Beschreibung

Bei Bauarbeiten für ein neues Luxuswohnquartier in Fleurville werden verwitterte Kleidungsstücke gefunden. Gehören sie einem der "Marmormänner"? Dieser über 40 Jahre alte Cold Case ist in der Kleinstadt inzwischen zu einer Legende geworden. 1970 war in einem ölverschmierten Drainageschacht einer Baustelle die nackte, durch das Öl wie marmorierte Leiche eines Mannes gefunden worden, drei weitere Männer wurden kurze Zeit später als vermisst gemeldet. Sie wurden nie gefunden, auch kein Täter. Doch dieses Mal nimmt sich Marie Grenier von der Spurensicherung des Falls an und rückt den von vielen Legenden überwucherten Fakten systematisch zu Leibe.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 421

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi ohne Limit+” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

»Marmormänner«, so werden in der Legende der französischen Kleinstadt Fleurville vier Männer genannt, die 1970 plötzlich verschwanden. Nur einer von ihnen wurde gefunden, ermordet. Doch nun werden bei Ausschachtungen Kleidungsreste gefunden, und sofort fiebert die ganze Stadt mit, was die Lösung des Falles nicht einfacher macht. Hinzu kommt ein aktueller Entführungsfall, der die Ermittler fordert. Das aus »Schneeschwestern« bekannte Ermittlerteam um Kommissar Roland Colbert löst hier zwei auf überraschende Weise verwobene Fälle.

Matthias Wittekindt, 1958 in Bonn geboren. Studium der Architektur und Religionsphilosophie, Arbeit als Theaterregisseur, seit 2000 freier Autor. Er schreibt u.a. Radio-Tatorte für den NDR. Für seine Hörspiele, Fernsehdokumentationen und Theaterstücke wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. 2011 erschien sein Krimidebüt »Schneeschwestern« bei Edition Nautilus. Matthias Wittekindt lebt in Berlin.

Matthias Wittekindt

MARMORMÄNNER

Kriminalroman

Vielen Dank an Jasmin Schuster für die Lageplan-Zeichnung auf den Seiten 286-287

Edition Nautilus Verlag Lutz Schulenburg

Schützenstraße 49 a • D-22761 Hamburg

www.edition-nautilus.de

Alle Rechte vorbehalten • © Edition Nautilus 2012

Originalveröffentlichung

Erstausgabe Februar 2013

Umschlaggestaltung: Maja Bechert, Hamburg

www.majabechert.de

Porträtfoto Seite 2: Wenke Seemann

Druck und Bindung: CPI Books

1. Auflage

Print ISBN 978-3-89401-772-9

E-Book EPUB ISBN 978-3-86438-134-8

E-Book PDF ISBN 978-3-86438-135-5

Die Körper der Männer liegen wie tot da, aber ihre Haut glänzt, als hätten sie sich gerade noch angestrengt. Vielleicht sind sie gerannt, ehe sie sich hingelegt haben. Und ihre Augen! Die sind starr, aber doch klar, wie die von Lebenden. Ihr eigener Körper dagegen ist alt. Er riecht nach Wachs und Weihrauch. Sie beugt sich über die Männer und flüstert jedem von ihnen etwas ins Ohr. Sie kommen alle dran. In der Reihenfolge, wie sie vor ihr auf dem glatten, geäderten Stein liegen. Kaum, dass sie gesprochen hat, werden die Männer zu Stein.

Es ist in letzter Zeit nicht viel nötig, um sie zum Weinen zu bringen. Oder wenigstens zum Nachdenken. Einem verzweifelten Nachdenken, das den Tod aufhalten oder sie endlich erlösen soll. Aber sie hat ja keinen Einfluss auf diese Dinge. Und so hat sie begonnen, ihren Schmerz und ihre Träume für einen Ausdruck von Liebe zu halten. Darum ging es doch! Und darum, dass sie ihn nie gefragt hat, was damals geschehen ist. Es ist richtig gewesen, dass sie ihre Fragen ihrer Liebe geopfert hat, und sie weiß, dass für ihn die gleichen Gründe galten wie für sie. Aber die Vergangenheit lässt sich nicht ausschalten. Jetzt haben ihre Fragen und ihre Angst sie bis in den Schlaf verfolgt.

Als sie aufwacht, ist sie weder erleichtert noch beunruhigt. Trotzdem entsteht in ihrem Kopf eine Art Dialog, der das Geträumte erklären soll. Sie spricht nicht laut und ist auch nicht verrückt. Es ist das erste Mal, dass sie es wagt, sich den Ereignissen von damals zu nähern, und es ist der erste Tag seit langem, an dem sie nicht weint. Aber das reicht ihr nicht. Und so wendet sich ein Gedanke, der dreiundvierzig Jahre lang unerschütterlich feststand, in sein Gegenteil. Von nun an hofft sie nicht mehr, dass ihr Geheimnis unentdeckt bleibt. Diese Einstellung verschafft ihr endlich die Erleichterung, auf die sie so lange gehofft hat. Sie muss nichts mehr bewahren oder aufhalten.

1

»Noch nicht! Wartet!«

Gustave Bantoux muss gegen das Dröhnen der Aggregate anschreien.

»Aus!«

Er macht mit der Hand eine Bewegung, als würde er sich selbst die Kehle durchschneiden, der Motor des Baggers stirbt ab.

Es ist inzwischen dunkel geworden, und das Licht unter den Lampen bildet einen scharf abgegrenzten geometrischen Körper, der aus sich heraus leuchtet. Der Effekt wird durch den Regen gesteigert, der mit einer Intensität und Dichte fällt, einer Methodik der Natur, die keinen Gedanken an Veränderung zulässt.

Das leuchtende Volumen, der apokalyptische Regen und die lauten Motoren der Stromaggregate hätten wenig Bedeutung ohne die Blicke der Männer. Die starren, wie sie es vor langer Zeit beim Anblick einer Erscheinung getan hätten, einer Madonna zum Beispiel. Aber es liegt nicht am Licht, dass sie starren. Die Männer sind solche Anblicke gewohnt. Selbst Beton gießen sie bei Nacht und im Regen. Nein, es liegt an der Frau, die dort im Licht auf einem Hügel aus Lehm steht und Anweisungen gibt. Die Frau beherrscht alles. Nur sind die Aggregate zu laut für ihre Stimme.

Deshalb steht ein Mann zwischen ihr und der Maschine. Der leitende Ingenieur Gustave Bantoux übersetzt ihre Befehle, macht deutliche Zeichen. Der Diesel des Baggers springt wieder an, bläst schwarzen Rauch aus einem Rohr nach oben. Das Bild zittert.

Ein Ruck. Die Maschine setzt sich in Bewegung, Schlamm wird unter schweren Ketten weggedrückt, die Frau blickt in die Grube. Ein Gedanke. Zwei Meter tief. Die Blicke der Männer, der Bagger, ihr Gedanke, das alles gehört zusammen. Die Frau trägt kniehohe Stiefel aus Leder. Auch ihr schwarzer Mantel ist aus Leder, und unter dem Mantel trägt sie Jeans. Die Männer sehen sie noch immer an. Sie achten nicht auf den Bagger, Bagger sehen sie jeden Tag. Die Grube, der Fund, einen Meter vierzig unter der Erde. Ausgemessen, notiert, fotografiert. Blaues Gewebe. Gelblich weißes Gummi. Das Gummi war der Auslöser. Für die Männer. Den Fund zu melden. Dreiundvierzig Jahre.

Die Grube füllt sich mit Wasser, und ein Gedanke präzisiert sich. Der Gedanke der Frau, während der Bagger, vierhundert PS, langsam näher kommt. Zu Füßen der Frau läuft eine Brühe aus Lehm und Sand unablässig den Hügel hinab, reißt Krümel und Klumpen mit in die Tiefe. Das Grab füllt sich. Jetzt hat sie eine Entscheidung getroffen. Aber der Bagger ist schon da! Drehung ihres Kopfes, Blick, Anweisung.

»Stopp! Aufhören!«

Ihre Hand, eine klare Geste. Die Frau hat etwas anders bewertet als vorhin. Der Bagger bleibt mit gesammelter Kraft stehen, schaukelt vor und zurück. Einen Moment lang passiert nichts. Einige Arbeiter ballen, ohne es zu merken, die Fäuste. Sie spüren, wie Zeit vergeht, die nicht vergehen dürfte, weil doch die Maschinen laufen, weil Diesel verbrannt wird. Aber es passiert nichts. Außer, dass die Frau weiter überlegt, einen zweiten Gedanken durchgeht und zu Ende bringt. Dann eine Bewegung. Die Frau im Licht greift an die Schnalle ihres Gürtels und springt in die Grube.

Die Männer, ihre Münder, ihre Augen. Niemand hat mit dem Sprung gerechnet. Wer zuerst reagiert? Gustave Bantoux. Er steht jetzt am Rand der Grube, beugt sich vor. Die Frau unten untersucht die Stellen am Abstich, auf die es ankommt. Ein Fetzen blauer Stoff hängt dort aus der Erde und ein Stück Gummi, scharf abgetrennt, ein Turnschuh. Deswegen haben die Arbeiter angerufen. Auf Turnschuhe achten! Die Arbeiter wurden nicht beauftragt, der Auftrag war bereits in ihren Köpfen. Auf Turnschuhe achten! Dreiundvierzig Jahre.

Das zerfällt, wenn die es rausholen …

Marie Grenier, Spurensicherung Kommissariat Fleurville, richtet sich in der Grube auf, blickt nach oben. Über ihr pendelt der Greifer des Baggers.

»Was ist los?« Gustave Bantoux spricht laut, damit sie ihn versteht, und Marie Grenier sieht nichts. Sie schreit in das Licht hinein, in den fallenden Regen.

»Meint ihr … können Sie mich verstehen?«

»Ja!«

»Meint ihr, dass ihr es in einem Stück rauskriegt? Nicht Stück für Stück, sondern in einem.«

»Madame, die Wände der Grube sind nicht stabil …!«

»Diesen Bereich! Von hier! Bis hier!«

»… die können jeden Moment nachgeben! Sie sind drei Meter unter …«

»Meinen Sie, dass das geht? Dass ich es in einem Stück auf den Tisch kriege!«

»Dann brauchen wir Gerät mit einer anderen Schaufel und müssen einen seitlichen Zugang schaffen.«

»Okay!«

»Jetzt kommen Sie da bitte raus. Geben Sie mir Ihre Hand!«

Gustave Bantoux streckt ihr seine Hand entgegen. Gott, wie weit er sich vorbeugt! Dann ein winziger Moment Unsinn in all der Anspannung. Ihr Körper bildet sich ab. In ihm. Die nasse Frau in der Grube. Ein Sekundenbruchteil. Er hält ihr weiter die Hand hin, sie sieht ihn an: »Ihr müsst es schaffen! In einem Stück! Über die ganze Breite, ich muss Längenmaße bestimmen!«

»Gott, sind Sie stur!«

Gustave Bantoux bekommt eine immer genauere Vorstellung von ihrem Charakter. Er denkt jetzt nicht mehr an ihren Körper, der Charakter ist am Ende das Stärkste, das, was bleibt.

»Und wir brauchen was, worin wir das einwickeln, eine Folie oder so.«

»Ich lasse Sie gleich mit dem Bagger rausholen!«

Sie nimmt seine Hand, und Gustave Bantoux zieht sie aus der Grube, wie man eine Katze aus dem Wasser zieht. Er macht ein Zeichen mit der freien Hand, erteilt einen Befehl. Jemand kommt und bringt eine Decke. Der Bagger zieht sich zurück. Ein Mann steigt aus, geht zu einem anderen Bagger. Die Schaufel dieser Maschine ist größer als eine Badewanne. Sie bekommt einen Becher Kaffee. Schwarz.

»Danke.«

Ein grauer Stoß Dieselruß in die weißen Striche des Regens, gelbe Bleche vibrieren.

Gustave Bantoux gibt den Männern neue Anweisungen. Er benutzt dabei Maries Worte: »In einem Stück, hört ihr! Von da … bis da zu den Verfärbungen! Und das wird dann in Folie eingewickelt. Als ob es was Archäologisches wäre.«

Die Männer arbeiten ohne Aufregung. Es sind Bauarbeiter, die mit dem Bagger umgehen wie ein Arzt mit einem Skalpell. Sie können alles aus der Erde holen. Auch in einem Stück, wenn man ihnen entsprechende Anweisungen gibt. Der Bagger schafft sich einen seitlichen Zugang. Zuerst wird der Boden oberhalb des Fundstücks abgetragen. Dann setzt die Maschine ihre zwei Meter breite Schaufel unterhalb der Schichten an, die Marie interessieren. Die sagt nichts, nickt nur zwei Mal anerkennend mit dem Kopf, während der Fund geborgen wird.

Gustave Bantoux legt ihr eine zweite Decke um die Schultern, was sie akzeptiert. Danach erteilt er einem Mann einen weiteren Auftrag, zeigt dabei auf ihren Becher.

Marie ist zufrieden: Gut, dass ich darauf bestanden habe …

Ihre Entscheidung, noch mal in die Grube zu springen und ihre Anweisung zu präzisieren, war richtig. Marie beruhigt sich, ihr Körper wärmt sich auf unter den Decken. Gustave Bantoux steht schweigend neben ihr. Er ist noch immer wütend. Weil sie nicht rauskam, als er es ihr befahl. Wütend auch, weil sie ihm gefällt. Was ihm an ihr gefällt? Dass sie nicht rauskam, als er es ihr befahl. Solche Frauen gibt es zu wenige, findet er. Ein Mann kommt und bringt ihr Zucker. Während die Männer arbeiten, verwandelt sich eine aufgeladene Situation in einen gut organisierten Vorgang. Marie trinkt in kleinen Schlucken. Der Kaffee ist heiß. Irgendwie ist alles auf der Baustelle so. Groß, energetisch, heiß. Ihr gefällt das.

Der Kaffee, den sie eine Stunde später trinkt, ist lauwarm. Marie steht in ihrem Labor, und vor ihr auf dem Stahltisch liegt der Block. In der Grube war er Teil der Natur, auf dem Tisch ist er ein Gegenstand, der untersucht werden kann.

Routine. Kalt. Keine Gedanken. Marie betätigt verschiedene Schalter.

In Maries Raum wird spurenbehaftetes Material faktisch und gedanklich zerlegt. Es ist still. Nicht mal ein Summen hört man. Weißabgleich. Eigentlich überflüssig. Die Quarzbrenner sind so gebaut, dass sie farblich nichts verfälschen. Sie sind auf die Digitalkameras abgestimmt, die regelmäßig von Marie ausgelöst werden. Sie hat sofort mit der Arbeit begonnen, will den Urzustand. Ihre Finger. Das Material ist kalt. Ihre Gedanken. Dreiundvierzig Jahre.

Marie nennt diesen klinischen, immer konstant auf neunzehn Grad gehaltenen Raum mein Heiligtum. Natürlich ist das ein Scherz. Keine normale Frau nennt einen gekachelten Raum, in dem alles aus Stahl ist, Heiligtum. Marie ist fünfunddreißig Jahre alt. Mit ihren schulterlangen, unten leicht eingedrehten schwarzen Haaren sieht sie aus wie eine hübsche Verbrecherin aus einem Film der vierziger Jahre.

Die schlierigen Verfärbungen beginnen unter der dritten Schicht. Marie hat bei jedem Durchgang zwei Zentimeter abgetragen. Sie kennt sich aus mit Bodenproben. Und genau deshalb steht sie vor einem Rätsel. Der Block, den die Arbeiter geborgen haben, besteht nämlich aus einem Gemisch.

Lehm und Sand, die mischen sich in der Natur eigentlich nicht … Marie geht zum Bücherregal. Es ist schon lange niemand mehr da, im Kommissariat von Fleurville. Sie könnte auch morgen weitermachen, es gibt eine Kühlkammer. Aber muss sie nach Hause? Sie hat keine Kinder und keinen Mann. Nein, sie ist frei, kann sich ganz auf die anstehende Aufgabe konzentrieren. Und so vergisst sie die Zeit beim Lesen des Buchs.

Ach, einen Garten gab es da mal! Einen Karpfenteich! Ein Landhaus! … Gehörte einem Bankier aus Paris, abgerissen vor hundert Jahren, interessant … möglich, dass sie damals den lehmigen Boden mit Sand gelockert haben, vielleicht lebte in dem Landhaus eine Frau, eine Mätresse, die Rosen mochte …

Marie hat es erspürt. Das Geheimnis um die Liebe am Weinberg. Im Heimatmuseum von Fleurville gibt es Stiche, auf denen der alte Weinberg zu sehen ist, zusammen mit einem Anwesen nach höfischem Vorbild.

Nachdem die Arbeiter den Block ins Labor geschafft hatten, waren zwei geblieben, die sich verblüffend ähnlich sahen, und Marie hatte gefragt: »Wie seid ihr drauf gekommen, bei uns anzurufen?«

»Wir machen Bodenproben, um die Tragfähigkeit zu testen.«

»Wir arbeiten für die CONDOR-VERSAI.«

»Der Vorarbeiter hat sofort alles gestoppt.«

»Hätten wir sowieso gemacht.«

Sie fallen sich offenbar gerne ins Wort.

»Weil wir ja wissen …«

»Was?«

»Dass wir drauf achten müssen …«

»… auf Marmormänner …«

»… und auf Turnschuhe natürlich.«

Dann waren die Männer gegangen. Marie ahnt, dass ihr Chef, Roland Colbert, einen Wutanfall kriegen wird, wenn er erfährt, was hier auf dem Tisch liegt. Er hasst die Marmormänner.

Ein Mythos ist nichts anderes als ein Strickpulli, es gibt irgendwo ein Ende, an dem man ihn aufribbeln kann … Marie beginnt mit dieser Arbeit wie mit jeder anderen, schält Schicht für Schicht ab. Ihre Gedanken braucht sie nicht für diese Tätigkeit, die gehen wandern. Urban Legend … Dieser Begriff fällt ihr ein. Die Marmormänner sind unsere Urban Legend …

Schon lange bevor Marie Grenier anfing, in Fleurville für die Spurensicherung zu arbeiten, kannte sie dieses Wort. Marmormänner. Sie kommt schließlich von hier. Als sie zwölf war, zog sie mit ihren Eltern und ihrem Bruder nach Meaux, kam aber nach der Ausbildung zurück. Nach dem Angriff ihres Vaters, der sie in einer Nacht bei zwei Flaschen Weißwein mit Worten schwer verwundet hatte, brach sie mit ihrer Familie. Sein Wille und ihre Wut. Eine höllische Mischung.

Schluss, der Block wird sonst warm …!

Ihre Hand unter silbernem Licht über poliertem Metall. Marie nimmt den großen Hobel und legt mit ruhigen Bewegungen die vierte Schicht frei. In der fünften Schicht ist etwas zu sehen. Schlieren …

Marie wird unruhig. Sie spürt, wie steif das Material ist. Der November bis hin zum Februar stecken da drin.

Gut für den Hobel, dann schneidet er präzise …

Meistens wurde von den Marmormännern gesprochen. Es ging ja um vier. Wie es zu dieser Bezeichnung kam, darüber gingen die Meinungen auseinander.

Zeig dich …!

Unter der fünften Schicht wird ihre Ahnung durch Fakten bestätigt.

Dass sich das so lange gehalten hat, zweiundvierzig Jahre oder dreiundvierzig, kommt drauf an, welcher es ist …

Blaues Gewebe. Teilweise bräunlich verfärbt. Als sei Rost eingeblutet …

Andere Werkzeuge und noch mehr Geduld. Schließlich die Entdeckung. Drei Streifen …

Marie Grenier weiß, was das bedeutet. Ein Schauer. Einen kurzen Moment lang ist sie stolz auf sich, und wie immer denkt sie in diesem Moment an ihren Vater.

Ein weißer Fleck im Gewebe. Pilze? Möglich, aber wenn das Farbe ist, hab ich ein Merkmal. Dann ist es nicht irgendeine Trainingshose, dann kann ich die zuordnen …

Sie nimmt eine Probe und … Diesen Moment müsste man festhalten. Das Bild, wie sie sich über den Block beugt mit ihrem Spatel. Eine Frau, eine … eine Frau, die so bei sich ist, so konzentriert. Es ist wirklich schade, dass ihr Vater das nicht sieht. Dann müsste er nämlich sagen: Marie, ich habe mich geirrt. Er würde das anerkennen. Er könnte es rauslesen, aus ihrer Körperhaltung. Weil sie genau ist wie er. Weil er sie kennt, weil er sie liebt, weil … Schluss …! Marie hat es doch schon gesagt: Ihr Vater ist scheißegal. Ihr Vater, das sind doch nur kleine Reste Erinnerung. Falsche Spuren.

Das kann ich selbst untersuchen, wenn das Farbe ist …

Dann der Hauptfund: Turnschuhe. Beide noch da! Karkasse, Gummi, Profil, Marke. Gott, es steht einfach da … Buchstabe für Buchstabe, nach dreiundvierzig Jahren …!

Sie bestimmt die Längenmaße der Hose, das ist der wichtigste Teil. Und der schwierigste. Nach der elften Schicht kommt weniger. Es endet, wie es begann. Und die Gedanken an ihren Vater sind auch vorbei. Sie hat ihn innerlich längst beerdigt.

Schlieren, bräunliche, das war’s …

Marie Grenier richtet sich auf. Sie ist aufgeregt. Es liegt an den Buchstaben. Adidas.

Gleichzeitig merkt sie, wie müde sie ist. Sie gießt sich also noch etwas lauwarmen Filterkaffee in ihren Plastikbecher und tut zwei Löffel Zucker dazu. Dann setzt sie sich und ist zufrieden. Noch vor einem Jahr hätte sie weitergearbeitet.

Bin irgendwie anders als früher …

Als Marie die zunächst nur kleinen Veränderungen ihres Charakters, ihrer Einstellung zu sich selbst und zu anderen vor ein paar Monaten zum ersten Mal wahrnahm, hatte sie sich gefragt, ob so etwas überhaupt möglich ist. Dass sich ein Mensch ihres Charakters mit fünfunddreißig noch mal verändert. Und wie immer in Momenten, die sie ankratzen, betrachtet sie ihren rechten Unterarm. Streicht zart über die Haut. Gegen den Strich, sodass sich ihre feinen, fast gläsernen Härchen aufrichten. Warum tut sie das? Macht ihr der seltsame Wandel ihres Wesens Angst? Woran liegt das, dass ich anders werde …? Sie hat bereits drei Schwangerschaftstests gemacht! Negativ. Nein, es muss wohl doch etwas Seelisches sein, das da in ihr wirkt, oder etwas Magisches.

2

Die Hexen sind nicht da.

Es ist auch nicht dunkel oder neblig, und von einem Wald kann keine Rede sein. Man sieht die Köpfe sofort. Abgeschlagen, teils abgerissen, und bei zweien hängt noch was dran. Ein bisschen zerfranstes Fleisch, vielleicht eine Ader oder was von der Speiseröhre.

Und sie? Was bedeutet ihr Blick? Ekel? Anerkennung? Er würde es so gerne wissen. Was denkt sie, wenn so viel und so tierisch gemordet wird? Hat sie Angst? Findet sie den Vorgang des Menschentötens abstoßend? Oder erkennt sie den Zwang an, der … nach der Tat verlangte? Gibt es bei ihr einen tief wurzelnden Instinkt, der sie am Ende zu dem Mann zieht, der als Letzter noch steht?

Der Kopf purzelt.

Nein, man kann aus ihrem Blick, aus der Haltung ihres Körpers nicht herauslesen, was sie von abgerissenen Köpfen hält und von jemandem, der gerade den letzten Kopf fallen lässt, achtlos, wie einen Sack Kartoffeln. Sie trägt übrigens ein Kleid aus Kaschmir – dreihundertfünfzig Euro, runtergesetzt von fünfhundertneunzig – dünn gestrickt. Es steht ihr gut. Und so soll es ihm recht sein, dass sie nicht da sind. Die drei. Die Schwestern ihrer Sphäre. Die Hexen auf der Heide.

Aber die Hexen sind natürlich doch da. Als Text. Sie sprechen eben nur mit der Stimme von Macbeth. Auch der Kampfgenosse und beste Freund von Macbeth steht nicht auf der Bühne. Der Schauspieler, der Macbeth spielt, verleiht allen seine Stimme.

Kurz vor Schluss kippen lautlose Maschinen die mit Silberfolie bespannten Wände ganz langsam, sodass Macbeth zuletzt am Boden einer Pyramide kauert. Nur noch er und seine Gedanken. Erinnerungsgruft hatte der Regisseur dieses Pyramidenbild genannt.

Licht im Saal. Geblendete Augen. Er ist vergangen, seine Taten nicht. Macbeth.

Großer Applaus.

Kommissar Roland Colbert findet noch immer, dass ihr das Kleid gut steht. Davon abgesehen denkt er beim Rausgehen über seine Platzierung im Theater nach. Er saß nämlich zusammen mit Juliet und seiner Tochter Sina in der ersten Reihe, direkt neben Bürgermeister René Plutard.

Damit bezweckt der doch was …!

Die Sitzordnung in Städten unter fünfzigtausend Einwohnern. Kleinstadtpolitik. Bürgermeister Plutard gehört nicht zu Roland Colberts Partei. Im Gegenteil! Er und der Bürgermeister sind im Rathaus ein paar Mal so erbittert aufeinander losgegangen, dass viele sie für Feinde halten. Falsch. Roland Colbert bewundert René Plutard. Vor allem für seine Weitsicht. Schließlich war er es, der das Angebot der CONDOR-VERSAI damals ernst genommen und die Investoren nach Fleurville gelockt hatte. Roland und die Konservativen waren ängstlich dagegen gewesen.

Die CONDOR-VERSAI hat Fleurville in den letzten drei Jahren mehr verändert als irgendein Ereignis nach dem Krieg. Zweitausend Wohnungen sind entstanden. Luxusapartments für reiche, ältere Leute. La Fleur heißt die Siedlung. Ein schönes Wortspiel. La Fleur, die Blüte von Fleurville! Die Apartments sind längst verkauft. Und seit heute Abend gibt es dank der Großzügigkeit der CONDOR-VERSAI wieder ein Theater.

Juliet glüht vor Begeisterung. Roland Colbert steht mit ihr, seiner Tochter Sina und sechshundert anderen im Foyer. Ein paar aus dem Vorstand der CONDOR-VERSAI sind auch da und hören Juliet interessiert zu. Er mischt sich nicht ein. Juliet arbeitet bei einem Schulbuchverlag, von Theater und Kultur versteht sie eindeutig mehr als er. Es erleichtert ihn, dass Juliet so begeistert ist, denn er hatte in letzter Zeit ein paar Mal das Gefühl, die Provinz würde sie klein und unglücklich machen. Er geht ein paar Schritte weg von der Gruppe und schaltet sein Handy an. Jetzt noch …? Eine Nachricht von Marie, mit der dringenden Bitte um Rückruf.

Er macht Juliet ein Zeichen und geht noch ein Stück weiter weg.

»Was gibt’s denn, Marie?«

»Auf der Baustelle haben sie was gefunden. Eine Trainingshose und ein paar Turnschuhe. Ich hab das im Internet gecheckt. Die Turnschuhe wurden zwischen 1968 und 1972 hergestellt.«

»Ach du Scheiße! Ist mal wieder ein Marmormann aufgestiegen?«

Seit dreiundvierzig Jahren wird immer wieder etwas angeblich Bedeutendes gefunden, das am Ende nichts ist.

»Marie, stopp! Du bist in die Ermittlungen gegen die Fahrradhehler eingebunden.«

»Ich will …«

»An diesen scheiß Marmormännern haben sich schon so viele die Zähne ausgebissen.«

»Ich hab meine Zähne noch.«

»Das höre ich.«

»Ich will nur abklären, ob die Hose zu einem der Opfer gehört.«

»Dreiundvierzig Jahre! Die Zeugen sind vermutlich tot, der Täter … Wofür?«

Bürgermeister Plutard und seine Frau gehen auf Juliet zu, gefolgt von einem Fotografen und einem Reporter der Gazette.

»Ich muss Schluss machen. Du kennst meine Einstellung.«

»Danke.«

Marie unterbricht die Verbindung, ehe er noch was sagen kann, und einen Moment lang sieht Roland Colbert ein Bild vor sich, das in vielen Köpfen in Fleurville herumspukt. Ein Toter aus Marmor kommt wie ein Gewächs aus dem Boden.

Er steckt sein Handy ein und geht zurück zu Juliet und dem Bürgermeister. »Na, René. Bist du zufrieden?«

Bürgermeister Plutard lächelt Roland fest und professionell an und stellt ihm dann Eric Descleves vor, den Chef der CONDOR-VERSAI.

»Ah, Kommissar Colbert! Ich hatte vorhin einen Anruf von der Baustelle. Offenbar haben meine Männer etwas für Sie ausgegraben.«

»Ja, was ganz Altes.«

Wieder werden sie gesehen und fotografiert, der Bürgermeister gibt sich ungezwungen. »Ich habe gerade zu meiner Frau gesagt, eine Stadt ohne Theater ist wie eine Blume ohne Blüten.«

Nachdem der Bürgermeister die Bedeutung des Theaters für Fleurville noch mal betont hat, fragt er Juliet, ob ihr die Vorstellung gefallen hat.

»Oh ja, ich musste an eine Inszenierung denken, die ich in der Pariser Oper …«

»In der Pariser Oper, wirklich!«

Trinken und Lachen. Die politischen Unterschiede rücken in den Hintergrund, und Eric Descleves beginnt ein längeres Gespräch mit Juliet. Er erklärt ihr, dass er nicht nur im Vorstand der CONDOR-VERSAI sitzt, sondern auch der Architekt von La Fleur ist: »Alles meine Entwürfe, einschließlich dieses Theaters! Auf einem Empfang letzte Woche sagte der Bürgermeister von Nancy zu mir …«

Roland nimmt ein Glas Champagner von einem Tablett, geht zur Brüstung, trinkt schnell, spürt die Wirkung. Er ist beeindruckt vom Foyer. Der Raum geht hoch bis in den dritten Rang. Wobei die Front vom Boden bis zur Decke aus Glasbausteinen besteht, die so eingefärbt sind, dass ein wellenförmiges Muster bräunlicher Farbverschiebungen entsteht, das sich ständig zu ändern scheint.

So viel Design für Fleurville …

Als Roland, Juliet und Sina um halb eins das Theater verlassen, regnet es noch immer.

Juliet bleibt zwischen den Säulen stehen. Sie sind hier im Herzen von La Fleur. Ganz oben auf dem alten Weinberg, und das Haus vor ihnen ist sozusagen die neue Krone von Fleurville. Es erinnert tatsächlich ein bisschen an eine Krone, obwohl einige Miesepeter den modernen, etwas bauchigen Bau mit seinen weit auskragenden Balkonen als Ananas bezeichnen.

»Macbeth«, sagt Juliet und guckt dabei zu den Balkonen hoch. »Es ist das Aufbrechen des eisigen Stroms der Zeit, genug, einen erregbaren Menschen durcheinanderzubringen.«

Den Satz hatte mal einer ihrer Professoren über die Stücke von Shakespeare gesagt, und Roland hat recht. Juliet hatte angefangen sich zu langweilen, in einer Region ohne Kultur.

Meine Frau schwebt, irgendwann fliegt sie … Roland kennt das bei ihr. Dieses Glühen. Er wartet dann einfach. Er findet vor allem, dass sie schön aussieht, wie sie da steht und zur Ananas hochschaut mit all ihrer Aufgeregtheit. Er ist froh, dass er das Kleid gekauft hat, vor allem wo sie es gerade runtergesetzt hatten.

Ein Geräusch. Ein Zischen. Kommissar Roland Colbert dreht sich um. Er muss eine Weile suchen, ehe er Bürgermeister Plutard hinter einer der Säulen entdeckt. Er geht hin.

»René? Ich dachte, du bist längst zu Hause.«

»Wir haben noch gefeiert.«

»Hast du das veranlasst? Dass wir neben dir gesessen haben?«

»Ja.«

»Wozu?«

»Halten wir uns doch bitte nicht mit diesem Kleinkram auf. Ist dir am Chef der CONDOR-VERSAI etwas aufgefallen?«

»An Monsieur Descleves? Er redet gerne.«

»Er ist größenwahnsinnig. Er versteckt es gut, aber er ist gefährlich für uns. Für die Stadt, meine ich.«

»Und wieso?«

»Es gibt ein Gerücht, dass Monsieur Descleves einen Bauantrag für weitere dreitausend Wohneinheiten stellen wird. Das geht nicht. Fleurville hat fünfundvierzigtausend Einwohner. Viertausend davon sind in den letzten zwei Jahren hergezogen. Alles alte Menschen mit Geld. Wir sind eine Region, in der früher Kohle abgebaut wurde, hier gab es nie viele reiche Leute.«

»Aber du hast die CONDOR-VERSAI doch geholt! Und alle, mich eingeschlossen, bewundern dich für deine Weitsicht.«

»Sie wollen jetzt noch mal dreitausend Wohneinheiten bauen. Kannst du dir vorstellen, was das für Fleurville bedeutet?«

»Wohlstand und Aufschwung.«

»Geriatrie und steigende Mieten. Es ist höchste Zeit, dass wir ihn wegschicken.«

»Roland, wo bist du? Mir ist kalt!«

»Entschuldige, aber Julie …«

»Lass sie nicht warten. Aber wir müssen reden, Roland. Bald.«

Kommissar Colbert nickt und geht dann zu Sina und Juliet.

Um halb zwei sind sie in ihrem Reihenhaus in Saint Mouron. Gerade noch rechtzeitig, denn kurze Zeit später gibt es ein unglaubliches Gewitter. Blitze und Donner kommen fast gleichzeitig, und im Wald reißen Windböen Bäume um. Roland und Juliet sitzen noch eine ganze Weile auf der überdachten Veranda, beobachten die Blitze und reden über die Zukunft der Stadt.

3

Sie schreckt aus dem Schlaf hoch wie ein Klappmännchen, und eine Sekunde lang glaubt Marie, dass der Blitz direkt in sie eingeschlagen hätte. Sie ist knallwach. Das liegt nicht nur am Gewitter. Sie hat offenbar schon vorher unruhig geschlafen, denn ihr Bettzeug ist ganz durcheinander. Marie denkt an die Proben im Labor und stellt sich vor, der alte Fall würde noch mal aufgerollt, und sie hätte die Leitung. Traue ich mir zu, einen Fall zu lösen, der längst ein Mythos ist? Warum eigentlich nicht? Ich komme von der Spurensicherung, vielleicht finde ich einen neuen Ansatz, einen ohne all die Vermutungen, die die Sache vernebelt haben …

Das ist neu, dass Marie sich auf diese Weise in den Mittelpunkt stellt. Sie streicht sich über ihren rechten Unterarm, betrachtet die gläsernen Härchen, die sich aufgerichtet haben. Dann sieht sie Gustave Bantoux vor sich und erinnert sich daran, wie er sie aus der Grube zog. Ja, es hat ihr gefallen, mal kurz eine Katze zu sein. Sie streicht ihre Härchen glatt, lässt sich in ihr Kissen fallen und schließt die Augen. Nach einer Weile mischen sich die Erinnerungsströme und Vorstellungen, werden ungenauer. Irgendwann ist da nur noch das unbestimmte Gefühl, dass sie sich auf morgen freut, dass sie etwas unternehmen will in der Sache. Dann kommen andere Bilder … Weiden … ein Fahrrad … Seen … Gruben … Gesichter … und dann … verwandeln sich die Bilder und ihre Erinnerungen in ein Körpergefühl, das angenehm ist, und weit weg hört sie noch leise das Grollen des Gewitters und dann ist sie auch schon eingeschlafen.

4

»Geh nicht ran, küss mich!«

Es ist Samstag kurz nach zehn, als das Telefon in der Wohnung von Sergeant Resnais klingelt. Er hat heute frei, die Neue sitzt für ihn in der Telefonzentrale. Resnais hat gerade mit seiner Freundin geschlafen. Und zwar schon drei Mal. Das ist ein gutes Zeichen, findet er. Constance findet auch, dass mit Resnais alles passt. Ihr ist noch immer ein bisschen schwindelig, wenn er da ist. Gerade vorgestern noch hat sie zu ihrer Freundin Carine gesagt: »Irgendwie ist es von der Natur so eingerichtet, dass manche Paare körperlich extrem gut zusammenpassen!«

Resnais würde nie sagen, dass Sex das Wichtigste ist, aber er ist doch froh, dass es mit Constance so gut läuft. Jedenfalls hat er jetzt Frühstück gemacht. Weil das für Constance ein weiterer Beweis dafür ist, dass ein Mann sie liebt. Frühstück im Bett. Er hat sogar Brötchen geholt und die Zeitung.

»Es steht schon was in der Gazette. Über gestern. Über Maries Fund.«

»Bestimmt hat einer von den Arbeitern bei der Zeitung angerufen.«

Er liest Constance die Überschrift vor: Ist es einer von ihnen?

Es folgen die üblichen Spekulationen über die vier verschwundenen Männer von 1970. Fotos der Gesichter, das Foto vom Schacht und das Foto eines Skalpells.

»Na ja, das eben, was die Gazette immer bringt, wenn es um die Marmormänner geht.«

Danach hatten sich Resnais und Constance über den Theaterabend unterhalten und gerätselt, warum Roland und Juliet neben dem Bürgermeister gesessen hatten.

»Roland und René haben sich mindestens drei Minuten die Hände geschüttelt!«, sagt Constance. Constance Brancards Familie ist reich. Und nicht erst, seit ihr Vater den alten Weinberg an die CONDOR-VERSAI verkauft hat. Der Familie gehört eine große Spedition und – sozusagen als Schmuck – ein Weinhandel. In diese reiche Familie wird ausgerechnet Sergeant Resnais einheiraten, jemand, der wie schon sein Vater der Meinung ist, dass es so Reiche gar nicht geben dürfte. Resnais ist bei den Sozialisten. So gesehen ist Bürgermeister René Plutard sein oberster Chef, was das Politische angeht.

»Was bezweckt René damit, Roland neben sich zu setzen?«

»Vielleicht will er ihn in eure Partei holen.«

»Wozu?«

»Weil Roland beliebt ist. Die Leute wissen, dass er für Sicherheit sorgt, ohne dabei ihre Freiheit einzuschränken.«

»Niemals! Roland ist konservativ bis ins Mark! Du hast ja das Haus gesehen, in dem er wohnt. Ein Reihenhaus mit einer aufgemotzten Tür ist das, mit einer überdachten Terrasse, den üblichen Findlingen und einem gemauerten Grill. Am schlimmsten finde ich seinen japanischen Garten und den Zierahorn, den er uns gezeigt hat. Alles Zeug aus dem Baumarkt, das ist so was von spießig!«

»Er ist so, wie normale Bürger eben sind. Er versteht sie. Seine Frau finde ich übrigens auch gut.«

»Juliet?«

»Sie kriegt alles mit. Ich hab gestern im Theater mit ihr gesprochen. Sie hat als Einzige sofort kapiert, wie ätzend ich es finde, wenn alle mich auf meinen reichen Vater ansprechen.«

»Sie hat kein einziges Wort über deinen Vater gesagt, ich meine, ich stand daneben!«

»Das war doch völlig klar, was sie denkt, das hat man doch gesehen. Und dass der Bürgermeister den Chef der CONDOR-VERSAI nicht mag, war auch klar. Ich denke, er will sich mit Roland gegen ihn verbünden. Die können doch sowieso ganz gut miteinander. Ich meine, das sieht man ja.«

»Was du so alles mitkriegst …«

Resnais’ Handy brummt.

»Geh bitte nicht ran, es ist gerade so schön.«

»Ich guck nur mal … Oh … Das ist Marie, sorry.«

»Du hast frei!«

»Was gibt’s, Marie … Ja natürlich hab ich den. Hat das nicht Zeit, bis …? … Gut, wenn du meinst. … Nee, ist gut, es dauert aber zwanzig Minuten, ich bin noch im Bett.«

Er drückt das Gespräch weg.

»Was will sie?«

»Sie braucht den Schlüssel zum Archiv, und den hab ich. Die will bestimmt an die alten Akten von den Marmormännern.«

»Es ist dein freier Tag! Und warum ruft sie überhaupt um die Zeit an? Denkt die, du bist allein?«

»Lass das, Constance! Das ist mein Beruf, da geht’s nicht um so was.«

Resnais geht in die Küche, setzt neuen Kaffee auf und stellt sich dann unter die Dusche. Als er fertig ist mit Anziehen, sagt Constance nur ein Wort: »Marie!«

»Das ist Blödsinn, was du da denkst, die ist gar nicht auf meinem Schirm, und außerdem interessiert sie sich eh nur für ihre Arbeit.«

Er küsst sie, aber diesmal wirkt es nicht. Also geht er zurück in die Küche, nimmt zwei Becher aus dem Regal, füllt den Kaffee in eine Thermoskanne und zieht seinen Parka an.

»Ich bin spätestens in einer Stunde zurück, dann gehen wir ins Heimatmuseum.«

»In dein Heimatmuseum kannst du alleine gehen!«

Das ist typisch für Resnais. Dass er ins Heimatmuseum geht. Irgendwie – findet Constance – passt das zu seinen selbst geschmierten Stullen und der Thermoskanne. Einmal hat er es geschafft, sie dahin mitzuschleifen. Das war an einem Sonntag. Sie hatten den ganzen Morgen im Bett verbracht, und Constance war so im Liebestaumel, dass sie auch auf eine Auktion für getrocknete Käfer mitgegangen wäre. Ins Heimatmuseum hatte er sie stattdessen gebracht und ihr an einem Modell gezeigt, wie die ersten Siedlungen hier in der Gegend aussahen. Auch einen Schädel aus der Steinzeit gab es da und an den Wänden hingen Karten, die den Rückgang der Eiszeit veranschaulichten und den Rückzug der Schweden im Dreißigjährigen Krieg. Allein der Geruch war schon eine Schlaftablette!

Im zweiten Stock hatte sie dann keine Lust mehr. In den dritten Stock waren sie also nicht gegangen. Und davon redet er nun immer wieder. Dort soll es nämlich einen Raum geben – wenn er darüber spricht, wird er ganz feierlich! –, einen Raum, in dem die Wappen, Wimpel und Fahnen der verschiedenen Bergwerksvereine aufbewahrt werden. Constance kann sich wirklich nicht im Entferntesten vorstellen, warum ein gut aussehender, potenter Mann von heute sich für so was interessiert.

»Bis gleich!«

Sie antwortet nicht, und als er im Flur ist, sind seine Gedanken schon woanders.

5

»Xavier Lacroix, Marcel Étoile, Bertrand Merode, Raoul Correste.«

Resnais hat ihr aufgeschlossen. Jetzt sitzen er und Marie im vierten Stock der Polizeistation von Fleurville, ihrem Archiv, ihrer Vergangenheit, ihrer Zeitmaschine, manche sagen auch Dachboden dazu.

»Constance ist sauer, stimmt’s?«

»Nee, die versteht das.«

Marie und Resnais finden die Akten über den Fall mit den Marmormännern schnell. Auf den Aktenrücken steht in sauberen Druckbuchstaben der Name des Kommissars, der damals die Ermittlungen geleitet hat – Brice Chakat.

Resnais versteht das nicht. »Ich dachte immer, der Vorgänger von Roland war Kommissar Clermont.«

»Brice Chakat ist noch eine Generation früher.«

Marie tippt noch mal mit ihrem rechten Zeigefinger unter jedes einzelne Foto, und Resnais staunt. »Dass die echt sind …«

»Du hast geglaubt, das ist kein richtiger Fall?«

»Schon, aber … Die Zeitung bringt die Sache mit den Marmormännern so oft, dass man meint, es ginge um den Osterhasen oder den Weihnachtsmann, um irgendwas eben, das jedes Jahr wieder dran ist.«

Er starrt auf die Fotos. »Ich habe sie nie auf richtigen Bildern gesehen, wo man was erkennt.«

Marie nickt. »Ja, für mich waren sie auch immer so was wie Weihnachtsmänner. Dabei hab ich mich, als ich hier anfing, sogar eine Weile mit dem Fall beschäftigt. Roland würde es nicht gefallen, dass wir hier sitzen.«

»Warum eigentlich?«

Sie zuckt mit den Schultern. »Vielleicht liegt es daran, dass sein Vorgänger so eine große Nummer daraus gemacht hat. Oder er lässt es, weil er praktisch denkt. Ich hab ihn gefragt, als ich hier anfing. Er meinte: Regelmäßige Geschwindigkeitskontrollen vor Schulen und Kindergärten sind viel wichtiger als irgendwelche alten Geschichten!«

»Typisch Roland!«

Marie sieht Resnais an und entschließt sich, ihn etwas zu fragen, dass sie seit letzter Nacht nicht mehr loswird. »Glaubst du, ich könnte das? Würdest du mir zutrauen, dass ich den Fall löse? Ich meine, ich bin keine Ermittlerin, ich würde da vermutlich so rangehen, wie eine von der Spurensicherung das eben macht. Was denkst du?«

Resnais weicht nicht aus, macht auch keine witzigen oder ermutigenden Bemerkungen. Er überlegt kurz, beugt sich dann ein Stück zurück und betrachtet Marie, als müsse er sie sich erst noch mal genau ansehen, ehe er urteilt. »Es hat noch nie eine Frau an der Sache gearbeitet, oder?«

»Ich bin nicht gerade für meine weibliche Intuition bekannt.«

»Das meinte ich nicht.«

»Wofür bin ich bekannt? Wie bin ich für dich?«

Resnais schluckt, aber er traut sich, ihr zu sagen, wie er sie sieht. »Fleißig. Genau. Schwer von was abzubringen. Entschuldige, aber du hast nach meiner Meinung gefragt.« Resnais wechselt das Thema. »Woher kommt eigentlich dieser Ausdruck? Ich meine, dass man sie Marmormänner nennt.«

Marie schiebt ein Foto zu Resnais rüber, auf dem eine Leiche zu sehen ist. »Den hier, Xavier Lacroix, haben sie damals gefunden. In einem Schacht, den sie 1970 beim Bau der Autobahn unten am Damm ausgehoben haben.«

»Die Leiche ist extrem aufgedunsen. Und überhaupt sieht die merkwürdig aus, oder?

»Warum?«

»Wer hat ihn denn da so komisch hingelegt?«

»Na, die, die ihn aus dem Schacht rausgeholt haben, vermutlich.«

»Klar, aber … warum ist er so verdreht und so …«

»Er wurde in einen sehr tiefen Schacht geworfen. Und dann dort unten verscharrt. Vermutlich wurde der Boden da unten später mit einer Maschine verdichtet. Sie wollten ja die Röhren des Revisionsschachts einbringen. Aber bevor sie das tun konnten, hat es zwei Tage lang heftig geregnet. Das Wasser füllte den Schacht, und da kam seine Leiche hoch.«

»Das war also reines Glück, dass sie den gefunden haben.«

»Lacroix wurde die Kehle durchgeschnitten.«

»Hart.«

»Hm.«

Das ist eine der unabänderlichen Eigenschaften von Marie Grenier. Dieses »Hm«. Meistens bedeutet es: »Könnte sein, könnte auch nicht sein.« Zweifel also.

Resnais macht eine Bewegung mit dem Kopf, als wollte er etwas abschütteln: »Aber die drei anderen, die wurden doch nie gefunden. Wieso heißen die auch Marmormänner?«

»Ich glaube, die Gazette de Fleurville hat sie so genannt.«

»Okay … Er wurde also in einem Schacht nicht weit vom Damm der Autobahn gefunden. Jetzt hast du vielleicht seine Kleidung. Aber die lag auf der Brache am alten Weinberg. Das ist fünf oder sechs Kilometer weit weg, auf der anderen Seite der Stadt.«

»Vielleicht gehören die Sachen einem der anderen Opfer. Zwei von ihnen hatten bei ihrem Verschwinden Trainingssachen an, der dritte möglicherweise auch. Sie sind gejoggt. Das kam damals gerade in Mode.«

»Und warum killt jemand Jogger?«

»Vielleicht war der Täter selbst Jogger, vielleicht arbeitete er in einem Geschäft für Sportbekleidung, vielleicht haben Jogger ihn sexuell erregt, keine Ahnung. Manche sagen, es gäbe noch viel mehr Marmormänner.«

»Echt?«

»Weil ja immer wieder Menschen verschwinden.«

Marie schiebt die restlichen Fotos zu Resnais rüber. »Die Vier, fällt dir an denen was auf? Beschreib sie mal.«

»Na ja, sie sind jung. Der hier, Bertrand Marode …«

»Ich glaube, er heißt … Moment … Ja, er heißt Merode!«

»… der ist etwas kräftiger. Wirkt ein bisschen brutal oder stumpf … was soll ich denn eigentlich sehen?«

»Du sollst sie beschreiben, sonst nichts! Also: Sie sind jung, Merode sieht ein bisschen brutal aus … Weiter!«

»Der dritte, Marcel Étoile … Der ist zierlicher. Und an seinen Augen ist irgendwas.«

»Ja, das hab ich auch schon gesehen. Wahrscheinlich nur eine Reflexion. Vielleicht wurde die Aufnahme mit Blitzlicht gemacht. Weiter.«

»Alle, bis auf Raoul, haben mittelbraunes Haar. Sie sind glatt rasiert. Merode hat Aknenarben, und … Sorry, mir fällt nichts Besonderes auf.«

»Weil sie absolut durchschnittlich sind!«

»Und was bedeutet das?«

»Ich weiß es noch nicht, ich denke nur nach, ich meine … Da taucht ein Täter auf. Jemand entwickelt plötzlich Lust, Menschen zu töten. Dann hört das wieder auf.«

»Okay?«

»Also, warum hat er genau die hier ausgewählt, was verbindet die Vier? Das Aussehen offenbar nicht. Das Problem von Kommissar Chakat war damals vermutlich, dass sie nur eine Leiche gefunden haben. Sie konnten weder Vergleiche anstellen noch etwas aus der Art des Mordes schließen.«

»Kehle durchgeschnitten.«

»Bei dem, den sie gefunden haben, war das so. Bei den anderen auch?«

»Und die Hose, die du gestern ausgegraben hast …?«

»Das muss ich noch überprüfen. Lacroix war nackt, als sie ihn fanden. Aber er war auch ziemlich groß, wie man auf dem Foto sieht. Die Hose gehört zu einem Mann, der klein ist. 1,60 bis 1,65. Ich bin hier, weil ich die Akten von Kommissar Chakat durchgehen will, um zu gucken, ob einer von ihnen so um die 1,65 war. Wenn du noch Zeit hast …«

»Klar!«

»Gut. Wir schreiben auch gleich die Namen und Adressen von allen Angehörigen raus. Die Zeugen brauchen wir auch. Wenn wir Glück haben, leben noch einige.«

»Du hast mir vorhin gesagt, dass Roland extrem sauer wäre, wenn er wüsste, woran wir hier arbeiten und mich dann gefragt, ob ich dir zutrauen würde, dass du den Fall löst.«

»Ja?«

»Du hast schon angefangen, nicht wahr? Ich meine, hier oben in deinem Kopf beginnst du bereits zu sortieren.«

Marie geht nicht auf die Frage ein, sondern schiebt zwei der Ordner zu Resnais rüber und gibt ihm dann Zettel und Papier. Nachdem sie die Akten gesichtet haben, ist klar, dass die Trainingshose niemand anderem gehören kann als dem zweiten Opfer, Marcel Étoile.

Wie sachlich! ›Niemand anderem gehören kann.‹ Das ist ja falsch! Die Hose hat ihm nur bis zu einem bestimmten Moment gehört. Nur bis zu dem Augenblick, in dem sie ihm einer ausgezogen oder ihn dazu gezwungen hat, sie selbst auszuziehen, nur bis zu dem Augenblick, wo Marcel vielleicht gerade dadurch klar wurde, dass er es nicht überleben wird. Marie Grenier sieht vor ihrem inneren Auge Bilder eines zierlichen Jungen mit Sternchenaugen, der sich dagegen wehrt zu sterben. Sie drängt die Bilder weg.

»Möchtest du Kaffee? Ich hab auch Kekse dabei.«

»Kaffee reicht mir.«

Sie reden noch eine Weile. Schließlich reißt Resnais sich los. »Ich glaube, es ist besser, ich fahre jetzt.«

»Reicht es, wenn ich dir den Schlüssel Montag gebe?«

»Klar. Bleibst du noch?«

Marie zuckt mit den Schultern.

Nachdem Resnais gegangen ist, spürt Marie, wie etwas in ihr frei und mutig wird. Sie sieht sich die Fotos der vier Marmormänner noch mal an. Plötzlich tauchen Bilder in ihrem Kopf auf. Gerüche, ja sogar Körpergefühle. Es kommt mit einer Wucht, die niemand aufhalten könnte. Aber die Erinnerungen haben nichts Gewaltsames, sie sind hell, sonnig und frisch.

Nicht alle Kiesgruben haben sich mit Wasser gefüllt, zwei sind die meiste Zeit trocken. Unten stehen Weiden. Es ist Anfang Mai, und Marie ist zwölf Jahre alt. Sie spürt den Wind im Gesicht und fährt mit vollem Antritt die Böschung runter in die Grube. Unten hat sie natürlich irren Schwung. Den braucht sie auch, denn unten ist der Hügel. Da rauf und … dann fliegt sie. Sie und ihr Fahrrad. Fast wie der kleine Junge in dem Film E.T. Alles ist wieder da. Wodurch die Erinnerung ausgelöst wurde, weiß sie nicht. Sie landet mit ihrem BMX-Rad, bremst, wie es außer ihr keiner kann. Und dann schleudert ihr Hinterrad rum. Ungefähr 270 Grad. Die Jungs schaffen alle nur 190, höchstens 220. Sie steht. Hält das Rad in der Balance, genießt die Blicke der Jungen. Dann tritt sie an und quält ihr Rad einen unglaublichen Hang hoch. Irgendwann steht sie oben am Rand der Grube. Wie eine kitschige Silhouette aus einem Film über Löwen. Marie und ihr BMX-Rad vor dem Abendrot.

Die Erinnerung ist direkt und stark. Ihr fällt jetzt auch wieder ein, warum sie damals ein BMX-Rad hatte und zwar eins der Besten. Ihr Vater hatte ihr das Rad zum Geburtstag geschenkt. Er war begeistert von Maries Fahrkünsten. Ihr Bruder Stefan war soft. Sie liebte ihn, weil er so sensibel war, aber heute würde sie sagen: Er war irgendwie das Mädchen …

Mit dieser Erkenntnis löscht sie die Erinnerung aus. Erinnerungen vertragen sich nicht mit Verstand und Analyse. Die Gruben … Nördlich der Autobahn gibt es einige dieser Kiesgruben. Der Tunnel …

Marie nahm damals immer die Rue de Belleville, Richtung Corte. Dann wurde es dreihundert Meter dunkel und gefährlich. Die Unterführung der Autobahn hatte keinen Fahrradweg. Ja und dann ging es links rein. Ein Weg, der sich von einer Kiesgrube zur nächsten schlängelte. Die Kiesgruben stammten aus der Zeit, als die Autobahn gebaut wurde. Man hatte hier den Sand für den Damm geholt. Als Marie jung war, waren sie da mit ihren BMX-Rädern rumgepest, schwimmen gegangen, und … Sex … Eine sandige Erinnerung. Und eine ungenaue.

Wie komme ich da jetzt drauf …?

Marie schiebt das Foto von Bertrand Merode zu den anderen an den Rand der Tischfläche und blättert noch mal in den Ordnern. In dem von Bertrand Merode findet sie einen Bericht, der mit Hand geschrieben wurde. Die Handschrift gehört Kommissar Brice Chakat. Roland hatte ihr von ihm erzählt, als er Marie an ihrem ersten Tag das Kommissariat gezeigt hatte. Er war schon tot, als Roland hier anfing, und das ist achtzehn Jahre her.

Schrift extrem gleichmäßig. Sehr schräg gestellt, Tinte …

Abschlussbericht, Brice Chakat.

Was folgt, klingt nicht wie ein amtliches Protokoll.

Lieber Monsieur Clermont,

morgen um 16 Uhr stehen wir unten und trinken Sekt. Sicher bekomme ich von meinen Mitarbeitern einige Geschenke, und unser Bürgermeister wird eine Rede halten. Ich werde dann fertig sein, hier in Fleurville. Nach 35 Jahren! (Ich habe im Sommer 1936 als einfacher Sergeant angefangen!) Ich glaube, ich habe meine Arbeit insgesamt gut gemacht und übergebe Ihnen eine Stadt, die sauber ist …

Schade, die nächsten Zeilen kann Marie nicht entziffern. Wasserschaden im Archiv. Sie überschlägt auch den daran anschließenden Bericht über die Kriminalitätsrate seit Anfang der fünfziger Jahre. Sogar einiges über die Kriegszeit hat Brice Chakat geschrieben. Leider sind auch diese Gedanken zum größten Teil dem Wasser zum Opfer gefallen. Danach kommt eine Auflistung von amtlichen Vorgängen, die die Jahre 1969 und die erste Jahreshälfte 1970 betreffen. Dieser Teil liest sich tatsächlich wie ein Übergabeprotokoll. Im Anschluss finden sich tabellarisch die Adressen und Telefonnummern anderer Behörden.

Marie stellt sich Brice Chakat als einen Beamten mit eisernen Richtlinien vor, als einen, der gut funktioniert hat, dem seine Sekretärin manchmal Blumen auf den Tisch stellte. Feine Osterglocken vielleicht oder mal eine weiße Rose, die lange hält.

Endlich kommt Kommissar Chakat auf den Fall.

Arbeiter, die mit den Ausschachtungen befasst waren, fanden am 12. Juni 1970 in einem neun Meter tiefen Revisionsschacht des unteren Drainagestrangs die Leiche von Xavier Lacroix. Ich vermute, dass der Täter Schwierigkeiten hatte, sein Opfer tief genug zu vergraben. Er hoffte wahrscheinlich, dass der Schacht bald verfüllt würde. Dass die Leiche überhaupt gefunden wurde, verdanken wir der Tatsache, dass vom 6. bis 9. Juni extrem viel Regen fiel, der am Damm der Trasse hinabfloss und die Grube füllte. Wäre der Schacht wie geplant verfüllt worden, hätte Xavier Lacroix’ Körper unter neun Metern Sand gelegen.

Marie überlegt: Woher wusste der Täter, dass der Schacht bald verfüllt werden sollte? War das einer von den Arbeitern, die damals die Autobahn gebaut haben …?

Xavier Lacroix war die Kehle durchgeschnitten worden. Er war nackt, als wir ihn fanden. Es gab keine Fußspuren mehr in der Nähe des Tatorts. Frische Reifenspuren auf dem aufgeweichten Treckerweg, der dort vorbeiführt, gab es ebenfalls nicht. Dieser Weg zweigt direkt vor der Autobahnunterführung von der Rue Belleville ab und ist dort durch einen Schlagbaum mit Schloss gesichert. Der Treckerweg ist nur für einige Bauern zugänglich, deren Befragung keine Verdachtsmomente ergab. Das Opfer wurde also nicht mit einem Auto dorthin gebracht. Vermutlich wurde Xavier Lacroix in unmittelbarer Nähe des Schachts ermordet. Wegen der Art der Tötung wurde zunächst von einem Skalpellmörder gesprochen. Später tauchte eine andere Bezeichnung auf, die etwas mit dem Zustand von Xavier Lacroix’ Leiche zu tun hatte. Sie war bereits aufgedunsen und sehr weiß. Außerdem war sie, wegen der leider immer noch üblichen Entsorgung von Altöl in solchen Löchern, sonderbar verfärbt, und zwar so, dass der Körper an eine stark gestauchte Figur aus Marmor erinnerte. Das alles hat aber vermutlich nichts mit der Tat selbst zu tun. Insgesamt verschwanden in dem kurzen Zeitraum von zweieinhalb Monaten drei Männer. Sollten sie tatsächlich alle einem Täter zum Opfer gefallen sein, haben wir es mit einem sehr aktiven Serientäter zu tun.

Marie hört auf zu lesen und blättert in ihren Unterlagen.

Einen hat er noch getötet. Raoul Correste verschwand am 13. Februar 1971 …

Es wurden zwar immer wieder verschwundene Menschen dem Skalpellmörder zugeschrieben, aber Marie hat von keinem Fall gehört, bei dem es ernstzunehmende Übereinstimmungen mit diesen vier Fällen gab. Sie überfliegt den Rest des Berichts.

Wonach wir bis jetzt gesucht haben, ist eine Verbindung zwischen den Opfern. Wir konnten keine finden. Außer, dass Marcel Étoile und Bertrand Merode regelmäßig Dauerlauf betrieben haben. Darauf haben wir uns konzentriert. Leider ohne Erfolg.

Ich wünschte, ich hätte diesen Fall zum Abschluss bringen und Ihnen einen sauberen Schreibtisch hinterlassen können. Mir wäre dann wohler, wenn ich morgen mit Ihnen anstoße. So werden Sie diese Sache als erste große Herausforderung auf dem Tisch haben, und ich prophezeie, er wird Ihnen keine Ruhe lassen. Mit kollegialen Wünschen,

Brice Chakat,

Fleurville, d. 14. Juli 1970

Roland hat recht. Eine uralte Sache, die keinen mehr interessiert …

Als Marie die Fotos der Opfer zurück in den Umschlag steckt, fällt ihr an dem Foto von Marcel Étoile etwas auf. Er lächelt … Sie stellt die Ordner ins Regal zurück und schließt ab. Mein Bruder hat auch immer so gelächelt …

Auf dem Weg nach Hause denkt sie an ihren Vater, an den schrecklichen Abend mit den zwei Flaschen Weißwein. Sie will den Gedanken verdrängen, aber er bleibt und entwickelt sich.

Ich war nach Hause gekommen, weil Mutter mich eingeladen hatte, es war Abend, halb neun oder so, und als ich sah, dass Vater da ist, war ich wahnsinnig aufgeregt … Hat der Hass gegen ihn da schon angefangen? Oder habe ich mich gefreut? Warum weiß ich das nicht mehr? Vater hatte Feuer gemacht, muss also mit einem längeren Gespräch gerechnet haben … Feuer. Alkohol. Vater. Tochter.

Sie will nicht an diesen Abend denken, aber die Erinnerungen drängen nach oben, und ihr Verstand sucht zum tausendsten Mal nach einer Erklärung, die es nicht gibt. Vater und ich und auf dem Tisch standen zwei Gläser, warum nicht drei? Mutter war doch auch dabei. Sollte sie nicht trinken, weil sie Tabletten gegen Migräne nahm …?

Marie erinnert sich eigentlich an nichts und erkennt doch alles wieder. Die Gegenstände, das ganze Arrangement. Nur ihren Vater sieht sie nicht. Er steht vermutlich irgendwo hinter ihr. Ja, richtig, das ist logisch! Das Bild, das sie erzeugt hat, ist ein paar Sekunden zu früh aufgenommen.

Auch im Fall der Marmormänner gibt es Aufnahmen, sie hat sie gerade gesehen. Das Bild von Xavier Lacroix’ nackter Leiche. Das Bild vom Kehlschnitt. Das Bild vom Schacht. Marcel Étoile mit seinen Sternchenaugen. Der Damm der Autobahn. Die Erlen. Auch diese Fragmente sind Teile eines Arrangements.

Schluss …!