Martin Heidegger. - Friedrich-Wilhelm von Herrmann - E-Book

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Friedrich-Wilhelm von Herrmann

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Beschreibung

Zu Beginn des Jahres 2013 erhielt ich Kenntnis von Stellen in den »Schwarzen Heften«, die sich mit den Juden, dem Judentum bzw. dem Weltjudentum befassen. Mir war sofort klar, dass die Veröffentlichung dieser »Schwarzen Hefte« eine große internationale Debatte hervorrufen wird. Schon im Frühjahr 2013 hatte ich Herrn Prof. Dr. Friedrich-Wilhelm von Herrmann, den letzten Privatassistenten und nach einer Widmung meines Großvaters »Hauptmitarbeiter der Gesamtausgabe« gebeten, er möge aus seiner tiefen Kenntnis des Denkens Martin Heideggers seine Sicht auf die »Schwarzen Hefte« insgesamt und auf die besonders in der Öffentlichkeit stehenden judenbezüglichen Stellen verfassen. In Publikationen über die »Schwarzen Hefte« verbreiteten sich rasch griffige Ausdrücke wie »seinsgeschichtlicher Antisemitismus« oder »metaphysischer Antisemitismus«. Die naheliegende erste Frage dagegen lautet: Gibt es überhaupt einen Antisemitismus im Denken Heideggers? Prof. von Herrmann legt hier nun seine hermeneutische Interpretation vor. Er hat mit Prof. Francesco Alfieri von der Pontificia Università Lateranense einen Mitarbeiter gefunden, der eine umfangreiche philologische Analyse der Bände 94, 95, 96 und 97 der Gesamtausgabe erstellt hat. Beide gelangen zu überraschenden Ergebnissen, die eine neue Sichtweise auf die »Schwarzen Hefte« ermöglichen. Aus dem Vorwort von Arnulf Heidegger

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Veröffentlichungsjahr: 2017

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F.-W. VON HERRMANN / F. ALFIERI

Martin Heidegger. Die Wahrheit über die Schwarzen Hefte

Philosophische Schriften

Band 94

Martin Heidegger

Die Wahrheit über die Schwarzen Hefte

Von

Friedrich-Wilhelm von Herrmann und Francesco Alfieri

Duncker & Humblot · Berlin

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© [Martin Heidegger. La verità sui Quaderni neri (Filosofia, 72), Morcelliana, Brescia 2016] deutsche Übers. von Pascal David

Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der fotomechanischen Wiedergabe und der Übersetzung, für sämtliche Beiträge vorbehalten © 2017 Duncker & Humblot GmbH, Berlin Druck: buchbücher.de gmbh, Birkach Printed in Germany

ISSN 0935-6053 ISBN 978-3-428-15124-0 (Print) ISBN 978-3-428-55124-8 (E-Book) ISBN 978-3-428-85124-9 (Print & E-Book)

Gedruckt auf alterungsbeständigem (säurefreiem) Papier entsprechend ISO 9706 ♾

Internet: http://www.duncker-humblot.de

Zum vierzigsten Todesjahr von Martin Heidegger

Vorwort

zur deutschen Ausgabe

Das hier erscheinende Buch „Martin Heidegger. Die Wahrheit über die Schwarzen Hefte“ ist die deutsche Übersetzung der italienischen Urfassung „Martin Heidegger. La verità sui Quaderni neri“, die im Mai 2016 im Verlag Morcelliana, Brescia, erschienen ist und inzwischen in zweiter Auflage vorliegt.

Am 12. Mai 2016 wurde dieses Buch auf Einladung von Magnifizenz Rektor Fabio Rugge in der Aula Magna der Universität zu Pavia unter dem Vorsitz des Delegaten des Rektors, Prof. Dr. Giampaolo Azzoni vom Dipartimento di Giurisprudenza, öffentlich vorgestellt. Hierzu geladen waren Professoren und je 250 Studierende aus der Juristischen und aus der Philosophischen Fakultät. Außer den beiden Autoren des Buches haben ausgewiesene Heidegger-Kenner verschiedener italienischer Universitäten vorgetragen. In diesen Beiträgen wurde mit Blick auf den Titel des Buches die Wahrheit des Inhalts der „Schwarzen Hefte“ unter Zurückweisung der bewußt verfälschenden Verstellung und Instrumentalisierung, die den wahren Inhalt der Schwarzen Hefte von Anfang an dem Leser versperrt hatte, herausgestellt. Diese Buchvorstellung, auch von YouTube aufgezeichnet für das Internet, wurde ein großer Erfolg – nicht zuletzt auch durch die hervorragende Moderation von Prof. Azzoni, der wiederholt aus rechtsphilosophischer Sichtweise eigenständige Beiträge zur Notwendigkeit der Zurückweisung ideologischer Unterstellungen in einer Zeit der herrschenden political correctness einfließen ließ.

Eine einzigartige Tagung – für das Internet via YouTube von internationalen und nationalen Fernsehsendern aufgezeichnet – unter dem Titel „Ritorno alle fonti di Martin Heidegger. Vie della Seinsfrage“ fand am 25. Januar 2017 in der Päpstlichen Lateranuniversität, Rom, auf Einladung von deren Magnifico Rettore Monsignore Enrico dal Covolo in der Aula Paolo VI statt. Die insgesamt 13 streng wissenschaftlichen Vorträge von höchstem Niveau der eingeladenen europäischen Heidegger-Elite handelten von den philosophischen Quellen für das Denken der Seinsfrage auf deren beiden Wegen und ließen dadurch die Unterstellung von ideologisch-politischen Quellen als absurd erscheinen. Die Tagung wurde durch ein Grußwort des Rektors eröffnet, in dem er die gemeinsame „Suche nach der Wahrheit“ als Ziel jeder Universität und dieser Tagung unterstrich. Magnifizenz dal Covolo schloß sein Grußwort mit den gewichtigen Worten: „Auf dem Wege des Dialogs merkt man sehr rasch, daß die selbstbezogene Verschlossenheit und die daraus folgenden Mißverständnisse nur dann aus dem Weg geräumt werden können, wenn man den Mut hat, als freie Menschen zu denken – frei von all den vorgefaßten Meinungen, die heute zum allgemeinen Konsens gehören, dem man sich einfach nur anschließt, statt nach der Wahrheit der Dinge zu fragen. Wenn [8] wir gemeinsam weiterdenken, machen wir den einzig möglichen Neuanfang“. Daß in diesem Geiste die hier erscheinende deutsche Ausgabe unseres Buches gelesen werden möge, ist der Wunsch der Autoren dieses Buches.

Herrn Prof. Dr. Pascal David (Universität Brest, Frankreich), dem Übersetzer der im berühmten Verlag Gallimard, Paris, erscheinenden französischen Fassung, verdanken wir die zügige Erstellung auch der deutschen Übersetzung, für die wir ihm großen Dank schulden.

Einen nicht minder großen Dank möchte ich Herrn Prof. em. Dr. In-Suk Cha (National University of Seoul, Südkorea, und weiterhin Inhaber des UNESCO-Lehrstuhls für Philosophie, Seoul) aussprechen für seine großherzige mäzenatische Stiftung zur Finanzierung und Verlegung der deutschen und der französischen Fassung des vorliegenden Buches. Herr Prof. Cha hat in den 60er Jahren als phänomenologischer Doktorand Eugen Finks an der Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg, seine Dissertation „Der Begriff des Gegenstandes in der Phänomenologie Edmund Husserls“ verfaßt und im Wintersemester 1966/67 auch an dem von Martin Heidegger und Eugen Fink gemeinsam geleiteten Heraklit-Seminar teilgenommen. Seine mäzenatische Schenkung versteht Herr Prof. Cha als seinen Dank für die Freiburger phänomenologischen Studienjahre, die ihm diese Stadt und Universität zur zweiten geistigen Heimat werden ließen. Als Ordinarius seiner Universität in Seoul schickte er seine besten Schüler zu mir nach Freiburg, damit diese ihr phänomenologisches Promotionsstudium unter meiner Betreuung durchlaufen könnten. Sie alle haben heute Lehrstühle in ihrer Heimat.

Schließlich richtet sich unser großer Dank an unseren Berliner Verleger Dr. Florian Simon, der sich während unserer ersten Anfrage ohne Zögern freudig dazu bereit erklärte, das deutschsprachige Buch in das Veröffentlichungsprogramm von Duncker & Humblot aufzunehmen. In diesem traditionsreichen Verlag erschien von 1832 bis 1845 die erste Gesamtausgabe Hegels unter dem würdigen Titel ,Vollständige Ausgabe durch einen Verein von Freunden des Verewigten‘. Seit 1987 verdanken wir dem Verlag Duncker & Humblot das jährliche Erscheinen der internationalen dreisprachigen Zeitschrift Heidegger Studies, die in diesem Jahr den Band 33 erreicht. Frau Susanne Werner vom Verlag Duncker & Humblot hat für unser Buch nicht nur als Herstellerin, sondern auch als Setzerin wunderbar gewirkt, wofür wir ihr herzlich Dank sagen. Herrn Dr. Dr. Günther Neumann und Herrn Dr. Klaus Negebauer sind wir für ihre umsichtige und akribische Korrekturhilfe herzlich dankbar.

Freiburg i.Br., im Februar 2017

Friedrich-Wilhelm v. Herrmann

Vorwort

Zu Beginn des Jahres 2013 erhielt ich Kenntnis von Stellen in den „Schwarzen Heften“, die sich mit den Juden, dem Judentum bzw. dem Weltjudentum befassen. Mir war sofort klar, daß die Veröffentlichung dieser „Schwarzen Hefte“ eine große internationale Debatte hervorrufen wird. Schon im Frühjahr 2013 hatte ich Herrn Prof. Dr. Friedrich-Wilhelm von Herrmann, den letzten Privatassistenten und nach einer Widmung meines Großvaters „Hauptmitarbeiter der Gesamtausgabe“ gebeten, er möge aus seiner tiefen Kenntnis des Denkens Martin Heideggers seine Sicht auf die „Schwarzen Hefte“ insgesamt und auf die besonders in der Öffentlichkeit stehenden Juden-bezüglichen Stellen verfassen. Meine Bitte erging auch vor dem Hintergrund, daß mein Großvater Herrn Prof. von Herrmann die Lektüre vorenthielt und ihn ausdrücklich nicht für die Herausgabe der Bände „Schwarze Hefte“ vorgesehen hatte. Diese sind für einen tief im christlichen Glauben verwurzelten Protestanten eine schwere Kost.

In Publikationen über die „Schwarzen Hefte“ verbreiteten sich rasch griffige Ausdrücke wie „seinsgeschichtlicher Antisemitismus“ oder „metaphysischer Antisemitismus“. Die naheliegende erste Frage dagegen lautet: Gibt es überhaupt einen Antisemitismus im Denken Heideggers? Prof. von Herrmann legt hier nun seine hermeneutische Interpretation vor. Er hat mit Prof. Francesco Alfieri von der Pontificia Università Lateranense einen Mitarbeiter gefunden, der eine umfangreiche philologische Analyse der Bände 94, 95, 96 und 97 der Gesamtausgabe erstellt hat. Beide gelangen, unterstützt durch die Beiträge von Prof. Leonardo Messinese und der Journalistin Claudia Gualdana zu überraschenden Ergebnissen, die eine neue Sichtweise auf die „Schwarzen Hefte“ ermöglichen. Über den aufgekommenen Vorwurf, ihr Vater sei Antisemit gewesen, konnten die beiden Söhne Martin Heideggers, Jörg und Hermann, nur den Kopf schütteln. Beide Söhne hatten aus nächster Nähe miterlebt, wie eng ihr Vater mit Jüdinnen und Juden befreundet war. Mein Vater hat seine Zeitzeugenschaft in wenigen Punkten nachfolgend zusammengefaßt.

Die öffentlichen Auftritte meines Großvaters in der NS-Zeit zeigen ihn nicht als Antisemiten. Wenig Berücksichtigung hat der Umstand gefunden, daß Martin Heidegger den bislang veröffentlichten „Schwarzen Hefte“ die Überschriften „Überlegungen“ und „Anmerkungen“ gab. Sie sind von ihm bewußt an das Ende der Gesamtausgabe gesetzt worden, da sie ohne Kenntnis der Vorlesungen und vor allem der erst im Rahmen der Gesamtausgabe veröffentlichen seinsgeschichtlichen Abhandlungen nicht verständlich sind.

Der Titel: „Martin Heidegger. Die Wahrheit über die Schwarzen Hefte“ mag sehr selbstgewiß klingen, doch gibt es jemanden, der von sich behauptet, eine gründ[10] lichere Kenntnis des Denkens Heideggers zu besitzen als Prof. von Herrmann? Meinem Großvater ging es letztlich jedoch nie darum, eine Lehre zu verkünden, ein System der Philosophie aufzustellen oder gar Gefolgschaft zu sammeln. Die Bemühungen seines Denkens waren vielmehr darauf gerichtet, ein wesentliches Fragen hervorzurufen.

Mögen die Beiträge dieses Bandes dabei helfen, dieses Fragen zu ermöglichen.

Arnulf Heidegger

Danksagungen

Wir danken herzlich Herrn Dr. Hermann Heidegger und (dem Nachlaßverwalter Martin Heideggers) Herrn Rechtsanwalt Arnulf Heidegger, unsere Arbeit unterstützt zu haben. Herr Arnulf Heidegger hat uns zudem den fotographischen Abdruck der hier ausgelegten Seiten aus den Schwarzen Heften zur Verfügung gestellt und die Genehmigung gegeben, sie im vorliegenden Buch zu reproduzieren. Frau Dr. Veronika von Herrmann verdanken wir ihre wertvollen Vorschläge. Ihr möchten wir auch dafür danken, die alltägliche Mühe einer strengen Konfrontation mit den Texten mit uns geteilt und so die Schwierigkeiten, auf die wir unterwegs stießen, mit getragen zu haben. Ihre Hilfe und Unterstützung hat es uns erlaubt, uns auf die unternommene Arbeit zu konzentrieren, ohne davon je abgelenkt zu werden.

Zudem sind wir Herrn Prof. Leonardo Messinese dafür dankbar, daß er damit einverstanden war, einen Aufsatz zu schreiben, in dem seine Sachkenntnis sowie die Seriosität seiner eigenen Forschungen uns nochmals dazu Anlaß gab, unsere Ergebnisse zu überdenken, zu denen wir auf anderen Wegen gelangten. Der Journalistin Dr. Claudia Gualdana sind wir auch für ihre Arbeit dankbar; von Anfang an hat sie das Projekt dieses Buches verfolgt, und nicht zuletzt hat sie auch die Anstrengungen einer Zusammenarbeit geteilt: ihre Seriosität und Menschlichkeit waren für uns vorbildlich.

Bei Frau Anastasia Urban vom Verlag Vittorio Klostermann in Frankfurt am Main und bei Herrn Dr. Ulrich von Bülow vom Deutschen Literaturarchiv in Marbach am Neckar bedanken wir uns.

Zustande gebracht wurde das vorliegende Buch dank des uns geschenkten Vertrauens des Verlags Morcelliana, in der Person seines Präsidenten, des Prof. Enrico Minelli, sowie in derjenigen seines Herausgebers, des Dr. Ilario Bertoletti. Mit dem Verlag Morcelliana haben wir eine Teamarbeit geleistet; dafür ist vor allem Dr. Giovanni Menestrina zu danken, dem der gesamte hier vorliegende unveröffentlichte Briefwechsel sowie die Herstellung dieses Buches anvertraut wurden: Seine Aufgabe wurde dadurch nicht gerade erleichtert, daß wir unsere Arbeit häufig revidieren und an ihr viele Veränderungen mit notwendigen Hinzufügungen vornehmen mußten. Ihm möchten wir danken, und mit ihm all jenen des Verlagshauses, die unser Projekt unterstützt und begünstigt haben.

Wir danken auch für die Unterstützung von Dr. Rosa Maria Marafioti und von Dr. Chiara Pasqualin und nicht zuletzt aller Sachkundigen, die sich schon an die Arbeit der Übersetzung dieses Buches in andere Sprachen gesetzt haben, und zwar: Juvenal Savian Filho und Clio Francesca Tricarico (portugiesisch), Pascal David (französisch und deutsch), Paul Sandu (rumänisch) und George Metcalf (englisch).

[12] Schließlich danken wir all jenen, mit denen wir so oder so ein Stück des Weges zusammengingen, und zwar: François Fédier, Vat. Mícheál Mac Craith OFM, Jean Grondin, Jeremiah Hackett, Otniel Vereș und Raluca Lazarovici Vereș (vom Verlag Ratio et Revelatio), Giampaolo Azzoni, Franco Bertossa (von der Vereinigung Associazione Spazio Interiore Ambiente), Silvano Bertossa, Alberto G. Biuso, Maurizio Borghi (cf. Libro Bianco. Heidegger e il nazismo sulla Stampa italiana [Weißbuch. Heidegger und der Nazionalsozialismus in der italienischen Presse], http://eudia.org/libro-bianco), Francesca Brencio, Pietrangelo Buttafuoco, Tommy Cappellini, Paola Coriando, Federico Della Sala, István Fehér, Loredana Flore, Dieter Foerster, Luigi Iannone, Giuditta Loiola, Marilena Lomuscio, Giuseppe Marrone, Massimiliano Marzola, Eugenio Mazzarella, Lucia Menestrina, Murray Miles, Elena Poletti, Günther Pöltner, Hans-Jörg Reck, Manuela Ritte, Helmuth Vetter, Adalgisa Villani und Pater Augustinus Wucherer-Huldenfeld.

Unter den Gesellschaften danken wir herzlich ganz besonders der Wiener Martin-Heidegger-Gesellschaft und der Österreichischen Daseinsanalytischen Gesellschaft, deren Sitz auch Wien ist.

Friedrich-Wilhelm von Herrmann und Francesco Alfieri

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Erstes KapitelNotwendige Erläuterungen zu den Schwarzen Heften Über die naive Instrumentalisierung hinaus, die aufgrund der Mutmaßungen bequemer Einsichten inszeniert wurde Friedrich-Wilhelm von Herrmann

1.

Vorläufige Bemerkungen über die

„Schwarzen Hefte“

oder

„Notizbücher“

Martin Heideggers

2.

Der Ursprung der Verwirrung in der Auslegung

der Schwarzen Hefte

3.

Die Stellung von Martin Heideggers

„Notizbüchern“

oder

„Schwarzen Wachstuchheften“

in seinem Gesamtwerk

4.

Die Juden-bezogenen Textstellen in den

Schwarzen Heften

sind philosophischsystematisch belanglos

5.

Warum es in Martin Heideggers seinsgeschichtlichem Denken keinen Antisemitismus geben kann

6.

Größe und Bedeutung von Martin Heideggers Denkweg

6.1.

Heideggers denkerische Urerfahrung von einer ,Philosophie des lebendigen Lebens‘

6.2.

Heideggers Dozentenvorlesungen von 1919 bis 1923 als Weg der Ausarbeitung der hermeneutischen Phänomenologie des faktischen Lebens

6.3.

Die Marburger Vorlesungen von 1923/24 bis 1928 als Weg für die Ausarbeitung des ersten Hauptwerkes „Sein und Zeit“

6.4.

Die Erfahrung von der Geschichtlichkeit des Seins selbst und der Weg des seinsgeschichtlichen Denkens

Zweites Kapitel Die Schwarzen Hefte Historisch-kritische Analyse ohne Meinungsäußerungen Francesco Alfieri

1.

Vorrede »für die Wenigen – für die Seltenen«

2.

Überlegungen

II – VI –

Schwarze Hefte

1931 – 1938

2.1.

Heideggers

feste Haltung

dem Nationalsozialismus gegenüber

2.2.

Entwurzelung, Boden

und verbundene zusammengesetzte Wörter: deren »Ursprung« und un-politischer Gebrauch

2.2.1.

Entwurzelung

– trotz aller Widerstände widerstandsfähig

2.2.2.

Boden

und verbundene Ausdrücke und zusammengesetzte Wörter

3.

Überlegungen

VII – XI –

Schwarze Hefte

1938/39

3.1.

Die ausdrückliche »Distanzierung« vom Nationalsozialismus und der Grund seines

aktiven Schweigens

3.2.

Der »neuzeitliche Mensch« gegenüber dem »zukünftigen Menschen«

4.

Überlegungen

XII – XIV –

Schwarze Hefte

1939 – 1941

4.1.

Die nationalsozialistische Weltanschauung: die Folgen von deren »„kultur“-zerstörerischen Wirkung«

4.2.

Die

unsichtbare »Verwüstung«

als verborgene Voraussetzung der

sichtbaren »Zerstörung«

5.

Anmerkungen

IV –

Schwarze Hefte

1942 – 1948

5.1.

Heidegger das Wort erteilen: »Ich nenne dies nicht zur Verteidigung, nur als Feststellung«

5.2.

»Selbstvernichtung«: von den

Überlegungen

zu den

Anmerkungen

6.

Postskriptum

Drittes Kapitel Zu den unveröffentlichten Briefwechseln von Friedrich-Wilhelm von Herrmann Francesco Alfieri

1.

Vorwort – Edith Stein und Martin Heidegger

2.

Kriterien der vorliegenden Herausgabe

3.

Die drei Briefe aus dem Briefwechsel Heidegger – von Herrmann

3.1.

Martin Heidegger an von Herrmann: Brief Nr. 1

3.2.

Martin Heidegger an von Herrmann: Brief Nr. 2

3.3.

Heinrich Heidegger an von Herrmann: Brief Nr. 3

4.

Hans-Georg Gadamer und die 1987 entstandene Farías-

affaire

4.1.

Gadamer an von Herrmann: Brief Nr. 1

4.2.

Gadamer an von Herrmann: Brief Nr. 2

4.3.

Gadamer an von Herrmann: Brief Nr. 3

EpilogBetrachtungen über den »seinsgeschichtlichen« bzw. »metaphysischen« Antisemitismus Die »Judenfrage« in den Schwarzen Heften im Lichte der »Kritik an der Metaphysik« Leonardo Messinese

1.

Einleitung

2.

Einige Interpretationen des Denkens Heideggers aufgrund eines angeblichen Antisemitismus vor der Veröffentlichung der

Schwarzen Hefte

3.

Peter Trawnys These eines seinsgeschichtlichen Antisemitismus

4.

Die von Donatella Di Cesare vorgebrachte These eines metaphysischen Antisemitismus

Martin Heidegger war kein Antisemit Die Berichterstattung über meinen Vater Martin Heidegger hat sich verirrt. Er war kein Antisemit. Hermann Heidegger

AnhangZur medienwirksamen Instrumentalisierung der Schwarzen Hefte in Italien Mit einigen Notizen aus einem unveröffentlichten Gespräch mit Friedrich-Wilhelm von Herrmann versehen Claudia Gualdana

Schriften von Martin Heidegger

Personenregister

Zu den Autoren

Einleitung

»Was ein totalitärer Staat ist, hat man dort [= in Italien] noch nicht ganz vergessen, und daß ein Denker wie Heidegger in jedem Falle eine säkulare Erscheinung bleibt, ist dort den Leuten durchaus klar. […] Schließlich ist ein Mann wie Heidegger nicht auf den Beifall von Dummköpfen oder der sogenannten Massen angewiesen«.H.-G. Gadamer, Brief an F.-W. von Herrmann vom 27. Januar 1988

»Wie soll eine solche pharisäische Generation, die in Frankreich wie bei uns geradezu gestreichelt wird, die Lagen von Druck aushalten und bestehen können, die eines Tages auf sie zukommen werden?«H.-G. Gadamer, Brief an F.-W. von Herrmann vom 11. April 19881

Im Titel des hier vorgelegten Buches Martin Heidegger. Die Wahrheit über die Schwarzen Hefte will das Wort »Wahrheit« nicht nur auf die Richtigkeit einer Aussage hinweisen, sondern meint vielmehr »Un-verborgenheit« und »Un-verstelltheit« des von Heidegger hinterlassenen Erbes. Das Vorhaben dieses Buches besteht darin, dafür zu sorgen, daß die Manuskriptensammlung der Schwarzen Wachstuchhefte, bzw. Notizbücher, wie Heidegger sie auch nannte, in deren Wahrheit verstanden würden.

Seit ihrer Veröffentlichung im Rahmen der Gesamtausgabe und sogar vor ihrem Erscheinen waren die Schwarzen Hefte, als sie das Publikum erreicht haben, von vielen Verdeckungen und Verschleierungen umgeben. Kurz vor deren Veröffentlichung wurden sie auf nationaler sowie internationaler Ebene von ihrem Herausgeber und somit von den Massenmedien, besonders von der Presse mißverstanden und als Zeugnisse von Martin Heideggers vermeintlichem »Antisemitismus« in Mißkredit gebracht. Bevor noch die ersten Bände der Schwarzen Hefte hatten in Betracht gezogen und genau untersucht werden können, hat die öffentliche Meinung die angebliche Gewißheit für bare Münze genommen, diese sämtlichen Schriften hätten keinen anderen Inhalt als antisemitische Äußerungen. Vom Anfang an lastete auf dem Inhalt dieser wenn auch noch unververöffentlichten Hefte ein interpretativer Bannstrahl, der jede andere mögliche Lesart verstellt und verfälscht hat. Die Vorgenhensweise derjenigen, die dieser verstellenden und verfälschenden Interpretation Aufschwung gaben, macht sofort deutlich, daß damit eine Instrumen[18]talisierung dieser Manuskripte geplant und inszeniert wurde, um rein subjektive Ziele zu erreichen. Anstatt einer bedächtigen Analyse der vielfachen Inhalte der Schwarzen Hefte und ihrer Stellung im Ganzen der von Heidegger hinterlassenen Manuskripte wurde der Inhalt dieser 34 Hefte mit einem einzigen abwertenden und effektvollen Stichwort gebrandmarkt, um Interesse und Aufsehen in der nationalen sowie internationalen Öffentlichkeit zu erregen und Staub aufzuwirbeln. Plötzlich wurden Heideggers Notizbücher weltweit zur Debatte und der strittige Punkt war der angebliche »seinsgeschichtliche Antisemitismus« und seine italienische Variante, der sogenannte »metaphysische Antisemitismus«. So hat man eine intrigante Debatte geführt, in die zuerst Nichtfachleute, »Nicht-Philosophen« eingriffen, die – mit der verkündeten Absicht, die Frage aufzuklären – ein dichtes Netz von Mißverständnissen aufgrund der vermeintlich unleugbaren Gewißheit eines in den Schwarzen Heften vorliegenden Antisemitismus inszeniert haben, und zwar derart, daß ein ganzes Kapitel der Geschichte der Philosophie des 20. Jahrhunderts neu zu schreiben wäre. Selbstverständlich wurde dieses Verfahren um so spürbarer, als die Öffentlichkeit es bestärkte und sich dafür einsetzte mit Unterstützung von Tageszeitungen, deren Funktion darin bestand, daß diese bequemen Deutungen breite Zustimmung finden.

Kaum jemand war bereit einzuräumen, daß der »Fall Heidegger« gerade nicht im geeigneten Rahmen angegangen worden ist, sondern zum Opfer einer Beschlagnahme zugunsten anderer Gebiete geworden war. In der Tat wurde es jedermann gestattet, in den Zeitungen seine eigenen Eindrücke mitzuteilen, als wäre er indessen »Beteiligter« an der Gestaltung einer auf einem »gemeinsamen Bewußtsein« gegründeten Geschichte; nicht nur hält dieses »gemeinsame Bewußtsein« den Antisemitismus der Schwarzen Hefte für sicher, sondern darüber hinaus vermutet es, Heidegger hätte eine strategische Rolle gespielt, indem er ein mit dem Nationalsozialismus eng verwandtes Denksystem so entworfen hätte, daß er schließlich zu dessen Anstifter geworden sei.

Nunmehr wird ganz offensichtlich, daß eine solche Verwirrung nur deswegen entstehen konnte, weil die Schwarzen Hefte von »Nichtfachleuten« gelesen und gedeutet wurden, die eine Debatte zu eröffnen wähnten – und statt dessen eine schwierige Lage schufen, die jedem, der bis jetzt darauf verzichtet hatte, an dieser Kontroverse teilzunehmen, klargemacht hat, wie unmöglich und sogar vergeblich es wäre, in einem so unfreundlichen Klima in die Debatte einzugreifen; in der Tat sind und bleiben die Denkschemata eines solchen instrumentalisierenden Verfahrens ohne jeglichen Bezug zu einer gründlichen philosophischen Forschung.

Es war keine leichte Sache, das vorliegende Buch zustande zu bringen, und kaum hatten wir uns entschlossen, dieses Unternehmen in Angriff zu nehmen, wurden wir auch schon mancher Schwierigkeiten gewahr. Diese dem Leser hier mitzuteilen, fühlen wir uns verpflichtet. Zunächst sei Folgendes erwähnt: als wir uns im Januar 2015 einem systematischen Studium der Bände 94 bis 96 der Gesamtausgabe widmeten, wurden wir von der internationalen Presse ständig belästigt; Presseveröffentlichungen zufolge stand es fest, daß der angebliche Antisemi[19]tismus Heideggers, sei er »seinsgeschichtlich«, sei er »metaphysisch«, der einzige Schlüssel für den Zugang jeglicher Herangehensweise an die Schwarzen Hefte sei. Das Hauptproblem bestand nicht darin, daß diese – von der Presse geförderte – Sichtweise sich soweit durchgesetzt hatte, daß sie zu einem absolut verbindlichen Gemeingut geworden war; vor einer noch größeren Schwierigkeit standen wir, die darin lag, daß diese Deutungen Heideggers Denken in seinem Kern unterminierten. So wurde jede öffentliche Rede über den »Fall Heidegger«, auf die die »Verfechter des Dialogs« sich beriefen, eine bloße Täuschung, welche nur darauf zielte, die Fachleute zu mobilisieren: damit sollte eine Aussprache geführt werden, aber tatsächlich nur um eine schon geplante medienwirksame Instrumentalisierung aufrechtzuerhalten. Die Schwierigkeit, die uns plötzlich bewußt wurde, war darauf zurückzuführen, daß, wer die These eines »seinsgeschichtlichen Antisemitismus« aufstellte, den Verdacht entstehen lassen wollte, Heideggers Denkweg wäre ab 1936 in seinem gesamten philosophischen Werk von einem Antisemitismus geprägt: damit werden ernsthafte Bedenken nicht nur gegen Heidegger selbst geweckt, sondern auch mittelbar gegen jeden, der viele Jahre lang keine Mühe gescheut hat, dessen spekulativen Denkweg zu verstehen. Dieser Schatten, nämlich derjenige des »seinsgeschichtlichen Antisemitimus«, verstieß Heidegger in die Finsternis und machte ihn dafür verantwortlich, ein den politischen Denkschemata des Nationalsozialismus angepaßtes Denksystem errichtet zu haben. Der Diskurs über den »seinsgeschichtlichen Antisemitismus« zielte zugleich darauf ab, die These zu bestätigen, das seinsgeschichtliche Denken sei an und für sich und bis in seine Wurzeln antisemitisch. Mit dieser grundlosen Behauptung wurde ein seltsames Mißverständnis verbreitet, und Heideggers Lage wurde noch dadurch verschlimmert, daß der sogenannte und so verstandene »seinsgeschichtliche Antisemitismus« von einigen Gelehrten denunziert und zu einem neuen Forschungsfeld für Philosophie erklärt wurde. Als gegen diese sinnlose Behauptung eingewandt wurde, daß die Juden-bezogenen Textstellen weder einen wesentlichen Bestandteil noch eine spekulative systematische Behandlung im Zusammenhang des seinsgeschichtlichen Denkens darstellen, hat der deutsche Herausgeber der Schwarzen Hefte ganz im Gegenteil behauptet, Heideggers seinsgeschichtliches Denken sei »systematisch« antisemitisch. An einer Universität der Vereinigten Staaten hat er zudem die These einer Dualität des Esoterischen und des Exoterischen vorgebracht und ist sogar so weit gegangen, daß er die These aufstellte, man bräuchte nur unter die exoterische Schicht der Texte von Heidegger zu schauen, um einen esoterischen Kern zu entdecken, der nichts anderes als Antisemitismus sei. Leider hat keiner der bei dieser Gelegenheit anwesenden amerikanischen Professoren den Vortragenden gebeten, auch nur ein Beispiel aus den betreffenden seinsgeschichtlichen Texten als Beweis für Heideggers sogenannten esoterischen Antisemitismus anzuführen: ganz typisch ist in diesen klischeehaften Behauptungen, daß keine konkreten Beweise durch den Verweis auf präzise Textstellen vorgelegt werden.

Ein Vorwurf ähnlich dem des »seinsgeschichtlichen Antisemitismus« Heideggers ist die in Italien vorgebrachte ähnliche Anschuldigung der Idee eines »metaphysischen Antisemitismus«, der auf die deutsche Philosophie und insbesondere [20] auf die Reihe der Denker von Kant bis Nietzsche zurückzuführen sei, um mit Heidegger seinen Gipfelpunkt zu erreichen. Die sieben zwischen 1936 und 1944 verfaßten großen seinsgeschichtlichen Abhandlungen, beginnend mit den Beiträgen zur Philosophie (Vom Ereignis) und abschließend mit Die Stege des Anfangs, beweisen dagegen, daß weder das fundamentalontologische Denken in Sein und Zeit noch das daraus hervorgegangene seinsgeschichtliche Denken in ihrem jeweiligen Aufbau und ihren inneren Gliederungen so etwas wie eine antijudaistische oder antisemitische Stellungnahme beherbergen. In den im Rahmen der Gesamtausgabe noch unveröffentlichten Bänden (deren Inhalt uns bekannt ist, sofern F.-W. von Herrmann Hauptmitarbeiter dieser Gesamtausgabe ist) ist auch keine Textstelle zu finden, die sich auf die Juden bezöge.

Die sich auf den »metaphysischen Antisemitismus« berufenden Stellungnahmen stützen sich auf gelegentliche antijudaistische Aussagen, die wohl hie und da in Texten dieser Philosophen – aber niemals in ihren jeweiligen großen systematischen Abhandlungen – zu finden sind. Die Hervorhebung derartiger aus einem konfessionellen Motiv hervorgegangenen Äußerungen, um die Philosophien von Kant, Fichte, Schelling und Hegel als »metaphysisch antisemitische« Philosophien zu verleumden, ist kein echtes philosophisches Vorgehen, sondern nur ein von einer strengen Auffassung der spekulativen Philosophie weit entferntes ideologisches Vor-urteil. Eine solche Philosophie stellt keineswegs eine Weltanschauung dar, sondern ein geschlossenes begriffliches Gefüge, das von seinem Wesen her so etwas wie einem Antisemitismus keinen Zutritt zuläßt, welcher Gattung er auch immer zugehören möge. Das gilt auch für das hermeneutisch-phänomenologische seinsgeschichtliche Denken, das nicht aus verschiedenartigen vermischten Gedanken bestehen kann.

Mit Rücksicht auf die in Deutschland aufgetretene verfälschende Auslegung ergibt sich, daß die eben erwähnte Stellungnahme in ihrem Aufbau noch viel radikaler ist: in Heidegger selbst als dem Kritiker der Metaphysik will sie einen Denker sehen, der im Juden den Inbegriff einer gleichfalls zu bekämpfenden und von Grund auf zu widerlegenden Metaphysik sieht. So wird unberechtigterweise dem Juden ein metaphysisches Wesen zugeschrieben, das ihn in eben diese Metaphysik einreihen soll, die Heidegger mit aller Kraft abgelehnt hat. Für seine Befürworter sind sowohl der »seinsgeschichtliche« wie auch der »metaphysische Antisemitismus« für sicher gehaltene Ansichten, die keines Beweises mehr bedürfen. Diesen Gewißheiten gegenüber wollten wir auf Heidegger zurückgehen, und dann waren wir uns darüber im klaren, daß beide Stellungnahmen keine nachweisbare Belegstelle in Heideggers Texten beanspruchen können.

Unser Buch legt ganz bewußt philologische Zeugnisse vor, und damit wird dessen Zugänglichkeit dem Leser nicht erleichtert. Auch machen wir keinen Hehl aus der Schwierigkeit der Texte Martin Heideggers. Wie dem auch sei, dürfen die Schwarzen Hefte nicht mit bloßen Veranschaulichungen und sensationsgierigen Brandmarkungen angegangen werden. Wir beabsichtigen nicht, jemanden zu überzeugen oder einen »Konsens« zu finden: dies ist nicht die Richtung, die Heidegger [21] in seinem spekulativen Denkweg einschlug – und eben deswegen sind wir um so weniger dazu geneigt, in diese Richtung zu gehen. Jede »Zustimmungslogik« ist uns fremd, und Werturteile über Personen und deren Arbeit scheinen uns vollkommen unangebracht zu sein. Beleidigende Anspielungen, die den Nachlaßverwaltern von Martin Heidegger und dessen letztem Mitarbeiter im Laufe der letzten Jahre nicht erspart blieben, haben auch Raum in den Blättern der sie verbreitenden Tageszeitungen gefunden, wo abscheuliche – und völlig unbegründete – Urteile, wie auch in manchen Büchern, zu lesen waren. Auf derartige Provokationen können wir und wollen wir gerade nicht antworten: zu einer Zeit, da gewisse »kulturelle« Kreise ihre Leserschaft mit solchen Äußerungen speisen, deutet dies daraufhin, daß die beanspruchte philosophische Tiefe der von einigen geförderten bequemen Auslegungen kein überzeugendes Argument ist. Als wir zur Kenntnis nahmen, daß der ersehnte Weg des Dialogs gerade von denjenigen versperrt war, die ihn fördern wollten, wurde uns klar, daß deren Auslegungen und Stellungnahmen nur dann aufrechterhalten werden könnten, solange sie in sich selbst zurückgezogen blieben. Durch eine echte Debatte würde ihr mühsam errichtetes Kartenhaus sofort in sich zusammenstürzen – einer solchen Gefahr sollte man sich vorzugsweise nicht aussetzen, zumal wenn man mit seinen autoreferentiellen Grundüberzeugungen überleben will. In unserem Buch soll der Leser eine Möglichkeit finden, zur Vielschichtigkeit der Schwarzen Hefte zu gelangen. Hier verfügt der Leser über die Möglichkeit, Heideggers wirkliche Beteiligung am Nationalsozialismus zu begreifen, und zu verstehen, warum er es vermied, sich dem damaligen Regime öffentlich entgegenzustellen. Hier soll ihm auch klar werden, wie dessen Täuschung über die »Bewegung« in ihren Anfängen einer zweiten Täuschung zuzuschreiben ist, und zwar derjenigen, nach der eine »Selbstbehauptung der deutschen Universität« dann möglich gewesen wäre. Fragen über Fragen – und es wären noch einige mehr zu stellen, die jedesmal in ihre jeweiligen Kontexte einzuordnen sind und uns eine in gewisser Hinsicht noch wenig bekannte Seite von Heidegger wiedergeben. Eben deswegen fällt diese Seite des öfteren ungefähren Auslegungen zum Opfer, und zwar deshalb, weil letztere so jeglichen Bezugs auf Textstellen ermangeln.

Aufgrund der von uns allmählich erreichten Ergebnisse und vor allem nach der Veröffentlichung im Jahre 2015 des Bandes 97 der Gesamtausgabe haben wir darüber hinaus unsere Forschungen in Bezug auf den Begriff der Selbstvernichtung intensivieren müssen. Es mußte der Tatsache Rechnung getragen werden, daß verschiedene und vielfältige Deutungen dieses Terminus die öffentliche Meinung inzwischen gelenkt und zu katastrophalen und oft frei erfundenen Lesarten Anlaß gegeben hatten.

Der übrigens schon im Band 96 bezeugte Begriff der Selbstvernichtung wurde zu einem zu lösenden Knoten, und dem Leser muß klar werden, daß ohne ständige Hinweise auf die Beiträge zur Philosophie Heideggers Sprachgebrauch in den Schwarzen Heften unverständlich bleibt. Heidegger macht Gebrauch von der sprachlichen Begrifflichkeit des seinsgeschichtlichen Denkens, die einem unbegreiflich bleibt, solange man sich in dieser Fragestellung nicht zurechtfinden kann [22] und mit den Grundbegriffen der Beiträge nicht vertraut geworden ist. In gewissen Punkten begreift man nämlich, wie Heideggers Kritik am Nationalsozialismus durch subtile Andeutungen zum Ausdruck kommt, und zwar im Gebrauch einiger Wörter, die je nach Kontext manchmal sehr vieldeutig sind. So wird zum Beispiel vernehmbar, daß manche Begriffe einem Bedeutungswandel unterliegen, wobei deren jeweilige Bedeutungen sich umkehren: diese Umkehrung spiegelt Heideggers Vorgehensweise wider, die immer auf etwas anderes verweist, wobei der volle Wortsinn über die wörtliche Bedeutung hinausgeht. Heideggers Geschicklichkeit in diesem sprachlichen Umgang kann oft den unkundigen Leser irreführen, und die Schwierigkeit beim Verständnis liegt darin, daß man immer wieder auf dessen Werke zurückgreifen muß, um den Sinn der in den Schwarzen Heften enthaltenen Äußerungen verstehen zu können.

Demzufolge ist es wichtig, auf die Stellungnahmen zurückzukommen, die einen »Medienrummel« auslösten, um feststellen zu können, wie schwer es seinen Anstiftern fällt – geschweige denn seinen Befürwortern –, diese ausgeheckte Instrumentalisierung noch aufrechtzuerhalten. Die insgesamt vierzehn Textstellen, die sich in den Bänden 95, 96 und 97 der Gesamtausgabe auf die Juden oder auf das Weltjudentum beziehen, machen kaum drei Seiten im Format DIN A 4 aus im Vergleich zu den 1245 Seiten dieser Bände. Alle Stichwörter, mit denen Heidegger sich auf die Juden und auf das Weltjudentum bezieht, stammen aus der Begrifflichkeit, die die neueste Neuzeit kennzeichnet, und gehen auf seine Kritik an der Neuzeit zurück. Daher stellt es sich klar heraus, daß die Kennzeichnung des neuzeitlichen Judentums sich nicht spezifisch auf die Juden bezieht, sondern für alle Menschen und Völker gilt, die im Geiste der Neuzeit leben. Die Weise, in der in diesen wenigen, von Hermann Heidegger zu Recht als »Rand«bemerkungen bezeichneten Textstellen von Juden und Weltjudentum die Rede ist, fällt unter Heideggers Auseinandersetzung mit der Neuzeit im Rahmen der Seinsgeschichte. Demzufolge ist das Einordnen der Juden-bezogenen Textstellen in die Rubrik Antisemitismus oder geradeheraus »seinsgeschichtlicher Antisemitismus«, wenn nicht, schlimmer noch, »metaphysischer Antisemitismus«, einer völligen Verwirrung zuzuschreiben.

Die in den drei erwähnten Bänden zu findenden Juden-bezogenen Textstellen legen weder einen »seinsgeschichtlichen Antisemitismus« noch irgendeine Form von Antisemitismus offen. Es sei nochmals betont: der kritische Ton der betreffenden Textstellen kommt in erster Linie aus der Heideggerschen seinsgeschichtlichen Kritik an der Neuzeit. Heideggers seinsgeschichtliches Denken bzw. Ereignis-Denken hat mit einem ideologisch-politischen Denken nichts zu tun, vom Standpunkt seiner begrifflichen Herkunft aus ist es ein spekulativ-phänomenologisches Denken. Wer es anders verstehen will, verrät eben damit, daß er vom spekulativen Standpunkt aus nicht imstande ist, das seinsgeschichtliche Denken aufzuzeigen, wie es aus einer Wandlung des hermeneutisch-phänomenologischen Denkens der Fundamentalontologie von Sein und Zeit hervorgeht, und auch nicht imstande ist, ihm zu folgen.

[23] Seit seinen ersten Anfängen (1916) ist das Denken Martin Heideggers von jedem biologistisch-rassistischen Denken so weit wie möglich entfernt. Sein Forschungsfeld blieb jahrzehntelang unverändert, nämlich: zu fragen, worin das lebendige Leben besteht, das er als faktisches Leben interpretiert, als faktisches Dasein in seinem transzendentalen Bezug zur Erschlossenheit als Wahrheit des Seins und als Da-sein in seinem ereigneten Bezug zu der sich ihm er-eignenden Wahrheit des Seins.

Aufgrund seiner aus der Daseinsanalytik von Sein und Zeit hervorgehenden seinsgeschichtlichen Überlegungen übt Heidegger in den dreißiger und vierziger Jahren eine heftige Kritik am Nationalsozialismus, den er als »barbarisches Prinzip« bestimmt, und macht keinen Hehl aus seiner Gegnerschaft gegen Hitler und gegen dessen »Wahnsinn«. Im Band 97 notiert er beispielsweise »das unverantwortliche Unwesen, mit dem Hitler in Europa umhertobte«, da erwähnt er »den verbrecherischen Wahnsinn Hitlers« und stellt auch fest, »daß um 1933 manche ›Intellektuelle‹ nicht sogleich das verbrecherische Wesen Hitlers erkannten«. Hinsichtlich der Juden schrieb er in einem Brief vom 9. Februar 1928 an seine Gattin Elfride: »Freilich: die Besten sind – die Juden«. Das galt seinen Studenten der Universität Marburg.

Diese Textstellen, und die zahlreichen weiteren kritischen Bemerkungen, in denen eine scharfe und heftige Kritik am Nationalsozialismus zum Durchbruch kommt, werden weder von den Sprachführern der Heidegger vorgeworfenen Anschuldigung des Antisemitismus noch von den Interpreten selbst berücksichtigt, die in letzter Zeit die öffentliche Meinung beherrscht – und gelenkt haben, und zwar so weit, daß sie Heidegger ersetzen wollten und den Fehler begingen, die Schwarzen Hefte willkürlich umzuschreiben. All diese Stellen wurden absichtlich außer acht gelassen und totgeschwiegen zugunsten der schon geplanten Instrumentalisierung der Schwarzen Hefte.

Die wissentlich provozierte und gezielte Debatte über Heidegger und die Schwarzen Hefte bot infolgedessen – und bietet noch – den Anblick von unwürdigen Angriffen: es handelt sich tatsächlich um unverschämte Anschuldigungen, die nicht nur in den Medien erschienen, sondern sogar in Veröffentlichungen einiger Universitätsprofessoren, die als solche dazu berufen sind, mit Verantwortungsbewußtsein im Dienste der Wahrheit zu stehen, und statt dessen mit all ihrem »Betrieb« nur zeigen, daß ihnen Anstand und akademisches Ethos durchaus fehlen.

Martin Heidegger ist und bleibt für alle Zukunft ein großer Denker, mit dem keine politisch-ideologische, sondern nur eine philosophische Auseinandersetzung möglich ist, so wie man sich auch mit den Denkern der Vergangenheit rein sachlich und wissenschaftlich auseinandersetzt.

Vorliegende Erwägungen wollen eine Warnung sein, um die Intellektuellen daran zu erinnern, daß sie ihre Ergebnisse dem Sieb der Kritik unterwerfen sollten, so daß mit Verantwortungsbewußtsein auf Heidegger zurückgegangen werden kann, ohne bequeme Interpretationen vorzubringen, die tatsächlich das jüdische Volk unberechtigterweise instrumentalisieren. Ein derartiges Vorgehen ist unannehmbar und verletzt die Würde eines Volkes, das den grauenhaften Wahnsinn Hitlers so [24] ungerechterweise erlitten hat: mit diesem Volk erklären wir uns heute solidarisch, nicht aber mit dieser oder jener Instrumentalisierung auf dessen Kosten.

Wir halten es für ratsam, nochmals die Aufmerksamkeit des Lesers darauf zu lenken, daß der von Hitler entfesselte Wahnsinn und dessen grausame Politik von Heidegger in den Überlegungen und Winken der Schwarzen Hefte herb und heftig verurteilt werden. Damit wird bestätigt, wie weit er vom Nationalsozialismus entfernt war. Unannehmbar sind demzufolge sowohl das bewußte Totschweigen dieser Textstellen aus den Schwarzen Heften – und insbesondere derjenigen, die im Band 97 der Gesamtausgabe zu finden sind – wie auch jene Interpretation der Intellektuellen, die heutzutage die Schlagzeilen der Zeitungen bestimmen und Heideggers Philosophie verfälschend benutzen, ohne ihre Theorien rechtfertigen zu können: deren organisierte Instrumentalisierung kann zukünftig nicht fortbestehen und ist auch dazu bestimmt, bald auszusterben.

Die Dürftigkeit dieser Instrumentalisierung wird im vorliegenden Buch in der Untersuchung von Leonardo Messinese nachgewiesen. In dieser Untersuchung wird ans Licht gebracht, wie die These des »seinsgeschichtlichen Antisemitismus« sowie diejenige seiner Variante, des »metaphysischen Antisemitismus« unbegründet sind, sogar in der Argumentationsweise ihrer jeweiligen Verfechter selbst, die dessen ungeachtet die unleugbare Gewißheit eines in diesen Manuskripten angeblich vorhandenen Antisemitismus immer noch vorbringen. Unter einem anderen Gesichtspunkt wird im Beitrag der Journalistin Claudia Gualdana schwarz auf weiß gezeigt, wie der Fall Heidegger mit aufeinanderfolgenden Ungenauigkeiten von einer Tageszeitung zur anderen zog, und wie eben dadurch eine ganze Reihe von Deutungen entstand, die unterwegs den Denker Heidegger und den wirklichen Inhalt seiner Äußerungen aus den Augen verlor.

Es erwies sich als notwendig, auch einige Briefe aus dem – noch nicht veröffentlichten – privaten Briefwechsel mit Heidegger und Hans-Georg Gadamer in dieses Buch einzufügen, denen zu entnehmen ist, daß die Instrumentalisierung eines Denkers nicht erst seit gestern auftrat. Gadamer selbst gehört zu den Kronzeugen einer derartigen Instrumentalisierung, wie sie 1987 vom Chilenen Victor Farías geführt wurde. Die Betrachtungen, die dieser Briefwechsel enthält, mahnen nachdrücklich, wie riskant es ist, auf Abwege zu geraten, die die Interpreten vom wahrhaften Sinn der wirklichen Absichten Heideggers weit entfernen.

Will man die Denker der Vergangenheit um jeden Preis ersetzen, dann wiederholt sich die Geschichte; im vorliegenden Fall werden wir letztlich zu »naiven Repetitoren« – bestenfalls mit einer Variation über dasselbe Thema – der zu seiner Zeit von Farías ausgelösten Kontroverse.

Als der Lärm des leeren Geredes vergebens wähnte, die Kraft zu haben, die Ruhe der Forschung zu übertönen, schien es uns, daß unsere Arbeit denjenigen hilfreich sein könnte, die ein wesentliches Fragen für erforderlich halten: so werden wir in unserem vorliegenden Buch die Ergebnisse unserer Forschung dem Leser und der wissenschaftlichen Gemeinschaft vorlegen, in der Hoffnung, dadurch ein echtes Fragen hervorrufen zu können.

[25]Beim Korrekturlesen dieses Buches fühlten wir uns verpflichtet, die Ergebnisse unserer Forschung der Familie Heidegger mitzuteilen. Das geschah in Freiburg i. Br. am 4. Januar 2016, als wir im Rahmen eines privaten Treffens dem Rechtsanwalt Arnulf Heidegger den Inhalt unserer Arbeit vortrugen und ihm dann mitteilten, mit welcher Leichtfertigkeit die Schwarzen Hefte von denjenigen instrumentalisiert wurden, die Heideggers seinsgeschichtliches Denken überhaupt nicht kennen oder gar nicht beachten. Um den Sinn vieler Äußerungen der Schwarzen Hefte zu begreifen und ohne hermeneutische Gewalt deren Inhalt in ihren jeweiligen Zusammenhang einzuordnen, blieb uns einzig und allein als Weg übrig, auf Heidegger selbst zurückzugehen. Damit wird unseres Erachtens den noch umlaufenden, aber ungültigen und unbegründeten Instrumentalisierungen ein Ende gesetzt.

So schwimmen wir ganz bewußt gegen den Strom. Schon gelten wir als im Andenken an den Philosophen übereifrige Hüter. Dessenungeachtet wäre es unverantwortlich gewesen, einfach zu schweigen – wie es Heidegger selbst mit Entschlossenheit zu seiner Zeit notierte. Dem Leser möge klar werden, wie auf dem hier verfolgten Gedankenweg es keinem anderen als Heidegger zukommt, mit seinen Überlegungen seinen eigenen Weg zu bahnen. Ob es uns gelungen ist, einen erheblichen Teil des Vielen noch unbekannten Schicksals der Schwarzen Hefte festzuschreiben – darüber machen wir uns keine zu großen Sorgen.

Den 27. Januar 2016, am Tag des Gedenkens

Friedrich-Wilhelm von Herrmann und Francesco Alfieri

1 Siehe unten (im Dritten Kapitel) den vollständigen Abdruck der betreffenden Briefe von Hans-Georg Gadamer.

Erstes Kapitel

Notwendige Erläuterungen zu den Schwarzen Heften Über die naive Instrumentalisierung hinaus, die aufgrund der Mutmaßungen bequemer Einsichten inszeniert wurde

Friedrich-Wilhelm von Herrmann

1. Vorläufige Bemerkungen über die „Schwarzen Hefte“ oder „Notizbücher“ Martin Heideggers

Die „Schwarzen Hefte“, die so nur nach ihrem Einband bezeichnet sind und die von Heidegger in seinem 1937/38 verfaßten „Rückblick auf den Weg“ „Notizbücher“ genannt werden, bilden keine „eigene Gattung“ im strengen Sinne, sondern sind eben „Philosophische Notizbücher“, die seit 1931 sein seinsgeschichtliches Denken begleiten. In diese wurden von ihm eingetragen:

1. die von Zeit zu Zeit ihm zufallenden, sich bei ihm einstellenden Gedanken-Splitter oder Gedankenzüge, die nicht in die gleichzeitig entstehenden Vorlesungs-, Vortrags- und Abhandlungs-Manuskripte gehören und die deshalb in die „Notizbücher“ aufgenommen, in diesen festgehalten wurden. Auf dem Nachttisch neben seinem Bett lagen Papier und Stift, um die während der schlaflosen Zeiten sich einstellenden philosophischen Gedanken schnell zu notieren, die dann am nächsten Tag in das Notizbuch mit sorgfältiger Schrift eingetragen wurden. Was ich jetzt unter 1. genannt und kurz beschrieben habe, ist der eigentliche, der Hauptzweck der angelegten Notizbücher.

2. trug Heidegger nun auch solche Gedanken in die Notizbücher ein, die zu seinen persönlichen Ansichten, Auffassungen oder Überzeugungen gehören; ,persönlichen‘, weil sie unterschieden sind von jenen unter 1. genannten Gedankensplittern oder kleineren Gedankenzügen. Zu diesen persönlichen oder privaten Ansichten gehören u.a. seine auf den Nationalsozialismus und auf die Juden bzw. das Weltjudentum bezogenen Äußerungen. Dadurch, daß Heidegger den zunächst rein seinsgeschichtlich gedachten Begriff des „rechnenden Denkens“ in einer betonten Weise auf das Jüdische bezieht, kommt es zu der fatalen ,Vermischung‘, die den Eindruck erweckt, daß das seinsgeschichtliche Denken als solches eine Affinität zum ,Antisemitismus‘ habe. Und von hier aus wird zumindest das ganze spätere [27] Denken Heideggers verdächtigt und verworfen; zu diesem Thema ersuche ich den Leser, die eingehende Untersuchung von Francesco Alfieri nachzuvollziehen, in der er feststellen kann, daß ein derartiger „Verdacht“ durch keine Textstellen bewiesen ist. In der Rückkehr zu den Schriften Heideggers liegt das einzige hermeneutische Entschlüsselungsschema, mit dem jede „naive Interpretation“ leicht zu widerlegen ist – wobei „naiv“ das erzielte Resultat eines oberflächlichen Zusammenziehens mancher Anmerkungen von Heidegger bezeichnet, was unvermeidbar zu grundlosen und unberechtigten Ergebnissen führt.

Heideggers Bemerkungen zur „Moderne-Diagnose“ gehören in die Grundzüge des seinsgeschichtlichen Denkens, das in sich streng, systematisch gefügt ist. Das, was ich das reine Denken Heideggers nenne, ist das Gedanken- und Begriffsgefüge so, wie es in den „Beiträgen zur Philosophie“1 und im Anschluß an diese in den folgenden Abhandlungen dargestellt ist. Dieses ist allerdings streng zu scheiden von dem, was ich Heideggers ,private‘ Ansichten und Überzeugungen nenne, seine private politische Anschauung in den 30er Jahren, die in keinem sachlich-systematischen Zusammenhang mit dem reinen Gedankengefüge des ereignisgeschichtlichen Denkens steht. Dadurch daß ein Begriff des ereignisgeschichtlichen Denkens wie der des ,rechnenden Denkens‘ auf das Jüdische bezogen wird, wird der reine seinsgeschichtliche Begriff ,nicht antisemitisch‘. Das seinsgeschichtliche Denken hat seine Herkunft aus dem fundamentalontologischen Denken, und die Art dieser Herkunft läßt sich denkerisch sehr genau nachzeichnen, was ich in meinen Veröffentlichungen wiederholt getan habe. Solange Heideggers Bemerkungen zu seinen „Moderne-Diagnosen“, also zum „rechnenden Denken“ ohne Bezugnahme auf die ,Juden‘ in den „Notizbüchern“ auftauchen, gehören sie zum ,reinen‘ Denken Heideggers. Politisch-privat werden sie erst dann, wenn er sie und wie er diese auf die ,Juden‘ bezieht.

Die Grenze, die ich zwischen dem reinen Denken Heideggers und seinen privaten persönlichen Äußerungen ziehe, verläuft auch für mich nicht zwischen den Schwarzen Heften einerseits und den anderen Texten Martin Heideggers andererseits, sondern diese Grenze verläuft durch die „Notizbücher“, weil diese Notizbücher auch sehr vieles enthalten, was ich unter 1. genannt habe und was zum reinen, seinsgeschichtlichen Denken gehört, während das unter 2. Erwähnte die persönlich-privaten Anschauungen sind, die auch nicht rein quantitativ das Übergewicht gegenüber den zu 1. gehörenden Eintragungen haben.

Alles, was zu 2. gehört, ist für mich völlig verzichtbar!

[28]2. Der Ursprung der Verwirrung in der Auslegung der Schwarzen Hefte

Im Jahre 2014 wurde noch die Diskussion darüber fortgesetzt, ob das Denken Martin Heideggers mit der national-sozialistischen Propaganda verbunden sei; aber diesmal erreichte die Verwirrung insofern ihren Höhenpunkt, als Peter Trawny, der Herausgeber der „Schwarzen Hefte“, „Beweise“ vorbrachte, die eine Verwicklung Heideggers bestätigen sollen; aufgrund ausgewählter Texte solle nachgewiesen werden, daß dem Denken Heideggers nicht nur ein ganz bestimmter national-sozialistischer Anklang zuzuschreiben sei, sondern daß sein Denken als Urheber des Antisemitismus zu betrachten sei, oder besser gesagt: daß dessen Denken sich gegen die Juden stellte, die sich einer Rückkehr zur Geschichte des Seins in den Weg stellten; so wäre dessen Zurückweisung der Juden einem „seinsgeschichtlichen Antisemitismus“ zuzuschreiben. Um wissenschaftliche Ansprüche zu erheben, bedarf freilich eine derartige Interpretation eine von den Texten Heideggers ausgehende hermeneutisch-philosophische Arbeit; ansonsten läuft sie Gefahr, zu Deutungen zu gelangen, die von den Absichten des Philosophen erheblich abweichen. Ein weiterer Beweggrund, um die Schriften Heideggers in einer systematischen Weise eingehender zu studieren, und dabei dem Leser einen Gedankenweg vorzuschlagen, der nur von dem ausgeht, was Heidegger uns tatsächlich hinterlassen hat, wobei die in Frage stehenden „judenbezogenen Textstellen“ immer in den jeweiligen historischen Kontext einzufügen sind. Damit soll vor allem eine eingehende Untersuchung der Überlegungen Heideggers durchgeführt werden: alle diese Bestandteile sind unentbehrlich, um eine wissenschaftliche Arbeit anzugehen, die mit der politischen Instrumentalisierung und den „naiven“ Einsichten von Peter Trawny nichts zu tun hat. Wohl ist dieser unbedingt erforderliche zu vollziehende hermeneutische Gedankenweg für beide Autoren des vorliegenden Buches besonders anstrengend gewesen. Wir haben uns eine mühsame Arbeit zugemutet, indem wir uns immer wieder auf die Quellen Heideggers zurückbezogen haben, besonders wenn Auslassungen, die für die Auslegungen von Trawny charakteristisch sind, auf den ersten Blick zu sehen waren, und damit wurde uns klar, daß wir mitten in einer politischen „Instrumentalisierung“ des Denkens von Heidegger steckten. In der Tat zielten dessen Auslegungen darauf ab, wie ein Resonanzkörper für „andere Fragmente“ zu wirken, die wiederum nur im Zusammenhang mit den Auslassungen der willentlich totgeschwiegenen Texte verständlich waren. Deswegen mußten wir unsere Forschung intensivieren, weil Heideggers durchsichtige Argumentation uns dazu zwang, in der Auslegung der Texte einen hermeneutischen Gedankengang zu verfolgen, sofern uns daran lag, zu den Quellen zurückzukommen, und zwar dabei die phänomenologische Epoché in die Praxis umzusetzen. Unsere Absicht ist demzufolge, ein Forschungsmaterial zustandezubringen, das dem Leser hilfreich sein möge; allerdings geht es nicht darum, Heidegger „konservativ“ zu „verteidigen“ oder dessen Gedenken zu ehren. Derartige Fragen bzw. Einordnungen sind nicht dazu geeignet, einer ausgewogenen Auseinandersetzung stattzugeben. Damit werden nur Hindernisse in den Weg der heutigen Forschung gestellt, [29] die, sobald sie aufhört, „Ergebnisse“ in Frage zu stellen, unbewußt zur Kehrseite des totalitären und instrumentalisierenden Denkens wird.

Jetzt möchte ich aber den Leser beim Durchschauen des Herausgebers der Schwarzen Hefte und dessen eigener Geschichte begleiten, denn auch aus einer persönichen Geschichte sind manche Elemente zu entnehmen, die uns mithelfen, die Herkunft der getroffenen „Entscheidungen“ besser zu verstehen.

Peter Trawny habe ich bald nach seiner Wuppertaler Promotion (1995) und dem Erscheinen seiner Dissertation „Martin Heideggers Phänomenologie der Welt“2 kennengelernt. Da er der Schüler des hochgeschätzten Kollegen Klaus Held war, bin ich ihm mit einem Vertrauensvorschuß entgegengetreten. Im Lauf der Jahre – auch auf Bitten von Klaus Held – habe ich Peter Trawny zu fördern versucht, z.B. durch ein Gutachten für seine Ernennung zum (unbezahlten) Außerplanmäßigen Professor 6 Jahre nach seiner Habilitation (2000) mit der Habilitationsschrift „Die Zeit der Dreieinigkeit, Untersuchungen zur Trinität bei Hegel und Schelling“3.

Der „hermeneutische Irrtum“, den Peter Trawny in seiner „persönlichen“ Deutung einiger Textstellen begangen hat, wobei er zu einem fatalen Mißverständnis der Schwarzen Hefte geführt wurde, hat mich zuerst verwundert. Ich habe mich dann entschlossen, das Schweigen zu brechen, als mir klar wurde – und zwar im Laufe der Zusammenarbeit mit Alfieri –, daß Trawny eine ganze Reihe von instrumentalisierenden Deutungen ausgelöst hatte, die in der rücksichtslosen Suche nach einem Konsens nur darauf abzielten, einen machenschaftlichen Gedankenbau gewissermaßen zu errichten, dem keine Texte von Heidegger zugrundeliegen. Darüber war ich mir ganz im klaren, als ich dessen gewahr wurde, daß er verzweifelt versuchte, den Konsens weiterer „Kollegen“ zu finden. Freilich ist es nicht die Vorgehensweise von jemand, der verantwortungsvoll den Nachweis dessen erbringt, was er vorbringen will. Nach der Verwunderung habe ich dann die Entscheidung getroffen, verantwortungsvoll und entschieden zu reagieren, um dem Leser mitzuhelfen, sich aus dieser Verwirrung zu befreien. Dazu war die Rückkehr zu den Texten Heideggers und zum systematischen Studium der Quellen erforderlich. Auf Verwunderung kam Enttäuschung, da ich seit längerer Zeit davon überzeugt gewesen war, Trawny sei die richtige Person, um sich mit der kritischen Herausgabe der Schwarzen Hefte zu befassen. Peter Trawny hatte ich geholfen, da er bis zum heutigen Tage im Alter von 51 Jahren mit keiner bezahlten aktiven Professur ausgestattet ist, zugleich aber Ehefrau und Kind zu versorgen hat. So habe ich der familiären Nachlaßverwaltung Martin Heideggers, Herrn Dr. Hermann Heidegger und seinem Sohn, Rechtsanwalt Arnulf Heidegger, nachdem sie gegen Martin Heideggers und meinen Willen den Zeitpunkt des Erscheinens der Schwarzen Hefte vorgezogen haben, Peter Trawny als Herausgeber der insgesamt 9 Bände der Schwarzen Wachstuchhefte empfohlen, um seine finanzielle Notlage zu mildern. Aufgrund seiner bis 2012 vorgelegten Editionen innerhalb der Gesamtausgabe und [30] Publikationen meinte ich, ihm, der ein »Heideggeranhänger« war, auch charakterlich uneingeschränkt vertrauen zu können.

In der bisherigen 40-jährigen Veröffentlichungsgeschichte der Martin Heidegger – Gesamtausgabe hatte es noch keinen Fall gegeben – Martin Heidegger hat begleitende Interpretationen seitens eines Editors untersagt –, daß einer der Herausgeber parallel zum Erscheinen des von ihm herauszugebenden Bandes ein mit dem Anspruch einer Interpretation auftretendes Buch veröffentlicht hat. Trawny setzt sich darüber hinweg und schreibt ein Buch dazu, das Martin Heideggers gesamten späteren seinsgeschichtlichen Denkweg von 46 Jahren falsch versteht und desavouiert. Mit diesem völlig unphilosophischen Buch „Heidegger und der Mythos der jüdischen Weltverschwörung“4 verbindet der Verlag Klostermann die Absicht, sich öffentlich von Martin Heideggers Äußerungen über die Juden und das Weltjudentum in drei Bänden der Schwarzen Wachstuchhefte zu distanzieren. Auch ich distanziere mich davon, aber nicht um den Preis der Desavouierung des hochbedeutsamen Werkes eines großen Denkers, in dem sich diese Äußerungen nicht finden und die keine Bausteine des seinsgeschichtlichen Gefüges sind. Hier irren noch mehr Professoren als nur Trawny, wenn sie das seinsgeschichtliche Denken von den politischen Notizen Heideggers her zu verstehen suchen. Darüber möchte ich den Auszug eines Briefes zitieren, den Alfieri mir im August 2015 aus Brasilien zusandte, in dem er sich auf manche Ergebnisse seiner hermeneutischen Arbeit bezieht:

»Das Grundproblem liegt gerade darin: hätte sich Trawny von demjenigen beraten lassen, der sich seit Jahren um die Gesamtausgabe der Schriften von Heidegger kümmert, dann hätte er vermieden, in Fehlinterpretationen zu verfallen, die nun bezeugen, daß er nicht imstande ist, eine Ausgabe, die ihm anvertraut worden war, aufgrund wissenschaftlicher Kriterien zustande zu bringen. Schlimmer noch – und dafür soll der Beweis in der hermeneutischen Arbeit erbracht werden, die ich jetzt durchführe – ist die Tatsache, daß Trawny eine ganze Reihe von geschichtlich-hermeneutischen Elementen entgehen, so daß die Gefahr besteht, er könnte das ganze Denken Heideggers und jede mögliche Interpretation manipulieren. Vorwegnehmend möchte ich behaupten, daß, über Heideggers Kritik an der „national-sozialistischen Scheinphilosophie“ und Distanz zu ihr hinaus, manche Beleidigungen bei Heidegger, die nach Trawny sich auf die Juden bezögen, sich gar nicht auf die Juden beziehen. Trawnys instrumentalisierende Leistung ist nicht nur unbegründet, sie könnte auch als Verleumdung gelten gegenüber der jüdischen Gemeinschaft, sofern er den ungerechten und unmenschlichen Schmerz instrumentalisiert, den diese Gemeinschaft durch die nationalsozialistische Politik erlitten hat. Es ist unannehmbar, daß irgendjemand, welcher religiösen Konfession er angehöre, den Schmerz, dem das jüdische Volk ausgesetzt worden ist, inszeniert und instrumentalisiert – und zwar durch Deutungen, die vom Gesichtspunkt der Heidegger-Texte aus unehrlich und unglaubwürdig sind. Verantwortungsvollen Intellektuellen fällt die Aufgabe zu, dieses Schweigen zu brechen, ihnen fällt es zu, die Geschichte des philosophischen Gedankenweges von Heidegger umzuschreiben, damit der Schmerz der Juden nicht instrumentalisiert werde: so wird ein Schritt vorwärts gemacht, um aus dem Labyrinth der von uns mehrmals benannten „instrumentalisierenden Machenschaft des allzu persönlichen [31] Denkens“ herauszufinden, das aus dem Geiste eines Einzigen hervorgeht, und dann im Konsens zu überleben sucht. Wer so verfährt, fällt freilich in diese falsche Kultur, die auf das reine Denken verzichtet, um den Lockungen der zeitgemäßen philosophischen Moden nachzugeben. Dieses Thema »Heidegger« ist aber einer tiefergehenden und systematischen Analyse wert, weil es in gewisser Weise so ist, als ob Heidegger selbst vorausgesehen hätte, was mit denjenigen passieren sollte, die auf echte Philosophie verzichten und es auf Eroberungen abgesehen haben, wo nur Unwissenheit und geschichtslose Herkunft der persönlichen Einsichten herrschen«.

Dr. Hermann Heidegger hatte ohne meine Hilfe in dem Manuskript von Trawnys Buch die ganz unhaltbaren Passagen streichen lassen. Aber auch das übrige Buch wurde von ihm und seinem Sohn als verfehlt und ungehörig beurteilt. Ich selber, der ich in meiner Eigenschaft als Hauptmitarbeiter der Gesamtausgabe der Nachlaßverwaltung Peter Trawny als Herausgeber empfohlen hatte, bin über seine Ausführungen, die den Anspruch, eine Interpretation zu sein, nicht im mindesten erfüllen, sondern einer gefährlichen Irreführung gleichkommen, und über den Ton nicht nur dieses Buches, sondern auch seiner öffentlichen nationalen und internationalen Auftritte entsetzt. Ich mußte erkennen, daß ich mich über die Integrität des Charakters von Peter Trawny zutiefst getäuscht habe. In einem Brief habe ich ihm mitgeteilt, daß ich sofort alle meine Beziehungen zu ihm abbreche. Als Alfieri das Geschehene erfuhr, antwortete er mir in einem Brief vom 17. Mai 2015, in dem er mir versichert, daß er mir bei der Durchführung des vorliegenden Buches beistehen wolle:

»Leider ist keine Auseinandersetzung mehr denkbar – seitdem Trawny die Kontroverse über die Schwarzen Hefte den italienischen Tageszeitungen auslieferte – sofern der Ort der Debatte sich endgültig vom Arbeitstisch der strengen wissenschaftlichen Arbeit entfernte. […] An eine auf strenger wissenschaftlicher Arbeit begründete Debatte ist nicht mehr zu denken, sofern die Vorbedingungen dafür nicht erfüllt sind; über die Schwarzen Hefte wird überhaupt nicht mehr nachgedacht – oder nur gelegentlich. In der Tat befaßt sich die ganze Diskussion mit dem scheinbaren Bekanntheitsgrad von Peter Trawny und dessen persönlicher Interpretation, wobei Heidegger selbst als Beilage zu einer politischen Diskussion wird. Von Heidegger war schon eine derartige Interpretation zurückgewiesen worden, als er im Band 95 schrieb, Philosophie speise sich von Schlagworten und Zeitungen als Diskussions-»Tisch«. Derartige Fragen wies er zurück und darauf sollen wir auch verzichten, sonst wird Gefahr gelaufen, falsche Mythen wie den sog. „Mythos der jüdischen Weltverschwörung“ zu speisen. […] Ein systematisches Studium der Schwarzen Hefte soll unternommen werden, weil dieses Projekt noch von keinem angegangen wurde: was Trawny nicht imstande war zu tun, uns fällt es zu. Es gibt doch keinen besseren Weg, den wir gemeinsam einschlagen dürfen«.

Trawnys neueste Publikationen nach seiner Kehrtwende stoßen mich ab. Diese zeigen mir in erschreckender Weise einen empfindlichen Mangel an Begriffsschärfe und philosophischem Urteilsvermögen. Statt hermeneutischer Bemühung in Wahrhaftigkeit, statt ernster Begriffsarbeit tritt einem ein essayistischer Text entgegen, der nicht mehr aus einem philosophischen Geist, sondern aus dem Streben nach äußerlicher Wirkung hervorgeht. Das die Edition der ersten vier Bände der Notizbücher begleitende Buch von Peter Trawny ist ein ganz und gar unphilo[32]sophisches Buch. Dies klar zu erkennen, darin scheiden sich die Philosophen mit scharfem Urteilsvermögen von solchen mit schwachem Urteilsvermögen.

Es ist ganz offenbar, daß Peter Trawny seine Edition der Schwarzen Wachstuchhefte instrumentalisiert. Nachdem er auf seinem bisherigen philosophischen Weg mit seinen Publikationen keinen nachhaltigen akademischen Erfolg gehabt und keine bezahlte akademische Lehrstelle erhalten hat, hat er sich offenbar entschlossen, den entgegengesetzten Weg einzuschlagen, von den Notizbüchern her Heidegger öffentlich und international als Antisemiten anzuprangern und sogar den sogenannten Antisemitismus Heideggers als den esoterischen Hintergrund seines gesamten seinsgeschichtlichen Denkens zu verkünden. Somit hat er den Beweis angetreten, daß er das Denken eines der größten Denker unserer Zeit in den „Beiträgen zur Philosophie (Vom Ereignis)“5 nicht verstanden hat, mißachtet und wagt, es zu desavouieren. Peter Trawny setzt alles auf eine Karte, um endlich doch noch in eine bezahlte Position versetzt zu werden.

Peter Trawnys frühere Bücher waren als ernsthafte Publikationen intendiert. Jetzt aber benützt er die „Judenfrage“ gezielt zu eigenen persönlichen Karrierezwecken.

Auf der großen denkwürdigen Tagung zu den Schwarzen Wachstuchheften in der Pariser Nationalbibliothek im März 2015 äußerte sich der Philosophieprofessor Alain Finkelkraut so: „Mir graut vor einem solchen Philosemitismus, ich erschrekke vor einem derartigen Antiheideggerianismus“6. Damit hat er die Instrumentalisierung der Judenfrage der Notizbücher durch Trawny in nicht zu überbietender Klarheit gebrandmarkt.

Zwar gibt es in den Schwarzen Wachstuchheften 14 Textpassagen, die sich mit der Judenfrage befassen und von denen auch ich mich distanziere. Aber gleichzeitig muß die philosophische Erkenntnis obsiegen, daß alles das, was Martin Heidegger zur Judenfrage einzig und allein in den Notizbüchern ausführt, auch wenn er diese Ausführungen in der Sprache des seinsgeschichtlichen Denkens formuliert, nicht der geistige Hintergrund der Grundbestimmungen seines seinsgeschichtlichen Denkens sind. Der größte Fehler ist es, die politischen Aussagen in den Notizbüchern als Basis für die Interpretation des seinsgeschichtlichen denkerischen Werkes Martin Heideggers zu nehmen, in dem sich derlei politische Aussagen nicht finden. Heideggers Abstandnehmen von den politischen nationalsozialistischen Fragen ist von nun an aufgrund der Texte Heideggers nachweisbar – wie in dessen erstaunlicher Kritik an Hitler im Band 97 der Gesamtausgabe7. Als wir mit Alfieri die Entscheidung trafen, diese Texte auszulegen, waren wir nicht in der [33] Geisteshaltung, Textstellen herauszufinden, die Heidegger von dem entlasten, was ihm vorgeworfen worden ist. Wir wollten damit nur Heideggers Rede ohne Vorverständnisse und Vorurteile verstehen. Dabei wurde auch eine Neubetrachtung von dessen Figur als Antikatholiken gewonnen, und zwar durch ein Schritt für Schritt durchgeführtes Studium seines Gedankengangs. Unsere Zusammenarbeit hat uns zu unerwarteten Schlußfolgerungen geführt; zum selben Schluß darf der Leser gelangen, dem viel daran liegt, zu erfahren, inwiefern künstlich auf Heidegger übertragene Schlußfolgerungen von der Wahrheit erheblich abweichen. So kommt es Heidegger zu – durch seine Schriften – des Lesers Schritte zu lenken, wie er uns den Weg wies.

3. Die Stellung von Martin Heideggers „Notizbüchern“ oder „Schwarzen Wachstuchheften“ in seinem Gesamtwerk

Im ANHANG „Ein Rückblick auf den Weg“ zu Band 66 „Besinnung“ der Gesamtausgabe ist ein Text abgedruckt, der überschrieben ist „Beilage zu Wunsch und Wille (Über die Bewahrung des Versuchten)“8 (GA 66 S. 419 – 428). Das „Versuchte“ sind die bis 1937/38 unveröffentlichten Manuskripte Martin Heideggers. Unter „I. Was vorliegt“ (S. 419) werden sieben Manuskriptarten aufgezählt:

„1. die Vorlesungen 2. die Vorträge 3. die Aufzeichnungen zu den Übungen 4. Vorarbeiten zum Werk 5. Überlegungen und Winke Heft II – IV – V9 6. die Hölderlinvorlesung und Vorarbeiten zum ,Empedokles‘ 7. Vom Ereignis (Beiträge zur Philosophie) dazu Nr. 4“10.

Unter „II. Zum Einzelnen“ gibt Heidegger hochbedeutsame Erläuterungen zu den aufgezählten sieben Manuskriptarten.

Für unser Vorhaben sind von besonderer Bedeutung die erläuternden Angaben zu 5. Überlegungen und Winke in Verbindung mit den Erläuterungen zu 4. Die Vorarbeiten zum Werk und den Erläuterungen zu 7. „Vom Ereignis“. Zu „5. Überlegungen und Winke“ heißt es:

„Was in diesen Notizbüchern vor allem II, IV und V festgehalten ist, gibt z.T. auch immer die Grundstimmungen des Fragens und die Weisungen in die äußersten Gesichtskreise der denkerischen Versuche. Scheinbar je nach Augenblicken entstanden, enthalten sie den Zug der unausgesetzten Bemühung um die einzige Frage.“11

Der Text „Über die Bewahrung des Versuchten“ ist nach Abschluß des Manuskriptes „Beiträge zur Philosophie (Vom Ereignis)“ 1938 verfaßt. Daher nennt er von den ,Notizbüchern‘ nur die Hefte II – V der „Überlegungen“, die jetzt im [34] Band 94 der Gesamtausgabe veröffentlicht sind12. Das Heft I liegt nicht vor und wird auch von Heidegger nirgends erwähnt. Die Vermutung liegt nahe, daß er es selbst ausgesondert hat. Weshalb, läßt sich auch nur vermuten; vielleicht enthielt es Aufzeichnungen zur geplanten Umarbeitung von „Sein und Zeit“ für die 3. Auflage 1931 auf der Grundlage der Freiburger Vorlesung Sommersemester 1930 „Vom Wesen der menschlichen Freiheit“13, in der der sachliche Zusammenhang von ,Sein und Zeit‘ in denjenigen von ,Sein und Freiheit‘ zurückverwurzelt wird.

Das Heft II der „Überlegungen“ beginnt im Oktober 1931. Es ist die Zeit, in der das Seinsgeschichtliche Denken einsetzt. Die ,Schwarzen Wachstuchhefte‘, also die ,Notizbücher‘, gehören insgesamt zu dem langen Weg des Seinsgeschichtlichen Denkens, der sich von 1930/31 bis in die erste Hälfte der siebziger Jahre erstreckt. Die „Überlegungen“ von 1931 – 1941 (jetzt veröffentlicht in den Bänden 94 – 96 der Gesamtausgabe) begleiten den Weg des Seinsgeschichtlichen Denkens, das sich vor allem in den „Vorarbeiten zum Werk“14 und in den großen Abhandlungen von den „Beiträgen zur Philosophie (Vom Ereignis)“ (1937/38) bis „Das Ereignis“ (1941/42) entfaltet.

In der erläuternden Angabe zu „5. Überlegungen und Winke“ ist dreierlei zu beachten: 1. die Grundstimmungen des Fragens; 2. die Weisungen in die äußersten Gesichtskreise der denkerischen Versuche; 3. der Zug der unausgesetzten Bemühung um die einzige Frage. Die „Grundstimmungen des Fragens“ sind das Erschrecken, die Verhaltenheit, die Scheu, die das seinsgeschichtliche Denken jeweils stimmen. Die „äußersten Gesichtskreise der denkerischen Versuche“ werden in „4. Die Vorarbeiten zum Werk“15 genannt: „Die Unterscheidung von Seiendem und Sein, Das Da-sein – die Wahrheit, Der Zeit-Raum, Die Modalitäten, Die Stimmung, Die Sprache, Das Vorgehen und das Wesen der Frage“. Die „einzige Frage“ der denkerischen Versuche des Seinsgeschichtlichen Denkens ist „die Frage nach der Wahrheit des Seyns“16, die sich in den genannten „Gesichtskreisen“ hält. Die „Vorarbeiten zum Werk“ werden „Anläufe“ genannt, die die ganze Fragestellung von „Sein und Zeit“ ursprünglicher festhalten und in die genannten Gesichtskreise rücken. Innerhalb dieser Gesichtskreise halten sich auch die „Überlegungen“, sofern auch sie wie die „Vorarbeiten zum Werk“ im Dienste der einzigen Frage nach der Wahrheit des Seyns stehen.

Im selben Abschnitt 4. über die „Vorarbeiten zum Werk“ wird auch Wichtiges über die „Beiträge zur Philosophie (Vom Ereignis)“ gesagt: „Seit dem Frühjahr [35] 1932 steht in den Grundzügen der Plan fest, der in dem Entwurf ,Vom Ereignis‘ seine erste Gestalt gewinnt“17. Die auf die „Beiträge zur Philosophie“ folgenden Abhandlungen „Besinnung“ (1938/39), „Die Überwindung der Metaphysik“ (1938/39)18, „Die Geschichte des Seyns“ (1938/40)19, „Über den Anfang“ (1941)20, „Das Ereignis“ (1941/42)21 und „Die Stege des Anfangs“ (1944)22 sind immer wieder neue Gestalten dessen, was erstmals als Plan für das Gefüge des Seinsgeschichtlichen Denkens seit Frühjahr 1932 feststand.

Während die seinsgeschichtlichen Abhandlungen den entscheidenden Hauptweg des Seinsgeschichtlichen Denkens bahnen, sofern sie die Gedankenzüge für das Gefüge dieses Denkens zusammenstellen und bedenken, begleiten die „Überlegungen“ diesen Hauptweg und ergänzen ihn. Sie sind den großen wegbahnenden Arbeiten neben- und nachgeordnet und somit nicht vorgeordnet oder gar übergeordnet. Die kürzeren oder längeren Aufzeichnungen der ,Schwarzen Wachstuchhefte‘ sind daher nur von den großen Abhandlungen her zugänglich und verständlich. Dieser Tatbestand ist der alleinige Grund dafür, daß die ,Schwarzen Hefte‘ nach Martin Heideggers Willen den Abschluß der Gesamtausgabe bilden und auch erst nach der Veröffentlichung aller anderen Bände der Gesamtausgabe erscheinen sollten.

Die ,Notizbücher‘ „Überlegungen“ sind vielfach seinsgeschichtlich-kritische Deutungen des jeweiligen Zeitgeschehens. Darüber hinaus sind sie die Ergänzungen zu früher Gedachtem, indem sie erneut Stellung nehmen zu diesem oder jenem früher geäußerten Gedanken und diesen gelegentlich auch kritisch bedenken. Ein Beispiel für eine Bezugnahme zu früher Gedachtem sind die Aufzeichnungen 201, 202 und 204 aus dem Bande 94, die das Thema ,Tier und Mensch‘ im Anschluß an die vergleichende Betrachtung der Weltarmut des Tieres und der Weltbildung des Menschen aus der Vorlesung vom Wintersemester 1929/30 „Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt – Endlichkeit – Einsamkeit“23 (GA 29/30) aufgreifen und ergänzend bedenken.

Alle von Mal zu Mal sich einstellenden Gedanken, die nicht zu einem im Werden stehenden Manuskript gehören und die auch nicht diesem oder jenem unter [36] einem Begriffswort stehenden Manuskriptenkonvolut hinzugefügt werden, finden seit 1931 in den ,Notizbüchern‘ Aufnahme. Auf Heideggers Nachttisch neben seinem Bett lagen Zettel und Bleistift, um die während der Nacht in einer schlaflosen Stunde sich dann und wann einstellenden Gedanken sogleich zu notieren und am nächsten Tag in das ,Schwarze Heft‘ in sorgfältigen Schriftzügen einzutragen.

Jetzt sei aber auf den unrechtmäßigen und den allein rechtmäßigen Umgang mit den ,Schwarzen Wachstuchheften‘ hingewiesen.

In zwei von insgesamt drei Bänden der „Überlegungen“24