Matthias Erzberger - Christopher Dowe - E-Book

Matthias Erzberger E-Book

Christopher Dowe

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Beschreibung

Matthias Erzberger war einer der wichtigsten deutschen Politiker am Übergang vom obrigkeitsstaatlichen Kaiserreich zur Weimarer Republik. Eine steile politische Karriere führte ihn aus einfachen katholischen Verhältnissen bis hin zur Vizekanzlerschaft. Sein Kampf gegen Missstände in den deutschen Kolonien und sein Einsatz für mehr Rechte des Reichstags führten zu zahllosen Anfeindungen. Seine Unterschrift unter den Waffenstillstand des Ersten Weltkriegs und sein kompromissloses Eintreten für die Weimarer Republik verstärkten den Hass auf diesen Wegbreiter der deutschen Demokratie, der als "meistgehasster" Politiker der Weimarer Republik 1921 ermordet wurde.

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Seitenzahl: 239

Veröffentlichungsjahr: 2011

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Matthias Erzberger war einer der wichtigsten deutschen Politiker am Übergang vom obrigkeitsstaatlichen Kaiserreich zur Weimarer Republik. Eine steile politische Karriere führte ihn aus einfachen katholischen Verhältnissen bis hin zur Vizekanzlerschaft. Sein Kampf gegen Missstände in den deutschen Kolonien und sein Einsatz für mehr Rechte des Reichstags führten zu zahllosen Anfeindungen. Seine Unterschrift unter den Waffenstillstand des Ersten Weltkriegs und sein kompromissloses Eintreten für die Weimarer Republik verstärkten den Hass auf diesen Wegbreiter der deutschen Demokratie, der als 'meistgehasster' Politiker der Weimarer Republik 1921 ermordet wurde.

Mensch – Zeit – Geschichte

Herausgegeben von Peter Steinbach, Julia Angster, Reinhold Weber

Die Herausgeber: Professor Dr. Steinbach lehrt Neuere Geschichte an der Universität Mannheim. Professor Dr. Julia Angster lehrt Geschichte Großbritan- niens und Nordamerikas an der Universität Kassel. Dr. Reinhold Weber ist Publikationsreferent bei der Landeszentrale Baden-Württemberg und Lehrbeauftragter an der Universität Tübingen.

Christopher Dowe

Matthias Erzberger

Ein Leben für die Demokratie

Verlag W. Kohlhammer

Alle Rechte vorbehalten © 2011 W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Umschlag: Gestaltungskonzept Peter Horlacher Gesamtherstellung: W. Kohlhammer Druckerei GmbH + Co. KG, Stuttgart

Print: 978-3-17-021491-0

E-Book-Formate

pdf:

978-3-17-023308-9

epub:

978-3-17-023307-2

mobi:

978-3-17-026014-6

Inhalt

Umkämpfte Erinnerung

Anwalt der kleinen Leute

Politische Anfänge

Für die Interessen der katholischen Minderheit in Württemberg

Hilfe zur Selbsthilfe für katholische Arbeiter, Handwerker und Bauern

Die Fundamentalpolitisierung der Wilhelminischen Gesellschaft

Volksvertreter im Reichstag

Ein neuer Typus: der Berufspolitiker

Für die Parlamentarisierung des Deutschen Kaiserreiches

Nationale Auseinandersetzungen

Innerkatholische Machtkämpfe

Nationale Einheit und soziale Gerechtigkeit im Zeichen des Krieges

Kriegsausbruch und labiler „Burgfrieden“

Kriegsziele

Im Dienste der Exekutive

Für die Parlamentarisierung der Außenpolitik und des politischen Systems

Friedensschluss und Neugestaltung von Staat und Gesellschaft

Für eine neue parlamentarische Demokratie

Kampf um den Frieden

Ringen um die Gesellschafts- und Wirtschaftsform

Antidemokratische Hetze und politischer Mord

Ausblick

Literatur

Abbildungsverzeichnis

Umkämpfte Erinnerung

Wer war Matthias Erzberger? Mit dieser Frage konfrontierte das Haus der Geschichte Baden-Württemberg im Sommer 2004 Passanten in Stuttgart und Münsingen, zu dem Erzbergers Geburtsort Buttenhausen heute gehört. Ziel war es, kurz bevor für Matthias Erzberger (1875–1921) in seinem Elternhaus auf der Schwäbischen Alb eine Erinnerungsstätte eröffnet wurde, Äußerungen über diesen Wegbereiter der Demokratie zu sammeln.

Abb. 1: Matthias Erzberger vor 1918.

Viele konnten mit dem Namen Erzberger überhaupt nichts anfangen. Andere stellten Verbindungen zum Ende des Ersten Weltkrieges und der Unterzeichnung des Waffenstillstandes von Compiègne her und wussten, dass Erzberger zu Beginn der Weimarer Republik von rechten Kreisen bei Bad Griesbach im Schwarzwald ermordet wurde. Dass Erzberger einer der bedeutendsten Finanzreformer der deutschen Geschichte war, nannte keiner der Befragten. Die Interviewer erhielten aber auch ganz ausgefallene Antworten. Ein älterer Herr erklärte, selbstverständlich kenne er Erzberger. Das sei doch „der Jude aus Buttenhausen, der ist 1936 nach Amerika emigriert, der Rest seiner Familie hat’s wohl nicht geschafft, die Nazis haben sie dann umgebracht!“

Auch wenn diese Antwort ebenso falsch war wie die Umfrage nicht repräsentativ, so spiegelten sich doch selbst in dieser Äußerung unterschiedliche Schichten der wechselvollen Erinnerung an diesen 1921 ermordeten Wegbereiter der Demokratie in Deutschland, der einer der umstrittensten Politiker seiner Zeit war.

Abb. 2: Eine schwäbische Nudelfirma warb bis zum Zusammenbruch in der Weltwirtschaftskrise mit dem Porträt Erzbergers.

De mortuis nihil nisi bene – dieses „geflügelte Wort“, nachdem nicht schlecht über Tote zu sprechen ist, galt für die Erinnerung an Matthias Erzberger nicht. Vielmehr schrieben sich die tiefen Verwerfungen der deutschen Gesellschaft nach dem Ersten Weltkrieg und die politische Polarisierung zwischen rechten und linken Gegnern der Demokratie sowie Befürwortern der Weimarer Republik in die Deutungen des ermordeten Zentrumspolitikers ein und prägten die Erinnerung an Erzberger bis ins 21. Jahrhundert. So sollte der erste Erzberger-Biograf, der württembergische Zentrumspolitiker Ernst Bauer, damit recht behalten, wenn er 1925 seinem kleinen Büchlein die Verse „Von der Parteien Gunst und Haß verwirrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte“ aus dem Prolog von Schillers Wallenstein voranstellte.

Schon für die ersten Reaktionen auf die Ermordung Erzbergers gilt diese Einschätzung Bauers. Denn das Attentat löste auf der Rechten bis in die Mitte der Gesellschaft hinein Jubel aus, während bei der demokratischen Mitte und auf der Linken Empörung und Entsetzen vorherrschten. Diese Polarisierung hielt sich auch in den folgenden Jahren.

Bei den positiven Deutungen Erzbergers lassen sich für die Zeit der Weimarer Republik eine stark kirchlich-religiöse und eine politisch-republikanische Ausformung unterscheiden. Im Zentrum der Erinnerungskultur, die sich spezifisch katholischer Formen bediente, standen Erzbergers Sterbestelle bei Bad Griesbach und sein Grab in Biberach. Noch am offenen Grab Erzbergers hatten die badische und die württembergische Zentrumspartei gemeinsam dazu aufgerufen, „der Väter frommer Sitte folgend“, „an der Opferstelle, an welcher unser Erzberger als politischer Märthyrer [sic] sein Blut für unsere Ideale vergossen hat“, eine schlichte Sühnekapelle zu erbauen. Ander Tanne, „unter deren Aesten er sein Leben aushauchte“, sollte ein Marterl, ein Bildstock, errichtet und jedes Jahr am Todestag Erzbergers ein Seelenamt in Griesbach gefeiert werden. Das Marterl konnte innerhalb weniger Wochen fertiggestellt werden. An ihm versammelten sich jedes Jahr an Erzbergers Todestag Mitglieder der badischen Zentrumspartei und gedachten seiner. Ein Requiem rundete die jeweiligen Veranstaltungen kirchlich ab.

Der ebenfalls geplante Bau einer Kapelle zog sich hingegen hin, hatte doch die Hyperinflation 1923 die gesammelten Spendengelder entwertet. Im Jahr 1929 wurde ein neuer Anlauf unternommen, um den Plan in die Tat umzusetzen. Führende Zentrumspolitiker wie die ehemaligen Reichskanzler Wilhelm Marx und Joseph Wirth unterzeichneten einen neuerlichen Spendenaufruf. Am 20. September 1931, dem Geburtstag Erzbergers, konnte der Neubau feierlich geweiht werden, der „der Sühne für [die] furchtbare Tat, dem Gebet für die Seelenruhe des Ermordeten und dem Frieden der Menschen mit Gott und unter sich“ dienen sollte. Nach Maria als Königin des Friedens Regina Pacis-Kapelle genannt, erinnerte sie daran, dass sich Erzberger im Ersten Weltkrieg für einen Verständigungsfrieden eingesetzt, mit dem Waffenstillstand von Compiègne den Krieg beendet, sich während der Revolution 1918/19 für ein Ende des Bürgerkriegs eingesetzt und die Idee eines Völkerbundes verbreitet hatte.

Auch wenn die Erinnerung an Erzberger in Bad Griesbach politische Botschaften enthielt, so blieb sie doch religiös-transzendental eingebettet. Dies stellte für gläubige Katholiken eine Selbstverständlichkeit dar und bot manchem katholischen Gegner Erzbergers die Möglichkeit, sich trotz vergangener Konflikte am Totengedenken zu beteiligen. Für Protestanten wie für nicht kirchlich Gebundene bedeuteten diese Erinnerungsformen jedoch etwas Fremdes und hatten ausgrenzende Wirkung.

Ähnliches galt für Biberach. Hier war Erzberger in einem Ehrengrab beigesetzt worden, das seit 1922 ein großes Grabmal zierte. Jährlich kamen Zentrumsvertreter aus der Reichstagsfraktion und dem württembergischen Landtag zu Erzbergers Todestag bei einem Requiem zusammen, legten Kränze am Grab nieder und erinnerten in Reden an den Ermordeten. Während Bad Griesbach der badische Erzberger-Erinnerungsort der 1920er Jahre war, besaß Biberach diese Funktion für Württemberg.

Die politisch-republikanische Erzberger-Erinnerungskultur war weniger stark ortsgebunden und wurde vor allem vom linken, d. h. republikanischen Flügel des politischen Katholizismus und der Sozialdemokratie getragen. Erzberger war dieser Deutung zufolge Vorkämpfer eines neuen demokratischen Deutschland und Märtyrer der angefeindeten Weimarer Republik.

Wenn Erzberger als Opfer der politischen Rechten, „der Reaktion“, gedeutet wurde, schlossen sich manchmal sogar Kommunisten diesem Erinnern an, auch wenn die KPD das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche System der Weimarer Republik bekämpfte.

Die politisch-republikanische Erinnerung an Erzberger fand ihren Ausdruck in unzähligen Reden und Publikationen im Umfeld von Erzbergers Todestag. Auch die erste Erzberger-Biografie ist hier einzuordnen, war sie doch 1925 auf Anregung des württembergischen Landesverbands der Windthorstbünde, der Jugendorganisation der Zentrumspartei, entstanden.

Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold

Sozialdemokraten, Linksliberale und Mitglieder der Zentrumspartei gründeten 1924 diese Schutzorganisation zur Verteidigung der Weimarer Republik, der 1932 mehr als drei Millionen Mitglieder angehörten und die die Demokratie gegen Angriffe von rechts und links verteidigen sollte.

Das 1924 gegründete Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold entwickelte sich in kurzer Zeit zu einem der wichtigen Träger einer republikanischen Erinnerungskultur, die Matthias Erzberger, Friedrich Ebert und Walther Rathenau als „Märtyrern der Republik“ gewidmet war.

Die drei Politiker standen für die politischen Kräfte, die das Reichsbanner trugen. Der Sozialdemokrat und erste Reichspräsident Friedrich Ebert hatte sich in seinem Einsatz für die junge Demokratie aufgeopfert und über die Abwehr rechter Hetze eine Operation so lange verschoben, bis er überraschend starb. Der liberale Politiker und Reichsaußenminister Walther Rathenau und der Zentrumspolitiker Matthias Erzberger waren als Repräsentanten der neuen politischen Ordnung von nationalen Kreisen ermordet worden, die mit diesen Attentaten, aber auch mit Putschversuchen die junge Demokratie zu zerstören suchten. Erinnerung und politischer Auftrag waren für die Reichsbanner-Mitglieder aufs engste verbunden, wie 1926 der Festredner bei einer Veranstaltung an Erzbergers Grab in Biberach betonte, wenn er mit Blick auf den Zentrumspolitiker ausführte: „Wir Republikaner ehren sein Andenken am besten, wenn wir, wie er, unerschrocken für eine freie, soziale, demokratische Republik weiterkämpfen.“ An zehn eigens für diese „republikanische Trias“ errichteten Denkmälern fanden regelmäßig Veranstaltungen statt und gaben der republikanischen Erinnerungskultur im öffentlichen Raum Ausdruck. Auch am Geburtshaus Erzbergers brachte das Reichsbanner 1927 eine Erinnerungstafel an.

Diesen Bemühungen um eine positive Erinnerung an Erzberger stand eine weit einflussreichere Geschichtspolitik der rechten Feinde der Weimarer Republik gegenüber, die bis weit in die Mitte der Gesellschaft auf Akzeptanz stieß und in mehrfacher Hinsicht Bezug auf Erzberger nahm.

Der Wegbereiter der deutschen Demokratie hatte seinen festen Platz in den Erzählungen der „Dolchstoßlegende“, mit denen Vertreter der alten Eliten und andere Mitglieder der völkisch-nationalen Szene die militärische Niederlage Deutschlands leugneten und die Schuld für den Kriegsausgang denen in die Schuhe schoben, die sich gegen deutsche Weltmachtsphantasien ausgesprochen hatten und für die Demokratie eintraten. Zu denjenigen, die die angeblich im Felde unbesiegten deutschen Soldaten verraten (von hinten „erdolcht“) haben sollten, zählten die nationalen Kreise neben sozialdemokratischen und kommunistischen Politikern und allen Juden auch Erzberger, der in der zweiten Kriegshälfte energisch für einen Verständigungsfrieden geworben und am 11. November 1918 den Waffenstillstand unterzeichnet hatte. Dass Erzberger Katholik war, fügte sich hervorragend in schon seit Jahrzehnten bestehende nationale Feindbilder ein, denen zufolge Katholiken papsthörig und damit undeutsch seien. So waren in diesen antirepublikanischen Feindbildern all die Gruppen vereint, die als Angehörige einer „roten“, „gelben“ und „schwarzen Internationale“ schon im langen 19. Jahrhundert aus der deutschen Nation ausgegrenzt worden waren.

Abb. 3: 1927 enthüllte das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold eine Erinnerungstafel am Geburtshaus Erzbergers.

Erzberger galt darüber hinaus als „das Symbol des korrupten Parlamentarismus“, wie es beispielsweise 1932 in einer Broschüre der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) hieß. Die rechten Gegner der Republik geißelten die Suche nach parlamentarischen Mehrheiten und nach jeder Form des politischen Kompromisses als Verrat an den eigenen Überzeugungen, um die Weimarer Republik als grundsätzlich unmoralische politische Ordnung und deren Verteidiger als verdorben, prinzipienlos und korrupt darzustellen.

Häufig war diese Hetze zudem antisemitisch. Dass Erzberger Katholik war, hinderte seine Gegner nicht, ihn als Sinnbild der „korrupten Judenrepublik“ anzugreifen. 1919 begannen völkische Kreise, die Falschinformation zu verbreiten, dass Erzberger uneheliches Kind eines jüdischen Händlers sei. Adolf Hitlers Auslassungen zum Thema „Der Johannes des Judenstaates: Mathias [!] von Buttenhausen. Sein Werk und sein Geist“ von September 1921 gehören ebenso in diesen Zusammenhang wie das Buch „Juden schauen euch an“ von Johann von Leers, das ab 1930 in mehreren Auflagen erschien und ein Foto Matthias Erzbergers unter der Rubrik „Blutjuden“ brachte. Entsprechender Anfragen überdrüssig, schrieb der evangelische Pfarrer in Erzbergers Geburtsort Buttenhausen quer über den Geburtsbucheintrag der Familie Erzberger „alles katholisch“. Als eine Spätfolge dieser Hetze kann man die eingangs zitierte Antwort eines älteren Münsingers interpretieren, der Erzberger für einen ausgewanderten Juden hielt. Im Falle dieses Mannes hatten sich Reste der antisemitischen Hetze gegen Erzberger und das Schicksal der jüdischen Bewohner Buttenhausens so vermengt, dass diese zunächst völlig irritierende Einordnung des Zentrumspolitikers zustande kam.

Bei verbaler Hetze gegen den toten Erzberger blieb es in der Zwischenkriegszeit nicht. Die Gegner der Weimarer Republik versuchten mit allen Mitteln, eine positive Erinnerung an Matthias Erzberger zu verhindern. So wurde beispielsweise das 1926 eingeweihte Ebert-Erzberger-Rathenau-Denkmal auf dem Hohenstein in Witten an der Ruhr bis 1933 mehrfach geschändet und in Osnabrück erfolgte 1928 eine erste Schändung schon vor der Fertigstellung des dortigen Denkmals.

Doch dies war nur ein Vorspiel. 1933 zerstörten die Nationalsozialisten systematisch die republikanischen Denkmäler. Auch die Straßen, die während der Weimarer Republik nach Erzberger benannt worden waren, erhielten neue Namen. In der württembergischen Bischofsstadt Rottenburg stand 1934 bei einer nationalsozialistischen Bücherverbrennung die Vernichtung von Erzbergers „Erinnerungen an den Weltkrieg“ im Mittelpunkt der Veranstaltung. Im „Dritten Reich“ sollte die positive Erinnerung an Erzberger als wichtigen Wegbereiter der Demokratie keinen Platz mehr haben.

Nach zwölf Jahren nationalsozialistischer Terrorherrschaft und dem verlorenen Zweiten Weltkrieg ließ sich nicht einfach wieder an die Erinnerungskultur der Weimarer Republik anknüpfen. Dies zeigte sich auch bei der Erinnerung an Matthias Erzberger. Einerseits konnte seiner wieder gedacht werden. So erhielten 1945 und 1946 Straßen in zahlreichen Städten wieder den Namen Erzbergers und in Bad Griesbach wurde 1951 anstelle des Marterls ein Gedenkstein unweit der Mordstelle errichtet. Andererseits hatten die Nationalsozialisten die Tradition der jährlichen Gedenkveranstaltungen sowohl in Biberach und Bad Griesbach als auch an den vom Reichsbanner errichteten und im „Dritten Reich“ zerstörten Denkmälern unwiderruflich beendet.

Die Nachwirkungen des Nationalsozialismus zeigten sich auch im Umgang mit Erzbergers Mördern. Nach dem Attentat hatten sich die beiden Täter dem Zugriff der badischen und württembergischen Polizei entziehen können und waren nicht zuletzt dank der Hilfe aus bayerischen Polizeikreisen ins Ausland geflohen. Während des Nationalsozialismus hatten sie geehrt unbedeutende Positionen bekleidet. 1946 gestand Heinrich Tillessen, einer der beiden Mörder, im Rahmen der Entnazifizierung seine Tatbeteiligung. Von den Alliierten der deutschen Strafjustiz übergeben, stellte das Landgericht Offenburg unter Berufung auf eine nationalsozialistische Amnestie das Strafverfahren gegen ihn ein. Dies führte nicht nur zu Protesten in der deutschen Öffentlichkeit, sondern auch zu einer Intervention der französischen Besatzungsmacht, die das Verfahren an das Landgericht Konstanz verweisen ließ, das Tillessen 1947 zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilte. Der zweite Mörder, Heinrich Schultz, erhielt 1950 12 Jahre Haft. Doch bereits 1952 entließ die badische Landesregierung die beiden aus dem Gefängnis. Hintergrund dieser Entscheidungen waren nicht nur starke personelle Kontinuitäten vom Nationalsozialismus in die frühe Bundesrepublik, sondern auch eine politische Kultur, in der große Teile der westdeutschen Gesellschaft Kriegsverbrecher mit Kriegsgefangenen gleichsetzten und vor dem Hintergrund des Kalten Krieges auch die Freilassung derjenigen Nationalsozialisten erfolgreich forderten, die schlimmste Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen hatten.

An Erzberger positiv zu erinnern, fügte sich in eine solche politische Kultur nicht gut ein. Im regionalen Rahmen war Erzberger hingegen nicht vergessen. Zeitungen im deutschen Südwesten berichteten im Umfeld runder Geburts- oder Sterbetage und die regionale CDU veranstaltete zu diesen Anlässen kleinere Gedenkfeiern. 1961 würdigte der damalige baden-württembergische Innenminister Filbinger in Bad Griesbach Erzberger als „redlichen Kämpfer für Frieden und Recht“. Die beiden Nachkriegszeiten vergleichend betonte Filbinger: „Eine totale Niederlage hat Deutschland die Probleme erspart, an denen er [Erzberger] zugrunde ging.“ und erinnerte daran, wie sehr die Hetze gegen Erzberger sowie Vorbehalte gegen Berufspolitiker und gegen den modernen Parlamentarismus in der Bundesrepublik nachwirkten und einer angemessenen Würdigung des Ermordeten im Wege standen.

Dass solche Anstöße zu einer positiven Erzberger-Erinnerung jenseits von Teilen der südwestdeutschen CDU kaum Resonanz fanden, hatte nicht nur die von Filbinger angesprochenen Gründe. Sozialdemokraten lag, wenn sie zurückblickten, der mühsame Kampf für die Erinnerung an die Verdienste von Demokraten wie Friedrich Ebert und an den sozialdemokratischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus mehr am Herzen als die Person Matthias Erzbergers, der bis in den Ersten Weltkrieg hinein ein scharfer Gegner der Sozialdemokratie gewesen war. Filbingers Appell fand auch in seiner eigenen Partei nur eingeschränkt Resonanz. Denn die CDU erinnerte generell nur sehr zurückhaltend an die Zentrumstradition, um ihre mühsame auf- und auszubauende Interkonfessionalität nicht durch eine einseitig katholische Traditionspflege zu gefährden. Von denen, die trotzdem an die Zentrumstradition erinnerten, standen viele in der Tradition der innerkatholischen Erzberger-Gegner, die ihn als zu weit links, zu wenig bürgerlich oder einfach als zu wenig seriös betrachteten. Schließlich zeigte sich bei der CDU die Kehrseite einer großen Leistung dieser Partei, der es in einem Jahrzehnte dauernden Prozess gelang, große gesellschaftliche Gruppen an die bundesrepublikanische Demokratie zu binden, denen die Weimarer Republik und Politiker wie Erzberger verhasst gewesen waren und die zu den Trägern der nationalsozialistischen Herrschaft gezählt hatten.

Auch die bundesrepublikanische Geschichtsschreibung hatte zunächst ihre Schwierigkeiten mit einer positiven Würdigung Erzbergers. Das hatte nicht nur damit zu tun, dass bis in die 1960er Jahre hinein national-konservative Historiker mit protestantisch-preußischem Geschichtsbild vorherrschend waren, die kaum Zugang zu dem süddeutschen Katholiken und kämpferischen Demokraten Erzberger fanden, zumal sie oft Vorbehalte gegenüber Berufspolitikern und Parlamentarismus teilten. Auch bei den Katholizismus-Spezialisten in der Geschichtswissenschaft fand sich häufig eine gewisse Skepsis gegenüber dem sozialen Aufsteiger und Angehörigen des linken Zentrumsflügels, zumal der Autor des in der Zwischenkriegszeit erschienenen, aber auch nach 1945 noch maßgeblichen Werkes über die Zentrumspartei, Carl Bachem, zu den innerparteilichen bürgerlichen Gegnern Erzbergers gezählt hatte. Verstärkt wurde dies durch eine einseitige Überlieferung der Quellen zum politischen Katholizismus. Erzbergers Nachlass hatte nur in kleinen Teilen den Nationalsozialismus überdauert und blieb lange Zeit zahlreichen Forschern verschlossen, während die schriftlichen Zeugnisse seiner innerkatholischen Gegenspieler die wichtigste noch vorhandene Überlieferung zur Geschichte der Zentrumspartei darstellen.

Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass ein amerikanischer Historiker die bis heute in den großen Linien maßgebliche, in vielen Details jedoch überholte wissenschaftliche Biografie verfasst hat. Erzbergers Biograf Klaus Epstein stammte aus einer jüdischen Hamburger Familie und hatte zusammen mit seinen Eltern vor den Nationalsozialisten in die USA fliehen müssen. Sein 1957 auf Englisch und 1962 in erweiterter Form auf Deutsch erschienenes Werk „Matthias Erzberger und das Dilemma der deutschen Demokratie“ zeichnet sich nicht nur durch große Sensibilität für die politischen und gesellschaftlichen Verwerfungen der deutschen Geschichte des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts aus. Epstein vermochte auch vor dem Hintergrund seiner genauen Kenntnisse der politischen Kultur Amerikas Erzbergers Wirken in bis heute anregender Weise mit der schwierigen Durchsetzung der Demokratie in Deutschland interpretatorisch zu verbinden sowie antiparlamentarische und antidemokratische Vorbehalte zu überwinden, die lange Zeit den bundesrepublikanischen Blick auf Erzbergers politisches Wirken verstellten.

Die tiefgreifenden Veränderungen der westdeutschen Gesellschaft in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren waren der Hintergrund für neue Bemühungen, Erzberger einer breiteren Öffentlichkeit positiv in Erinnerung zu rufen. 1971 würdigte der sozialdemokratische Bundesfinanzminister Alex Möller in einem kleinen Büchlein Erzbergers große finanzpolitische Leistungen und seinen Einsatz für die Demokratie. Zwei Jahre später erschien eine anregende biografische Skizze aus der Feder des bekannten Tübinger Politologen Theodor Eschenburg und zu Erzbergers 100. Geburtstags brachte die Deutsche Bundespost 1975 eine Sondermarke heraus. Jenseits der Jubiläen und des innenpolitischen Wandels in der Bundesrepublik prägten auch der Kalte Krieg und die Ost-West-Rivalität diese geschichtspolitischen Bemühungen. Denn trotz oder gerade wegen der Neuen Ostpolitik wollten bundesrepublikanische Politiker und Publizisten die Erinnerung an die demokratischen Traditionen der deutschen Geschichte nicht der DDR überlassen.

Doch zunächst fanden diese Vorstöße wenig breitenwirksamen Widerhall. Erst seit den 1980er Jahren zeigten sich allmählich Veränderungen von „unten“. Mit einer Vielzahl von Vorträgen und kleinen Ausstellungen gibt der Vorsitzende des Wilhelm-und-Lousie-Zimmermann-Geschichtsvereins, Günter Randecker, bis heute wichtige Anstöße zur Pflege der Erinnerung an Matthias Erzberger. Unabhängig davon wurden eine Reihe von Ebert-Erzberger-Rathenau-Denkmälern von lokalen Geschichtsinitiativen wieder errichtet. Schließlich fand Erzberger als Namensgeber für Straßen oder Plätzen wieder verstärkt Berücksichtigung.

Im Laufe der letzten Jahre gewann Erzbergers Geburtshaus in Buttenhausen für die Erinnerungspolitik zunehmendes Gewicht. Institutionellen Ausdruck fand diese Entwicklung darin, dass die Stadt Münsingen das Gebäude kaufte. Das Haus der Geschichte Baden-Württemberg errichtete als Kooperationspartner der Stadt 2004 dort eine moderne Ausstellung und setzte so ein Projekt um, dessen Realisierung die baden-württembergische Landesregierung 2001 in ihren Koalitionsvertrag aufgenommen hatte. Aber auch an anderen Orten – vor allem im deutschen Südwesten – besteht heute eine lebendige Erzberger-Erinnerungskultur.

Nach vielen Jahrzehnten intensivster geschichtspolitischer Kämpfe um die Deutung Erzbergers ist die Zeit der Kontroversen vorbei. Die diesen Auseinandersetzungen zugrundeliegenden gesellschaftlichen und politischen Konflikte sind Vergangenheit. Damit entfielen aber auch die traditionellen Anknüpfungspunkte, an denen positive wie negative Erzberger-Deutungen lange Zeit ansetzten und im kollektiven Gedächtnis präsent blieben. Verstellten früher die Auswirkungen tiefer Verwerfungen in der deutschen Gesellschaft den Blick auf diesen Wegbereiter deutscher Demokratie, so droht heute eher die Gefahr des Vergessens. Daher sollen hier Erzbergers politische Leistungen als Wegbereiter deutscher Demokratie in den gesellschaftlichen Großkonflikten seiner Zeit noch einmal vor Augen geführt werden.

Anwalt der kleinen Leute

Matthias Erzberger wurde am 20. September 1875 in einem kleinen Dorf auf der Schwäbischen Alb unweit von Münsingen geboren. Sein Vater Josef war Schneider gewesen, der aus dem benachbarten Gundelfingen nach Buttenhausen gezogen war, da er in seiner alten Heimat nicht genügend Arbeit gefunden hatte. Von der neuen Heimat versprach er sich eine Besserung seiner wirtschaftlichen Lage. Anfang der 1870er Jahre zählte Buttenhausen noch zu den Dörfern, deren Bevölkerung insbesondere durch den Zuzug von Juden wuchs.

Josef Erzberger heiratete 1873 eine Bauerntochter, die aus der Nähe Buttenhausens stammte und die wie er katholisch war. In unmittelbarer Nähe zur jüdischen Synagoge kauften die Erzbergers ein Haus im ehemals jüdischen Teil des Dorfes, der rechts der Lauter unterhalb des jüdischen Friedhofs lag. In dem zur einen Hälfte jüdischen, zur anderen Hälfte evangelischen Buttenhausen bildeten die Erzbergers zusammen mit wenigen anderen Katholiken eine kleine religiöse Minderheit, die im Nachbarort Bichishausen den sonntäglichen Gottesdienst besuchte. In der dortigen Kirche wurde der kleine Matthias zwei Tage nach seiner Geburt getauft. Zusammen mit fünf jüngeren Geschwistern wuchs Matthias Erzberger in Buttenhausen auf. Die katholischen Eltern ließen ihre Kinder in Buttenhausen die evangelische Volksschule besuchen, da der Ort zwar auch eine jüdische, aber keine katholische Lehranstalt besaß.

Die Lehrer erkannten die besonderen Fähigkeiten des jungen Matthias und überredeten den Vater, seinem begabten Sohn die Ausbildung zum Volksschullehrer zu ermöglichen. Im Alter von 13 Jahren wechselte Matthias Erzberger für das letzte Schuljahr auf die katholische Volksschule in Bichishausen, um sich auf die Aufnahmeprüfung für den ersten Teil der Volksschullehrerausbildung an der Präparandie vorzubereiten. Während dieser Zeit wohnte er bei seinen Großeltern im benachbarten Gundelfingen und übernahm nach seiner Erstkommunion 1888 in Bichishausen Ministrantendienste.

Seine überschaubare Heimat im Lautertal musste Erzberger mit 14 Jahren verlassen, als er zur Vorbereitung auf das Lehrerseminar auf die Präparandenanstalt in Schwäbisch Gmünd wechselte. Aufgrund herausragender Leistungen konnte er die dortige 3-jährige Ausbildungsphase um ein Jahr verkürzen und ab Mai 1891 das katholische Lehrerseminar in Saulgau besuchen. Nach der sich industrialisierenden Garnisonsstadt Schwäbisch Gmünd mit einer zu zwei Dritteln katholischen Einwohnerschaft lernte der junge Erzberger nun die Verwaltungsstadt im katholischen Oberschwaben kennen. In dieser Region stellten Protestanten und Juden – die Verhältnisse in Erzbergers Heimat Buttenhausen umkehrend – verschwindend kleine Minderheiten. Wie Erzberger auf diese neuen Erfahrungen und auf die ungewohnte städtische Lebenswelt reagierte, wissen wir leider nicht.

Während seiner Ausbildung auf dem Lehrerseminar entwickelte der Heranwachsende erstes Interesse an Politik. Versuche der Seminarlehrer, die Schüler von der Lektüre politischer Zeitungen abzuhalten, fruchteten nichts. Wie seine Mitschüler las er alle Tageszeitungen, derer er habhaft werden konnte – unabhängig von deren politischer Ausrichtung. Dabei bevorzugte er anders als seine auf lokale Blätter ausgerichteten Kurskameraden das Stuttgarter Deutsche Volksblatt, das Sprachrohr des württembergischen Katholizismus, für das er später arbeiten sollte. Erste Versuche Erzbergers, im kleinen Kreis Ansätze von politischen Reden zu halten, stießen auf spöttische Ablehnung seiner Mitschüler. Im Seminar selbst wusste man um seine kirchlich-konservative Einstellung, doch hielt er sich politisch völlig zurück, obwohl in der Öffentlichkeit und im katholischen Lehrerverein Württembergs zu dieser Zeit heftig darüber gestritten wurde, ob nicht die geistliche Schulaufsicht abgeschafft und den Lehrern mehr Unabhängigkeit vom lokalen Geistlichen eingeräumt werden sollte. Erst Jahre später sollte Erzberger sich zu diesen Themen öffentlich äußern.

Eine andere Seite von Erzbergers Charakter zeigt sich hingegen schon im Seminar: Mitschüler und Lehrer erinnerten sich noch Jahrzehnte später, dass er immer bereit war, als eine Art informeller Schülervertreter bei der Seminarleitung vorzusprechen – mit großem Erfolg, wie der Direktor rückblickend betonte und ausdrücklich darauf hinwies, er habe „dem Matthias“ nichts abschlagen können.

Nach dem sehr erfolgreich bestandenen Examen – nur Zeichnen, Musik und Turnen waren nicht seine Sache – trat Erzberger zum 23. November 1893 seine erste Stelle als Lehrgehilfe in einem kleinen Dorf namens Marbach an, das in der weiteren Umgebung von Bad Saulgau liegt. Die Abgeschiedenheit dieser kleinen Ansiedlung nutzte Erzberger, um seine Bildungslücken zu verringern. Denn im Wilhelminischen Deutschland galt das Volksschullehrerexamen als minderwertiger Bildungsabschluss. Lehrer mit Universitätsausbildung beispielsweise – sie zählten sich zum Bildungsbürgertum – schauten geringschätzig auf ihre Kollegen an der Volksschule herab. Im Alltag dienten lateinische und altgriechische Zitate und Anspielungen auf die antike Kultur dazu, die sozialen Unterschiede deutlich zu machen und Volksschullehrern ihre fehlende Bildung aufzuzeigen. Erzberger war sich dieser weit verbreiteten Praxis bewusst und wandte in Marbach viel Energie auf, um seine Kenntnisse in Latein und in antiker Kultur aufzubessern. Darüber hinaus verfolgte Erzberger aufmerksam die württembergische Politik und den Wandel der politischen Landschaft. Dem Deutschen Volksblatt soll er angeblich erste Artikel zugesandt haben.

Politische Anfänge

Im Januar 1895, gegen Ende seiner Marbacher Zeit, betrat der junge Lehrgehilfe mit einem kleinen Paukenschlag die politische Bühne der oberschwäbischen Provinz. In Saulgau hatte die linksliberale Demokratische Volkspartei zu einer Wahlkampfveranstaltung eingeladen, auf der der Wahlkreiskandidat der Partei, Carl Platz, und sein eigens aus Stuttgart angereister Parteifreund Conrad Haußmann auftraten. Trotz seines noch jungen Alters griff der 19-jährige Erzberger die beiden Liberalen energisch an, nachdem er sich schon am Vortag in Moosheim mit Platz öffentlich gestritten hatte. Hier wie dort war die volksparteiliche Forderung, die geistliche Schulaufsicht abzuschaffen, Stein des Anstoßes. Der junge Lehrgehilfe sprach sich für deren Beibehaltung aus und attackierte die Volkspartei als religionslos, worauf Rufe „Hinaus mit ihm“ erschallten. Erzberger wurde aber nicht des Raumes verwiesen, vielmehr antwortete Haußmann ausführlich. Dieses Rededuell schlug sich sogar über die regionalen Zeitungen hinaus im Deutschen Volksblatt nieder – allerdings ohne dass Erzberger namentlich genannt wurde. Vor Ort führten Erzberger und Platz ihre Diskussion weiter, indem sie sich in den lokalen Tageszeitungen eine „Artikelschlacht“ lieferten, bis die Wahl vorüber war.

Der junge Marbacher Lehrgehilfe vertrat hierbei die Positionen der erst wenige Tage zuvor in Ravensburg gegründeten katholischen Zentrumspartei Württembergs, die mit ihrem Einzugin den Landtag bei den Wahlen 1895 einen politischen Erdrutsch auslöste. Bemerkenswert ist nicht nur, wie gut Erzberger über die junge Partei und ihre politischen Positionen informiert war, obwohl er – soweit wir wissen – nicht bei der Parteigründung anwesend war. Außergewöhnlich war auch sein Alter bei seinen ersten politischen Auftritten in der Öffentlichkeit, denn er war mit seinen 19 Jahren noch gar nicht wahlberechtigt.

Wenige Wochen später verließ Erzberger Marbach und trat am 27. Mai 1895 eine neue Stelle als Lehrgehilfe in Göppingen an. Hier stürzte sich Erzberger neben seiner Lehrtätigkeit wieder in politische Auseinandersetzungen. In Saulgau hatte Erzberger das politische Establishment der Volkspartei und deren Honoratiorenpolitiker angegriffen. Im evangelischen und industrialisierten Filstal wandte er sich gegen eine politische Kraft, die ebenso wie das katholische Zentrum die etablierten Parteien herausforderte: die noch junge, aber schon gut organisierte Sozialdemokratie. Dabei führte Erzberger nicht nur wie bisher politische Auseinandersetzungen, sondern wirkte unter Anleitung des Göppinger Stadtpfarrers auch daran mit, ein katholisches Vereinswesen als Schutz gegen Glaubensabfall und „Sozialismus“ auf- und auszubauen. Parallel dazu schrieb er für das Deutsche Volksblatt unter den Kürzeln „E.“ und „me.“ in regelmäßigen Abständen Kurzberichte über lokale Vorkommnisse in Göppingen, sei es nun über den Kommunalwahlkampf, einen von der örtlichen SPD organisierten Vortrag Clara Zetkins oder über Veranstaltungen des katholischen Gesangvereins Caecilia.

Zum 5. Februar 1896 nach Feuerbach versetzt, führte Erzberger sein Engagement im katholischen Vereinswesen und seine gelegentliche journalistische Tätigkeit für das Deutsche Volksblatt weiter. Vermutlich in diese Feuerbacher Zeit fällt eine Begegnung mit dem Chefredakteur des Deutschen Volksblattes, Joseph Eckard, die der Reichstagsabgeordnete und frühere Stuttgarter Arbeitersekretär Josef Andre 1927 beschrieben hat. Bei einem Kurs, der Katholiken aus klein- und unterbürgerlichen Schichten Hilfe zur Selbstorganisation und praxisbezogenes Wissen in sozialen Fragen vermitteln sollte, um sie gegenüber der Sozialdemokratie zu immunisieren, beeindruckte Erzberger den vortragenden Geistlichen so durch sein enormes Gedächtnis und seine Fähigkeit, den vorgetragenen Stoff strukturiert wiederzugeben und kritisch zu erörtern, dass dieser ausrief: „Da habe ich ja ein politisches Genie entdeckt!“ Unabhängig davon, wie viel von dieser Erzählung wahr ist, bot Eckard Erzberger eine Stelle als Hilfsredakteur beim Deutschen Volksblatt an. Der junge Volksschullehrer schied daraufhin auf eigenen Wunsch am 27. Oktober 1896 aus dem Schuldienst aus und begann als hauptberuflicher Journalist bei der Zeitung, für die er schon mehrere Jahre kleine Beiträge geschrieben hatte. Gerade volljährig geworden, konnte er ab diesem Zeitpunkt seine ganze Arbeitskraft der Politik widmen.

Für die Interessen der katholischen Minderheit in Württemberg

Erzberger setzte sich vehement für die Interessen der katholischen Minderheit in Württemberg ein.

Dazu veröffentlichte er nicht nur unzählige Zeitungsartikel, sondern schrieb auch eine Reihe von Broschüren und ein Buch. Darüberhinaus warb er in einer Vielzahl von Reden für seine politischen Ansichten. Anfangs noch kaum bekannt und einer unter vielen Hunderten, die sich für die junge Zentrumspartei einsetzten, gelang es ihm im Laufe weniger Jahre, überregional bekannt zu werden und in den Kreis der wichtigeren Zentrumspolitiker Württembergs vorzustoßen. Trotz seiner Kontakte zum engsten Führungskreis der Partei gehörte der junge aufstrebende Politiker diesem aber selbst noch nicht an.