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Eine royale Hochzeit mit Hindernissen ...
Prinz Arthur, Kronprinz von Avonia, und Tessa Sharpe sind verlobt und könnten nicht glücklicher sein. Obwohl, eigentlich schon, denn die Hochzeitsvorbereitungen stellen sich als schwieriger als erwartet heraus. Die Bevölkerung ist nicht amused, dass ihr Prinz eine Bloggerin heiratet, die bis vor Kurzem noch regelmäßig über die Royals hergezogen hat. Und Tessas Schwiegervater in spe versucht vor ihren Augen, seinen Sohn mit einer anderen zu verkuppeln. Während Tessa sich bemüht, ihre Karriere als Journalistin und ein Leben als Prinzessin unter einen Hut zu bringen und dabei die Gunst des Volkes zu gewinnen, beginnt sie sich zu fragen, ob ihre Liebe zu Arthur all diese Probleme wert ist.
"Ich habe dieses Buch geliebt. So sehr! Die Geschichte ist ein echter Pageturner." As Told By Nella
Band 2 der unterhaltsamen und romantischen ROYAL-Reihe von Bestseller-Autorin Melanie Summers
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Seitenzahl: 405
Veröffentlichungsjahr: 2023
Titel
Zu diesem Buch
Widmung
Bemerkung der Autorin
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Die Autorin
Die Romane von Melanie Summers bei LYX
Impressum
MELANIE SUMMERS
Maybe Your Royal
Roman
Ins Deutsche übertragen von Ralf Schmitz
Prinz Arthur, Kronprinz von Avonia, und Tessa Sharpe sind verlobt und könnten nicht glücklicher sein. Obwohl, eigentlich schon, denn die Hochzeitsvorbereitungen stellen sich als schwieriger als erwartet heraus. Die Bevölkerung ist nicht amused, dass ihr Prinz eine Bloggerin heiratet, die bis vor Kurzem noch regelmäßig über die Royals hergezogen hat. Und Tessas Schwiegervater in spe versucht vor ihren Augen, seinen Sohn mit einer anderen zu verkuppeln. Während Tessa sich bemüht, ihre Karriere als Journalistin und ein Leben als Prinzessin unter einen Hut zu bringen und dabei die Gunst des Volkes zu gewinnen, beginnt sie sich zu fragen, ob ihre Liebe zu Arthur all diese Probleme wert ist.
Für Mrs Shank,
eine wunderbare Frau, die viel zu früh von uns gegangen ist. Sie haben alle, die Sie kannten, dazu bewegt, mehr Geduld zu zeigen, unbedeutenden Dingen weniger Aufmerksamkeit zu schenken und dem Leben mit Humor zu begegnen. Der Klang Ihres freundlichen Lachens wird mich immer zum Lächeln bringen.
Melanie
Liebe Leserinnen,
eine kurze Bemerkung zum Einstieg: Wenn ihr nicht zuvor Never Your Royal gelesen habt, werdet ihr nicht dieselbe Freude an dieser Geschichte haben, die ihr sonst an ihr gehabt hättet. Denn sie ist die Fortsetzung von Tessas und Arthurs Reise, also: Geht bitte zurück auf Los und beginnt mit ihrem Anfang.
Sonst habt ihr am Ende das Gefühl, den Witz nicht zu verstehen – als würde man mit den Arbeitskolleg:innen der besten Freundin in eine Bar gehen und alle reden ständig von dem schrägen Vogel, der am Schreibtisch in der hintersten Ecke arbeitet, oder verwenden Abkürzungen, die man nicht kennt, oder lachen sich tot und man stimmt in ihr Lachen ein, ohne den geringsten Schimmer zu haben, was daran so lustig sein soll. Und alle werfen einem diesen gewissen leicht angewiderten und zugleich mitleidigen Blick zu, sodass man sich entschuldigt und anschließend viel zu lange auf der Damentoilette bleibt und durch Pinterest scrollt und sich dabei schrecklich einsam vorkommt und sich wünscht, der Abend wäre endlich vorbei. Und dann stellt man plötzlich fest, wie lange man schon verschwunden ist und dass die anderen jetzt bestimmt denken, man litte an entsetzlichen Verdauungsstörungen. Damit ist die Vorstellung, an den Tisch zurückzukehren noch viel peinlicher, als eben noch dort zu sitzen und so zu tun, als schütte man sich vor Lachen aus, weil man in Zukunft ganz sicher als »Christies seltsame Freundin, ihr wisst schon, die mit dem Reizdarm« gelten wird.
Ja, genau, und ich will nicht, dass es euch so geht.
Weil es in dieser Buchreihe nämlich vor allem darum geht, dass ihr eurem Alltag entfliehen, lachen (über Witze, die ihr kapiert), in Verzückung geraten und vor Glück seufzen könnt.
Oh, ihr habt den ersten Teil gelesen. Na dann … viel Vergnügen.
XOXO
Melanie
Ich habe ein Geheimnis. Kein großes Geheimnis, eigentlich. Nichts Schmutziges oder Dunkles. Eher etwas Albernes, das ich manchmal tue und wovon niemand wissen soll, denn wenn die Zeitungen davon erfahren – oder noch schlimmer, wenn jemand mich dabei filmt –, würde innerhalb weniger Stunden die ganze Welt darüber Bescheid wissen.
Der Umstand indes, dass alles, was ich tue, nachrichtentauglich ist, hat absolut nichts mit mir selbst, wohl aber alles mit dem Mann zu tun, mit dem ich mich kürzlich verlobt habe. Ich bin eine außerordentlich gewöhnliche Frau. Also, einmal abgesehen von meiner Neigung, mich in regelmäßigen Abständen spektakulär lächerlich zu machen. Aber das muss anders werden, weil ich seit einer Woche einem komplett neuen Leben entgegensehe – einem Leben, das ich mir nicht einmal als kleines Mädchen vorgestellt hätte … ja gut, als kleines Mädchen vielleicht schon. Als Jugendliche auch. Und vielleicht gelegentlich auch, wenn ich zu viel Wein intus hatte.
Ich bin neuerdings die Verlobte von Arthur Langdon, Kronprinz von Avonien. Ich wusste in der Sekunde, als er mir den fantastischen, enorm großen Diamantring an den Finger steckte, dass ich nicht länger Tessa Sharpe, die tollpatschige Bloggerin/sich abstrampelnde Reporterin sein konnte. Stattdessen muss ich mich nun in eine elegante, märchenhafte Prinzessin wie Grace Kelly verwandeln (deren Name allerdings bereits graziös war).
Oh, dieser Ring ist wirklich ein Glanzstück.
Aber egal, jedenfalls habe ich mir gleich, nachdem ich »Ja« gesagt hatte, geschworen, nie wieder etwas anzustellen, womit ich mich bloß selbst erniedrige. Von nun an werde ich mich jederzeit mit äußerster Kultiviertheit und Schicklichkeit benehmen.
Außer in diesem Moment.
In diesem Moment befinde ich mich im Haus meiner Eltern, im alten Kinderzimmer meines Bruders Finn (in dem ich momentan wohne, nach einer Serie öffentlicher Fehlschläge, die mich einen Großteil meines Geldes, meine Bleibe sowie den Löwenanteil meines Einkommens gekostet hat). Ich kann euch sagen, im gestandenen Alter von achtundzwanzig wieder bei den Eltern zu leben, ist kein Zuckerschlecken. Vor allem dann nicht, wenn es sich um meine Eltern, Evi und Ruben Sharpe, handelt, die nicht bloß ein sehr aktives und unternehmungslustiges Liebesleben pflegen (was mich gelegentlich erschauern und Übelkeit in mir hochsteigen lässt), sondern mich auch für beinah jede irgendwie rentable Leistung untauglich halten.
Ich wohne jetzt schon fast fünf Monate hier und würde, ginge es nach mir, noch heute Abend ausziehen. Aber das wird nicht passieren, nicht bei dem winzigen Salär, das mir mein Teilzeitjob beim Weekly Observer, Avoniens führender unabhängiger Wochenzeitung mit der kolossalen Auflage von zehntausend Exemplaren, monatlich einbringt.
Meine Haupteinnahmequellen sind jedoch meine zwei verbliebenen Blogs (früher unterhielt ich einen ziemlich beliebten Blog namens The Royal Watchdog, bis ich mich Hals über Kopf in den Prinzen verliebte, den ich vorher jahrelang auseinandergenommen hatte. Ups!). Wie auch immer, den Blog habe ich dann aus naheliegenden Gründen dichtgemacht, während ich meine Foto-Website und den Smart-Runner-Blog weiterführe, in dem ich Klamotten, Schuhe und Equipment für Joggingbegeisterte bespreche. Was natürlich auch nicht ganz frei von Risiken ist, und wenn ihr das Video im Frühjahr gesehen habt, in dem ich den sogenannten Shock Jogger getestet habe, seid ihr euch der Gefahren, die das Testen von Laufequipment birgt, ja bereits wohl bewusst.
Oh, Mist! Jetzt guckt mal auf die Uhr, nur noch fünfundvierzig Minuten, um mich für meine Verabredung zurechtzumachen, und ich benötige definitiv mehr als eine Stunde, um mich ordentlich aufzubrezeln. Arthur und ich haben uns seit sechs qualvoll einsamen Tagen nicht gesehen. Er musste zur jährlich stattfindenden EU-Währungskonferenz nach Genovien – während ich es kaum fassen kann, dass ich jemanden so sehr vermisse. Um uns über die grausame Zeit der Trennung hinwegzuhelfen, haben wir mit dem Austausch ausgesprochen ungezogener Textnachrichten begonnen. Hm, was hat er noch gleich gestern Abend geschrieben, was wir als Erstes tun wollen, sobald wir allein miteinander sind?
Ach ja, zurück zu meinem Geheimnis. Vor jedem Date mit Arthur lege ich gerne den Song »Then He Kissed Me« von The Chrystals auf, tanze dazu und singe wie Elizabeth Shue in Die Nacht der Abenteuer in meine Haarbürste – was ich auch in diesem Moment tue, obwohl ich eigentlich dringend unter die Dusche müsste. Immerhin bin ich so multitaskingfähig, dass ich mein Kleid und die Strumpfhose auf dem Bett ausbreite, während ich singe.
»Tante Tessa! Was machst du da?«
Als ich herumfahre, sehe ich meinen sechs Jahre alten Neffen Knox in der Tür zu meinem Zimmer stehen und zusehen, wie ich wild herumtanze und wie eine Geisteskranke singe. »Nix. Ich blödle nur so rum, bin aber jetzt fertig damit.«
»Grandma sagt, du und Prinz Arthur habt heute ein Riesendate. Werdet ihr zwei danach die ganze Nacht schmusen?« Er zieht die Nase kraus und fängt an zu kichern.
Ich japse, als würde mich schon der Gedanke empören. »Natürlich nicht. Wir sind doch noch nicht verheiratet. Wahrscheinlich essen wir nur zu Abend und unterhalten uns nett miteinander. Aber egal, raus mit dir!« Nach Art einer Schullehrerin, die ihre Klasse nach der Pause ins Gebäude zurückscheucht, klatsche ich in die Hände, aber anscheinend ist mein Händeklatschen defekt, weil es keinerlei Wirkung auf ihn hat. Stattdessen bleibt er wie angewurzelt in der Tür stehen und grinst mich schräg von unten an.
Also tänzle ich an ihm vorbei und sause den Flur entlang zum Badezimmer.
Zwanzig Minuten später bin ich frisch poliert, rasiert, shampooniert und habe in einer äußerst luxuriösen Lotion gebadet, die Arthur mir zum Geburtstag geschenkt hat. Bescheuert, ich habe den Bademantel vergessen! Ich wickle mich in ein Handtuch, hebe die schmutzigen Klamotten vom Boden auf und husche so lautlos wie möglich den Flur hinunter – in der Hoffnung, dass niemand von meinen übrigen Neffen und Nichten mich sieht. Als ich wieder in der dunklen Höhle bin, die ich zurzeit mein Heim nenne, finde ich dort zwei meiner Nichten, Tabitha und Poppy, auf meinem Bett, und beide kichern hysterisch. Knurr! Sie sitzen auf meinem Kleid, das sicher so verknittert ist, dass ich den Schaden mit meinen beschränkten Fähigkeiten mit dem Bügeleisen unmöglich beheben kann. Tabitha hat mein Handy in den Fingern. Oh, das verheißt nichts Gutes!
Poppy schaut zu mir hoch, ihre süßen sieben Jahre alten Augen flackern aufgeregt. »Wer ist Excalibur? Und warum kann er es nicht erwarten, dich nackig zu sehen?«
Ich halte mit einer Hand das Badetuch fest, durchquere mit zwei Schritten das Zimmer und nehme mit der anderen Hand Tabitha mein Handy ab. »Oh nein, das ist nichts für dich. Das sind private Nachrichten, nichts für kleine Augen. Wenn ihr mich jetzt bitte entschuldigt, ich muss mich anziehen.«
Tabitha blickt unter ihren Wimpern zu mir hoch; offenbar versucht sie gerade, unschuldig und beleidigt zugleich auszusehen. »Wir wollten bloß nachsehen, ob du Gummibärchen für uns hast, und ob wir dir vielleicht helfen können, dich für deine Verabredung zurechtzumachen.«
»Oh nein, heute keine Gummibärchen! Das wisst ihr genau. Da ich jetzt hier wohne und ich jeden Tag auf euch aufpasse, wenn ihr aus der Schule kommt, kann ich es mir wirklich nicht leisten, jede Woche fünfunddreißig Tüten Gummibärchen zu kaufen.« Damit kehre ich ihnen den Rücken, ziehe mir meinen schäbigen alten Bademantel über und binde den Gürtel zu, ohne vorher das Badetuch abzunehmen.
»Dad meint, das ist Quatsch«, sagt Poppy. »Er meint, Prinz Arthur gibt dir jetzt, weil ihr verlobt seid, ein üppiges Taschengeld für Klamotten.«
»Ach was, meint er das, ja? Na, dann sagt eurem Vater, dass er total danebenliegt. Wir sind erst seit einer Woche verlobt, und man bekommt von seinem Verlobten sowieso kein Geld. Und von seinem Ehemann auch nicht. Sorgt also lieber dafür, dass ihr etwas Ordentliches lernt, damit ihr einen guten Job findet und für euch selbst sorgen könnt, wenn ihr einmal groß seid.«
»So wie du?«, fragt Tabitha, und ihr Blick verhärtet sich. Oh, sie wirft sich ganz schön in Positur, seit sie elf geworden ist. Als hätte sie sich in dem Moment, in dem sie die Geburtstagskerzen ausblies, von meinem kleinen Liebling in eine fiese präpubertäre Hexe verwandelt. »Vielleicht mache ich es wie du und wohne bei meinen Eltern, bis ich steinalt bin, und dann suche ich mir einen Prinzen, der mich heiratet.«
Ich hole tief Luft, um mich zu beruhigen. Sie ist nur ein Kind. Sie ist nur ein Kind. »Ich habe einen Job. Er ist bloß nicht so gut bezahlt. Aber wisst ihr was? Ich habe jetzt überhaupt keine Zeit für so was. Ich muss mich jetzt wirklich anziehen.«
Ich wedele mit den Händen, doch sie glotzen mich bloß an. Vernehmlich seufzend, versuche ich mich in Geduld zu üben. »Hört mal Mädels, es gibt nicht mehr so viele hübsche Prinzen auf der Welt. Es könnte sogar sehr gut sein, dass ich mir den Letzten geschnappt habe, aber selbst dann werde ich niemals von seinem Geld leben. Ich werde selbst Karriere machen, und das solltet ihr auch.«
»Echt?«, fragt Poppy. »Ich dachte, es wäre dein Job, Prinzessin zu sein.«
»Na ja, es gibt keinen Grund, warum eine Prinzessin nicht zugleich eine knallharte Journalistin sein kann, oder?« Oder? Jetzt, da ich es sage, bin ich mir nicht mehr ganz sicher, ob ich damit richtigliege.
»Wenn es nach den ›Ich-hasse-Tessa‹-Leuten geht, wirst du im Leben keine Prinzessin«, sagt Tabitha.
»Die was?«
»Hast du noch nichts davon gehört? Twitter ist voll davon. Hashtag #BrookeIsBetter. Die haben eine Kampagne gestartet, um Arthur zu überzeugen, dass er sie statt dich heiratet.«
Mein Magen schlägt eine Art schrecklichen Purzelbaum, und ich bekomme weiche Knie. »Brooke ist besser? Lady-Doktor-Brooke-Beddingfield.« Ich tippe auf meinem Handy und öffne meine Twitter-App, nur um zu entdecken, dass Tabitha offensichtlich besser auf dem Laufenden ist als ich. Was wirklich hochnotpeinlich ist, schließlich ist sie erst elf, und ich bin Reporterin. Ich gehe die Nachrichten unter dem Hashtag durch und finde Hunderte I-hate-Tessa-Tweets, darunter einige mit Fotos, die mein vor Schmerz entstelltes Gesicht im Moment des berühmten Elektroschocks zeigen. »Oh, fuck«, brumme ich.
»Du hast ›fuck‹ gesagt, das sag ich Grandma, das ist ja so was von«, kreischt Tabitha.
»Nein, tu das nicht.« Ich werfe ihr einen Blick zu, dann scrolle ich weiter, und jeder neue Tweet dreht mir den Magen ein wenig weiter um.
»Was gibst du mir dafür, wenn ich nichts sage?«, fragt Tabitha.
Ich lasse die Schultern hängen. »Kannst du nicht einfach unser kleines Geheimnis daraus machen, weil ich deine Tante bin, die dich sehr lieb hat?«
»Ich fürchte nein.«
»Fein, dann sag es ihr halt. Ich glaube nicht –« Ich schaue zu Boden und sehe etwas Schwarzes unter dem Bett verschwinden. »Ist das meine …«
Als ich mich hinhocke, sehe ich, dass Mr Whiskers, der Kater meiner Eltern, mit seinen Krallen das zarte Gewebe meiner Strumpfhose zerfetzt. »Oh, verdammt!« Ich entreiße dem Stubentiger die Strumpfhose, was jedoch zu noch größeren Schäden führt, da seine Krallen fest darin verstrickt sind. Er faucht mir böse ins Gesicht und bekundet so seinen Unwillen, die Strumpfhose loszulassen.
»Nein Mr Whiskers!« Entschlossen, ihn nicht gewinnen zu lassen, zerre ich ein letztes Mal daran und lande mit meiner Beute, die jetzt natürlich reif für den Mülleimer ist, auf dem Hintern. Mr Whisker springt unter dem Bett hervor, trifft mich mit seinem Bauch mitten im Gesicht, landet mit den Vorderpfoten auf meinem Kopf und schlingt die Hinterbeine um meinen Nacken.
»Nein! Scheiße!«, kreische ich in dem Moment, als der Kater sich von mir abstößt und zur Tür hinausschießt.
Tabitha und Poppy brechen vor Lachen fast zusammen, ein Bündel sich windender, gackernder Mädchen auf meinem Bett. »Du hast ›Scheiße‹ gesagt.«
»Mr Whiskers ist dir ins Gesicht gesprungen!«
»Raus! Aber dalli!« Ich weise ihnen wütend die Tür, bis sie vom Bett rutschen und sich endlich, unter hysterischem Gelächter, in die gewünschte Richtung trollen.
Ich dränge sie hinaus und mache hinter ihnen die Tür zu. Ich wünschte, Dad hätte damals, als Finn sechzehn war und eine Vorliebe für Gras und Herrenmagazine entwickelte, nicht das Schloss ausgebaut.
Mein Mut sinkt, als mir die ganze »BrookeIsBetter«-Geschichte wieder einfällt. Nein, denk jetzt nicht daran, Tessa. Du hast nur noch zehn Minuten, um dir die Haare zu trocknen und zu frisieren, Make-up aufzulegen und dir zu überlegen, was du anziehen willst.
Ganze zwei Minuten später meldet sich mein Handy, um mir eine Textnachricht anzukündigen. Als ich über den Bildschirm wische, sehe ich, dass sie von meiner Mutter kommt, die seit nunmehr drei Wochen ein eigenes Smartphone besitzt und in vollen Zügen die neue Welt der Textnachrichten genießt.
Tessa, ich bin’s. Mum. Xavier wollte dich wissen lassen, dass der Prinz in T minus fünf Minuten hier sein wird. Xoxo, Mum.
Das Problem ist nur, sie vertraut nicht ganz darauf, dass ihre Nachrichten es tatsächlich durch den Äther und wieder zurück schaffen, sodass sie ungefähr dreißig Sekunden später an die Tür klopfen wird, um sich zu erkundigen, ob ich ihre Nachricht erhalten habe.
Klopf, klopf. »Ich bin’s, Twinkle.« Dann steckt sie den Kopf zur Tür herein. »Ich wollte nur hören, ob du meine Nachricht bekommen hast.«
»Hab ich. Danke.« Ich zwinkere ihr zuversichtlich zu.
»Fein. Wenn man sich vorstellt, dass meine Nachricht einfach so durch den Weltraum bis zu dir gelangt. Und so schnell.«
»Ja, kaum zu glauben.« Um mein Mascara auflegen zu können, öffne ich den Mund besonders weit.
»Fährt dieser gut aussehende Xavier mit euch, oder bleibt er heute Abend hier?«
»Wahrscheinlich begleitet er uns, nehme ich an.«
Sie hat sich angewöhnt, meinen neuen Leibwächter aus unverkennbaren Gründen »diesen gut aussehenden Xavier« zu nennen. Ich versuche mich derweil noch immer an den Umstand zu gewöhnen, überhaupt einen eigenen Leibwächter zu haben; dass er aber auch noch so aussieht wie Gaston aus Die Schöne und das Biest (auf Steroiden), ist ganz besonders durchgeknallt.
Das Erste, was König Winston, mein zukünftiger Schwiegervater, unternahm, als er von unserer bevorstehenden Hochzeit erfuhr, war, mir Xavier zuweisen zu lassen. Ich sehe darin seine Art, mir den Fehdehandschuh hinzuwerfen. Er will mir so dicht auf die Pelle rücken, um herauszufinden, ob er mich noch loswerden kann, bevor ich mit seinem Sohn vor den Traualtar trete. Aber ich habe eine Überraschung für ihn – sein Plan wird nicht aufgehen. Und wenn er die komplette Besetzung von The Thunder from Down Under anheuert, um auf mich aufzupassen, würde das nicht den geringsten Unterschied machen. Ich liebe Arthur von ganzem Herzen, und nichts wird daran irgendwas ändern.
Allerdings haben die Damen in der Nachbarschaft, unter dem Vorwand, vor dem Wintereinbruch noch schnell das letzte Unkraut zu jäten, ein beträchtliche Maß an Zeit darauf verwandt, Xavier ausgiebig zu bestaunen. Die Vorgärten in Abbot Lane waren noch nie so gepflegt. Und zum ersten Mal in der Geschichte hat eine ganze Woche noch kein Satz Lockenwickler das Licht der Sonne in unserer Straße erblickt.
Meine Mutter durchquert das winzige Zimmer und lugt aus dem Fenster, um einen günstigeren Blick auf Xavier zu erhaschen, der vermutlich auf dem Gehsteig wieder einmal eine Reihe einarmiger Liegestütze absolviert. »Ich liebe es einfach, wenn er ›T minus fünf Minuten‹ sagt. So clever, der Mann.« Sie dreht sich um, mustert mich von Kopf bis Fuß und rümpft die Nase. »Das willst du aber nicht anziehen, oder?«
»Was stimmt nicht damit? Ich finde, es sieht gut aus.« Ich betrachte mich im Spiegel, plötzlich unsicher, was das Wickelleid aus Wolle und die hohen, schwarzen Stiefel angeht. Tragen Prinzessinnen keine hohen, schwarzen Stiefel? Was würde Brooke-die-so-viel-besser-ist-als-ich an einem Herbstabend anziehen?
»Nun, wenn du das anziehen willst, solltest du wenigstens protzigen Schmuck dazu tragen. Grace von nebenan hat mir erzählt, dass Veronica Platt in ihrem Morgenmagazin gesagt hat, dass protziger Schmuck diesen Herbst wieder groß im Kommen ist.«
Ich wende mich ab und krame, auf der Suche nach einer protzigen Silberkette, die ich mir vor einigen Jahren gekauft habe, in der Schuhschachtel, in der ich meinen Modeschmuck aufbewahre. Sosehr ich es verabscheue, Ratschläge von Grace aus der Nachbarschaft anzunehmen, schafft sie es doch viel besser als ich, mit den neusten Modetrends auf dem Laufenden zu bleiben. Da taucht meine Mum neben mir auf, um mir beim Durchsuchen der Schachtel zur Hand zu gehen.
»Wie-heißt-er-noch-gleich ist da!«, brüllt mein Vater die Treppe herauf. Arthur ist von Dads »Artie« genanntem Liebling zu »Wie-heißt-er-noch-gleich« abgestiegen, seit er mir einen Antrag gemacht hat, ohne vorher bei ihm um meine Hand anzuhalten. Ich hatte ja keine Ahnung, dass mein Vater so großen Wert darauf legen würde, aber wie meine Mutter mir auseinandergesetzt hat, bin ich seine einzige Tochter, sodass er nun seine einzige Chance verpasst hat, einen jungen Mann nach Strich und Faden einzuschüchtern.
Meine Mutter stürzt davon, um Arthur zu begrüßen, während ich weiter Mascara auftrage. Doch kaum bin ich allein, überkommt mich wieder dieses ungute Gefühl. Ich sehe mich einen Augenblick lang im Spiegel an, dann sage ich mir: »Vergiss sie, Tessa! Sie sind nicht wichtig. Nur Arthur ist wichtig.«
Als ich aus meinem Zimmer eile, beschließe ich, Arthur nichts von der »Ich-hasse-Tessa«-Kampagne zu erzählen. Nicht nötig, dass er davon erfährt. Wer weiß? Am Ende überzeugen diese Leute ihn noch davon, dass ich nicht die Richtige für ihn bin …
»Oh Gott, ist er das?«, frage ich meinen Leibwächter Ollie, der auf dem Beifahrersitz der Limousine sitzt. Ich bin sicher im Fond untergebracht, hinter kugelsicheren, dunkel getönten Fenstern, die es mir gestatten, das lächerliche Exemplar zu betrachten, das mein Vater für Tessa eingestellt hat.
Ollie dreht sich zu mir um, nickt und verdreht dabei die Augen. »Sieht so aus, Hoheit, aber wenn Sie es wünschen, finde ich eine Möglichkeit, ihn loszuwerden.«
Das Gefährt kommt vor dem Haus der Sharpes zum Stehen. »Solange nicht auch sein Schädel statt mit Hirn mit Muskeln gefüllt ist, kann er meinetwegen bleiben.«
Ich öffne meine Tür, ehe Ben, mein Fahrer, dazu kommt, auszusteigen und dies zu tun. Die Zeit mit Tessa hat mich offenbar in manchen kleinen – und nicht so kleinen – Belangen verändert.
Der neue Leibwächter kommt auf mich zu und nickt. »Guten Abend, Eure Hoheit, alles bereit für den großen Abend, wie?«
Er grinst mich breit an, und ich sehe beinah das Aufblitzen seiner erschreckend weißen Zähne.
»Es kommt ganz darauf an, ob Miss Sharpe so weit ist«, sage ich lächelnd und nicke.
»Ja, Sir. Sie müsste so weit sein. Ich habe ihr schon vor fast sechs Minuten T minus fünf Minuten signalisiert.« Dazu tippt er mit einem Finger auf seine Uhr und grinst optimistisch.
»Nun, vielen Dank auch«, sage ich, als ich die Stufen zur Haustür hinaufeile und kraftvoll anklopfe.
Polternde Schritte ertönen hinter der Tür, die auffliegt und die Gesichter einer beträchtlichen Zahl von Tessas anbetungswürdigen Neffen und Nichten offenbart, die in der nicht zu verkennenden Erwartung von Geschenken und Naschwerk zu mir hochgrinsen. »Hallo Kinder, ist eure Tante ausgehfertig?«
Sofort werde ich mit Umarmungen der klebrigfingrigen Brut bestürmt. Alle beginnen auf einmal zu reden, ihre Worte purzeln wild durcheinander. Seltsamerweise höre ich deutlich die Worte »Excalibur« und »nackig« heraus. Als ich gerade anfange, mir große Sorgen zu machen, höre ich von der Treppe Evis Stimme: »Kinder, jetzt lauft, holt euch Zitronenschnecken und lasst den Prinzen erst mal zur Ruhe kommen!«
»Ich glaube, sie haben sich schon selbst bedient«, sage ich und bürste mir Krümel und gelbe Füllung von der Hose, während die Kinder in der Küche verschwinden.
Ruben steckt den Kopf aus dem Fernsehzimmer und funkelt mich an. »Große Pläne heute Abend?«
So wie er die Frage stellt, ist er offenbar der Meinung, dass ich ihn über große Pläne mit seiner Tochter erst mal informieren muss, anders als am vergangenen Wochenende, als ich sie mit dem Vorschlag überraschte, eine, zumindest in meiner Vorstellung, äußerst romantische Fahrt in einem Heißluftballon mit mir zu unternehmen. Ich schenke ihm ein gewinnendes Lächeln. »Nur ein dezentes Dinner für zwei im Chez Lawrence.«
Wieder eilt mir Evi zu Hilfe. »Das hört sich aber hübsch an, Arthur. Wir werden uns auch einen schönen, ruhigen Abend machen, wenn die Kinder erst mal alle abgeholt sind.« Sie blickt zur Haustür. »Isa ist auf dem Weg, ihre Sprösslinge hier einzusammeln, aber Lars müsste schon längst hier sein, allerdings habe ich noch nichts von ihm gehört.«
Als das Telefon klingelt, geht sie den Hausflur hinunter in die Küche. »Entschuldige mich, Arthur – das ist er wahrscheinlich!«
Ruben taucht wieder ins Fernsehzimmer ab, sodass ich nun für einen Moment allein auf der Fußmatte vor dem Haus stehe. Dann höre ich ihre Stimme, und ich glaube, lieblichere Laute habe ich noch nie zuvor vernommen.
»Hallo, mein Schöner.« Rasch kommt sie die Treppe herunter und rauscht in meine Arme, bevor ich Gelegenheit bekomme, sie mir genau anzusehen. Dennoch verzeihe ich ihr das, denn nun tut sie auf wundervolle Weise das, was sie immer tut, wenn sie ihren Körper an mich schmiegt und mich fest auf den Mund küsst. Mhm, und wie gut sie schmeckt!
»Gott, wie ich dich vermisst habe«, flüstere ich ihr ins Ohr. »Ich kann es kaum erwarten, mit dir allein zu sein, um sehr ungezogene Sachen mit dir zu machen.«
Sie lehnt sich ein Stück zurück und grinst. »Zum Beispiel?«
Meine Antwort wird von einem Schrei aus der Küche zunichtegemacht. »Schnell! Alle ins Auto! Das Baby kommt!«
Ruben ist der Erste, der es den Flur hinunter zur Haustür schafft, um sich seine Schuhe zu schnappen. Kurz darauf folgen seine Enkelkinder und seine knallrote Gattin, deren Hände und Mund in rasendem Tempo nonstop arbeiten. Sie verteilt Jacken an die Kinder, während sie uns gleichzeitig Befehle zuruft. »Beeilt euch, es ist ihr fünftes Baby, es wird also nicht lange dauern, und dieses Mal werde ich nichts verpassen! Knox, zieh deine Schuhe an! Stephen, komm her! Du hast im ganzen Gesicht Zitronencreme, Schatz!«
Entsetzt sehe ich, wie sie ihre Finger mit Spucke befeuchtet und damit in seinem grimassierenden Gesicht herumfuhrwerkt.
»Wir brauchen eine Mitfahrgelegenheit, Arthur – die Kinder passen nicht alle ins Auto. Raus mit euch!« Sie klopft Knox auf die Schulter und zeigt auf die Tür.
»Ruben, du fährst mit unserem Wagen hinterher und hältst bei Lars und Nina und holst die Tasche mit den Sachen für die Nacht. Steht an der Hintertür. Haben sie da vergessen.«
In weniger als einer Minute sind alle Reißverschlüsse geschlossen, alle Schnürsenkel gebunden, und wir sitzen hinten in der Limousine, während sie Ben anblafft, uns so schnell wie möglich zum Valcourt Memorial Hospital zu fahren.
Tessa, die ganz hinten, eingeklemmt zwischen Geoffrey und Josh, den rüpeligen Zwillingen, sitzt, signalisiert mir stumm: »Tut mir leid«.
Ich zwinkere ihr zu. Kein Problem, schließlich ist es ihr Fünftes. Wie Evi schon sagte, es konnte ja wohl nicht so lange dauern, dieses Baby einen erprobten Weg nehmen zu lassen!
Doch es dauerte sehr, sehr lange. Inzwischen sitzen wir schon seit drei Stunden mit vier aufgekratzten, gelangweilten Jungen auf dem Flur der Entbindungsstation. Tessas Schwägerin Isa kam kurz vorbei, um ihre Kinder abzuholen, sodass wir mit Lars’ und Ninas Kindern zurückblieben, die geduldig ausharren, weil sie erfahren wollen, ob ihre Mutter endlich das Mädchen bekommt, auf das sie es angelegt hat.
Das Licht ist derart grell, dass ich am liebsten eine Sonnenbrille aufsetzen würde, wenn ich damit nicht wie ein Volltrottel aussehen würde, der sich zu tarnen versucht. Unser Dinner musste ich absagen, was wirklich ein Jammer ist. Ich hatte ein hübsches Separee für uns reserviert, und die Schokoladensoufflés hatte ich im Voraus bestellen müssen. Also, um genau zu sein, hatte mein Assistent Vincent angerufen, später hatte ich ihm geschrieben, damit er die Reservierung rückgängig machte. Aber da die Idee von mir kam, müsste mir doch wohl wenigstens ein Teil des Verdienstes zufallen.
Evi ist mit Nina und Lars hineingegangen und hat uns mit dem äußerst verdrießlichen Ruben, Ollie und Mr Halslos hier sitzen lassen, der seit zwanzig Minuten an der Wand Kniebeugen absolviert. Die Zwillinge haben beschlossen, sich ihm anzuschließen, und machen jetzt bei jeder Kniebeuge Furzgeräusche und schütten sich aus vor Lachen, wenn sie wieder hochkommen.
Ollie hat Nachricht von Ben, dass draußen eine kleine Gruppe Journalisten darauf wartet, dass wir wieder herauskommen. Offenbar müssen sie von mir selbst hören, dass wir tatsächlich hier sind, um ein neues Mitglied von Tessas Familie willkommen zu heißen, und nicht aus einem anderen, skandalträchtigeren Grund. Ich könnte kurz hinuntergehen und ein paar Worte sagen, damit alle heimgehen können, ziehe es aber vor, die Hartnäckigkeit derer zu belohnen, die lange genug durchhalten und erfahren werden, dass es buchstäblich nichts zu berichten gibt.
Die Ironie der Geschichte ist, dass ein Arbeitskollege von Tessa unter den Reportern ist und ihr sogar eine Nachricht geschickt hat, um den Knüller womöglich aus erster Hand zu erfahren. Doch unter dem Vorwand, ihr Handy den Krankenhausregeln gemäß ausgeschaltet zu haben, antwortet Tessa nicht darauf. Arme Tessa. Am Tag unserer Verlobung rief ihre Chefin sie zu sich, um sie wissen zu lassen, dass sie es bedaure, aber dass sie leider über sie genauso berichten müssten wie über jedes andere Mitglied der königlichen Familie. Sie versprach indes, keine Fotos zu schießen oder über ihre Arbeit zu berichten, weshalb ich vermute, dass ihre Chefin nicht durch und durch böse ist. Trotzdem – in was für einer unangenehmen Lage sie sich deshalb befindet. Ich bin mir nicht sicher, ob es das ist, was Tessa im Kopf herumgeht, aber so, wie sie jetzt mit gerunzelter Stirn unentwegt vor sich hinstarrt, kann ich deutlich erkennen, dass ihr etwas gegen den Strich geht.
»Du bist furchtbar still«, sage ich.
»Oh, es ist nichts, ich mache mir nur ein bisschen Sorgen wegen des Babys.«
»Und es ist sicher nichts anderes?«
»Nein, ich bin okay, ehrlich.« Dann seufzt sie. »Aber, na ja, ich musste gerade daran denken, wie seltsam es ist, dass derselbe Typ, dem ich heute Morgen eine Latte Macchiato mitgebracht habe, jetzt da draußen darauf wartet, Fotos von uns zu schießen.«
Jepp. Wusste ich es doch. »Ja, so wie es aussieht, habe ich dein Leben, was deine Karriere angeht, ganz schön verkompliziert.«
»Ich hätte das Kleingedruckte lesen sollen.« Tessa zeigt mir ein schiefes Lächeln.
Glucksend schubse ich sie mit meiner Schulter. »Augen auf beim Kauf, aber jetzt kannst du nicht mehr zurück. Versprochen ist versprochen.«
Ihr Lächeln vergeht nach ein paar Sekunden. »Ich meine, irgendwie wusste ich, dass es so kommen würde, aber … ich weiß auch nicht. Irgendwie dachte ich wohl nicht, dass es so schnell oder auf so allumfassende Weise vonstattengehen würde. Ich weiß, das lässt mich geradezu lachhaft naiv erscheinen.«
»Du gehst zu hart mit dir ins Gericht. Du solltest dir mehr als eine Woche Zeit geben, um dich an ein Leben im Licht der Öffentlichkeit zu gewöhnen. In meinem Fall lauerten die Paparazzi vom Moment meiner Zeugung an im Hintergrund. Sie sind ein Teil meines Lebens, wie … Mundgeruch am Morgen oder Prostatauntersuchungen, nachdem du vierzig geworden bist.«
Tessa bemerkt lachend: »Fallen meine Kollegen unter diese Kategorie?«
»Nicht alle in deinem Gewerbe, aber die meisten.«
Wieder blickt sie ins Leere, dann brummt sie: »Ich werde kündigen müssen, nicht wahr?«
Ich nicke. »Ich wollte es dir nicht nahelegen – moderne Beziehungen und all das –, aber, ja.«
Ihr Gesichtsausdruck verrät gedämpftes Entsetzen, und mein Herz zieht sich etwas zusammen. Ich drücke ihr einen Kuss auf die Stirn. »Es tut mir leid, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass du gleichzeitig die Autorin und das Thema der Nachrichten sein könntest.«
»Nein, ich nehme an, das geht nicht.«
»Wenn es nach mir ginge, müsstest du niemals etwas aufgeben, woran dir liegt.«
Lange blickt sie auf ihre Hände, dann setzt sie eine tapfere Miene auf und sieht mich an. »Ich gebe überhaupt nichts auf. Ich tausche lediglich einen Traum gegen einen viel besseren ein.«
Ohne mich darum zu scheren, wer es mitbekommt, gebe ich ihr einen dicken Kuss auf den Mund. »Himmel, ich liebe dich.«
In ihren Augen erscheint das gewisse Funkeln, dann sagt sie: »Das solltest du auch. Ich gebe immerhin deinetwegen meine Kariere auf.«
Ich lege meinen Mund dicht an ihr Ohr und flüstere leise: »Ja, aber man hat mir gesagt, die Nebeneinkünfte seien beträchtlich.«
Eine Stunde später steigt unsere Hoffnung, als Evi aus dem Entbindungsraum kommt, dann stellt sich heraus, dass sie nur wieder Eiswürfel holen will. Was machen die da drin bloß mit so vielen Eiswürfeln? Ich würde das ja recherchieren, fürchte mich aber vor den Fotos, die dann womöglich aufploppen.
Tessa lehnt den Kopf an meine Schulter und sagt: »Ich bin froh, dass du hier bist, auch wenn ich sicher bin, du bist es nicht.«
Ich verschränke meine Finger mit ihren und drücke sie. »Ich wäre nirgendwo lieber.« Und komischerweise stimmt das sogar. »Ich würde lieber eine Ewigkeit mit dir auf diesem scheußlichen Flur zubringen, als noch mal eine Woche von dir getrennt zu sein.«
Tessa hebt den Kopf und lächelt mich an, ihre Augen sehen ein wenig feucht aus. »Weißt du, was verrückt ist? Mir geht es genauso.«
»Wir sind eben zwei Geistesgestörte.«
Mr Halslos, der unverkennbar gelauscht hat, während er mit einem der Zwillinge an jedem Unterarm seine Armmuskeln trainiert, bemerkt: »Das kommt daher, weil Sie beide wahrhaft verliebt ineinander sind. Verrückt nacheinander. Alles klar? Weil Sie verrückt nacheinander sind.«
Tessa lächelt mir zu, wendet sich aber an ihn. »Da haben Sie ganz recht, Xavier.«
Oh, so heißt er also. »Hören Sie, Xavier, Sie können eindeutig gut mit Kindern umgehen. Würde es Ihnen etwas ausmachen, mal für einen Moment auf sie aufzupassen, damit Tessa und ich kurz auf einen Tee in die Cafeteria können?«
Ruben hebt eine Braue. »Nennt man das heute so? Tee?«
»Dad! Du liebe Güte, er hat Tee gemeint.« Sie wirft ihm einen warnenden Blick zu.
Ruben schaut beschämt drein, aber nur ein bisschen, dann nickt er. »Ich kann selbst auf meine Enkelkinder aufpassen.«
»Ich warte gerne hier, Sir. Ich liebe Kinder«, ergänzt Xavier, an dessen Armen jetzt alle vier Jungs baumeln.
Ich springe auf und ziehe Tessa auf die Füße hoch. »Ausgezeichnet. Danke, Kumpel. Wir sind im Nu wieder hier.«
Wie eilen zusammen den Gang hinunter, biegen um die Ecke und prallen prompt gegen eine Frau in mittleren Jahren, die einen Mann im Rollstuhl schiebt. Beider Gesichter erhellen sich, als sie uns erkennen. Die Frau lacht mich breit an und kreischt »Eure Hoheit!«, dann sieht sie Tessa, und ihre Munterkeit vergeht, während der Mann im Rollstuhl Tessa zuerst bemerkt und ruft: »Royal Watchdog!« Dann sieht er mich und lässt seinerseits die Backen hängen.
»Dann sind Sie immer noch mit ihm zusammen.« Er klingt zutiefst angewidert.
Da meldet sich, gleichermaßen perplex, die Frau zu Wort. »Er hat ihr letzte Woche in einem Heißluftballon einen Antrag gemacht. Hast du das denn nicht in den Nachrichten gesehen? Wie sie versehentlich in Holland gelandet sind?«
»Nein, da war ich auf der Intensivstation, falls du dich erinnerst, Phyllis!« Dabei dreht er sich nach hinten um und funkelt sie böse von unten an.
»Wie könnte ich das vergessen, Daniel? Ich habe die ganze Zeit auf einem scheiß unbequemen Stuhl auf dem Gang gewartet, sodass mich mein Rücken jetzt bei jeder Bewegung daran erinnert, wie ich die Woche zugebracht habe.«
»Ja, die Ballonfahrt verlief nicht ganz so, wie ich es geplant hatte«, sage ich lächelnd zu der Frau. »Wussten Sie, dass man einen Ballon nicht in die Richtung lenken kann, in die man will? Nur rauf oder runter?«
Daniel schüttelt den Kopf. »Natürlich wussten wir das. Selbst ein Kleinkind kann sich das denken.«
»Kein Grund, den Prinzen so abzukanzeln. Nur weil du gerade ein bisschen angeschlagen bist.«
Daniel sieht Tessa an und deutet mit dem Daumen hinter sich. »›Ein bisschen angeschlagen‹, sagt sie. Dabei wurden mir beide Lungenflügel ersetzt.«
»Tja, nun, hättest du nicht seit Teenagerzeiten wie ein verdammter Schlot geraucht, hättest du vielleicht noch deinen Originalsatz Lungen.« Phyllis sieht mich an. »Sie sollten sich das mit der Hochzeit vielleicht noch mal überlegen.«
»Ja, das sollten Sie«, wendet Daniel sich an Tessa.
»Nun, wenigstens darin sind Sie sich einig«, sage ich, dann verbeuge ich mich vor ihnen. »Es war wundervoll, Sie beide kennenzulernen. Ich wünsche Ihnen eine rasche Genesung, Daniel.«
Ich greife nach Tessas Hand und ziehe sie zum Treppenhaus. Ollie folgt uns in respektvollem Abstand. Ich wende mich zu ihm um. »Ab hier übernehme ich.«
Er wirft mir einen wissenden Blick zu. »Ich warte hier, Sir.«
Kaum sind wir allein, drehe ich sie zu mir um, um mit meinen Lippen über sie herzufallen. Sie blickt, sichtlich besorgt, zu mir hoch.
»Mach dir deshalb keine Sorgen. Die beiden haben sich offensichtlich vom ersten Tag an gehasst.«
»So wie wir.«
»Ja, aber wir sind darüber hinweggekommen, und inzwischen können wir uns sehr gut leiden.« Ich küsse sie ungestüm auf den Mund und drücke sie dabei hart gegen die Betonwand hinter ihr. Dem kleinen Stöhnen nach zu urteilen, das sich ihrer Kehle entringt, scheint sich Tessa wieder beruhigt zu haben. Mehrere Minuten lang knutschen wir uns um den Verstand, wobei wir gewissen Dingen, die ein Prinz unmöglich in der Öffentlichkeit tun kann, gefährlich nahekommen, ehe wir uns endlich voneinander lösen und japsend unsere Kleidung glatt streichen. Grinsend betrachte ich Tessa, die rote Wangen hat und deren Haare aussehen, als hätte sie genau das getan, was wir soeben getan haben.
Ich drücke meine Stirn gegen ihre. »Ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass du heute Abend zu deinen Eltern zurückfährst.«
»Ich auch nicht. Ich vermisse dich so«, sagt sie und schlingt die Arme um meine Taille.
»Vielleicht könntest du bei mir übernachten.«
»Ich muss meinen Eltern mit den Jungs helfen.«
»Ja, richtig. Verflucht. Dann morgen Nacht?«
»Isst du da nicht mit dem australischen Premierminister zu Abend?«
»Mist. Ja. Dann Sonntag?«
»Da kann ich nicht bleiben. Montag früh hab ich eine Arbeitsbesprechung.«
»Das ist doch lächerlich. Zuerst haben wir zusammengewohnt, und jetzt sehen wir uns kaum noch.« Ich seufze. »Was würdest du davon halten, wenn wir so schnell wie möglich heiraten?«
»Ich würde sagen, gibt es irgendwo einen Standesbeamten, der uns auf der Stelle trauen könnte?«
»Oh, ich habe mir das richtige Mädchen ausgesucht.« Sie hätte sich nicht weniger aus der großen Fernsehübertragung und dem Designerkleid machen können. Sie will nur mit mir zusammen sein. »Wenn wir nicht auch an andere denken müssten, würde ich dich sofort nach Las Vegas entführen, damit Elvis uns miteinander vermählt«
»Der King traut einen zukünftigen König.« Tessa lacht, dann sagt sie: »Aber du schuldest den Leuten, sie an den Festlichkeiten teilhaben zu lassen.«
»Stimmt«, nicke ich. »Außerdem, stell dir nur mal vor, wie sauer dein Dad auf mich wäre, wenn wir die Hochzeit ohne ihn durchziehen würden. Wäre es nach ihm gegangen, hätte er mit uns im Ballon gesessen, als ich dich gefragt habe.«
»Da ist was dran«, sagt sie. »Wie viel Zeit braucht es wohl, um eine königliche Hochzeit zu planen?«
»Wie viel Zeit braucht es wohl, bis eine Frau ihr fünftes Kind bekommt?«
»So lange?«
»Fast. Für einen geringeren Mann achtzehn Monate, aber ich wette, ich kriege es in sechs Monaten hin.«
»Sechs?« Sie macht große Augen.
»Bist du jetzt begeistert oder verschreckt?«
»Beides.« Sie stellt sich auf die Zehenspitzen und haucht mir einen Kuss auf die Lippen. »Begeistert, weil ich dich heirate, verschreckt wegen der Hochzeitsfeier.«
»Musst du nicht. Alles, was du zu tun hast, ist, es bis vor den Traualtar zu schaffen, von da an werde ich ständig an deiner Seite sein.« Ich küsse sie lange auf die Lippen und spüre augenblicklich, wie sie sich mir vollkommen hingibt. Es ist das stärkste aller Gefühle, diese Wirkung auf eine Frau haben zu können. Ziemlich berauschend.
Gerade als ich äußerst, nun ja, rollig werde, zieht sie sich ein wenig von mir zurück. »Schaffen wir es wirklich in sechs Monaten?«
»Wenn ich ein Wörtchen dabei mitzureden habe, ja.«
Sie beugt sich vor, wieder küssen wir uns, und ich bin mir ziemlich sicher, dass wir in mindestens zwei Punkten gegen öffentliche Anstandsregeln verstoßen, als jemand an die Tür klopft und uns unterbricht.
»Miss Sharpe, Sie werden anderenorts gebraucht!«, dringt Ollies Stimme gedämpft durch die Eisentür.
Wir beeilen uns, beide halbwegs vorzeigbar auszusehen, dann reiße ich, in der Erwartung, Ollie allein dort stehen zu sehen, die Tür auf. »Danke …«
Ruben, der neben Ollie steht, verschränkt die Arme vor der Brust. »Tee, ja?«
Sofort bricht mir der kalte Schweiß aus, ich fühle mich wie damals, mit acht, als ich erwischt wurde, wie ich dem Porträt der verstorbenen Königin Diana einen Schnurrbart anmalte. Es gibt buchstäblich nichts, was ich sagen kann, um diese Situation zu retten, nicht wahr?
Ruben schüttelt den Kopf und wendet sich ab. »Das Baby ist da.«
Eugenia Rosemund Sharpe. Das ist der Name, den sie dem armen kleinen Wurm aufgebürdet haben. Sie ist übrigens anbetungswürdig. Pummelig und rosig, mit riesengroßen hellblauen Augen und den winzigsten Fingernägeln, die ich je gesehen habe.
Evi reicht sie mir beinah in dem Augenblick, in dem wir den Raum betreten. »Hast du schon mal ein neugeborenes Baby gehalten?«, fragt sie leise.
»Nein.« Mein Herz explodiert mit einer Art seltsam erstaunlichem Glücksgefühl, als ich auf ihr kleines Gesicht hinunterblicke. Ich habe Angst, sie fallen zu lassen und bin zugleich völlig in ihren Bann geschlagen. Ja, ich glaube, ich hätte selbst sehr gerne so eines. »Hast du jemals so winzige Fingernägel gesehen? Entschuldigung, aber ich komme einfach nicht darüber hinweg. Sie sind so … winzig.«
Für den Bruchteil einer Sekunde werfe ich Tessa einen Blick zu, weil ich meine Augen gerade so lang von dem Baby losreißen kann. »Lass uns auch eins machen. Auf der Stelle.«
Tessa schnappt schockiert nach Luft. »Aber wir haben uns gerade erst verlobt.«
»Na und? Wir sind schließlich keine Teenager mehr!«
Da schlägt Eugenia die Augen auf und blickt mich an. Ich stoße kleine Gurrlaute aus. »Deine Tante Tessa und ich heiraten in einem halben Jahr. Ja, das tun wir. Ja, das tun wir …«
Evi gibt ein sehr leises Quieken von sich und berührt ihre neue Enkeltochter an der Wange. »Du bist gerade erst auf die Welt gekommen, und schon hast du jemandes Liebe zu dir geweckt, kleine Eugenia Rosemund.«
Ich lächle. »Das liegt nur daran, dass sie so perfekt ist.«
Tessa tritt zu mir und streicht zart mit den Fingern über Eugenias Köpfchen. »Ja, das ist sie.«
Nur dass ich, als ich genauer hinsehe, bemerke, dass ihr Kopf weniger rund als auf einigermaßen alarmierende Weise länglich ist. Du lieber Gott, ihr Kopf läuft geradezu spitz zu – wie bei den Coneheads aus Saturday Night Live, damals, als ich noch ein Kind war. »Ist ihr … Kopf okay? Er ist ziemlich spitz …«
»Was?«, blafft Nina. »Was stimmt nicht mit ihr?«
»Alles gut, es ist nur …« Mist, warum zum Henker habe ich das laut ausgesprochen?
Lars kommt, schaufelt das Baby aus meinen Armen und funkelt mich an. »Es ist vollkommen normal, dass ihr Kopf ein wenig gequetscht wurde, als sie herauskam. Das ist nichts, worüber man sich Sorgen machen müsste.«
Evi bedeckt Eugenias Spitzkopf entschlossen mit einer Wollmütze.
Gut gemacht, Großmama – versteck die Deformation, bevor sie noch jemand bemerkt.
Es ist acht Uhr früh, und ich sitze mit sechs hohläugigen Arbeitskolleginnen und -kollegen zusammengequetscht in dem winzigen Sitzungszimmer. Alle gieren nach etwas Exklusivem von mir – einem Foto, einem Zitat, egal was –, was mir natürlich nicht im Geringsten unangenehm ist. Kleiner Scherz. In Wahrheit ist es genau so bizarr, wie man es sich denken kann. Allerdings wird niemand mich offen danach fragen, weil unsere Chefredakteurin Hazel Nettlebottom sie gebeten hat, davon abzulassen; trotzdem sehen mich alle an, als wollten sie eine Steinzeitdiät beginnen und ich wäre der allerletzte Cupcake im Schaufenster der Bäckerei.
Und Tyler, der neue Praktikant, hat den größten Heißhunger von allen, weil er verzweifelt danach strebt, eine Festanstellung zu ergattern. Er war es, der Freitagabend vor dem Krankenhaus und heute Morgen vor dem Gebäude auf mich gewartet hat, um ein Foto von mir auf dem Weg ins Büro zu schießen. Zum Glück konnte Xavier ihm den Blick auf mich verstellen, während ich vom Auto zum Haupteingang huschte, denn ich bin heute spät aufgewacht und sehe deshalb nicht gerade »kameratauglich« aus. ABNC, der größte Nachrichtensender des Landes, hat den berühmtem Modekritiker Nigel Wood angeheuert, und seinen beiden ersten Auftritten in den Frühnachrichten nach zu urteilen, besteht seine einzige Aufgabe darin, sich über mich lustig zu machen. Mit den Klamotten, die ich bei unserem Date im Heißluftballon anhatte, war ich jedenfalls ein gefundenes Fressen für ihn. Er nannte mich die am langweiligsten angezogene Frau im ganzen Königreich und konfrontierte die Welt mit der drängenden Frage, ob ich womöglich farbenblind sei.
Hazel fegt ins Zimmer, ihr überlanger Pullunder bauscht sich. Sie stellt sich am anderen Ende des Raums vor ein Whiteboard und geht in allen enervierenden Einzelheiten die Auflage und Anzeigenquote der vergangenen Woche durch. Wie immer dauert es nicht lange, bis meine Gedanken auf Reisen gehen. Die Zahlen sind jedes Mal so ziemlich dieselben – mickrig. Wir kommen finanziell gerade so über die Runden, und keinem unserer fest angestellten Reporter ist bisher gelungen, was Hazel jede Woche aufs Neue von uns verlangt, den Heiligen Gral des Journalismus zu finden, nämlich den »großen Knüller«.
Ich habe einen Knüller für sie. Ich kündige. Ich muss mir nur noch überlegen, wann. Gehe ich zu früh, wird es heißen, es gehe mir nur ums Geld, gehe ich zu spät, stehe ich als Dummerchen da, das zu blöd ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen. Ich habe den Großteil des Wochenendes mit der Frage gerungen, wann ich meinen Job aufgebe, und wenn ich ganz ehrlich sein soll, habe ich ein Problem damit, dass ich überhaupt kündigen muss, egal, was ich Arthur im Krankenhaus darüber gesagt habe.
Ich weiß, ich weiß, ihr denkt jetzt sicher: »Tessa, du wirst eines Tages Königin sein, was zum Teufel gibt es da zu bedauern?« Und ihr habt ganz recht. Kaum eine andere auf der ganzen Welt hat so viel Glück wie ich, und das ist mir durchaus bewusst, ehrlich.
Aber (es gibt immer ein Aber, nicht wahr?) seit meinem vierzehnten Lebensjahr wollte ich niemals etwas anderes werden, als eine erfolgreiche Journalistin. Ich habe mich dafür vier Jahre auf der Uni abgeplagt, gefolgt von sieben langen Jahren, in denen ich für das Erreichen meines Ziels gekämpft habe, einschließlich gravierender Rückschläge – namentlich Barrett Richfield, meinem Chef/Lover, der mich belogen und betrogen und schließlich gefeuert hat. Aber habe ich deshalb aufgegeben? Nein. Ich habe mich nach vorn gewandt, tief Luft geholt und weitergemacht und bin der Wahrheit auf der Spur geblieben, weil ich mich, immerhin, meinem Handwerk verschrieben habe.
Oh, ich sollte wohl lieber aufpassen. Hazel hat gerade in einem einzigen Satz die Worte »unverzichtbar« und »unumgänglich« verwendet. Leider lenkt mich der Gedanke, kündigen zu müssen, zu sehr ab. Öh, ich meine natürlich nicht kündigen, ich meine, gegen etwas Besseres eintauschen. Und es wird besser sein, richtig? Obwohl ich nun meine eigene »Hater«-Clique und einen Modekritiker in den Nachrichten am Hals habe.
Hm, ich frage mich, ob Arthur ein persönliches Gespräch mit Camilla für mich arrangieren kann. Sie hatte schließlich Jahrzehnte Zeit, zu lernen, wie man mit enormer Unbeliebtheit umgeht.
»Tessa. Tessa! Hallo?«, ruft Hazel mit ihrem kanadischen Akzent.
Ich blicke hoch und sehe, wie sie mich über den türkisfarbenen Rand ihrer Brille anlächelt. Oh, Mist. Die übrigen Mitarbeiter gehen bereits der Reihe nach hinaus, und ich habe keinen Schimmer, was in dieser Woche von mir erwartet wird.
»Kannst du nach der Pause kurz in mein Büro kommen?«
»Ja, klar.«
Die Pause rauscht in Rekordzeit vorbei, dann sitze ich auf dem leicht wackeligen Metallstuhl vor Hazels Schreibtisch, während sie ein Telefonat beendet. Nachdem sie aufgelegt hat, schiebt sie sich ihren Bleistift hinters Ohr und seufzt. »Also, Tessa, ich denke, wir müssen über deine Zukunft hier sprechen.«
Oh, Himmel, werde ich jetzt gefeuert? Ich meine, ich weiß, dass ich hier aufhören muss, aber doch nicht so, bitte schön.
Mein Gesicht verrät anscheinend genau, was ich denke, denn Hazel schüttelt lächelnd den Kopf. »Nein, nein, ich lasse dich nicht ziehen, aber ich finde, wir sollten dir aus naheliegenden Gründen einen neuen Aufgabenbereich zuweisen.«
Einen neuen Aufgabenbereich? Wie wenn man ein altes Möbel verrückt? »Genau, daran habe ich auch schon gedacht. Ich meine, ich werde mich bei öffentlichen Ereignissen ja nicht mehr einfach so unter die Leute mischen können.«
»Na ja, mit diesem Klotz purer Männlichkeit, der dir auf Schritt und Tritt folgt, sicher nicht.« Sie wirft durch die Glaswand einen Blick auf Xavier, der auf dem Gang sitzt und in einem Bodybuilder-Magazin liest. Errötend wendet sie sich wieder mir zu und sagt: »Ich dachte, du könntest vielleicht in die Abteilung Anzeigen, Nachrufe und Korrekturen überwechseln.«
»Großartig, ja.« Oh, Shit, das ist ein gewaltiger Abstieg in der Welt des Journalismus. Und es bedeutet, dass ich freitags, wenn wir in Druck gehen, immer bis nach Mitternacht hier festsitzen werde. Ich beiße mir eine Sekunde auf den Daumennagel, während ich mir überlege, was das für mein Privatleben bedeuten würde.
Hazel notiert etwas in ihren Terminkalender. »Fein, dann hätten wir das.«
Ich nicke, obwohl mir klar ist, dass ich jetzt das Thema meiner bald erforderlichen Kündigung ansprechen sollte, aber ich bringe die Worte einfach nicht über die Lippen. Ich bin schlicht noch nicht bereit, diesen Teil meines Lebens als »Tauschware« einzusetzen.
Textnachricht von mir an Tessa: Wie verläuft dein Tag?
Sie: Stecke bis über beide Ohren in Korrekturen. Davon abgesehen, gut.
Ich: Komm heute Abend vorbei. Dann helfe ich dir, den Stress abzubauen.
Sie: Klingt interessant. Um acht, ja?
Ich: Folge der Gummibärchen-Spur hinter dem Haupteingang.