MBolo - Marianne Stocker - E-Book

MBolo E-Book

Marianne Stocker

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Beschreibung

MBolo heisst in Lambarene (Gabun) soviel wie "Grüezi". Während mehrerer Jahre arbeitete die Autorin im afrikanischen Urwaldspital von Albert Schweitzer, dem berühmten Arzt, Philosophen und Musiker aus dem Elsass. In ihren anschaulichen Tagebuch-Notizen fühlt man sich hineinversetzt in den Alltag jener Mitarbeitenden, die mit viel Engagement und Einfühlung unter oft schwierigen Bedingungen in den 60er-Jahren dort lebten und arbeiteten. Dabei bekommt man ein Gefühl für die einheimische Bevölkerung, denen die gelernte Kinderkrankenschwester mit ihrer liebevollen und unkomplizierten Art begegnete.

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Seitenzahl: 427

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Für Mambela und alle Kinder in Afrika

Inhaltsverzeichnis

Wie es dazu kam

Vorbereitungen

Tagebuch aus Lambarene 1961 – 1963

Zwei Jahre später 1965 – 1967

Von Lambarene in die Schweiz

24 Jahre später 1991

Hundert Jahre Albert-Schweitzer-Spital 2013

Marianne Stocker mit Mambela, die von ihr während ihrem zweiten Aufenthalt (1965-1967) intensiv betreut wurde.

Wie es dazu kam

Als junge Kinderkrankenschwester pflegte ich Im Spital Richterswil kranke Kinder. Die Mutter eines kleinen Patienten schenkte mir ein Buch: "Wir halfen dem Doktor in Lambarene" mit Berichten von Schweizer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vom Urwaldspital. Der Gründer des Spitals im Urwald, Albert Schweitzer, war uns allen bekannt. Schon während meiner Schulzeit las ich das Buch: "Zwischen Wasser und Urwald" und war beeindruckt von den Erlebnissen dieses Arztes. Albert Schweitzer besuchte oft die Schweiz, gab Vorträge und sammelte mit Orgelkonzerten Geld für das Spital. Dass man als Schweizerin dort arbeiten kann, das interessierte mich. Ich überlegte mir jedoch, dass ich noch nie im Ausland war und dass ich zu wenig französisch sprechen konnte. Also zuerst Französisch lernen. Ich reiste für ein Jahr nach Paris. Mit nahm ich die Adresse des Schweizer- Hilfsvereins von Lambarene. Von Paris aus schrieb ich an diese Adresse in Basel. Die Antwort kam fast postwendend. Ja, sie bräuchten eine Kinderkrankenschwester.

Vorbereitungen

Bis ich im April 1961 abreisen konnte, war ich beschäftigt mit Vorbereitungen: Vorstellungsgespräch beim Schweizerischen Hilfsverein für das Albert-Schweitzer-Spital in Basel, Medizinische Untersuchung beim Tropenarzt, Visum beim Konsulat in Paris, Besuch in Günsbach (Elsass) bei Frau Martin, der Sekretärin und Vertrauensperson von Dr. Schweitzer, die mich genau musterte.

Von Lambarene bekam ich eine Einkaufsliste, die mir vorkam, als trete ich in ein Kloster ein:

12 weisse Kleider aus Baumwolle, halb Waden lang, gut waschbar, dazu Unterröcke aus weissem Baumwollstoff.

14 Paar weisse Kniestrümpfe aus Baumwollwolle.

Weisses Jäckchen.

Morgenrock aus Baumwolle.

Weisse Unterwäsche. Alles muss mit Namen versehen sein.

5 Paar Schuhe, niederer Absatz, schwarz oder braun.

1 Regenmantel.

Pantoffeln für das Zimmer. Es ist verboten mit nackten Füssen zu gehen.

Nachthemden aus weissem Baumwollstoff.

1 Tropenhelm.

Albert Schweitzer schrieb am 26. Oktober 1960:

Liebe Marianne Stocker Ich danke Ihnen für Ihr freundliches Anerbieten uns in unserem Spital helfen zu wollen. Ich nehme es dankbar an, vorausgesetzt, dass ein von uns beauftragter Arzt Sie für die Tropen tauglich befindet. Sie haben die Kenntnisse, die Sie hier zum Helfen befähigen. Tausend Dank an Ihre Eltern, die Ihnen erlauben zu uns zu kommen. Frau Martin schreibt, dass Sie am 1. April abkommen können. Also halten Sie sich bereit, dann aus Europa abzufahren. Am 1.Februar müssen Sie beim französischen Consulat (wenn Sie noch in Paris sind, in Paris,) das Gesuch machen, das um für Lambarene zu erhalten. Wenn Sie dann schon in der Schweiz sind, dann von der Schweiz aus. Besser wäre von Paris aus.

Herzlich Albert Schweitzer

Tagebuch aus Lambarene 1961 - 1963

Unterwegs nach AfrikaDas Flugzeug, eine DC8 der UAT fliegt mit 900 km/h in 10400 m Höhe südwärts. Ich liege bequem zurückgelehnt und schaue neben dem silbernen Flügel vorbei in die Tiefe. Dort unten dehnt sich weit, gelb eine sandige Wüste aus. Die Sahara. Plötzlich wird alles durch einen feinen Nebel verwischt. Kann das ein Sandsturm sein? Ueber mir wölbt sich ein tiefblauer Himmel.

Wir müssen schon ziemlich weit südlich sein. Ich habe etwa zwei Stunden geschlafen und wollte doch wach bleiben und die Reise ganz bewusst erleben. Es ist 07 Uhr. Wir bekommen zum Frühstück Kaffee und Früchtebrot.

Gestern erlebte ich noch einen schönen Tag in Paris. Am Abend begleitete mich meine Schwester Brigitte zum Flugplatz. Ich war froh, dass ich nicht allein gehen musste. Das ist die erste Flugreise in meinem Leben. Alles war so neu, der Betrieb am Flugplatz, die Kofferaufgabe, die Stimme im Lautsprecher: "Die Passagiere nach Marseille – Douala zum Ausgang 11,s.v.pl." Fast hätte ich den Tropenhelm vergessen, den Brigitte in den Händen hielt. Diesen Hut soll ich nun zwei Jahre mit der Schwesternhaube tauschen.

Was mich dort in Lambarene wohl alles erwarten wird? Wie wird die Begegnung mit Dr. Schweitzer sein? Was wird meine Arbeit sein?

Mme Martin in Günsbach hat mir mit strengen Worten erklärt, dass nicht alle Schwestern von Anfang an im Spital in der Pflege helfen könnten. Manche müssten im Haushalt oder in der Wäscherei einspringen. Da habe man sich zu fügen!

Ich stelle mir vor, dass alles ziemlich einfach sein wird. Vielleicht gibt es nun zwei Jahre lang nur Bananen, Ananas, Fisch und irgendwelche Knollen zu essen. Natürlich wird es auch Früchte geben, Mandarinen, Orangen, Ananas.

Ob ich unter einem Moskitonetz schlafen muss? Oder in einer Hütte, Seite an Seite mit den Afrikanern? Muss ich mich wohl am Fluss waschen?

Eigentlich sollten wir um diese Zeit schon in Douala sein, aber das Flugzeug hatte in Marseille eine Panne. Wir warteten vor uns hindösend während vier Stunden in der abscheulichen Flughalle bis wir beim erwachenden Morgen weiterfliegen konnten.

Nun fliegen wir durch weisse, luftige Wolken. Unter mir hat sich das Landschaftsbild verändert: Bäume, Flüsse und Flüsse und Bäume! Urwald? Es ist 9 Uhr. In einer Stunde werden wir in Douala ankommen. Im Flugzeug ist es kühl. Die Stimme im Lautsprecher macht uns darauf aufmerksam, dass uns in Douala eine Temperatur von über 30 Grad erwartet.

In Douala schlug mir eine gewaltige Hitze und Feuchtigkeit entgegen. Ich glaubte in ein Treibhaus zu kommen, und war froh, grad umsteigen zu können.

Trotz der Verspätung hatte ich Anschluss nach Libreville. Am Flughafen in Libreville spendete uns die Fluggesellschaft ein Mittagessen: Sardinen, Spargeln und Brot, dann Kartoffeln, Ruebli und Kotelettes. Zum Dessert Fruchtsalat aus Büchsen! Mit diesem Essen glaube ich Abschied genommen zu haben von der Zivilisation.

15 Uhr. Flug von Libreville nach Lambarene. Der dichte Urwald unter mir sieht aus wie ein riesiges Petersilienbeet, durchzogen von einem Labyrinth von Flüssen. Um mich herum ein Stimmengewirr und Lachen, dazwischen Kinderweinen. Ich bin die einzige weisse Passagierin im Flugzeug. Wir werden unsanft umhergerüttelt. In diesem kleinen, 30 Personen fassenden Flugzeug hat es keine Lüftung. Es ist drückend heiss. An diese Hitze werde ich mich gewöhnen müssen.

Ankunft in Lambarene

Eigentlich sollte ich müde sein von den vielen Eindrücken, aber ich bin ganz aufgedreht. Ich sitze am Tisch in einem kleinen Zimmerchen, mein Zimmer! Draussen ist es dunkel. Eine Petrollampe mit einem grünen Lampenschirm gibt mir Licht. Es ist ruhig um mich herum und heiss. Dieser Tag, gefüllt mit so viel Erlebnissen und Eindrücken wird einmalig sein in meinem Leben.

Am Flugplatz in Lambarene wurde ich von Lotte Gerhold empfangen. Mit einem Jeep fuhren wir zum Fluss. Dort warteten vier Afrikaner in einem breiten Ruderboot, bezeichnet mit ASB, auf uns. Das heisse Albert Schweitzer-Breslau, erklärte mir Lotte, Helene Breslau war Schweitzers Frau. Schwarze Hände wurden mir entgegengestreckt: "Bonjour, Mademoiselle, Mbolo." Lachende, schwarze Gesiebter. Ob ich sie wohl je unterscheiden kann? Alle, denen wir begegneten, wollten wissen, wie die neue Mademoiselle fürs Spital aussieht.

Und dann die Fahrt auf dem Fluss! Ruhig, in leisen kräuselnden Wellen floss der Fluss dahin, umsäumt vom undurchdringlich scheinenden grünen Urwald. Ausser dem gleichmässigen Einschlagen der Ruder war völlige Stille. Ein kühles, angenehmes Lüftchen wehte. Wir fuhren entlang der Insel, auf der das Dorf Lambarene liegt, gegenüber des Flugplatzes. An dessen oberen Ende befindet sich die katholische Missionsstation. Als wir um die Bucht bogen, kamen die roten Dächer der Spitalgebäude zum Vorschein. Plötzlich begannen die Ruderer laut und monoton zu singen und zu rufen: Ho – Ha. Gleich darauf hörte ich Glockengeläute und sah Leute zum Fluss strömen. Unter ihnen erkannte ich die gebeugte Gestalt von Albert Schweitzer. Was für einen Empfang! Von allen Seiten wurde ich begrüsst, auf Französisch, Englisch, Deutsch, Schweizerdeutsch, afrikanisch. Dr. Schweitzer begrüsste mich mit den Worten: "Willkommen, bisch guet greist?" Und zu den andern: "Aber jetzt, au travail". Unter fröhlichem Geplauder spazierte die ganze, bunte Gesellschaft den Hügel hinauf zu den Spitalgebäuden. Lotte führte mich in ein grosses, schönes Esszimmer und bot mir Fruchtsaft an und Brot. In der Mitte des Raumes steht ein langer Esstisch mit etwa 40 Stühlen. Unterdessen hatten die Träger meinen Koffer in mein Zimmer gebracht. Ein Zimmer für mich allein, wohl klein und schmal mit einem eigenartigen Tropengeruch, aber mit einem herrlichen Blick auf den Ogowe. Natürlich ohne Dusche und WC, dafür mit einem Waschtisch mit grossem Becken und Wasserkrüge, einer Flasche abgekochtem Wasser zum Zähne putzen. Das Fenster und die Türe des Zimmers sind vermacht mit feinem Drahtgitter, durch das kein Mücklein durchschlüpfen, wohl aber ein angenehmes Lüftchen durchwehen kann. Das macht den Raum angenehm kühl. Eine weitere Ueberraschung erwartete mich beim Nachtessen. Es ist Samstag heute. Und am Samstagabend gebe es immer Repas Suisse: Kaffee oder Tee, Brot, Butter, Käse, Wurst, Konfitüre.

Es scheint hier gar nicht so primitiv zu sein, wie ich mir vorgestellt habe.

Nach dem Essen setzte sich Herr Schweitzer ans Klavier, improvisierte ein Vorspiel zu einem Lied, das wir sangen, und er las und erläuterte einen Bibeltext.

Erste Eindrücke

Ich habe erstaunlich gut geschlafen und wurde geweckt von fröhlichen Lauten und Wassergeplätscher. Ein Mädchen macht im Fluss seine Morgentoilette.

Ein Gong ruft zum Morgenessen. Weil es Sonntag ist, gibt es Zopf, gebacken von Ruth Lauper. Sie kommt von Biel. Es hat mehrere Schweizer hier und schweizerdeutsch scheint fast Alltagssprache zu sein. Herr Schweitzer spricht elsässisch.

Um 9 Uhr läuten die beiden Glocken zum Gottesdienst. Alle, die können strömen zum Platz zwischen den Spitalgebäuden. Grosse und Kleine, Alte und Junge, Kranke und Gesunde, in schönen bunten Tüchern aber auch in alten, schmutzigen, durchlöcherten Lumpen. Alle sind andächtig. Sie singen mit lauter Stimme Kirchenlieder in ihrer Sprache. Die Predigt hält Dr. Müller aus Basel auf Französisch. Zwei Männer übersetzen sie auf Fang und Galoa.

Lotte führt mich durch das Spitalareal. Ob ich mich in diesen so gleichsehenden Baracken je zurechtfinden werde? Alles sieht so verwirrend aus. Da ist nicht einfach ein Haus, das ist ein ganzes Dorf, ein Spitaldorf. Vor den Hütten hocken Leute am Boden vor ihren Feuern, kochen, lachen, schwatzen und rufen mir Mbolo zu. Sie scheinen fröhlich und zufrieden, und ich wundere mich, wie sie das sein können umgeben von Krankheit und Schmutz. Denn einen sauberen Eindruck macht mir das Spitaldorf nicht. Ueberall liegt Abfall herum. Geissen, Hühner, Hunde wühlen darin. Der Rauch von den Feuern beisst mich in den Augen.

Auf einem schmalen Weg neben Grapefruits- und Mandarinenbäumen und dann durch den Wald spazieren wir zum Lepradorf. Unter den Bäumen des Waldes liegen Gräber von verstorbenen Patienten. Das Lepradorf sieht sauber und freundlich aus. Ich mache Bekanntschaft mit Dr. Takahashi, der das Lepradorf seit mehreren Jahren betreut. Seine Frau arbeitet normalerweise in der Küche, aber heute an ihrem freien Tag hilft sie ihrem Mann im Dorf. Hier wohnen ungefähr 50 lepröse Patienten mit ihren Angehörigen. Die Kinder gehen in Lambarene oder auf den Missionsstationen zu Schule. Arme, kranke Leute sehe ich. Und doch sind sie alle heiter und fröhlich. Dass man dieser schrecklichen Krankheit nun Einhalt gebieten kann, ist eine Beruhigung.

Das Mittagessen war wieder eine Ueberraschung. Zur Vorspeise gab es Papaya, süsse Kochbananen und Avocados. Dann Poulet, Bratkartoffeln und Palmherz. Zum Dessert Mandarinencrème. Dr. Schweitzer sagt, seine Leute müssten streng arbeiten, also müssten sie auch recht essen.

Das Urwaldspital

Zwei Tage habe ich Zeit, mich im Spital umzusehen und es kennenzulernen. Es scheint er mir recht verwirrend. Diese bunte Menge Leute, die vor den Gebäuden auf Behandlung warten! Sie stehen, hocken, liegen herum!

Vor mir erstreckt sich ein langgezogenes Holzhaus auf Pfählen mit mehreren Eingängen. Am oberen Ende ist der Operationsraum, davor ein Gitterverschlag, wo Injektionen gemacht werden. Grande Pharmacie steht über einer breiten Türe angeschrieben. In diesem Raum wartet eine lange Reihe Patienten geduldig vor Barbaras Medikamententisch, bis sie ihre Medikamente schlucken können. Jeder hat ein Fläschchen Wasser bei sich.

Am Tisch daneben, hinter einem Vorhang untersucht Dr. Müller einen Patienten.

Vom Raum nebenan ertönt Dr. Friedmanns laute Stimme herüber. Nebenan im Labor warten mehrere Patienten auf das Resultat ihrer Untersuchungen.

Und mitten in diesem Trubel sitzt Dr. Schweitzer an seinem Arbeitstisch und erledigt seine Korrespondenz mit der weiten Welt. Neben ihm schreiben Mlle Ali und Lotte Briefe. Ich staune, dass man sich in diesem lärmigen Betrieb konzentrieren kann. Plötzlich stürmt ein braunes Schaf herein direkt zu Dr. Schweitzer. Es bekommt einen Leckerbissen von ihm. Das sei Anita, Schweitzers Lieblingsschaf. Auch ein Hund und eine Katze schleichen herum und wollen gestreichelt werden. Ein gackerndes Huhn verlangt nach Reiskörnern, die Herr Schweitzer immer in einem kleinen Sack bei sich trägt.

Ich gehe weiter in den angrenzenden Raum. Da untersucht Dr. Aal Kinder. Sie schauen sie mit ihren grossen, glänzenden Augen forschend an. Die Meisten haben dicke Bäuche mit riesigen Nabelbrüchen. Durch diese steckt die Ärztin ihren Finger und untersucht so die Grösse der Leber. Das gehe sehr gut so, meint sie. Diese Nabelbrüche würden mit der Zeit von selber verschwinden.

Eine kleine Treppe führt in den nächsten Raum. Da ist die Dentisterie mit einem altmodischen Zahnarztstuhl. Da wartet ein Mann mit geschwollenem Gesicht, bis Dr. Müller Zeit hat, ihm den schmerzenden Zahn zu ziehen.

Im gleichen Raum liegt in einem Kinderbett ein fieberkrankes Kind, gehütet von seiner Mutter.

Auf einem Tisch sitzen schwatzend drei schwangere Frauen und rollen Nabelbinden auf. Hinter dem Vorhang ist Devika, mit einer Geburt beschäftigt.

Ich gehe am Röntgen vorbei und komme zu Annelies. Sie betreut seit zwei Jahren die kranken Kinder. Ihr Aufenthalt hier geht bald zu Ende und ich werde ihre Nachfolgerin sein. "Es hat viele kranke Kinder", sagt sie, "viele Masernfälle mit schweren Komplikationen". Ich bleibe eine Zeitlang bei ihr und schaue ihr zu, wie sie mit grosser Geduld den Kindern Medikamente eingibt. Hinter der Kinderkonsultation befindet sich ein kleiner Raum, vollgestopft mit geschenkten Medikamentenmustern. Annelies wünscht sich so sehr, dass dieses Zimmerchen geräumt würde, und sie es zur Beobachtung kranker Kinder brauchen könnte. Doch Ali, die so etwas wie eine Oberschwester ist, sei nicht einverstanden.

Ich verlasse die Behandlungsräume und spaziere zwischen den Krankenbaracken hindurch.

Da ist die Case Fang, die Case Galoa, die Case Koulamoutou und andere. In einigen Hütten hat es Etagenbetten. Ursprünglich für die Angehörigen gedacht, doch bei den vielen Patienten werden sie von den leicht Kranken benützt. Die Angehörigen schlafen auf ihren Matten auf dem Boden. Ueber eine hohe Stufe durch die Case quattres lits, kommt man in die Case Dysenterie, früher eine Art Absonderungshaus für Durchfallkranke. Sie ist für die Kinder bestimmt. Ausgerechnet die am schwersten zugängliche, abgesondert und klein! Sie hat Platz für vier Kinder! Die übrigen kranken Kinder müssen in den andern Häusern verteilt werden, je nach Hatz. Das gibt mir den Eindruck, als ob die Kinder als nicht so wichtig angesehen werden.

Gegenüber vom Hauptgebäude erhebt sich auf Pfeilern die Case Bouka. Da liegen die frischoperierten Patienten. In den unteren Räumen werden Verbände gemacht.

Ich stolpere über steinige Wege, atme den Rauch der zahlreichen Feuerchen ein. Leute lachen und grüssen: "MBolo". Kinder springen herum, Hühner gackern, Geissen meckern, Hunde streunen herum.

Das ist nicht einfach ein Spital, das ist ein Dorf, ein Spitaldorf. Da sind die Familien mit ihren Kranken, ihren Kindern und mit ihrem ganzen Hausrat eingezogen und leben so, wie sie zu Hause im Dorf leben.

Allmählich bekomme ich einen besseren Ueberblick über das eigenartige Dorf. Es besteht aus etwa zwanzig Gebäuden und liegt auf einem Hügel am Ogowe. Die Spitalgebäude befinden sich am Fuss des Hügels, aber doch so weit oben, dass sie bei Hochwasser, wie das jetzt grad der Fall ist, nicht überschwemmt werden können. Die Küche und das Esszimmer der europäischen Angestellten, ihre Wohnräume, die Lingerie, die Ställe der Geissen und Schafe und der Hühner, die Schreinerei befinden sich oberhalb der Spitalgebäuden. Elektrisches Licht gibt es nur im Operationssaal, sonst hat es überall Petrollampen mit grünen Lampenschirmen. Mir gefällt das. Sie verbreiten in den Zimmern ein warmes Licht und strömen Geborgenheit aus. Eine Strassenbeleuchtung gibt es nicht. Nachts muss man sich den Weg mit einer Stalllaterne suchen.

"Hinterindien", das Plumps-Klo, liegt ziemlich abseits vom bewohnten Gebiet. Es ist ein ziemlicher Weg dorthin, darum wird es "Hinterindien" genannt. Dr. Schweitzer will nicht, dass wir nachts dorthin gehen. Wahrscheinlich wegen den Malaria-Mücken. Alle haben in ihrem Zimmer einen Nachttopf. Ihn zu benützen kommt mir komisch vor, aber alle brauchen ihn, und mit grosser Gelassenheit wird er am Morgen vom Boy geleert! Doch ich werde mich so trainieren, dass ich nachts nicht "gehen" muss.

Die Zimmer, helfen beim Kochen, Abwaschen, Schuhe reparieren usw. das machen die Boys. Vor Madoungous grosser, kräftiger Gestalt fürchtete ich mich fast ein wenig. Nun merke ich aber, dass er recht gutmütig ist.

Ich sitze am Fluss, umringt von Kindern. Sie wollen, dass ich sie fotografiere und möchten das Bild gleich haben. Sie sind enttäuscht, dass das nicht geht.

Neben der Landungsstelle befindet sich die Werkstatt des Mechanikers. In einem Gehege wird aus Palmnüssen Oel gestampft. Daneben ist die Freiluft-Wäscherei. In grossen Steintrögen reiben und klopfen Frauen die Wäsche des Spitals, hängen sie zum Trocknen an aufgespannte Seile. Gestrickte, lange Binden werden auf den Blechdächern zum Trocknen ausgelegt.

Abendstimmung am Fluss

Ich bestaune das Wunder der Dämmerung. Der Himmel, der Fluss sind in Rot eingetaucht. Die letzten Sonnenstrahlen verschwinden hinter den Urwaldbäumen. Die Palmen erscheinen wie schwarze Silhouetten am roten Abendhimmel. Schon bahnt sich der Mond eine silberne Strasse auf dem Wasser. Eine Piroge gleitet vorüber. Aufrecht steht die Frau im Boot und rudert mit majestätischen, ruhigen Bewegungen. Innert fünfzehn Minuten ist es Nacht. Abertausend Sterne funkeln am dunklen Himmel. Grillen zirpen, Frösche quaken, Vögel singen. Ich bin überwältigt von so viel Schönheit und kann kaum glauben, dass ich nun jeden Abend, zwei Jahre lang, dies bewundern kann.

OP-Schürzen und Affentheater

Mme Martin scheint Recht gehabt zu haben. Ich werde Verena in der Lingerie zugeteilt. Die Lingerie ist angrenzend an Alis, Matthildes und Dr. Schweitzers Zimmer. Verena gibt mir einen Ärztemantel und heisst mich drei Muster in verschiedenen Grössen anzufertigen. "Du meine Güte! Ich kann doch nicht nähen und erst noch Muster machen! Aber Lambarene soll man für alles bereit sein, denke ich Oder wollen die mich wohl prüfen?" Mit Zuversicht mache ich mich an das Werk. Es würde noch einigermassen gehen, ich wundere mich selber über mich, wenn nicht Verenas Schimpansen gewesen wären. Die zwei Affen sind neben meinem Arbeitstisch angebunden und pfuschen mir in meine Arbeit. Sie ziehen meinen Zentimeter fort, stibitzen mir die Schere und zupfen am Papiermuster. Das alles ginge ja noch, wenn sie nicht von Zeit zu Zeit ihre "Visitenkarte" auf meinem Schnittmuster hinterlassen hätten. Mlle Matthilde strich mir über die Achsel: "Ich bewundere Sie, dass Sie das alles mit so viel Geduld und Ruhe machen!" Ja, mit viel Geduld bringe ich die Schnittmuster zustande. Unter den gestrengen Augen von Verena werden sie noch etwas korrigiert. Nun hiess es Schürzen zuschneiden und von den Schneidern nähen lassen. Die Schneider sitzen im Hof vor ihren Nähmaschinen mit Handantrieb und ich muss sie anleiten. Wenigstens bin ich nun von den Affen etwas weiter entfernt.

Es ist eine besondere Welt hier zwischen Küche, Esszimmer und den Wohnräumen von Schweitzer und seinen engsten, langjährigen Mitarbeiterinnen. Im Hof steht ein langer Tisch. Da wird geglättet mit Kohleeisen. Manche Frauen tragen dabei ihr Kind auf dem Rücken, das bei jeder Bewegung hin- und her geschüttelt wird. Am Tisch nebenan sitzen Frauen und flicken. Ein Mann hockt am Boden und dreht am Feuer die Kaffeeröstmühle. Von Zeit zu Zeit wischt er sich den Schweiss vom Gesicht. Neben dem Küchengebäude steht ein Anderer an einer Feuerstelle und sollte Wasser abkochen für Trinkwasser. Doch oft ist er abwesend, "aller au besoin" (WC). Die Schneider an ihren Tischen sind fleissig. Sie nähen schön. Meine OP-Schürzen nehmen Gestalt an.

Es ist ein ungewöhnlicher Anblick, diese arbeitenden, bunt gekleideten Leute, die Tiere, die herumspazieren! Ueber allem regiert mit lauter Stimme und strengem Blick Verena. Soeben lässt sie über den Wasserkocher ein schlimmes Donnerwetter ergehen, dass er mir leid tut.

Meine Schürzen passen. Ich war im Spital unten zum Probieren. Ich bin ganz stolz. Die Ärzte und Schwestern wundern sich zwar über meine Arbeit und meinen, sie hätten im Spital genug zu tun für mich. Besonders Annelies wäre froh, um eine Hilfe bei den Kindern. Es herrscht eine Masernepidemie. Wenn es geht, wollen sie mich herunterlotsen.

36 OP-Schürzen habe ich zugeschnitten! Die Schneider haben nun genug zu tun und können ohne meine Aufsicht ihre Arbeit verrichten und ich unterstütze Annie. Sie schaut, dass für die weissen Angestellten die Wäsche besorgt wird, in den Zimmern genug Wasser vorhanden ist, die Schuhe geflickt werden, die Laternen geputzt werden, usw.

Am Montag ist Markttag. Frauen aus den umliegenden Dörfern kommen mit schweren Körben auf dem Rücken und bieten Papaya, Bananen, Maniok, Süsskartoffeln, Ananas, Gourges und anderes an. Annie handelt und kauft. Sie macht das sehr gut.

Das Flussschiff brachte eine grosse Ladung Kisten aus Europa. Sie stehen alle im Hof und werden von Herrn Schweitzer, Mlle Matthilde und Ali kontrolliert. Verena hilft beim Auspacken, nicht ohne die Afrikaner anzuherrschen. Die lassen sich nicht aus der Ruhe bringen und setzen ihre Arbeit ruhig, in ihrem eigenen Tempo fort.

In einem Gehege auf der Veranda hängt ein Regime Bananen, von denen wir uns nach Herzenslust bedienen können. Da gibt es Bananen mit herbem Geschmack. Andere mit roter Schale erinnern an Apfel. Die kleinen Feigenbananen haben eine dünne Schale. Lange, schmale mit einer hellen Schale und braunen Tupfen schmecken besonders gut. Ich bin schon beinahe Bananenfeinschmeckerin geworden.

Immer häufiger kommt vom Spital ein Boy herauf mit einem Zettel, dass sie mich nötig haben.

Ich half mit bei einer Lumbalpunktion bei einem Kind. Dr. Müller beobachtete mich kritisch und stellte mir die Tüchtigkeit von Annelies gegenüber. Das macht mich unsicher, ob ich mit ihm gut Zusammenarbeiten können werde. Annelies meinte, er fordere die Neuen gerne heraus. Man müsse ihm mutig entgegentreten und sich nicht einschüchtern lassen. Götter in Weiss, wie in Europa, scheint es hier nicht zu geben.

Nachtwache

Hinter mir liegt eine schlaflose Nacht. Ich wachte bei einem schwerkranken Mädchen mit Masern. Das vierjährige Kind wurde wegen Atemnot tracheotomiert (Luftröhrenschnitt). Es hat über 40° Fieber. Der Vater blieb die ganze Nacht da und half mir beim Absaugen des zähen Schleims. Dazwischen schlief er am Boden auf einer Decke, einen Schemel als Kopfkissen. Es war eine heisse, feuchte Nacht. Vögel sangen, Grillen zirpten, Frösche quakten, Mücken surrten. Eine Nacht voller Leben und das Kind kämpfte um sein Leben.

Mittags ist Catherine gestorben. Ihr Herz stand einfach still.

Mit Sterben und Tod werde ich mich wohl oft beschäftigen müssen.

Im gleichen Raum, wo Catherine lag, liegt nun der zweijährige Ramano. Auch er mit einem Luftröhrenschnitt. Wieder habe ich Nachtwache. Jetzt, wo er ohne Widerstand atmen kann, ist er ganz ruhig. Die Atmung ist wohl etwas schnell. Er hat eine Pneumonie und gegen 40° Fieber. Der zähe Schleim lässt sich gut absaugen. Ich habe ein gutes Gefühl, dass der Bub genesen wird. Er ist so verständig. Wenn ich ihn frage, ob er trinken wolle, nickt er mit dem Kopf. Sage ich ihm, er soll jetzt wieder schlafen, dreht er den Kopf auf die Seite und schliesst die Augen. Vater, Mutter, Grossmutter und Tante schlafen auf ihren Bastmatten am Boden. Sie sind Haussa, schöne, grosse, vornehme Menschen. Neben Ramano liegt eine Gebetskette. Am Morgen um sechs Uhr verhüllten die Frauen ihr Gesicht, knieten auf ihren Matten und verneigten sich dreimal, standen auf, verneigten sich dreimal, knieten wieder und küssten den Boden. Sie murmelten Gebete indem sie die Gebetskette wie einen Rosenkranz durch die Hand gleiten liessen. Erst nach dieser Zeremonie wünschten sie einander und mir einen guten Tag und dankten für die Nacht.

Ramano geht es besser. Er liegt ruhig schlafend da und hat kein Fieber mehr. Die Atmung ist ruhig, gleichmässig, der Puls normal. Er schläft der Genesung entgegen.

Allerlei Ungeziefer

An meiner Zimmerdecke hängt eine dicke, schwarze, faustgrosse Spinne. Hat die mich erschreckt! Aber Prof. May beruhigt mich. Die seien ganz harmlos und erst noch nützlich. Kakerlaken seien ihre Hauptnahrung. Und wirklich, wie ich genau hinschaue sehe ich, dass die Spinne mit ihren langen Beinen eine grosse Kakerlake festhält. In diesem Fall soll sie bleiben, wenn sie mir nur nicht nachts übers Gesicht streicht! Die Kakerlaken liebe ich gar nicht. Sie sind gross wie Maikäfer und fressen alles was ihnen in die Quere kommt: Stoff, Papier, Esswaren, Briefmarken... Nie sollte man etwas Essbares liegen lassen. Im Nu sind sie da und wenn man sie fangen will, verschwinden sie mit einer ungeheuren Geschwindigkeit, oder fliegen brummend davon.

Geburt in einer hellen Tropennacht

Es ist eine jener herrlichen Troperinächte, in denen es schade ist, zu Bett zu gehen. Ein Meer von Sternen leuchtet am dunklen Himmel. Die Palmblätter glitzern im Mondlicht und wiegen sich leise im Wind. Der Pelikan schläft auf seiner Stange.

Heute Nacht konnte ich bei der Geburt eines Kindes dabei sein. Eine Geburt bei Petrollicht. Inge leitete die Geburt. Mutter und Grossmutter hielten der Gebärenden Kopf und Hände. Weitere Angehörige warteten vor dem Haus. Von Zeit zu Zeit hörten wir sie seufzen und auch lachen.

Ein kräftiges, rosiges Mädchen kam auf die Welt. Es schrie und strampelte. "Une fille", sagte Evangline, die Helferin, "tu es riche". "Merci, merci", lachte die Grossmutter und tänzelte im Zimmer herum, eine eintönige Melodie vor sich hin summend. Zwei Stunden blieben Mutter und Kind noch im Gebärzimmer, dann spazierte die Familie in ihre Case. Das Körbchen mit dem Kind trug die Grossmutter auf dem Kopf.

Je nachdem wie weit ihr Wohnort vom Spital entfernt ist, kommen die schwangeren Frauen einige Wochen vor der Geburt ins Spital. Um die Kindersterblichkeit zu vermindern, zahle ihnen der Staat eine Prämie zur Geburt im Spital. Während ihrer Wartezeit bis zur Geburt lernen die Frauen, was für die Pflege des Kindes wichtig ist und helfen im Spital mit kleineren Arbeiten. Nach der Geburt bleiben die Mütter da, bis der Nabel des Kindes verheilt ist.

Dr. Schweitzer

Wenn am Morgen der Gong zum Arbeitsbeginn läutet, steht Dr. Schweitzer vor seinem Zimmer. Vor ihm versammeln sich die Leute zur Arbeitseinteilung auf dem Bauplatz. Er weist jedem seine Arbeit zu.

Dann schreitet er langsam den Weg hinunter und setzt sich an seinen Tisch in der "Grande Pharmacie".

Als Arzt arbeitet Dr. Schweitzer nicht mehr. Er will jedoch genau wissen, was im Spital geschieht. Er arbeitet an seinem Schreibtisch mitten im Spitalbetrieb. Die Ärzte informieren ihn über besondere Fälle, und er verabschiedet sich von ihnen, wenn sie gesund nach Hause gehen können. Von Zeit zu Zeit macht er einen Besuch auf dem Bauplatz. Oft wird er auch von Besuchern beansprucht. Allen begegnet er mit Liebenswürdigkeit und Geduld und führt sie im Spital herum. Dass er nicht zu sehr in Anspruch genommen wird, dafür sorgen Ali und Mlle Matthilde.

Wenn er mich sieht, fragt er: "Wie gahts dr Neue?" Ohne Tropenhelm und Socken darf niemand herumspazieren. Das sei zu unserem Schutz gegen die Tropensonne und Insekten. Heute hatte ich den Hut doch vergessen. Plötzlich stand Herr Schweitzer vor mir, stupste mich: "Gäll, machsch das nüme. Das macht mich traurig."

Sonntagausflug mit der Piroge

Heute hatte ich frei. Fünf-Tage-Woche kennen wir nicht. Alle 14 Tage gibt es einen freien Sonntag.

Dr. Schweitzer will immer wissen, was wir tun. Er sei für uns verantwortlich, darum verlange er das. Je nachdem wird ein Vorhaben abgelehnt oder erlaubt. Es gibt verschiedene Verbote: Sich nicht zu weit vom Spital entfernen - Keine Piroge benützen - Nicht im Fluss baden - nachts nicht draussen sein - Das Zimmer immer abschliessen.

Diese Vorschriften werden nicht immer eingehalten. Annie und ich machten heute einen kleinen Ausflug. Wir setzten uns in einen Einbaum mit vier hintereinanderliegenden Sitzen und liessen uns von einem Ruderer ans andere Ufer rudern. Die Boote stehen in Reih und Glied an der Landungsstelle. Die meisten Ruderer sind Lepröse, die mit ihrem Taxidienst ein Taschengeld verdienen. Wir hatten uns ein grosses, breites Boot ausgesucht. Der Ruderer sass hinten und liess sein Ruder abwechseln links und rechts ins Wasser gleiten. Leise schwankend fuhren wir dem Ufer nach flussabwärts. Dann überquerten wir den Fluss und legten in Dakar, einem kleinen Dorf gegenüber vom Spital an. Fröhlich lachende Leute empfingen uns und hiessen uns willkommen. Begleitet von einer Schar Kindern spazierten wir durchs Dorf, vorbei an einfachen Holzhäusern mit kleinen Gärtchen. Am Ende des Dorfes gelangten wir auf die Strasse, die Libreville mit Brazzaville verbindet, unterbrochen durch den Ogowe. Eine Fähre verbindet die beiden Ufer. Davor stand ein Lastwagen, gefüllt mit Bananenstauden. Mit der Fähre erreichten wir das andere Ufer, wo der Camion mit grossem Staubaufwirbeln verschwand. Auf dem Weg begegnete uns ein Mädchen, das auf dem Rücken eine schwere Hutte Holz schleppte, festgehalten an der Stirne mit einem geflochtenen Band. Wir spazierten weiter dem Ufer nach Richtung Spital, kamen aber nicht weit. Der Weg war überschwemmt. So blieb uns nichts anderes übrig, als wieder eine Piroge zu nehmen. Diesmal war nur ein kleines Boot bereit, aber ein Bub führte uns doch sicher zwischen Bäumen und Sträuchern hindurch. Ich glaubte, in einem Märchenwald zu sein. Wir glitten sanft durch eine grüne Blätterwelt. Ich schaute empor zu den Urwaldriesen, Vogelgezwitscher und leises Rascheln in den Bäumen begleitete uns, der dumpfe Ton des einfallenden Ruders, von irgendwoher eine Menschenstimme, dann wieder Stille, wohltuende Ruhe. Ein unvergessliches Erlebnis!

Am Nachmittag fuhren wir zu sechst mit einem Motorboot nach Lambarene. Das Dorf mit teils modernen Häusern und magazinartigen Läden, ist recht gross. Etwas erhöht thront ein Hotel, ein moderner, roter Bau umgeben mit Palmen. Dort besuchten wir die Gemäldeausstellung von Frau Weissberg. Sie ist die Gattin des Arztes im Regierungsspital in Lambarene. Es sind vor allem Bilder vom Schweitzer-Spital. Ich erfahre, dass es im Gabun einige kleine Spitäler gibt, betreut von französischen Militärärzten. Obwohl Gabun unabhängig ist, seien noch viele Franzosen im Land.

Eine neue Ärztin ist angekommen, eine Holländerin aus Südafrika. Wir hoffen, dass sie Dr. Aal, die morgen abreist, ersetzen wird und bleiben kann, solange diese Masernepidemie andauert.

In der Kinderabteilung

Annelies wird Dr. Aal zum Flugplatz begleiten und Ali entschied, dass ich sie am Nachmittag vertreten soll. Ich bin erstaunt, bin ich im Spital doch noch gar nicht eingearbeitet. Doch freut mich dieses Vertrauen.

Die Arbeit im Spital kann man nicht vergleichen mit einem Spital in Europa. Die Kranken kommen mit ihren Angehörigen, die sie während des Spitalaufenthaltes betreuen. Sie pflegen sie und kochen für sie, wie sie es von zu Hause aus gewohnt sind. Unsere einheimischen Pfleger, die von uns angeleitet wurden, helfen dabei. Für alles Medizinische sind wir Europäer verantwortlich.

Meine Aufgabe heute besteht aus Medikamente eingeben, Neuaufnahmen betreuen, Fieberkinder beobachten, Infusionen stecken...

Vor mir steht eine lange Reihe Mütter mit ihren Kindern, die unter meiner Aufsicht ihre Medikamente schlucken müssen. Viele Medikamente sind neu für mich: Wurmmittel, Malariamittel, die nach einer ganz genauen Beschreibung nach Alter des Kindes eingegeben werden müssen. Kinder, die nicht weit weg wohnen, gehen wieder nach Hause und kommen täglich vorbei für die Medikamente und zur Kontrolle. Schwerkranke Kinder beobachten wir in unserer Nähe, bis sie mit den Eltern am Abend in eine Case verlegt werden können. Eine Nachtwache gibt es nicht. Wenn es nötig ist, müssen wir auch nachts für die Kranken da sein.

Tropengewitter

Ganz plötzlich überraschte uns heute ein Tornado. Innert kürzester Zeit bedeckte eine riesengrosse, schwarze Wolke den blauen Himmel und die Sonne und im nächsten Augenblick goss es wie aus Kübeln. Herrlich, wie das auf die Blechdächer trommelte. So schnell wie möglich flüchteten sich alle unter ein Dach. Mit dem besten Regenschutz wäre man durchnässt worden. Es war wunderbar, diesem Schauspiel zuzusehen. So schnell, wie es gekommen ist, so schnell war es vorüber. Bald zeigte sich wieder die Sonne hinter den dunklen Wolken, und die Wolken verschwanden hinter dem Wald. Nur von den Bäumen tropfte es noch eine Zeitlang und es war kühler.

Wird man von einem Tornado auf einer Pflanzung oder im Wald überrascht, ist das nicht harmlos. Heute Abend brachte man uns ein vierjähriges, schwerverletztes Kind. Es war mit der Grossmutter unterwegs, als das Gewitter kam. Die Grossmutter wurde von einem fallenden Baum getötet. Das kleine Mädchen erlitt einen Schädelbruch. Den ganzen Nachmittag waren die Eltern mit dem bewusstlosen Kind unterwegs, bis sie das Spital erreichten. Annelies wird diese Nacht bei ihm wachen. Der Vater sitzt besorgt da. Die Mutter kauert weinend am Boden, den kleinen Bruder im Arm. Von Zeit zu Zeit sucht der Kleine jammernd nach der Brust, zieht daran und schläft ein, bis er durch das Schluchzen der Mutter wieder geweckt wird. Das Mädchen heisst Kikio. Immer wieder flüstert der Vater seinen Namen.

Mandarinen - Grapefruits

Im Zimmer steht ein Körbchen voll mit diesen saftigen Früchten. Ist es leer, wird es vom Boy wieder gefüllt. Verena pflückte mit einer Gruppe Männer Grapefruits. Diese werden mit Vaseline eingerieben und auf dem Dachboden gelagert. Die Obstbäume pflanzte Dr. Schweitzer entlang des Weges zum Lepradorf: Orangen, Mandarinen, Grapefruits, Zitronen. Sie blühen und tragen Früchte zur gleichen Zeit und verbreiten einen wunderbaren Duft.

Tropenklima und Mücken

Sonntag. Ein heisser, schöner Tag ist heute wieder. Ich wasche mich, so oft ich kann und fühle mich wieder frischer. Es ist heiss und feucht, aber ich scheine das Tropenklima gut zu ertragen. Ich sitze am Tisch in meinem Zimmer und schaue auf den Fluss. In der Nacht hütete ich in meinem Zimmer ein neugeborenes Kind. Es will nicht trinken und hat Krämpfe.

Kinder, die besonders beobachtet werden müssen, werden manchmal von der Kinderkrankenschwester in ihrem Zimmer betreut. Dr. Schweitzer will nicht, dass wir nachts in den Spitalgebäuden wachen und den Mücken ausgesetzt sind.

Es ist noch Regenzeit. Kinder spielen im Wasser. Eine Piroge gleitet vorüber. Vor Dr. Müllers Zimmer sitzt der Hund Caroline mit dem Äffchen Hannibal auf seinem Rücken. Der Hund hat den mutterlosen, kleinen Affen adoptiert. Der klammert sich an seinem Rücken fest, dass dem Hund die Last bald zu schwer wird.

Geburtstag

In Lambarene sind Geburtstage Festtage. Vor einigen Tagen schon wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass das Geburtstagskind von allen Europäern ein kleines Geschenk bekommen werde. Aber was kann man hier in den Tropen einander schenken? Das erregt die Fantasie. Es wird emsig gemalt, gebastelt, gehäkelt, gestickt. Es geht geheimnisvoll zu und her, Geflüster, Gelächter.

Ruth backt einen Geburtstagskuchen.

Verena hat Geburtstag. Am Morgen um 7.30 Uhr stehen wir alle vor ihrer Zimmertür. So leise wie möglich, damit sie nichts merkt. Zwar kennt sie das alles schon. Sie feiert ihren achten Geburtstag hier. Dr. Schweitzer stimmt an: "Harre meine Seele" und "Ach bleib mit deiner Gnade"...

Beim letzten Ton zieht Verena den Vorhang und öffnet die Türe. Dr. Schweitzer geht als erster hinein zum Gratulieren. Ihm folgen wir alle, auch einige Afrikaner sind dabei. Sie bringen Eier, eine Kokosnuss, Erdnüsse. Nachher gehen wir alle zusammen zum Morgenessen. Bevor Herr Schweitzer sich setzt, geht er zum Klavier und spielt "der Mai ist gekommen" weil heute 1. Mai ist. An Verenas Platz brennen drei Kerzen. Ein Haufen Geschenke türmt sich um ein Blumenkränzchen. Verena bekommt nach alter Tradition zwei Spiegeleier, von denen sie eines verschenken muss. Sie kommt kaum zum Essen, denn sie braucht Zeit, bis sie alle Geschenke ausgepackt hat. Die Nachbarn links und rechts helfen beim Papier zusammenlegen und Schnüre aufrollen. Alle wollen alle Geschenke sehen. Etwas später als sonst, läutet Ruth zur Arbeit. Das Mittagessen darf sich das Geburtstagskind wünschen. Dazu gibt es eine kleine Spur Wein. Schweitzer hält eine Geburtstagsrede, Verena muss mit ihm anstossen und dann der Reihe nach mit allen am Tisch. Während des Nachtessens ertönt plötzlich Kindergesang. Die Kinder vom Lepradorf singen mit ihren hellen, fröhlichen Stimmen und ihrem besonderen Rhythmus zum Geburtstag.

Ratten

Jeder Patient bekommt eine Etikette mit seinem Namen, Herkunft und einer Nummer, die er zu jeder Kontrolle mitnehmen musste. Verzweifelt kam ein Patient mit seinem halb zerkauten "Ticket" daher: "C'est le rat, qui l'a mangé."

Dass es Ratten gibt, wusste ich und heute sind sie mir begegnet. Ich hatte am Abend spät in der Pharmacie noch etwas zu tun im spärlichen Licht der Petrollaterne. Da hörte ich ein Geräusch, ein leises, fast geisterhaftes Trippeln. Dann sah ich sie oben auf einem Balken, zwei grosse, dicke, dunkle Ratten schauten mich einen Moment an und husch waren sie verschwunden. Haben die mich erschreckt.

Abendandacht

Im Esszimmer stehen zwei Klaviere. Das kleinere, braune steht allen zur Verfügung. Das grössere, schwarze ist Dr. Schweitzers Klavier. Es ist alt, der schwarze Lack bröckelt ab. Das Elfenbein auf den Tasten ist zum Teil abgebrochen und es ist schrecklich verstimmt. Ein Teil der Tasten sind verstummt.

Doch, wenn Herr Schweitzer darauf spielt tönt es gut. Er übergeht die kaputten Tasten und die ganz schlechten Töne und seine Vorspiele zu den Liedern bei der abendlichen Andacht improvisiert er immer anders. Danach liest er einen Abschnitt aus der Bibel in deutscher und französischer Sprache und gibt dazu eine Auslegung auf Deutsch. Sie kann ganz kurz sein, sich aber auch in die Länge ziehen, je nachdem ob Schweitzer ins Dozieren hineinkommt. Das ist meistens der Fall, wenn Gäste da sind.

Heute hatte er es sehr eilig. Er sah Ali an und sagte: "Alors, au travail". Dann schaute er zu Dr. Müller: "Du kommst nachher noch zu mir". Mit Ali und Matthilde verliess er den Raum.

Muktidas

Annelies hat von Muktidas ein kleines, graues Äffchen bekommen. Sie hält es in einem Käfig eingesperrt in ihrem Zimmer. Wenn sie es frei lässt, springt es wie der Wind im Zimmer herum, hüpft auf ihre Schultern, stösst den Teller mit Milch aus, und benützt jeden Platz als WC! Bestimmt war Muktidas froh, dieses Äffchen los zu sein. Muktidas!! Er verdirbt uns unsere Atmosphäre. Vor einigen Tagen stand er plötzlich da. Er kam von Holland, teils zu Fuss, teils per Autostopp. Wie lange er unterwegs war, sagt er nicht. Er trägt einen dichten Vollbart und lange gewellte Haare. So komisch, wie sein Aussehen, sind auch seine Ansichten. Er erklärt: "Alle Menschen müssen egoistisch sein, zuerst das Beste für sich aussuchen und erst nachher an die anderen denken". Er führt sich auf, als gehöre das Spital ihm und hat überall etwas auszusetzen. Er wagt sogar Herrn Schweitzer zu widersprechen. Er meint wohl er könne ihn mit seiner Lebensauffassung überzeugen. Der schaut ihn nur freundlich an und gibt keinen Kommentar.

Manchmal kommen besondere Vögel zu uns geflogen!

Humor

Jemand hat auf die OP-Tafel geschrieben: Jupeidi – Jupeida. Der japanische Gast Prof. Wakisaka steht lange sinnend davor. Dann schlägt er sein Wörterbuch auf, ohne dieses man ihn fast nie sieht: "Die deutsche Umgangssprache". Endlich fragt er, was das bedeuten solle. Hilde versucht, es ihm so gut wie möglich zu erklären, indem sie singend im Kreis herumtanzt.

Ramano ist entlassen worden. Es ist eine Freude, den Buben zu sehen. Seine Eltern sind Händler in Lambarene. Wir werden ihnen sicher wieder begegnen.

Kikio geht es von Tag zu Tag besser. Sie erholt sich von ihrem schweren Unfall.

Ein neuer Arzt

Der neue Arzt, Walter Munz, den wir schon lange erwarteten, ist angekommen. Gross und mit einem freundlichen Lachen grüsst er aus der Piroge. Wir stehen alle zu seinem Empfang am Fluss. Eigentlich sollte seine Cousine Ruth mitkommen, aber sie habe das Visum noch nicht erhalten. Ruth sollte Annie ablösen in der Lingerie, damit diese wieder im Spital eingesetzt werden kann.

Endlich bin ich fertig mit putzen in der kleinen Pharmacie. Auf Befehl von Ali musste ich alle Fläschchen und jedes Schächtelchen reinigen. Was für ein Durcheinander und Staub und Dreck. Das sei immer die Arbeit der Neuen. Aber da hat man wohl Jahre lang nicht mehr geputzt. Vieles war nicht mehr brauchbar. Auch auf zwei Rattennester stiess ich. Phuu!! Doch nun sieht es wieder schön und sauber aus.

Ich bin nun schon über einen Monat im Urwald. Und ich bin glücklich.

Eile mit Weile

Bei einer alten Frau hatte ich eine kleine Matte bestellt. Sie webt sie aus gefärbten Ananas - oder Bananenblättern mit kunstvollen Mustern. Wirklich schön. Die Matte sollte ein Geschenk für Dr. Müller zum Geburtstag sein. Trotz mehrmaligem Stupfen hat die Frau noch nicht mit dem Weben angefangen.

Das ist nun das afrikanische Tempo, an das ich mich wohl gewöhnen muss, nach dem Motto "ihr habt die Uhr, wir haben die Zeit". Ich überlege mir, was die Leute hier wohl über unser hastiges Tun denken.

Rationertausgabe und Maman Sansnom

Weil ich noch überzählig bin, werde ich überall eingesetzt, wo eine Hilfe nötig ist. Das hat den Vorteil, dass ich jedes Arbeitsgebiet kennen lerne.

Heute half ich Ursula Pfenninger Rationen austeilen. Alle Patienten, die von weit her kommen und die Begleiter, sofern sie im Spitalbetrieb arbeiten, bekommen wöchentlich Reis, Bananen, getrockneten Fisch oder Maniok. In einer langen Reihe stehen oder sitzen sie mit einem Becken oder Korb vor der Rationenhaus. Ein Boy passt auf, dass Ordnung herrscht und sich niemand vordrängt. Viele meinen, sie müssten als Erste drankommen. Heute ist es besonders schlimm, weil wir ausser dem Essen auch Kleider verteilen, Kleider, die uns aus Europa zugeschickt wurden. Alle sollen etwas bekommen, was zu ihnen passt. Aber das ist gar nicht so einfach, immer das Richtige zu finden. Alles wird auf dem Ticket des Patienten notiert. Einige glauben, ein zweites Mal noch etwas zu bekommen und erscheinen nach einer Weile wieder. So auch Maman Sans Nom. Sie ist eine besondere Erscheinung. Vor einigen Jahren sei sie plötzlich im Spital auf getaucht und geblieben. Niemand weiss, woher sie kam und niemand versteht ihre Sprache. Sie ist bekleidet mit einem schmutzigen Lendentüchlein, trägt Lianenschnüre mit Fetischen um den Hals und am Rücken ein schmutziggraues Bündel mit ihrer ganzen Habe. Sie führt immer einen Stock oder eine Machete mit sich. Sie nährt sich von dem, was man ihr gibt und was sie in der Natur findet, Kräuter und kleine Tiere. Sie zeigt grosse Ausdauer im Betteln und wehe, wenn sie nicht bekommt, was sie will, wehrt sie sich mit Stecken und Messer und macht ein grosses Palaver. Viele fürchten sich vor ihr und lassen es möglichst nicht so weit kommen. Wenn sie in Ruhe gelassen wird, ist sie ganz friedlich. Sie ramassiert alles zusammen, was sie meint brauchen zu können und bringt es zu ihrem Lager bei der Anatomie. Das ist etwas abseits von den anderen Spitalgebäuden. Da sitzt und schläft sie bei ihrem Feuerchen. Niemand bringt sie dort weg in ein Haus.

Maman Sansnom hatte bemerkt, dass heute etwas Besonderes los ist. Plötzlich steht sie da. Dass sie sich nicht in die Reihe stellt, wird von allen akzeptiert. Niemand getraut sich, sie dazu aufzufordern. Ursula gibt ihr ein gestricktes Leibchen und einen leinenen Rock. Sie mustert die Sachen kritisch, schaut uns an und wartet. Sie möchte noch mehr. Als sie merkt, dass es nichts nützt, verschwindet sie. Doch bald steht sie wieder da. Strahlend überreicht sie uns zwei Grapefruits. Sicher stammen die von den Bäumen des Spitals. Sie will uns damit bestechen. In den Kleidersäcken hat es auch allerlei Plunder, kaputtes Zeug, unmögliche Dinge. Ich kann nicht verstehen, dass die Leute so etwas schicken. "Für die armen Negerlein im dunklen Afrika wird das schon gehen". Aber diese Negerlein sind hübsche, junge Frauen, starke Männer, lustige, aufgeweckte Kinder und möchten gerne nett angezogen sein. Vor mir liegen ein Paar weisse, weite Baumwollhosen aus Urgrossmutters Zeiten, vorne zum aufknöpfen, dass man auf dem Oertchen nicht die ganze Hose herunterlassen muss. Zum Spass überreiche ich diese Hose Maman Sansnom. Statt ärgerlich zu sein, strahlt sie mich glücklich an und hält die Hosen immer wieder an sich. Jedes ihrer Gesichtsfältchen strahlt Glückseligkeit aus. Dass alle um sie herum lachen, bestärkt ihr Wohlgefühl nur noch.

C'est le ver

Ein bewusstloser, fünfjähriger Bub mit hohem Fieber wurde heute gebracht. Er wurde von Krämpfen geschüttelt und hatte eine starke Peristaltik. Das Kind war voller Würmer! Schrecklich. Sie kamen ihm unten heraus und aus dem Mund.

Die Meisten leiden unter Würmern, Grosse und Kleine. Da ist es nicht verwunderlich, dass sie die Ursache aller Krankheiten dem Wurm zuschieben: "C'est le ver qui fait ça".

Pfingsten

Die Sonne kam leuchtend hinter den dunklen Urwaldbäumen hervor und überflutete alles in mit goldenem Licht. Zu sechst fuhren wie mit den Pirogen des Spitals Richtung Andende, zur protestantischen Missionsstation. Hier hatte Dr. Schweitzer 1913 mit dem Aufbau des Urwaldspitals begonnen auf dem Areal der Pariser Mission. Die Gebäude der Mission liegen auf einem Hügel mit herrlicher Sicht auf den Ogowe. Der Hühnerstall, indem Dr. Schweitzer seine Untersuchungen und erste Operationen unternahm, dient nun als Apotheke für die Schule. Das ehemalige Wohnhaus von Dr. Schweitzer bewohnt die Lehrersfamilie Schwab aus Bern. Am Fuss des Hügels steht eine kleine Holzkirche. Einige Buben zogen am Glockenstrang und das Glöcklein bimmelte zum Gottesdienst. Auf dem Weg zur Kirche kam uns eine bunt gekleidete Schar singender Frauen entgegen. Sie wiegten sich rhythmisch hin und her, angeleitet von einer Frau mit Dirigentenstab. Es waren Fang – Frauen aus dem Dorf Atsie. Die Kirche war mit Blumen und Palmzweigen geschmückt. Eine Menge Leute zwängte sich in die Bänke. Mütter hielten beruhigend ihre weinenden Kleinen an die Brust. Manche schliefen ein, andere schauten mit verwunderten Augen umher. Die Schüler und Schülerinnen der Missionsstation sassen zusammen in den vorderen Reihen, die Mädchen in farbigen Kleidern mit einem kunstvoll geschlungenen, bunten Kopftuch. Die Frauen sangen, bis der Pfarrer, ein Missionar aus Lausanne auf die Kanzel stieg. Die Predigt wurde auf Französisch gehalten und auf Fang übersetzt. Dazwischen sang laut und fröhlich die Gemeinde Lieder auf Fang. Die "Dirigentin" stand daneben und wenn jemand unaufmerksam war, stupfte sie ihn mit ihrem langen Stab. Ein kleines Kind und fünf Erwachsene wurden getauft, darunter auch ein Pfleger aus dem Spital. Singend ging die Gemeinde dann auseinander. Die Fang-Frauen paddelten in ihren Booten Richtung Atsie und Ader von uns fuhren zurück ins Spital.

Zwei Schüler führten uns Zwei auf den Amerikaner-Hügel. Der schmale Weg ist überwuchert und kaum sichtbar, doch die Jungen leiteten uns geschickt durch das Gestrüpp. Da oben hatten vor Zeiten einmal Amerikaner versucht eine Missionsstation einzurichten, wurden aber von den Eigeborenen vertrieben. Der Name Amerikanerhügel blieb. Wir genossen die Ruhe und den Blick über Wasser und Urwald und auch unsere mitgebrachten Brote. Am Nachmittag brachten uns die Buben mit ihren Pirogen nach Dakar und wir spazierten am Fluss entlang zur katholischen Mission. Unterdessen war es ziemlich spät geworden. Die Missionsstation konnten wir nicht mehr besichtigen. So nahmen wir einen "Passeur" und liessen uns von ihm zum Spital rudern.

Die Schule im Gabun ist obligatorisch. Es wird nach französischem Lehrplan unterrichtet. In allen grösseren Orten hat es Schulen. Im Innern des Landes werden meist einige Dörfer zu einer Schulgemeinde zusammengenommen. Dadurch haben die Kinder oft einen langen Schulweg, den sie mehr oder weniger regelmässig unter die Füsse nehmen. Gute Schüler können nach Libreville in ein Internat geschickt werden, wo sie die Mittelschule besuchen können.

Im Lepradorf

Obwohl ich in der Nacht ein schwerkrankes Kind hütete, kann ich tagsüber nicht schlafen.

Ich besuche Dr. Takahashi im Lepradorf und sehe ihm zu, wie er die wunden Glieder der Kranken pflegt. Die Patienten halten ihre kranken Füsse auf einen niedrigen Tisch und Dr. Takahashi betupft sie mit Mercurochrom und Salbe. Alain, der Pfleger, selber Leprakrank, hilft beim Verbinden. Die Kranken spüren ihre betroffenen Glieder nicht mehr und so kommt es immer wieder zu Verletzungen oder Verbrennungen. Es ist immerhin ein Trost, dass man nun mit Medikamenten diese Krankheit eindämmen kann.

Trockenzeit

Es ist anfangs Trockenzeit. Die Tage sind kühler und der Himmel meist bedeckt. Es weht ein angenehmer Wind. Es ist nicht so sehr die Hitze, eher die Feuchtigkeit, die uns zu schaffen macht. Alles ist feucht. Die Wäsche nimmt einen schimmligen Geruch an. Die Briefumschläge kleben aneinander, wenn wir nicht Oelpapier dazwischen legen. Das Leder wird schimmlig. Der Fotoapparat ist in einer gut verschlossenen Büchse geschützt.

Bald ist Mitternacht. Die Nacht ist ziemlich kühl. In dieser Zeit erkälten sich die Leute leicht. Sie schlafen auf ihren Strohmatten und decken sich kaum zu.

Ich geniesse die Nachtzeit. Von Ferne höre ich das Trommeln von Tam-Tam. Es wird irgendwo ein Tanz sein. Aus Dr. Müllers Zimmer nebenan höre ich Geplauder. Jetzt spielt Dr. Munz auf der Querflöte. Ruhig, voll und schön schwingen die Töne in die Nacht hinaus, begleitet vom hellen Zirpen der Grillen und dem Quaken der Frösche.

Der "Grand Docteur" fühlt sich sehr müde. Am Morgentisch sagte er, er werde sich für einige Tage zurückziehen und sich ausruhen. (Ob er das kann?) Wir sollen darüber nichts nach Europa schreiben, sonst bekäme er von überall Briefe - und Dr. Schweitzer beantwortet immer alle Briefe.

Es scheint Dr. Schweitzer nicht gut zu gehen. Dr. Müller wurde zu ihm gerufen. Mit seinem Herzen scheint etwas nicht zu stimmen. Rhena, seine Tochter ist angekommen. Ihr Mann und ihre beiden jüngeren Töchter werden später nachkommen.

Nach einigen Tagen erscheint der Grand Docteur wieder zum Essen, sieht aber müde aus.

Amerikanischer Blödsinn

Seit einigen Tagen bin ich mit Medikamenten umpacken beschäftigt. Eine amerikanische Firma schickte eine Riesensendung Multivitamine. Die Fläschchen sind in Schachteln verpackt mit je einem Salz-und Pfefferstreuer! Ein amerikanischer Blödsinn! Was sollen wir hier mit diesen Streuern anfangen? Mit Vitaminen sind wir nun einige Jahre eingedeckt.

Morgenspaziergang

Gestern Sonntag machte ich mit zwei Pflegerinnen einen Morgenspaziergang durch den Urwald nach Moussamoukougou. Im Schatten von Urwaldriesen wanderten wir auf einem schmalen Weg durchs Gebüsch. Durch unsere Schritte ging das Gebüsch raschelnd auseinander, schloss sich hinter uns lautlos und machte den Weg unsichtbar. Ohne einen Führer hätten wir den Weg kaum gefunden. Ein Jäger begegnete uns mit einer Lanze. Er komme von der Affenjagd, hätte aber keinen Erfolg gehabt. Oft werden Affen getötet und ihre Jungen ins Albert-Schweitzer-Spital gebracht zum Aufpäppeln.

Moussamoukougou ist ein schönes Dorf mit einer Schule, wo etwa 70 Kinder unterrichtet werden.

Die Häuser sind aus Bambus oder Holz gebaut und tragen Palmblätterdächer. Sofort wurden wir umringt von Bekannten. Viele waren mal Patienten im Spital. An einer Bar lasen wir: ASB (Albert Schweitzer-Breslau) Der Besitzer hatte zum Bau Kistenholz aus dem Spital verwendet. Die Hütten, Wege und Plätze sind sauber geputzt. Warum haben wir im Spital denn so Mühe mit der Sauberkeit? Die Küchen stehen abseits der Wohnhäuser in einer Extra-Hütte, einige auch nur unter einem Dach vor dem Haus. Durch das Dorf fliesst ein klares, frisches Bächlein. Ein wahres Paradies.

Auf der Landstrasse spazierten wir dann zurück zum Spital. Auch da trafen wir Bekannte. Unter ihnen Patienten aus der Tbc-Case, die eigentlich Bettruhe verordnet hatten. Ihre Ausrede war, es sei doch heute Sonntag.

Am Nachmittag lud uns Dr. Weissberg zu einer Bootsfahrt auf dem Ogowe ein. Es war wundervoll mit dem Motorboot über das Wasser zu flitzen. Herrlich der kühle Wind und eindrucksvoll das viele Wasser! Immer kamen hinter den grünen Inseln wieder neue Wasserwege hervor. Ich wundere mich, wie man sich in diesem Labyrinth zurecht finden kann.

Dr. Takahashi hat heute Geburtstag. Dr. Munz, Mr. Vigne, Barbara und ich sind bei ihm eingeladen. Prof. Wakisaka ist auch da. Wir verbringen einen netten Abend mit japanischer Feinheit und Höflichkeit.

Unterdessen sind Rhenas Mann, Christiane und Catherine angekommen. Christiane spielt sehr gut Klavier. Sie will Medizin studieren. Sie hilft mit bei Injektionen verabreichen.

Auch Ruth Munz ist angekommen. Ihr Telegramm hatten wir nicht erhalten. Sie stand plötzlich da und wir hielten sie für eine Besucherin.

Kühle Temperaturen im Juni

Wir haben eine Kleidersendung aus der Schweiz erhalten mit vielen warmen Kindersachen. Darüber sind wir froh. Nachts kühlt es ziemlich ab. Wir verteilten an die Patienten warme Kleider und Wolldecken, schöne, bunte Plätzlidecken.