Martin Luther im zeitgenössischen Comic - Serena Grazzini - E-Book

Martin Luther im zeitgenössischen Comic E-Book

Serena Grazzini

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Beschreibung

Martin Luther im zeitgenössischen Comic Geschichte – Mythos – Biographie Ein gutes halbes Jahrhundert nach seiner Reformation hat Martin Luther nicht aufgehört, poetische Phantasie und künstlerische Kreativität zu erwecken. Das 500-jährige Reformationsjubiläum, auf internationaler Ebene gefeiert, wurde zahlreichen Schrifsteller:innen und Künstler:innen zum Anlass, sich intensiv mit Luther, seiner historischen Bedeutung und seinem Mythos auseinanderzusetzen. Darunter waren auch Comic-Autor:innen und -Zeichner:innen, die mit Alben und Graphic Novels einen originellen Beitrag zum Gedächtnis des deutschen Reformators leisteten. Überwiegend biographisch angelegt, unterscheiden sich ihre Comics sowohl in der Ausführung als auch in der Finalität. Ein gemeinsamer Zug ist ihnen jedoch jene unentwirrbare Verflechtung von historischer und mythischer Dimension, welche die verschiedenen Luther-Bilder seit der Zeit der Reformation geprägt hat. Geben sich einige von ihnen mythisierenden Tendenzen vorbehaltlos hin, so nehmen andere ein eher ambivalentes Verhältnis zum Mythos ein. Indem sie der Versuchung der identitären Mythopoiesis widerstehen, bleiben sie dabei offen für die Widersprüche und den nicht unbedingt linearen und teleologischen Verlauf der Geschichte.

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Seitenzahl: 52

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Serena Grazzini

MARTIN LUTHER IM ZEITGENÖSSISCHEN COMIC

Geschichte – Mythos – Biographie

Aus dem Italienischenvon Myriam Alfano

Inhalt

1.Historiographie, Mythographie, Mythologie: Vorüberlegungen zum ›Fall‹ Luther

2.Luther-Comics und ihr Verhältnis zum Mythos

3.Die Alben

3.1Luther. The Medieval Era ended and the Modern Era began with one stormy monk! von Richard Melheim, Sherwin Schwartzrock und Jonathan Koelsch

3.2Luther von Olivier Jouvray, Matthieu Arnold und Filippo Cenni (koloriert von Alessia Nocera)

3.3Luther von Moritz Stetter

3.4Martin Luther von Andrea Grosso Ciponte und Dacia Palmerino

4.Zum Abschluss

Bildnachweise

1.

Historiographie, Mythographie, Mythologie: Vorüberlegungen zum ›Fall‹ Luther

Das fünfhundertjährige Reformationsjubiläum wurde über den Zeitraum eines ganzen Jahres (vom 31. Oktober 2016 bis 31. Oktober 2017) und noch darüber hinaus mit zahllosen Anlässen auf internationaler Ebene gefeiert. Sie schlossen den Bereich des Glaubens ebenso ein wie den der Wissenschaften, schlugen sich in unterschiedlichsten literarischen, künstlerischen und medialen Formen nieder und hatten auch kommerzielle Auswirkungen.1 Für die protestantische Welt, und es ist wichtig, sich das ins Gedächtnis zu rufen, bedeuteten sie den Abschluss der Luther-Dekade, die die Deutsche Evangelische Kirche am 21. September 2008 in Wittenberg eröffnet hatte. Denkt man an Adriano Prosperis Anmerkung, in der er sich auf Überlegungen des deutschen Historikers Wolfgang Reinhard bezieht, war der Evangelische Kirchentag 2017 der erste lutherische Kirchentag in einem »befriedeten demokratischen Deutschland, aber ebenso in einer äußerst unruhigen Welt und einem Europa der unsicheren und konfliktiven Einheit«.2 Es überrascht daher nicht, dass dieses Jubiläum nicht nur Gelegenheit zum Andenken, sondern auch maßgeblich Anlass dazu bot, die historisch gesehen komplexen Ereignisse, die der damalige Augustinermönch mit seinen 95 Thesen zum Ablasshandel sowie seinem auf den 31. Oktober 1517 datierten Brief3 an den Mainzer Erzbischof Albrecht von Brandenburg ausgelöst hat, zu betrachten und die in den vergangenen fünf Jahrhunderten nicht weniger komplexe Rezeption seines Wirkens weiterhin aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu beleuchten. Noch immer lebhaft im Gedächtnis ist die Wunde, verursacht durch die unrechtmäßige Vereinnahmung des Erbes des Vaters der Reformation seitens der Nationalsozialisten, die damit unter anderem im Namen einer zweifelhaften deutschen Gesinnung, zu deren Vertreter und Bürgen sie Luther machen wollten, begangene Verbrechen zu rechtfertigen suchten. Obwohl das Reformationsjubiläum in einem zwischenzeitlich veränderten geschichtlichen und kulturellen Kontext stattfand, wurden in den Debatten und in der Forschung die kulturellen und politischen Konsequenzen der mythisierenden Verklärung Luthers (zuerst nationaler und nationalistischer, später dann nationalsozialistischer Art) stets berücksichtigt, die ihn zum Begründer der nationalen Einheit und Identität, wenn nicht gar der angeblichen moralischen Vormachtstellung Deutschlands in Europa erhob.4Ein Mythos, der – und das ist hervorzuheben – weder von Luthers zeitgenössischen Gegnern noch von längst säkularisierten kritischen Stimmen späterer Epochen – dementiert, sondern nachgerade befeuert worden ist, wenn auch ex negativo.5

Obgleich noch latent vorhanden und von den eingangs zitierten Unsicherheiten der Gegenwart gestützt, ist der Nationalismus kurz gesagt derzeit nicht mehr die dominante Lesart der Luthersache, auch nicht für jene, die auf dem rein deutschen Charakter der Reformation beharren.6 Die Interessenschwerpunkte haben sich schon lange verschoben und nehmen seit einigen Jahrzehnten hauptsächlich Luthers reale oder angenommene Beziehung zur Neuzeit in den Fokus. Wie der ihn umgebende Mythos heute wahrgenommen wird, ist nicht selten abhängig von der Bewertung dieser Beziehung als positiv oder negativ und davon, was man als ihr bestimmendes Element definiert (es ist müßig, zu sagen, dass auch das manchmal mit Ausschließlichkeit und ebenso mythisierend geschieht), wobei es sich beispielsweise um Freihandel oder Kapitalismus, die Zentralität des Individuums oder die Verherrlichung der Gewissensfreiheit handeln kann.7 In jedem Fall hat die Auseinandersetzung mit den (mehr oder minder abwegigen) Auswirkungen des Mythos in jüngerer Zeit dazu geführt, dass man sich immer bewusster den Gefahren gestellt hat, die auftreten, wenn man die Vergangenheit mit den drängenden Fragen der Gegenwart überfrachtet und eine fragwürdige direkte Verbindung herstellt zwischen den damaligen Ereignissen und der Gegenwart jener, die sich mit dieser Vergangenheit befassen. Die Bemühungen vieler Expert:innen, Luther dem Mythos zu entreißen, sind beachtlich. Sie hinterfragen theologische Auslegungen und einzelne Begriffe, die nach seiner vom vierfachen Schriftsinn abweichenden Interpretation entstanden sind, und beziehen dabei die komplexen Sachverhalte und Zufälle ein, die dazu geführt haben, dass sich rund um diese Theologie und die daraus resultierende Konfrontation mit dem Papsttum ein Nationalbewusstsein herausbildete. Es handelt sich also um eine Geschichtsbetrachtung, die den Mythos nicht beiseiteschiebt, ihn nicht vollständig zu einem Irrationalismus herabstuft oder zur Lüge erklärt, selbst wenn er offensichtlich auf Ereignissen und Situationen beruht, die niemals stattgefunden haben. Er wird vielmehr in seiner Natur als »eine von der Geschichte gewählte Rede«8 und im Hinblick auf seine »pragmatische Leistung«9 und seine identitätsstiftende Funktion wahrgenommen, ohne dass deshalb auf seine Dekonstruktion und kritische Analyse verzichtet würde.

Wenn heute besonderer Wert auf die mythomotorische Kraft gelegt wird, die Gruppenbezogenheit bewirkt und verstärkt,10 so zeigt gerade der ›Fall Luther‹, wie wichtig es ist, sich nicht auf diese Perspektive allein zu beschränken. Kulturhistoriker:innen oder Kulturwissenschaftler:innen, die die Mythopoiesis nicht als »unabdinglichen Bestandteil der menschlichen Bedeutsamkeit bzw. der Bedeutungen, die Menschen den Dingen der Welt verleihen«,11 anerkennen, würden vermutlich Gefahr laufen, den Mythos zu verabsolutieren; gesteht man hingegen dem mythopoietischen Gedanken den anthropologischen Status der Antwort auf das menschliche Bedürfnis zu, sich in der Welt zu orientieren,12 lassen sich die »spezifischen« kulturellen Angebote und Deklinationen des Mythos aus einer gewissen Distanz betrachten und als »besondere« Antworten auf dieses Bedürfnis verstehen, ohne diese als notwendig und unabdingbar begreifen zu müssen. Es sei denn, man möchte, wie dies im Zusammenhang mit der Reformation einerseits und dem Katholizismus andererseits häufig der Fall war, durch historische und kritische Arbeit zur Stärkung eben ›jener‹ Bezogenheit, ›jenes‹ kulturellen Systems beitragen, das der spezifische Gegenstand der Untersuchung und Analyse ist. In diesem Sinn scheint es nicht weit hergeholt, zu behaupten, dass Historiker:innen in Anbetracht der erwähnten, einem Großteil der zeitgenössischen Geschichtsschreibung über Luther gemeinsamen Bemühungen zum Teil auch als Mytholog:innen handeln, indem sie, in Roland Barthes’ Terminologie ausgedrückt, einerseits das, was die mythische Rede in »Form« verwandelt hat, wieder zum »Sinn« machen, und andererseits die der mythischen »Bedeutung« zugrunde liegende Absicht einer historischen Untersuchung unterziehen.13