Märchen und Realitäten - Klaus Thomas - E-Book

Märchen und Realitäten E-Book

Klaus Thomas

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Beschreibung

Märchen, reine Fiktion? Was könnten die Realitätsbezüge zur Geschichte, zur Zoologie und zur Botanik sein? Wie sieht und sah es wirklich aus? Was für Vorurteile und falsche Darstellungen transportieren und verstäken die besprochenen Märchen? Der Scheinwerfer der Naturwissenschaft leuchtet dies hier aus. Welche Mythen, Sagen und religiöse Motive wurden in den behandelten Märchen verarbeitet? Und zuletzt, wie hätten sich die Protagonisten, die Tiere als Stellvertreter für Menschen, nach heutigen Recht strafbar gemacht? Das alles wird umfangreich mit Quellen belegt und Illustrationen versehen an dreiundzwanzig, in der Regel recht unbekannten Märchen, untersucht.

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Seitenzahl: 231

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Vorwort

Die Alte im Wald.

Jorinde und Joringel.

Rothkäppchen.

Der wunderliche Spielmann.

Der Fuchs und der Krebs.

Der Fuchs und die Gänse.

Der Hase und der Fuchs.

Der Hase und die Schildkröte.

Siebenschuß.

Der Garten im Brunnen.

Die Büffelkuh und das Fischlein.

Die Königswahl unter den Fischen.

Die Rübe im Schwarzwald.

Der Wassertropfen.

Die Wassernix

Die Schlange im brennenden Wald.

Katz und Maus in Gesellschaft.

Laß dem Thoren seine Thorheit.

Vom treuen Gevatter Sperling.

Von der Nachtigall und der Blindschleiche.

Vom Hänschen und Grethchen,

die in die rothen Beeren gingen

Fippchen Fäppchen

Die Bremer Stadtmusikanten.

Literatur

Bilder

Abkürzungen

Vorwort

Die ursprüngliche Ausdrucksweise der Märchen, insbesondere auch die Rechtschreibung, habe ich beibehalten. Sie macht, finde ich, einen gewissen Teil des Charakters der Erzählungen aus. Außerdem gebietet es der Respekt vor den Autoren und ihrer damaligen Sprachführung.

Ich habe einige bekanntere, überwiegend jedoch recht unbekannte Märchen ausgewählt. Die Trennlinien zwischen Sage, Fabel und Märchen sind nicht genau zu definieren. Je nach Erzählweise kann der eine Typus in den anderen wechseln oder übergehen. Schwerpunkt sind Märchen der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm, von Ludwig Bechstein, aber auch solche von Hans Christian Andersen und Johann Wilhelm Wolf, Ernst Meier, Jean de Lafontaine und Johann Mussäus sind dabei. Die Erzählung Siebenschuß habe ich zu einem Märchen umgeschrieben; die Versfabel der Hase und die Schildkröte ebenfalls.

Die Texte der Märchen sind kursiv abgedruckt. Ich habe die Erzählungen quasi zersplittert um die Bearbeitung und die Anmerkungen und Würdigungen von mir an der sozusagen passenden Stelle zu positionieren. Der Text des Märchens kann also bequem am Stück gelesen werden.

Das nachfolgende Bild zeigt eine Szene aus dem Jagdfries der Apsis des Domes in Königslutter aus dem beginnenden 12. Jahrhundert. Dort drehen in einer verkehrten Welt die sonst gejagten Hasen den Spieß um und jagen den menschlichen Jäger oder haben ihn vielmehr bereits überwältigt.

1

Diese verkehrte Welt erscheint in literarischer Form im Schwank „Die Hasen fangen und braten den Jäger“ des Nürnberger Meistersingers Hans Sachs, der hier als Auszug wiedergegeben ist:

ich stunt ein weil, und in eim nu

kamen die hasen in ir leger

und brachten mit den alten jeger,

mit weidstricken gfangen und bunden,

mit all sein winden und leithunden,

sein spieß und weidmeßer sie trugen,

den jeger an eim strick aufzugen

an eim baum zu der strengen frag,

wie vil er hasen all sein tag

het umbbracht mit seinem weidwerk

alhie an dem waldigen berk.

da bekent er auf drithalb hundert,

ieden mit namen ausgesundert.

mit fleiß beschribens sein urgicht;

nach dem saßen sie zu gericht,

teten sein jegerhoren schellen

und über in ein urteil fellen,

das man zu straf umb sein untaten

in solt an einem spieße braten,

wie er den hasen auch het tan,

wo ers gfenglich het kummen an.

Letzten Endes trägt diese verkehrte Welt märchenhafte Züge.

Ich unterstelle, dass in den Märchen, die hier behandelt worden sind, die tierischen Protagonisten im Wesentlichen als Vertreter für Menschen zu verstehen sind. So vertauschen schon der königslutterer Fries und der sachssche Schwank diese Zuordnung. Zumindest sind deren Verhaltensweisen, Motivationen und Vorgehen menschlich und für die auftretenden Tiere auch gar nicht möglich; jedoch für Menschen. Insbesondere gilt das für die Gräuel, Barbareien und Grausamkeiten in den behandelten Märchen.

2

Für diese Annahme spricht auch die Herkunft des Wortes Märchen. Es leitet sich ab von mittelhochdeutsch mære „Bericht, Nachricht, Kunde3.“ Damit wird schon durch die Bezeichnung dieser Bezug zum Menschen belegt.

Die strafrechtliche Behandlung orientiert sich nicht an der typischen gutachterlichen oder urteilstechnischen Vorgehensweise, sondern eher an dem Versuch eine gewisse Flüssigkeit und Lesbarkeit zu erzeugen. Daher sind viele Details, die in einer juristischen Fachuntersuchung behandelt worden wären, von mir schlicht unter den Tisch fallen gelassen worden.

Was ich höchst interessant fand, war zu untersuchen, wie sich der biologische und der ethologische Kenntnisstand und die Darstellung im Märchen in Bezug auf die tierischen Protagonisten zueinander verhalten.

Besondere Freude machten mir die Ausflüge in die Botanik.

Angehängt sind ein umfangreiches alphabetisches Literaturverzeichnis und ein nach Geschichten sortierte Aufstellung der Quellen der verwendeten Bilder.

Ich wünsche den Leserinnen und Lesern viel Spaß und die ein oder andere Anregung.

Braunschweig, im Herbst 2025

Dr. Klaus Thomas

4

Die Alte im Wald.

Jacob und Wilhelm Grimm

Es fuhr einmal ein armes Dienstmädchen mit seiner Herrschaft durch einen großen Wald, und als sie mitten darin waren, kamen Räuber hervor und ermordeten, wen sie fanden; da kam alles mit einander um, nur das Mädchen nicht, das war aus dem Wagen gesprungen und hatte sich hinter einen Baum verborgen. Wie die Räuber mit ihrer Beute fort waren, kam es hervor, fing an bitterlich zu weinen und sagte: „was soll ich armes Mädchen nun anfangen, ich weiß mich nicht zu finden in dem Wald, kein Haus ist da, so muß ich gewiß verhungern!“

Wald, Symbol für Abgeschiedenheit, Verborgenheit und Täuschung, aber auch des Dämonischen und der Gefahr5. All das spricht dieses Märchen an. Dass die Räuber einen klassischen Raubmord (§§ 211, 249, 251 StGB wahrscheinlich in Tatmehrheit) begangen haben, soll hier nicht weiter thematisiert werden.

Es ging herum, suchte einen Weg, konnte aber keinen finden, bis zum Abend, da setzte es sich unter einen Baum, befahl sich Gott und wollt’ da sitzen bleiben und nicht weggehen, möchte geschehen, was immer wollte. Als er aber ein Bischen da gesessen, kam ein weiß Täubchen heruntergeflogen, mit einem kleinen goldnen Schlüsselchen im Schnabel, das legte es ihm in die Hand und sprach: „siehst du dort den großen Baum, daran ist ein kleines Schloß, das schließ mit dem Schlüsselchen auf, so wirst du Speise genug finden und keinen Hunger mehr leiden.“

Eine weiße Taube kann, außer dem seltenen Fall eines Albinos, nur eine Haustaube sein. Interessant ist, dass eine Taube von der Arche ausflog und mit einem Ölblatt im Schnabel zurückkehrte6, dem ersten Hinweis auf das Ende der Sintflut. Die Taube, insbesondere als weißes Exemplar ist Symbol für Frieden und Unschuld und wird als weiteres Symbol der Liebe, Treue und Unschuld in aller Regel mit Weiblichkeit, Aphrodite, Maria und allgemein jungen Frauen assoziiert7. So auch etwa im Hohen Lied:

Deine Augen sind wie Taubenaugen …8 oder

Tu mir auf, liebe Freundin, meine Schwester, meine Taube, meine Reine!9

Hier ist die Taube jedoch offensichtlich ein Mann, der von der Alten verzaubert worden ist. Dies kommt im Hohen Lied allerdings ebenfalls vor, ist allerdings eine seltene Ausnahme:

Seine Augen sind wie Tauben an den Wasserbächen …10

Ein weiteres Symbol, der Schlüssel, ist häufig das Werkzeug, das Herz der Geliebten zu öffnen und zu erobern11. Auch hier die Umkehrung der Geschlechter. Der Schlüssel ist auch stellvertretend für Geheimnisse und Prüfung; in diesem Märchen, ob sie den Zugang zum verzauberten, künftigen Partner finden kann.

Auch die hier mehrfach angesprochenen, verschiedenen Bäume; es sind nicht dieselben Arten, die die Versorgung übernehmen und später umarmen; sind alte Symbole. Yggdrasil, die Weltesche; die Donareiche in Nordhessen seien kurz erwähnt. Der Baum ist auch Sinnbild für das Zusammenleben von Menschen mit anderen Menschen12.

Da ging es zu dem Baum und schloß ihn auf und fand Milch in einem kleinen Schüsselchen und Weißbrot zum Einbrocken dabei, daß es sich satt essen konnte. Als es satt war, sprach es: „jetzt ist Zeit, wo die Hühner daheim auffliegen, ich bin so müd’, könnt’ ich mich auch in mein Bett legen!“ Da kam das Täubchen wiedergeflogen und hatt’ ein anderes goldenes Schlüsselchen im Schnabel und sagt: „schließ dort den Baum auf, da wirst du ein Bett finden.“ Da schloß es auf und fand ein schönes weiches Bettchen, da betete es zum lieben Gott, er sollt’ es behüten in der Nacht, legte sich und schlief ein. Am Morgen kam das Täubchen zum drittenmal und brachte wieder ein Schlüsselchen und sprach: „schließ dort den Baum auf, da wirst du Kleider finden;“ und wie es aufschloß fand es Kleider mit Gold und Juwelen besetzt, so herrlich, wie sie keine Königstochter hat. Also lebte es da eine Zeitlang, und kam das Täubchen alle Tage und sorgte für alles, was es bedurfte, und war das ein stilles, gutes Leben.

Einmal aber kam das Täubchen und sprach: „willst du mir etwas zu Lieb’ thun?“ – „Von Herzen gern,“ sagte das Mädchen. Da sprach das Täubchen: „ich will dich zu einem kleinen Häuschen führen, da geh’ hinein, mittendrin am Heerd da wird eine alte Frau sitzen und guten Tag sagen. Aber gib ihr bei Leibe keine Antwort, sie mag auch anfangen was sie will, sondern geh zu ihrer rechten Hand weiter, da ist eine Thüre, die mach auf, so wirst du in eine Stube kommen, wo eine große Menge von Ringen allerlei Art auf dem Tisch liegt, darunter sind prächtige mit glitzerigen Steinen, die laß aber alle liegen und such nur einen schlichten heraus, der auch darunter seyn muß und bring ihn zu mir her so geschwind du kannst.“ Da ging das Mädchen hin in das Häuschen und fand die Alte, die machte große Augen, wie sie es sah, und sprach: „guten Tag mein Kind.“ Es gab ihr keine Antwort und ging auf die Thüre zu; „ei! wo hinaus?“ rief sie und faßt es beim Rock und wollte es festhalten; „das ist mein Haus, da darf niemand herein, wenn ich’s nicht haben will.“ Aber es schwieg immer still, machte sich von ihr los und ging in die Stube hinein. Da war nun eine übergroße Menge von Ringen, die glitzten und glimmerten ihm vor den Augen, es warf sie herum und suchte nach dem schlichten, konnt’ ihn aber nicht finden. Wie es so suchte, sah es die Alte, wie sie daher schlich und einen Vogelkäfig in der Hand hatte und damit fort wollte; da ging es auf sie zu und nahm ihr den Käfig aus der Hand und wie es ihn aufhob und hinein sah, saß ein Vogel darin, der hatte den schlichten Ring im Schnabel. Da war es froh und lief damit zum Haus hinaus und dachte, das weiße Täubchen würde kommen um den Ring holen, aber es kam nicht.

Der Ring spielt hier eine symbolisch starke Rolle als das Zeichen der Verlobung, Heirat, der Liebe13. Zwar nimmt sie den Ring nicht, wählt aber den bescheidenen und in Grunde vollendeten; und besteht diese Probe.

Da lehnte es sich an einen Baum und wollte auf es warten, und wie es so stand, da däuchte ihm, der Baum würde weich und biegsam und senkte seine Zweige herab.

14

Und auf einmal schlangen sich die Zweige um es herum und waren zwei Arme und wie es sich umsah, war der Baum ein schöner Prinz, der es umfaßte und herzlich küßte und sagte: „du hast mich erlöst, die Alte ist eine Hexe, die hatte mich in einen Baum verwandelt, und alle Tag ein paar Stunden in eine weiße Taube, und so lang sie den Ring hatte, konnte ich meine menschliche Gestalt nicht wieder erhalten.“ Da waren auch seine Bedienten und Pferde von dem Zauber frei und keine Bäume mehr und standen neben ihm, da fuhren sie fort in sein Reich, heiratheten sich und lebten glücklich.

Die von der Hexe begangene Körperverletzung durch die Verwandlung des Prinzen in einen Baum wird hier auch nicht näher untersucht. Insoweit wird auf die späteren Ausführungen zu Jorinde und Joringel verwiesen.

Die Brüder Grimm weisen selbst auf die Verwandtschaft zu Jorinde und Joringel hin. Beiden Märchen ist die Verwandlung eines Menschen in einen Vogel gemeinsam. Bei Jorinde und Joringel ist es die Frau und es wird ein Liebespaar zerrissen; bei der Alten im Wald ist es der Mann, der auf Erlösung durch eine ihn liebende Frau wartet, die ihn aber noch finden muss.

15

Für beide Märchen vermuten oder unterstellen die Grimms, dass der Kirkemythos die Vorlage für die Vogelmotive bildet. Dort verwandelt die verschmähte Kirke den Picus in einen Specht:

Zweimal zum Niedergang dreht jene sich, zweimal zum Aufgang;

Dreimal rühret ihr Stab, mit drei Bannworten, den Jüngling.

Jener entflieht; doch er wundert sich selbst, daß er hurtiger jetzo

Laufe, wie sonst; und bemerkt um den ganzen Leib das Gefieder.

Sich so geschwind, als Vogel, das Volk der latinischen Wälder

Mehren zu sehn, unwillig, durchbohrt er mit hackendem Schnabel

Wildernde Stämm', und verwundet im Zorn die erhabenen Äste.

Gleich dem Purpurgewand erglühn die gepurpurten Flügel!

Wo die Spange zuvor das Gewand mit Golde geheftet,

Wächst nun Flaum, und den Nacken umläuft ein goldener Halsring.

Nichts mehr bleibt von Picus dem pickenden Specht, denn der Name.

Seine Genossen indes, da sie lang umsonst durch die Felder

Picus mit häufigem Rufe gespäht und nirgend gefunden,

Treffen die Zauberin jetzt; denn sie hatte die Luft nun verdünnet

Und den umhüllenden Nebel durch Wind und Sonne geöffnet16.

Die Spechte tragen noch heute den Namen des Unglücklichen, „nichts mehr bleibt von Picus …, denn der Name“, es ist die Vogelfamilie der Picidae. So führen einige heimische Spechte in der binären Nomenklatur auch unmittelbar seinen Namen Picus als Bestandteil ihrer Gattung: der Grünspecht (picus viridis; der Grauspecht (picus canus) und etwas angewandelt der Dreizehenspecht (picoides tridactylus).

Jorinde und Joringel.

Jacob und Wilhelm Grimm

Es war einmal ein altes Schloß, mitten in einem großen, dicken Wald, darinnen wohnte eine alte Frau ganz allein, das war eine Erzzauberin. Am Tage machte sie sich zur Katze, oder zu Nachteule, des Abends aber wurde sie wieder ordentlich wie ein Mensch gestaltet. Sie konnte das Wild und die Vögel herbeilocken, und dann schlachtete sie’s, kochte und bratete es.

Die Erzzauberin trägt eindeutig hexenhafte Züge. Sie wohnt in einem von einem großen, dicken Wald umgebenden Schloss. Sie ist also die in einer Umzäunung Lebende17. Verstärkt wird dieses Bild noch durch das Gehege, dass der gleich geschilderte Zauberzaun bildet. Auch steht der Wald für Verborgenheit und Täuschung, Ort des Geheimnisses und des Unheimlichen18, hier noch unterstrichen und verstärkt mit den Attributen groß und dick, wobei die Wirkung des Geheimnisvollen bei letzterem noch gesteigert wird, da die gemeinte Bedeutung dicht, nicht mehr gebraucht wurde und in diesem Bezug nur noch in Dickicht erhalten geblieben ist19.

Wenn jemand auf hundert Schritte dem Schloß nahe kam, so mußte er stille stehn, und konnte sich nicht von der Stelle bewegen, bis sie ihn lossprach: wenn aber eine keusche Jungfrau in diesen Kreis kam, so verwandelte sie dieselbe in einen Vogel und sperrte sie dann in einen Korb ein, in die Kammern des Schlosses. Sie hatte wohl sieben tausend solcher Körbe mit so raren Vögeln im Schlosse.

Nun war einmal eine Jungfrau, die hieß Jorinde; sie war schöner als alle andere Mädchen, die, und dann ein gar schöner Jüngling, Namens Joringel, hatten sich zusammen versprochen. Sie waren in den Brauttagen, und sie hatten ihr größtes Vergnügen eins am andern. Damit sie nun einsmalen vertraut zusammen reden könnten, gingen sie in den Wald spaziren. „Hüte dich, sagte Joringel, daß du nicht so nahe an das Schloß kommst!“ Es war ein schöner Abend, die Sonne schien zwischen den Stämmen der Bäume hell ins dunkle Grün des Walds, und die Turteltaube sang kläglich auf den alten Maibuchen.

Jorinde weinte zuweilen, setzte sich hin in Sonnenschein und klagte. Joringel klagte auch; sie waren so bestürzt, als wenn sie hätten sterben sollen; sie sahen sich um, waren irre, und wußten nicht, wohin sie nach Hause gehen sollten. Noch halb stand die Sonne über dem Berg, und halb war sie unter: Joringel sah durchs Gebüsch, und sah die alte Mauer des Schlosses nah bei sich, er erschrack und wurde todtbang. Jorinde sang:

Mein Vöglein mit dem Ringlein roth

Singt Leide, Leide, Leide;

Es singt dem Täublein seinen Tod,

Singt Leide, Lei – Zicküth! Zicküth! Zicküth!

20

Turteltauben haben eine sanfte und angenehme Stimme: Diese wird durch den deutschen und noch mehr den lateinischen Namen, Turtur, turtur, wiedergegeben. Das Sirren ist, strenggenommen, ein hohes, eintöniges Knurren, das wie tur tur klingt und oft wiederholt wird; aber dieses Tur tur ist so klangvoll, dass es jedermann erfreut21. Turteln ist in der Umgangssprache zum Synonym für liebkosen und ähnliche Worte geworden22.

23

Joringel sah nach Jorinde. Jorinde war in eine Nachtigall verwandelt, die sang Zicküth! Zicküth.Auch die Nachtigall steht unter Anderem symbolisch für Liebe, Sehnsucht und auch der Melancholie24.

Der Autor des Märchens gibt hier allerdings nur einen kleinen Teil des Repertoires einer Nachtigall wieder; ihr Gesang ist besonders abwechslungsreich. Der Schlag einer Nachtigall kann bis zu vierundzwanzig Strophen enthalten. Ludwig van Beethoven ahmte es wohl in seiner 6. Sinfonie, der Pastoralsinfonie, nach25 und vertonte das Gedicht „Der Gesang der Nachtigall“ von Gottfried Herder26. Auch eine Vielzahl weiterer Lyriker und Komponisten wurden von diesem Singvogel inspiriert. Das Grundwort von Nachtigall, althochdeutsch nahtigala, Nachtsängerin27, westgermanisch wohl galōn, ist eine Bildung zu dem untergegangenen althochdeutschen Verb galan, singen28. Der Name des Vogels ist im Prinzip ein Synonym zu Gesang!

Die Nachtigall steht als sehr unscheinbarer Vogel in scharfen Kontrast zu der menschlichen Jorinde. Denn sie war schöner als alle andere Mädchen. Die Nachtigall dagegen ist bis auf den rötlichbraunen Schwanz mehr oder weniger einfarbig braun29. Die Schönheit Jorindes wandelt sich vom Äußerlichen zu einer inneren Qualität.

Eine Nachteule mit glühenden Augen flog dreimal um sie herum, und schrie dreimal Schu – hu – hu – hu!

Bei der Joringel umfliegenden Eule dürfte es sich um einen Steinkauz gehandelt haben. Dafür sprechen die glühenden Augen, denn die des Steinkauzes sind schwefelgelb und heben sich deshalb vom grauweißen Gesicht deutlich ab30. Diese schwefelgelben Augen und der flache Kopf geben dem Steinkauz ein finsteres Aussehen31. Außerdem galt der Vogel in vielen Teilen seines Verbreitungsgebietes als Unheil verkündender Vogel, teilweise als übernatürliches Wesen32. Im Volksmund wurde aus den Lauten des Steinkauzes diesem untergeschoben er riefe, „komm mit, komm mit auf den Kirchhof“ oder „komm mit, komm mit, bring´ Schipp' und Spaten mit“33.

34

In der Antike galt er allerdings als Wahrzeichen der Weisheit der Göttin Athene im griechisch35 und der Minerva im römisch beeinflussten Raum36.

Joringel konnte sich nicht regen; er stand da wie ein Stein, konnte nicht weinen, nicht reden, nicht Hand noch Fuß regen. Nun war die Sonne unter; die Eule flog in einen Strauch, und gleich darauf kam eine alte krumme Frau aus diesem hervor, gelb und mager, große rothe Augen, krumme Nase, die mit der Spitze ans Kinn reichte. Sie murmelte, fing die Nachtigall, und trug sie auf der Hand fort.

Nun wird es Zeit eine Betrachtung eventuell begangener Schandtaten anzustellen.

Jorinde und Jorigel ist nichts vorzuwerfen. Insbesondere haben sie ganz offensichtlich den umfriedeten Bereich des Schlosses nicht betreten. Zwar bedeutet umfriedet oder eingehegt nicht, dass eine tatsächlich wesentliche Erschwerung des Zugangs vorhanden ist. Es muss aber in äußerlich erkennbarer Weise mittels zusammenhängender Schutzwehren gegen das beliebige Betreten durch andere gesichert sein37, wenngleich eine einfache Überwindbarkeit noch genügt. Eine rein symbolische Abgrenzung genügt nicht. Hier wäre die Abgrenzung durch übernatürliche Kräfte, nämlich den Zauber, der Stillstand oder Verwandlung in einen Vogel verursacht, erfolgt. Dies kann, für die strafrechtliche Bewertung als Einfriedung im Sinne des § 123 StGB nicht ausreichen, insbesondere, da nicht erkennbar ist wo denn der Zauber beginnt. Vielmehr ist diese Unklarheit und Grauzone als eine Art Falle anzusehen. Denn die Beherrscherin des Zaubers hatte wohl sieben tausend solcher Körbe mit so raren Vögeln im Schloss gefangen.

Die Person, die zwischen Eule und Mensch wechselt, könnte sich der Freiheitsberaubung zum Nachteil von Jorinde und Joringel strafbar gemacht haben.

Joringel wird daran gehindert von seiner persönlichen Fortbewegungsfreiheit im Sinne einer Ortsveränderung38 Gebrauch zu machen. Er konnte sich nicht regen; er stand da wie ein Stein, konnte nicht weinen, nicht reden, nicht Hand noch Fuß regen. Damit dürfte seine persönliche Freiheit in der definierten Art komplett beseitigt worden sein. Dass er sich fortbewegen wollte, dürfte außer Frage stehen, so dass es auf die Streitfrage, ob der potentielle Wille, ob tatsächlich ein entsprechender Wille gebildet werden könnte, nicht ankommt.

Jorinde war in eine Nachtigall verwandelt worden. Damit war ihre Bewegungsfreiheit noch nicht eingeschränkt. Denn auch eine Nachtigall könnte gehen. Im übrigen ist nicht die Wahl der Art und Weise der Ausübung der Fortbewegungsfreiheit geschützt. Jorinde hat sogar eine Art hinzugewonnen. Sie kann nach der Verwandlung fliegen. Damit scheidet diese Alternative einer Beraubung der Freiheit als nicht verwirklicht aus. Jorinde wird aber in den Vogelkäfig gesperrt. Sie ist an der Betätigung ihrer Freiheit das Behältnis zu verlassen gehindert, weil durch eine äußere Vorrichtung abgesperrt sein dürfte. Zumindest ein Türchen, gesichert durch einen Knebel, wird den Käfig verschlossen haben, da andernfalls ein Gefangenhalten im Schloss nicht möglich wäre.

Die Besitzerin des Schlosses hat sich daher sowohl zum Nachteil von Joringel als auch von Jorinde der Freiheitsberaubung gemäß § 239 Abs. 1 StGB strafbar gemacht.

Im weiteren Verlauf, der Leser verzeihe den kleinen Vorgriff, gelingt es Joringel erst sehr viel später Jorinde zu befreien. Es ist zu unterstellen, dass hier mehr als eine Woche vergangen war, da er zum Beispiel die Schafe lange Zeit hütete. Da die Zauberin vor hatte die Nachtigall dauerhaft zu

behalten, hat sie damit den Qualifikationstatbestand des § 239 Abs. 3 Nr. 1 StGB erfüllt.

Indem sie die Nachtigall Jorinde einfing, könnte sie sich eines Verstoßes gegen das Bundesnaturschutzgesetz schuldig gemacht haben. Denn nach § 44 Abs. 1 Nr. 1 BNatSchG ist es verboten wild lebende Tieren der besonders geschützten Arten zu fangen.

Nach dem Text des Märchens fängt die Zauberin die Nachtigall. Es stellt sich aber die Frage, ob Jorinde tatsächlich nach der Verwandlung in eine Nachtigall als wildlebendes Tier zu bezeichnen ist. Die Bezeichnung ist ungenau, da biologisch betrachtet der Mensch zum Reich der Tiere gehört39; Jorinde hätte ihren Status nicht gewechselt. Gemäß § 90 a BGB wird lediglich geregelt, dass Tiere keine Sachen sind. Auch das Tierschutzgesetz geht von einem außergesetzlich feststehenden Begriff, einer außergesetzlich feststehenden Definition, aus. Letztlich kann die Sache aber offenbleiben, da eine Nachtigall zur Gruppe der Landwirbeltiere gehört und zweifellos kein Mensch ist, auch wenn in ihr quasi ein Mensch steckt. Die Physiologie und die Physis weist sie eindeutig als solches aus. Jedoch stellt sich die weitere Frage, ob diese Nachtigall als wild lebend angesehen werden kann. Jorinde war vor ihrer Verwandlung ein Mensch, konnte also durch die Verwandlung nicht zu einem Haustier oder in irgendeiner Weise zu einem nichtherrenlosen Tier werden, sondern ist in natürlicher Freiheit40 im Sinne von § 960 Abs. 1 BGB. Demzufolge wäre die menschliche Nachtigall ein wild lebendes Tier im Sinne des § 44 Abs. 1 Nr. 1 BNatSchG.

Eine Straftat gemäß § 71 a BNatSchG ist allerdings nicht anzunehmen, da die Nachtigall in den dort tatbestandsbegründend aufgeführten Anhängen zu verschiedenen Richtlinien der Europäischen Union, nicht gelistet ist.

Da die Nachtigall mittlerweile auch nicht mehr zu den besonders geschützten Arten gehört, scheidet auch ein Verstoß gegen den Bußgeldtatbestand des § 69 Abs. 1 Nr. 1 a BNatSchG aus.

Die Verwandlung in die Nachtigall könnte aber eine Körperverletzung im Sinne von § 223 Abs. 1 StGB darstellen. Denn das körperliche Wohlbefinden von Jorinde dürfte tiefgreifend beeinträchtigt worden sein. Das körperliche Wohlbefinden ist der Zustand des Körperempfindens des Opfers, der vor der Einwirkung vorhanden war. Unerhebliche körperliche Einwirkungen scheiden insoweit aus41. Durch die Verwandlung von einem Säugetier in einen Vogel wird in die gesamte Biologie von Jorinde bis hinunter auf die zelluläre Ebene und die Steuerung durch die Gene verändert. Schließlich haben sich die Vögel und Säugetiere bereits vor ewigen Zeiten evolutionär getrennt. Damit wird auf das Massivste in das körperliche Wohlbefinden eingegriffen. Hinzukommt, dass sich Jorinde plötzlich auf einen wenige Gramm schweren Singvogel reduzieren lassen musste. Damit müssen ganz erhebliche somatische Beschwerden verbunden sein. Ebenfalls ist der psychologische Eingriff verheerend. Zwar sagt der Sachverhalt nichts über das subjektive Empfinden der Verzauberten aus. Der Schock einer solchen Umwandlung und die damit verbundene und erzeugte psychische Belastung müsste jedoch erheblich sein.

Tathandlung ist das Verwandeln. Eine direkt ausgeführte Tathandlung ist nicht erforderlich, es genügt, wenn eine gestellte Falle, so wie vorliegend, zuschnappt und die Wirkungen auslöst. Dieses Verfahren ist von der Fallenstellerin genauso beabsichtigt gewesen, wie die Folgen.

Damit wäre der Straftatbestand der Körperverletzung nach § 223 Abs. 1 StGB als erfüllt anzusehen.

Qualifikationstatbestände im Sinne von § 224 StGB sind nicht begangen worden. Insbesondere stellt ein Zauber kein Gift da, weil es sich weder um einen organischen noch um einen anorganischen Stoff handelt. Als Waffe oder Werkzeug kann der Zauber auch nicht eingestuft werden. Es handelt sich nicht um eine bewegliche Sache zur Verstärkung oder Ausführung der körperlichen Einwirkung. Ein Überfall dürfte auch nicht anzunehmen sein, da hier kein Angriff auf das Opfer in Sinne von etwas Aktiven geführt wird. Sie tappt einfach in eine Falle.

Nun weiter in der Märchenerzählung:

Joringel konnte nichts sagen, nicht von der Stelle kommen; die Nachtigall war fort, endlich kam das Weib wieder und sagte mit dumpfer Stimme: „Grüß dich, Zachiel! Wenns Möndel ins Körbel scheint, bind los, Zachiel, zu guter Stund!“ Da wurd Joringel los; er fiel vor dem Weib auf die Knie, und bat, sie mögte ihm seine Jorinde wieder geben; aber sie sagte, er solle sie nie wieder haben, und ging fort. Er rief, er weinte, er jammerte, aber alles umsonst. Uu! was soll mir geschehn? Joringel ging fort und kam endlich in ein fremdes Dorf; da hütet er die Schafe lange Zeit.

Oft ging er rund um das Schloß herum, aber nicht zu nahe dabei; endlich träumte er einmal des Nachts, er fänd eine blutrothe Blume, in deren Mitte eine schöne große Perle war; die Blume brach er ab, ging damit zum Schlosse; alles, was er mit der Blume berührte, ward von der Zauberei frei; auch träumte er, er hätte seine Jorinde dadurch wieder bekommen. Des Morgens, als er erwachte, fing er an, durch Berg und Thal zu suchen, ob er eine solche Blume fände; er suchte bis an den neunten Tag, da fand er die blutrothe Blume am Morgen früh. In der Mitte war ein großer Thautropfe, so groß wie die schönste Perle.

Welche Blume mag das wohl gewesen sein? Die Blume als Symbol der Geliebten42; verstärkt noch durch das weitere Liebessymbol, die Perle, die gleichzeitig auch das Leiden verkörpert43. Als blutrotfarbene Blume kommen von den mitteleuropäischen Arten nicht viele in Betracht. Einige stehen in Blütenbüscheln, etwa Leinkraut, Pechnelke oder Tausendgüldenkraut. Das Märchen legt aber wegen der Perle nahe, dass es sich um eine als einzeln erscheinende Blüte handelte. Oder sie sind nicht blutrot, sondern changieren ins Violette, wie Kornrade oder Pechnelke, oder hin zu Rosatönen, wie Weidenröschen, Nelken oder Malven. Zur Perle sei noch erwähnt, dass sie wegen des Heranwachsens in einer Muschel auch mit einem heranwachsenden Kind assoziiert wird44. Also ein Bezug auf die erwachsen werdenden Jorinde und Joringel.

45

Es verbleiben Wildmohnarten, der Rote oder Acker-Gauchheil oder das Sommeradonisröschen.

Der rote Gauchheil hat einen Fruchtknoten, der entfernt an eine Perle erinnern könnte. Jedoch bildet die Pflanze nur ein bis dreieinhalb Zentimeter lange Stegelchen, bei einem entsprechend geringen Blütendurchmesser von etwa ein bis etwas über einen Zentimeter46.

Die verschiedenen wilden Mohnarten haben zwar teilweise die passende Farbe, jedoch sind die Blüten sehr wenig haltbar. Regelmäßig verlieren sie ihre Blütenblätter schon nach kurzer Zeit.

47

Wahrscheinlich handelt es sich um ein um eines der in Mitteleuropa vorkommenden rotblühenden Adonisröschen. Allen gemeinsam ist die blutrote Farbe.

48

Der Namensgeber dieser Pflanzengattung war der antike Gott Adonis, Sinnbild der Schönheit: Jorinde wird als schöner als alle andere Mädchen beschrieben. Und auch Joringel wird als ein gar schöner Jüngling bezeichnet.

Adonis war ein Geliebter der Aphrodite, der durch einen wütenden Eber getötet wurde. Aphrodite goß himmlischen Nektar auf sein auf die Erde tropfendes Blut und wandelte es zu blutroten Blumen49 roten Adonisröschen, wobei nicht klar ist, welche der drei in Mitteleuropa vorkommenden, rotblühenden Arten dieses Hahnenfußgewächses, Sommer-, Herbst- oder Flammen-Adonisröschen50, es sein könnte.