Matjes al dente - Christiane Franke - E-Book

Matjes al dente E-Book

Christiane Franke

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Beschreibung

Meuchelmord und Mafia: Ganz Neuharlingersiel steht unter Schock: Postbote Henner hat die Inhaberin der kleinen Reederei «Meeresglück» erschossen auf ihrem Schiff gefunden, inmitten der Blumendeko für eine Seebestattung. Sofort vermutet die Kripo in Wittmund einen Mafia-Mord, denn Tjalda war mit einem Italiener verheiratet und die erste Vorsitzende des neuen Cannabis Socialclubs Ostfriesischer Hanf-Himmel. Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren, und obwohl man schon einige Mordfälle aufgeklärt hat – mit dem Organisierten Verbrechen hatten Polizist Rudi und seine Kollegen noch nie etwas zu tun. Lehrerin Rosa hält sich dieses Mal zurück und genießt die ersten Ferientage mit ihrer Flirt-Bekanntschaft vom Kitesurfing-Kurs. Doch dann überschlagen sich die Ereignisse, und als Henner unter Mordverdacht gerät, ist Rosa natürlich wieder mittenmang. Band 13 der Bestseller-Krimireihe um das Kult-Trio aus Ostfriesland.

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Seitenzahl: 398

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Christiane Franke • Cornelia Kuhnert

Matjes al dente

Ein Ostfriesen-Krimi

 

 

 

Über dieses Buch

Meuchelmord und Mafia …

 

Ganz Neuharlingersiel steht unter Schock: Postbote Henner hat die Inhaberin der kleinen Reederei «Meeresglück» erschossen auf ihrem Schiff gefunden, inmitten der Blumendeko für eine Seebestattung. Sofort vermutet die Kripo in Wittmund einen Mafiamord, denn Tjalda war mit einem Italiener verheiratet und die Erste Vorsitzende des neuen Cannabis Social Club «Ostfriesischer Hanf Himmel». Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren, und obwohl man schon einige Mordfälle aufgeklärt hat – mit dem organisierten Verbrechen hatten Polizist Rudi und seine Kollegen noch nie etwas zu tun. Lehrerin Rosa hält sich dieses Mal zurück und genießt die ersten Ferientage mit ihrer Bekanntschaft vom Surfkurs. Doch dann überschlagen sich die Ereignisse, und als Henner unter Mordverdacht gerät, ist Rosa natürlich wieder mittenmang.

 

«Morden im Norden: spannend und witzig und vor allem mit viel Herz erzählt.» WDR 5

Vita

Christiane Franke wurde an der Nordseeküste geboren und lebt immer noch gerne dort. Neben ihren gemeinsamen Projekten mit Cornelia Kuhnert schreibt sie weitere Krimis und Romane, die im Emons Verlag und im Goya Verlag erscheinen.

 

Cornelia Kuhnert lebt in Hannover und hat bereits zahlreiche Kriminalromane veröffentlicht und Anthologien herausgegeben.

 

Neben ihrer Bestsellerserie um Henner, Rudi und Rosa veröffentlichen die Autorinnen bei rororo eine Krimireihe um Heißmangelbetreiberin Martha Frisch, die in den Fünfzigerjahren in Leer ermittelt.

 

Mehr über die Autorinnen unter: www.kuestenkrimi.de

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Februar 2026

Copyright © 2026 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg

Covergestaltung yellowfarm gmbh, Stefanie Freischem

Coverabbildung mauritius images; Shutterstock

ISBN 978-3-644-02482-3

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.

 

Die Nutzung dieses Werks für Text- und Data-Mining im Sinne des § 44b UrhG bleibt explizit vorbehalten.

Hinweise des Verlags

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

 

Alle angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Printausgabe.

 

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www.rowohlt.de

Donnerstag

2. Juli, erster Sommerferientag, 23 Grad

Das ist ein Tag, wie Henner Steffens ihn mag. Nach ein paar regnerischen und kühlen Tagen wärmt die Sonne Ostfrieslands Küste, und er radelt mit seinem schwer bepackten elektrischen Post-Trike auf die Ostseite des Neuharlingersieler Hafens zu. Die Luft ist mild, der Wind heute nur ein laues Lüftchen. Wenn er könnte, würde er ein Lied anstimmen, aber er kann nicht wirklich singen. Das hat man ihm schon in der Grundschule bescheinigt. Nur unter der Dusche trällert er manchmal vor sich hin. Am Kai stoppt er vor dem weißen Passagierschiff Meeresglück, nimmt einen Umschlag und zwei Werbebriefe aus der Vordertasche und geht über die Stelling an Bord. «Tjalda?», ruft er. «Ich habe ein Einschreiben für dich.»

Da er in den Geschäftsräumen der kleinen Reederei niemanden erreicht hat, vermutet er Tjalda Esposito hier. Bestimmt bereitet sie gerade eine Seebestattung vor. Das Geschäft brummt, aus ganz Deutschland kommen die Seeurnen nach Neuharlingersiel.

«Tjalda?», ruft er noch einmal. Keine Antwort. Aber sie muss da sein, die Tür zum Salon des Schiffs ist geöffnet. Vielleicht ist sie vorn am Bug, wo die Urne später in einem Blumenkranz stehen wird. Henner hat schon einige Seebestattungen mitgemacht, es ist jedes Mal ein sehr würdevolles und beinahe intimes Erlebnis. «Tjalda?» Er geht durch den Salon. Auf den festgeschraubten Tischen liegen kleine Blumengestecke, nahe der Kombüse steht Kuchengeschirr bereit. «Ich hab ein Einschreiben für dich», wiederholt er und wirft einen Blick in die kleine Bordküche. Aber auch hier ist sie nicht. Vielleicht hätte er sich den Weg doch sparen und ihr einfach nur eine Benachrichtigung in den Bürobriefkasten werfen sollen. Er meint es einfach immer zu gut. Ohne weiter darüber nachzudenken, tritt er aus dem Salon auf das Vordeck.

Da liegt jemand am Boden! Zunächst sieht er nur Beine, die hinter dem runden Tisch mit dem grünen Blumenkranz hervorgucken. Weiße Sneakers, eine dunkelblaue Hose. Er schluckt. «Tjalda?» Keine Reaktion.

Entschlossen geht er einen Schritt vor. Ein großer Blutfleck hat sich in Brusthöhe auf der weißen Bluse von Tjalda Esposito ausgebreitet. Ohne lange nachzudenken, greift er zum Telefon.

Kommissar Rudolf Hieronymus Bakker, kurz Rudi genannt, brütet in der Polizeistation Esens über einem Text, der heute noch an die hiesige Presse rausgehen soll. Ein Dieb ist mit einer voll bepackten Einkaufstasche aus einem Discounter geflüchtet, hat dabei eine Achtzigjährige auf ihrem Fahrrad gerammt, die sich beim Hinfallen schwer verletzt hat. Nun werden Zeugen gesucht. Das Telefon klingelt, eine willkommene Unterbrechung.

«Polizeistation Esens, Kommissar Bakker.»

«Rudi, Henner hier.» Sein bester Kumpel ist ganz außer Atem. «Ich bin an Bord der Meeresglück. Tjalda liegt tot auf dem Vordeck. Glaub ich zumindest, sie reagiert nicht. Ihre Bluse ist voller Blut.»

«Henner. Um Gottes willen.» Entsetzt springt Rudi auf. «Hast du jemanden gesehen? Ist noch wer an Bord?»

«Nein. Ich hab nach ihr gerufen, aber es hat niemand geantwortet.»

«Bist du noch auf dem Schiff?»

«Ja.»

«Dann verlass es sofort, nicht, dass sich der Täter dort versteckt hält und dich angreift. Warte einfach am Kai. Da ist es sicherer.»

«Jo.»

«Ich bin gleich da. Du sorgst dafür, dass niemand an Bord geht, hast du verstanden?»

«Natürlich. Bis gleich. Und – beeil dich.»

«Selbstverständlich.» Schnell legt Rudi auf, ruft einen Krankenwagen und benachrichtigt seinen Vorgesetzten, Kriminalhauptkommissar Haueisen. Als er auflegt, atmet er erst einmal langsam ein und aus.

Sein Kollege Bernie Bütefisch schaut ihn aus großen Augen an, während er von seinem Mettbrötchen abbeißt. «Schon wieder eine Leiche?»

Rudi nickt. «Ja. Die Inhaberin der Reederei Meeresglück. Ich muss los. Guckst du dir den Text für den Zeugenaufruf noch mal an?»

«Klar, kein Problem.» Wieder beißt Bernie ins Mettbrötchen.

Ludwig Twenge hat mit seinem Senioren-Scooter schon eine Runde ums Hafenbecken gedreht und mit dem einen oder anderen ein Schwätzchen gehalten. Seit er in Frührente gehen musste, hat er viel dafür getan, sich einen guten Ruf als umtriebiger Online-Reporter zu erarbeiten. Deswegen muss er sein Ohr immer am Puls des Geschehens haben. Heute ist ein besonderer Tag. Die Asche der Frau des Hörgeräte-Moguls Beninga wird nachher bei einer Seebestattung dem Meer übergeben. Wer da wohl alles erscheinen wird? Ludwig rechnet mit etlichen Prominenten aus Wirtschaft und Politik. Um gute Fotos schießen zu können, hat er sich von einem Boßelkumpel extra eine Kamera mit Teleobjektiv ausgeliehen.

Auf dem Weg zum Schiff macht er halt an der Bude mit den Kibbelingen. Besser, er hat was im Magen. Wer weiß, wie lange es dauert, bis die Meeresglück nachher ablegt – und von hier hat er alles gut im Blick. Kaum hat er den ersten Bissen Fisch im Mund, sieht er Rudi Bakker mit der Polizei-Ape am Kai vorfahren. Ohne Tatütata, dafür mit Blaulicht. Nanu, was ist da denn los? Ludwig kneift die Augen zusammen, um besser sehen zu können, dann zückt er die Kamera und zoomt heran. Rudi steigt aus und geht zu einem kräftigen, großen Mann, der vor dem Schiff steht. Das ist doch Henner. Was geht hier vor? In ihren Uniformen sehen die beiden nicht so aus, als wollten sie an der Bestattung teilnehmen. Da muss was passiert sein. Ludwig stopft sich gerade den nächsten Kibbeling in den Mund, als ein Krankenwagen mit Blaulicht und Sirene angerauscht kommt. Notarzt und Sanitäter springen aus dem Fahrzeug und eilen mit Henner an Bord.

Sofort schießt Ludwig einige Fotos. Was er im Kasten hat, hat er im Kasten, auch wenn er nicht so recht weiß, was eigentlich los ist.

Ein weiterer Polizeiwagen hält mit Blaulicht vor dem Schiff. Hauptkommissar Haueisen und Oberkommissar Schnepel steigen aus. Da ist doch was im Busch! Zusammen mit Rudi gehen auch sie auf das Schiff.

Jetzt ist Ludwigs Neugierde endgültig geweckt. Er hängt sich den Fotoapparat um, steigt auf seinen Scooter und fährt mit Vollgas bis zur Hafenkante. Kurz vor der Stelling bremst er scharf ab, schießt ein paar weitere Bilder und macht sicherheitshalber mit dem Handy auch noch ein paar Aufnahmen. Die kann er gleich online posten.

Henner steht im Salon neben den Polizisten und schaut durch die geöffnete Tür aufs Vorderdeck. Der Notarzt untersucht Tjalda.

«Erzählen Sie mir, was passiert ist», fordert Hauptkommissar Haueisen ihn auf. In wenigen Worten berichtet Henner, wie er Tjalda Esposito gefunden hat.

«Haben Sie außer der Frau noch jemanden an Bord bemerkt?»

«Nein, gesehen habe ich niemanden. Falls derjenige, der das getan hat, noch an Bord war, muss er entweder hier sein, oder er ist ins Hafenbecken gesprungen.»

«Das wäre garantiert aufgefallen», sagt Schnepel, «immerhin sind Sommerferien. Der ganze Ort wimmelt von Touristen.»

«Guter Hinweis», meint Haueisen. «Bakker, Sie gehen zurück zur Stelling und achten darauf, dass niemand das Schiff verlässt.»

«Geht klar, Chef.» Ohne Widerrede dreht Rudi auf dem Absatz um.

Der Notarzt erhebt sich. «Da ist nichts mehr zu machen. Die Frau ist tot. Erschossen, wie es aussieht.»

Haueisen tritt hinaus auf das sonnenbeschienene Deck und schaut sich die Tote an. Schnepel und Henner warten an der Salontür. Über dem Schiff kreischen zwei Möwen, etwas klatscht auf Haueisens Schulter.

«Verdammt», flucht er.

Henner reicht ihm eine der Servietten, die neben dem Stapel Kuchenteller liegen.

«Wir packen jetzt zusammen. Ich mache den Bericht im Salon fertig, Sie können übernehmen», sagt der Notarzt.

Haueisen beugt sich hinab und betrachtet den großen Blutfleck auf Tjalda Espositos Brust. Er zeigt auf einen dunklen Punkt in der Mitte.

«Sie wurde also erschossen.» Haueisen richtet sich wieder auf, nimmt sein Handy aus der Manteltasche und informiert die Kollegen der Kriminaltechnik. «Also bis gleich. Ach, Frau Buschkowski soll auch kommen, könnt ihr das veranlassen?», bittet er, während er sich mit der linken Hand den Möwenschiss von der Schulter putzt. Am anderen Ende der Leitung wird augenscheinlich Zustimmung signalisiert, denn Haueisen nickt zufrieden. «Danke.» Er steckt das Handy wieder weg, drückt Schnepel die beschmutzte Serviette in die Hand und wendet sich Henner zu. «Herr Steffens, Sie lösen Herrn Bakker bitte so lange ab, bis die Kollegen der Kriminaltechnik da sind. Es darf niemand an Bord. Und von Bord natürlich auch nicht.»

Widerwillig nickt Henner. Dann muss er zwar nachher Überstunden beim Verteilen der Post schieben, aber man hilft ja, wo man kann.

Ludwig hat viele Schwächen. Kibbelinge und Pizza gehören dazu. Genau wie Torten. Aber seine Charakterstärke ist Geduld. Er sitzt auf seinem Scooter in Blau metallic fünfzig Meter vom Schiff entfernt an der Hafenmole und beobachtet Rudi, der am Kai vor der Stelling steht, den Blick auf die Kibbelingbude gerichtet.

Als Rudi vorhin von Bord gekommen ist, hat er ihn sofort gefragt, was los ist, aber Rudi hat ihn abgewimmelt. «Das ist ein Polizeieinsatz, und darüber darf ich nicht sprechen.» Jeder Versuch von Ludwig, ihm doch etwas aus der Nase zu ziehen, ist gescheitert. Ziemlich beleidigt – immerhin waren sie früher in derselben Boßelmannschaft – hat Ludwig Rudi damit gedroht, seine Polizeiarbeit künftig auch nicht mehr durch Aufrufe in der Mitmach-Zeitung zu unterstützen, und ist davongefahren.

Allerdings nur bis zur Bude mit den Kibbelingen. Dort hat er den Scooter wieder in Richtung Meeresglück gedreht und liefert sich nun ein stummes Blickgefecht mit Rudi.

Die anderen können ja nicht ewig an Bord bleiben, er wird schon noch herausbekommen, was passiert ist. Und richtig, nach einer gefühlten Ewigkeit verlässt Henner das Schiff. Schnell nimmt Ludwig die Kamera hoch und schaut durch die Linse. Henner ist für seine Verhältnisse ziemlich blass um die Nase, er redet jetzt mit Rudi. Der nickt, geht aufs Schiff, dafür bleibt Henner am Kai stehen. Das ist seine Chance. Ludwig gibt wieder Gas und bremst abrupt vor Henner.

«Was ist passiert?» Ludwig kommt gleich zur Sache. Drumrumreden ist nicht so sein Ding.

Henner sieht ihn schräg an, schüttelt aber nur den Kopf. «Darf ich nicht sagen. Du weißt doch, wie’s läuft, Ludwig.»

Schade. So kommt er also nicht weiter. Aber er wäre nicht der beste Online-Reporter Neuharlingersiels, wenn er so einfach aufgäbe.

«Nun gut, versuchen wir es anders», sagt er. «Ich frage dich etwas, und du schüttelst den Kopf oder nickst. Dann verrätst du nichts. Können wir das machen?»

Henner wirkt leicht verunsichert. «Kommt drauf an, was du fragst.»

«Wenn erst Rudi und dann die Kripo aus Wittmund hier aufschlägt, scheint es eine Leiche an Bord zu geben. Ist das richtig?»

Henner nickt zögerlich.

«Da ich Frau Esposito nicht gesehen habe, gehe ich davon aus, dass sie die tote Person ist?»

Keine Reaktion.

«Henner. Du musst nicken oder mit dem Kopf schütteln.»

«Ich muss gar nichts, Ludwig. Und nun lass mich in Ruh.»

«Okay. Du und Rudi, ihr seid die längste Zeit meine Freunde gewesen, wenn ihr mir so gar nichts verratet. Ihr seid hundsgemein! Ein Reporter lebt schließlich davon, Dinge vor anderen Presseleuten zu erfahren und sie als Erster zu bringen.»

«Du bist gar kein richtiger Journalist, Ludwig, du machst das ehrenamtlich», sagt Henner.

Das reicht. So was muss er sich nicht bieten lassen. «Na gut, dann bist du eben schuld, wenn eventuell unrichtige Informationen in die Welt hinausgehen», sagt er theatralisch, greift zu seinem Handy, lädt einige der vorhin gemachten Bilder hoch und diktiert: «Mysteriöse Vorfälle am Hafen in Neuharlingersiel. Die Polizei ist an Bord der Meeresglück. Das Schiff sollte eigentlich in Kürze zur Seebestattung von Isabell Beninga auslaufen. Alles deutet darauf hin, dass die Reederin Tjalda Esposito an Bord ums Leben gekommen ist. Ich bleibe natürlich weiter vor Ort und berichte live von den Geschehnissen. Euer Ludwig.»

Kaum hat er den Post abgesetzt, kommt der Notarzt von Bord, und der VW Bulli der Spurensicherung hält vor dem Schiff. Die Mannschaft um den Chefspurensicherer Kröver steigt aus und schlüpft in weiße Schutzanzüge. Das geht ja zu wie im Taubenschlag, denkt Ludwig, als auch noch ein verdreckter Jeep vorfährt, aus dem eine junge Frau mit bunt gefärbten Haaren springt. Huch, wer ist das denn? Sie grüßt Kröver und sein Team und steigt dann ebenfalls in einen weißen Schutzanzug. Das muss die neue Rechtsmedizinerin sein. Er hat schon gehört, dass die ziemlich schräg aussieht. Ludwig hält alles auf Video fest, lädt auch das direkt ins Internet hoch und spricht ins Mikro: «Alles deutet auf Mord hin. Die Spurensicherung nimmt ihre Arbeit auf.»

«Mit Blick auf die Eintrittswunde vermute ich, die Tatwaffe war eine Pistole», sagt Irina Buschkowski. «Genau werden wir es aber erst wissen, wenn ich das Geschoss rausgefischt hab.» Die junge Rechtsmedizinerin wirkt auf Rudi erfrischend und nicht so behäbig wie Doktor Emterbäumler, der bislang die Leichen begutachtet hat. Auch ihre Kleidung hebt sich von dem ab, was man sich gemeinhin als ärztliche Ausstattung vorstellt, sie hat eine Vorliebe für schwarze Klamotten und Nieten, auf ihrer Jeans glänzen meistens Metalldreiecke. «Es war auf jeden Fall kein aufgesetzter Schuss, aber allzu weit weg hat der Schütze nicht gestanden.»

«Wie auch, das Vorderdeck ist ja nicht groß.» Ein arrogantes Lächeln umspielt Schnepels Lippen. Doch damit schüchtert er Irina Buschkowski nicht ein.

«Es könnte vom Kai aus geschossen worden sein», sagt sie, ohne ihn anzusehen. «Vielleicht von einem Motorrad oder aus einem Auto … es gibt viele Möglichkeiten, wie Sie wissen sollten.»

«Privatautos dürfen auf dem Kai nur mit Ausnahmegenehmigung fahren», kontert Schnepel, was ein lautes Lachen der Rechtsmedizinerin auslöst.

«Ja, ist klar. Da will einer jemanden abmurksen und fragt erst mal artig bei der Behörde, ob er hier auch kurz für die Schussabgabe langfahren darf. Mann, Mann, Sie sind ja echt eine Flitzpiepe.» Sie packt ihre Sachen zusammen, nimmt die Tasche hoch und wendet sich an Haueisen. «Ich melde mich, wenn ich die Leiche untersucht habe. Schönen Tach noch.»

Im Eiltempo verteilt Henner die Post in den Nachbarstraßen, um pünktlich zum Essen auf dem Hof seiner Eltern zu sein.

Wie üblich sitzt Vaddern um diese Uhrzeit schmökend auf der Holzbank neben der Tür, Hofhund Butscher liegt zu seinen Füßen.

«Bist spät dran.» Vaddern drückt die Zigarette auf dem Boden aus und steckt den Stummel in den Standaschenbecher aus Edelrost, den er kürzlich von einer seiner Enkelinnen geschenkt bekommen hat. «Muddern wartet schon. War was?»

«Erzähl ich gleich.»

Gemeinsam gehen sie ins Haus, Vaddern schlurft den Flur voran in die geräumige Wohnküche.

«Na endlich», meint Muddern leicht vorwurfsvoll. «Ich hatte schon Angst, dass das Fleisch kalt wird.»

«Nun übertreib man nicht, Muddern. Solange es keinen frischen Fisch zu Mittag gibt, kann alles noch ein büschen warten.» Er drückt ihr einen Kuss auf die Wange und setzt sich an den Tisch. Der Reis steht in einer Schüssel auf einer Warmhalteplatte, ebenso wie das knackig gebratene Gemüse. Allein bei diesem Anblick läuft Henner das Wasser im Mund zusammen, erst recht, als Muddern die Auflaufform mit dem Huhn aus dem Ofen nimmt. Die Haut ist kross braun, und es riecht verlockend.

«Ist das eins von unseren?», fragt Henner misstrauisch.

«Nein», beruhigt Vaddern ihn und gibt seiner Frau das Tranchiermesser.

«Ich wollte unbedingt mal das Rezept von Rosa ausprobieren: Huhn gefüllt mit zwei Zitronen», erklärt sie, setzt sich und legt ihren Männern jeweils eine Keule auf den Teller. «Nun erzähl, weswegen kommst du zu spät?»

In wenigen Worten berichtet Henner, was er am Vormittag erlebt hat.

«Oje. Die arme Tjalda», sagt seine Mutter betroffen.

«War sie nicht auch eine entfernte Verwandte von Rudi?», fragt Henner mit vollem Mund.

«Ja, sie war eine Cousine von seiner verstorbenen Mutter. Tjalda hat das Meer schon immer geliebt, obwohl keiner in ihrer Familie zur See gefahren ist. Mit fünfzehn hat sie sich selbst einen Ausbildungsplatz zur Schiffsmechanikerin in Emden gesucht, ihre Eltern mussten extra dahin fahren und schriftlich zustimmen, weil Tjalda noch nicht volljährig war. Die hat das dann alles ganz strikt durchgezogen bis zum Kapitänspatent. Sie war schon ein paar Jahre verheiratet, als sie sich die Meeresglück gekauft hat. Ich hab Tjalda damals dafür bewundert, dass sie so konsequent ihren Weg gegangen ist. Glaub man, das war damals nicht einfach als Frau in einer Männerwelt. Ihre Eltern haben sie aber unterstützt, auch wenn sie nicht glücklich darüber waren, dass Tjalda das Familienunternehmen Bestattungshaus Golgowski nicht weiterführen wollte. Na, das hat ja nun die Enkeltochter übernommen. Wie lange ist das jetzt her, dass Swantje da eingestiegen ist, Heinrich?»

«Keine Ahnung», sagt Vaddern und nimmt sich einen ordentlichen Löffel Reis.

Kann es für eine Lehrerin etwas Schöneres geben als den ersten Sommerferientag? Als Rosa heute Morgen das Klappern der Haustür gehört hat, tat Henner ihr für einen Moment leid. Er wohnt in der Wohnung unter ihr und muss als Postbote immer früh raus. Unterrichtsbeginn ist dagegen nie vor acht, und in den Ferien kann sie schlafen, so lange sie will. Nach einem reichlich späten Frühstück aus Müsli und frischen Erdbeeren und dem gründlichen Putzen des Badezimmers schlendert Rosa zum Frisörsalon, den Henners Schwester Gudrun führt. In den letzten Wochen hatte sie mit Klassenarbeiten, der Projektwoche und etlichen Zeugniskonferenzen viel zu viel um die Ohren, um sich die Haare schneiden zu lassen.

Sie betritt den Salon, und wie gewohnt bimmeln die kleinen Messingglöckchen über der Tür. Die Yogalehrerin Maja, die über dem Laden wohnt, hat sie Gudrun geschenkt. Damit immer gutes Karma oder so was Ähnliches im Salon herrscht.

«Moin.»

«Moin», rufen die Frauen gut gelaunt zurück, und Rosa wartet darauf, dass Gudruns Mischlingshund auf sie zustürmt, doch Schecki taucht nicht auf.

«Wo ist Schecki denn?», fragt sie verwundert. «Er ist doch nicht etwa krank?»

«Iwo, Steven geht gerade eine Runde Gassi mit ihm und holt bei Bäcker Hinrichs für uns alle ein paar Prüllkers», erwidert Gudrun und dreht einen Lockenwickler in Tante Hildegards Haare. «Ab morgen hat er zwei Wochen Urlaub und spendiert ’ne Runde seines ostfriesischen Lieblingsgebäcks.»

«Ach», sagt Rosa. «Mitten in der Hochsaison nimmt Steven frei? Die Urlauberlawine rollt doch gerade erst an. Wie willst du das denn schaffen?»

«Da mach dir mal keine Sorgen.» Gudrun greift nach dem nächsten Lockenwickler. «Ab morgen unterstützt mich eine zusätzliche Kraft.» Sie zwinkert.

«Du glaubst nämlich nicht, wer sich wieder gemeldet hat», ruft Gisela Frerichs, die neben Tante Hildegard unter der Trockenhaube sitzt und sich weit vorbeugt. Bevor Rosa erfahren kann, wer das ist, kommt Sigrid, die Frau von Ludwig, in den Laden gestürmt. «Habt ihr schon gehört?»

«Was denn?», fragen alle Frauen wie aus einem Mund.

«Tjalda Esposito ist tot.»

«Tot? Die Arme», sagt Tante Hildegard. «Bestimmt ein Herzinfarkt. Die hat ja immer geschuftet wie ein Tier. Von morgens bis abends hat die in einer Tour Seebestattungen durchgeführt. Ist schier unglaublich, wie viele Leute sich eine Beerdigung auf hoher See wünschen.»

«Nein, kein Herzinfarkt. Sie wurde wohl ermordet», sagt Sigrid. «Auf der Meeresglück. Ludwig ist vor Ort und postet live von allem, was da geschieht. Genaues weiß er aber noch nicht. Ich habe gerade mit ihm telefoniert.»

Für einen Augenblick herrscht Schweigen.

«Aber heute findet die Seebestattung von Isabell Beninga statt. Die kann man doch nicht einfach so ausfallen lassen», sagt Tante Hildegard in die Stille hinein. «Was passiert denn nun mit ihrer Asche?»

«Keine Ahnung.» Sigrid zuckt mit den Schultern.

«Die Trauergäste werden für dreizehn Uhr dreißig vor der Meeresglück erwartet», weiß Gudrun. «Das hab ich beim Bäcker gehört. Die müssten eigentlich jeden Moment eintreffen.»

«Man kann doch die Seebestattung nicht einfach ausfallen lassen», wiederholt Tante Hildegard.

Sigrids Handy piept. «Moment. Ludwig schreibt gerade.»

Es ist ein makaberer Zufall, dass der Bestattungsunternehmer Pöppelmeyer gerade in dem Moment vorfährt, als Irina Buschkowski mit ihrem alten, schmutzigen Jeep davonbraust.

«Nanu. Polizei?», fragt Pöppelmeyer irritiert, als er aus dem Leichenwagen steigt.

Rudi schaut Pöppelmeyer an. «Was wollen Sie denn hier?»

«Na, was schon? Die Seeurne von Frau Beninga abgeben.»

«Ach ja. Klar. Aber daraus wird nun nichts. Das Schiff ist ein Tatort.»

«Wie? Ein Tatort? Was ist denn passiert?»

«Frau Esposito wurde getötet.»

Bevor Pöppelmeyer etwas erwidern kann, hält ein Fahrrad mit quietschenden Reifen neben ihnen, ein Mann in Uniform springt ab. Rudi schätzt ihn auf ungefähr dreißig. «Wie? Tjalda ist tot?» Fassungslos sieht er Rudi an.

Rudi mustert ihn. «Wer sind Sie denn, wenn ich fragen darf?»

«Ich bin Kevin Hildebrand. Decksmann auf der Meeresglück. Ich fahre mit Tjalda raus. Wir müssen immer zu zweit sein. Es muss ja jemanden geben, der die Leinen festmacht, wenn man in den Hafen einläuft.»

«In nächster Zeit wird’s keine Fahrten geben. Tut mir leid», sagt Rudi zu dem jungen Mann und erklärt in wenigen Worten, was passiert ist. Der Mund des Mannes zuckt unkontrolliert, sein Blick richtet sich aufs Schiff.

«Was machen wir denn nun?», schaltet sich Pöppelmeyer ein. «Immerhin ist die ganze Trauergesellschaft von Frau Beninga für heute an den Hafen bestellt.»

Rudi zuckt mit den Schultern.

«Das Essen ist bestimmt auch schon geliefert», vermutet Kevin. «Das sollte bis zehn Uhr von der Küchenmannschaft der Seniorenresidenz gebracht werden.»

«Ich kann in Hooksiel bei der Reederei Huntemann anrufen», schlägt Pöppelmeyer vor. «Mit denen arbeiten wir auch zusammen, Dirk und Karina kenne ich gut.»

«Das ist eine prima Idee», sagt Rudi, der froh ist, dass sich jemand um dieses Problem kümmert.

Schnell hat Pöppelmeyer Karina Huntemann an der Strippe und schaltet den Lautsprecher an, damit alle mithören können. Er fasst die Fakten zusammen und fragt schließlich: «Könnten Sie kurzfristig die Bestattung von Frau Beninga übernehmen?»

«Warten Sie, ich schaue eben nach … ja, um siebzehn Uhr könnten wir es machen. Eigentlich hatten wir uns diese Uhrzeit wegen einer Familienfeier freigehalten, aber in so einem Notfall helfen wir natürlich gerne.»

«Kommen Sie mit Ihrem Schiff nach Neuharlingersiel?», fragt Rudi von der Seite.

Er hört Karina Huntemann lachen. «Nein, das geht nicht, dazu ist das Zeitfenster zu klein, wir haben vorher noch andere Seebestattungen. Sie müssen die Urne und die Trauergesellschaft schon zu uns bringen, wir fahren dann mit unserer Mecki raus und setzen die Urne vor Mellum bei.»

«Muss die Urne denn nicht an dem vorgesehenen Ort ins Wasser gelassen werden?», fragt Rudi verwundert.

«Nein, das ist nicht platzgebunden. Die löst sich ja auf. Wir dürfen sie nur nicht in unmittelbarer Strandnähe oder in Fahrwassern beisetzen. Alles andere ist nicht genau geregelt.»

Rudi blickt Pöppelmeyer an. «Meinen Sie, das können Sie schaffen? Die Leiche von Frau Esposito nach Oldenburg und die Urne von Frau Beninga nach Hooksiel bringen? Das würde uns sehr helfen.»

Pöppelmeyer nickt. «Das kriege ich schon hin. Die Urne von Frau Beninga ist klein, und Frau Esposito hat es ja nicht mehr eilig. Den Kuchen und die kalten Platten für die Beisetzung von Frau Beninga kann ich ebenfalls mitnehmen. Da ist an der Seite im Sargraum noch Platz. Manchmal sollte man pragmatisch denken. Ist ja alles schon fertig und bezahlt.»

Sigrid überfliegt die Nachricht ihres Mannes. «Das mit der Seebestattung haben die geklärt. Müssen jetzt eben alle nach Hooksiel fahren. Die bringen die Urne dorthin und stechen dann von da aus um siebzehn Uhr in See.»

«Das ist eine gute Lösung», findet Tante Hildegard. «Aber es betrifft uns ja eh nicht. Wir waren nicht eingeladen.» Sie schaut sich um. «Oder ist eine von euch dabei?»

«Nee», sagt Sigrid.

Rosa interessiert das nicht wirklich, viel interessanter ist doch die Frage, was genau an Bord der Meeresglück passiert ist. «Hat Ludwig nichts darüber geschrieben, wie die Esposito gestorben ist?»

«Leider nicht. Die Polizei wird ihm das auch nicht auf die Nase binden. Die neue Rechtsmedizinerin hat nicht mal mit ihm gesprochen, sagt er. Die hat bunt gefärbte Haare und Piercings im Gesicht.»

«Und so was will Rechtsmedizinerin sein», sagt Gisela pikiert.

Rosa verdreht die Augen. Irina Buschkowski ist offenbar eine der besten Rechtsmedizinerinnen Niedersachsens, das hat sie beim Googeln herausgefunden. Aber damit braucht sie Sigrid und Gisela nicht zu kommen. Die beiden pflegen ihre Vorurteile.

«Wenn man euch reden hört, muss ich mich ja schämen. Als wenn es auf die Haarfarbe ankäme», mischt sich Tante Hildegard zu Rosas Überraschung ein. «Als Nächstes fangt ihr damit an, dass Tjalda Esposito mit einem Italiener verheiratet ist und man bei solchen Menschen ja nie weiß.»

Gisela, die gerade zum Reden ansetzen wollte, klappt ihren Mund wieder zu, überlegt kurz, kann dann aber wieder einmal nicht an sich halten. «Aber so ist es doch. Ihr Mann Pippo kommt aus Sizilien. Jedes Kind weiß, was da Sache ist. Ein falsches Wort, und du hast ein Messer im Rücken oder eine Kugel im Kopf. Die Mafia hat dort alles fest im Griff. Erst neulich habe ich eine Dokumentation über die Camorra gesehen.»

«Die habe ich auch gesehen. Da ging es aber gar nicht um Sizilien, sondern um die Geschichte der neapolitanischen Mafia», wendet Gudrun ein.

«Neapel, Sizilien oder … ist doch völlig egal. Die Mafia ist überall in Italien», ereifert sich Gisela weiter. «Und Pippo hat doch diesen Delikatessenladen in Wittmund.»

«Unk hier nicht rum», weist Rosa Gisela zurecht. «Jetzt geht es erst einmal um Tjalda Esposito.»

«Genau», pflichtet Gudrun ihr bei. «Und die hatte es in letzter Zeit wahrlich nicht leicht.»

«Wieso?», hakt Rosa sofort nach.

«Na, die hat Ärger mit ihrem Decksmann. Der war doch mit ihrer Tochter zusammen. Aber Swantje hat sich endlich von ihm getrennt, hat sie mir vor zwei Wochen beim Haareschneiden erzählt. Kevin ist damit überhaupt nicht klargekommen. Ist Swantje immerzu hinterhergelaufen. Hat sie verfolgt und belästigt.»

«Der hat sie gestalkt?» Rosa sieht Gudrun fragend an.

«Hörte sich zumindest so an.»

«Nun spann uns nicht auf die Folter. Erzähl!»

Gudrun genießt diesen kleinen Moment, bevor sie fortfährt. «Kevin wirkt nach außen lieb und nett, vielleicht ein bisschen unsicher.»

«Aber das ist doch kein Grund, sich von ihm zu trennen», wendet Rosa ein, «es kommt doch auf den Menschen an.»

«Anfangs hat sich Tjalda aus der Beziehung rausgehalten, aber Kevin ist schnell auf hundertachtzig und ist Swantje gegenüber auch schon mal handgreiflich geworden. Tjalda hat Swantje schließlich dazu geraten, Schluss mit ihm zu machen. Sie hat ihrer Tochter prophezeit, es würde eher noch schlimmer als besser werden», sagt Gudrun.

In diesem Moment klopft es an die Fensterscheibe des Frisörsalons. Eine rothaarige Frau winkt fröhlich herein. Rosa bleibt die Spucke weg. «Das ist doch …»

«Die fesche Susanne Schnepel. Sie hat genug von Bremen und will wieder zurück nach Ostfriesland», klärt Gudrun Rosa auf.

«Zurück?» Rosa starrt Susanne entsetzt an. Was ist sie froh gewesen, dass die Fast-Ex-Frau von Rudis Kollegen vor ein paar Monaten hier die Biege gemacht hat. Das war ja nicht mehr mit anzusehen gewesen, wie die Rudi den Kopf verdreht hat. Der wusste gar nicht mehr, wo vorne und hinten war. Drei Kreuze hat Rosa geschlagen, als Susanne von einem Tag zum anderen weg gewesen ist. Mag durchaus sein, dass sie es an der Seite von Schnepel nicht leichtgehabt hat, aber das gibt ihr noch lange nicht das Recht, Rudi das Leben schwer zu machen. Wie schön ist es gewesen, als in Rudis Küche endlich wieder nur Platz für sie und Henner gewesen ist.

Es ist mittlerweile halb vier. Der vor ihm liegende Gang fällt Rudi schwer, denn sie müssen Tjaldas Familie die Nachricht von ihrem Tod beibringen. Rudi hat Schnepel während der Autofahrt klargemacht, dass er das übernimmt. Immerhin ist Tjalda Esposito die Cousine seiner Mutter Helga gewesen und deswegen auch mit ihm verwandt. Zugegeben, viel Kontakt hatten sie nicht, dazu war der Altersunterschied zu groß. Nur auf Familienveranstaltungen wie Goldenen Hochzeiten oder Ähnlichem hat man sich gesehen. Im Feinkostladen haben sie Pippo nicht angetroffen, also versuchen sie ihr Glück nun im Bestattungshaus.

Rudi setzt seine Mütze auf und wirft Schnepel einen warnenden Blick zu. Dann fasst er sich ein Herz, und gemeinsam betreten sie das Ladenlokal. Der vordere Teil des Beerdigungsinstituts ist nüchtern und in gedeckten Farben gehalten, der Teppichboden aschgrau. Ein Schreibtisch aus dunklem Holz, an dem schon Tjaldas Großvater Franz Golgowski gesessen hat, steht hinten links. Davor laden zwei dunkelgrau bezogene Stühle mit schwarzen Streifen zum Sitzen ein. Ein zugeklappter Laptop liegt auf dem Tisch, ein Block mit Kugelschreiber ebenfalls. Ein bunter Blumenstrauß bringt einen Klecks Farbe in den Raum.

In den Regalen auf der rechten Seite stehen Urnen in unterschiedlichen Farben und Formen. Dazwischen Grünpflanzen in grauen Übertöpfen. Alle paar Sekunden versprüht ein weißes Kunststoffgefäß einen dezenten, aber undefinierbaren Blumenduft.

Es dauert nur einen Moment, bis Tjaldas Tochter Swantje aus dem hinteren Bereich nach vorn kommt, die blonden Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie trägt ein dunkles Sakko zur schwarzen Hose.

«Rudi», sagt sie und schaut ihn und Schnepel überrascht an. «Was führt dich zu uns?»

Rudi nimmt die Mütze ab und dreht sie in seinen Händen.

«Wir haben leider keine guten Nachrichten», sagt er. «Können wir irgendwo ungestört reden?»

Sie wird blass. «Lasst uns in mein Büro gehen», sagt sie, ohne weiter zu fragen, und dreht das Schild in der gläsernen Ladentür auf «Geschlossen» um. «Kommt mit.»

Der Weg zu Swantjes Büro führt sie durch die große Halle, in der Mustersärge ausgestellt sind. Ein beklemmendes Gefühl steigt in Rudi auf. Ein weißer, kleiner Sarg schnürt ihm direkt den Hals zu, die anderen in Eiche rustikal, Kiefer gelaugt oder schwarzem Lack lassen ihn relativ kalt. Schnepel folgt schweigend.

Als sie sich in dem Büro endlich gegenüberstehen, sagt Swantje: «Es geht um Papa, hab ich recht?»

«Um Pippo? Wie kommst du denn darauf?»

Nun ist es an Swantje, verwundert zu gucken. «Wenn es nicht um Papa geht, worum geht es dann?»

In diesem Moment wird die hintere Tür aufgerissen, und Pippo stürzt herein. «Swanni, Swanni …!»

Der große Mann mit beachtlichem Bauch und grau melierten Haaren fällt vor seiner Tochter auf die Knie, greift nach ihren Händen, hält sie fest und übersät sie mit schluchzenden Küssen. Swantje erstarrt. «Was ist los?», fragt sie mit angsterfülltem Blick.

«Mama ist tot.»

«Nein!» Swantje schüttelt Pippos Hände ab und lässt sich auf ihren Schreibtischstuhl fallen. Pippo erhebt sich ächzend, zieht einen Stuhl heran, schmeißt das darauf liegende Prospektmaterial achtlos hinunter und setzt sich neben seine Tochter. Wieder fasst er nach ihren Händen.

«Dein Vater hat recht», sagt Rudi leise. «Deine Mutter ist tot. Sie starb auf der Meeresglück.» Sorgsam wägt er in Gedanken die Worte ab, traut sich kaum, auszusprechen, was er doch sagen muss.

«Sie wurde getötet», schluchzt Pippo, «Tonio hat mich angerufen, als ich beim Arzt war, er hat es im Internet gelesen.»

«Wo?» Ungläubig guckt Rudi Pippo an.

«Auf einer dieser sozialen Plattformen. Es sind sogar Bilder dabei, wie der Notarzt kommt und die Spurensicherung. Man sieht dich. Und den Pöppelmeyer aus Esens, der mit einem Sarg an Bord geht und wieder runterkommt. Warum hast du Pöppelmeyer gerufen, Rudi, und nicht Swantje? Warum hast du meine Tjalda in die Hände von Pöppelmeyer gegeben?»

«Daran hab ich in dem Augenblick gar nicht gedacht», gesteht Rudi, und Schnepel erklärt kühl: «Der Bestatter Pöppelmeyer war schon vor Ort, um eine Urne für die Seebestattung zu bringen, und er übernimmt für uns immer die Transporte zur Rechtsmedizin.»

«Mama kommt in die Rechtsmedizin?», fragt Swantje entsetzt.

«Das muss sein. Sie wurde erschossen», sagt Rudi bewusst einfühlsam.

Für den Bruchteil einer Sekunde ist es still. Dann beginnt Swantje mit den Fäusten auf ihren Vater einzuschlagen und brüllt in einem Urlaut auf, der Rudi durch Mark und Bein geht.

«Alles nur wegen dir!», schreit sie, während Pippo die Arme hebt, um sich gegen die Schläge zu schützen. «Wegen dir ist sie tot. Nur weil du das Schutzgeld nicht gezahlt hast. Wegen dir wurde sie umgebracht. Nur wegen dir!» Als ob sie auf eine Trommel haut, schlägt sie weiter auf ihren Vater ein.

Rudi geht um den Schreibtisch herum und fasst behutsam, aber bestimmt ihre Hände. «Swantje. Bitte. Hör auf.»

Sie lässt die Arme sinken und sackt auf dem Stuhl in sich zusammen. «Alles wegen dir», wiederholt sie schluchzend, ohne ihren Vater anzusehen.

«Schutzgeld? Wovon sprichst du?», will Rudi wissen. Ihm war gar nicht bewusst, dass die italienische Mafia auch in Ostfriesland operiert.

«So etwas gibt es nicht», sagt Pippo. Dabei vermeidet er es, Rudi in die Augen zu schauen.

«Und ob», widerspricht Swantje aufgebracht. «Was war denn mit der eingeschlagenen Scheibe in deinem Laden? Und dem Angebot einer angeblichen Glasbruchversicherung? Sollte die Reparatur nicht unverschämt teuer werden? Das war doch nur eine getarnte Aktion deiner Landsleute. Die wollen Schutzgeld. Und du hast die sogenannte Versicherung abgelehnt und dir einen anderen Glaser gesucht als den, den die dir aufdrücken wollten.»

Pippo sieht Rudi an. «Swantje übertreibt. Es gab keine Schutzgeldforderung. Handwerker sind in den letzten Jahren einfach sehr viel teurer geworden.»

«Du lügst», faucht Swantje ihn an. «Du bist schuld an Mamas Tod. Geh mir aus den Augen. Ich will dich hier nicht mehr sehen.» Dann wendet sie sich an Rudi. «Ich will zu meiner Mutter. Auf der Stelle. Und sobald die rechtsmedizinische Untersuchung abgeschlossen ist, werde ich sie abholen. Niemand sonst. Hast du das verstanden? Ich werde sie für ihren letzten Weg zurechtmachen. Das bist du mir schuldig. Du gehörst schließlich zur Familie.»

Steven hält die Tür auf, und Susanne Schnepel schlüpft gut gelaunt und mit zwei Flaschen Sekt in der Hand unter dem Gebimmel der Glöckchen in den Frisörsalon.

«Wie schön, euch alle wiederzusehen!», ruft sie, fällt Gudrun um den Hals und drückt sie fest an sich. Dann marschiert sie weiter zu Rosa, die nicht anders kann und aus dem Sessel im Wartebereich aufsteht, um sich von Susanne ebenfalls herzen zu lassen, auch wenn ihr danach gar nicht der Sinn steht. Aber Susanne achtet nicht auf solche Kleinigkeiten, beugt sich stattdessen unter die Trockenhaube, wo Gisela sitzt, und tätschelt anschließend Tante Hildegards Wange. Die rüstige Dame lächelt ein wenig säuerlich, wie Rosa mit leichter Genugtuung bemerkt. Wenigstens eine, die ebenfalls nicht begeistert von diesem unerwarteten Besuch ist. Kein Wunder. Als jüngere Schwester von Henners Vater ist sie fast so etwas wie Rudis Tante und hat mitbekommen, wie enttäuscht Rudi von Susannes Umzug nach Bremen gewesen ist.

«Steven, öffne schon mal eine Flasche», sagt Susanne aufgedreht. «Wie schön, wieder hier zu sein. Bremen hat die Weser, aber das ist doch ein ganz anderer Schnack als die Nordsee.»

Gudrun hat in der Zwischenzeit die Sektgläser geholt, Steven gießt ein und reicht sie dann herum. Alle heben die Gläser.

«Schön, dass du wieder da bist.» Gudrun stößt mit Susanne an. «Jetzt im Sommer kann ich Verstärkung gut gebrauchen. Erzähl, wie ist es dir in Bremen ergangen?»

«Och nee. Lass man lieber. War nicht so, wie ich es mir vorgestellt hab.»

«Weiß Rudi schon, dass du wieder zurück bist?», fragt Tante Hildegard, und Rosa könnte sie für diese Bemerkung knutschen.

Susanne schüttelt den Kopf. «Das soll eine Überraschung werden. Nachher klingele ich einfach bei ihm. Da wird er Augen machen. Ich bin letztes Jahr ja etwas … sagen wir mal … überstürzt weggefahren und habe alle Zelte hinter mir abgebrochen. Ich hatte Angst, dass ich aus der einen Beziehung in die nächste stolpere – und das wollte ich nicht. Da kam es mir wie ein Zeichen des Himmels vor, als ich auf der Fortbildung von Wella Peter kennenlernte und in seinem Salon in Bremen anfangen konnte.» Susanne lächelt und nimmt einen großen Schluck aus ihrem Glas. «In der Zwischenzeit hatte ich genug Zeit, mir Gedanken über mein Leben zu machen.» Sie prostet noch einmal allen zu. «Und hier bin ich. Salute, Mädels!»

«Prost!» Gudrun stößt erneut mit Susanne an, und auch Gisela hält es nun nicht mehr unter der Trockenhaube, die sie beiseiteschiebt, um nichts zu verpassen. Nur Rosa steht etwas abseits, von der Willkommenseuphorie schwappt nichts auf sie über. Außerdem ist der Sekt lauwarm und viel zu süß.

«Vielleicht rufst du Rudi besser vorher an», schlägt Tante Hildegard mit verhaltenem Lächeln vor.

«Warum?» Susanne hält Steven das Glas zum Nachschenken hin.

«Weil Denise wieder im Lande ist. Du weißt schon, seine Ex-Frau. Die arbeitet in der Seniorenresidenz, und Rudi und sie haben sich in den letzten Wochen sehr oft gesehen. Nicht dass du da in etwas hineinplatzt …»

Augenblicklich erlischt das breite Grinsen auf Susannes Gesicht. Rosa muss ein Lachen unterdrücken, weiß sie doch nur zu genau, warum Rudi und Denise sich so oft gesehen haben. Aber das wird sie Susanne ganz bestimmt nicht auf die Nase binden.

Zwei Männer von der Spurensicherung spannen das rotweiße Flatterband der Polizei im großen Bogen entlang der Meeresglück, um den Tatort abzusperren, während erst Rudi und dann seine Kollegen das Hafengelände verlassen. Ludwig wundert sich. Müssten die nicht eigentlich das ganze Gebiet nach dem Mörder absuchen oder zumindest Zeugen befragen? Polizeiarbeit ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Das ist Ludwig schon lange klar. Ohne seinen investigativen Journalismus würden die in Wittmund alt aussehen. Wie oft hat er der Polizei schon wichtige Hinweise geliefert, schließlich hat er in den sozialen Medien jede Menge Follower, die stets die Augen aufhalten.

Die sollte er gleich einmal fragen, ob jemand heute etwas Auffälliges rund um das Schiff gesehen hat. Flink flitzen seine Finger über das Display seines Mobiltelefons und senden Posts auf allen Kanälen, auf denen er sich tummelt. Ein Tipp, und zack sind seine Beiträge online.

Und nun? Eine zweite Portion Kibbelinge wäre gut. Hinter der Verkaufstheke steht Heino, wie immer trägt er ein T-Shirt mit dem Logo der Fischereigenossenschaft und die dazu passende Baseballkappe.

Als er ihn so ansieht, kommt ihm eine Idee. «Sach mal», sagt er zu Heino, der einem anderen Kunden eine Pappschale mit einem Fischbrötchen reicht und nun Zeit für ihn hat. «Wann hast du den Laden heute aufgemacht?»

«Wie immer. Um zehn. Wieso?»

«Wegen der Toten auf der Meeresglück. Hast du irgendetwas Verdächtiges gesehen?»

Heino gibt die Kibbelinge in die Fritteuse. «Die Esposito ist wirklich tot?»

«Jo. Hast du was Ungewöhnliches bemerkt?»

«Hier war so viel los, da hab ich nichts mitgekriegt. Und aus dem Verkaufswagen heraus kann ich auch nicht rübergucken. Aber gehört hab ich das Tatütata natürlich, und da hab ich mal kurz die Tür aufgemacht und das Aufgebot an Fahrzeugen gesehen. Und dann musste ich weiterarbeiten, der Aalrauchmatjes ist heute der Renner.»

Schade. Obwohl, Ludwig ist nicht mal enttäuscht. Eigentlich hat er sich gedacht, dass Heino nichts gesehen haben kann. Aber fragen kostet ja nichts.

«Geh doch mal rüber zu Kuddel. Der kümmert sich um die Container für das Gepäck. Der wuselt da immer schon eine Stunde vor Abfahrt der Fähre rum.» Mit einer Schöpfkelle fischt Heino die Kibbelinge aus dem blubbernden Fett und gibt sie mit einem ordentlichen Klacks Remoulade auf den Pappteller.

Nachdem Ludwig auch diese Portion vertilgt hat, braust er auf seinem Scooter zum Fährhaus. Vor fast zwanzig Jahren wurde das Hafengebäude von der West- auf die Ostseite des Hafens verlegt und dabei mächtig erweitert. Früher hatte es in dem jetzigen Andenkenladen auf der anderen Hafenseite Platz. Das war wesentlich gemütlicher. Er hat eine Weile gebraucht, um sich an das großzügige moderne Gebäude zu gewöhnen, aber inzwischen ist der Bau mit der Wartehalle so etwas wie ein weiteres Wahrzeichen des Ortes geworden. Manches Mal sitzt er vor dem Ziegelbau und gönnt sich ein Bierchen vom Kiosk. Kaffee haben die auch. Und natürlich Eis für die Kinder. Und ’ne Bockwurst oder ’ne Laugenbrezel. Das mögen die Touristen gern, die von hier aus zu ihrem Inselurlaub nach Spiekeroog starten.

Auch heute sind viele der Plätze von Touristen belegt. Die Angestellte hinter dem Glasfenster ist eine Aushilfe, die den ganzen Vormittag nicht draußen gewesen ist. Da braucht er also gar nicht nachzufragen. Stattdessen fährt er mit seinem Scooter um das Gebäude herum und entdeckt Kuddel, der gerade zwei große Koffer von einem älteren Gast entgegennimmt und in den Gepäckcontainer Nummer 58 packt.

«Merken Sie sich die Nummer, dann müssen Sie auf der Insel nicht in allen Containern suchen.»

Das nächste Schiff fährt in zwei Stunden. Bestimmt hat Kuddel von dem Alten ein gutes Trinkgeld bekommen, sonst öffnet er die Container erst eine Stunde vor Abfahrt.

Ludwig klingelt laut, und Kuddel guckt ungehalten zu ihm rüber. Als er ihn erkennt, grinst er.

«Was ist los? Willst du heute auch mit rüber?»

«Nee. Ich komm wegen der Sache auf der Meeresglück. Hast ja bestimmt das ganze Polizeiaufgebot da gesehen.»

«War nich zu überhören. Die Esposito ist tot?»

«Jo. Sach mal, ist dir heute Morgen irgendwas Ungewöhnliches aufgefallen?»

«Nö.» Kuddel nimmt den nächsten Koffer entgegen.

«Wie nö?»

«Nur dass die Polizei und der Krankenwagen da waren. Ist ja nicht grad vertrauenserweckend für die Gäste. Die haben sich natürlich laut drüber unterhalten. Aber zum Glück hat die Spiekeroog dann abgelegt.»

«Und sonst?»

«Nix.»

Eine Sackgasse nach der anderen. So hat Ludwig sich das nicht vorgestellt. Aber investigativer Journalismus erfordert Geduld und Hartnäckigkeit, ermahnt er sich.

«Bis auf den Lieferwagen», sagt Kuddel plötzlich.

«Welchen Lieferwagen?» Ludwigs Augen funkeln vor Neugierde.

«Den von dieser schnieken Seniorenresidenz. Der ist bei der Meeresglück vorgefahren, als ich gerade die Gepäckcontainer geöffnet habe. Da hat jemand Platten mit Essen zum Schiff hochgetragen.»

«Kannst du die Person beschreiben?»

«Phh … wie sah die aus? So wie alle jungen Leute heutzutage. Groß und dünn. Trug so einen Kapuzenpulli. Da konnte ich nicht viel vom Kopf sehen.»

Immerhin etwas. Der Lieferwagen der Beningaburg. Vermutlich haben die das Essen für die geplante Seebestattung der verstorbenen Chefin gebracht. Würde sich anbieten. Die haben ja eine große Küche.

«Danke. Schönen Tach noch.» Ludwig verabschiedet sich von Kuddel und klappert nun das Hafengelände ab. Befragt die Leute in den Wohnmobilen auf ihren Stellplätzen am Anleger. Niemand hat etwas Nennenswertes zu berichten. Erschöpft fährt Ludwig mit seinem Scooter zu Bäcker Hinrichs. Von der geöffneten Tür aus ruft er der Verkäuferin seine Bestellung zu: «Zwei Berliner und einen Kaffee.» Dann fährt er zu einem der quadratischen Tische. Als sie ihm das Tablett rausbringt, fragt er sie beiläufig, ob ihr heute Morgen etwas aufgefallen ist. Aber auch hier: Fehlanzeige. Schade. Er beißt gerade in den goldbraunen Berliner, als ein bekanntes Gesicht auf ihn zukommt.

Nach dem Besuch bei den Espositos fahren Rudi und Schnepel umgehend ins Kommissariat und erstatten Haueisen Bericht. Bei dem Stichwort «Schutzgelderpressung» zuckt Haueisen wie elektrisiert zusammen.

«Na, Chef, da staunen Sie. Das ist doch mal eine klare Ansage», ereifert sich Schnepel, und Haueisen bleibt für einen Moment still.

«Wenn das tatsächlich stimmt, dann haben wir es hier mit einer ganz großen Nummer zu tun», sagt er schließlich. «Auch ohne Obduktionsergebnis steht ja fest, dass es sich um ein Gewaltverbrechen handelt. Allerdings bereitet mir der Gedanke, dass die Mafia dahinterstecken könnte, ordentliche Magenschmerzen. Bakker, Schnepel, Sie fahren zurück zum Hafen und sehen zu, dass Sie dort Zeugen auftreiben. Vielleicht hat ja jemand den Täter gesehen. Beeilen Sie sich, je mehr Zeit vergeht, umso schwieriger wird es, vernünftige Aussagen zu bekommen. Ich schaue mich inzwischen in der Wohnung der Toten und in den Räumen der Reederei um, ob ich dort etwas finde, was uns weiterbringt.»

 

Den Ersten, den Rudi sieht, als sie auf die Bäckerei Hinrichs zugehen, ist Ludwig. Er atmet tief ein. Nein, er wird sich nicht von ihm aushorchen lassen, auch wenn er natürlich bemerkt, dass Ludwig ihm erwartungsvoll entgegenblickt. Es passt ihm sowieso nicht, dass sie hier rumlaufen und nach Zeugen suchen sollen, die irgendwas gesehen haben könnten, was für den Fall wichtig ist. Der Mörder wird kaum mit gezückter Waffe auf das Schiff spaziert sein. Schnepel sieht das genauso, er mosert in einer Tour.

«Rudi!» Ludwig winkt ihn zu sich heran. Alle Tische zwischen Promenadenmauer und Häuserzeile sind belegt, heiße Waffeln, Torten, Kuchen, Tee und Kaffeevariationen werden von gut gelaunten Touristen verspeist und an der Schleckeria direkt neben dem Durchgang zum Unner-Up-Weg gibt es eine lange Warteschlange. Möwen kreisen lauernd in der Luft, in der Hoffnung, sich eine Eiswaffel schnappen zu können.

«Was gibt’s?» Rudi bleibt vor seinem alten Boßelkumpel stehen.

«Ich hab mich mal ein wenig umgehört und könnte euch einen wertvollen Hinweis geben.» Ludwig grinst breit. «Aber nur, wenn ihr mir auch ein paar neue Infos zum Fall gebt. Du weißt ja: Eine Hand wäscht die andere.»

«Ludwig. Wenn du wirklich was weißt, musst du es uns sagen. Das ist deine Bürgerpflicht.»

«Pah! Bürgerpflicht! Ich wüsste es ja nicht, wenn ich nicht auf Spurensuche gegangen wäre, während ihr untätig gewesen seid.»

«Untätig?» Das lässt Schnepel nicht auf sich sitzen. «So ein Schwachsinn. Wir haben die Tochter und den Witwer informiert.»

Ludwigs Augen blitzen. «Oje. Die Armen. Wie haben sie es aufgenommen?»

«Na, wie schon?», gibt Schnepel arrogant zurück. «In Freudentaumel sind sie jedenfalls nicht ausgebrochen.»

«Helmut!» Rudi guckt seinen Kollegen empört an und wendet sich wieder an Ludwig. «Schlecht haben sie es aufgenommen. Pippo hat es über einen deiner Internetbeiträge erfahren. Das hat ihn kalt erwischt. Ist dir eigentlich bewusst, dass das ganz und gar geschmacklos, ja geradezu unverantwortlich von dir war?» Rudi runzelt die Stirn. «Ich rate dir nur, stell keine weiteren Vermutungen ins Internet.»

«Das könnte Ihnen eine Klage einbringen», ergänzt Schnepel.

«Aber du könntest mir doch sagen, wie Tjalda Esposito ums Leben gekommen ist. Ich krieg das sowieso raus, das weißt du.»

«Ist mir egal, aber von mir erfährst du nichts. Wenn das alles war, dann machen wir uns jetzt mal wieder an die Arbeit. Tschüs.» Rudi hebt grüßend die Hand an seine Polizeimütze und will weitergehen, doch Ludwig packt ihn am Uniformärmel.

«Na gut. Also, Kuddel hat einen weißen Lieferwagen gesehen, der am Schiff gehalten hat. Ist jemand mit einem Hoodie ausgestiegen und hat was an Bord getragen.» Ludwig blickt Rudi an.

«Ein weißer Lieferwagen?»

«Genau.»

«Das Kennzeichen hat Kuddel nicht erkannt?»

«Nee, der Wagen war zu weit weg und er außerdem mit dem Gepäck der Spiekeroog-Gäste beschäftigt.»

«Schade. Aber danke, ich werd mit ihm sprechen.»

«Brauchst du nicht. Ich kann dir auch so sagen, was für ein Lieferwagen das war.»

Verdutzt kneift Rudi die Brauen zusammen. «Wie das?»

«Kuddel hat es mir gesagt.» Ludwig grient schelmisch. «Er hat sich zwar das Kennzeichen nicht gemerkt, wohl aber die Beschriftung. Ist ein Wagen der Seniorenresidenz gewesen. Die von der Beningaburg haben wohl das Catering für die Seebestattung von Isabell Beninga geliefert.»

«Ludwig! Du bist ganz schön gerissen!»

«Na klar. Irgendwie muss ich an meine Infos kommen. Also, was hast du im Gegenzug für mich? Du bist mir was schuldig.»

«Nee, bin ich nicht. Das hätte ich mir auch denken können, denn an Bord haben wir ja Kuchen und Platten mit belegten Brötchen vorgefunden. Aber danke trotzdem, das war fair von dir. Tschüs.»