ihren Mann gut aussehend. Er hat etwas Ehrliches und Demütiges an sich; es ist Liebe auf den ersten Blick.
Der Bräutigam, Li Tingfan, ist von der Schönheit seiner Braut überwältigt. Sie sitzen nebeneinander, bis ihre »Weitet euer Herz«-Nudeln aufgetischt werden, die die gegenseitige Annahme ihres Schicksals und ihrer Schwächen symbolisieren. Dann folgt der »Wärmt euer Herz«-Reiswein, den sie mit verschlungenen Armen aus der Schale des jeweils anderen trinken.
Die Brüder des Bräutigams, ihre Ehefrauen und seine Schwestern treten nacheinander vor, um den Frischvermählten ein glückliches Leben zu wünschen. Die jüngste Schwester des Bräutigams, die etwa so alt ist wie Reiqing, flüstert: »Ich bin ja so froh, dass du große Füße hast! Ich habe nämlich auch welche!« Sie zwinkert ihrer neuen Schwägerin zu und wirbelt kichernd aus dem Zimmer. Reiqing ist überglücklich.
Der Bräutigam wird zum Festessen gerufen, während die Braut mit dem traditionellen »Zeit absitzen« beginnt. Drei Tage muss sie aufrecht im Lotussitz verbringen und von morgens bis abends in dieser Position verharren. In diesen drei Tagen kommen viele Verwandte, Freunde und Nachbarn zu Besuch. Am ersten Abend findet der Brauch des »Chaosstiftens« statt, bei dem die Frischvermählten viele Streiche und Scherze über sich ergehen lassen müssen, vor allem die Braut.
Schon am vierten Tag besucht die Braut zusammen mit ihrem Ehemann ihre Familie. Ihre Eltern mögen ihren neuen Schwiegersohn und freuen sich für ihre Tochter. »Sei dankbar für das, was du hast«, sagt ihre Mutter. »Sieh nicht zurück. Du gehörst jetzt zur Familie Li.«
Reiqing weiß, dass ihre Mutter recht hat. Als sie hinten in den Wagen steigt und zum letzten Mal auf ihr Heimatdorf zurückblickt, vergießt sie keine einzige Träne mehr. Sie weiß, dass sie jetzt nicht mehr Teil ihrer elterlichen Familie ist. Nicht nur ihr Name, sondern auch ihr Lebensmittelpunkt haben sich für immer verändert. Und sie begreift: Ihr Schicksal liegt vor ihr.
So begann das gemeinsame Leben dieses jungen Ehepaares, meiner Eltern, in Tsingtau im Jahre 1946. Meine Mutter blickte auf ihren starken Ehemann, der vorne im Wagen saß, und wähnte sich glücklich und stolz. Und in diesem Moment ergriff sie das tiefe Bedürfnis, ihren Ehemann zu verstehen und gut für ihn zu sorgen. Sie beugte sich nach vorne zu meinem Vater, um ihn zu fragen, ob sie sich neben ihn setzen dürfe. Ohne ein weiteres Wort rutschte er zur Seite und ließ seine Frau neben sich Platz nehmen.
Nach ihrer Hochzeit lebten meine Eltern im sogenannten Neuen Dorf in der Nähe von Tsingtau, in der Provinz Shandong. Wie alle anderen Einwohner des Dorfes war auch die Familie Li im Zweiten Weltkrieg von den japanischen Besatzern dorthin zwangsumgesiedelt worden. Der angestammte Wohnort meiner Familie väterlicherseits hatte einem Flughafen weichen müssen, den die Japaner dort errichteten. Nun, ein Jahr nach Kriegsende, stand das Dorf unter der Kontrolle einer der Bauernkommunen, die von der kommunistischen Zentralregierung in allen ländlichen Gebieten Chinas ins Leben gerufen worden waren.
Meine Mutter und mein Vater lebten zusammen mit den sechs Brüdern meines Vaters, deren Ehefrauen und Kindern sowie seinen beiden Schwestern in einem Haus – über zwanzig Personen, die sich auf engstem Raum wenige Zimmer teilen mussten. Als jüngste Schwägerin stand meine Mutter in der Hierarchie der Familie Li ganz unten. Also musste sie besonders hart arbeiten, um sich als würdig zu erweisen.
Meinen Vater sah sie oft erst spät am Abend wieder, weil er, um ausreichend Geld zu verdienen, zwei Berufen nachgehen musste. Wenn er nicht auf den Feldern arbeitete, transportierte er Baumaterial und war auf diese Weise den ganzen Tag unterwegs. Ihr karges Abendessen nahm die Familie bei Kerzenschein ein, wobei die Männer an einem großen Tisch aßen, während sich die Frauen und Kinder um kleinere Tische gruppierten.
Zu den Pflichten der Frauen gehörte es, zu nähen, zu waschen, zu putzen und zu kochen. Meine Mutter gab sich die größte Mühe, und weil sie schnell und gewissenhaft arbeitete, gewann sie bald die Anerkennung ihrer Schwiegermutter. Gut zu kochen galt als Zeichen von Liebe und Fürsorge. Wegen ihrer ungebundenen Füße wurde meine Mutter oft losgeschickt, um den auf dem Feld arbeitenden Männern ihr Essen zu bringen. Ihre Schwägerinnen beneideten sie um diese Freiheit.
Schon im ersten Jahr ihrer Ehe meiner Eltern starb meine Großmutter, deswegen besuchte meine Mutter fortan ihren Vater einmal im Jahr. Sie tat dies eher aus Pflichtgefühl als aus Liebe, denn er hatte ihr nie dieselbe Zuneigung entgegengebracht wie seinen Söhnen. Ein Sohn konnte Feldarbeit leisten, eine Schwiegertochter ins Haus bringen und die Blutlinie fortsetzen. Töchter hingegen brachten wenig ein, sondern kosteten im Gegenteil viel Geld, wenn man sie verheiratete.
Meine Eltern lebten weiterhin im Haus der Familie meines Vaters. Ihr erster Sohn kam etwa ein Jahr nach der Hochzeit auf die Welt, der zweite nur knapp zwei Jahre später, der dritte zwei weitere Jahre danach und der vierte 1955. So ging es weiter, bis meine Mutter schließlich als »die vom Glück gesegnete Frau mit den sieben Söhnen« bekannt wurde.
Das stets überfüllte Haus meiner Familie hatte einen kleinen Innenhof, den in späteren Jahren hohe Steinmauern umgaben. Das Haus selbst war aus großen Steinen, Ziegeln und gebrannten Fliesen gebaut. Es bestand aus vier Räumen: zwei kleinen Schlafzimmern, einem etwas größeren Schlafzimmer und der Küche, die gleichzeitig als Wohnzimmer diente. Sie verfügte über zwei eingebaute Woks, ausgestattet mit großen Blasebälgen, mit denen sich das Feuer regulieren ließ. Die Schränke waren direkt ins Mauerwerk hineingebaut worden. Es gab weder einen Kühlschrank noch fließendes Wasser, nur einen großen Tontopf, in dem das Trinkwasser aufbewahrt wurde. Die Woks standen direkt an den mit Zeitung ausgekleideten Schlafzimmerwänden, in die auch die Kamine eingelassen waren. Die Hitze und der Rauch der Wokfeuer zogen unter die Lehmziegelbetten und entwichen durch die Wände nach draußen. Eigentlich sollten die Lehmziegel die Wärme eine Weile speichern, doch es blieb nicht aus, dass im Laufe der Nacht unsere Betten immer kälter wurden.
Der Fußboden bestand aus rötlicher Erde und wurde bei Regen regelmäßig feucht und damit unbrauchbar. Immer wenn das geschah, musste mein Vater den nassen Boden abtragen und dann auf einen trockenen Tag warten, um ihn durch neue Erde zu ersetzen, die er mit einem großen Holzhammer festklopfte.
Unsere gesamte Kleidung wurde in Pappmascheeschachteln aufbewahrt, die meine Mutter anfertigte. Diese wurden tagsüber auf zwei kleinen Betten gestapelt und nachts auf den Boden gestellt. Neben diesen zwei kleinen Betten gab auch ein Hauptbett, das in etwa so groß war wie ein kleines Doppelbett. Als unsere Familie schließlich komplett war, waren wir insgesamt neun Personen – also meine Eltern und wir sieben Söhne –, die sich diese drei Betten miteinander teilen mussten. Und weil wir nicht mehr Platz hatten, diente uns das Schlafzimmer zugleich als Esszimmer.
Jeden Morgen erwachten wir in unseren eiskalten Betten, rollten als Erstes die Decken zusammen und räumten sie weg. Übrig blieb eine Bambusmatte, auf die ein Holztablett kam. Um dieses Tablett herum versammelten wir uns im Schneidersitz und nahmen auf diese Weise alle unsere Mahlzeiten ein. Allerdings passten wir nicht alle gleichzeitig auf das Bett, und so mussten sich drei der älteren Söhne neben dem Bett auf Holzhocker setzen.
Wasser holte meine Familie am Dorfbrunnen. Zum Haus transportiert wurde es in zwei Eimern, von denen jeweils einer an die beiden Enden einer Bambusstange gehängt wurde, die man sich dann auf die Schultern legte. So konnten immer zwei Eimer gleichzeitig getragen werden. Die Erwachsenen und die größeren Jungen trugen große Eimer, die kleinen Jungen kleinere Eimer. Zum Baden wurde Wasser in einem Wok erhitzt und dann in große Waschschüsseln gefüllt. Eine richtige Badewanne hatten wir nicht. (Es gab zwar eine öffentliche Badeanstalt in der Kommune, die von über Zehntausend Menschen frequentiert wurde, doch konnte sich meine Familie einen Besuch nicht leisten.) Wir besaßen kein Badezimmer, nur eine Toilette – ein in die Erde gegrabenes Loch, das sich im Vorhof befand. Rechts und links davon lagen zwei parallele Holzbretter, auf denen man stehen oder kauern konnte. Es gab nicht einmal ein Dach, sodass es im Winter eiskalt war. Die eine Hälfte der Toilette war in die Mauer gebaut, die andere Hälfte befand sich außerhalb, damit das Abwasser gesammelt und als Dünger auf die Felder gebracht werden konnte. Ein vom Dorf beauftragter Mann füllte das Abwasser in zwei Fässer, die links und rechts an seiner Schubkarre angebracht waren, die er durch die engen Straßen schob. Jeder machte ihm stets Platz, damit er passieren konnte. Eines Tages stieß er jedoch mit einem Fahrrad zusammen, und der Inhalt der Fässer ergoss sich auf die Straße. Was für ein bestialischer Gestank! Selbst nachdem die Anwohner den mit Kot verunreinigten Bereich mehrmals mit Wasser gesäubert hatten, blieb der Geruch haften, und alle machten noch lange danach einen großen Bogen um diese Straße. In ihrer Wut verlangten einige Nachbarn die Absetzung des unfähigen Mannes, doch fand sich niemand, der diese Aufgabe übernehmen wollte.
Meine Familie musste buchstäblich jeden Zentimeter ihres Vorhofs nutzen, um über die Runden zu kommen. Und so waren dort ein kleines Gemüsebeet, Bohnenranken, die sich an der Mauer emporwanden, und ein Stall untergebracht, in dem ein paar abgemagerte Schweine hausten. Nie gab es genug für alle zu essen, die Schweine eingeschlossen. Außerdem hatten wir einen Hühnerstall, aber auch das Federvieh hatte nicht genug Futter und legte deshalb auch nicht viele Eier.
Die Kommune wies jeder Familie im Dorf ein Stück Land zu. Meiner Familie gehörten knapp zweihundert Quadratmeter, auf halber Höhe des nördlichen Hügels, etwa fünfzehn Gehminuten von unserem Haus entfernt. Die Fläche war so klein, dass man darauf nur Grundnahrungsmittel wie Mais und Yamswurzeln anbauen konnte. An Sonntagen bestellte die gesamte Familie gemeinsam mit dem Vater das Feld. Das Land der Kommune war in Stufenterrassen unterteilt, die so klein waren, dass man keine Maschinen einsetzen konnte und die gesamte Arbeit ausschließlich mit der Hand verrichtet werden musste. Dafür standen lediglich so einfache Hilfsmittel wie Schaufeln, Picken, Hacken, Sicheln und Pflüge zur Verfügung.
Was die Dorfbewohner anbauten und ernteten, hing vom Wetter und Glück ab. Sie hatten kein Mitspracherecht darüber, was angebaut werden durfte: Diese Entscheidung wurde von der Zentralregierung in Peking getroffen. Die Gegend, in der meine Familie lebte, pflanzte im Winter überwiegend Weizen an, ansonsten Mais, Yamswurzeln und Hirse. Den größten Teil davon kaufte die Regierung zu einem festgesetzten Preis auf und brachte ihn dann in den Handel. Der Rest wurde unter den Bauern aufgeteilt, abhängig davon, wie groß deren Familien waren und wie viele Punkte sie im Laufe des Jahres gesammelt hatten. Der Leiter jeder Arbeitsgruppe des Dorfes hielt täglich fest, wer wie viele Stunden gearbeitet hatte. Am Ende des Jahres versammelten sich die Bauern und verhandelten über die Punkteverteilung. Pro Tag konnte ein Mann maximal zehn Punkte verdienen – umgerechnet etwa einen Yuan (damals ungefähr siebzehn US-Cents). Frauen bekamen etwa die Hälfte.
In einem Jahr brach eine heftige Dürreperiode über das Land herein. Es gab eine Missernte, und niemand erhielt auch nur einen einzigen Yuan. Das Dorf musste bei der Bezirksregierung einen Kredit aufnehmen und verlieh das Geld an die Familien, damit sie sich die lebensnotwendige Nahrung kaufen konnte. Es dauerte über zwei Jahre, um diesen Kredit zurückzuzahlen, und trotzdem blieb der Landbevölkerung in diesem Hungerjahr nichts anderes übrig, als alles zu essen, was ihr in die Finger kam – nicht nur allerlei Insekten und anderes Getier, sondern auch unbelebte Dinge wie Baumrinde.
Meine Familie war sehr arm, doch gab es in unserer Kommune Menschen, die noch weniger hatten als wir. Zu der Zeit, als ich auf die Welt kam, lief Maos Kampagne »Großer Sprung nach vorn« bereits seit drei Jahren und hatte fast die gesamte chinesische Landwirtschaft zum Erliegen gebracht. Diese Misswirtschaft sowie anhaltend schlechtes Wetter führten schließlich zu einer der größten Hungersnöte, die die Welt je gesehen hat. Beinahe dreißig Millionen Chinesen starben in jenen Jahren. Und auch meine Eltern kämpften verzweifelt ums nackte Überleben.
Ich war der sechste Sohn meiner Eltern und kam am 26. Januar 1961 auf die Welt. Meine Eltern waren damals bereits fünfzehn Jahre verheiratet. Unsere Nana, meine Großmutter väterlicherseits, wohnte nebenan, und der vierte Bruder meines Vaters (wir nannten ihn vierter Onkel) wohnte gleich neben ihr. Der Familie unseres dritten Onkels gehörte das Haus gegenüber von uns. Er starb ziemlich jung und hinterließ vier Töchter und einen Sohn. Mein Vater, den wir Dia nannten, und unser vierter Onkel wurden so etwas wie ihre Ersatzväter.
Als ich gerade einmal fünfzehn Monate alt war, ließ meine Niang, meine Mutter, mich eines Tages in eine Baumwolldecke gewickelt auf dem Kang liegen, bevor sie in die Küche ging, um für das chinesische Neujahrsfest Klöße vorzubereiten. Chinesische Mütter pflegen ihre Babys fest in Decken einzuwickeln, die Arme liegen dabei eng am Körper an, und das Gesicht zeigt nach oben. An jenem Tag musste meine Niang so viele Klöße dämpfen, dass sie völlig vergaß, dass das Kang, auf dem ich lag, mit der Zeit siedend heiß wurde. Als ich es vor Hitze nicht mehr aushielt, konnte ich irgendwie meinen rechten Arm befreien, um mir etwas Erleichterung zu verschaffen. Dabei zog ich mir aber schwere Verbrennungen zu.
Als meine Niang meine Schreie hörte, dachte sie, ich sei hungrig. Da sie gerade nicht stillen konnte, reagierte sie zunächst nicht. Als sie kam, um nach mir zu sehen, hatten sich an meiner Ellbogenpartie bereits große Brandblasen gebildet.
Zwei Tage später war mein Arm geschwollen und knallrot. Meine Eltern konnten es sich nicht leisten, mich ins Krankenhaus zu bringen. Ich bekam hohes Fieber und schrie Tag und Nacht. Schließlich liehen sie sich etwas Geld von unseren Verwandten und Freunden, um mich doch in die Klinik zu bringen. »Ihr Sohn hat eine starke Entzündung«, informierte der Arzt meine Eltern. »Das Einzige, was Sie tun können, ist, eine Kräutertinktur aufzutragen.«
»Und wenn die nicht wirkt?«, fragte meine Niang besorgt.
»Dann kann es sein, dass er seinen rechten Arm verliert«, erwiderte er.
Meine Eltern konnten und wollten sich nicht damit abfinden, dass ich mit nur einem Arm aufwachsen könnte, und besorgten sich daher in der Dorfapotheke einige Kräuter. Meine Niang folgte den Anweisungen des Arztes und verkochte sie im Wok zu einem dicken Sud. Diesen trug sie dann auf meinen Arm auf. Doch die Brühe machte alles nur noch schlimmer.
Meine Niang geriet in Panik. Sie brachte mich zu einer Reihe von heilkundigen Männern und Frauen, die in unserer Gegend lebten, doch ohne Erfolg. Aber dann fiel meiner vierten Tante etwas ein: »Ein alter Heiler erzählte meiner Mutter einmal, dass bei Entzündungen Bai-Fang hilft.« Bai-Fang war ein säurehaltiger Fleischzartmacher. Da alle anderen Möglichkeiten bereits ausgeschöpft waren, beschloss meine Niang, es damit zu versuchen.
Als sie das Bai-Fang auftrug, schrie ich wie am Spieß. Sie konnte es nicht mitansehen, wie ihr Sohn solche Schmerzen leiden musste, und unterbrach die Behandlung.
Aber meine vierte Tante glaubte immer noch, dass ihr Hausmittel wirkte. »Ni tai sin yuen la!« Du bist zu weich, warf sie meiner Niang vor. Sie verriegelte die Tür, zerstieß das Bai-Fang zu Pulver und rieb große Mengen davon auf meine offenen Wunden. Ich schrie unablässig. Jede Stunde wusch sie meinen Arm mit warmem Wasser ab und trug das Bai-Fang aufs Neue auf.
Jahre später gestand meine Niang: »Ich stand draußen vor der Tür der Tante, und mein Herz blutete bei jedem deiner Schreie. Ihr Klang war wie tausend scharfe Messer, die sich in mein von Schuld zerfressenes Herz bohrten! Etliche Male hämmerte ich an die Tür deiner vierten Tante und versuchte, dich ihr zu entreißen. Aber sie beachtete mich nicht. Und heute danke ich den Göttern für ihre Entschlossenheit.«
Meine vierte Tante war sich selbst nicht sicher, ob die Bai-Fang-Behandlung Wirkung zeigen würde. Und auch sie gab angesichts meines kläglichen Schreiens an jenem Tag mehrmals beinahe auf. Aber ihre Entschlossenheit rettete mir letztlich den Arm. Die Entzündung verschwand allmählich, allerdings blieb eine große Narbe zurück, die ich später in Augenblicken höchster Not zu berühren pflegte. Sie wurde meine Verbindung zu meiner Niang, ein Zeichen, das mich an ihre Liebe erinnerte.
Drei Jahre später brachte meine Niang ihren siebten Sohn auf die Welt, meinen jüngsten Bruder Cungui, den wir alle immer nur bei seinem Spitznamen »Jing Tring« riefen. Meine Eltern machten sich große Sorgen, denn sie wussten, dass sie eigentlich noch nicht einmal für die sechs Söhne, die sie schon hatten, genug zu essen auftreiben konnten.
Jede Familie erhielt monatlich eine kleine Ration Fleisch, Meeresfrüchte und Eier sowie Öl, Sojasoße, Zucker, Salz, Weizen- und Maismehl, Reis und Kohle. Aber diese Notrationen reichten natürlich hinten und vorne nicht.
Wir aßen damals eine Menge getrockneter Yamswurzeln, weil sich diese am leichtesten anbauen ließen. Ich wurde oft gegen fünf Uhr morgens geweckt, um noch vor der Schule mit meinen älteren Brüdern auf die Yamsfelder zu gehen. Jeder von uns trug eine Schaufel und einen Bambuskorb bei sich. Wir gruben nach Wurzeln, die von den Bauern bei der Ernte übersehen worden waren. Die Hoffnung, diese zum Frühstück essen zu können, trieb uns an. Aber oft waren die Felder bereits von anderen, ähnlich Verzweifelten abgesucht worden, und wir kehrten mehr als einmal mit leeren Händen nach Hause zurück.
Im Sommer waren alle Vorhöfe und Dächer im Dorf mit Yamsscheiben bedeckt, die in der Sonne zum Trocknen ausgelegt waren. Sie sahen wie Schneeflocken aus. Manche legten sie sogar auf die Straße. Wenn es regnete, mussten sie allerdings schnell aufgesammelt werden: Denn in feuchtem Zustand fingen sie bald an zu faulen. Wenn sie erst einmal getrocknet waren, wurden die Yamsscheiben in einem großen Tontopf aufbewahrt.
Getrocknete Yamswurzeln waren für einen Großteil des Jahres unser Hauptnahrungsmittel. Es gab getrocknete, gedämpfte oder gekochte Yams zu essen, nahezu täglich, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Sie schmeckten nach rein gar nichts und blieben uns oft im Hals stecken. Dann spülten wir sie mit einer Schale heißem Wasser herunter oder, wenn wir Glück hatten, mit dünnem Reis-, Weizen- oder Maisbrei. Getrocknete Yams waren in meiner Familie das am meisten gehasste Nahrungsmittel – doch gab es andere Bewohner in der Kommune, die sich nicht einmal das leisten konnten. Ja, man kann tatsächlich sagen, wir hatten trotz dieser erbärmlichen Zustände mehr Glück als so viele andere. Vor allem mehr Glück als die dreißig Millionen Chinesen, die damals verhungerten. Ohne die getrockneten Yamswurzeln hätten wir ihr Schicksal geteilt.
Die Mahlzeiten in meiner Familie waren für meine Niang eine traurige Angelegenheit, denn immer wieder kam es vor, dass sie nichts hatte, das sie hätte zubereiten können. Wir blickten oft auf das wenige Essen, das auf dem Holztablett stand, und warteten aus Respekt vor den Älteren darauf, dass unser Dia den ersten Bissen zu sich nahm. Eines Tages, als meine Niang wieder einmal das Abendessen anrichtete, war klar, dass nicht genug für alle da war.
Da sagte unser Dia: »Ich habe keinen Hunger. Ich habe gut zu Mittag gegessen.« Jeder von uns wartete mit gezückten Essstäbchen, doch wir zögerten. Unsere Niang warf unserem Dia einen empörten Blick zu und schnalzte dabei mit der Zunge. »Ts. Wehe, du rührst das Essen nicht an! Wenn du nicht bei Kräften bleibst, steht die Sicherheit unserer ganzen Familie auf dem Spiel. Wenn es sein muss, trinken wir anderen eben nur Wasser!«
»Ich habe aber gar keinen Hunger«, protestierte unser Dia.
Unsere Niang nahm mit ihren Stäbchen etwas Essen und legte es in die Schüssel unseres Dia. Und erst nachdem er den ersten Bissen genommen hatte, fingen auch wir an zu essen. Unsere Eltern aßen immer langsam, damit mehr für uns Kinder übrig blieb. Bei vielen Gelegenheiten sagte uns unsere Niang, wir sollten die besten Stücke unserem Dia überlassen, weil er mit seinem Verdienst für uns sorgte. Aber unser Dia sagte uns, wir sollten unserer Niang die besten Stücke geben: Denn ohne sie stünde für uns nur »Nordwestwind« auf dem Speiseplan.
Fleisch war rar und nur selten zu bekommen. Einmal im Monat reihten wir uns auf dem Markt in eine Warteschlange ein, um ein möglichst fettes Stück Schweinefleisch zu erstehen.
Eines Nachmittags hörte meine Niang, dass der Metzger in unserer Kommune Schweinefleisch anbot, allerdings nur für wenige Stunden. Sie lieh sich einen Yuan von meiner vierten Tante und trug mir auf, schnell zum Metzger zu laufen, weil sie befürchtete, dass das Fleisch bald ausverkauft sein würde. Als ich ankam, hatten sich bereits drei lange Warteschlangen gebildet. Eine Stunde später gab ich dem Kassierer mein Geld sowie unsere Essensmarke und bekam dafür ein kleines Stück durchwachsenes Schweinefleisch. Ich war außer mir vor Freude! Ich wusste, dass meine Niang glücklich sein würde.
Sie war begeistert. Sie schnitt das Fleisch in kleine Stücke und fing an, es auszulassen. Ich bediente dabei den Blasebalg. Mein Magen knurrte bei dem leckeren Duft und dem Brutzeln. »Was für ein gutes Stück Fleisch!«, sagte sie und reichte mir eine Schüssel, in dem sich ein kleines Stück Speck befand, das noch heiß war und zischte. Es zerging auf der Zunge – nichts auf der Welt konnte besser schmecken.
Meine Niang schnitt einen Kohl in Streifen, den sie ebenfalls zubereiten wollte. »Darüber wird sich dein Dia sicher freuen!«
Als das Kohlgericht am Abend aufgetischt wurde, schwammen sogar Fettaugen auf der Soße. Mein zweiter Bruder entdeckte ein kleines Stück Fleisch in seinem Kohl und legte es in die Schüssel unseres Dia. Der reichte es sofort an unsere Niang weiter. Unsere Niang gab es ihm wieder zurück. »Sei nicht albern!«, sagte sie. »Du brauchst es, damit du auf der Arbeit bei Kräften bleibst.«
Mein jüngster Bruder saß neben unserem Dia. Vater wandte sich ihm zu und sagte: »Jing Tring, zeig mir mal deine Zähne.« Der tat, wie ihm geheißen, und noch bevor unsere Niang etwas sagen konnte, legte er das Stückchen Fleisch in den Mund meines Bruders. Meine Niang stieß daraufhin einen langen, traurigen Seufzer aus.
So lief es immer ab. Tagtäglich zur Essenszeit richteten sich sieben hungrige Augenpaare auf unsere Eltern, aber uns allen war schon sehr früh klar, wie schwierig es war, überhaupt etwas zu essen aufzutreiben.
Um uns alle durchzubringen, arbeitete meine Niang jede freie Stunde auf den Feldern, nebenbei kochte sie und kümmerte sich um uns Kinder. Trotzdem waren die Zeiten sehr schwer, und oft genug musste sie sich überwinden und sich von Verwandten oder Nachbarn Essen leihen. Sie konnte aus praktisch jeder Zutat schmackhafte Gerichte zaubern …mit Ausnahme von getrockneten Yams. Ich liebte es, meiner Niang beim Kochen zuzusehen. Während ich den Blasebalg bediente, konnte ich ungestört mit ihr reden und für kurze Zeit ihre ungeteilte Aufmerksamkeit genießen. Ich stellte ihr viele Fragen über die Zubereitung von Nahrungsmitteln und lernte beispielsweise, in welcher Reihenfolge man bestimmte Gewürze zufügt oder wodurch sich ein guter Koch auszeichnet.
Trotz unserer Armut waren unseren Eltern Werte wie Würde, Ehrlichkeit und Stolz überaus wichtig. Unser guter Familienname war ihnen heilig und sollte um jeden Preis bewahrt werden.
Eines Tages, ich war etwa fünf Jahre alt, spielte ich bei einem Freund. Sien Yu war so alt wie ich. Sein Onkel, der in der Stadt lebte, hatte ihm ein kleines Spielzeugauto geschenkt, mit dem er mich eine Weile spielen ließ. Ich liebte es heiß und innig. Als er ins Haus ging, um sich etwas zu trinken zu holen, nahm ich es an mich und rannte nach Hause.
»Woher hast du das?«, fragte meine Niang argwöhnisch.
»Ich … ich hab’s auf der Straße gefunden.«
Sie wusste, dass ich log. Niemand in unserer Gegend konnte es sich leisten, Geld für Spielsachen auszugeben. Sie packte mich und zerrte mich zurück zu Sien Yus Haus. Sie fragte seine Mutter: »Gehört das Spielzeugauto Ihrem Sohn?«
Sien Yus Mutter nickte.
»Es tut mir furchtbar leid, aber ich glaube, mein Sohn hat es gestohlen«, sagte meine Niang.
»Regen Sie sich nicht auf«, antwortete Sien Yus Mutter. »Ihr Sohn ist noch zu jung, um zu verstehen, was das bedeutet.«
»Ich schäme mich für das, was mein Sohn getan hat!«, sagte meine Niang und entschuldigte sich überschwänglich. Sie versuchte, mich ebenfalls dazu zu bewegen, Abbitte zu leisten, aber ich schämte mich zu sehr. Ich wollte, ich hätte das Spielzeugauto niemals gesehen. Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als dass sich ein Loch auftäte, in das ich mich hätte verkriechen können. Ich versuchte, mich dem festen Griff meiner Niang zu entreißen. Ich wollte davonlaufen. Ich hasste meine Niang dafür, dass sie mich in aller Öffentlichkeit dermaßen bloßstellte. Sie wurde immer lauter, so als wollte sie, dass die ganze Welt von meinem Fehltritt erfuhr. Ich schrie und bockte auf dem ganzen Weg nach Hause.
Sobald wir dort angekommen waren, zog sie mich an sich, schloss mich fest in die Arme und schluchzte. Es war, als wäre sie genauso sehr gedemütigt worden wie ich. »Es tut mir so leid, dir das anzutun«, flüsterte sie mir ins Ohr. »Es tut mir so leid, dass wir dir kein Spielzeugauto kaufen können.« Nach einem kurzen Augenblick fuhr sie fort: »Ich bin ein törichtes Weib, weil ich euch alle in diese grausame Welt gesetzt habe! Ihr verdient es nicht, so zu leiden!« Ich spürte ihre Tränen auf meinem Haar. »Wir sind zu arm! Wir sind mit einem Leben gestraft, aus dem es kein Entrinnen gibt.«
Es brach mir das Herz, sie so traurig zu sehen. »Eines Tages werde ich dafür sorgen, dass du immer genug Essen hast! So wahr ich lebe!«, schwor ich ihr damals.
An jenem Tag fing mein Dia an, uns während des Abendessens einige grundlegende ethische Lektionen zu erteilen. »Obwohl wir kein Geld haben, kein Essen, keine teure Kleidung, obwohl wir nur in einem kleinen, ärmlichen Haus leben, haben wir doch eines: STOLZ. Stolz ist das wertvollste Gut in unserem Leben. Trotz der vielen Widrigkeiten, die unsere Vorväter erdulden mussten, bewahrte sich die Familie Li stets ihren guten Ruf. Ich möchte, dass sich jeder von euch eines merkt: Verliert niemals euren Stolz und eure Würde, ganz gleich, wie hart euch das Leben auch mitspielen mag.«
Meine Erinnerungen an meine Eltern drehen sich vor allem um die harte Arbeit, die ihr Leben bestimmte. Unser Dia war oft schon vor halb sechs Uhr morgens auf den Beinen, meine Niang musste sogar noch früher aufstehen, um ihm das Frühstück zu machen. Unaufhörlich war sie mit Kochen, Waschen und Nähen beschäftigt, sodass sie kaum noch Zeit oder Energie dafür hatte, jedem Einzelnen von uns genug Aufmerksamkeit zu schenken. Entsprechend heftig kämpften wir oft um ihre Liebe und Anerkennung. Sie kochte nicht nur alle Mahlzeiten für uns, sie nähte auch alle Kleidungsstücke, Stepp- und Bettdecken selbst. Unsere Schmutzwäsche trug sie entweder zum Fluss, der etwa zwanzig Gehminuten südlich von unserem Haus gelegen war, oder den Damm hinauf auf den Nordhügel. Auch wenn unsere Kleidung irgendwann riss und geflickt werden musste, so war sie doch stets makellos sauber. Denn unsere Mutter legte großen Wert auf das gepflegte Erscheinungsbild ihrer sieben Söhne.
Wir mussten immer besonders darauf achten, dass uns nicht mitten im Winter die Kohle zum Heizen und Kochen ausging. In ganz China herrschte ein großer Mangel an Steinkohle. Jede Familie erhielt nur eine kleine Ration, die sehr lange reichen musste und deshalb für uns so kostbar war, dass wir sie nur benutzten, um mit ihr die halb verbrannte Kohle zu entzünden, die in Fabriken oder Heizkraftwerken anfiel, von dort abtransportiert wurde und ihren Weg irgendwie in die Haushalte fand. Wenn wir etwas von dieser halb verbrannten Kohle am Straßenrand oder im Abfall entdeckten, lasen wir sie auf und nahmen sie mit. Halb verbrannte Kohle war allerdings schwer entzündbar und ließ sich nur mit Steinkohle am Brennen halten. Meine Niang zündete mithilfe des Blasebalgs zuerst ein wenig getrocknetes Gras an, das wir im Sommer gesammelt hatten. Dann gab sie die beiden Kohlesorten in einem bestimmten Verhältnis hinzu, bis alles zuverlässig brannte. Manchmal konnte dieser Vorgang bis zu fünfzehn Minuten dauern. In windigen Nächten zog der Rauch von der Kochstelle durchs ganze Haus, und wir wachten am Morgen hustend und nach Luft ringend auf.
Die kleine Menge Steinkohle, die uns zugewiesen wurde, versuchten wir uns nach Möglichkeit für den Winter aufzuheben. In Tsingtau konnte es bis zu minus fünfzehn Grad kalt werden; oft fühlte es sich im Haus aber deutlich kälter an als draußen.
Das Leben war für meine Eltern in jeder Hinsicht beschwerlich. Sie mussten sogar ihr Bett mit uns teilen. Jing Tring und ich schliefen bei ihnen, bis ich elf Jahre alt war. Insgesamt schliefen wir also zu viert in einem Bett, wobei Jing Tring und ich Kopf an Fuß schlafen mussten. Ich hasste es, mit den stinkenden Füßen meines kleinen Bruders im Gesicht aufzuwachen, und ihm ging es sicher nicht anders, noch dazu, weil ich größer war als er. Manchmal rollte er sich auf meine Seite des Kangs und zog die Decke im Schlaf an sich, sodass ich meinen Anteil wieder zurückerobern musste. Aber trotzdem genoss ich es, bei meinen Eltern zu schlafen. Es gab mir ein Gefühl von Geborgenheit.
Weil sie solch ein hartes Leben führte, sah ich meine Niang selten lächeln, doch wenn sie es tat, ging mein Herz auf wie eine Lotusblume.
Meine Niang galt als eine der besten Schneiderinnen im Dorf. Meine Eltern konnten es sich schlichtweg nicht leisten, Kleidung zu kaufen. Da meine Niang keine Nähmaschine besaß, erledigte sie alles in Handarbeit. Es war üblich, dass die älteren Frauen ihr Wissen an die jüngeren weitergaben, und so kamen sie oft in unserem Haus zusammen, um zu nähen, Tee zu trinken und den neuesten Klatsch auszutauschen. Die Nähkünste meiner Niang wurden allseits bewundert. Ihre Nähte sahen aus, als wären sie maschinell hergestellt worden – die Stiche waren klein und absolut gleichmäßig.
Meine Niang wurde auch in den umliegenden Dörfern von jedermann, ob jung oder alt, angesehen und geschätzt. Ebenso wie mein Dia versuchte sie anderen stets zu helfen – trotz ihrer eigenen Armut. Daher war sie nicht nur als »die vom Glück gesegnete Frau mit den sieben Söhnen« bekannt, sondern auch als das »lebende Juwel«.
Zugleich war sie eine Frau, die neuen Ideen gegenüber stets aufgeschlossen war. Im Zuge von Maos Kulturrevolution hatte die Rote Garde Abendschulen eingerichtet, um der ungebildeten Landbevölkerung Maos kommunistische Ideologie zu vermitteln. Und jeder Chinese erhielt ein Exemplar seines berühmten Roten Buchs – ob er es lesen konnte oder nicht. Ich war sechs Jahre alt und erinnere mich, dass wir eines Tages Besuch von zwei übereifrigen Rotgardistinnen erhielten, die meiner Mutter das Lesen beibringen wollten. Sie hatte zwar niemals gelernt, Schriftzeichen zu lesen oder zu schreiben, konnte aber ganze Abschnitte des Roten Buchs auswendig vortragen. Sie pflegte sich die Passagen einzuprägen, während sie wusch, sauber machte, nähte und kochte: Ich sah oft, wie sich ihre Lippen bewegten, während sie die Textstellen stumm vor sich hin sprach. Sie galt als kommunistische Musterschülerin.
Eines Tages, meine Niang versuchte gerade den Herd zu schüren, um das Abendessen zu machen, kamen eben die erwähnten zwei jungen Mädchen der Roten Garde in unser Haus, um sich ein Bild von ihren Fortschritten zu machen. Meine Mutter hatte bereits einen anstrengenden Tag hinter sich und große Mühe, die halb verbrannte Kohle zu entzünden. Sie war höflich und erklärte, dass sie im Augenblick keine Zeit habe und die beiden zu einem späteren Zeitpunkt wiederkommen sollten. Gerade als sie mit dem Kochen anfangen wollte, kamen die Mädchen wieder. Sie bestanden darauf, meine Niang abzufragen, um zu überprüfen, wie viel sie sich von Maos Rotem Buch gemerkt hatte, da sie ihrem Gruppenleiter Bericht erstatten mussten.
Ich konnte sehen, wie meine Niang wütend wurde. Schließlich sagte sie zu mir, ich solle aufstehen, und bat eines der Mädchen, den Blasebalg zu bedienen. Dem zweiten Mädchen drückte sie ihren Bratenwender in die Hand und forderte sie auf, das Kochen zu übernehmen. Aber die Mädchen waren verwirrt und standen einfach nur da. Da riss meiner Niang der Geduldsfaden, und sie brüllte los: »Ich könnte die Weisheiten des Vorsitzenden Mao den lieben langen Tag lernen, von früh bis spät, aber wer macht dann sauber, wer wäscht und kocht dann? Wer badet meine Söhne, näht ihre Kleidung, kocht für meine Familie – jahraus, jahrein? Glaubt ihr etwa, die Worte des Vorsitzenden Mao machen uns satt? Wenn ihr jeden Tag kommt und mir bei der Hausarbeit helft, lerne ich alles auswendig, was ihr mir vorsetzt!«
Die beiden Rotgardistinnen verschwanden mit hochroten Köpfen. An jenem Abend erzählte meine Niang meinem Dia von dem Vorfall. Er lächelte still in sich hinein. Die Mädchen kamen nie wieder.
So stark meine Niang auch war, als ich acht Jahre alt war, forderten harte Arbeit und Armut ihren Tribut. Eines Morgens wachte sie auf, klagte über Schwindel und aß nichts zum Frühstück. Mein jüngster Bruder Jing Tring und ich waren zu Hause bei ihr. Sie hatte sich für jenen Tag vorgenommen, Wäsche zu waschen. Sie belud eine schwere Tonschüssel mit Kleidung, klemmte sich ein Waschbrett unter den Arm und machte sich auf den Weg zum Damm am Fuß des Nordhügels.
Ich flehte sie an zu bleiben. »Ich hole dir Wasser, damit du die Wäsche zu Hause machen kannst.«
»Am Brunnen ist es glatt, überall liegt Eis. Möchtest du in den Brunnen fallen und dir den Hals brechen?«, erwiderte sie gereizt. Und schon war sie zur Tür hinaus.
Ein paar meiner Freunde waren an jenem Morgen zu mir nach Hause gekommen, und wir spielten alle gemeinsam, als gegen Mittag ein Nachbar hereingeeilt kam und rief: »Beeil dich! Deine Niang ist auf halbem Weg zum Damm zusammengebrochen!«
Mein Dia war noch nicht von der Arbeit nach Hause zurückgekehrt; dabei wollte er zum Mittagessen kommen, weil er wusste, dass es unserer Niang nicht gut ging. Aber in der Regel musste er erst sein Arbeitspensum für den Vormittag erledigt und alle schweren Werkstoffe transportiert haben, bevor er Mittagspause machen durfte. Ich war also auf mich allein gestellt.
Ich bat meine Freunde darum, auf Jing Tring aufzupassen, und eilte zum Haus meines vierten Onkels, doch seine Tür war verschlossen. Von Panik ergriffen, eilte ich zum Haus einer anderen Nachbarin, erkannte aber schnell, dass sie mir mit ihren gebundenen Füßen nicht helfen konnte. Sie würde den ganzen Tag brauchen, um den holprigen Feldweg zurückzulegen. Dann rannte ich, so schnell ich konnte, zum Damm. Tränen liefen mir übers Gesicht. Ich hatte Angst, dass ich zu klein und schwach sein würde, um ihr zu helfen.
Ich fand meine Niang am Straßenrand liegen, ihre Tonschüssel war zerbrochen, die frisch gewaschene Kleidung lag verstreut auf der schmutzigen Erde. Ich warf mich auf sie und schüttelte sie nach Leibeskräften. »Niang! Niang, wach auf!«, rief ich voller Angst, ich befürchtete schon, sie sei tot.
Einige Minuten später öffnete sie langsam ihre Augen und fragte mich leise: »Wo ist dein Dia?«
»Er ist noch nicht da!«, antwortete ich sorgenvoll, aber erleichtert, dass sie noch am Leben war.
Sie seufzte. »Wo sind deine älteren Brüder?«
»Noch in der Schule.«
Wieder seufzte sie. Es schien hoffnungslos. »Hilf mir auf.«
Ich war zu klein, um ihr wirklich helfen zu können. Ich hielt ihre Hand, um sie zu stützen, aber das reichte nicht aus, und nach einigen zaghaften Schritten stürzte sie wieder zu Boden. Ich kam mir so unnütz vor. Ich wünschte mir, stark genug zu sein, um sie auf meinem Rücken zu tragen.
»Ich ruhe mich hier ein wenig aus«, sagte sie. »Geh nach Hause, und sieh nach, ob dein Dia oder einer deiner Brüder da sind.«
Ich hetzte nach Hause. Es war niemand da. Ich eilte umher und suchte Hilfe. Schließlich sah ich einen Mann, der auf seinem Fahrrad nach Hause fuhr. »Da … Ye! Haben Sie’s eilig?«, stieß ich hervor, die Worte drangen salvenartig aus mir heraus.
»Nicht besonders. Was gibt’s denn?«, antwortete er überrascht.
»Meine Niang ist am Nordhügel zusammengebrochen und kann nicht nach Hause. Bitte, helfen Sie ihr. Sie stirbt sonst! Bitte! Ich flehe Sie an!«
»Na, keine Angst, Kleiner, ich kümmere mich darum.« Er stieg wieder auf sein Fahrrad und trat, so schnell er konnte, in die Pedale, ich rannte hinter ihm her. Als er bei meiner Niang ankam, setzte er sie kurzerhand auf den Gepäckträger und machte sich auf den Weg zurück. Ich sammelte schnell alle Kleidungsstücke ein, hatte aber nichts dabei, um sie zu transportieren. Also wickelte ich alle langen Teile um Hals, Hüften und Arme und trug die kleineren Teile auf dem hölzernen Waschbrett, das ich an meine Brust gepresst hielt. Die vom Schlamm der Straße durchtränkte Kleidung war sehr schwer, aber ich schaffte es, sie sicher nach Hause zu bringen.
Als ich ankam, hatten meine vierte Tante und einige andere Frauen bereits damit angefangen, kalte nasse Tücher auf die Stirn meiner Niang zu legen. Eine der Frauen sagte mir, ich solle kochendes Wasser bringen, mit dem sie einen Ingwertrunk gegen das hohe Fieber zubereiten wollte. Ich nahm zwei Thermosflaschen und eine Lebensmittelmarke und machte mich auf den Weg zum Heißwasserdepot.
Es war für mich das erste Mal, dass ich meine Niang in solch einem Zustand erlebte, nie zuvor war sie jemals krank gewesen. Sie konnte fast eine ganze Woche lang nicht aufstehen. Der »Barfußarzt« in unserem Dorf gab ihr ein Mittel, das sie dreimal täglich mit warmem Wasser einnehmen sollte. Barfußärzte waren eine weitere von Maos Errungenschaften, ein Produkt der Kulturrevolution. Sie sollten bei und mit den armen Bauern leben, als einer von ihnen. Ihren Namen erhielten sie, weil sie ihre kostbaren Schuhe abgelegt hatten, die sie sich in den schlammigen Feldern schnell ruiniert hätten und die ihnen deshalb nicht von Nutzen waren. Angesichts des enormen Mangels an Ärzten und Krankenschwestern, der Anfang der 1970er auf dem Land herrschte, warf Mao dem Ärztestand vor, die Kommunen zu vernachlässigen. Also befahl er den Kliniken und Krankenhäusern, so viele Menschen wie möglich notdürftig auszubilden und sie in die ländlichen Provinzen zu schicken.
Trotz der Arznei des Barfußarztes sank das Fieber meiner Niang lange nicht, und sie litt weiter unter Schwindelgefühlen. So oft wie möglich presste ich meine Hände an die gefrorene Fensterscheibe, um sie sogleich auf die glühende Stirn meiner Niang zu legen – in der Hoffnung, ihr dadurch zumindest ein wenig Linderung zu verschaffen.
In jener Woche musste mein Dia jeden Tag kochen, waschen, putzen und uns Kinder für die Schule bereitmachen. Das Abendessen kam immer erst spät auf den Tisch, weil er ja erst sein tägliches Arbeitssoll erfüllen musste, ehe er nach Hause kommen konnte. Die Kochkünste meines Dia waren bescheiden, doch niemand von uns beschwerte sich. Wir wussten, wie ernst es um unsere Niang stand und wie schwer unser Dia es hatte. Ich hatte große Angst davor, meine Niang zu verlieren. »Pass auf deinen Dia auf, falls ich es nicht schaffe«, flüsterte sie. »Vielleicht sterbe ich jung, wie meine Mutter.«
Von jedem in der Familie, selbst vom fünfjährigen Jing Tring, wurde erwartet, dass er mitanpackte. Meine Niang machte sich Sorgen, dass mein Dia vor Überanstrengung ebenfalls krank werden könne: Dies würde den Untergang der gesamten Familie bedeuten. Aber er ließ sich seine Erschöpfung nicht anmerken. Allerdings war er in jener Woche noch wortkarger als sonst.
Wir hatten kein Geld, um meine Niang ins Krankenhaus zu bringen, und die Medizin des Barfußarztes erwies sich als wirkungslos. Deshalb hackte mein Dia große Mengen Ingwer und Knoblauch in kleine Stücke, kochte sie im Wok mit Zucker aus, den er sich zuvor von meiner vierten Tante geliehen hatte, und gab diesen Sud meiner Niang. Sie trank enorme Mengen des siedend heißen Gebräus und deckte sich von Kopf bis Fuß mit mehreren Decken zu, um ins Schwitzen zu kommen. Dann wurden Cunfar und ich zur großen Dorfmühle geschickt, um Weizen zu mahlen. Wir wollten daraus Nudeln für eine Suppe machen, die unsere Niang stärken sollte. Die Mühle bestand aus mehreren runden, massiven Granitsteinen. Oben befand sich eine große Steinkugel mit einem Loch in der Mitte, in das ein dicker Bambusstock eingesetzt war. Dieser musste von zwei Personen angeschoben werden, damit sich die Steinkugel in Bewegung setzte und so den Weizen zermahlte. Mein Bruder und ich schoben die Kugel im Kreis, bis der Weizen vollständig zermalmt war. Als wir die Schale mit dem zerstoßenen Weizen nach Hause brachten, nahm mein Dia ein Drahtsieb und trennte damit die Spelzen vom eigentlichen Mehl. Er vermischte das Mehl mit etwas Wasser und rollte den Teig zu einem dünnen Pfannkuchen aus, den er mehrmals faltete. Dann schnitt er den Pfannkuchen mit einem großen Küchenbeil in Streifen und machte daraus die Nudeln. Er benutzte sogar ein paar Tropfen des wertvollen Öls, das meine Niang wie ihren Augapfel hütete – und zwei ganze Eier! Nachdem meine Niang den ersten Bissen gekostet hatte, fragte sie meinen Dia: »Sind uns Salz und Sojasoße ausgegangen?« Zuerst verstand mein Dia nicht, was sie meinte, dann wurde ihm mit einem Schlag klar, dass er die wichtigsten Zutaten vergessen hatte. Sie brachen in Gelächter aus. Trotz ihrer schweren Krankheit hatte meine Niang ihren Sinn für Humor nicht verloren.
Es war schön, meine Eltern gemeinsam lachen zu hören. Niang rief Jing Tring und mich zu sich. »Helft mir ein paar von den Nudeln zu essen. Euer Dia hat zu viel gekocht.« Aber wir wussten, dass sie mit Leichtigkeit doppelt so viel Nudeln und Suppe hätte essen können. »Verschwindet!«, sagte unser Dia. »Eure Niang isst ihre Nudeln nie auf, solange ihr hier herumlungert.« Unsere Niang protestierte, aber unser Dia schob uns sanft aus dem Zimmer.
