Marine Le Pen - Tanja Kuchenbecker - E-Book

Marine Le Pen E-Book

Tanja Kuchenbecker

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Beschreibung

Frankreich ist die fünftgrößte Volkswirtschaft, Atommacht und eines der wichtigsten Länder der Erde. Nun steht das Land vor einem epochalen Einschnitt. Seit Marine Le Pen von ihrem Vater, dem Antisemiten Jean-Marie Le Pen, die Führung des ausländerfeindlichen, antiislamischen, rechtsextremistischen Front National (FN) übernommen hat, eilt die Partei von Erfolg zu Erfolg. Bei den Europawahlen erhielt sie die meisten Stimmen. Wird Le Pen im Mai 2017 die nächste französische Präsidentin? Tanja Kuchenbecker hat den beispiellosen Aufstieg Marine Le Pens über viele Jahre hautnah verfolgt, auch in persönlichen Begegnungen. Anschaulich und voller spannender unbekannter Details beschreibt sie ihre Motive, ihre Strategie und ihre Vernetzungen in ganz Europa. Und sie zeigt, wie die gefährlichen Ziele und Werte Le Pens und des FN bis in die breite Gesellschaft hinein salonfähig wurden. Marine Le Pens Weg könnte sich zur Blaupause auch für ihre Partner in Deutschland, Österreich und ganz Europa entwickeln.

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Seitenzahl: 245

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Tanja Kuchenbecker

MARINE LE PEN

Tochter des Teufels – Vom Aufstieg einer gefährlichen Frau und dem Rechtsruck in Europa

 

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2017

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

 

 

Umschlaggestaltung: Christian Langohr

Umschlagmotiv: © Getty Images

Autorenfoto: © privat

E-Book-Konvertierung: Daniel Förster

 

ISBN (E-Book) 978-3-451-81065-7

ISBN (Buch) 978-3-451-37509-5

Inhalt

Einleitung Marine Le Pen – Ikone der Rechten
Kapitel 1: Der Vormarsch des Front National
Rechtsextrem oder rechtspopulistisch?
Globalisierung und Ängste
Kampf gegen die Eliten – und Aufstiegsblockaden
In die Lücke der Linken – und darüber hinaus
Arbeitslosigkeit, ökonomische Probleme, Streiks, Lähmung
Allgemeine Wirtschaftsskepsis und Verlust an »Größe«
Euro, Brexit, Migranten: Krisen als Verstärker der Anziehungskraft
Islamische Radikalisierung und Terror
Kampf gegen »die Flüchtlinge«
Die Region als Rückhalt
Die Marine-blaue Welle
Kapitel 2: Feindbilder und Vorbilder
Antieuropäisch und profranzösisch
Antiglobal und protektionistisch
Gegen Einwanderung und »Überfremdung« – die »nationale Priorität«
Antiislam als Waffe – und prolaizistisch, prochristlich, projüdisch
Angepasst und wendig
Kapitel 3: Familienbande, Familienzwist – Liebe, Geld und Macht: Der Aufstieg der Dynastie Le Pen
Vatermord
Jean-Marie Le Pen (1): Die Anfänge als Antisemit und Rassist
Jean-Marie Le Pen (2): Rebell, Rhetoriker und Soldat
Jean-Marie Le Pen (3): Nordafrika, Schlägereien und Parteigründungen
Mühsamer Start, langer Aufstieg
Mit einem Bombenattentat in die Politik
Stoff für eine Seifenoper
Frühe Prägungen, Erbschaften und reiche Gönner
Rechts im Studium, alternativlos als Anwältin
Die Schwestern und die Stiefmutter
»Front Familial« – die Partei als Familienunternehmen
Marion Maréchal-Le Pen – dritte Generation und großes Talent
Kapitel 4: Medien, Öffentlichkeit, Gerichte – umstrittene Künstlerin der Verpackung
»Telegen«, »publikumswirksam« – und umwerbend
Angespanntes Verhältnis zur Presse
Prozessflut gegen Journalisten und Autoren – »Feindin der freien Meinungsäußerung«
Imagepflege, Covergirl
Brav gekämmt und ohne Springerstiefel
Kampfeslust und Scharfzüngigkeit – und taktische Flexibilität
Worte auf der Goldwaage
Verbogene und geschönte Begriffe – »Im Dienst des Volkes«
Kapitel 5: »Ich will die Macht« – eine kühl verfolgte Strategie
Wie eine Feldherrin
Immer mehr Parteimitglieder, immer mehr Wähler – zu wenig Kandidaten
Sarkozys Rechtsruck und wie der Front National davon profitierte
Die Chefin und ihre Männer – verschwiegene Beraterriege
Eine Frau für andere Frauen – und Marine Le Pen privat
Das Private der Familie – und nationalkonservative Familienpolitik
Zweideutig bei der Frage der Abtreibung
»Freundin« der Homosexuellen
Kapitel 6: Marine Le Pen, Europa und die internationale Rechtsfront
Die AfD– Kopie des Front National?
Früher verborgen, heute offen – vernetzte »rechte Avantgarde«
Dunkle österreichische Gestalten
Anführer Orbán – Ungarns faschistisches Erbe reloaded
Immer weiter rechts: Polen, Nordeuropäer, Belgier, Italiener
Sonderwege
Anstatt eines Nachworts: Wie weiter?
»Angst davor, selbst zu den anderen zu werden«
Ideologien zur Auflösung rechtsstaatlicher Strukturen
Versäumnisse der Vergangenheit
Verzerrte Wahrnehmungen und Lagerdenken
Literatur
Die Geschichte hinter dem Buch – und Dank
Über die Autorin

EinleitungMarine Le Pen – Ikone der Rechten

Für viele Franzosen ist sie die »Tochter des Teufels« – für zahllose Rechtspopulisten und Rechtsradikale in Frankreich und Europa eine Ikone: Marine Le Pen, jüngste Tochter des Antisemiten und Fremdenlegionärs Jean-Marie Le Pen, der vor ihr jahrzehntelang das Gesicht der Ultrarechten in Frankreich prägte.

Marine Le Pens Aufstieg zur zweifelhaften Heldin erfolgte in Lichtgeschwindigkeit. Während ihr lange dominierender Vater, dem sie Stück für Stück entschlossen die Macht entriss, heute kaum mehr Einfluss zu haben scheint, ist Marine in nur wenigen Jahren zur neuen Galionsfigur der Rechten geworden – zur Frontfrau einer Bewegung, die alles, was in Europa in einem halben Jahrhundert an liberaler Rechtsstaatlichkeit und verlässlicher Friedensordnung geschaffen wurde, infrage stellt und rückgängig machen will.

Kein Zweifel, die Entwicklung ist alarmierend: In den jungen Demokratien Ungarns, Polens und in vielen anderen osteuropäischen Staaten ist das Wiedererwachen rechtsextremer Strömungen in Gesellschaft, Medien und Politik nicht mehr zu übersehen. Mehr noch: Sie erobern die Mitte dieser jungen Demokratien und das mit großem Tempo. Längst stellt sich die Frage, ob sie angesichts der Entsorgung von demokratischen Grundprinzipien wie Pressefreiheit, Gewaltenteilung oder Minderheitenschutz nicht bald schon als Autokratien zu bezeichnen sind.

Doch dabei bleibt es nicht. Plötzlich brechen sich der wirtschaftliche Strukturwandel sowie die Unzufriedenheit mit den politischen Parteien dem rechten Radikalismus auch in Ländern mit längerer demokratischer Tradition Bahn, etwa in Österreich, Großbritannien oder Deutschland. Rechts – und rechtsextrem – zu denken scheint wieder hoffähig geworden zu sein.

Spätestens seitdem die schmerzhaften Auswirkungen von Finanz- und Eurokrise immer spürbarer werden, sind die Menschen in Europa geladen, zeigen sie ihren Frust. Sie spüren: Die fetten Jahre sind vorbei. Und sie begreifen: Die Globalisierung schafft nicht nur Gewinner, wie man es ihnen versprochen hatte, sie schafft auch Verlierer. Ähnliches gilt für die Digitalisierung und die mit ihr verbundenen zu erwartenden Verwerfungen in der Arbeitswelt. Globalisierung wie Digitalisierung verursachen nicht nur wirtschaftlichen Strukturwandel, sie schüren auch Verteilungskämpfe. Die Ängste vor dem sozialen Abstieg wachsen allerorten – idealer Nährboden für Rechtspopulismus und -extremismus und seine Anführer.

Dass die wirtschaftlich am härtesten getroffenen Arbeiter und Angestellten angesichts schwindender Perspektiven zu den Populisten und Extremen tendieren, lässt sich womöglich noch nachvollziehen. Doch es zeigt sich, dass auch die Mittelschicht nicht immun ist gegenüber den Versprechungen, alles würde wieder »gut«, wenn man sich nur auf seine natio­nalen Werte besinne, was auch immer das im Einzelfall ist. In ganz Europa sind die Menschen, wie es aussieht, eliten-, parteien- und politikmüde geworden und anfällig für die von den Rechten propagierten Volksabstimmungen, die nur allzu leicht für andere Zwecke instrumentalisiert werden können.

Die Frage muss gestellt werden: Was wird aus der Politik in einer Demokratie, wenn plötzlich alle ihre Spielregeln durch eine kleine Gruppe infrage gestellt werden, wie im Fall des US-Präsidenten Donald Trump? Noch dazu, wenn diese Gruppe vorgibt, antielitär zu sein und gegen das bestehende »System« zu agieren, tatsächlich aber selbst zur Elite gehört und immer immens vom »System« profitiert hat?

In Frankreich, der Grande Nation mit globalem Führungsanspruch, hat rechtsextremes Gedankengut eine lange Tradition. Es hat seine Ursprünge in der Zeit, in der die Atom- und ehemalige Kolonialmacht ihre Weltmachtstellung verlor. Jean-Marie Le Pen war es, der mit antisemitischer, fremdenfeindlicher und nationalistischer Rhetorik diese Kränkung ausnutzte und 1972 die rechtsextreme Partei Front ­National begründete. Mit ihr und innerhalb von dreißig Jahren wurden Jean-Marie Le Pens Ideologien gleichsam schleichend immer hoffähiger – und 2002 konnte Le Pen in der Wahl zum französischen Staatspräsidenten knapp 17 Prozent der Stimmen auf sich vereinigen. Schon damals waren ­wirtschaftliche Schwierigkeiten in Frankreich deutlich erkennbar, und es zeigten sich starke Risse im Sozialgefüge. Beides suchte Le Pen für sich zu nutzen.

Der Trend nach rechts hat sich seither fortgesetzt. Und seit Marine Le Pen im Januar 2011 die Präsidentschaft der Partei übernahm, scheint den Front National nichts mehr aufhalten zu können. Mit stetig wachsendem Wählerstimmenanteil eilt Marine Le Pen nun von Erfolg zu Erfolg. Und sie hat zwei klare Ziele: Sie will direkt gewählte Präsidentin werden, wann auch immer ihr das gelingt. Und sie will den Front National neben den beiden großen Parteien – Sozialisten und konservative Republikaner – als zentrale politische Kraft etablieren und mitregieren, am liebsten an der Spitze.

Eine rechte oder gar rechtsextreme Präsidentin mit der Hand am Auslöser der Atomraketen? Nicht wenigen schaudert vor dieser Vorstellung – auch wenn viele sie verdrängen. Oder sich ein solches Szenario schönreden, etwa indem sie anführen, dass Le Pen, einmal an der Macht, ja gar nicht so schlimm werde, sich anpassen und am Ende moderater, als sie derzeit auftrete.

Was hat die »Tochter des Teufels« bewogen, ihren Vater auf dem Altar der Parteitaktik zu opfern? Mit welcher Strategie verfolgt sie ihre Ziele? Gibt es ein koordiniertes ­Szenario der Machteroberung durch die Rechten und Ultrarechten in ganz Europa? Gibt es vielleicht sogar Parallelen zu den 1930er-­Jahren, der Situation vor der Machtergreifung der Faschisten und Nationalsozialisten? Wie stabil ist die Demokratie – in Frankreich, in Deutschland, in Österreich, auf dem gesamten alten Kontinent? Und wie stabil damit der Frieden?

Es war François Mitterrand, der in einer seiner letzten großen Reden vor dem Europäischen Parlament in Straßburg im Jahr 1995 – bereits von schwerer Krankheit gezeichnet – die Europäer beschwor: »Le nationalisme, c’est la guerre«. Etwa: Nationalismus bedeutet Krieg. Wer hätte vor Kurzem noch gedacht, dass wir uns diesen Satz heute in Erinnerung rufen müssen, um nicht das Falsche zu tun?

In einer Zeit, in der die großen Volksparteien allerorten einander immer ähnlicher werden und, so will es scheinen, keine nachhaltigen Lösungen für Arbeitslosigkeit, Einwanderung und soziales Elend anbieten können, dominieren die simplen Parolen der Populisten und Extremen – vor allem von rechts. Ihre Botschaft ist klar: Schuld sind die anderen – die Flüchtlinge, die Kinder der Einwanderer, das internationale Finanzkapital, die globalen Weltmärkte, die Digitalisierung, »die da in Brüssel«. Europas zahllose Probleme – Euro-Desaster, Schuldenberge, wirtschaftlicher Strukturwandel, Migrationsströme, Brexit-Votum, das Fehlen einer gemeinsamen Sozialordnung oder eines gemeinsamen Sicherheitskonzeptes – spielen Marine Le Pen und ihren zahlreich gewordenen rechten Mitstreitern in die Hände.

Werden die rechten und ultrarechten Parteien Europas die politischen Institutionen erobern, so wie sie bereits einen festen Platz im Europäischen Parlament haben – das sie gleichzeitig finanziert? Wollen sie die Systeme unterwandern oder politikfähig werden? Etwa indem sie sich »sanfter geben«, als sie in Wirklichkeit sind? Wie ernst also ist es etwa Marine Le Pen mit der »Entdämonisierung« ihrer Partei? Diesen Begriff – die dédiabolisation, wörtlich: »Entteufelung« – hat die Partei im Übrigen selbst geprägt. Das Ziel dieses neuen Branding ist klar: Die mit ihm verbundene »sanftere Strategie« soll dem Front National neue Wählerschichten anziehen.

Das zeigt sich in Vielem, vor allem an der Spitze: Auf den polternden Patriarchen mit seinen antisemitischen Ausfällen folgt die strategisch klügere Anwältin, die sich zudem besser im Griff hat als der Vater. Ihr Politikstil ist oberflächlich gesehen weniger brutal und nicht so aggressiv, und er trifft sich dabei mit dem ähnlich erfolgreicher Parteien im Ausland. Aber die Kernziele des Front National sind unverändert geblieben: Es geht weiterhin um die Vorherrschaft der Weißen und gegen Europa. Und es geht gegen die parlamentarische Demokratie, es geht gegen Rechtsstaatlichkeit, Pressefreiheit und andere liberale Werte, wie viele von uns sie heute für selbstverständlich nehmen.

Der Erfolg von Marine Le Pen ist eine Warnung – für ganz Europa. Und die Parteiführerin wird inzwischen weltweit beachtet. 2015 rangierte sie im TIME Magazine unter den 100 wichtigsten Persönlichkeiten der Welt. Längst sollte klar sein: Sie ist keine von den Medien geächtete Randfigur mehr, sondern hat sich ins Zentrum des politischen Lebens in ihrem Heimatland vorgearbeitet. Im immerwährenden Kampf um Aufmerksamkeit verhilft die digitale Medienöffentlichkeit, wie das Beispiel Trump zeigt, gerade extremen Positionen zu besonderer Aufmerksamkeit. Auch Le Pen profitiert davon.

Die herkömmlichen Parteien scheinen hilflos gegenüber den simplen, eingängigen Parolen der Rechtspopulisten und Rechtsextremen. Mit rationalen Argumenten ist ihnen kaum beizukommen, und die Wahrheit zu sagen hat in der Politik noch nie wirklich funktioniert. Unter dem Druck von rechtem Populismus und Extremismus – und durch die Erfahrungen mit der digitalen Medienöffentlichkeit – radikalisieren nun auch die großen »alten« Volksparteien ihre eigenen Positionen.

Das ist die eigentliche Macht der ultrarechten Parteien: Sie leben von der Angst der Menschen, die sie selbst schüren. Und nun haben sie in den ratlosen »alten« Volksparteien auch noch Unterstützer.

Vor allem Marine Le Pen ist klug genug, die Ängste zu erkennen und zu schüren. Und nicht nur sie. Sollten wir daher Angst vor ihr haben? Besser ist es, sie erst einmal zu verstehen – und dann klug für das zu kämpfen, was uns wichtig ist und nicht ihr und ihren gefährlichen Mitstreitern in Frankreich und überall in Europa.

Kapitel 1Der Vormarsch des Front National

Marine Le Pen hat viel gewagt – und bis heute viel ­gewonnen. Im Kern dabei: Sie hat ihre Partei, die sie seit 2011 führt, entstaubt und ihr die Geister des Faschismus, die die Partei lange hofierte, ausgetrieben. Sie hat dabei sogar den Bruch mit ihrem offen antisemitischen Vater vollzogen, als sie ihn 2015 aus der von ihm selbst gegründeten Partei ausschloss. Die wenigen alten »Kameraden«, deren Gefolgschaft sie dabei verloren hat, schmerzen sie nicht, denn die »Säuberung« der Partei verhilft ihr zu ganz neuen Wählerschichten, etwa zu homosexuellen und jüdischen Wählern, und insgesamt zu mehr Akzeptanz in der bürgerlichen Mittelschicht. Genau das war ihr Ziel.

Während Jean-Marie Le Pen jahrzehntelang antisemitische Sprüche klopfte und die Gaskammern infrage stellte, änderte seine Tochter die Strategie und machte sich daran, das Image der Partei kosmetisch zu überarbeiten. Der Front National (wir verwenden das übliche DER Front National, weil im Französischen der maskuline Artikel LE davorsteht) droht mit Prozessen, wenn man ihn als »rechtsextrem« bezeichnet. Offiziell distanziert sich Marine Le Pen auch von Parteien, die sie für zu extrem hält – so von der ungarischen Jobbik, der deutschen NPD oder der griechischen Goldenen Morgenröte. Umgekehrt lehnte die deutsche AfD lange den FN wegen seiner antisemitischen Vergangenheit ab, doch informelle Kontakte existieren, und im Herbst 2016 haben sich Frauke Petry und Marine Le Pen offenbar bei einem Treffen politisch angenähert.1

Der Front National, »auch wenn er einst eine rechtsex­treme Partei war, ist heute eine große Volkspartei«2, das ist die Botschaft Marine Le Pens. Sie möchte, dass der FN als »patriotische Rechte« gesehen wird. Gleichzeitig aber sagt sie: »Wir sind nicht rechts und nicht links.« Diese Einordnung ist Teil der Strategie vieler Rechtspopulisten in Europa, auch der AfD. Sie spielen das demokratische Spiel und stellen sich ganz ordentlich zur Wahl. Auf diesem Weg soll das neu polierte Image des Front National helfen – eine Art »FN Light«.

Rechtsextrem oder rechtspopulistisch?

Die Suche nach dem richtigen Etikett für die Politiker der neu erstarkten Rechten in Europa ist nicht leicht. Wie Le Pen nennt etwa auch der Ungar Gábor Vona, von vielen Medien als »Faschist« bezeichnet, seine Partei Jobbik eine »Volkspartei« (mehr in Kapitel 6). Marine Le Pen setzt sich allerdings ­gerne von Jobbik ab. Sie lässt sich lieber als Populistin bezeichnen, weil das suggeriert, dass sie die Unterstützung des Volkes habe.

Unter Rechtspopulismus versteht die deutsche Bundeszentrale für Politische Bildung »eine politische Strategie, die autoritäre Vorstellungen vertritt und verbreitete rassistische Vorurteile ausnutzt und verstärkt.« Im Kern ihrer Argumentation werden der »kleine Mann« oder »das einfache Volk« gegen »das Establishment« in Stellung gebracht. Die Übergänge zum Rechtsextremismus sind fließend, und doch ist der Rechtspopulismus eher eine politische Strategie als eine geschlossene Ideologie. Er schürt Ängste und arbeitet mit Verschwörungstheorien.3 Auch wenn der Front National ­Teile seines rechtsextremen Ballasts abgeworfen habe, so bestehe sein ideologischer Kern weiter fort, so der deutsche Historiker und Rechtsextremismus-Experte Ralf Melzer: Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit, Law-and-Order-­Rhetorik, Europafeindlichkeit.

Umgekehrt sind Rechtsextreme aber auch Populisten, denn sie sind Profis der Demagogie. Zwar gibt es noch ­keine weltweite Wirtschaftskrise wie im Europa der 1930er-Jahre, doch sie wird seit Jahren an die Wand gemalt und zeigte nach 2008 seit dem Finanzskandal der Lehman Brothers kurz ihr hässliches Gesicht. Kein Zweifel, das Gefühl der Unsicherheit in den westlichen Gesellschaften, die jahrzehntelang Wohlstand gewöhnt waren, wächst. Schon jetzt wird erkennbar, dass Globalisierung und Digitalisierung die Lebensentwürfe vieler Menschen in kurzer Zeit verändert haben. Und sie ahnen – und befürchten –, dass das so weitergehen könnte, ohne dass klar wäre, was mit diesen Änderungen kommt. Es herrscht die Furcht vor dem Unbekannten und vor sozialem Abstieg und wirtschaftlicher Not. Hinzu kommt die Bedrohung durch internationalen Terrorismus, die sich leicht auf den Flüchtlingsstrom aus Nordafrika, Syrien und Afghanistan projizieren lässt.

Die Populisten profitierten vom »Zusammentreffen mehrerer Krisen gleichzeitig«, so der französische Historiker und Rechtsextremismus-Forscher Nicolas Lebourg. Jean-Dominique Giuliani, der Präsident der Pariser Robert-Schuman-­Stiftung, sieht in dem Phänomen des Aufstiegs der Neuen Rechten »eine Reaktion auf fehlende glaubwürdige Antworten Europas und ein[en] Protest gegen die Staaten, die keine Lösungen für die Fragen finden, die die Leute beschäftigen.«4

Um die Massen hinter sich zu sammeln, setzen rechte Politiker gerne auf »direkte Demokratie«, auf Referenden und Volksabstimmungen. Mehrere solcher Abstimmungen, zum Beispiel 2016 die Referenden zum Brexit oder zur Verfassungsänderung in Italien, haben gezeigt, dass die Bürger sie vor allem als Protestbekundung gegen die etablierten Parteien missbrauchen, aber nicht wirklich verstehen, welche komplexen Folgen ihre Protestwahlentscheidung nach sich zieht. Trotz aller Bekundungen geht es der Neuen Rechten nicht um Demokratie und Mitbestimmung – sondern um Bauernfang, zum Beispiel, wenn über den Austritt aus dem Euro oder die Todesstrafe abgestimmt werden soll. Solche Referenden hebeln demokratische Institutionen wie das Parlament aus. Gleichwohl können Referenden in kleineren Ländern wie der Schweiz, die sie traditionell abhalten und die für sie eine erfolgreich eingeübte Praxis darstellen, auch als Instrument der Demokratie funktionieren.

Globalisierung und Ängste

Die ökonomische Entwicklung ist in Frankreich seit Langem desaströs. Das Land hat zudem im letzten Jahrzehnt weiter stark an Wettbewerbsfähigkeit verloren, sein Schuldenberg wächst unaufhörlich, und die Arbeitslosigkeit liegt bei fast zehn Prozent. Die These liegt nahe: Der ökonomische Abstieg Frankreichs trug mit zum Aufstieg von Marine Le Pen bei.

Zahlen belegen das: Bei Arbeitslosen, Arbeitern, Handwerkern und Geschäftsleuten – denjenigen Wählerschichten, die sich besonders benachteiligt, abstiegsgefährdet oder von den Sozialsystemen ausgebeutet sehen – erreichte der FN 40 Prozent. Sie verhalfen dem FN bei den Regionalwahlen in Frankreich 2015 zu insgesamt 6,8 Millionen Wählern – jeder zehnte Franzose also stimmte für die Partei von Marine Le Pen.

Nicht nur Frankreich, auch andere EU-Länder haben lange weit über ihre Verhältnisse gelebt. Diese stetig wachsende Staatsverschuldung deckte ebenso lange viele Probleme zu. Erst die Finanz- und Eurokrise offenbarten schließlich, wie dramatisch die Budgetsituation vieler Mitgliedsstaaten der EU geworden war. Sie führten, befeuert von den Flüchtlingsströmen, zu einer Entsolidarisierung zwischen den EU-Ländern. Wenn das Boot zu sinken droht, ist sich jeder plötzlich der Nächste, vor allem, wenn die Kassen leer sind. Noch immer gibt es keine gemeinsame Sozialordnung und keine starke Stellung des Europäischen Parlaments, die dieser Entwicklung sich verstärkender nationaler Egoismen entgegenwirken könnten. Europa ist trotz aller Beteuerungen über die zwischenstaatliche Wirtschaftsgemeinschaft nicht hinausgekommen, auch wenn es immer wieder Anregungen gab, eine gemeinsame Regierung, Armee oder zumindest Finanzordnung zu schaffen.

Nicht von ungefähr also zeigt sich nicht nur in Frankreich der Rechtsruck. Der politisch rechte Rand war etwa nach den Europawahlen 2014 so stark vertreten wie noch nie auf diesem Kontinent, egal ob in Kopenhagen, London, Wien oder Athen (siehe ausführlich Kapitel 6). Und auch das Brexit-Votum der Briten muss als ein Signal des Misstrauens gegenüber Europa und seinen Fähigkeiten verstanden werden, wirtschaftliche und soziale Probleme und Ängste, wie sie Globalisierung und Digitalisierung mit sich bringen, für die betroffenen Menschen zu bewältigen.

Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung in 28 europäischen Ländern aus dem Jahr 2016 untersuchte, was die Populisten stark macht. Dabei stellte sich die Globalisierung als größter Angstfaktor heraus: Die Mehrheit der EU-Bürger ist (unabhängig von ihrer Parteipräferenz) zwar für die Globalisierung (55 Prozent), aber 45 Prozent sehen sie als Bedrohung. Vor allem auf dem Land und bei Menschen mit niedrigem Bildungsniveau ist diese Furcht besonders verbreitet, auch das Alter spielt eine Rolle. »Je niedriger das Bildungsniveau und je höher das Alter der Befragten, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Menschen Globalisierung als Gefahr empfinden«, so Isabell Hoffmann, die Autorin der Studie.

Mit dem Begriff Globalisierung verbinden viele Menschen Einwanderung – spätestens seit den Aufsehen erregenden Migrationsströmen ab dem Jahr 2015. Bei den Anhängern der AfD fürchten sich 78 Prozent vor der Globalisierung, beim französischen Front National sind es 76 Prozent, bei der österreichischen FPÖ 69 Prozent. Die AfD steht damit – nach Angela Merkels »Wir schaffen das!« – an der Spitze der Umfrage, was die Furcht vor der Globalisierung angeht. In Frankreich rangieren Abstiegsängste (51 Prozent) und der Wunsch nach der Wahrung traditioneller Werte (55 Prozent) ähnlich hoch wie die Furcht vor Globalisierung (54 Prozent).5

Viele Bürger in der EU sind zunehmend überzeugt, dass die etablierten Parteien und anderen Eliten die Lage nicht wirklich in den Griff bekommen. Die politisch-wirtschaftliche Perspektivlosigkeit sorgt für Frustrationen. Die Chancen für Arbeit und Wohlstand sind überall schlechter geworden. Eine wichtige Rolle spielt dabei auch die schon erwähnte digitale Revolution, ein sich derzeit beschleunigender Paradigmenwechsel in allen Wirtschaftssektoren, bei dem schon jetzt klar ist, dass ihm viele Arbeitsplätze zum Opfer fallen werden.

Diesen Herausforderungen sind alle Länder ausgesetzt. In Frankreich klagt vor allem der Mittelstand aber schon länger über den drohenden Abstieg, weil die Wirtschaft bereits länger schlechter läuft als etwa in Deutschland, die Mittelklasse immer mehr steuerlich belastet wurde und Leistungen des Sozialsystems reduziert wurden. Umfassende Reformen der Sozialsysteme oder des Arbeitsmarktes wie in Deutschland die Agenda 2010 hat es bislang nicht gegeben. Der große und teure französische Staatsapparat wurde nicht verkleinert, die Ausgaben wurden nur unwesentlich reduziert, obwohl sich das Land das eigentlich nicht leisten kann. Ähnliches gilt für das französische Sozialsystem, das ebenfalls einer dringenden Reform bedürfte, wogegen sich aber vor allem die in Frankreich nach wie vor starken Gewerkschaften auflehnen. Diese Reformstarre verstärkt die ökonomischen Probleme des Landes – und liefert Marine Le Pen und dem Front National so ideale Munition für ihre Parolen.

Kampf gegen die Eliten – und Aufstiegsblockaden

Das gilt auch für die Ausbildung der französischen Eliten in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Seit jeher hat Frankreich seine Eliten gepflegt und sich ihrer nicht geschämt.

Seit einiger Zeit aber macht sich zunehmend Unmut gegen diese Eliten breit – die mehr als in anderen Ländern ein weitgehend geschlossenes System darstellen, das über den Besuch der richtigen Kindergärten, Schulen und Universitäten gespeist wird. Wer etwa die Bildungslebensläufe französischer Politiker und Manager studiert, stößt auf so viele Gemeinsamkeiten, wie sie hierzulande kaum vorstellbar sind.

Einzelne Versuche, dieses System zu reformieren und durchlässiger zu machen, zum Beispiel sozial benachteiligten Kindern Zugangschancen zu Bildung und Arbeit zu ermöglichen, änderten nichts an seiner Ausrichtung, auch wenn sie von der Politik als Errungenschaft verkauft wurden.

Hier setzt eine wichtige Strategie Marine Le Pens an: Für viele Franzosen verkörpert sie den Aufstand gegen die ungeliebte Elite. So wählen rund 35 bis 40 Prozent der Arbeiter inzwischen FN – denn Marine Le Pen betont immer wieder, dass ihre Partei die Kleinen vor den Großen beschützen wird. Sie gibt sich als Kämpferin gegen das politische Establishment, als Vertreterin des Volkes gegen die Pariser Führungszirkel. Die konservative UMP und die Sozialistische Partei PS bezeichnete sie immer wieder als »UMPS«, wollte also signalisieren, wie austauschbar sie seien. Als die UMP im Mai 2015 in »Republikaner« umbenannt wurde, fand der FN schnell wieder einen neuen Stempel für die beiden Parteien: »RPS«. Ganz Unrecht hat Le Pen damit nicht. Die Parteien wurden sich im Laufe der Jahre immer ähnlicher und gruppierten sich um die Mitte, womit sie viel Platz am rechten äußeren Rand ließen. Nur einzelne Politiker wie Nicolas Sarkozy oder François Fillon wagten sich weiter nach rechts und stellen damit die Ausnahme von der Regel dar.

Trotz ihrer Propaganda gehört Marine Le Pen selbst zur Elite, auch innerhalb ihrer Partei. Sie studierte Jura an der eher konservativen Pariser Universität Panthéon-Assas, die zu den prestigeträchtigsten in Frankreich zählt, wenn es um die Rechtswissenschaften geht. Und obwohl sie selbst ihren Vater – gegen seinen Willen – beerbte und ihre Nichte Marion Maréchal-Le Pen in der Partei immer stärker wird, prangert sie Vetternwirtschaft, Seilschaften und Klüngel »der anderen« an – in Wirtschaft, Politik, Journalismus oder Kultur –, ohne selbst ihren eigenen elitären Hintergrund zu erwähnen. Die Parallele zu Donald Trump etwa dürfte offenkundig sein.

Dabei ist ihr »Kampf gegen die Eliten« auf den ersten Blick durchaus überraschend. Denn in Frankreich ist es normal, dass die Mächtigen ihre Pfründe vererben, innerhalb der eigenen Kaste oder sogar der eigenen Familie. Bekannte Beispiele dafür sind der ehemalige Präsident der EU-Kommission Jacques Delors und seine Tochter Martine Aubry, die ehemalige Arbeitsministerin und Vorsitzende der Sozialisten, Bürgermeisterin von Lille. Auch in der Kultur werden Karrierepfade von den Eltern gelegt: zum Beispiel bei Lily-­Rose Depp, Tochter der Sängerin Vanessa Paradis, Chiara Mastroianni, Tochter von Catherine Deneuve, oder Charlotte Gainsbourg, Tochter von Serge Gainsbourg und Jane Birkin.

Die Ungleichheit der Chancen, in Frankreich irgendwann zur Elite zu gehören, beginnt mit dem Schul- und Ausbildungssystem. Zwar hat Frankreich bis zur 9. Klasse eine Gesamtschule, doch die Ausbildung ist nicht für alle gleich. Die Sprengelbindung nach Stadtvierteln teilt die Welt in reiche und arme Kinder und sorgt nicht für eine soziale Mischung. Wem die zugewiesene Schule in seinem Viertel zu schlecht ist und wer es sich leisten kann, der schickt seine Kinder auf Privatschulen. Das Leistungsgefälle zwischen den Schulen ist extrem hoch.

Nicht nur in den Privatschulen, auch in den staatlichen Schulen wird die Elite gefördert. Die drei Jahre vor dem Baccalauréat, dem französischen Abitur (»Bac«), wechseln die Schüler auf ein Lycée, das Gymnasium. Hier entscheidet allein die Leistung darüber, ob sie in eines der guten Gymnasien aufgenommen werden, doch wer in einer besseren Schule war, hat natürlich bessere Chancen. Wer außerdem noch Mathematik und Naturwissenschaften wählt, die in Frankreich sehr gefördert werden, hat die besten Chancen, später einen der begehrten Plätze an einer der Elitehochschulen des Landes zu ergattern. Dagegen gilt das geisteswissenschaftliche Abitur immer noch als Schmalspurabschluss. Zwischen beiden Polen stehen im Rang die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, darunter auch die Rechtswissen­schaften.

Besonders deutlich zeigt sich die Auslese nach dem Lycée. Nur die Besten haben Chancen, an die Grandes Écoles zu kommen – wörtlich übersetzt: »die großen Schulen«; gemeint sind die Elitehochschulen –, denn es gibt anspruchsvolle Vorbereitungskurse und Auswahlwettbewerbe. Auch wenn die Studiengebühren an den französischen Elitehochschulen im Vergleich zu England oder den USA niedrig sind, entscheidet doch wesentlich die soziale Herkunft darüber, ob man überhaupt in eine dieser Schulen gelangt. Zu den Hochschul-­Kaderschmieden gehören neben der École Nationale d’Administration (ENA – vor allem für spätere hohe Staatsbeamte und Politiker) unter anderem die École Polytechnique (X) für spätere Ingenieure, die École des Hautes Etudes Commerciales (HEC) für spätere Spitzenmanager und das Institut d’É­tudes Politiques de Paris (Sciences Po) für spätere Politiker und Journalisten.

Diese Grandes Écoles bieten eine praxisbezogene Ausbildung und pflegen auch Kontakt zu Unternehmen. Ihre Absolventen können sich später ihre Jobs aussuchen, während an den anderen französischen Universitäten bis auf einige Ausnahmen das Bildungsproletariat ausgebildet wird. Die Universität Panthéon-Assas in Paris etwa, an der Marine Le Pen, wie erwähnt, Jura studierte, gehört zu den Besten des Landes. Im Bereich Rechtswissenschaften gibt es zudem keine Grandes Écoles in Frankreich. Assas gilt darüber hinaus seit Langem bereits als stark konservative, wenn nicht gar rechte Kaderschmiede.

Egal ob Konservative oder Sozialisten, die meisten Politiker haben eine solche Elite-Ausbildung durchlaufen. Zur ENA gingen etwa der Konservative Jacques Chirac, der Sozialist François Hollande und seine ehemalige Lebensgefährtin und Ministerin Ségolène Royal. Seiteneinsteiger wie hierzulande Sigmar Gabriel, der im Hauptberuf Lehrer war, gibt es in Frankreich so gut wie gar nicht. Es nützt auch nichts, sich in einer politischen Partei nach oben zu arbeiten – die Partei­elite wird in den Hochschulen herangezogen, nicht im praktischen Leben in der Politik. Auch Journalisten, Manager und Unternehmer gehören zu diesem elitären Netzwerk, das viel dichter und in sich geschlossener ist als etwa in Deutschland. Deshalb können sich auch viele dieser Elite-Franzosen nur schwer in die Sorgen des »einfachen« Volkes einfühlen. Sie sind ihnen während ihres gesamten Lebenswegs nie begegnet.

Gleichzeitig gibt es Regionen und Stadtviertel, etwa die ­Vorstädte von Paris, in denen die Nachkommen der Immi­granten oder Arbeiterkinder so gut wie gar keine Chancen haben und sofort nach der Schule in die Arbeitslosigkeit gehen. Die seit Jahren wachsende Perspektivenlosigkeit dieser Jugendlichen beantworten sie – wenig verwunderlich – immer häufiger mit Randale und Aufruhr. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen erscheinen vielen Franzosen »die da oben« als umso entrückter.

In die Lücke der Linken – und darüber hinaus

Das macht sich Marine Le Pen strategisch zunutze. Sie inszeniert den FN als eine Partei, mit der sich die Armen und Rechtlosen identifizieren sollen. Nicht von ungefähr gewinnt sie so viele der Arbeiter für sich, denn viele von ihnen fühlen sich von den Sozialisten nicht mehr ernst genommen, weil sich diese zunehmend der Mitte angenähert haben. Die Sozialisten an der Macht sind so gesehen ebenfalls entrückt und bieten Le Pen auf diese Weise ideale Angriffsflächen. Sie sind heute gauche caviar, Angehörige der linken Luxusgesellschaft also, vergleichbar mit dem deutschen Ausdruck »Salonkommunist«. Ihr Lebensstil passt nicht wirklich zur sozialistischen Einstellung, die sie als Parteipolitiker vor sich her tragen. Oft ist damit eine gewisse Heuchelei verbunden, die sie in den Augen viele Franzosen unglaubwürdig macht.

Diese Widersprüchlichkeit stellt Marine Le Pen bei jeder sich ihr bietenden Gelegenheit heraus. In ihrer Autobiografie schreibt sie nicht von ungefähr: »Die Linke ist der Verteidiger derer geworden, die ihre Kinder in Privatschulen schicken können … Ihre Wählerschaft setzt sich nur noch aus Diplomierten, wohlhabenden Künstlern und dem Bürgertum zusammen.« Sie seien es, die ehemalige Arbeiterviertel besetzten, dort ihre Loft-Wohnungen in alten Fabriken und Ateliers einrichteten und damit Arbeitsplätze in den Vierteln vernichteten.

Und weiter hetzt sie: »Die Linke ist Komplize der Auslagerung von Unternehmen, die unsere Arbeiter zurücklässt, des zynischen Liberalismus, der Einwanderung, die unser Sozialsystem zerstört.«6

Bis weit über die 1970er-Jahre hinaus waren es überall in Westeuropa und auch in Frankreich noch die Linken gewesen, die die Arbeiter und andere Teile der Unterschichten als Wähler gewinnen konnten und wollten. Das galt in Westeuropa in besonderem Maße für die einflussreiche Bewegung der Eurokommunisten, in Frankreich angeführt vom heute legendären Georges Marchais. Doch mit dem Zusammenbruch des Ostblocks und dem Fall der Berliner Mauer verloren die Kommunisten auch in Frankreich an Einfluss. Heute sind sie in viele Kleingruppen zersplittert.

Diese Lücke nutzte Marine Le Pen strategisch klug. Mit dem Front National trat sie an die Stelle der einstmals mächtigen Linken als Fürsprecher der »Kleinen« und »Armen«. Und wurde mit dieser Strategie mit dem Front National allmählich zur Nummer drei hinter den Sozialisten und Konservativen.

Doch Marine Le Pen geht noch weiter. Sie umwirbt nicht nur die Arbeiter und sozial Schwächere, sondern mittlerweile auch das Kleinbürgertum auf dem Land und in den Städten, die Bevölkerungsschicht der Angestellten, die sich besonders vor dem sozialen Abstieg fürchten. Den Arbeitern verspricht sie Arbeitsplätze durch geringere Abwanderung von Firmen, die Landbevölkerung erobert sie mit ihren Anti-Globalisierungsbotschaften, das Kleinbürgertum zieht sie mit ihren Anti-Islam-Parolen an, auf die noch ausführlicher zurückzukommen sein wird.