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Über Marie wird in der Familie nicht geredet. Mit 19 hört die Autorin das erste Mal von der Existenz der Großtante. Sie wagt nicht nachzufragen. Da schlummerte etwas im Nebel der Familiengeschichte, an dem man besser nicht rührte. Fast zwanzig Jahre später macht sie sich auf die Suche nach Marie und stößt auf ein sorgsam gehütetes Familiengeheimnis: Marie litt unter Schizophrenie, glaubte sie sei Jesus und wurde von den Nazis als "lebensunwertes Leben" ermordet. "Erblichkeit mütterlicherseits" - eine knappe Bemerkung in Maries Akte bringt die Autorin auf die Spur von Magdalena Kade, einer weiteren Verwandten. Sie glaubte 1866 die Mutter Gottes gesehen zu haben. Doch anders als Marie landete sie nicht in der Irrenanstalt. Die Katholische Kirche erkannte ihre Erscheinung an. Magdalena wird noch heute als "böhmische Bernadette" verehrt. Anstelle ihrer Erscheinung steht eine prachtvolle Basilika. Eine unglaubliche, aber wahre Geschichte. Nach vier Jahren Recherche findet Kerstin Herrnkind tatsächlich Maries Mörder und enthüllt einen bislang unbekannten Skandal um einen NS-Verbrecher. „Ein düsteres Lehrstück, sensibel rekonstruierte Zeitgeschichte im Familienformat ... Brillant“, schrieb Evelyn Finger von der ZEIT nach dem Erscheinen der Printausgabe 2008. Der berühmte Euthanasie-Forscher Ernst Klee lobte die "grandiose Recherche".
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Seitenzahl: 344
Veröffentlichungsjahr: 2014
Kerstin Schneider
Maries Akte
Ein unglaublicher Kriminalfall
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Der Fluch
Spurensuche
Maries Akte und die unglaubliche Geschichte ihres Mörders
Magdalenas Erscheinung
Ärger mit der Katholischen Kirche ...
Quellenverzeichnis
Danksagung
Impressum neobooks
Ich weiß jetzt, was ein Fluch ist. Meine Großmutter hat mich gewarnt. „Tote soll man ruhen lassen.“ Vielleicht hätte ich auf sie hören sollen. Aber ich wollte die Wahrheit wissen. Die Wahrheit über Marie. Wie sie gelebt hat. Wie sie gestorben ist. Wer ihre Mörder waren. Marie war die Schwester meines Großvaters. Als ich geboren wurde, war sie schon fast 25 Jahre tot. Aber sie spukte noch immer durch unsere Familiengeschichte. Vielleicht war das der Grund dafür, warum ich mich auf die Suche machte nach ihr. Von Magdalena wusste ich nichts. Es war eine knappe Bemerkung in Maries Akte, die mich auf Magdalenas Spur brachte. Zwei Worte nur, kaum lesbar in blasser Tinte. Eine Spur, die verriet, dass Maries Schicksal auf tragische Weise mit dem von Magdalena verknüpft ist. Ich weiß jetzt, wie gefährlich es sein kann, die Vergangenheit aufzuwühlen. Es ist ein Irrtum, dass Tote tot sind.
Maries Akte fand ich im Staatsarchiv Leipzig. Aus vergilbten Blättern, von denen einige dünn geworden waren wie Pergament, stieg der Geruch von altem Papier. In den letzten Jahren ihres Lebens war Marie für die Behörden nicht mehr als ein Verwaltungsakt, ausgestattet mit Aktenzeichen, Bekleidungsnummer und Sippentafel. Arnsdorf, Hochweitzschen, Großschweidnitz. Die letzten Stationen ihres Lebens, notiert mit akkurater Handschrift in schwarzer Tinte. Ein kurzes, trauriges Leben zwischen angegrauten Aktendeckeln. Ich las, bis es draußen dunkel wurde und ein Archivar an meinen Tisch trat. Leise, fast entschuldigend, so als spürte er meine Traurigkeit, sagte er: „Wir schließen jetzt“.
Neugersdorf - eine kleine Stadt in der Oberlausitz bei Zittau, einen kurzen Fußmarsch von der tschechischen Grenze entfernt. Hier wurde Marie geboren. Verzierte Holzsäulen, die das braun gestrichene Bahnhofsdach tragen, grüßen aus einer anderen Zeit. Der Bahnhof ist menschenleer. In der Halle hängen vergilbte Gardinen vor den Fenstern. Hinter den Scheiben, die von Staub und Dreck fast blind geworden sind, sitzt schon lange niemand mehr, der den Reisenden sagt, wann der nächste Zug fährt oder wie viel eine Fahrkarte kostet. Das erledigen die Automaten auf dem Bahnsteig.
Kurz hinter dem Bahnhof lockt ein Schild Touristen: „Bürgerhaus - Restaurant und Hotel - 100 Meter“. Die Villa, die früher einem Webstuhlfabrikanten gehörte, liegt, umgeben von mächtigen Kiefern, da wie im Dornröschenschlaf. Der Eingang, mehr Tusch als Ouvertüre, eine ausgefallene Spielart wilhelminischen Prunks. Auf der schweren Eichentür glänzen Ornamente in der Sonne. Über der Tür sind Figuren in den Stein gehauen. Darüber thront ein Balkon, der von Säulen getragen wird. Ein halbrunder Zweiggiebel krönt das Dach. Das eiserne Tor aber ist verschlossen. Rechts neben dem Balkon ist ein Fenster gekippt. Die Gardine, ein angegrauter Schal, hat sich zwischen Mauerwerk und Scheibe verfangen, weht wie eine traurige Fahne im Wind.
Im Nachbargarten sitzt eine Frau im Lehnstuhl und streckt ihre kalkweißen Beine in die Sonne. Sie trägt Shorts und ein tief ausgeschnittenes T-Shirt, das den Blick auf ihr welkes Dekolleté freigibt. Ihr Haar ist ein Feuerwerk von Rottönen. Der schroffgraue Scheitel, breit wie ein Daumen, verrät, dass es gefärbt ist. Das Blau ihrer Schminke ist verlaufen und hat sich in ihren Lidfalten gesammelt. Ihre Zöpfe, die über zwei verbogene Drahtlockenwickler gerollt sind, lassen sie aussehen wie eine alternde Pippi Langstrumpf. „Das Bürgerhaus steht schon lange leer. Ein richtiges Geisterhaus ist das“, plaudert sie munter drauflos. Ihre Zöpfe wippen bei jedem Wort. „Die Villa gehört einem Österreicher. Ab und an schickt er einen Hausmeister vorbei, der die Fenster zum Lüften öffnet.“ Sie beschreibt mir den Weg zum einzigen Hotel im Ort. „Aber erwarten Sie nicht zu viel".
Die Mauern des Hotels dünsten eine muffige Feuchtigkeit aus, die potentiellen Gästen schon vor der Tür entgegenschlägt. Wie eine unsichtbare Wand, die vor dem Betreten warnt. Hinter der Tür liegt eine düstere Kneipe. Getönte Scheiben und dunkel vertäfelte Wände ersticken das Licht. Es riecht nach abgestandenem Bier und dem Schweiß alter Männer. Die Wirtin, eine dralle Blonde mit toupiertem Haar und blutroten Lippen, empfängt ihre Gäste am Tresen. Sie trägt einen speckigen Kittel, der nicht so recht zu ihren sorgfältig nachgezogenen Lippen passen will. Ihre Zimmer sind noch alle frei. „Sind Sie beruflich hier?“ Die Wirtin rollt das „R“, formt mit der Zunge, die steil nach hinten an den Gaumen gepresst wird, den eigenwilligen Dialekt, der hier in dieser Gegend gesprochen wird. „Ich bin Journalistin.“ „Jurrrnalistin“, wiederholt sie und reißt ihre Augen auf. Die Angst, dass sich eine Reiseredakteurin in ihr Hotel verirrt haben könnte, steht ihr ins Gesicht geschrieben. Nachdem ich ins Zimmer hinaufgegangen bin, verstehe ich, warum. Feuchtigkeit kriecht aus dem Teppich. Die Tapete wellt sich an der Wand. Das Mobiliar, Bett, Schrank, Tisch und Stuhl, stammt aus den frühen 70ern. Die Gäste teilen sich eine Gemeinschaftstoilette auf dem Flur. Als ich wieder nach unten komme, wartet die Wirtin am Treppenabsatz. Vermutlich um von der Schäbigkeit ihrer Herberge abzulenken, fängt sie ein Gespräch an. „Und was verschlägt sie hierrrherrr?“ „Eine alte Geschichte.“ „Eine alte Geschichte?“, wiederholt die Wirtin und schweigt einen Moment, wahrscheinlich will sie mir Zeit geben, ihre Neugier zu befriedigen. Doch sie wartet vergeblich darauf, dass ich sie einweihe. Was sollte ich ihr auch erzählen? Dass es ein Erbe gibt aus der Vergangenheit. Und dass ich mich aufgemacht habe, das Geheimnis unserer Familie zu lüften.
Rechts neben der Kirche ragt das geschwungene Dach unserer alten Familiengruft aus den Ahornbüschen. Ein barocker Bau von 1720. Auf dem Eisentor thront ein steinerner Engel und wacht über die Toten. Die Abgase der nahen Hauptstraße, über deren Asphalt Tag für Tag Hunderte von Lastwagen auf dem Weg nach Tschechien donnern, haben ihm die Nase zerfressen. Wie bösartiger Ausschlag kriecht Moos über seine Wetterseite. Die Zehen sind abgebrochen, seine Wade ist zersplittert. Sein angewinkelter Arm verrät, dass auf der Schulter des Engels früher eine Geige ruhte, die ihm die Zeit entrissen hat. Ohne Instrument sieht der Himmelsbote aus, als müsse er einen Schlag abwehren.
Es gibt eine hübsche Geschichte über die Gruft aus dem siebenjährigen Krieg. Am 25. Oktober 1756 überfielen die Panduren den Ort. Maries Ur-ur-ur-Großvater Carl, der Erbrichter, verschanzte sich mit einigen Männern aus dem Dorf in seinem Haus. Als die Panduren in wehenden roten Mänteln mit türkischen Flinten und Säbeln anrückten, schossen die Dörfler auf die Soldaten. Die Panduren, überrascht von der Gegenwehr, glaubten, dass sich preußische Soldaten in dem Haus verschanzt hätten, und suchten das Weite. Als sie herausfanden, dass es keine Soldaten, sondern einfache Bürger gewesen waren, die sich ihnen in den Weg gestellt hatten, machten sie Jagd auf den Rädelsführer. Carl versteckte sich in der Familiengruft, harrte in der Dunkelheit aus neben den Särgen seiner Vorfahren. Drei Tage und drei Nächte lang.Die Panduren fanden ihn nicht.
In der Kapelle über der Gruft, dort, wo der Pfarrer früher die Grabrede hielt, bevor der Sarg hinab gesenkt wurde, ist es kühl. Auf der Eichentür, die die Gruft verschließt, liegt wie Mehltau der Staub. Familienmitglieder aus zehn Generationen wurden hier zu Grabe getragen.Marie ist nicht hier beerdigt worden.
*
Zwanzig Jahre ist es her, dass ich den letzten Menschen traf, der mir vermutlich alle meine Fragen hätte beantworten können. Mit 19 war ich in die DDR nach Dresden zu meiner Großmutter gereist. Zu den vielen Verwandschaftsbesuchen, die ich binnen einer Woche zu absolvieren hatte, gehörte einer bei meiner Großtante Erna. Erna war die Schwester von Marie - und von Henry, meinem Großvater, den ich ebenfalls nie kennen gelernt hatte. Auch er ein Geist, der durch die Familiengeschichte spukte und meine Phantasie entzündete, weil Henry spurlos verschwunden war. Geblieben waren nur ein paar vergilbte Fotos.Sie zeigen einen auffallend gut aussehenden Mann. Henry hatte dunkelblondes, volles Haar, blaue Augen, schön geschwungene Brauen, wie man sie bei Männern selten sieht. Sein leicht vorstehendes Kinn verlieh seinem Gesicht etwas Markantes, Unverwechselbares. Der aufgeschlagene Mantelkragen und der breitkrempige Hut auf dem Kopf ließen ihn kühl wirken.Ein Eindruck, der durch den Schalk in seinen Augen versöhnt wurde. Henry war ein eitler Pfau, der seine Fotos wie Autogrammkarten signierte und Lebensweisheiten auf die Rückseiten kritzelte. „Wenn der Mensch sagt, dass er nichts hat, weiß er nicht, was er besitzt.“ In der Familie wurden jede Menge Anekdoten über Henry erzählt. Ein Hallodri, der fünf Kinder von drei Frauen hatte. Sein erstes uneheliches Kind zeugte er mit einer Jugendliebe, als er gerade 19 Jahre alt war. Kaum dass die Mutter seiner Tochter entbunden hatte, verließ Henry sie, um keine zwei Jahre später Charlotte zu heiraten, die ihm drei Söhne schenkte. Doch Henry, der keine Lust zum Arbeiten hatte und lieber auf Diebestour ging oder Traktate zur Verbesserung der Welt verfasste, trug wenig zum Lebensunterhalt seiner Familie bei. Lotte ließ sich scheiden. Wenig später lernte Henry meine Großmutter kennen, die damals nur ein paar Jahre älter war als seine uneheliche Tochter, und zeugte mit ihr - kurz bevor er für immer verschwand - sein zweites uneheliches Kind, meinen Vater. Dass es ein sehr trauriges Kapitel im Leben des Hallodris gab, in dem seine Schwester Marie eine tragische Rolle spielte, begriff ich erst, nachdem ich mich auf die Suche nach ihr gemacht hatte.
Als ich gemeinsam mit meiner Großmutter Erna besuchte, ging sie schon auf die 80 zu. Erna war nur kurz verheiratet gewesen und kinderlos geblieben. Von meiner Großmutter wusste ich, dass Ernas Mann schon kurz nach der Hochzeit fremdgegangen war. Nach der Scheidung nahm Erna ihren Mädchennamen wieder an und schmiss ihren kleinen Lebensmittelladen am Wilsdruffer Bahnhof fortan allein. Obwohl Erna viele Verehrer hatte, heiratete sie nie wieder. Sie war, wie meine Großmutter sich ausdrückte, „zur Einsicht gekommen, dass auf Männer kein Verlass sei“. Auch an dieser Erkenntnis war das Schicksal ihrer Schwester Marie schuld, wie ich später erfahren sollte.
Erna war klein und zierlich. Sie trug ihr schlohweißes Haar halb lang und gelockt. Ihre Haut war, abgesehen von ein paar Furchen, die sich tief in Stirn und Mundpartie gegraben hatten, erstaunlich glatt. Erna trug ein dunkles, knielanges Kleid, das viel zu warm war für den Sommer. Sie hielt sich kerzengerade, obwohl ein schmerzlicher Zug auf ihrem Gesicht verriet, dass es ihr schwer fiel. Doch ihre strenge Erziehung, die Erna noch im Kaiserreich genossen hatte, erlaubte ihr nicht, sich gehen zu lassen. Ihre Augen, wach und klar, musterten mich. Ihr Blick fiel auf meine dünnen Arme. Sicher dachte Erna, dass ich mehr essen müsste, doch sie schwieg.
Erna führte uns in die Stube. Meine Großtante lebte, umgeben von alten Erbstücken, in einer längst untergegangenen Welt. Das Gründerzeitsofa war mit rotem Samt bezogen, hatte eine steile Lehne, die zum Geradesitzen mahnte. Und an der Wand stand ein altes Büffet aus Eiche, das den Raum beherrschte. Die Vitrine beherbergte Tassen und allerlei Porzellanfiguren. Die Türen des Unterschrankes waren mit Löwenköpfen verziert, deren goldene Nasenringe als Griffe dienten. Büffet und Wohnzimmertisch gehörten zusammen. Der Tisch war ein besonders ausgefallenes Stück. An den Tischkanten wölbte sich jeweils der Kopf eines Löwen mit üppiger Mähne, die in Wellen herabfiel und das Tischbein formte. In die Füße waren Krallen geschnitzt.
Die geübten Handgriffe, mit denen Erna Topfkuchen auf unsere Teller hob und Westkaffee einschenkte, den ich ihr auf Anraten meiner Großmutter mitgebracht hatte, verrieten Routine im Umgang mit Gästen. Obwohl ihre Hände mit Altersflecken übersät waren und ihre Adern bei jeder Bewegung bläulich-violett hervortraten, hatte Erna schöne Hände. Ihre Finger waren lang und schlank. Am Mittelfinger der rechten Hand funkelte ein Ring. Der Stein, wahrscheinlich ein Rauchquarz, war durchsichtig und schimmerte leicht bräunlich. Erna lächelte, als sie meinen Blick bemerkte. Ich wartete darauf, dass sie preisgab, woher der Ring stammte, vielleicht von einem ihrer zahlreichen Verehrer. Doch Erna schwieg, strich ihren Rock hinten glatt und setzte sich.
Wir tauschten freundliche Belanglosigkeiten aus. Meine Großtante stellte mir die üblichen Fragen nach Schule und Berufswunsch. Ich hatte keine Ahnung, was aus mir werden sollte, und antwortete ausweichend. Als Erna spürte, wie unangenehm mir das Thema war, stand sie auf und ging zum Büffet. Sie zog am Nasenring des Löwen, öffnete die Tür des Büffets und holte ein altes Album heraus. Erna setzte sich und schlug das Buch auf. Der Ledereinband war brüchig, das Album wurde durch eine dunkle Kordel gehalten. Auf der ersten Seite des Albums klebte das Schwarz-weiß-Foto eines Paares in festlicher Kleidung. „Unsere Eltern Gustav und Anna“ - stand in Sütterlinschrift unter dem Foto. Die Eltern von Erna, Marie und Henry mussten wohlhabende Leute gewesen sein. Ernas Vater Gustav trug einen dunklen Anzug, unter dem Gehrock blitzte sein weißes Hemd, eine Fliege zierte den Kragen. Er hatte dunkles Haar, ausgeprägte Geheimratsecken und einen buschigen Schnurrbart, der sein Gesicht beherrschte. Seine leicht schräg stehenden Augen ließen seinen Blick spöttisch wirken. Gustavs Hände lagen im Schoß, zwischen den Fingern der linken Hand qualmte eine Zigarre. Neben ihm stand Anna, seine Frau. Obwohl ihre Wangenknochen auffallend breit waren, gaben die gerade Nase und die schmalen Lippen ihrem Gesicht etwas Puppenhaftes. Ihre Mundwinkel, die leicht heruntergezogen waren, verliehen Anna eine Ernsthaftigkeit, die mir gefiel. Sie schaute an der Kamera vorbei, fixierte einen Punkt in der Ferne. Diese Frau, so schien mir, ließ sich nicht so leicht einschüchtern. Ein Eindruck, für den ich Jahre später Belege finden sollte. Anna trug ihr aschblondes Haar hochgesteckt zu einem mageren Knoten. An den Ohrläppchen glänzten zarte Ringe aus Gold. Auf ihrer Brust wallte eine Schleife aus Tüll, die gebändigt wurde von einer Brosche und einer silbernen Kette, an der ein Kreuz hing. Anna trug ein Kleid aus Brokat, der mit einem filigranen Blumenmuster durchwirkt war. Unter dem Stoff wölbte sich Annas Bauch, wahrscheinlich erwartete sie ein Kind. Ich fragte mich gerade, warum die schwangere Anna stehen musste, während ihr Mann Gustav bequem auf seinem Stuhl saß, als Erna anfing zu erzählen: „Meine Eltern sollten nicht heiraten. Meine Großmutter Rahel, also die Mutter meines Vaters Gustav, war gegen die Hochzeit. Sie mochte die Familie meiner Mutter Annanicht, weil das Katholiken waren. Die Familie meines Vaters war protestantisch. Solche Paare waren damals selten und sorgten für Gerede, vor allem dort, wo unsere Familie herkommt. Die Familie meines Vaters lebte im protestantischen Neugersdorf, das zum Deutschen Reich gehörte. Im Nachbarort, dem böhmischen Philippsdorf, damals Österreich-Ungarn, wohnte die Familie meiner Mutter. Dort waren so gut wie alle katholisch. Eigentlich vertrugen sich die Nachbarn gut. Aber wenn es um Religion ging, waren Philippsdorfer und Gersdorfer wie Feuer und Wasser. Meinem Vater Gustav war das alles egal. Er sagte zu meiner Großmutter Rahel: ,Ich heirate die oder keine‘. Und dann hat er sich aufs Pferd geschwungen, ist nach Philippsdorf geritten und hat unsere Mutter geholt.“ Meine Großmutter lächelte höflich. Ich nickte. Fehlt nur noch, dass das Pferd ein Schimmel war, dachte ich und machte mich gefasst auf eine dieser Geschichten, mit denen alte Leute ihre Vergangenheit rosarot färben. Doch Erna schwieg und blätterte weiter. Viele Seiten des Albums waren verwaist, vermutlich geplündert von Verwandten. Die eingetrockneten Klebeflecken verrieten, dass Erna schon etliche ihrer alten Fotos weggegeben hatte. Endlich, nachdem meine Großtante Seite für Seite ohne ein einziges Bild umgeblättert hatte, klebte wieder eine Karte auf dem Passepartout. Es war eine Mehrbildaufnahme, die um die Jahrhundertwende aufgenommen war. Sie zeigte die Fassade eines Hotels. Abgesehen von ein paar Verzierungen über den Fenstern wirkte das Hotel recht schmucklos. Nur auf dem Dach waren mannshohe Buchstaben montiert: S T A D T Z I T T A U. Eine untypische Werbung für die Jahrhundertwende, viel zu marktschreierisch und aufdringlich. Vor dem Haus spielten ein paar Kinder. Dem Wetter zum Trotz, es hatte offenbar geregnet, die Straße vor dem Haus war ein Pfad aufgeworfener, matschiger Erde, trugen die Mädchen lange weiße Schürzen. Die Knaben steckten in dunklen Matrosenanzügen. „Stadt Zittau gehörte meinem Vater“, sagte Erna und tippte mit dem Zeigefinger auf die Postkarte. Das zweite Bild zeigte die Gaststube des Hotels. Die Einrichtung verriet einen Hang zum Pomp. Geraffte Vorhänge. Sitzbänke, mit Samt bezogen. Kunstvoll gedrechselte Stühle. Öl- und Essigfläschchen aus Kristallglas. Ein Schild aus Messing für den „Stammtisch“. Deckenleuchten mit geschwungenen Armen, an denen zarte Schirme aus Milchglas hingen. „1903 verkaufte mein Vater Stadt Zittau an meinen Onkel und baute den Reichshof - das Hotel, in dem dein Großvater Henry geboren wurde“, erzählte Erna und blätterte weiter in ihrer Vergangenheit. Auch vom Reichshof hatte sie eine alte Ansichtskarte aufbewahrt, die aussah wie eine Zeichnung. Die Abendsonne tauchte das Haus, eine Jugendstilvilla mit Erkern, Giebeln und Türmen, in warmes Licht. Vor der Eingangstür standen vier Herren in schwarzen Anzügen mit Zylindern. An der Hauswand lehnte ein Fahrrad. Der Himmel, blassblau und klar, spiegelte sich in den Fenstern. In der Ferne ragte ein Fabrikschornstein ins Bild und störte die Idylle. Neben der Postkarte klebte ein Familienporträt. Es zeigte Anna und Gustav, umringt von ihren zehn Kindern. Anna, sie trug ein langes dunkles Kleid, ihre Haare waren hochgesteckt, hielt ein Baby im Arm. „Dein Großvater“, sagte Erna. Das Baby, das später als Hallodri in die Familiengeschichte eingehen sollte, schlief friedlich, eingehüllt in eine weiße Spitzendecke, auf dem Arm seiner Mutter. „Und das bin ich“. Erna, die auf dem Foto höchstens ein Jahr alt war, saß auf dem Schoß ihres Vaters. Sie hatte ein Vollmondgesicht, Pausbacken, kaum Haare auf dem Kopf und Kulleraugen, die neugierig in die Kamera glotzten. Im Hintergrund standen zwei Jungen. Der größere war ein bebrillter Strebertyp, dürr, leichenblass mit ernstem Blick. „Gustav, mein ältester Bruder“, erklärte Erna. „Der ,Goschi‘, so haben wir ihn immer genannt, hat sich später, als unsere Eltern tot waren, um alles gekümmert.“ Neben Goschi stand ein kleiner Junge. Er schaute zu seinem großen Bruder auf, so dass man nur seinen dunklen Schopf und die spitze Nase im Profil erkennen konnte. „Rudi“, sagte Erna. „Er hätte nie für den Kaiser in den Krieg ziehen dürfen. War damals ja noch ein halbes Kind. Rudi kam zwar zurück. Aber er war nie wieder derselbe. Er war ein gebrochener Mann.“ Die Mädchen, es waren sechs, trugen alle gerüschte Kleider, darüber weiße Schürzen. Wie die Orgelpfeifen hatten sie sich in zwei Reihen neben ihren Eltern aufgestellt. Ihre Körpergröße verriet, dass die Mädchen höchstens ein, zwei Jahre auseinander waren. Aus ihren Gesichtern sprach die Qual des Stillstehenmüssens. „Anna, Martha, Hedwig, Lia, Elsa“. Erna tippte so schnell auf die Gesichter, dass ich ihr kaum folgen konnte. Plötzlich hielt sie inne. Neben dem Stuhl des Vaters stand ein Mädchen, das sich halb zur Seite gedreht hatte, als wolle es wegrennen. In ihren Augen, sie waren groß und dunkel, glühte der Trotz. Die Mundwinkel waren runtergezogen. Das Mädchen, es mochte vielleicht sieben, acht Jahre alt sein, wollte wohl nicht stillstehen und fotografiert werden. Der Trotzkopf war mit Abstand am Hübschesten. Das dunkle Haar, das zu einem Zopf geflochten war, reichte ihr bis fast zu den Hüften. Sie hatte die breiten Wangenknochen und die gerade Nase ihrer Mutter geerbt. Gustav legte seiner widerspenstigen Tochter versöhnlich den Arm auf die Schulter. Das Lachen in seinen Augen verriet, dass er sich amüsierte. Anna mischte sich nicht ein, ihre Augen ruhten auf ihrem Baby, das zu schlafen schien. Das Foto, es musste nach der Geburt meines Großvaters im Oktober 1907 aufgenommen worden sein, war von einer Lebendigkeit, die man auf Fotos um die Jahrhundertwende selten zu sehen bekommt. Die Porträts aus dieser Zeit haben oft etwas Statisches. Die Leute tragen dunkle Sonntagskleider. Ihre Gesichter sind starr, wie aus Wachs. Das Lächeln verharrt als Andeutung in den Mundwinkeln. Fotografien waren teuer, man ging ins Studio, alles musste perfekt arrangiert sein, wenn der „Photograph“ den Auslöser drückte. Doch Anna und Gustav nahmen in Kauf, dass eine ihrer Töchter aus der Reihe tanzte, vereinbarten keinen neuen Termin mit dem „Photographen“, klebten das Bild sogar für die Nachwelt ins Familienalbum.
Ich wollte Erna gerade nach dem Namen ihrer widerspenstigen Schwester fragen, als ich bemerkte, wie irritiert sie auf das Foto starrte. Ernas Brustkorb hob und senkte sich mit einer Geschwindigkeit, die ihr das Blut in die Wangen trieb. „Ihr Leben lang hat sie kein Glück gehabt“, stieß sie hervor. „Diese Katastrophe vor ihrer Geburt war wie ein böses Omen.“ Erna schüttelte den Kopf. Einen Moment lang war es still in ihrer Stube. Nur die Wanduhr, die ich bisher gar nicht gehört hatte, tickte. Ein monotones Ticken, das in der Stille plötzlich bedrohlich klang. „Marie ist an einer unglücklichen Liebe zerbrochen.“ Erna hob beide Hände in die Höhe, als müsse sie einen unsichtbaren Angreifer aus der Luft abwehren, gleichzeitig drehte sie ihren Kopf zur Seite. Meine Großmutter und ich wagten nicht, etwas zu sagen. „Am Ende ist sie einfach verschwunden. Wir wissen nicht mal, wo sie beerdigt ist. Alpträume habe ich gehabt.“ Tränen glänzten in ihren Augen. Doch Erna beherrschte sich, ließ nicht zu, dass sich die Tränen lösten. Meine Großmutter rückte auf dem Sofa näher an Erna heran und legte ihr die Hand auf den Unterarm. „Tote soll man ruhen lassen“, sagte sie und quälte ihre Mundwinkel zu einem Lächeln in die Höhe. Diesen Satz sollte ich später noch oft von ihr zu hören bekommen.
Erna nickte. Sie klappte das Album so heftig zu, dass die Deckel beim Zusammenschlagen einen dumpfen Laut von sich gaben. Wortlos stand sie auf und ging zum Büffet. Sie zog am Nasenring des Löwen, öffnete die Tür und legte das Album hinein. Der Glanz in ihren Augen war verschwunden. Diese stolze Frau, die gelernt hatte, immer Dame zu bleiben, nie die Contenance zu verlieren, war in sich zusammen gesunken. Nur der Ruck, mit dem Erna die Tür zudrückte und den Schlüssel umdrehte, hatte etwas Energisches, als wolle sie die Geister der Vergangenheit weg sperren. Ich wagte nicht, nach Marie zu fragen.Da schlummerte etwas im Nebel der Familiengeschichte, woran man besser nicht rührte.
*
Schräg gegenüber von Kirche und Familiengruft steht Maries Geburtshaus, das ehemalige Hotel Stadt Zittau. Das Haus heißt noch heute so, wie Maries Vater es um die Jahrhundertwende getauft hat. Doch die Buchstaben, die auf Ernas Postkarte zu sehen waren, sind vom Dach verschwunden. Das Namensschild aus Plastik hängt seitlich an der lindgrünen Fassade, reicht vom Dachsims bis fast zum Boden. Ein schlichter, langgezogener Bau. Der Giebel über dem Eingang ist der einzige Schmuck, den der Architekt dem Haus zugebilligt hat. „Kretscham“ nannten die Gersdorfer das Haus früher, weil es die Dorfschänke war. „Krcma“ kommt aus dem Slawischen und heißt „Schänke“. 1718 kauften Maries Vorfahren den „Sittschen Kraatschn“ - das Wort „Sitte“ bedeutete Zittau und gab dem Haus seinen späteren Namen Stadt Zittau. Zu dem Anwesen gehörte neben dem Fachwerkhaus mit Fischteich, Brunnen und Garten auch ein Basaltsteinbruch. Doch das war nicht der Grund dafür, warum das Anwesen so begehrt war. Dem Eigentümer standen eine Reihe von Sonderrechten zu, die ihn reich und mächtig werden ließen. Der Kretschamwirt besaß eine Lizenz zum Schnaps brennen, durfte - als einziger im Ort - Bier und Brandwein ausschenken, Salz verkaufen, Vieh schlachten und Gäste beherbergen. Und er übte das Richteramt aus, das vom Vater an den Sohn vererbt wurde. 257 Jahre blieb das Haus im Besitzder Familie, bis die SED Stadt Zittau 1975 enteignete, den Kretscham zur „HO-Gaststätte“ umfunktionierte und das Haus langsam verfallen ließ. Nach der Wende kaufte ein Unternehmer aus dem Westen Stadt Zittau, renovierte und baute es um.
Die Gaststube, in der Maries Vater früher hinterm Tresen stand, Bier zapfte, seine Gäste unterhielt und viel zu oft mit ihnen trank, hat heute den Charakter einer gemütlichen Blockhütte. Verschwunden ist der Pomp von damals, die gerafften Vorhänge, die Samtsofas. Neben der Theke, die aus dem Holz eines 300 Jahre alten Heuschobers gezimmert ist, zeigt ein ausgestopfter Biber den Gästen seine Zähne. Auf dem Tresen steht eine Vitrine. Darin liegen, wie teure Schmuckstücke verschlossen hinter Glas, „Zigarren aus Honduras“ und „Zigarillo aus dem Sumatra“. Das hätte Maries Vater Gustav gefallen. Fast alle Fotos zeigen ihn mit Pfeife oder Zigarre. Ich sehe ihn vor mir. Wie er seine Gaststube betrat. Mit polterndem Schritt, schwere Stiefel an den Füßen. Breitbeinig, selbstbewusst, Zigarre im Mundwinkel. Ein Mann, der den Raum füllte. Gönnerhaft klopfte er seinen Stammgästen auf die Schulter, zogsich einen Stuhl heran. „Eine Runde aufs Haus“, donnerte er. Und trank. Ein böhmisches Bier. Noch eins. Und noch eins. Sein Lachen dröhnte durch die Gaststube.
Gustavs gastronomischer Nachfahre, der neue Kretschamwirt, balanciert vier Teller mit dem Tagesgericht an einen Tisch. Seeteufel-Medaillons auf Basilikum-Risotto mit mediterranem Gemüse. Der Wirt, er ist noch jung, höchstens Mitte 20, hat ein volles Gesicht, raspelkurze Haare, die am Ansatz blondiert sind, spult nicht das einfaltslose Spaghetti-Bolo-Programm ab, schreibt „Ötztaler Bauernschmaus“, „Bregenzwälder Pfännchen“ und „Steak vom brasilianischen Rind“ auf seine Speisekarte. Der Rotwein liegt wie Samt auf der Zunge. „Ein Österreicher“, sagt der Wirt. Aus den Boxen, die irgendwo im Gebälk versteckt sind, säuselt Phil Collins: „I wish it could rain down“. „Sind Sie beruflich hier?“, will der Wirt wissen. „Privat. Stadt Zittau gehörte meinen Urgroßeltern.“ Gustavs gastronomischer Nachfahre zieht die Braunen hoch. „Dann wandeln Sie also auf den Spuren Ihrer Vorfahren“. „Könnte man so sagen“, weiche ich aus. „Ich habe ein altes Foto, das Sie vielleicht interessiert“, sagt der Wirt, kommt hinterm Tresen hervor, nimmt einen Glasrahmen von der Wand und gibt ihn mir. Ich kenne die Aufnahme. Das Bild stammt aus der Zeit, als Marie nur wenige Kilometer von hier unter mysteriösen Umständen ums Leben kam. Ein trostloses Foto, grau-in-grau, denkbar schlecht für eine Ansichtskarte, die Gäste werben will. Obwohl Stadt Zittau damals noch ein gut gehendes Hotel war, wirkte das Haus verlassen. Zugezogene Vorhänge. Die Straße vor dem Haus menschenleer. „Ich habe die gleiche Postkarte bei ebay ersteigert“, sage ich. Der Wirt grinst. „Donnerwetter. Was man nicht alles so kriegt im Internet.“ Die Klingel des Küchenchefs unterbricht unsere Unterhaltung. Der Wirt hängt das Bild zurück an seinen Platz, entschuldigt sich mit einem Nicken. Kurz darauf balanciert er wieder vier Teller an einen Tisch, verweilt einen Moment, scherzt und lacht mit seinen Gästen. Ein sympathischer Kerl.
Ein Reisebüro und eine Tanzschule teilen sich den ersten Stock. Die Türen sind verschlossen. Holzimitat klebt im Treppenhaus an den Wänden. Hinter der Eingangstür fristet ein stillgelegter Essensaufzug ein kümmerliches Dasein. „VEB Licht und Kraft Dresden“ steht auf der Metalltür unter dem Staub. Stadt Zittau ist zig Mal umgebaut worden. Es gibt nicht den Hauch einer Spur mehr. Nur der Steinfußboden, ein Meer aus weißen, schwarzen und ockerfarbenen Steinen, muss noch aus der Jahrhundertwende stammen. Wenn jetzt jemand kommt und fragt, was ich hier suche? Eine Fremde, die durchs Haus schleicht, ohne triftigen Grund. Irgendwo in diesen Räumen wurde Marie geboren. Es war tatsächlich so, wie Erna erzählt hat. Kurz vor Maries Geburt kam es in diesem Haus zu einer Katastrophe - wie ein böses Omen.
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Der Winter des Jahres 1899 war besonders streng. Das Thermometer sackte an manchen Tagen auf minus 20 Grad ab. Schneestürme fegten über Neugersdorf, legten Telefon- und Stromleitungen lahm. Trotzdem machte sich Anna am späten Nachmittag des 15. Dezember 1899 auf den Weg, um Weihnachtseinkäufe zu erledigen. Neugersdorf war seinerzeit ein regelrechtes Einkaufsparadies. In fast jedem zweiten Haus war ein Laden untergebracht; es gab mehrere hundert Geschäfte. Bis Ende des 19. Jahrhunderts konnten die Kaufleute ihre Geschäfte öffnen, solange sie wollten. Erst 1900 beschloss der Gemeinderat feste Öffnungszeiten, die, verglichen mit heutigen Verhältnissen, immer noch großzügig bemessen waren. Die Kaufleute durften ihre Geschäfte werktags von fünf Uhr in der Frühe bis abends 21 Uhr öffnen. Vor Feiertagen und in der Weihnachtszeit waren die Geschäfte sogar bis 22 Uhr geöffnet. Und auch an Sonntagen konnten die Neugersdorfer einkaufen.
Anna erwartete gerade ihr siebtes Kind. Obwohl sie schwanger war, hatte sie keine Zeit, sich zu schonen. In der Vorweihnachtszeit war Stadt Zittau fast jeden Tag ausgebucht. Die „Dilettanten des Alt-Jugendvereins“ brachten „zum Besten einer Weihnachtsgabe an hiesige Ortsarme“ ein Theaterstück mit dem Titel „Die Felsenbraut“ auf die Bühne. Die Radkünstler „Döring und Müller“ führten im großen Saal ihre Kunststücke auf dem Zweirad vor. Sonntags spielte eine Kapelle „Tanzmusik“ im Saal.
Anna wollte an diesem Nachmittag zu ihrem Schwager Julius, der ein Textilgeschäft an der Hauptstraße besaß. Sie brauchte ein paar neue Leinentischtücher. Die alten waren grau geworden vom Qualm im Saal und verunstaltet von gestopften Brandlöchern. Schwägerin Auguste legte Anna eine Auswahl neuer Ware auf den Ladentisch. Anna ließ den Stoff durch ihre Finger gleiten, prüfte die Qualität, hielt ein Schwätzchen mit der Schwägerin. Vielleicht unterhielten sich die Frauen über das Kind, das Anna erwartete. „Ich glaube, es wird ein Mädchen“, sagte Annamöglicherweiseund strich sich über ihren Bauch. Anna hatte schon vier Mädchen und zwei Jungen zur Welt gebracht. „Goschi“ war acht Jahre alt, Anna sechs, Martha fünf, Hedwig drei. Lisbeth war kurz nach ihrer Geburt gestorben. Ihr Nachfolger Rudi feierte bald seinen ersten Geburtstag.
Während Anna mit Auguste einen kleinen Plausch hielt, brach in der Dachstube des Kretschams, dort, wo die Dienstmädchen wohnten, ein Feuer aus. In Windeseile fraßen sich die Flammen an den Dachbalken entlang hinunter zum kleinen Saal. Ahnungslos bezahlte Anna ihre Tischdecken und verabschiedete sich von Auguste. Draußen dämmerte es. Vor der Ladentür blieb Anna einen Moment stehen. Sie stutzte. Am Himmel stand ein heller Schein, der direkt über Stadt Zittau zu flimmern schien. Eine dunkle Ahnung durchzuckte sie. Anna raffte ihren Rock hoch und lief, so schnell es Eis und Schnee erlaubten, nach Hause. Sie schickte ein Stoßgebet zum Himmel. „Maria, hilf aus aller Noth, sei unsre Fürsprecherin bei Gott, sowohl im Leben als im Tod...“ Atemlos bog Anna von der Hauptstraße um die Ecke. Gerade stürzte ihr Mann Gustav mit Rudi auf dem Arm keuchend in Freie. Der Kleine brüllte wie am Spieß, war blau angelaufen. Aus dem kleinen Saal schlugen meterhoch die Flammen. Hinter Gustav rannte Schwiegermutter Rahel mit den Mädchen aus dem Haus, dicht gefolgt von Goschi. Just in diesem Moment krachte ein Dachbalken zu Boden, verfehlte nur knapp den Kopf des Jungen. Anna sackte zusammen. Das war zu viel für sie. Ein Jahr zuvor erst war ihr Vater gestorben. Nun stand ihr Haus in Flammen. Ein Nachbar, der herbeigeeilt war, um beim Löschen zu helfen, konnte Anna gerade noch auffangen, bevor sie bewusstlos auf die Straße stürzte.
Weinend klammerten sich die Kinder an ihre Großmutter. Rahel zitterte am ganzen Körper. Es war das zweite Mal, dass sie Stadt Zittau abbrennen sah. Vor neun Jahren war der Kretscham schon einmal bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Aus eigener Kraft hatte Rahel, die damals schon Witwe war, Stadt Zittau wieder aufgebaut. Jetzt - mit 64 - reichte ihre Kraft nicht mehr für solche Schicksalsschläge.
Aus der benachbarten Textilfabrik rückten die Männer mit der neuen Dampfspritze an. Es zischte, als die Wasserladung auf den Flammen niederging. Rauchschwaden stiegen auf, hüllten das Haus in eine dichte Nebelwand. Wenig später hatten die Männer das Feuer gelöscht. Doch der kleine Saal und die Gaststube waren ausgebrannt, die Möbel vom Ruß geschwärzt, Wände und Fußböden mit Löschwasser durchtränkt. Nur der große Saal, den Gustav erst vor kurzem angebaut hatte, war wie durch ein Wunder vom Feuer verschont geblieben. „Durch die Fahrlässigkeit eines 18-jährigen Kindermädchens brach Feuer im Dachgeschoss des Kretschams aus“, schrieb ein Chronist fast 100 Jahre später. In der Familie dagegen wird erzählt, das Dienstmädchen hätte das Feuer aus Neid auf ihre reiche Herrschaft gelegt. Sie soll sogar verurteilt worden sein. Was aus dem armen Ding geworden ist, weiß niemand. Es ist auch nicht überliefert, wie die Familie Weihnachten gefeiert hat. Nur, dass die Geschenke der Kinder, darunter ein hölzernes Schaukelpferd, verbrannt waren. Und dass Gustav den Schaden selbst bezahlen musste, weil er nicht versichert und bei dem Kindermädchen nichts zu holen war.
Gustav und Anna rückten Tische und Stühle ins Garderobenzimmer, richteten dort eine provisorische Gaststube ein. Der Clubraum des Kegelvereins diente den Gästen fortan als Garderobe. Zehn Tage nach dem Feuer, am ersten Weihnachtsfeiertag 1899, war Stadt Zittau wieder geöffnet. Am Abend stand eine Aufführung des Turnvereins „Humor“ auf dem Programm: Das Ritterschauspiel „Das Käthchen von Heilbronn“ von Heinrich von Kleist. Ein Platz im Parkett kostete 75 Pfennig, auf der Galerie 40 Pfennig und in den hinteren Stuhlreihen 30 Pfennig. „Dem von dem Brandunglück kürzlich betroffenen Herrn S. ist ... ein recht flottes Geschäft zu gönnen“, schrieb die Oberlausitzer Dorfzeitung. Nach der Vorführung spielte eine Kapelle zum Tanz. Gustav stand bis spät in der Nacht am Tresen, zapfte Bier, schenkte Wein aus. Anna wirbelte in der Küche, kochte, servierte. Das Ungeborene strampelte in ihrem Bauch. Doch Anna konnte darauf keine Rücksicht nehmen. Die Existenz ihrer Familie stand auf dem Spiel.
Auch in den Tagen und Wochen nach dem Feuer kam Anna nicht zur Ruhe. Der Turnverein wiederholte seine Vorstellung noch zwei Mal. Der Männergesangsverein „Harmonie“ gab ein Benefiz-Konzert „zum Besten des hiesigen Kinderheims“. Die Opernsängerin Margareta Knothe reiste aus Dresden an, sang Lieder von Schubert und Wagner. Anna arbeitete ständig am Rande der Erschöpfung. Der Baulärm zerrte an ihren Nerven. Die Kinder tobten durchs Haus. Die Ballsaison brach an. Anna richtete nacheinander den Kutscherball, den Fleischerball und den Kellnerball aus. Anna stand in aller Herrgottsfrühe auf und kam erst weit nach Mitternacht ins Bett.
In diesen Tagen ging Anna einmal ins Schlafzimmer. Sie war müde, hätte sich am liebsten hingelegt. Doch zum Ausruhen blieb keine Zeit. Anna blickte in den Spiegel. Ihr Haar klebte vom Küchendunst an den Wangen. Plötzlich sah sie im Spiegel die Straßenschuhe eines Mannes, der unterm Bett lag. „Sie hat nicht geschrieen oder getobt, wie andere Frauen es vielleicht getan hätten“, schrieb ihr ältester Sohn Goschi Jahre später als Beweis dafür, von welch robuster Natur die Frauen seiner Familie waren, in einem Brief, der zu Maries Akte genommen wurde. Anna richtete sich zum Schein das Haar, summte laut vor sich hin, um den Mann unterm Bett in Sicherheit zu wiegen. Vorsichtig zog sie den Schlüssel ab, der von innen steckte, und schlüpfte aus dem Schlafzimmer. Draußen steckte sie den Schlüssel vorsichtig wieder ins Schloss und drehte um. Anna polterte die Treppe runter und rief nach ihrem Mann. Unterdessen sprang der Fremde aus dem Fenster, entkam übers Dach - mit einer Beute von „mehreren tausend Mark“, die Gustav unter seiner Matratze versteckt hatte. Ausgerechnet jetzt, wo die Familie jeden Reichspfennig brauchte, war das mühsam eingenommene Geld gestohlen.
Wenig später, am 28. März 1900, setzten bei Anna plötzlich die Wehen ein. Mitten in der Nacht - um zwei Uhr, wurde Marie geboren. Sie war eine Frühgeburt, lag „mehre Tage in Krämpfen“ und schien „nicht lebensfähig“. Obwohl Anna durch die Geburt ihrer Tochter geschwächt war und Marie in Lebensgefahr schwebte, wurde Stadt Zittau fast täglich geöffnet. Schwiegermutter Rahel übernahm das Regiment. Abends spielten die Mitglieder des Turnvereins „Humor“ im großen Saal Theater. Tagsüber sanierten die Arbeiter das Haus. Im Sommer zum „Jakobimarkt“ sollte Stadt Zittau saniert sein. Das Schützenfest, das viele Besucher nach Neugersdorf lockte, versprach das beste Geschäft des Jahres zu werden. Als wollte er dem Schicksal trotzen, ließ Maries Vater Gustav seine Dorfschänke zu einem komfortablen Hotel ausbauen. „Aus dem früher unansehnlichen Kretscham ist durch die Baulust seines ... Besitzers ... ein großes Hotel Stadt Zittau geworden“, lobte der bärtige Pfarrer Melzer Gustavs Unternehmergeist Jahre später in seiner Ortschronik. Melzer taufte Marie zwölf Tage nach ihrer Geburt auf den Namen „Lina Marie“. Doch weil sie so klein und zierlich war, als hätte sie die fehlenden Wochen im Mutterleib nie aufgeholt, wurde Lina Marie ihr Leben lang nur „Mariechen“ gerufen.
Anna wachte Tag und Nacht an Mariechens Wiege. Wieder und wieder beugte sie sich über ihr Kind, lauschte, ob es noch atmete. Wenn Mariechen schlief, betete Anna. Sie hatte ein altes Gebetbuch. „Sammlung der Gebete, welche in der Kirche zu Philippsdorf verrichtet werden“, stand in Goldschrift auf dem schwarzen Einband. Obwohl Anna alle Gebete auswendig kannte, schaute sie gern in dieses Buch und blätterte darin. Die Seiten waren gelb und rochen. „Maria, hilf aus aller Noth, sei unsre Fürsprecherin bei Gott, sowohl im Leben als im Tod. Zeig‘ uns Deine Muttergüte, trage Deiner Kinder Bitte jenem Herrn und Heiland vor, der zur Mutter Dich erkor!“ Fünf Mal ließ Anna die Perlen des Rosenkranzes durch ihre Finger gleiten. Dann flüsterte sie das Gebet des heiligen Bernhard und begann wieder von vorne. „Maria, hilf aus aller Noth...“ Wenn ihre Lider vor Müdigkeit schwer wurden, sprach Anna die Gebete halblaut vor sich hin. Die heilige Mutter musste sie doch hören. Hatte sie nicht auch ihre Tante Magdalena errettet?
Manchmal nickte Anna ein. Doch kaum sackte ihr das Kinn auf die Brust, schreckte sie wieder hoch. Es war erst ein gutes Jahr her, dass Anna ein Kind verloren hatte. Lisbeth, die wie ein spätes Geschenk am zweiten Weihnachtsfeiertag 1897 geboren worden war, lag eines Morgens, keine sieben Wochen nach ihrer Geburt, leblos in der Wiege. Das Mädchen sah aus, als würde es schlafen. Doch Lisbeth atmete nicht mehr. Tagelang wurde Anna von Weinkrämpfen geschüttelt. Als Lisbeths Kindersarg hinabgesenkt wurde in die Familiengruft neben der Kirche, brach Anna zusammen. Obwohl ihr niemand die Schuld an Lisbeths Tod gab - der Arzt sagte, es käme leider häufiger vor, dass Säuglinge im Schlaf plötzlich zu atmen aufhörten, machte sie sich bittere Vorwürfe. Nun wachte Anna Tag und Nacht über Mariechen, so als könnte sie den Tod durch ihre Gebete vertreiben.
Auf den Tag genau vier Monate nach Maries Geburt - am 28. Juli 1900 - gab Gustav eine Anzeige in der Oberlausitzer Dorfzeitung auf: „Gasthof Stadt Zittau, empfiehlt zum bevorstehenden Jacobimarkt seine geräumigen RESTAURATIONSLOKALITÄTEN nebst schattigem Garten und vorzüglicher Kegelbahn einer freundlichen Beachtung. Anerkannt gute Küche. Reichhaltige Speisekarte. Biere und Weine. In meinem neuerbauten, sehr großen Konzert- und Ball-Saal mit elektrischer Beleuchtung eingerichtet, findet Sonntag, Montag und Dienstag, den 29., 30. und 31. Juli öffentliche Ballmusik statt. Anfang: nachmittags 4 Uhr.“
Mariechen war über den Berg. Die Krämpfe, die sie in den ersten Tagen ihres Lebens geschüttelt hatten, waren verschwunden. Vielleicht hatte die Wachsamkeit ihrer Mutter sie gerettet. Jahre später würde Anna noch einmal versuchen, ihre Tochter zu beschützen. Doch so oft sie auch die Mutter Gottes um Hilfe anflehte. Es würde ihr nicht gelingen.
*
Als ich zurück ins Hotel komme, schlägt mir im Zimmer eine muffige Feuchtigkeit entgegen, die schwer auszuhalten ist. Die Matratze ist so durchgelegen, dass man die Drahtfedern spürt. Das Bettzeug, grau und gestreift wie Sträflingswäsche, ist klamm. Morgen werde ich nach Philippsdorf gehen, dorthin, wo Magdalena gelebt hat. Ernas Geschichte über die Hochzeit ihrer Eltern Anna und Gustav stimmt in groben Zügen. Nur dass die Gräben zwischen der Familie ihres Vaters Gustav und ihrer Mutter Anna viel tiefer waren. Der Grund dafür war Magdalena, Annas Tante - Maries berühmte Großtante.
„Na, haben Sie Ihre alte Geschichte klären können?“, fragt die Wirtin am nächsten Morgen, während sie ein paar Zahlen auf den Quittungsblock kritzelt. 45 Euro verlangt sie pro Nacht. Ohne Frühstück. Ein stolzer Preis für diese schäbige Herberge. Aber ich bin zu müde, um zu protestieren. „So schnell geht das nicht“, weiche ich aus. Obwohl ihr die Schatten unter meinen Augen kaum entgangen sein können, fragt die Wirtin nicht, wie ich geschlafen habe. Wahrscheinlich kennt sie die Klagen über ihre Betten und ist froh, wenn ein Gast zahlt, ohne zu murren. Draußen sengt die Sonne vom Himmel. Ich kneife die Augen zusammen, als ich auf die Straße trete. Philippsdorf heißt heute Filipov und liegt hinter der Grenze in Tschechien. Der Weg zum Grenzübergang führt die Hauptstraße entlang den Berg hinauf. An einer Weggabelung hat der Bundesgrenzschutz in einem weißgetünchten Container Quartier bezogen. Ein paar Gitter, nachlässig kreuz und quer über die Straße gestellt, markieren die Grenze zwischen Deutschland und Tschechien. Ein BGS-Beamter sitzt auf einem Stuhl neben dem Container und liest die Sächsische Zeitung. Trotz Hitze steckt er in Uniform, trägt eine lange Hose, Strümpfe, schweres Schuhwerk, ein kurzärmliges Hemd mit aufgeknüpftem Kragen, unter dem sein weißes T-Shirt blitzt. Auf seiner Halbglatze, die von der Sonne verbrannt ist, perlt der Schweiß. Träge erhebt sich der Polizist, wirft einen flüchtigen Blick auf meinen Pass und nickt. Zwischen Stoppelfeldern führt eine Straße ins Tal nach Filipov. Auf halber Strecke sieht man die Türme beider Kirchen. Rechts, auf deutscher Seite, schimmert in Neugersdorf das türkis angelaufene Kupferdach der evangelischen Kirche, in der Marie getauft wurde. Weiter unten im Tal, in Filipov, dort, wo das Geburtshaus von Magdalena stand, ragen die zinnroten Türme der Basilika in den Himmel. Gegen die „Königshalle“, wie basiliké auf deutsch heißt, wirkt die Kirche in Neugersdorf fast ein bisschen schäbig. Wie zwei ungleiche Schwestern stehen sich die Gotteshäuser gegenüber. Wie Magdalena und Marie. Es gab einen Moment im Leben von Großtante und Großnichte, der alles veränderte. Die Folgen hätten unterschiedlicher nicht sein können. Magdalena wird noch heute verehrt. Marie wurde verachtet, ermordet und vergessen.
