Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Tierische Mordermittlung Auf dem Mittelaltermarkt im Maximilianpark in Hamm wird der Waffenschmied Erik tot aufgefunden, erschlagen mit einer seiner Äxte. Die markerschütternden Schreie des Esels, der an ein Bein des Mordopfers gebunden wurde, schallen über das Gelände, der monumentale Glaselefant ragt als stummer Zeuge des grausamen Geschehens in die Höhe ... Dieser Fall scheint wieder einmal wie geschaffen, um dem tierphobischen Kommissar Horst Schmitt die Freude am Ermitteln zu verleiden. Zusammen mit seinem Kollegen Kemper bezieht er ein Zelt, um rund um die Uhr am Ort des Geschehens zu sein, doch was vordergründig nach munterem Lagerleben und Alkohol im Dienst klingt, wird schon bald gefährlicher Ernst …
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 398
Veröffentlichungsjahr: 2024
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Sabine Gronover
Bisher von der Autorin bei KBV erschienen:
Wölfe im Münsterland
Edles Geblüt
Die Rotte
Falkenmord
Sabine Gronover, geboren 1969 in Hamm-Heessen, studierte Diplom-Pädagogik und Kunsttherapie an der WW Universität Münster und arbeitet als Therapeutin an der LWL-Klinik Münster sowie auf einer Palliativstation und im Hospiz. Sie lebt mit ihrer Familie und einigen Tieren auf dem Land in Mersch-Drensteinfurt.
Maxipark ist der fünfte Teil ihrer Münsterland-Krimireihe bei KBV. www.sabinegronover.de
PROLOG
1. KAPITEL
2. KAPITEL
3. KAPITEL
4. KAPITEL
5. KAPITEL
6. KAPITEL
7. KAPITEL
8. KAPITEL
9. KAPITEL
10. KAPITEL
SABINE GRONOVER
Originalausgabe
© 2024 KBV Verlags- und Mediengesellschaft mbH, Hillesheim
www.kbv-verlag.de
E-Mail: [email protected]
Telefon: 0 65 93 - 998 96-0
Umschlaggestaltung: Ralf Kramp
unter Verwendung von © Michael - stock.adobe.com
Lektorat: Nicola Härms, Rheinbach
Druck: CPI books, Ebner & Spiegel GmbH, Ulm
Printed in Germany
Print-ISBN 978-3-95441-697-4
E-Book-ISBN 978-3-95441-708-7
Erik wachte schweißgebadet zwischen seinen Fellen auf. Er spürte die Feuchtigkeit zwischen den Schenkeln und im Nacken und strampelte sich erst mal frei. Dann ahnte er, warum er überhaupt wach geworden war. Harndrang. Mist. Das Mittelalterambiente verlor angesichts dieses ganz profanen Bedürfnisses augenblicklich seinen Charme, erst recht bei Nacht. Erik schlurfte durch sein Zelt Richtung Ausgang. Die schwere Holztruhe, die er gestern ins Zelt getragen hatte, wurde seinem kleinen Zeh zum Verhängnis. Rechts befand sich der Lichtschalter, der ruckzuck das Schlafzimmer erhellte – zu Hause jedenfalls. Hier im Lager der selbst gewählten Abenteuerromantik gab es nur vereinzelt Steckdosen und schon gar keine Deckenbeleuchtung. Er tastete sich weiter vor und hielt dann inne. Ein Geräusch, so als rupfte jemand Gras, war außerhalb der Zeltwand deutlich zu hören. In seinem Garten konnte er nachts schon einmal Igel schmatzen hören, doch das da draußen klang irgendwie anders, eigentlich sogar sehr entspannt. Erik stand in seinem Zelt und horchte. Das Geräusch veränderte sich, jemand stapfte über die Wiese. Vermutlich ein betrunkener Geselle, der sein Zelt suchte.
Gestern erst waren sie alle hier im Maxipark in Hamm eingetrudelt, die Handwerker, Gaukler und Speisenverkäufer. Heute war Ankunft und Aufbau gewesen. Er hatte viele alte Bekannte wiedergetroffen und ein paar neue Bewunderer. Am morgigen Freitag würde es noch besser laufen. Die Menschen liebten Mittelaltermärkte, und Erik liebte das Lagerleben, das Miteinander und die vage Illusion, mittendrin zu sein in der Zeit der Krieger und Händler.
Er wartete noch ein wenig, es musste ja nicht jeder mitbekommen, dass er der Einfachheit halber das nächste Gebüsch aufsuchte. Denn natürlich gab es auch sanitäre Anlagen. Ein paar Toilettenwagen standen verteilt ums Lager herum, und der Maxipark besaß ohnehin einige Gebäude mit Toiletten. Er zog eine Lederweste über sein grobes Leinenhemd und hoffte, bei Mondschein ausreichend Sicht zu haben. Seine Stiefel standen draußen und waren aus echtem weichem Leder, sauteuer, weil von Hand nach altem Muster genäht. Es war verpönt, nur so zu tun als ob. Die Kleidung, das Inventar und das Material sollten bei einem Mittelaltermarkt weitgehend authentisch sein. Machte aber nicht jeder. Erik zum Beispiel hatte Plastikverpackungen im Zelt stehen und diese mit einem Vorhang verdeckt. Eine frische Apfelschorle aus der Flasche war einfach leckerer, als im trüben Tümpel nach Labsal zu fischen.
In der Ferne hörte er sanftes Gelächter, ein paar Teilnehmer hockten also noch immer am Feuer und tranken gegen die Herbstkälte an. Er hielt sich an der Zeltstange fest und bückte sich nach dem ersten Stiefel. Die langen Haare, mehr grau als braun, fielen ihm wie eine Gardine vor das Gesicht. Immerhin hatte er noch genug davon. Sein jüngerer Bruder hatte die frühe Kahlköpfigkeit des Vaters geerbt. Als er daran dachte, stieg seine Laune wieder. Er fasste den Schaft und schlüpfte hinein. Dicke Socken hatte er sowieso an. Er tastete nach dem zweiten Schuh, doch außer feuchter Wiese und ein bisschen Schotter fand er nichts. Verflucht. Wo war der zweite Stiefel? Eine dicke Wolke schob sich vor den Mond. Es wurde stockfinster, und es roch erdig und nach baldiger Kälte und Herbstlaub. Neben sich hörte er ein schleifendes Geräusch, er spürte die Anwesenheit eines Lebewesens. »Hey, wer ist da?«
Erik riss die Augen auf, um besser sehen zu können. Plötzlich bekam er einen Stoß in den Rücken und fiel vornüber. Scheiße. Er drehte sich panisch um, damit er bloß nicht irgendeinem Angreifer den Rücken präsentierte, und tastete mit den Händen nach vorne. Es war wirklich zu dunkel. Hinzu kam Bodennebel, sodass er einfach nichts sehen konnte. Seine Hände stießen auf einen Widerstand. Es fühlte sich beinahe kuschelig an. Und warm. Er wollte gerade losschreien, da gab die Wolke den Mond wieder frei. Ein großer Kopf mit langen Ohren blickte ihn aus dunklen Kulleraugen an, im Maul baumelte sein zweiter Stiefel.
»Du alter Schlawiner stehst also auf Lederwaren.« Erik saß im Gras, den Po bereits komplett durchnässt, und musste lachen. Erleichtert und amüsiert. Die Geschichte würde am Morgen beim ersten Kaffee für Spaß sorgen.
Vorsichtig zog er den Stiefel aus dem Maul des Esels, der da vor ihm stand und mindestens genauso amüsiert wirkte wie Erik. Er hatte schon gehört, dass es Esel auf dem Gelände gab. Tiere waren vor allem für Kinder immer ein Anziehungspunkt. Auch ein Falkner gab mehrmals am Tag Vorstellungen. Dieser Geselle hier war also ausgebüxt. Doch zunächst hatte nun seine Blase Vorrang, danach würde er sich wohl etwas anziehen und den Besitzern des Esels Bescheid geben müssen. An Schlaf war nicht mehr zu denken.
Erik verschaffte sich Erleichterung und schob dann den schweren Stoff am Zelteingang zur Seite, um wieder hineinzuschlüpfen. Er blickte sich um, ob sein tierischer neuer Freund ihm auch nicht folgte, doch der stand nun wie angewurzelt zwei Meter hinter ihm und starrte in sein Zelt.
»Oh nein, du kommst hier ganz sicher nicht rein. Geh zu deinen Kollegen.«
Der Esel blieb stocksteif stehen, nur die Nüstern bewegten sich. Na klar, die Viecher waren ja bekannt für ihre Sturheit.
»Ich ziehe mir kurz etwas über, und dann machen wir beiden Nachtschwärmer mal einen Spaziergang.«
Erik wandte sich um und erhielt einen Schlag gegen die Schulter, der ihn zwar nicht von den Füßen riss, ihm aber die Luft zum Atmen nahm. Ein ungeheurer Schmerz breitete sich in der Schulter aus, und er war nicht mehr in der Lage, seinen rechten Arm zu heben. Bevor er schreien konnte, sah er seine eigene Streitaxt ein zweites Mal auf sich zukommen. Die scharfe Klinge und die wellenförmige geschwungene Ausführung, an der bereits sein eigenes Blut klebte, erkannte er trotz Panik, Schmerz und Schwäche. Fast durchfuhr ihn ein paradoxes Gefühl von Trost, weil er durch seine Lieblingswaffe sterben würde, auch wenn eine solche Waffe zu Größerem bestimmt war. Einen mittelalten müden und unbewaffneten Mann im Nachthemd so zu töten, war jedenfalls alles andere als ritterlich. Ein weiterer gewaltiger, alles betäubender Schlag traf ihn, dann brach Erik, der Freizeit-Wikinger, zusammen. Ein grauer Esel mit langen Ohren als Zeuge der blutigen Tat blieb zurück.
Kommissar Schmitt blickte in das Gesicht seines jungen Kollegen. Vor Ekel hatte der die Oberlippe hochgezogen, sodass Schmitt ein paar weiße, kräftige Schneidezähne sehen konnte.
»Puh, die nehmen es hier aber genau mit der Authentizität.« Dirk Kemper blickte auf Schweinepfoten, die in einer tiefen Pfanne in reichlich Fett vor sich hin brutzelten.
Der Geruch war durchaus annehmbar, fand Schmitt, aber der Anblick gewöhnungsbedürftig. Und sicher wollte auch der Kommissar nicht in eine solche Pfote beißen, egal wie lange sie im Fett gebacken worden war. Die Dinger sahen einfach noch zu sehr nach einem Schwein aus. Üblicherweise stufte man diese Speise heute wohl eher als Tierfutter ein. Da sagte ihm der nächste Stand deutlich mehr zu, denn hier gab es frisch gebackenes Steinofenbrot und Schmalz und einen Duft wie aus Großmutters Plätzchenbäckerei. Klar, hier verweilte sein Kollege Dirk, der inzwischen weitergegangen war, eindeutig lieber, er blickte verzückt auf die Ware. »Ein Schmalzbrot und zwei Rosinenbrötchen bitte«, bestellte der junge Polizist und reichte seinem Chef dann großzügig ein Brötchen.
Schmitt drängelte: »Komm schon, wir sind nicht zum Vergnügen hier, Dirk.«
Der folgte dem Kommissar genussvoll kauend. »Als ich hörte, dass wir in Hamm aushelfen müssen, weil die Dortmunder Kollegen fast alle durch ein Norovirus ausgeknockt sind, war ich nicht gerade begeistert, Chef. Ich war nämlich mal als Teenager in Hamm und habe mir lauter Rußflecken zugezogen. Mein Vater hatte mich zu einer Grubenfahrt mitgenommen, und ich fand es da unten nur stickig, düster und dreckig. War echt nicht mein Ding. Über tausend Meter runter in die Erde, eine Höllenfahrt im wahrsten Sinne des Wortes. Aber dieser Fall hier verspricht doch eine gewisse Abwechslung.«
Geschmacklich war die erste Kostprobe hier auf dem Markt jedenfalls einwandfrei, musste auch Schmitt feststellen und biss in die letzten Reste seines saftigen Rosinenbrötchens.
Die Menschentraube, die sich zehn Meter weiter vor dem Absperrband der Polizei versammelt hatte, wirkte auf den ersten Blick bizarr. Alle trugen Kleidung, die Schmitt mehr oder weniger der Wikingerzeit zuordnen würde. Der Mittelaltermarkt in Hamms beliebtem Maxipark ging über mehrere Tage, und die ambitionierten Veranstalter, darunter viele Ehepaare, führten in dieser Zeit ein offenes Lagerleben mit Zelten, die der Mittelalterzeit entsprachen. Das Zubehör wie Betten und Kochutensilien zeugte allesamt von diesem Zeitgeist. Und das alles bei Temperaturen, die sich nachts durchaus im einstelligen Bereich befinden konnten. Heute Morgen waren es gerade mal acht Grad. Kein Wunder, dass die meisten dicke Felle und mehrere Schichten Stoff trugen. Vielleicht machte diese Kleidung etwas mit den Menschen, denn sie alle wirkten betroffen, aber gefasst. Dies war angesichts des Anblicks, der sich den beiden Beamten nun bot, nicht selbstverständlich.
Die Leiche lag halb in ihrem Zelt, bäuchlings in einem weißen knielangen Hemd, auf dem die Blutspritzer allzu deutlich hervorstachen. Über dem Hemd, das hier wahrscheinlich als Nachthemd fungierte, trug der große und kräftige Mann eine Lederweste. Seine Füße steckten in genähten Lederstiefeln. Der eine Arm lag in einem merkwürdigen Winkel abgespreizt auf dem Boden, der andere schlaff neben dem Bein. Schmitt hörte, wie sein junger Kollege die Luft zwischen den Zähnen einzog. Die Klinge einer interessanten Axt steckte tief im Kopf des Mannes. Selbst für den hartgesottenen Kommissar war dieser Anblick neu. »Oh Gott, wie gruselig«, hörte er Dirk leise sagen, als sie das Zelt betraten.
Er musste ihm zustimmen. »Ja, da wird die Rechtsmedizin mal Augen machen. Ist ein Bestatter für den Transport schon informiert?« Letzteres fragte er eine Polizistin, die den Tatort gesichert hatte. Sie schüttelte betroffen den Kopf. »Dirk, kümmer dich mal darum. Dirk?« Jetzt erst bemerkte er, dass sein Kollege gar nicht so entsetzt auf die Kopfwunde starrte, sondern auf das Holzbett. Jemand hatte etwas an dem Kopfteil befestigt. Schmitt ging näher heran und beugte sich vor. »Bizarr, das ist eine Fledermaus.«
»Iiiigit! Ich hasse diese Viecher. Sie ist tot, oder?«
Schmitt richtete sich aus seiner gebückten Position wieder auf und schüttelte den Kopf. Er hatte nicht gewusst, dass sein Lieblingskollege, der es sonst mit jedem Höllenhund aufnahm, so ein Theater um eine Fledermaus machte. »Also wirklich, Dirk. Sie ist mit einem alten Nagel durch die Brust an ein Holzbrett getackert worden. Wie viel Leben sollte wohl noch in ihr stecken? Entsetzen und Ekel empfinde ich beim Anblick dieser Brutalität hier.«
Der Kommissar wandte sich nun an die Gruppe, während der Kollege bei einem Bestatter anrief, um die Leiche in die Rechtsmedizin nach Münster bringen zu lassen. »Wer von Ihnen hat die Leiche gefunden?«
Ein kleiner dünner Mann mit Spitzbart und kurzem Zopf schob sich nach vorne. »Das war ich! Wir beide trinken morgens immer zusammen einen Kaffee mit Met, der Erik und ich. Bei ihm. Ich habe den Erik erst gar nicht gesehen, denn da stand ja der Esel davor.«
»Was für ein Esel?« Schmitt wagte einen Schulterblick, aber außer den Menschen, die hier herumstanden, sah er zum Glück kein Tier. Die Bezeichnung Esel traf aber auch oft auf Menschen zu, wusste er.
»So ein grauer. Sie werden doch Esel kennen. Der muss ausgebüxt sein. Es gibt hier eine Frau, die hat Esel dabei. Vier Stück. Ist so ’ne Therapiesache, sagt sie. Es tue gut, mit denen spazieren zu gehen. An ihrem Stand gibt es auch Produkte vom Esel zu kaufen. Na ja, jedenfalls stand einer von denen vor Eriks Zelt, und ich habe erst mal einen Witz gemacht. ›He, Erik, trinkst du deinen Kaffee jetzt mit Eselmilch?‹ So was in der Art. Da öffnet das Tier laut das Maul und schreit Iaaaaah, dass mir Hören und Sehen vergehen. Der war nämlich festgebunden. An seinem Bein.«
Schmitt blickte Dirk an, weil er wissen wollte, ob der Mann auf den Kollegen einen schwachsinnigen oder verwirrten Eindruck machte. Dirk hob ganz leicht die Schultern, starrte aber weiterhin zum Bett. Also fragte Schmitt weiter und bat die kleine Menschenmenge um Ruhe. »Der Esel war an seinen eigenen Beinen festgebunden, habe ich das richtig verstanden?«
»Nein, Herr Kommissar, das haben Sie falsch verstanden.« Der Zeuge betonte nun jedes Wort: »Der Esel hatte einen Strick um den Hals und war mit selbigem an dem Bein des Toten festgebunden. Und der Tote war mein Freund Erik. Es geht mir nicht gut, Herr Kommissar. Ich bin voll Freude auf unser Morgenritual heute Früh durch die frische Luft hierhergeeilt, und ich habe einen Freund verloren und stand vor einem Esel wie der Ochs vorm Berg! Und einen Metkaffee oder irgendeinen Kaffee hatte ich auch noch nicht, verdammt!« Er zog die Nase hoch, und Schmitt fragte sich, ob ein Kaffee wohl trösten könnte.
»Einen Kaffee mit Honigwein? Das ist nicht Ihr Ernst, oder?« Dirk hatte sich endlich vom Anblick der toten Fledermaus losreißen können und riss nun erstaunt die Augen auf.
Der Kleine spuckte aus und verschränkte die Arme vor der Brust. »Das ist sogar richtig lecker, macht warm und glücklich.« Bei dem letzten Wort starrte er gar nicht glücklich auf seinen toten Freund und setzte hinzu: »Das Teil da in seinem Kopf ist übrigens seine eigene Axt. Die Bartaxt hat er selbst geschmiedet. Dieses Handwerk machte dem Erik keiner so schnell nach. Er war ein echter FrühMi. Grüß Walhalla von mir, alter Freund.« Traurig schüttelte der kleine Mann den Kopf und wischte dann seine Finger an seiner Lederschürze ab, um dem Kommissar die Hand zu reichen. »Fritz Mertens.«
Schmitt nickte ihm freundlich zu und ergriff die Hand. »Kommissar Schmitt. Wir beide unterhalten uns jetzt mal, und gerne trinke ich dabei mit Ihnen einen Kaffee mit Met. Mein Kollege Kemper wird derweil die Namen und Adressen aller Mitstreiter hier notieren und unsere Visitenkärtchen verteilen. Ich bitte Sie höflich um Ihre Mitarbeit.« Den letzten Satz hatte Schmitt an die ganze Gruppe gerichtet, und sogleich ertönten ein paar Fragen. »Sind wir etwa alle verdächtig? Kann der Markt heute stattfinden?«
Schmitt überlegte kurz und nickte. »Ja, natürlich lasse ich nicht ein so großes Event platzen, es sei denn, ich muss davon ausgehen, dass weitere Gefahr droht. Herr Mertens, wo können wir in Ruhe reden?«
Wenig später fand er sich in einem geräumigen Zelt wieder, in dem es angenehm warm war und in relativ kurzer Zeit auch nach frischem Kaffee duftete. Ein Stuhl mit einem wuscheligen, verfilzten Fell darauf kam seinem kalten Po gerade rechtzeitig zu Hilfe, und Schmitt ließ sich darauf nieder. »Dann erzählen Sie mal ganz genau, wie sich das heute Morgen abgespielt hat und was Ihnen alles aufgefallen ist.«
»Ja, nix ist mir aufgefallen. Ich habe gestern noch lange mit ein paar Leuten von uns am Feuer gesessen und bin dann nicht ganz allein …«, er tippte vielsagend an seinen Kopf, »aufs Lager gegangen, also ins Bett, meine ich.« Er zeigte auf ein Holzgestell mit vielen Fellen darauf und einem Kissen, das hart wie ein Strohballen ausschaute. »Ich habe geschlafen wie ein Stein und mich heute Morgen nach einer Katzenwäsche zum Zelt von Erik begeben. Und dann habe ich den Esel gesehen. Die Geschichte ändert sich nicht, nur weil ich sie zweimal erzählen muss, nichts für ungut.« Er strich sich verlegen über sein Gesicht. Schmitt nickte ihm zu, und Mertens sprach weiter. »Als ich endlich gemerkt hatte, dass der Esel an meinem Freund festgebunden war, fing der, also der Esel, auch schon laut an zu brüllen. Ich glaube, das Tier fühlte sich auch nicht so wohl dabei, an einen Toten gebunden zu sein.«
Hier unterbrach Schmitt ihn. »Ist es nicht merkwürdig, dass der Esel sich offenbar keinen Schritt entfernt hat? Er hätte ja auch den toten Mann hinter sich her schleifen können und …«
»Oh nein, sprechen Sie nicht weiter. Die Vorstellung ist ja furchtbar, Erik, wie er von einem Esel durch das Gelände gezogen wird.« Mertens schlug sich die Hände vors Gesicht. »Aber Sie haben natürlich recht. Man sollte meinen, dass das Tier wegwollte. Als ich den Esel losgebunden habe, hat er mich groß angeschaut, voller Erwartung. Ich habe ihm dann einen Klaps auf den Po gegeben und gesagt, er solle nach Hause laufen. Und Sie werden staunen, aber der ist dann ganz flott von dannen gezogen, als hätte er jedes Wort verstanden.« Er machte eine kurze Pause. »Puh, und ich habe mich dann um Erik gekümmert. Vielmehr, ich wollte. Da wusste ich noch nicht, dass er mausetot war. Klar, die Axt war groß genug, um sofort zu sehen, was los war, aber irgendwie hat mein Gehirn das ausgeblendet. Ich habe ihn angesprochen, was ihm denn passiert sei. Wissen Sie, Herr Kommissar …«
»Ich heiße Schmitt.«
»Wissen Sie, Herr Schmitt, da rechnest du ja nicht mit, dass hier einer einfach umgebracht wird. Wir sehen aus wie wilde Kerle, aber wir leben doch im 21. Jahrhundert. Mit der eigenen Streitaxt erschlagen. Das ist doch krank!« Kopfschüttelnd schlurfte er zu einer Kanne und goss nochmals heißes Wasser auf den Filter. Das Kabel, das ihm Strom in sein Zelt brachte, hatte er unter dicken Fellen versteckt.
Der Kaffee mit einem Schuss Met schmeckte erst seltsam, dann aber wunderbar, fand Schmitt. Das Lagerleben, so erfuhr er, war für die meisten am Mittwoch oder Donnerstag mit der Anreise und dem Aufbau gestartet. Heute war Freitag, und der Markt begann in wenigen Stunden mit zigtausend Besuchern. Das würde eine Heidenarbeit werden, hier zu ermitteln. »Gab es Streit?«
»Nicht, dass ich wüsste. Die üblichen Neckereien und Konkurrenzkämpfe, wer den authentischsten Stand hat. Es gibt hier eine Menge Besserwisserei, aber die meisten kennen sich untereinander schon seit Jahren. Es ist eine Szene, Herr Schmitt, und es geht gar nicht um große Umsätze. Wir haben ja alle noch einen richtigen Beruf, nur ist das hier eben die Berufung.«
Schmitt blickte auf das gemütliche Innere des Zelts und fragte sich, wie es mit den sanitären Einrichtungen stand und ob er persönlich die Felle gegen seine Daunendecke tauschen wollte. Für einen Zopf besaß er nicht mehr genug Haare, und ein beheiztes großes Bad war ihm wichtiger als die abendliche Romantik am Feuer. Aber jeder, wie er mochte. »Können Sie mir ein paar Namen nennen, mit denen dieser Erik in engem Kontakt stand? Hatte er Familie?«
»Nein, er war zweimal geschieden, hat er erzählt, und es gibt eine Tochter aus der ersten Ehe seiner ersten Frau. Aber die wohnt irgendwo am Rhein. Wenn wir ein Lager in ihrer Nähe hatten, haben die beiden sich auch getroffen, aber allzu eng war der Kontakt nicht. Sie heißt Ines Fischer.«
Schmitt machte sich Notizen und fragte dann nach Eriks vollem Namen.
Verlegen kratzte sich der dünne Mann am Kopf und sagte dann: »Also, manche von uns benutzen hier andere Namen, und ich kenne den Erik halt nur unter Erik, aber ich glaube, sein echter Vorname war Martin, der Nachname lautete Pieper.«
Schmitt blickte auf. »Sie meinen, Sie nutzen Künstlernamen?«
»Also, so wie Sie das sagen, klingt das sogar toll. Ja, genau. Einige benutzen Künstlernamen. Wir fahren ja beinahe das ganze Jahr durchs Land mit diesen Märkten. Das ist nicht nur ein schöner Nebenverdienst, das ist eine Lebenseinstellung, ein Statement.« Laut schlürfte Fritz Mertens seinen Kaffee leer. »Daher kennt man sich untereinander auch recht gut, bis auf ein paar Ausnahmen.«
Schmitt griff nach seinem Handy und gab Kemper eine Anweisung, sich um die Papiere des Toten zu kümmern. Dann wandte er sich wieder an seinen ersten Zeugen. »Ganz spontan, Herr Mertens, was könnte ein mögliches Motiv für den Mord gewesen sein? Hatte er Streit mit jemandem? Gab es Neider?«
»Erik konnte sehr direkt sein. Möglich, dass er jemandem auf die Füße getreten ist. Vor einiger Zeit hatte er auch mal Ärger mit einer Motorradgang. Er sollte Kurzmesser für sie schmieden, aber die waren ihm zu weit rechts, wenn Sie verstehen, was ich meine. Mehr weiß ich nicht … Oh nein.« Draußen waren Stimmen zu hören, weibliche Stimmen, die eine mit einem angenehmen tiefen Timbre, die andere weich und eher hoch.
Schmitt schaute neugierig zum Zelteingang, während der Zeltbesitzer sich duckte, als käme Gefahr von oben. »Das Dicke Doppel. Verstecken Sie sich, Herr Schmitt, mit denen ist nicht zu spaßen.«
* * *
Dirk wünschte, er hätte sich seine Wanderstiefel angezogen, die er noch aus einem Urlaub in Bayern im Schrank stehen hatte. Hier auf dem feuchten Boden und in dem hohen Gras bekam er schneller nasse und vor allem kältere Füße als seine Freundin Ella beim Zubettgehen.
»Wie heizen Sie hier eigentlich die Zelte?«, fragte er den Mann, dessen Kontaktdaten er gerade notiert hatte.
Frank Steiner hatte im Lager zusammen mit seiner Frau Gerda einen Stand mit Korbwaren. »Gar nicht, alles soll so authentisch wie möglich sein. Es gibt auch nur in Ausnahmen Strom. Wir setzen uns halt ums Feuerchen. Das hier ist aber der letzte Termin im Jahr, bei dem wir tatsächlich noch im Zelt schlafen.«
Klar, dachte Dirk, nur dass er hier kein Feuerchen sah, nicht mal eine Kerze. »Gibt es hier irgendwo einen Kaffee?«
Frank Steiner nickte. »Meine Frau besorgt uns bestimmt welchen vom Stand. Die Essensstände haben natürlich eine Stromversorgung, wir wollen ja Gäste anlocken und auch gut bewirten.«
Seine Frau Gerda kam um die Ecke und hielt eine Falle in die Höhe, in der eine besonders große Ratte ihr Leben gelassen hatte. Und dabei zog sich ein Grinsen über ihre breiten Wangenknochen.
»Bleiben Sie mir bloß vom Leib damit.« Dirk hob abwehrend die Hände. »Wie kann man sich denn so über eine tote Ratte freuen?«, fragte er angewidert.
Frau Steiner hob die Augenbrauen. »Na, hören Sie mal, keiner freut sich über eine lebendige Ratte oder sind Sie so ein übereifriger Tierschützer?«
»Nein, ich bin ein eifrig um Hygiene bemühter Mensch, also gar keine Ratten.« Dirk stöhnte.
»Wo Menschen sind, gibt es Ratten«, sagte Frau Steiner, öffnete die Falle und zog die fette Beute beherzt am Schwanz heraus. Sie tat dies mit bloßen Händen. Keine Frage, zu ihrem derben Aussehen passte das, fand Dirk. Ein beigefarbener grob gewebter Rock, darüber ein verfilztes Sams und graue Haare, die zu einem Zopf gebunden waren. Ihren Händen sah man den jahrelangen Umgang mit Weidenzweigen an. Da traute sich kein Fingernagel über die Fingerkuppe, rau und spröde sah die Haut über den kräftigen Fingern aus. Diese Hände, geformt zu einer Schale, wogen jetzt das graubraune Vieh. »Die hat locker fünfhundert Gramm Lebendgewicht. Ich entsorge sie mal und bring Kaffee mit.«
Dirk runzelte die Stirn bei den letzten Worten und blickte der Frau hinterher, erleichtert, dass diese das Tier nicht der Speisekammer zugeführt hatte. Wer wusste schon, wie die Leute hier tickten? Die verehrten immerhin das Mittelalter. Die Zeit der Hexenverbrennungen, der Pest und der Flöhe. Dirk spürte bereits, wie ein Juckreiz seinen Rücken entlangwanderte. Er schüttelte sich kurz und konzentrierte sich lieber wieder auf den Mordfall. »Kannten Sie das Opfer?«
»Natürlich kannten wir Erik. Die meisten hier in diesem Teil des Lagers kennen sich. Wir lagern stets zusammen. Aber ich habe nichts gesehen oder gehört. Keine Ahnung, wer ihm das angetan hat. Der Typ musste ja irgendwie von der Axt gewusst und sie entwendet haben, oder?«
Dazu konnte Dirk nichts sagen. Den Tathergang hatten sie noch nicht eruiert. Zunächst mal war das Ergebnis der Obduktion wichtig. »Wäre es Erik denn aufgefallen, wenn beim Zubettgehen eine Axt gefehlt hätte?«, fragte er nun dennoch interessiert.
»Wenn diese Axt gefehlt hätte? Aber sicher wäre ihm das aufgefallen, Mann. Das war sein bestes Stück. Die Bartaxt hat er in Norwegen geschmiedet, mit dem Wasser des Mjøsa-Sees, in dem schon die Wikinger gefischt haben. Sie ist das einzige Stück, das er nie verkauft hätte.« Das waren doch interessante Nachrichten.
Als Dirk wenig später den Platz verlassen wollte, kam Gerda Steiner ihm endlich mit einem Becher Kaffee entgegen. Sie rief ihrem Mann lachend zu: »Na, was meinst du wohl, wer gerade schon rege seine Nasen in den Mordfall steckt?«
»Nasen?«, fragte ihr Gatte. »Gleich mehrere?«
Seine Frau kam näher und reichte die Kaffeebecher weiter, unter dem kräftigen Arm hatte sie auch noch ein Brot geklemmt, und in dem Moment dachte Dirk, dass hier im Lager nicht nur die Männer zuschlagen und töten konnten.
»Das Dicke Doppel sitzt bei Halvar im Zelt und belagert den armen Kommissar.«
Dirk hatte sogleich die nächste Assoziation. Große Kerle mit mächtigen Bäuchen und langen zotteligen Haaren, die seinen zarten Chef in ihre Mitte nahmen und allein durch einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter zu Fall bringen würden. Aber vor Menschen fürchtete Kommissar Schmitt sich selten. Ein ausgebüxter Esel hingegen, der könnte den Chef sehr wohl in Panik versetzen.
»Das Dicke Doppel?«, fragte er neugierig und nippte an dem heißen Gebräu, das leckerer war als erwartet.
Frank Steiner stand auf und wühlte in einer Tasche. Dann kam er mit einer Flasche zurück, deren Inhalt er Dirk in den Kaffee gießen wollte. »Bisschen Jamaikarum? Das ist auch eine Art Heizung von innen.«
Und ehe Dirk etwas von Dienstzeit sagen konnte, hatte er einen ordentlichen Schuss im Morgenkaffee. Sei’s drum, eine Fahne würde hier draußen keinem auffallen.
»Eine Heimsuchung, das ist das Dicke Doppel«, beantwortete Gerda Dirks Frage nur vage und hielt mit der einen Hand ihren Kaffee, während sie mit der anderen ihren Stand für die kommenden Besucher aufbaute. Die meisten Betreiber zeigten nicht nur ihre Waren, sondern auch das Lagerleben – wie sahen die Zelte von innen aus, wo schlief man?
Frank Steiner grinste. »Das werden Sie früh genug herausfinden.«
Eine Nachricht vom Chef erreichte Dirk, und er verabschiedete sich, um zurück zu den Beamten der Spurensicherung zu gehen. Zwei Männer untersuchten den Tatort, nahmen Proben des Bodens und sahen sich in dem Zelt des Mordopfers um. Dirk fragte sie, ob sie Ausweise gefunden hatten. Er bekam ein Portemonnaie ausgehändigt, in dem auch der Personalausweis steckte. Erik, der Wunsch-Wikinger, hieß im realen Leben Martin Pieper und war gelernter Landschaftsgärtner. Wenn er nicht auf Fellen und Strohmatratzen schlief, wohnte er in Hiltrup. Na, zum Glück, dachte Dirk. Da konnten sie ja schnell die Spusi durch die Wohnung schicken.
Die Aussage von Schmitt, als Dirk ihn nach dem weiteren Vorgehen befragte, war eindeutig. »Da fahren wir später selbst hin. Treffen in zehn Minuten am Ausgang.«
Eigentlich war Hamm ja gar nicht ihr Revier, sondern Warendorf und Umgebung. Von Hamm kannte Dirk außer der ehemaligen Zeche Radbod nur den großen Hauptbahnhof, an dem er öfter zum Umsteigen gezwungen war. Die Stadt hatte ihn bislang wenig gelockt, doch der Maxipark befand sich in einer ganz anderen Gegend von Hamm und war weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt. Ursprünglich war das Gebiet auch einmal ein Zechengelände gewesen, das im Zuge einer Landesgartenschau in eine attraktive Parklandschaft verwandelt worden war. Seine Freundin Ella kannte das Gelände von ihrer Arbeit beim NABU, der im Park sogar ein Blockhaus mit Informationen zum Naturschutz betrieb.
Dirk drehte sich um die eigene Achse. Wo war gleich der Ausgang, von dem der Chef gesprochen hatte? Er suchte nach dem riesigen Glaselefanten, der stoisch und starr über das ehemalige Zechengelände zu wachen schien, denn dort in der Nähe befand sich der Haupteingang.
* * *
»He, Ma. Ja, klar habe ich das mitbekommen. Was glaubst du, was hier los ist? Auf gar keinen Fall! Hier ist doch jetzt ständig Polizeipräsenz, was sollte mir denn passieren? Ja, mache ich, hab dich lieb.«
Puh, Mütter konnten anstrengend sein, aber es war faszinierend, wie schnell so ein kleiner liebevoll klingender Abschiedssatz sie besänftigte. Haya grinste. Natürlich liebte sie ihre Mutter, aber sie war ja kein Kind mehr und genau deshalb hier. Um eine gute Story über die Szene zu schreiben. Das Lagerleben, das Handwerk und die Menschen hinter dem Treiben. Noch gestern hatte ihre Mutter sie zu einer Typhusimpfung schicken wollen, heute wollte sie gar, dass sie nicht mehr im Lager übernachtete. Haya verspürte Mitleid mit dem toten Erik, der so schöne Waffen hatte schmieden können. Sie würde dank dieser Story alle möglichen Leute im Umfeld von Erik interviewen können. Hauptsache, die Polizei machte den Markt nicht dicht. Wer weiß, hinterher fand sie vielleicht mehr heraus als die Polizei? Denn wer unterhielt sich nicht gerne mit einer, na ja, einigermaßen hübschen jungen Frau von der Presse? Und plötzlich erschien ein Film in ihrem Kopf. Sie, die dreiundzwanzigjährige Volontärin, klärte durch Schlussfolgerungen und gute Beobachtungsgabe einen Mord auf. Der Bürgermeister dankte ihr, ihre Eltern mussten zugeben, dass sie richtig gut in ihrem Job war, und wer weiß, vielleicht würde sie auch die Aufmerksamkeit von Hannes auf sich ziehen? Bislang hatte der Typ sie leider noch gar nicht beachtet. Sie hatte Hannes hier auf dem Markt kennengelernt. Er schnitzte unglaubliche Dinge aus allerlei Holzresten. Schalen, Löffel, Schachbretter und Skulpturen bot er an seinem Stand an. Und er wirkte so schön authentisch mit seinen langen braunen Haaren, dem Dreitagebart und der Lederkleidung. So, als würde er sich jeden Moment auf einen Pferderücken schwingen und zur nächsten Stadtmauer reiten, um seine Waren anzubieten. Heute würde sie ihn nach einem Interview fragen.
Haya sah sich in ihrem kleinen Zelt um, das sie vom Veranstalter geliehen hatte. Sie selbst besaß keinerlei Ausrüstung, um die Standards hier annähernd zu erfüllen. Aber geschlafen hatte sie in dem Holzbett und der mit Heu gefüllten Matratze wunderbar. Schon der Geruch war toll, wie eine gemähte Wiese im Sommer. Aber morgens aus dem warmen Bett ins Kalte zu krabbeln und die Toilettenwagen aufzusuchen, war der Horror. Sie traute sich auch kaum, in den Spiegel zu schauen. Die Haare musste sie irgendwie zusammenflechten, denn an Waschen war hier nicht zu denken. Das machte man über einer Schale und nur, wenn absolut keine andere Lösung möglich war. Nicht gerade die idealen Voraussetzungen, um einem jungen Mann schöne Augen zu machen. Denkfehler, ermahnte sie sich und streckte ihrem kleinen Spiegelbild, das ihr aus einem Taschenspiegel entgegenblickte, die Zunge heraus. Hannes war ein Naturmensch, kein Dandy. Dem würden ein besonderer Nagellack oder der angesagte Haarschnitt kaum auffallen.
Sie zog sich warme Sachen an, flocht die Haare zu einem Zopf und begab sich auf Erkundungstour. Die Polizeipräsenz fiel ihr eigentlich erst in der Nähe des Glaselefanten auf. An einem Stand besorgte sie sich einen heißen Tee und eine Laugenbrezel. Ein athletisch gebauter Mann in Polizeiuniform und ein älterer Herr im Trenchcoat, der neben ihm deutlich kleiner wirkte, trafen gerade nahe beim Ausgang zusammen. Sie redeten miteinander und drehten sich dann um in Richtung Festwiese. Der Herr im Trenchcoat musste der Chef sein, der zielstrebige Gang und die Art, wie er auf den jüngeren Mann einredete, sprachen Bände.
Haya folgte ihnen unauffällig. Sie gingen direkt auf die eingezäunte Weide mit den vier Eseln zu. Haya hatte bereits aufgeschnappt, dass sich ein Esel neben der Leiche befunden hatte, und so schlenderte sie betont lässig ebenfalls zu den Eseln und tat so, als wären sie alte Freunde von ihr. »Na, ihr Lieben. Wie geht es euch heute?«
Sie streckte die Hand nach dem kleinsten der Esel aus. Er sah wirklich niedlich aus mit seinem rotbraunen Fell und den dicken Kuschelohren.
Die beiden Männer schauten sich um und machten sich am Zelt der Besitzerin der Esel bemerkbar. Die Frau, die nun heraustrat, schätzte Haya auf etwa dreißig. Sie trug Lederhosen, eine grobe Bluse mit weiten Ärmeln und eine mit Fell gefütterte lange Lederweste darüber. Sie war schlank, besaß aber kräftige Arme und Beine.
»Ich habe schon mit Ihnen gerechnet, Franziska Weber, guten Morgen.«
»Kommissar Schmitt, und dies ist mein Kollege Herr Kemper. Guten Morgen. Frau Weber, ich darf davon ausgehen, dass Sie von dem Mord an einem Mann, der hier als Erik bekannt war, gehört haben? Einer Ihrer Esel ist unfreiwillig Zeuge geworden.«
Haya blickte verstohlen herüber. Der Kommissar hatte eine angenehme Stimme, sprach aber ein wenig gestelzt. Und er redete zwar über die Esel, schaute jedoch nicht zu ihnen herüber.
Die Besitzerin der Esel lachte. »Meine Esel können viel, nur leider nicht sprechen.«
»Ich wollte auch gar nicht mit den Tieren reden. Aber gäbe es irgendeine Möglichkeit, dass ein Esel sich als Zeuge bemerkbar macht? Also, was ich meine, würde er den Mörder am Geruch erkennen und dann schreien oder das auf irgendeine für den Menschen erkennbare Weise kundtun?«
Franziska schüttelte den Kopf. »Anton wird mit Sicherheit den Täter wiedererkennen, aber anders als wir. Er denkt nicht, oh, das ist der Mensch, der einen anderen getötet hat, den muss ich nun schubsen, treten oder beißen. Im besten Fall erkennt er die Person als diejenige, die ihn an einem anderen Menschen festgebunden hat. Aber auch das wird er uns wahrscheinlich nicht konkret zeigen. Es sei denn, er wurde von dieser Person misshandelt. Dann wird er zurückweichen oder aus Angst schreien. Vielleicht.«
Franziska sah zu ihren Eseln herüber, ebenso der jüngere Polizist. Und dabei entdeckte er Haya und erkannte sofort, dass sie lauschte. »Hallo. Gehören Sie hier zum Stand?« Er kam zu ihr.
»Nein, ich wollte nur die Esel besuchen«, sagte sie schnell. »Haya Turk. Ich schreibe einen Artikel über den Mittelaltermarkt.«
Der Kommissar wandte seinen Blick nun zum ersten Mal zu den Eseln. »Welcher von ihnen war es, und warum ist er ausgebüxt?«
»Oh, ich bin mir nicht mal sicher, ob Anton ausgebüxt ist, sondern vielleicht einfach weggeführt wurde. Die Tiere sind es gewohnt, Spaziergänge mit fremden Menschen zu unternehmen. Es wäre einfach gewesen, ihn von der Weide zu holen.«
Interessant, dachte Haya und machte sich gedanklich eine Notiz. In dem Fall sollte der Esel also am Tatort stehen. Nur warum? Sie konnte ihre Frage nicht herunterschlucken. »Warum aber ist Anton nicht mit der Leiche zusammen weggelaufen? Das hätte er doch locker mit seiner Kraft geschafft, oder?«
»Genau, eine kluge Frage, junge Dame«, meinte der Kommissar zu ihr.
Haya lächelte ihn dankbar an.
Franziska erklärte es den Beamten. »Meine Esel sind darauf getrimmt, stehen zu bleiben, wenn die Person, die sie führt, stolpert oder gar hinfällt. Ich arbeite viel mit Kindern. Also blieb Anton neben der liegenden Person stehen, offenbar sogar für mehrere Stunden. Als ihn endlich jemand losgebunden hat, ist er sofort zu seiner Herde zurückgelaufen.«
Der Kommissar nickte, während sein junger Kollege nun neben Haya stand und versuchte, einen Esel heranzulocken. Er sah ansprechend aus, bemerkte Haya, mit seiner muskulösen Statur und den braunen wachen Augen. Selbst die große Charakternase stand ihm gut, befand sie sich doch in einer Linie mit dem schönen Grübchen im Kinn. »Welcher ist Anton?«, fragte er.
»Der Graue dort. Anton ist zwölf Jahre alt und sehr klug. Wenn er wüsste, dass er uns helfen könnte, würde er es tun.« Franziska trat näher und blickte liebevoll auf ihre Esel. »Ich habe insgesamt neun Esel zu Hause, und jeder hat einen ganz eigenen Charakter.«
Der Kommissar, der immer noch in vier Metern Entfernung stehen geblieben war, meldete sich noch einmal. »Der Mann, der den Toten gefunden und den Esel losgebunden hat, meinte, der Esel habe daraufhin laut geschrien und sei losgelaufen. Warum hat er so reagiert?«
»Anton hatte sicher ein paar Stunden Stress, weil er nicht wusste, warum er nun so lange stehen bleiben musste. Dann kam ein fremder Mann, er war plötzlich frei, er wird aus Stress und Freude geschrien haben. Als ich morgens aufwachte, stand er neben der Weide und kuschelte durch das Gatter mit Hilde.«
Wenn es mit der Schreiberei nicht klappen sollte, schaffe ich mir Esel an, dachte Haya gerührt.
»Frau Weber, Sie werden sicher verstehen, dass Sie als Eselführerin und -besitzerin nun mit kleiner Schrift auf der Liste der Verdächtigen stehen. Und wenn Sie für Teile des Abends und der Nacht ein Alibi haben, immer her damit. Sobald wir den genauen Todeszeitpunkt haben, sprechen wir uns wieder. So lange muss ich Sie und natürlich alle anderen auch bitten, nicht abzureisen.
»Ich kannte den Toten nicht mal besonders gut. Warum sollte ich etwas mit seinem Tod zu tun haben?« Ungläubig blickte Franziska den Kommissar an.
»Wahrscheinlich haben Sie auch nichts damit zu tun, Frau Weber, aber solange wir nichts wissen, ermitteln wir in alle Richtungen. Ich wünsche Ihnen einen guten Markttag heute. Dirk, mach mal bitte ein paar Fotos von den Eseln.« Und damit drehte der Mann im Trenchcoat sich einfach um und marschierte davon, wobei er einen großen Bogen um die Weide machte, als hätten die Tiere eine hoch ansteckende Krankheit.
Franziska stellte sich neben Haya, und beide blickten den Männern hinterher. »Der spinnt doch, der Kommissar«, meinte Franziska dann. »Will der uns jetzt alle verdächtigen?«
»Für mich hat sich bislang noch keiner interessiert.« Haya war überrascht, wie traurig dieser Satz klang, als sie ihn aussprach.
* * *
»Also, Dirk, was haben du und ich bislang herausgefunden?«, fragte der Kommissar seinen Kollegen, als sie wenig später auf dem Weg zu Schmitts Auto waren.
»Ich habe ein paar Namen notiert und muss sagen, alle sind freundlich und auskunftsbereit, keiner reagierte hysterisch oder verdächtig.«
Schmitt nickte mit einem ganz leichten Lächeln. »Wenn man den lieben langen Tag in robusten Wikingerklamotten und Handwerkersachen rumläuft, passt Jammern und Zetern auch nicht wirklich, oder? Ich habe mal innerhalb einer Rockerband ermitteln müssen, die haben auch nicht gezuckt, als ich sie mit einem abgeschnittenen Finger konfrontiert habe.« Er lächelte leise in sich hinein, als er an die harten Kerle zurückdachte. Den Mord an einem Mitglied der Gang hatte tatsächlich eine Frau begangen.
Sein Kollege fuhr fort: »Der Tote heißt im echten Leben Martin Pieper und wohnte in Hiltrup. Wir haben Glück, viele der Leute hier wohnen gar nicht so weit weg, der Markt im Maxipark scheint der Abschluss des Jahres zu sein und ein echtes Heimspiel. Aber wir sollten den Mord bis Sonntagabend aufgeklärt haben, denn dann werden sie sich alle zerstreuen.« Er blickte in sein Handy, worin er sich immer seine Notizen machte.
»Dirk, wir können auch städteübergreifend ermitteln, in jedem Fall werden wir den Mord aufklären, und wenn wir bis Walhalla reisen müssen.«
»Klar, Chef, da reise ich sofort mit. Da fällt mir auch gleich eine Frage zu deinen Ermittlungen ein. Was hat es mit dem Dicken Doppel auf sich? Ich habe aufgeschnappt, dass ein Dickes Doppel sich bereits in die Ermittlungen eingeschaltet hat. Lass mich raten, Chef, FBI und CIA arbeiten zusammen, um einen Mord in Deutschland aufzuklären, direkt vor unserer Diensttür.«
»Mach du nur deine Witze, bis du die beiden Damen tatsächlich kennengelernt hast.« Schmitt blätterte in seinen handschriftlichen Notizen.
»Damen?«, fragte Dirk neugierig.
»Bei dem Doppel handelt es sich um zwei Freundinnen, die auf dem Markt das uralte Gewerbe der Wahrsagerei betreiben. Und wenn ich mich nicht total irre, verfügen die beiden über ein recht gutes Wissen bezüglich ihrer Mitmenschen im Allgemeinen und über ihre Kollegen hier auf dem Markt im Besonderen. Ich habe mir ihre Namen notiert und möchte sie gerne noch getrennt voneinander zum Gespräch einladen.« Schmitt spürte, wie sein Kollege ihn von der Seite anstarrte.
»Das ist alles?«, fragte Dirk.
»Ja«, antwortete Schmitt und hatte entschieden, mehr auch erst einmal nicht zu erzählen.
»Und der Spitzname hat etwas mit ihrer Konfektionsgröße zu tun, Chef?«
»Vielleicht. Sie nennen sich selbst so.«
»Mmmh. Dann schlage ich vor, dass wir nun erst mal Richtung Hiltrup fahren und uns die Wohnung des Toten anschauen. Der Mord muss ja nicht unbedingt mit dem Markt und dem Hobby des Toten zu tun haben.« Dirk nannte seinem Chef die Adresse.
Schmitt öffnete die Fahrertür. »Vorher holen wir noch John ab.«
* * *
Martin Piepers Haus lag in einer ruhigen Seitenstraße in der Nähe der Marktallee, der großen Hauptstraße in Hiltrup, an der sich Läden und Restaurants befanden. Die Doppelhaushälfte war von außen überraschend bieder für einen Mann von Mitte vierzig, der sich Erik nannte und in einem groben Mittelaltergewand gestorben war. Schmitt beobachtete, wie sein junger Kollege einen bemalten Tonkrug, der vor der Haustür stand, in die Hand nahm und breit grinste. Willkommen, stand darauf, selbst gemalt mit kindlicher Schrift. »Ein bisschen sehr artig für einen Waffenschmied, oder, Chef?«
»Stell das wieder hin und zeig Respekt. Den hat er bestimmt geschenkt bekommen.« Zum Glück fuhr nun auch der Schlüsseldienst vor, der ihnen die Haustür aufschließen sollte. Den Entschluss, sich das Haus des Toten anzugucken, hatte Schmitt so spontan gefasst, dass sie den Schlüsselbund, den man beim Opfer gefunden hatte, nicht mitgenommen hatten. Schmitt zeigte dem Angestellten des Schlüsseldienstes den eilig ausgestellten Durchsuchungsbeschluss auf dem Handy, und der Mann öffnete die Tür in Rekordzeit. Dann drückte er Schmitt seine Karte in die Hand. »Ich bin der Beste in dem Job, auch für Safetüren. Da können Sie sich drauf verlassen. Also rufen Sie mich immer gerne dazu. Rechnung kommt. Gutes Gelingen, die Herren.«
Dirk blickte dem Mann, der einen umfangreichen Bauch erstaunlich geschickt hinter sein Lenkrad klemmte, skeptisch hinterher. »Ob der die Sache mit dem Safeknacken auch noch anderen Subjekten anbietet?«
Schmitt wollte das gar nicht wissen und betrat das Haus. Eine Sekunde später streckte er seinen Arm nach hinten und hielt seinen Kollegen fest. Vom Flur aus konnte man recht gut in ein Wohnzimmer blicken mit einfachen hellen Möbeln, vielen Pflanzen und einem Laminatboden, der jedoch übersät war von Scherben und Dingen, die jemand aus Schränken herausgerissen hatte. »Halt, Dirk! Wirf mal vorsichtig einen Blick hinein. Hier geht erst die Spurensicherung rein.«
Er machte einen Schritt seitwärts, und Dirk blickte an ihm vorbei. »Oha. Da ist uns wohl jemand zuvorgekommen.«
Schmitt rief die Kollegen an und betonte die Dringlichkeit. »Wir haben einen Mord aufzuklären, also bitte sofort. Wir warten hier.« Dann wandte er sich an seinen Mitarbeiter: »Dirk, frag doch derweil mal die Nachbarn, ob sie etwas gesehen oder gehört haben. Das Schloss war jedenfalls nicht aufgebrochen. Es wäre sehr interessant zu wissen, ob der Einbruch vor oder nach dem Mord geschehen ist.«
»Schau dir mal den Wandschmuck an, Chef. Der konnte wirklich richtig gut schmieden. War wahrscheinlich kein Einbruch, um zu rauben, denn dann hätte man diese schönen Waffen mitgenommen.«
Schmitt folgte Dirks Blick und musste zugeben, dass da ein paar sehr schön verzierte Stichwaffen und Äxte zu sehen waren.
Sein Kollege machte sich auf den Weg zu den Nachbarn. Dirk Kemper war zwar kein Kommissar, sondern Polizeimeister, aber Schmitt hatte seine Arbeit wertschätzen gelernt und hatte den jungen Heißsporn sehr gern an seiner Seite. Nachdem sie nun schon mehrere Mordfälle erfolgreich aufgeklärt hatten, hatte Schmitt endlich erreicht, dass Dirk doch noch mal die Schulbank drücken würde, um in den gehobenen Polizeidienst zu wechseln. Die Anmeldung war erfolgt, in Kürze würde das Studium starten. Schmitt entschlüpfte ein unbewusster Seufzer. Der junge Mann war ein absoluter Praktiker. Es würde ihm sicherlich schwerfallen, sich nur theoretisch mit Fällen zu befassen und still zuzuhören, wenn andere ihm etwas beibringen wollten.
Schmitt stellte einen Stein zwischen Haustür und Mauer und ging zum Auto zurück. Er öffnete mit einem liebevollen Lächeln die Beifahrertür und erhielt einen feuchten Schmatzer von John, seinem geliebten kleinen Dackel. »Komm, mein Süßer, wir gehen ein wenig die Straße entlang.« Er konnte es selbst noch immer nicht glauben, dass er sich in ein Raubtier verliebt hatte. Er, der Kommissar, der sich zwar vor kaum einem menschlichen Raubtier fürchtete, aber das große Zittern bekam bei jedem Tier, das größer als ein Beagle war. Sich seinen John als Raubtier vorzustellen, fiel vielen Leuten schwer. Fuchsrotes seidiges Fell, klitzekleine Pfoten, höchstens zwanzig Zentimeter hoch, aber mit den gleichen Reißzähnen ausgerüstet wie alle seine größeren Verwandten. Schmitt hatte John von einem Mordopfer übernommen und wunderte sich, wie anhänglich und treu das Tier war. Der sanfte Blick aus tiefbraunen Augen rührte Schmitt jedes Mal zutiefst.
Kaum hatten Johns Pfoten den Asphalt berührt, ging die Schnauze auch schon schnuppernd zu Boden, und in wenigen Minuten waren sie am Ende der Straße angelangt. Der Autolärm von der Marktallee war gut zu hören. Als Schmitt zurückkehrte, stand Dirk bereits gelangweilt an den Audi gelehnt und daddelte am Handy. »Die Befragung hat wenig ergeben, Chef. Keiner will etwas gehört oder gesehen haben. Die direkte Nachbarin hier nebenan meinte, sie habe gestern Abend eine Frau in der Dämmerung an Eriks Tür gesehen, aber sie trägt so dicke Brillengläser, dass es auch einfach nur der Schatten der Tanne da vorne gewesen sein kann. Zwei Nachbarn sind bei der Arbeit. Ich habe unsere Karte dagelassen.« Er stockte. »Prima, da kommen unsere Kollegen.«
Ein Wagen hielt hinter dem Audi, und zwei Männer stiegen aus, die als Erstes ihre weißen Schutzanzüge überstreiften und dann die Wohnung betraten. Schmitt folgte in gebührendem Abstand. Eine Idee reifte in ihm, für die er den Mut des Moments nutzen musste, sonst würde er sie ganz schnell wieder verwerfen. »Dirk, nimm doch bitte den Audi und fahr zu dir nach Hause. Pack alles ein, was du für einen Campingausflug auftreiben kannst, und hol mich dann hier ab. Du wohnst doch noch bei Ella in Münster, oder?«
»Ja, schon. Meistens. Aber den Auftrag kann ich schnell erfüllen. Ich hasse Campen und habe deshalb auch nichts dafür zu Hause außer einem Fahrtenmesser und dem Notfallschlafsack für Partyschlafgäste.«
»Das passt schon, zwei Zelte treibe ich bei den Kollegen auf. Warme Sachen empfehle ich und eine Zahnbürste.« Schmitt grinste und fühlte sich plötzlich wie ein Achtzehnjähriger, der zum ersten Mal allein weit weg in den Urlaub fuhr.
»Was hast du vor, Chef?«
Schmitt brauchte bei dem Klang der Worte gar nicht hinzuschauen, um das besorgte Gesicht von Dirk zu sehen – er hörte das Misstrauen bereits in der Stimme. »Wir ermitteln, und zwar vor Ort mitten im Geschehen, am Lagerfeuer und beim Handeltreiben. Und John darf auch mit. Ich habe so ein Gefühl, dass der Mord nicht ohne Grund dort stattgefunden hat.«
»Hunde sind in dem Park verboten.« Dirk nahm ihm lustlos den Autoschlüssel ab. »Und ich komme nur mit, wenn dann Trinken im Dienst erlaubt ist. Wie gesagt, ich hasse Campen. Ich brauche einfach mein Bad, Chef. Gibt es kein Hotel in der Nähe?«
»Ich dachte, ich mache dir eine Freude. Von wegen Abenteuer und so?«
»Nee, auch bei einem Abenteuer will man ja gut aussehen. Und vor allem gut riechen.«
Schmitt war überrascht, dass Kollege Dirk eitler war als gedacht. Seine blonden Haare trug Dirk immer lässig in die Stirn gekämmt und hinten ein wenig länger, vielleicht doch nicht so natürlich, wie es ausschaute, sondern das Ergebnis von Fön und Stylingprodukten. Er selbst musste nur mit dem Waschlappen über seinen Schädel gehen. Die wenigen kurzen Stoppeln, die er besaß, könnte auch ein Kleinkind trocken pusten.
»Eine Dusche werden wir schon auftreiben. Skiunterwäsche und Badesachen schaden nicht. Und wie wäre es, wenn Ella mitkommt? Sie ist eine exzellente Beobachterin.« Schmitt sah, wie ein breites Lächeln über das Gesicht des Polizisten ging.
»Ernsthaft? Jipp, die Idee fängt an, mir Spaß zu machen!«
»So, Leute, wir sind zusammengekommen, weil ein Mitglied unserer Gemeinschaft heute Nacht ermordet wurde. Brutal und hinterrücks. Heute Abend nach dem Publikumsverkehr sollten wir Eriks durch den einen oder anderen Trunk gedenken und ihn in unseren Geschichten hochleben lassen. Doch jetzt möchte ich euch fragen, ob irgendeiner einen Verdacht hegt, etwas Merkwürdiges beobachtet hat oder ein Motiv erkennt. Ich finde, wir sind es Erik schuldig, seinen Mörder selbst zur Strecke zu bringen.«
Laute Zustimmung machte sich breit. Oje, dachte Franziska besorgt. Lauter artige Bürger, die nun aber beim Mittelaltermarkt ihre wahre Bestimmung zu entdecken schienen und zu entsprechenden Methoden aufriefen. Wie sehr Kleidung und Umgebung einen Menschen doch beeinflussen konnten. Hoffentlich war der letzte Satz dieser kleinen Ansprache des Dicken Doppels nur so dahergesagt. Bei den Getränken nahmen es die beiden üppigen Damen jedenfalls nicht so genau mit der Authentizität. Die mussten einen guten Vorrat an Aperol dabeihaben, nach dem, was gestern schon so herumgereicht worden war.
