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New York im Jahre 2136: Die Technik ist fortgeschritten und die politischen und wirtschaftlichen Interessen haben sich ausschließlich auf eine konsumorientierte Massengesellschaft konzentriert. An einem schicksalhaften Tag im Mai kreuzen sich die Wege einer Handvoll Menschen, deren Aufeinandertreffen sowohl Folge als auch Auslöser der gewaltigen Veränderungen sind, die auf die Menschheit zukommen. Der junge und engagierte Journalist Tom wird von den politischen Ereignissen aus der Bahn geworfen und sieht sich gezwungen seine hochexplosiven Informationen anders zu verwenden, als ursprünglich geplant. Doch noch bevor er sich damit befassen kann, wird er bereits in einen Mordanschlag auf jenen Mann verstrickt, der für das ambitionierte Marsprojekt der Weltraumbehörde von entscheidender Bedeutung ist. Ohne es zu wissen, sind Attentäter und Opfer, Retter und Marionetten Teile eines Beziehungsgeflechts, das die Protagonisten scheinbar unausweichlich ihrem Schicksal zuführt. Während die Zukunft der Erde sich aus dem Chaos der Ereignisse abzuzeichnen beginnt, versuchen die Beteiligten ihre Rollen zu begreifen um ihr Schicksal doch noch in die eigenen Hände nehmen zu können. Dieser gesellschaftskritische Roman ist sowohl Science- als auch Social-Fiction. Die prägnanten Charaktere kreisen innerhalb der neuen Gesellschaftsordnung wie Himmelskörper um ihr gemeinsames Schicksal, teils in weitem Abstand, teils auf Kollisionskurs. Während sich immer mehr herauskristallisiert, worauf all diese Einzelereignisse hinauslaufen, erhebt sich jedoch zunächst die Frage, welche Bedeutung Amerikas letzter Eskimo für das größte Menschheitsprojekt aller Zeiten hat.
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Seitenzahl: 398
Veröffentlichungsjahr: 2015
Hans-Uwe Röwer
Mayday
Copyright: © 2015 Hans-Uwe Röwer
Lektorat: Erik Kinting / www.buchlektorat.net
Satz & Umschlaggestaltung: Erik Kinting
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
Das Werk, einschliesslich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
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Über den Autor
Hans-Uwe Röwer, geboren 1938 in Kiel, wuchs in Hamburg und Umgebung auf. Nach seiner Heirat mit einer Mexikanerin lebt er seit 1970 in Mexiko.
Er ist Autor zahlreicher Kurzgeschichten in spanischer Sprache. Sein besonderes Interesse gilt der Anthropologie, der Raumfahrt sowie der Veränderung der menschlichen Werte in der näheren Zukunft. ›MAYDAY‹ ist der erste Band einer Trilogie.
Inhalt
Thomas J. Kolby
Crystal Klein-Skilton
Britannia Russell
McSpider
Juliet Lindsey
Paul Kinsman
Larry Bridgewood
Naya Yupam
Ein Tag danach
Thomas J. Kolby
Vertieft in die Schaubilder, die in leuchtenden Farben über die Bildschirme huschten, bemerkte Thomas J. Kolby nicht, dass seine Kollegin Juliet Lindsey bereits eine Weile hinter ihm stand und ihn interessiert bei der Arbeit beobachtete. Mit der Fingerspitze tippte sie ihm sanft auf die linke Schulter, sich dabei nach rechts beugend, um ihn zu irritieren. Er warf einen raschen, nervösen Blick zurück, ohne jedoch, da er niemand erspähte, nach der Ursache dieser wahrscheinlich imaginären Störung zu suchen. Er fuhr fort, auf die Tastatur seines Computers einzuhämmern …
Seit ihrem ersten Arbeitstag, vor ungefähr drei Jahren, wirbelte Juliet wie ein Orkan alles irgendwie Beständige in diesem Büro der NTN, der National Television News Nachrichtenagentur durcheinander. Niemand konnte sich vor ihr sicher fühlen und keines ihrer Opfer durfte sich damit brüsten, nur einmal von ihrer Naturgewalt berührt worden zu sein. Mit ihrem langen, blonden Haar, das sie je nach Gemüt, Laune oder Absicht in charakterisierende Frisuren zu verwandeln vermochte, beirrte sie jedes Mal aufs Neue auch das uninteressierteste Männerherz. Ja, ihr Haar … Wenn sie es wie heute lose heruntergelassen dazu benutzte, ihre verführerischen Blicke nur demjenigen sichtbar werden zu lassen, der gar nichts mit ihr zu tun haben wollte, dann saß jener bereits in der Falle. Trug sie es sportlich zu einem Pferdeschwanz nach hinten gebunden, ließ sie wissen, dass jeder Anwesende in dem von ihr markierten Arbeitsrhythmus mitzuwirken hatte. Nahm sie sich die Zeit, es nach einer Seite zu einem Zopf zu flechten, spielte sie das unschuldige Mädel vom Lande, das nach ihren Sorgen gefragt werden wollte. Rollte sie es zu einem Knoten auf, dann verwandelte sie sich in die verschwiegene Sekretärin eines Staatspräsidenten, von der man annehmen durfte, dass sie mehr als alle anderen wusste. Was sie sich vornahm, führte sie durch, auch wenn sie dabei die Nerven ihrer Mitarbeiter strapazierte. Sie zeigte sich gern aufgeschlossen und frei heraus, was aber durchaus Hinterhältigkeit und Verschwiegenheit bedeuten konnte. Wer zu wissen glaubte, woran er bei ihr war, der befand sich mit Sicherheit auf dem Holzweg. Und irgendwas wollte sie von Tom.
Sie legte ihm beide Hände auf die Schultern. Er unterbrach das Schreiben, versetzte seinem Stuhl einen kleinen Drehimpuls und betrachtete seine Kollegin, die jetzt dicht vor ihm stand, von unten her. Sie versuchte ihre vor Neugier leuchtenden Blicke hinter dem Vorhang einiger Haarsträhnen zu verbergen, welche sie mit einem geschickten Kopfschütteln in ihr Gesicht fallen ließ. Aber Thomas, der auf diese Art von Manöver bereits unzählige Male hereingefallen war, lächelte sie an und wand sich wieder den Monitoren zu.
Auf die Rückenlehne seines Sessels gestützt, beugte sie sich über ihn und ließ ihr seidiges, nach Shampoo und anderen Zauberwassern riechendes Haar sein Blickfeld verschleiern.
Er pustete es sich aus dem Gesicht. »Du störst mich, Juliet, ich arbeite.«
»Was ist los mit dir, Thomas? Warum so abweisend? Tagelang meldest du dich nicht im Büro und wenn du dann mal auftauchst, möchtest du mir keine einzige Sekunde widmen.«
»Ich stehe unter Druck. Mein Bericht muss noch heute dem Hauptredakteur vorgelegt werden.«
»Eine winzig kleine Frage nur, die ich stelle, und eine kurz und bündige Antwort von dir. Eine Minute, länger dauert das nicht.«
»Ich akzeptiere, wenn du mir dabei direkt in die Augen siehst.«
»Das tue ich doch die ganze Zeit.« Mit beiden Handrücken strich sie sich das Haar in den Nacken und warf den Kopf etwas zurück, um es dort halten zu können. Dass ihr angehobenes Kinn eher herausfordernd als anregend wirkte, merkte sie vielleicht nicht, bewusst war ihr jedoch, dass sie so den direkten Augenkontakt mit Tom mied. »Also, Tom, worum wird es während der Sitzung in der Chefetage gehen?«
»Welche Sitzung?« Vor einigen Tagen, irgendwo in Toms Terminkalender musste es vermerkt sein, hatte er ein Memorandum aus der Chefetage empfangen, mit der höflichen Aufforderung, sich am Freitag, dem 18. Mai um 17:00 Uhr für eine Sitzung bereitzuhalten. Da keinerlei Hinweise über die Tagesordnung dieses Treffens angegeben waren, hatte er die Angelegenheit, ohne sich Gedanken darüber gemacht zu haben, schnell vergessen. War heute der Achtzehnte? Natürlich!
Juliet gab nicht so schnell auf: »Mensch, Tom, willst du mich für dumm verkaufen?«
»Ehrlich, ich hatte es vergessen. Wie spät ist es denn?«
»Sechzehn Uhr zweiundvierzig. Schau, auf all deinen Monitoren ist es zu lesen. Du musst dich wohl schon auf den Weg machen. Also, worum wird es gehen?«
»Keine Ahnung.«
»Komm mir nicht damit. Was denkst du denn, was man von euch will?«
»Keine Ahnung. Wieso euch? Gilt das nicht für alle? Bist du nicht aufgerufen worden?«
»Nein, nur Jimmy Baltimore, Walter Goldberg und du stehen aus unserer Abteilung auf der Liste.«
»Du weißt wie immer mehr als ich. Was sagen Jimmy und Walter? Was erwarten die zwei?«
»Fragst du mich? Die sind übrigens schon auf dem Weg nach oben. Pass nur auf, dass du nicht zu spät kommst.«
Juliet wandte sich kurz entschlossen um, das Kinn immer noch in die Höhe gereckt, und stolzierte wie ein beleidigter Reiher zu ihrem Arbeitsplatz auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes.
Tom verglich seine Armbanduhr mit der Zeitanzeige auf den Monitoren. Er blieben ihm noch einige Minuten, um seine Berichte zu schließen und sie zu speichern.
Genau in dem Moment, als die Digitalanzeige der Bildschirme auf 16:45:00 Uhr sprang, erschien im oberen rechten Feld der drei Mattscheiben ein Fenster mit dem NTN-Symbol und gleich darauf das Porträt der Hauptsekretärin. Es dauerte einige Sekunden, bis sich das Bild bewegte und die Netznachricht durchkam:
Herr Thomas J. Kolby Sie werden daran erinnert, sich um 17:00 Uhr in der Chefetage für ein geplantes Treffen einzufinden. Bitte, bestätigen Sie ihr pünktliches Erscheinen.
Tom drückte die für diesen Zweck vorgesehene Taste und schrieb dann seine Kennnummer in das entsprechende Feld. Er schloss seine Systeme, räumte einige Speicherscheiben und Papiere mit ausgedruckten Informationen zusammen, versiegelte den Anschluss seines Computers und erhob sich von seinem Drehsessel. Er zog die Krawatte fest, brachte die hochgekrempelten Hemdsärmel in Ordnung und knöpfte sie zu. Er steckte sich den Mini-PC in die Brusttasche und ging gelassenen Schrittes in Richtung Aufzüge. Auf dem Wege grüßte er freundlich lächelnd den einen und anderen Kollegen, der von der Arbeit hochblickend Toms Aufmerksamkeit auf sich lenkte.
Während der vergangenen Tage hatte Tom zu Hause gearbeitet und das Material zusammengetragen, um seinen an diesem Freitag fälligen Bericht vorzubereiten. Nur einige Informationen, welche NTN nicht über Netz freigab, musste er hier im Büro hinzufügen, deshalb sein heutiges Erscheinen im Organisationsgebäude. Er hatte sich vorgenommen, seine Reportage am frühen Nachmittag, lange vor Redaktionsschluss, zur Überprüfung einzureichen, und es fehlten lediglich einige Details, die er in weniger als einer halben Stunde bewältigen würde. Die Sitzung war ihm völlig in Vergessenheit geraten und er wünschte sich, dass diese so schnell wie möglich vonstattenginge – er hatte andere Dinge im Kopf.
Vor einigen Wochen, auf einer Reise im kanadischen Nordterritorium, hatte er Linda Perkins kennengelernt und sich in sie verliebt. Sie war eine begabte, intelligente Frau, ein Jahr jünger als er, die ethnologische Studien betrieb. Die Begegnung mit ihr war ausschlaggebend dafür gewesen, dass er seiner Reportage eine menschlichethische Nuance gegeben hatte. Er hatte zum ersten Male in seiner Laufbahn als Journalist das an der Universität erlernte Mandat, die Wirklichkeit nur unter objektiven Gesichtspunkten zu schildern, beiseitegeschoben und eine subjektive Darstellung der Situation zur Schau gestellt. Viele Nächte hindurch hatte er über diese Wendung seiner Einstellung und seines Verhaltens nachdenken müssen. Je länger er grübelte, desto intensiver reifte seine Überzeugung, sich nicht nur der Beschreibung der Realität zu widmen, sondern an ihr mitzuwirken und sie zu beeinflussen. Linda hatte angekündigt, das bevorstehende Wochenende in New York zu verbringen, und Tom wollte unter allen Umständen keine Minute mit ihr versäumen – sie war verdammt attraktiv.
Im Foyer der Fahrstühle angelangt, steckte Tom seine Erkennungskarte in die Spalte des Öffnungsmechanismus der Eingangssperre. Er nahm die Karte wieder in Empfang, als sie auf der Innenseite der Glasbarriere wieder ausgespien wurde, und befestigte sie mit einer Klammer an seiner Hemdtasche.
Vor einer der Schiebetüren wartete Jimmy Baltimore. Tom stellte sich zu ihm und grüßte mit einem kurzen Hallo. Er dachte an Linda Perkins und vergaß ganz und gar, dass man innerhalb der Firma unter Kollegen in Situationen wie diesen einen unverbindlichen, oberflächlichen Small Talk zu führen hatte. Es war ihm nicht danach zumute.
Jimmy jedoch ignorierte Toms Gemütsverfassung und fragte: »Was die da oben wohl wollen?«
»Wer weiß?«
»Wir sind nur drei aus unserer Abteilung. Wusstest du das?«
»Ja! Juliet Lindsey!«
»Wie die alles erfährt …«
»Sie ist eben eine spitzfindige Frau.«
»Vielleicht schläft sie mit dem Boss.«
»Juliet schläft nie.«
»Das stimmt auch wieder.«
Die Tür öffnete sich und die Panoramafenster des an der Außenseite des Gebäudes installierten Aufzugs gaben den Blick auf die anderen beiden Türme des NTN-Komplexes und einen Teil von Manhattan frei. Tom ließ sich immer wieder aufs Neue von diesem Ausblick beeindrucken. Jimmy den Vortritt lassend, wandte er sich direkt zum Fenster und schaute hinaus. Er beobachtete andere Fahrstühle, die wie Luftblasen in einem Glaszylinder nach oben schwebten oder wie Regentropfen an einer Scheibe hinunterflossen. Zwischen dem vierzigsten Stockwerk, an seinem Arbeitsplatz, und dem zweiundsiebzigsten, wo der NTN-Direktor seine Gäste und Untertanen empfing, dauerte der Aufstieg nicht länger als zwei Minuten und verlief derart lautlos und sanft, dass Tom, von der majestätischen Megastadt fasziniert, nicht merkte, wann er aussteigen musste.
Jimmy holte ihn in die Realität zurück: »Mann, los Tom, der Chef wartet auf uns.«
»Sind wir schon da?«
»Klar. Höher hinaus kommt man bei dieser Firma nicht.«
»Witzbold …«
Tom hatte sich schon oft Gedanken darüber gemacht, wie erhaben, wie hervorragend, wie erstklassig eine Person sein musste, um einen Konzern wie NTN leiten zu können. Es existierten viele Berichte, Dossiers, Reportagen, Gerüchte, Lobpreisungen und Verleumdungen über den großen William Kenneth Klein, aber wie er wirklich war … wer konnte sich davon ein Bild machen? Tom hatte ihn nur einmal in persona gesehen und das nicht in der Firma als sein Angestellter, sondern viele Jahre vorher, bei einem Galakonzert im neu eröffneten Flughafen im Long Island Sound. Aber das war eine lange Geschichte. Klein müsste jetzt so an die siebzig sein, vielleicht zweiundsiebzig, wie die Nummer seiner Etage.
Tom und Jimmy traten in die elegant und luxuriös im neuklassischen Stil eingerichtete Empfangshalle und wurden von einer freundlich strahlenden Hostess begrüßt. Sie führte die beiden durch ein Glasportal in ein großräumiges Sekretariat zu einer der dort sitzenden Damen und trat einige Schritte zurück.
»Sie sind? …«
Jimmy legte seine Erkennungskarte vor und bestätigte: »James H. Baltimore.«
»Danke. Und Sie?«
Auch Tom nahm seine Karte ab und deponierte diese auf dem Schreibtisch: »Thomas J. Kolby.«
»Sie sind die Letzten.«
Tom versuchte sich zu entschuldigen, nachdem er ihren Namen von einem Schild ablas, das in golden schimmernden Buchstaben an der Stirnwand ihres Schreibtisches aufleuchtete: »Es gibt viel zu tun, Jane.«
Sie ging auf seine Anspielung nicht ein: »Sie sind der Letzte … Thomas!«
»Aber es ist noch nicht zu spät … Jane.« Thomas konnte Leute wie Jane nicht ausstehen. Direktoren, Abteilungsleiter, Sekretärinnen und sonstige Kollegen, die sich wichtig fühlten, nur weil sie dem großen Boss näher zu stehen glaubten als andere, hielt er für aufgeblasene Hampelmänner. Es war ihm klar, dass jeder seinem Posten gemäß zu handeln hatte, aber er verstand nicht, warum der Charakter dabei in die Brüche gehen musste.
Jane entnahm einem Schubfach zwei transparente Plastikbehälter, stellte diese vor sich und schob in die Deckeltaschen die ihr überreichten Identifikationskarten. »Lassen Sie bitte alle Utensilien hier, die Sie zufällig oder absichtlich bei sich tragen.«
»Zum Beispiel, Jane …?«
»Elektronische, chemische und biologische Rechner, Schreiber, Notizbücher, Aufnahme- und Übermittlungsgeräte, Uhren, Schlüssel, Schraubenzieher, Debitkarten, Sonnenbrillen und so … weiter …! Thomas! Sie bekommen alles zurück.«
»Wunderbar. Und mein fotografisches Gedächtnis?«
»Das haben Sie mit Sicherheit zu Hause vergessen.«
»Wie dumm von mir, Jane …«
Wundersame Dinge gingen Thomas durch den Kopf: Unter welchem Druck musste dieser großartige William Klein leben, wenn er nicht einmal Vertrauen in seine Mitarbeiter oder Untergebene haben konnte. Gewaltige Männer ließen sich wahrscheinlich ganz einfach von minderwertigen Männlein unterkriegen. Es war nicht die Angst um das Leben, was sie zu derlei Maßnahmen veranlasste, sondern die Sorge Macht einzubüßen. Oben zu stehen, wenn auch auf wackligen Beinen, bedeutete ihnen mehr als das sichere Wandern in der Talsohle. Von oben herab konnten sie alle Fäden ziehen und verknoten, aber wehe, wenn sie sich einmal an einem frischen Quellwasser laben wollten. Nur was ihnen hinaufgereicht wurde, war ihnen von Nutzen.
Tom verglich die Zeitanzeige der an der Wand über Janes Schreibtisch befindlichen Digitaluhr – sie stand auf 16:56 Uhr – mit seiner Armbanduhr, die dreißig Sekunden vorging. Mit übertriebener Langsamkeit streifte er sie sich vom Arm und legte sie in die für ihn bereitgestellte Schatulle. Dann entleerte er seine Taschen in gleicher Weise. Jimmy war bereits bis an die offenstehende breite Eingangstür des Konferenzsaales geführt worden und rief ihm von dort zu: »Mensch, komm schon, Tom. Dein Getue wird hier auf die Großleinwand projiziert.«
»Es geht uns um die Pünktlichkeit, Jimmy. Jane und ich, wir sind in dieser Beziehung sehr pingelig. In einer Minute bin ich da.«
Tom ließ sich wirklich nicht gerne unter Druck setzen, schon gar nicht, was die Pünktlichkeit betraf. Es war ihm bewusst, dass NTN einen außerordentlichen Wert auf diese Tugend legte und hatte während seiner Laufbahn in dieser Beziehung nie verfehlt. In seinem Privatleben vermied er es so weit wie möglich, kurzfristige Termine zu vereinbaren, um nicht von unvorhersehbaren, nicht von ihm selbst verursachten Umständen in Zeitnot getrieben zu werden. Sollte dies jedoch einmal geschehen, konnte er sich mit Sicherheit auf schwerwiegende Geschehnisse berufen.
Um 16:59 Uhr und 45 Sekunden, gemäß der Anzeige auf dem Großbildschirm des Versammlungsraumes, durchschritt Tom den Bogen des Sicherheitsdetektors und gesellte sich dann zu den bereits Anwesenden im Saal. Eine schweigende, freundliche Hostess wies ihm seinen Platz an, den einzigen noch unbesetzten, dessen Lehne ein Band mit seinem Namen trug. Er setzte sich, nickte seinen unmittelbaren Sitznachbarn, deren Namen er nicht kannte, freundlich zu und kümmerte sich wenig um die sich auf ihn richtenden Blicke, nachdem sein Erscheinen als Projektion am Kopfende des Saales erblasste.
Tom befand sich zum ersten Mal bei einer Zusammenkunft in der Chefetage. Mit einem raschen Blick kalkulierte er die Teilnehmerzahl dieser Zusammenkunft: Es gab drei von Gängen getrennte Blöcke, aus je vier hintereinander stehenden Reihen, mit sechs Konferenzsesseln, alles in allem also zweiundsiebzig. Sein Platz befand sich in der zweiten Reihe des linken Blocks und er nahm an, dass die Sitzordnung alphabetisch vorgenommen worden war, denn Jimmy Baltimore saß ganz vorne und Walter Goldberg nur etwas weiter rechts. Zweiundsiebzig Köpfe fasste der Saal, zweiundsiebzig Köpfe waren geladen. Sollten sie fallen? Ein Gedanke, der Tom für den Bruchteil eines Augenblicks durch den Kopf schoss, dort jedoch keinerlei Spuren hinterließ.
Der Raum verdunkelte sich und die Projektionswand zeigte das flimmernde NTN-Symbol. Gleich darauf erschien das Gesicht der Chefsekretärin: »Vielen Dank für Ihr pünktliches Erscheinen. NTN-Präsident Dr. William Kenneth Klein, wird in wenigen Sekunden bei Ihnen eintreffen.«
»Er kommt zu spät!« Er wollte es eigentlich nicht laut aussprechen, aber alle konnten ihn hören. Einige wandten Tom ihre schmunzelnden Fratzen entgegen, andere lachten kurz auf. Die meisten jedoch taten so, als ob sie diese als Impertinenz empfundene Bemerkung gar nicht mitbekommen hätten.
Die Projektion zeigte jetzt das Dach des NTN-Turms mit dem Landeplatz, auf dem gerade ein eleganter Senkrechtstarter aufsetzte. Einige Personen näherten sich der Maschine. Ein Angestellter mittleren Alters stieg zuerst aus und eilte ins Innere des Gebäudes. Dann folgten zwei Männer, die sich an der Seite der Treppe platzierten und warteten. Eine ganze Weile lang passierte nichts. Endlich erschien eine junge Frau und danach der alt wirkende Chef, um den man sich drängte, um ihm beim Aussteigen behilflich zu sein.
Thomas wusste wie alle anderen, dass die weibliche Person Kleins Enkeltochter war, die ihn häufig bei geschäftlichen und gesellschaftlichen Besuchen begleitete. Sie besaß ein hohes Ansehen im Milieu der Medienindustrie, da sie ihren Großvater feinfühlig und geschickt zu beeinflussen vermochte, ohne dabei sein Prestige und sein Entscheidungsvermögen zu schädigen. Wie gerne hätte Tom sie kennengelernt, aber sie war unerreichbar für einen einfachen, unter Gehalt stehenden Nationalreporter wie ihn. Sie hatte den kalt und scharf, aber gleichzeitig zerbrechlich klingenden Namen Crystal, Crystal Klein-Skilton.
Tom war fest davon überzeugt, dass er hier seine Zeit vergeudete. Was interessierte ihn, wie der Boss aus dem Helikopter stieg, wie er von seinen Hampelmännern und -frauen begrüßt wurde, wie er den Gang entlang kam, wie er bei Jane am Schreibtisch einige Utensilien deponierte. Warum all dies Getue? Er sollte sagen, was er zu sagen hatte, so wie üblich übers Netz, und seine eigenen Leute nicht von der Arbeit abhalten.
Endlich, die Uhr zeigte 17:06, wurde Klein von derselben Hostess in den Saal geführt, die auch Tom behilflich gewesen war. Alle, Tom eingeschlossen, erhoben sich von ihren Sitzen. Obwohl das Erscheinen des Chefs als Projektion beobachtet werden konnte, gab es kaum jemanden, der sich ihm nicht zuwandte, um ihn mit einem schüchternen Lächeln zu begrüßen. Mit undurchschaubarer Miene blickte er an allen vorbei. Tom hätte schwören können, dass niemand je persönlichen Kontakt mit ihm gehabt hatte.
Vor der Projektionswand angekommen, gab er der Hostess einige leise gesprochene Anweisungen, worauf sie den Raum verließ und die Tür hinter sich schloss.
Es herrschte völliges Schweigen. Nach einigen Sekunden wurde der Saal erleuchtet und der Großmonitor von einem Vorhang verhüllt. Erst dann gab der große Klein mit einer kaum merklichen Geste beider Hände das Zeichen, Platz zu nehmen.
Ohne sich zu räuspern oder sonstiger Verzögerungsmanöver sagte er mit seiner piepsig aber klar klingenden Stimme: »Dieses Zusammentreffen mit Ihnen wird nicht aufgezeichnet. Sie und ich sind die einzigen Zeugen. Weder NTN noch sonst jemand in der Welt wird jemals erfahren, was ich ihnen mitteilen werde. Es ist ihnen untersagt darüber zu sprechen, es anderen zu offenbaren, es im Netz zu publizieren oder sonst wie zu verbreiten. Sollten Sie es dennoch tun, denken Sie dabei an diese Warnung: Es handelt sich um ein Staatsgeheimnis. Was mit Verrätern in unserem Land geschieht, brauche ich Ihnen nicht zu erklären, das Weiße Haus kennt in dieser Beziehung kein Pardon.«
Klein machte eine kurze Pause, um der im Saal aufgekommenen Unruhe Raum zu geben. Es wurde getuschelt, man rückte verlegen auf dem Sitz hin und her, kratzte sich hinter dem Ohr, pulte nervös an den Fingernägeln und kam nicht dazu, einen klaren Gedanken zu fassen.
Tom fühlte sich wie vor dem Kopf gestoßen und in all seinen Sinnen blockiert. Was hatte das zu bedeuten?
»Sie, die hier anwesenden zweiundsiebzig Mitarbeiter der NTN, mit erprobten und anerkannten Qualitäten, sind das professionelle Rückgrat der Organisation, ihr moralisches und ethisches Gewissen. Meine Enkelin Crystal und ich persönlich haben Ihre Lebensläufe und Arbeitsbeurteilungen durchgesehen und Sie zu dieser Sitzung einberufen, um Ihnen eine Bürde aufzuerlegen, der Sie sich nicht mehr entziehen können. Ihr Schicksal, Ihre persönlichen Interessen oder sonstige, für NTN unbekannte Motive, haben Sie zu NTN geführt und Sie hier wirken lassen. Nunmehr ist es mein Schicksal, sind es meine persönlichen Interessen und meine für Sie unbekannten Motive, die mich zu Ihnen führen.
Was verlange ich von Ihnen? Zunächst müssen Sie das auf Sie Zukommende mit Zurückhaltung über sich ergehen lassen. Danach jedoch, ein Zeitpunkt lässt sich im Moment nicht festlegen, erwarten nicht nur ich, sondern unsere Nation und der gesamte amerikanische Block, dass Sie Ihrer Verpflichtung als Journalisten mit all Ihrem Talent, all Ihren Fähigkeiten und unter allen Umständen nachkommen, jedoch verantwortungsbewusster und unermüdlicher als je zuvor.
Worum geht es? Die Welt ist in Bewegung; unser amerikanischer Kontinent steht unter Stress. Der Moral der Weltbevölkerung mangelt es an humanistischen Prinzipien, Mikro- und Biotechnik entarten das individuelle Wohlbefinden; Materialismus, Konsumismus, Langeweile, Konformismus und dergleichen zerstören alle unentbehrlichen Werte. Die gesellschaftliche Ordnung zerfällt in Anarchie, Freiheit wird mit Tyrannei gebändigt, die Blindheit eines Einzelnen bestimmt das Sehvermögen der Masse. Intelligenz wird in einem Meer aus Spezialkenntnissen verwässert und Willkür, Gewalt und Terror unterhalten, anstatt zu empören. Die Maschine dominiert den Menschen, die Menschheit degeneriert in eine Evolutionssackgasse; das Feuer der Gegenwart zerstört alle Indizien der Ewigkeit.
Darum geht es. Sie haben die Welt zum Teil so übernommen, aber niemand kann Sie dazu zwingen, weiterhin an deren Untergang mitzuwirken. Im Gegenteil: Sie werden dazu aufgefordert, mit voller Kraft gegen den Strom zu schwimmen, mit Geschick und Durchsetzungsvermögen einen Weg zu bahnen, welcher für mich, einen alten Mann, zu steil und unzugänglich wäre. Ich habe Sie zu dieser Aufgabe verurteilt.
Was haben Sie zu erwarten? Zunächst Ihre unverzügliche Kündigung. Sobald Sie diesen Saal verlassen, sind Sie all Ihren Pflichten und Verantwortungen NTN gegenüber enthoben. Sie …«
Die schon etwas heiser klingende Stimme Kleins wurde von aufbrausenden Protestrufen übertönt. Beschimpfungen, Flüche und bedeutungsvolle Aufschreie füllten den Raum und hielten einige Minuten an. Klein machte keinerlei Anstalten, in das Durcheinander einzugreifen. Einige von Toms Kollegen sprangen von ihren Sesseln auf und gestikulierten mit den Armen. Zwei der weiblichen Mitarbeiter wollten den Saal verlassen, aber sie konnten ihre Absicht nicht durchführen, denn der Ausgang war verschlossen. Jimmy Baltimore, in der vorderen Reihe, stellte sich auf seinen Sitz und ballte beide Fäuste in Richtung des Chefs, den eine Gruppe von Männern und Frauen umkreiste, ohne jedoch handgreiflich zu werden.
Tom verhielt sich ruhig. Er erstellte gedanklich Wahrscheinlichkeitstheorien und Modelle, mit denen er die Situation zu erklären suchte. Verlangte das Weiße Haus Dinge von NTN, für welche die jetzt fristlos Entlassenen nicht geeignet waren? Warum sonst hätte Klein es erwähnt. Was ließ ein Rausschmiss zum Staatsgeheimnis werden? Zweiundsiebzig auf einmal, war natürlich etwas Besonderes. Worin bestand das Geheimnis? Nicht zu sagen, dass man sie an die Luft gesetzt hatte? Welches Verhalten wurde von ihnen erwartet? Keinen Staub aufzuwirbeln? Die Gewerkschaft nicht einzuschalten? Keine arbeitsrechtlichen Forderungen zu stellen? NTN war eine der wichtigsten Medienorganisationen der westlichen Welt und besaß somit eine enorme Macht, die Meinung der Bevölkerung zu manipulieren. NTN war frei, unabhängig, unparteiisch, jedoch außerordentlich einflussreich und weltpolitisch, -ökonomisch und –ökologisch westlich orientiert. Wurde NTN dazu gezwungen, seine professionelle Ideologie zu korrumpieren, zu prostituieren, an den Staat zu verschachern? Waren Tom und seine in Mitleidenschaft gezogenen Kollegen dabei ein Hindernis?
Klein machte keinerlei Anstalten, das Chaos im Saal zu beschwichtigen. Er wartete offensichtlich, bis es sich von selbst in Ordnung verwandelte. Und es schien, dass seine Geduld und Charakterstärke unerschöpflich waren, denn seine gut bezahlten und nun in Erregung geratenen Redakteure kamen nicht zur Ruhe. Was konnte Tom unternehmen, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken? Nichts. Er selbst aber wollte in Erfahrung bringen, ob Klein noch etwas zu sagen hatte. Und dazu gab es nur eine Möglichkeit: ihn direkt zu fragen.
Er erhob sich, ging nach vorne und näherte sich Klein, indem er sich durch die den Chef umdrängenden Kollegen zwängte. Er stellte sich direkt hinter ihn, neigte sich hinunter und fragte Klein ins Ohr: »Haben Sie noch etwas Wesentliches hinzuzufügen?«
Klein schüttelte den Kopf.
»Warum lassen Sie nicht die Tür öffnen?«
Sich Tom zuwendend sagte er: »Es fehlen noch einige Minuten.«
»Danke.«
Die meisten der Anwesenden hatten Toms Annäherung an Klein kaum wahrgenommen. Nur eine kleine Gruppe kam zu ihm, nachdem er sich auf einem leeren Platz in der letzten Reihe, in der Nähe des Ausgangs, niedergelassen hatte und wollte wissen, was los war.
Er log ihnen vor: »Ich habe ihm gesagt, wie er seine Mutter umgebracht hat.«
Sie lachten schrill auf, riefen überlaut Schimpfwörter in den Saal, die ungehört im allgemeinen Lärm untergingen und ließen Tom allein.
Als Tom seine letzte Reportage, die bis zum heutigen Tag noch nicht gesendet worden war, der Redaktion vorgelegt hatte, war er von Gewissensbissen heimgesucht worden, weil sein Bericht subjektive Anschauungen durchblicken ließ. Die Publikation, so war ihm Tage später klar geworden, wäre für seine Laufbahn kein Wertsiegel gewesen. Er hatte gehofft, dass er dieses Material irgendwie zurückgewinnen könnte, um es als freier Redakteur auf den Markt zu bringen. Die Reportage war wesentlich von seiner neuen Bekanntschaft Linda Perkins beeinflusst worden und ließ eindeutig durchblicken, dass es darin nicht nur um eine wirklichkeitsnahe Schilderung ging, sondern darum, persönliche, humane und idealistische Werte als oberstes Prinzip alles menschlichen Handelns zu setzen. Warum die Redaktion die Arbeit akzeptiert hatte, war ihm nicht ganz klar gewesen, denn korrekt analysiert, widersprach sie den von NTN gesetzten Normen. Jetzt war der Moment günstig, die Autorenrechte zu reklamieren. Mit derartigen Gedanken beschäftigt, verbrachte Tom die Zeit, bis die Ausgangstür geöffnet wurde. Fragen bezüglich der zweifelhaften Kündigung verdrängte er, darüber konnte er später in Ruhe nachdenken.
Er war der Erste, der den Saal verließ und ging direkt auf Janes Schreibtisch zu. Sie blickte ihn erstaunt an. Er sagte trocken: »Da bin ich wieder … Diesmal der Erste. Thomas J. Kolby. Meine persönlichen Gegenstände bitte!«
Jane zitterten die Hände, als sie seine Armbanduhr, seine NTN-Identifikationskarte, seine Halsbandtasche mit den Debitkarten und das elektronische Notizbuch vor ihm auf der Tischplatte deponierte. Schüchtern lächelnd erklärte sie: »Das ist alles.«
»Danke.« Er band sich die Uhr um, hing sich das Täschchen um den Hals und steckte die NTN-Karte in die Hosentasche. Dann nahm er das Notizbuch und tippte: Ich bitte um Übergabe der Rechte meiner Reportage AMERIKAS LETZTER ESKIMO. Thomas J. Kolby. Er legte den Miniaturcomputer zurück auf den Tisch, schob ihn Jane entgegen und bat: »Übergeben Sie diese Nachricht Ihrem Chef.«
»Natürlich.«
»Danke, das ist alles, Jane.«
In der Zwischenzeit waren bereits viele Kollegen in das Sekretariat geschwärmt und drängten sich nunmehr um Janes Schreibtisch. Sie redeten erregt durcheinander und erfüllten die Stätte mit Ausdrücken, die man sonst nur in Slums zu hören bekam.
Tom ging zu den Aufzügen hinüber und betrat sogleich einen, dessen Tür offen stand. Er drückte die unterste Taste, den dreißigsten Stock, und brauchte nur einige Sekunden zu warten, bis sich der Eingang schloss und der Abstieg begann. Von der Chefetage aus wurde die Fahrt nicht unterbrochen.
Er hatte keine Absicht, zu seinem Arbeitsplatz zu gelangen, denn es war dort nichts, was er als persönliches Eigentum unbedingt mitnehmen musste – seine Anzugsjacke mochte die Firma als Andenken behalten. Er hatte auch keinerlei Absicht, Juliet Lindsey in die Arme zu laufen. So schnell wie möglich wollte er NTN verlassen, um danach, aus zeitlicher und räumlicher Entfernung, das Geschehene zu verdauen. Er fühlte sich von der so spontanen Maßnahme seiner Kündigung, welche Gründe auch immer der Chef in Betracht gezogen hatte, betroffen, aber nicht zugrunde gerichtet.
In der dreißigsten Etage tauschte er die NTN-Karte gegen seine nationale Identifikationskarte aus. Jetzt war er frei. Er schlenderte hinüber in die zentrale Großlobby, holte sich aus einer Verkaufsmaschine einen Erfrischungstrunk und setzte sich in einen Erker mit Spiegelwänden, von wo aus er das Kommen und Gehen beobachten konnte, ohne selbst den Blicken ausgesetzt zu sein.
Die Großlobby befand sich im Zentrum der drei NTN-Türme. Sie konnte in ihren Ausmaßen mit den größten Fußballstadien konkurrieren und ihre mit polarisierten Glas bedeckte Kuppel, durch die man hinaus, aber nicht hereinblicken konnte, schien so hoch wie der Himmel selbst zu sein. Die drei Türme sahen von hier wie Kerzen auf einer Geburtstagstorte aus, wenn bei Dunkelheit die Fenster aller Stockwerke beleuchtet waren. An drei Punkten des Lobbyrondels befanden sich die Portale zu den Türmen, die ausschließlich von NTN besetzt waren. Im Alphaturm hatten die Aufnahme- und Sendestationen, die Speicher-, Produktionsund Verteilungsstudios sowie alle technischen Abteilungen ihre Unterkunft; im Betaturm befanden sich die Geschäftsleitung und die Redaktionen; im Gammaturm die Verwaltung und das kommerzielle und juristische Personal der Organisation. Man behauptete, dass NTN mehr Advokaten beschäftigte, die den Ansturm von Klagen zu dämmen hatten, als sonstiges Personal. Unterhalb der Kuppel, über den Ausgängen und anderen Installationen der großen Halle, wurden auf riesigen Projektionswänden die neuesten NTN-Sendungen übertragen. Die Sitzgelegenheiten waren mit Hörmuscheln ausgestattet und es ließ sich der Kanal einschalten, den man gerade zu sehen gedachte. Der Zutritt in die Großlobby war jedermann mit gültiger NID gestattet und Tag und Nacht herrschte viel Bewegung. Man traf sich hier – obwohl im NTN-Komplex andere Treffpunkte zugänglich waren – vor oder nach Veranstaltungen, Vorführungen, Seminaren, Konventionen oder dergleichen, für die es in den unteren zwanzig Stockwerken Räumlichkeiten gab. Man konnte sich hier finden, aber genauso gut im Gewimmel untertauchen. Drei der fünf Kellergeschosse und die ersten zehn Etagen waren Parkplätze, während sich die Stationen für öffentliche Verkehrsmittel, Flughafenzubringer, Taxis, Limousinen und sonstige Stadtfahrzeuge in den zwei oberen Kelleretagen befanden.
Um 17:43 Uhr – auf allen Monitoren, über den Ein- und Ausgängen und wohin das Auge blickte befanden sich Digitaluhren —” erhob sich Tom von seinem Sitz, entledigte sich des leeren Trinkgefäßes und ging zu einer der abwärts führenden Rolltreppen. Er hatte keine Eile, denn unter normalen Umständen hätte er seinen Bericht, der nunmehr unvollendet im Computer gespeichert war, ungefähr um sechs Uhr vorgelegt.
Er zog in diesen Momenten die Rolltreppen den Fahrstühlen vor, um in Bewegung zu sein, um nicht von anderen Personen bedrängt zu werden und um Zeit verstreichen zu lassen. Erst um halb sieben würde er die Express-Bahn nach Staten Island nehmen, die ihn direkt bis in die Nähe seiner Wohnung brächte.
Nach Beendigung des Studiums hatte Tom mit finanzieller Unterstützung seines Vaters eine großräumige Suite am Arthur Kill erworben. In einem Zimmer war sein Redaktionsstudio untergebracht, das mit hochwertigen elektronischen Ausrüstungen vollgestopft war. Dort bewältigte er den größten Teil seiner Arbeit, der er sich begeistert und intensiv widmete. Einen Studioraum vermietete er an einen Freund, Paul Kinsman, der sein Dasein als Lebemann, Weltenbummler und Playboy verbrachte. Paul machte von dieser Unterkunft nur selten Gebrauch, denn sie war eine von vielen, die er in den wichtigsten Städten der zivilisierten Welt unterhielt. In seiner Freizeit betrieb Tom verschiedene Sportarten und war Mitglied einer Mannschaft im modernen Sechskampf. Außerdem trainierte er im naheliegenden Ruderklub von NTN. Er war der Schlagmann eines Achters, der bereits einige Medaillen in nationalen Wettbewerben heimgebracht hatte. Diese Aktivität war nun wohl auch als abgeschlossen zu betrachten und irgendwann würde er seinen dortigen Spind leeren müssen.
Es gab viele Dinge, die Tom durch den Kopf jagten. Er dachte an Linda Perkins, die er am nächsten Tag treffen würde. Welch ein Erlebnis war es gewesen, sie kennenzulernen. Die Tatsache, dass er arbeitslos geworden war und sich so bald wie möglich einen neuen Job suchen musste, würde sein bisheriges Leben mit ziemlicher Sicherheit verändern. Seine Reportage, deren Rechte er zu erwerben gedachte, würde vermutlich ein Vermögen kosten, welches er nicht besaß. Von ähnlichen Fällen hatte er erfahren, dass NTN nur mit runden Zahlen operierte. Sein Vater könnte ihm vielleicht unter die Arme greifen, wenn es Tom gelänge, ihm die Hintergründe dieser Situation klar zu machen.
Auch Juliet Lindsey konnte er nicht ignorieren. Sie wollte immer alles wissen, in alles verwickelt sein und saß jetzt bestimmt Jimmy Baltimore oder Walter Goldberg im Nacken, falls die zwei in die Abteilung zurückgegangen waren. Hatte Klein noch weitere Erklärungen abgegeben? War Tom gar zu hitzig gewesen, sich Hals über Kopf davon zu machen? Verzichtete er somit auf eventuelle Rechte? So wie er die Firma verlassen hatte, würde man in ihn eher für einen undankbaren Deserteur als für einen bedauernswerten Arbeitslosen halten. Wie auch immer: Große Organisationen machten mit ihren Leuten, was sie gerade für zweckmäßig hielten, ohne um die Befleckung ihres Rufs fürchten zu müssen.
Im Erdgeschoss des Gebäudes angekommen, zwängte sich Tom durch das in träger Bewegung fließende Menschengewühl, bis er auf die offene Straße gelangte. Eine erfrischende Brise wehte durch die Schlucht der Hochhäuser und kühlte sein heiß gelaufenes Gehirn. Die Sonne stand bereits tief am Horizont und alles lag im Schatten, lediglich an entfernten Kreuzungen erhellten ihre Strahlen die Querstraßen. Auf den Bürgersteigen stand, saß, bummelte, schlenderte, eilte, lief und rannte eine Unmenge von Menschen aller Altersstufen, Hautfarben und Absichten. Das in der Straßenmitte fließende Transportband, welches in regelmäßigen Abständen von Fußgängerübergängen unterbrochen wurde, war ebenfalls in beide Richtungen voll besetzt. Was all diese Menschen hier in Manhattan zu suchen hatten, war Tom ein Rätsel.
In der Nähe des Eingangs zur Schnellbahn lehnte er sich gegen einen Pfeiler, schob die Hände in die Hosentaschen und beobachtete die Vorüberziehenden. Keine Physiognomie glich der anderen, und dennoch glaubte er in allen eine Gemeinsamkeit zu erkennen: einen ausdruckslosen, flachen, verlorenen und unkonzentrierten Blick in die Leere. Es gab so viele Menschen, dass der Einzelne den Einzelnen nicht mehr erkannte. Die Erde galt seit Langem als übervölkert, wofür sich New York als bestes Beispiel erwies.
Tom lenkte seine Schritte zum Eingang der Schnellbahn und stellte sich auf die Rolltreppe, um sich in den Untergrund befördern zu lassen. Auf halbem Wege wurde er von jemandem, der es eilig zu haben schien, angerempelt und zur Seite gestoßen. Noch bevor Tom auf diese Aggression reagieren konnte, befand sich das rücksichtslose Individuum einige Stufen weiter unten, auch die anderen Passanten belästigend. Von oben her hörte man einige Hilferufe und Verwünschungen, aber der vielen Menschen wegen konnte Tom nicht ausfindig machen, ob jemand zu Schaden gekommen war.
Am Fuße der nimmermüden Treppe stellte er sich an die Seite und wartete auf die Herabkommenden, von denen die meisten den Zwischenfall bereits vergessen zu haben schienen. Ein älteres Ehepaar jedoch zeigte sich sehr aufgeregt, sie stand eine Stufe höher als er und beide stützten eine männliche Person, die über das sich bewegende Geländer gebeugt den Halt verloren hatte. Unten konnten sie den Mann jedoch nicht abfangen und er stürzte zu Boden. Tom sprang sofort hinzu und half ihnen, den bewegungslosen Körper zur Seite zu ziehen, damit er nicht von den Nachkommenden niedergetrampelt wurde.
Die alten Leute waren vor Anstrengung außer Atem und konnten kaum antworten, als Tom sie fragte: »Was ist passiert?«
»Jemand hat ihn verwundet.«
»Mit einem Messer. Sehen Sie, er blutet.«
»Kennen Sie diesen Mann?«
»Nein.«
»Er stand vor uns und plötzlich …«
»Es war schrecklich.«
»Der, mit dem Messer ist auf und davon …«
»Mir wird ganz schwach in den Beinen.«
Tom hatte sich bereits neben den Verwundeten gekniet und dessen Jacke und Oberhemd geöffnet, wo ein großer Blutfleck den Stoff durchnässte. Auf der rechten Seite des Unterleibs, über dem Hüftknochen, sickerte Blut aus zwei Wunden und tropfte auf den Boden. Er schaute zu den Alten hinauf, niemand sonst nahm von diesem Dilemma Notiz, und bat sie, einen Arzt oder zumindest Unterstützung zu suchen und die Notrufnummer zu wählen. Es schien, dass sie gewillt waren zu helfen, denn sie entfernten sich mit nervösen Gebärden, aber nach einer Weile, die Tom wie eine Ewigkeit vorkam, tat sich nichts. Und die Menschen strömten an ihm und dem Verblutenden vorbei.
Es gab nur eine Möglichkeit – wenn es nicht bereits zu spät war – diesen Mann zu retten: ein Taxi oder eine Limousine zu besorgen und ihn in das nächstliegende Hospital zu schaffen. Krankenwagen mussten über Notruf angefordert werden und jeder Bürger von New York wusste, dass diese fast nie vor dem Tod eines Schwerverletzten eintrafen.
Tom zog dem Unbekannten das Jackett aus, wickelte es um dessen Unterleib und verknotete es mit den Ärmeln. Dann fasste er ihn unter den Kniekehlen und Achseln, hob ihn hoch und trug ihn aus dem Gedränge der vorbeiströmenden Menge heraus zu einem Durchgang, der zu den Parkplätzen für Mietfahrzeuge führte. Seine Bürde war zwar kein Schwergewicht, aber über die Entfernung, die es zu überwinden galt, nagte sie doch an seiner Kraft.
Tom wusste, dass kein Taxifahrer an Plätzen wie diesem bereit sein würde, Passagiere unangemeldet aus dem Stegreif aufzunehmen. Außerdem befand er sich an der Ausfahrt des Gebäudes, wo die Fahrzeuge bereits besetzt waren. Dennoch scheute er nicht den Versuch, sich auf die Fahrbahn stellend, eines anzuhalten. Der Fahrer, der abrupt bremsen musste, fluchte ihn an. Tom gab nicht so schnell auf: »Bitten Sie Ihren Fahrgast, mir den Wagen zu überlassen. Es geht um Leben und Tod.«
Unwillig wandte sich der Chauffeur nach hinten und sagte etwas durch die Perforationen des Sicherheitsglases zu den auf dem Rücksitz befindlichen Personen.
Zwei Sekunden lang dauerte Toms Hoffnung, Verständnis zu finden. In der dritten Sekunde jedoch trat der Taxifahrer aufs Gaspedal und entfernte sich mit quietschenden Reifen.
Andere Fahrzeuge hatten sich bereits aufgestaut und begannen zu hupen, als Tom sich mit seiner unbequemen Last zurück auf den Gehsteig begab. Seine Arme verloren an Kraft und auch in den Knien drückte ihn das Gewicht nach unten. Er war drauf und dran den Körper auf den Boden zu legen, um seine Muskeln zu entspannen, aber sein sportlicher Ehrgeiz ließ es nicht zu. Von Kindesbeinen an hatte er von seinem Vater die Parole übernommen: Sport ist Training fürs Leben, und leben bedeutet Schwächen zu besiegen.
Sich an die Wand quetschend, um nicht von den vorbeirasenden Vehikeln gestreift oder umgestoßen zu werden, schleppte Tom den bewegungslosen Körper mehr als zweihundert Meter durch den Ausfahrtstunnel. An dessen Ende überkletterte er eine Trennbarriere, um auf die Gegenfahrbahn zu gelangen, wo die ankommenden, zum größten Teil unbesetzten Taxis in das NTN-Gebäude brausten.
Er brachte eine Limousine zum Stillstand, dessen Chauffeur derart erschrocken dreinblickte und reagierte, dass er Toms Befehl, die Türen zu entsichern, sofort befolgte. Mit letzter Kraft und großer Mühe schob und zog Tom den Bewusstlosen auf den Rücksitz und setzte sich erschöpft ihm gegenüber. Hinter ihnen entfesselte sich ein Hupkonzert.
Der Fahrer fragte mit überschnappender Stimme über die Sprechanlage: »Sind Sie verrückt geworden? Was soll das?«
»So schnell wie möglich raus hier!«
»Das geht doch nicht.«
»Der Mann verblutet. Bringen Sie uns raus.«
»Mein Gott! Mein Gott! Sie stürzen mich ins Unglück! Blut in meinem Wagen …«
»Machen Sie schon. Merken Sie nicht, dass Sie den Verkehr aufhalten?«
»Sie bezahlen?«
»Machen Sie schon.«
Tom nahm NID und Debitkarte aus dem Brustbeutel, steckte beide gleichzeitig in den an der Seitenwand des Abteils befindlichen Kartenspeicher und presste sie hinein, sodass die Fingerabdrücke beider Daumen registriert werden konnten. Ein grünes Lämpchen leuchtete auf und er verwahrte die Karten aufs Neue. Das hupende Getöse hinten wurde immer stärker.
Der Fahrer stöhnte: »Okay, wohin geht die Reise?«
»Zunächst einmal raus hier!«
Tom hörte, ohne jedoch Einzelheiten zu verstehen, wie sich der Fahrer über Funk verständigte. Plötzlich blinkten an den Rändern der Fahrbahn, an den Wänden der Unterführung und des Tunnels rote Warnsignale auf. Der vorbeirollende Verkehr begann zu stocken und das ungeduldige Hupen stellte sich ein. Die einige Fuß hohe Doppelbarriere zwischen den Fahrtrichtungen senkte sich in den Boden und gab der Limousine Raum zum Wenden. Tom wunderte sich darüber, wie ein so großer Wagen derart präzise manövriert werden konnte.
Tom hörte die Frage: »Wohin?«
»Zu einem Krankenhaus.«
»Welches?«
»Egal. Das Erstbeste.«
»Jersey City Hospital. Der Tunnel ist frei.«
»Einverstanden. Und beeilen Sie sich.«
Der Chauffeur aktivierte eine Sirene und schlängelte sich im Zickzackkurs an allen anderen Fahrzeugen vorbei. Tom, der sich in der Zwischenzeit vor dem Bewusstlosen auf den Boden gekniet hatte, wurde davon bisweilen aus dem Gleichgewicht gebracht.
Der Mann verlor immer noch Blut, das bereits am Polster und auf den Teppichen klebte, auch Toms Hände, Hemd und Hose waren damit beschmiert. Tom fühlte dem Unbekannten den Puls, aber seine vom Tragen gefühllos gewordenen Fingerspitzen registrierten keinerlei Lebenszeichen. Er legte ihm ein Ohr auf die Brust und vernahm einen schwachen, unregelmäßigen Herzschlag. Es gab also noch Hoffnung. Mehr konnte im Moment nicht getan werden.
Über die Sprechanlage fragt Tom den Fahrer: »Haben Sie Wasser dabei?«
»An der Seite hinter Ihnen.«
Tom tastete die angegebene Stelle ab und fand die Klappe einer Minibar, die er mit einem Ruck öffnete. Es gab einige Fläschchen und Plastikgläser. Wasser oder nicht, er nahm eine Flasche heraus, drehte den Verschluss auf und benetzte mit der Flüssigkeit die Lippen des Bewusstlosen. Es roch nach Whiskey. Er rieb ihm ebenfalls die Stirn damit ein und goss den Rest über die Wunden. Das konnte nur helfen.
Der Chauffeur fragte: »Was ist passiert?«
»Er hat zwei Stichwunden im Unterleib. Er verliert viel Blut.«
»Ist er ein Verwandter oder Freund von Ihnen?«
»Nein, ich kenne den Mann nicht.«
»Mein Gott! Und all das auf Ihre Kosten?«
»So sieht’s aus.«
»Sie haben bestimmt keine Ahnung, wie viel dabei zusammenkommt? Eine Sondergenehmigung kostet eine Stange Geld … oder wussten Sie das nicht?«
»Wenn er durchkommt, zahlt er es mir bestimmt zurück.«
»Und wenn nicht?«
»Dann haben wir einen armen Dussel mehr auf der Welt.«
»Na, Sie sind noch jung, vielleicht rappeln Sie sich wieder auf.«
Tom schwieg.
»Es ist ja nicht mein Wagen, wissen Sie. Alles ist teuer.«
»Vergessen Sie das Geld. Meine Karte bürgt.«
»Klar. Es ist das erste Mal, dass mir so was passiert und ich fahre schon zehn Jahre. Deshalb bin ich irgendwie froh darüber, dass Sie mich gestoppt haben. Aber, wie gesagt, es ist ja nicht mein Wagen. Hoffentlich kommt er durch.«
»Ja, hoffentlich.«
»Das Jersey City Hospital macht auch nichts umsonst. Hat er seine Karten dabei?«
»Ich weiß es nicht.«
»Durchsuchen Sie seine Taschen. Er muss doch seine Karten haben. Niemand verlässt sein Haus ohne Karten.«
»Im Krankenhaus gibt es Zeit dafür. Wie weit ist es noch?«
»Zehn Minuten vielleicht. Mehr ist bei diesem Verkehr nicht drin.«
»Sie sind in Ordnung. Wie heißen Sie?«
»Gus! Alle nennen mich Gus.«
»Sie sind in Ordnung, Gus. Wenn er durchkommt, zahlt er Ihnen bestimmt eine Prämie.«
»Glauben Sie das wirklich? Na, ich hab’ nie von solchen Fällen gehört.«
Gus musste sich mit aller Aufmerksamkeit auf den Verkehr und die Fahrtanweisungen konzentrieren. Tom hörte den Autopiloten und die Stimmen der Funkzentrale. Er selbst fühlte sich völlig erschöpft. Er versuchte nochmals, trotz des Motorengeräuschs, trotz der quietschenden Reifen, trotz der heulenden Sirene, trotz des Hupkonzerts anderer Fahrzeuge und trotz seiner eigenen Erregung, den Herzton des Sterbenden zu erlauschen. Er glaubte, oder hoffte er es nur?, ein schwaches Lebenszeichen wahrzunehmen.
Mit einem Ruck bremste Gus den Wagen, denn sie hatten die Einfahrt zum Krankenhaus erreicht. Er öffnete das Wagenfenster und gab über eine Sprechanlage einige Erklärungen ab. Das Doppeltor öffnete sich langsam. Gus ging das nicht schnell genug. Er wartete nicht, bis es komplett offen stand, sondern zwängte die Limousine vorher hindurch, ihr dabei einige Schrammen zufügend. Ging dieser Schaden auch auf Toms Rechnung?
Fünfhundert Meter weiter befand sich die Empfangsterrasse für Notfälle. Aus einer städtischen Ambulanz wurden gerade zwei auf Rollbahren liegende Personen ins Innere des Gebäudes geschoben. Gus fuhr so dicht an den Krankenwagen heran, dass einer der dort hantierenden Pfleger zur Seite springen musste, um nicht zwischen die beiden Fahrzeuge gepresst zu werden.
Tom, der immer noch auf dem Boden saß, stieß mit den Füßen die Tür auf, sodass einige Flaschen der Minibar auf das Pflaster fielen und die Auffahrt hinunter kullerten. Dann nahm er den Körper des sterbenden Mannes, zwängte sich hinaus und trug ihn in die Notstation.
Da er kein Bett oder sonstige Liege erblickte und ihm auch niemand zur Hand ging, legte er den Körper auf den Anmeldetresen, eine sich dort aufstützende Schwester zur Seite schiebend.
»Der Mann verblutet. Er hat Stichwunden. Helfen Sie ihm.«
Sofort eilten Pfleger herbei und mit professioneller Behändigkeit verfrachteten sie den Unbekannten auf ein Rollbett. Dann verschwanden sie mit ihm hinter gläsernen Schwingtüren.
Ein älterer Herr in weißem Arztkittel trat an Tom heran. Mit dem rechten Zeigefinger auf seine Erkennungskarte am Kittelaufschlag weisend, stellte er sich Tom vor: »Ich bin Doktor Arthur Jeffrey, verantwortlicher Chefarzt dieser Sektion. Über Funk wurden wir von Ihrer Fahrt zu uns unterrichtet. Von den NTN-Türmen bis hier haben Sie eine Rekordzeit geschafft. Entschuldigen Sie, dass wir Sie nicht draußen empfangen haben.«
»Ich hoffe, dass er noch zu retten ist. Er hat viel Blut verloren, sehen Sie.«
Tom betrachtet sein über und über mit Blut verschmiertes Zeug.
»Ist er ein Verwandter von Ihnen?«
»Nein, ich kenne ihn nicht.«
»Übernehmen Sie die entstehenden Kosten für unsere Intervention?«
»Wenn es sein muss, bürge ich dafür.«
»Sie müssen verstehen, dass wir kein Wohlfahrtsunternehmen sind.«
»Ich verstehe.«
»Trägt er seine NID bei sich?«
»Sie werden es ausfindig machen.«
»Wir müssen den Fall den Behörden melden. Es kann rechtliche Folgen für Sie haben. Wissen Sie das?«
»Ich bin Volljährig und sollte meine Rechte und Pflichten kennen.«
»Ja, das sollten Sie. Eine derartige Initiative kann Sie teuer zu stehen kommen.«
»Es ist nett, mich darauf aufmerksam zu machen.« Der Arzt warf einen Blick auf seinen Minicomputer, auf dem die ersten Ergebnisse der Untersuchung angezeigt wurden. »Er benötigt Plasmatransfusionen und damit sind, wenn er durchkommen sollte, zukünftigen Risiken verbunden. Wissen Sie das?«
Tom fühlte sich ausgemerzt und müde und es fiel ihm schwer, auf diese für ihn unsachlich und impertinent klingenden Fragen Antworten zu formulieren, ohne den in ihm aufgärenden Zynismus explodieren zu lassen. Kommentarlos überreichte er dem Chefarzt seine Karten.
»Wenn Sie den barmherzigen Samariter spielen wollen, ist das Ihre Angelegenheit. Reinigen Sie sich die Hände, damit Ihre Fingeridentifikation gewährleistet ist. Dort drüben gibt es Waschbecken.«
Schweigend folgte Tom dem Hinweis und trat in den Sanitärraum für Herren. Er erschrak über sein Aussehen, als er sich im Spiegel erblickte. Sein Körper und seine Kleidung waren mit rostrotem Blut befleckt, welches zum Teil trockene Krusten bildete.
Er wusch sich so gut es ging, was gar nicht so einfach war, weil der elektronisch gesteuerte Wasserhahn nur einen dünnen Strahl freigab. Unter einem Warmluftföhn trocknete er sich die Hände, während er das Gesicht am Oberhemd in Schulterhöhe trocken rieb.
Ein rot besprenkeltes Bad hinterlassend, trat er wieder in den Korridor hinaus, wo Dr. Jeffrey auf ihn wartete: »Wir haben die Einlieferung registriert, autorisieren Sie bitte Ihr Einverständnis, für Kosten und Konsequenzen aufzukommen.« Auf eine an der Wand befestigten Kamera weisend, fügte er hinzu: »Sie tun es freiwillig.«
Tom fühlte sich unfähig, darüber nachzudenken, was geschähe, wenn er seine Zusage verweigerte. Er autorisierte die Benutzung seiner Karten und steckte sie dann in seine Brusttasche. Der Arzt beschäftigte sich einige Momente an einem Computer und tippte einige Schlüsselwörter und -zahlen ein. Dann wandte er sich Tom zu, erfasste seinen Arm und sagte: »Kommen Sie! Lassen Sie uns sehen, was die Notstation zu berichten hat.«
Er führte Tom einen engen, notdürftig beleuchteten Gang entlang zu einem Kontrollraum, dessen Wände von oben bis unten mit Großbildschirmen und Monitoren bedeckt waren. Zwei Assistenten überwachten die Schalttische und grüßten die Eintretenden mit einem flüchtigen Kopfnicken.
Dr. Jeffrey trat an einen der beiden heran: »Wir hatten vor einigen Minuten eine Einlieferung: Mann, Stichwunden im Unterleib, Status kritisch, Tutor: Thomas J. Kolby. Lassen Sie uns sehen, was passiert.«
Sekunden später zeigte einer der großen Schirme eine Intensivstation. Ärzte und Gehilfen umgaben ein Krankenlager und hantierten emsig beschäftigt mit Instrumenten, Infusionsgeräten, elektronischen Messapparaten und anderen, Tom unbekannten medizinischen Artefakten. Im unteren Teil des Bildes war zu lesen: Patient: ???. Alter: 35/40 Jahre. Tutor: Thomas J. Kolby. Diagnose: … Herz: stabil, 32 %. Kreislauf: schwa‚ ch, 25 %, Prozedur: Plasmatransfusionen, chirurgische Intervention. Prognose: positiv, 35 %.
Tom nahm an, dass der Mann noch nicht identifiziert war, und die Prognose positiv, 35 % schien ihm eher negativ zu klingen. Er fragte Dr. Jeffrey: »Bedeutet positiv fünfunddreißig Prozent, dass er durchkommen wird?«
»Es bedeutet, dass die Ärzte alles tun werden, was in ihren Kräften steht.«
»Wann weiß man mehr?«
»Nach der Operation.«
»Wann wird operiert?«
»Wir müssen zunächst den Kreislauf unter Kontrolle bringen, sonst macht das Herz nicht mit.«
»Natürlich.«
»Sie haben viel für den Mann getan. Mit dem öffentlichen Notruf läge er immer noch in New York auf der Straße.«
»Werden Sie ihn identifizieren können und seine Angehörigen benachrichtigen?«
»Das erfolgt automatisch und geht über die Behörden.«
»Und die Presse?«
»Presse, TV, Netz, Behörden … es bleibt nichts geheim. Sehen Sie nicht den NME-Kanal Unmenschliches New York?«
»Nein. Kann ich mich nach ihm erkundigen?«
