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Europa hat seit den Phöniziern vom Mittelmeer aus Gestalt angenommen. Von Krisenzonen umgeben, transformiert sich heute eine seiner beliebtesten Feriendestinationen zum Schauplatz von Flüchtlingstragödien. Dabei sind aus dem Mittelmeerraum, wie aus ganz Europa, generationenlang Millionen Menschen ausgewandert. Solche Realitäten globaler Migration ostentativ auszublenden provoziert eine kollektive Weltfremdheit. Europas Perspektiven ohne das Mittelmeer und dessen Anrainer zu denken wäre absurd. Die Distanzen vergrößern sich jedoch wieder. Dabei gab es gerade dort weltoffene Phasen akzeptierter urbaner Vielfalt. Um dieser Vielfalt mediterraner Urbanität Kontur zu verleihen, wird die Geschichte von zwanzig signifikanten Hafenstädten am Mittelmeer sowie Schwarzen Meer skizziert – vor allem Perioden, in denen Menschen verschiedener Herkunft ein tolerantes Zusammenleben möglich war. Wurde das durch ein Ablehnen oder Vertreiben als Fremde geltender ruiniert, hat das rundum geschadet.
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Seitenzahl: 687
Veröffentlichungsjahr: 2020
Christian Reder
Perioden vitaler Vielfaltals Grundlagen Europas
mandelbaum.at • mandelbaum.de
ISBN 978–3–85476–878–4
eISBN 978-3-85476-706-0
© mandelbaum verlag, wien • berlin 2020
alle Rechte vorbehalten
Lektorat: ELVIRA M. GROSS
Satz: KEVIN MITREGA
Umschlag: MICHAEL BAICULESCU
Umschlagbild: Orbis Herodoti (Rekonstruktion nach Herodots Ortsangaben), in: Samuel Butler: The Atlas of Ancient and Classical Geography, London 1907
Europa-Erzählungen?
GÜNSTIGE BEDINGUNGEN
Frühe Einwanderung
Nahrung, Tiere, Technik
Mitteleuropäische Zeit
Mittelmeerunion?
STADTKULTUREN
Palermo
Alexandria
Istanbul | Konstantinopel
Odessa
Sewastopol
Saloniki
Izmir | Smyrna
Dubrovnik | Ragusa
Triest
Venedig
Genua
Neapel
Beirut
Tel Aviv–Jaffa
Tripolis
Tunis
Algier
Tanger
Barcelona
Marseille
GLOBALE MOBILITÄT?
Europäische Lebensweise …
Urbanität
Zivilgesellschaft
DNA-Relationen
Literatur
Filme
Personenregister
Protestaktion in der Freien und Hansestadt Hamburg, 2009Foto: Christian Reder
Als Herodot vor 2.500 Jahren als Erster die Mittelmeerwelt beschrieben hat, fasziniert von deren Vielfalt, meinte er damit trotz aller geografischen Ungewissheit weite Regionen rundum. Unverständlich blieb ihm, »warum man eigentlich den Erdteilen, die doch ein zusammenhängendes Land sind, drei Namen gibt, und zwar Frauennamen«. Selbst die von Zeus missbrauchte Phönizierin, nach der Europa benannt ist, »stammt doch aus Asien und ist nie in das Land gekommen, das man heute in Hellas Europa nennt«, womit anfangs nur der Peloponnes gemeint war. Einbezogen hatte er Gebiete bis zum Atlantik, den Donauraum, eurasische Steppen und den Osten bis Indien (»weitaus das größte Volk, das man kennt«) sowie Ägypten, Äthiopien und die großen Wüsten Arabiens und Nordafrikas, das damals Libyen hieß, wo »die gesündesten Menschen« leben, »von denen wir wissen«. Zur römischen Küstenprovinz Afrika geworden, nach dem Berberstamm der Afri, galt das in Europa dann für den ganzen Kontinent. Ihm Fremdes charakterisierte Herodot detailreich und höchst respektvoll. An ungewöhnlichem Verhalten störte ihn wenig. Beispielhaftes fiel ihm besonders auf, etwa die Vertragstreue der Araber, von denen »ein Bündnis hochheilig gehalten« werde. Obwohl sich Perser »für die allervorzüglichsten Menschen« hielten, seien sie »fremden Sitten so zugänglich« wie kaum ein anderes Volk. »Die äußersten Länder der Erde besitzen die kostbarsten Dinge«, ob Gold, Zinn oder Bernstein, konstatierte er entschieden. »Viele Wissenschaften und Künste« und »die Schriftzeichen« waren durch Phönizier nach Hellas gelangt. Herodot (ca. 490/480–430/420 v. u. Z.), aus dem heute türkischen Bodrum stammend, beeindruckten vor allem die Weisheit der Ägypter und der Reichtum des Landes. Ihrer uralten Kultur wegen seien die Ägypter »die geschichtskundigsten Menschen«, die er kenne, sie hätten die berühmtesten Ärzte und lehrten als Erste »die Unsterblichkeit der Seele«. »Fast alle hellenischen Götternamen« stammten von dort, selbst »die Geometrie«, die »dann nach Hellas gebracht« worden sei.1 Die frühgriechischen Löwen der Prozessionsstraße auf Delos orientierten sich am Amun-Tempel im ägyptischen Karnak.2 Für griechische Skulpturen waren solche Impulse wegweisend.
Auf Homer wiederum, auf den sich Herodot oft bezieht, gehen die frühen Mythen Europas als Vorrat an Menschheitswissen zurück, mit dem um 1200 v. u. Z. zu datierenden Trojanischen Krieg als zentralem Geschehen, in dem Paris und Helena, Agamemnon und Iphigenie, Achill, Hektor oder Odysseus die Hauptrollen spielen. Des listenreichen Helden jahrelange Irrfahrt heim nach Ithaka wurde zur Erkundung des den Griechen noch kaum bekannten westlichen Mittelmeeres. Jason und die Argonauten mit Herakles, Orpheus oder Theseus waren am Schwarzen Meer erstmals bis zum Kaukasus des Prometheus gelangt. Namentlich dürften sie alle immer noch vielen Menschen bekannt sein, obwohl ihre religiöse Verehrung bald komplett vom Christentum verdrängt worden war. Galten in Griechenland die trotz ihrer Übermacht glücklich abgewehrten Perser als fundamentale Bedrohung, reichte das kurzlebige Reich von Alexander dem Großen (356–323 v. u. Z.) dann bis an den Indus, was Europa weit nach Osten geöffnet hätte. Die Mittelmeerwelt selbst erhielt mit Rom als unbestrittenem Zentrum erstmals stabile Reichsstrukturen, die alle Küstenländer sowie Britannien, Westeuropa, große Teile Mitteleuropas, den Balkan, Kleinasien, Armenien, Mesopotamien und selbst Ägypten integrierten, das mit dem Ewigkeitsanspruch der Pyramiden langlebigste Reich überhaupt.
Zivilisationen und Erinnerungen an diese bleiben markant von Städten geprägt. Beruhte die griechische Polis auf »der ›bewussten Entscheidung‹ für das Zusammenleben« einer größeren Zahl von Freien und Gleichen an einem Ort, hatte sich Rom »trotz seiner immensen Eroberungen nicht als Nation oder Staat, sondern stets im traditionellen Rahmen eines Stadtstaates begriffen«, so der französische Philosoph und Sinologe François Jullien zur Problematik wieder weithin forcierter Debatten über kulturelle Identität. Roms historische Bedeutung basiert vor allem darauf, »immer mehr Menschen das eigene Bürgerrecht verliehen zu haben, bis dieses (ab dem Edikt von Caracalla 212) für alle freien Bewohner des Reiches galt und somit die Stadt und die Welt, urbs und orbis, durch ein gemeinsames rechtliches Band vereinte«. Man war »zugleich Bürger seiner eigenen Stadt und Bürger Roms«. Als Überwindung eines stets zu Separatismus und Militanz tendierenden Nationalismus ist diese Vorstellung nun selbst in der Europäischen Union eine ferne Utopie. Ein integrierendes Selbstverständnis blieb brüchig, denn »was später zu Europa werden sollte«, so François Jullien, entstand aus einer »chaotischen Geschichte« voller Widersprüche, auch was die angeblich essenziellen Grundlagen betrifft, sei es »die philosophische (griechische) Ebene der Konzepte, die juristische (römische) der Bürgerrechte« oder »die religiöse (christliche) des Heils«, bis hin zum behaupteten Universalismus von Demokratie, Republik, Vernunft, Aufklärung.3 Ursprünge der Europa prägenden Geisteswelten entstanden am Mittelmeer, die großen Buchreligionen vorerst in zivilisationsfernen Wüsten, mit Jerusalem als Mitte der Welt für Juden (Tempelberg, Klagemauer) und Christen (Kreuzigung, Auferstehung) und dem Felsendom (Mohammeds Himmelfahrt), dem für Muslime drittwichtigsten Heiligtum nach Mekka und Medina.
Trotz aller von dort importierten Nächstenliebe- und Friedensbotschaften wurde jedoch gerade Europa zum Kontinent permanenter Kriege, die meist als geschichtsrelevanter gelten als ruhigere Zeiten. Hatte die Völkerwanderung zwischen Ostsee, Schwarzem Meer und Nordafrika neue Verhältnisse geschaffen, können Stichworte nur andeutungsweise daran erinnern, welche Feindseligkeiten in der Folge Europa geprägt haben, zwischen Ostrom und Westrom, Lateinern und Griechen, Kaisern und Päpsten, Christen und Muslimen, Katholiken und Protestanten, um Gebiete streitende Imperien. Zu in ihrer Kontinuität und Dichte singulären Leistungen in Kunst und Wissenschaft kam es dennoch, weil sich ein freigeistig forschender Humanismus behaupten konnte. Frauen jedoch blieben von der Kirche gestützter patriarchalischer Dominanz unterworfen. Jüdische und andere Minoritäten wurden immer wieder erbarmungslos verfolgt. Die Kriege der dynastischen Reiche lassen sich sogar als mörderische Familienfehden unter Verwandten begreifen: Österreichs Kaiser Franz I. als Schwiegervater Napoleons, Deutschlands Kaiser Wilhelm II. als Enkel der britischen Königin Victoria, Zar Nikolaus II. als dessen Großneffe etc. Erst Frankreichs neues Selbstbewusstsein als revolutionäre Grande Nation provozierte einen deutschen Nationalismus, was sich mit einer Gegnerschaft zu dessen von Liberalen weithin unterstützten Aufklärungsideen verband. Die vehement propagierte Trennung von Kirche und Staat wurde erst nach Generationen konkreter. Nach dem Europa neu ordnenden Wiener Kongress vertiefte sich die Kluft zum Westen und dessen von der Kolonialmacht England ausgehenden Kapitalismus- und Industriedynamik. Denn die etablierten Monarchien schotteten sich davon ab – als »die damalige Dritte Welt jenseits des Rheins«, so das sarkastische Bild des Philosophen und Anthropologen Ernest Gellner.4 Die Weltkriege des 20. Jahrhunderts mit ihren Millionen Toten ruinierten vieles von bereits Erreichtem. Weithin anerkannt blieb, dass die Shoah der zivilisatorische Tiefpunkt gewesen ist, mit Hiroshima als in Momenten möglicher Auslöschungsvariante. Auch die vielen weiteren Kriege waren nationalistisch und oft rassistisch, trotz aller Hoffnungen nach Ende des Kalten Krieges – nun mit der neuen Macht- und Militärkonstellation USA–China–Russland.
Europa dominierte die Welt, seit sich nach der Entdeckung Amerikas und den Indienrouten die Gravitationszentren seiner Entwicklung »vom Mittelmeer an den Atlantik verschoben hatten« als maritimer Zugang zu Grenzenlosigkeit, was einen Kolonialismus forcierte, der »den Planeten in viele Provinzen Europas aufteilen konnte«, unter »Verachtung und Beherrschung der Anderen«, wie der Soziologe Franco Cassano zum Verlust »der Vermittlerrolle des Mittelmeerraumes« konstatiert. Deshalb sei es überfällig, dass Europa wieder »den Rhythmus des Südens, dessen Hoffnungen und Träume« als seinen Ursprung anerkenne, war doch sogar »seine Freiheitsliebe in Griechenland entstanden«. Denn dazu brauchte es Erfahrungen mit verschiedenartigen Menschen und ständigem Transit. Diese »Hybridisierung von Kulturen« am Mittelmeer habe aufkommende »Ansprüche auf Exklusivität, Reinheit und Unversehrtheit« immer wieder aufgeweicht, waren doch sogenannte Andere »nie sehr weit entfernt«. Im Sinne Franco Cassanos weltweit »Southern Thoughts« aufzuwerten, könne auch postkoloniale Überlegenheitsansprüche demaskieren, die gerade im Süden spürbar blieben, bis hin zum propagierten westlichen »Modernitätsfundamentalismus« mit seiner Konsum- und Besitzfixierung, was latent mit »anderen Vorstellungen von Reichtum« konkurriere. Dass der Mittelmeerraum längst »als negatives Gegengewicht Europas« gilt, als »counterpart to modernity«, weil er nicht genug »modern, liberal und vollständig verwestlicht sei«, bleibe ohne Moderation völlig einseitig. Paradoxerweise ist er gerade deswegen noch ein Tourismus-Traumland, als temporär mögliche Flucht aus dem disziplinierten Arbeitsalltag zu angeblich gelasseneren Lebensweisen, kultureller Vielfalt, wunderbaren Städten und Landschaften, dem Erleben »von Freiheit und Sonne«.5 Längst ziehen zahllose Zweitwohnungsbesitzer und Pensionisten in diese freundlicheren Gegenden. Für die Austerity-Politik der Europäischen Union gelten jedoch gerade Mittelmeerländer als störrische Problemfälle.
Das weltweit Einzigartige des in Europa gesellschaftlich Erreichten mit seinen liberalen Institutionen und friedlichen Perspektiven wird jedoch nun desperater infrage gestellt. Bestärkt werde das, weil Nationalstaatsmythen auf diffuse Weise Europas Geschichte verbergen, so der Historiker Timothy Snyder in seiner markanten Wiener »Rede an Europa« vom 9. Mai 2019. Denn eben nicht Nationen, sondern multinationale Imperien haben Europas Geschichte geprägt, jene Mächte, »die zuvor für ein halbes Jahrtausend die Welt beherrschten« und dann »dazu gezwungen waren, sich nach Europa zurückzuziehen, wo sie etwas Neues erschufen«, als ihre Kolonialreiche nicht mehr zu halten waren. Wie die Absage an Faschismus und Nationalismus wirkte dies endlich integrationsfördernd und friedensstiftend. Historisch einmalig sei jedenfalls, dass Europa zum weltweit ausstrahlenden Modell kreativer demokratischer und regionaler Entwicklung werden konnte – »a source of hope«, was weiter energischen Einsatz verlange.6
Zu seiner Geschichte gehört, dass Europa lange der Emigrationskontinent gewesen ist, was weltweit so sichtbar blieb wie die Nachkommen der 20 Millionen aus Afrika über den Atlantik gebrachten Sklaven. Kamen in den beiden Dekaden vor 2000 weitere 22 Millionen Einwanderer in die USA, nach Kanada und Australien, so hatten »im 19. Jahrhundert und bis zum Ersten Weltkrieg« Europa »über 50 Millionen Menschen« Richtung Übersee verlassen – als weitere Ausbreitung europäischer Vorherrschaft. »Zwischen 1840 und 1900 geht man von insgesamt 26 Millionen und von 1900 bis 1914 von weiteren 24 Millionen aus. 37 Millionen (72 %) gingen nach Nordamerika, 11 Millionen (21 %) nach Südamerika und 3,5 Millionen nach Australien und Neuseeland.«7
Auch innerhalb Europas mussten Juden, Protestanten und politisch Verfolgte oft genug flüchten. Kolonisten zogen nach Russland und donauabwärts. Massen von Wanderarbeitern folgten dem Straßen- und Eisenbahnbau. Der Zustrom in Städte und Industriegebiete urbanisierte die Welt. Nach 1945 hatte Europa zwölf Millionen Displaced Persons zu integrieren, Deutschland dann noch vier Millionen DDR-Flüchtlinge – alles Größenordnungen, weit über jenen, von denen heute die Rede ist. Willkommen waren auch sie selten irgendwo. Denn intensive »Zuwanderung ist immer konfliktreich«, kaum je sofort eine Bereicherung, so der Migrationsforscher Paul Scheffer, »da jeder sich ändern muss« – »auf beiden Seiten«.8
Nun aber gelingt es dem politischen Geschäftsmodell ›nationalistischer Fremdenfeindlichkeit‹ sogar, Gesellschaften zu spalten – anders und unübersichtlicher als früher – und eine Krise der Europäischen Union und ihrer liberalen Demokratien heraufzubeschwören. Sie könnte zu einem von Nationalstaaten dominierten, zu Entscheidungen unfähigen, ausgehöhlten Gebilde degenerieren, ohne gefestigte Position in der Welt. Provoziert nationalistische Propaganda Überfremdungsängste, macht das jedoch deren Anhänger in liberalen Demokratien selbst zu Fremden, solange sie ein Zusammenleben mit Andersdenkenden – und Zugewanderten – verweigern. Das richtet sich derzeit primär gegen über das Meer kommende Fremde, während die EU-interne Migration bereits weithin akzeptiert ist. Dabei haben seit Öffnung der Grenzen im Osten »zwölf bis 15 Millionen Menschen ihre Heimat verlassen, um im Ausland, vor allem in Westeuropa, zu leben und zu arbeiten«. Lettland verlor 27 Prozent seiner Bevölkerung, Litauen 22,5 und Bulgarien 23 Prozent. Polen verließen zeitweise 3,3 Millionen Arbeitssuchende, partiell ersetzt durch 1,5 Millionen aus der Ukraine. Ein Fünftel der Erwerbstätigen Rumäniens arbeitet im Ausland. »Rund 600.000 Ungarn, dreimal so viele wie die Zahl der Flüchtlinge nach der Niederschlagung des 1956er-Aufstandes, zogen nach dem Westen.« »In Bosnien, Serbien, Mazedonien und erst recht in Albanien und im Kosovo spürt man eine enorme Emigrationsbereitschaft.« »Statt der erhofften Verwestlichung nach der Wende«, so Paul Lendvai im Standard zu den »Halbwahrheiten über Migration«, »geht das Gespenst der Entvölkerung um«, mit krassem Ärzte- und Fachkräftemangel und abwandernder Jugend, gerade in Ländern mit provokanter Flüchtlingsabwehr und vielen zunehmend menschenleeren Gegenden.9
Auffällig ist in diesem Zusammenhang, wie aktivierbare Wir-und-sie-Emotionen traditionelle Links-rechts-Kontroversen überlagern, Vorstellungen von Staat, Gemeinwohl oder Kultur deformierend. Rückhalt bekommen illiberale Kräfte, die Grund- und Freiheitsrechte und die Liberalisierung vieler Lebensbereiche beschränken und eine gegen säkulare Rechtsstaaten gerichtete Antimoderne vertreten. Dieses Vorgehen korreliert mit der ständigen Behauptung, das angeblich noch christliche Europa werde vom Islam unterwandert, so als ob es zur Machtbalance – im Krimkrieg, Ersten Weltkrieg bis hin zur NATO – nicht zu Koalitionen gekommen wäre, abgesehen davon, dass Spanien, Sizilien, der Balkan einst von Muslimen kulturell bereichert wurden. Sogar die vom Krieg gegen den Terror allseits aktivierte staatliche Militanz beruft sich vielfach wieder auf quasi-religiöse Motive, so wie jene Gruppen, die der Religionssoziologe Mark Juergensmeyer in Die Globalisierung religiöser Gewalt darstellt. Denn über Unterstützungsnetze verfügen nicht nur »die islamistischen Revolutionäre im Iran, die sunnitischen Dschihadisten in Ägypten, Palästina und anderswo im Nahen Osten«, sondern ebenso »die christlichen Milizen in den Vereinigten Staaten«, »die katholischen und die protestantischen Militanten in Nordirland«, »die messianischen Juden in Israel«, »die Sikhs im Punjab, die muslimischen Separatisten in Kaschmir, die buddhistischen Regierungsgegner in Sri Lanka, die Aum Shinrikyo in Japan«. Angesichts dieses gewaltbereiten Aktivismus sei entscheidend, »wie viele es nicht tun« und »hartnäckig an demokratischen Verfahren und an den Menschenrechten« festhalten.10
Rassistische Morde und Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte durch westliche Rechtsextreme blieben jedoch lange unterschätzt, trotz der NSU-Morde, der Gewaltdelikte in Norwegen, Neuseeland, Halle oder Hanau 2020. Denn als krassere Bedrohung galten ebenso dezentral agierende Islamisten (seit 2001 New York, Washington, Madrid, Barcelona, Paris, Brüssel, Nizza, Berlin, London, in Afrika und Asien). Sich islamistischem Terror Anschließende würden eben, so die Wiener Philosophin Isolde Charim, »mit einer Identität versorgt«, sobald sie bereit sind, »ihr Verlangen nach Zugehörigkeit durch Morde« auszuleben. Einem »selbstgebastelten Islam« zu folgen genüge. Das sei »kein pervertierter Ausdruck einer Ungerechtigkeitserfahrung. Der Terror ist nicht einfach eine fehlgeleitete Rebellion gegen Armut, Unterdrückung, rassistische oder ökonomische Ausgrenzung«, sondern die durch Alltagserfahrungen und mediale Bilder unbedingt nötig erscheinende »Abwehr von Pluralisierung«, der Grundintention jedes Fundamentalismus. Denn dabei geht es im Kern um eine illusorische Wiederherstellung von Homogenität und Identität, befreit von jeglicher Fremdbestimmung. Aber in gemischten Gesellschaften steht längst »jede Kultur neben anderen Kulturen« und »diese Pluralisierung verändert uns alle«, weil es eben »keine selbstverständliche Zugehörigkeit« mehr gibt.11 Das gelte längst generell, nicht nur bei Migration.
Solche Zusammenhänge negierend, werden derzeit gerade Mittelmeerländer wieder als teils christlich, teils islamisch geprägter, in vielem unvereinbarer Raum betrachtet. Fast scheint eine Fassungslosigkeit darüber aktivierbar, dass einst alle biblischen Stätten und die frühchristlichen Patriarchate Jerusalem, Alexandria, Antiochia und Konstantinopel an Muslime verloren gingen und deren Bevölkerung endgültig zum Islam konvertierte. Seit den Kreuzzügen ist es jedoch erst jüngst wieder ein Konfliktstoff, wem die Heiligen Stätten von Juden, Christen und Muslimen gehören. Wegen der europäischen Dominanz rückten solche Kontroversen lange in den Hintergrund, war doch sogar ein maßgeblicher Philosoph wie G. F. W. Hegel (1770–1831) überzeugt, der Islam sei »schon längst von dem Boden der Weltgeschichte verschwunden und in orientalische Gemächlichkeit und Ruhe zurückgetreten«.12
Bis über die 1960er Jahre hinaus erschienen mentale Differenzen zwischen Okzident und ›Orient‹ längst irrelevant. Auch bei der Lagerbildung im Kalten Krieg ging es nie um Religion, denn ein Rückhalt durch die Sowjetunion verband sich durchwegs mit säkularer sozialistischer Programmatik unter Tolerierung des Volksglaubens. Frauen hatten damals weit mehr Freiheiten. Von Konflikten zwischen Sunniten und Schiiten war nie die Rede. Selbst Afghanistan galt als Traumland grenzenloser Freiheitserfahrungen. Alle diese Regionen waren noch problemlos zu bereisen. Tausende Studierende aus arabischen Ländern, der Türkei, dem Iran profitierten von Europas Bildungsangeboten. Der Massentourismus begann Europas gegenüberliegende Küsten zu erschließen. Erdöllieferungen und kooperierende Potentaten schienen die Interessenslagen halbwegs in Balance zu halten. Ein weltpolitischer Konfliktherd blieb die Region, weil es weder Israel noch Palästina, aber auch nicht im Libanon bisher gelang, sich friedlich zu integrieren, und die arabische Welt weiter im Stadium desperater Polizeistaaten verharrt. Um Entwicklungen hin zu mehr Demokratie und sozialem Ausgleich geht es kaum irgendwo.
Gerade wenn jedoch nach dem Schema des Kalten Krieges aus Opposition zum Kapitalismus des Westens ein vager Sozialismus vertreten wurde, ergab die Implosion kommunistischer Hegemonieabsichten ein ideologisches Vakuum, was eine – vielfach als Revolution verstandene – neuen Halt bietende Islamisierung begünstigte, sichtbar vor allem durch wieder krass eingeschränkte Frauenrechte. Latent verschärft hatten das Klima die Attentate von damit ihre Unterdrückung publik machenden, sich zunehmend islamisierenden Palästinensern. Im Schlüsseljahr 1979 folgte Chomeinis anfangs weithin begrüßte, aber bald autoritäre Gottesstaat-Revolution im Iran, die auch den Sturz der Saudi-Herrscher forderte, mit den US-Geiseln in Teheran als Kampfansage an die USA. Es kam zum Massaker in der Großen Moschee in Mekka an wahhabitisch- puritanischen Besetzern. Schließlich bot der sowjetische Einmarsch in Afghanistan Dschihad-Kämpfern ein Ziel fern der Herkunftsländer und mentalen Rückhalt. Kaum im Irak an der Macht, griff damals Saddam Hussein mit US-Unterstützung für Jahre den Iran an. Der Bürgerkrieg im Libanon war in vollem Gang.
Als Gegenbild dazu fand in diesem Wendejahr internationaler Politik die erste Wahl zum Europäischen Parlament statt. In Wien wurden die UNO-City und das von Saudi-Arabien finanzierte Islamische Zentrum eröffnet, mit Österreichs erster großer Moschee, Jahrzehnte nach Berlin, Paris, London. Für säkulare Zuwanderer aus der Türkei und Bosnien gedacht, gab es keinerlei Anti-Islam-Proteste, auch deren rigid wahhabitische Tendenz störte niemand. Zur nächsten Zäsur internationaler Politik wurden bekanntlich die von Osama bin Ladens al-Qaida geplanten 9/11-Anschläge von 2001. Wie intendiert, wirkte sich der damit einsetzende Krieg gegen den Terror mit weiteren Attentaten als Unterminierung westlicher Liberalität und Weltoffenheit aus, bis hin zum ausufernden Misstrauen gegen Flüchtlinge aus solchen Ländern. Eine häufig unterstellte Rückkehr ins Mittelalter ist das alles nicht, da solche Entwicklungen Aspekte einer konfusen Moderne sind, die eben nur sehr punktuell von Aufklärung und demokratischer Kontrolle geprägt ist. Bezeichnend ist die politische Dauerfreundschaft der USA mit der Erdölmacht Saudi-Arabien, derzeit größter Waffenimporteur der Welt, obwohl es weltanschaulich »kaum einen Unterschied zwischen dem Wahhabismus, Osama bin Laden oder dem ›Islamischen Staat‹« gebe.13 Der US-Politik gilt jedoch nur der Iran trotz unterdrückter Bevölkerung und seiner uralten Kultur als das Böse schlechthin.
Europas jahrzehntelange Teilung durch den Eisernen Vorhang blieb längst nicht so deutlich spürbar wie die zunehmende Distanz zu Gesellschaften jenseits des Mittelmeers. Trotz Indoktrinierung mit einer totalitären Ideologie, des Feindbilds »kapitalistischer Westen« und ähnlicher Diktaturerfahrungen war diese Kluft wesentlich leichter zu überwinden als bei offiziell intensivierter, ihrerseits anti-kapitalistischer Islamisierung. Dabei gab und gibt es beidseitig drastische Unterschiede bei der persönlichen Akzeptanz ideeller Vorstellungen. Trotz aller Reiseerfahrungen von Millionen gelten seither arbeitslose, als Muslime eingeordnete Asylsuchende und Migranten, eben weil sie keine kaufkräftigen Touristen sind, wegen angeblich religiös gesteuerter Verhaltensweisen vielen als störende oder sogar gefährliche Fremde. Probleme erzeugen in aller Regel nicht so sehr diese angebliche Fremdheit, sondern jene Organisationen, die in Europa mit islamistisch-nationalistischer Propaganda systematisch spaltend wirken. Klar ist, dass diese und die kleinen Gruppen gefährlicher Radikaler in Rechtsstaaten so entschieden zu bekämpfen sind, wie es von 1970 bis 1990 in Deutschland und Italien gelang. Öffentliche Hysterie bestärkt nur die Publicity erwartenden Täter.
Nicht Flüchtlinge sind die eigentliche Krise, sondern die Unfähigkeit der EU-Staaten menschenrechtskonform zu reagieren. Es ist Die Schande Europas, so etwa der Menschenrechtsaktivist Jean Ziegler, dass die katastrophalen Zustände in den Lagern politisch hingenommen werden und im Mittelmeer seit Jahren mehr Flüchtlinge sterben als sonst wo je in Grenzzonen, weil sie sich Schutz und ein menschenwürdiges Leben erhofften.14 Dabei ist gerade Europa durch Freizügigkeit und Migration entstanden und demografisch auf Zuwanderung angewiesen. Trotz Wohlstands und deutlich sinkender Flüchtlingszahlen scheitert die Politik permanent, die Attraktivität Europas als Menschenrechten verpflichtete, weltoffene demokratische Friedenszone durch plausible Asyl- und Einwanderungsgesetze auszubauen. Eine politisch offensivere Unterstützung würde auch emotionalisierte Fremdenabwehr eindämmen. Priorität bekamen jedoch Zäune, Abschiebungen, militanter Grenzschutz, was Europas Erfolge beim Ächten rassistischer Vorurteile und nationaler Feindschaften latent gefährdet, seine Freiheitsbotschaften desavouiert und weithin Bitterkeit erzeugt. Viel bewusster müsste sein, wie und wo es möglich war und wieder sein kann, dass »Menschen trotz ihrer Unterschiede in der Lage sind, zusammenzuleben«, sie also zu »kompetenten Städtern« werden – so die Vision des Soziologen Richard Sennett in Die offene Stadt –, leben doch die meisten Menschen längst in urbanen Agglomerationen.15 Selbst die Überlebenskünste in trostlosen Slums sind Ausdruck solcher Energien.
Deshalb konzentrieren sich diese Nachforschungen auf die Urbanität mediterraner Hafenstädte, die von Beginn an markanter als im Norden von Bewohnern unterschiedlicher Herkunft und den ständigen Kontakten mit Fremden geprägt waren. Gerät diese Vielfalt unter Vereinheitlichungsdruck, verweist das auf heutige Kontroversen und die Haltlosigkeit plakativer Feindbild-, Islam- und Abendland-Debatten. Mitzudenken ist, dass die Europäische Union wie kaum eine andere Weltgegend latent von Krisengebieten umgeben ist, was viel mit Europas Geschichte zu tun hat, in Nordafrika, der Levante, im Irak, in Anatolien, im Kaukasus, in der Ukraine, und dass Demokratiebewegungen wie der Arabische Frühling von 2010/11 in Diktaturen kaum Chancen haben.
Vom Mittelmeer und Schwarzen Meer aus gesehen lassen sich Konturen von Europas Selbstverständnis und Zukunft gedanklich anreichern, ist doch von diesem Raum vieles ausgegangen, was als essenziell europäisch gelten kann, gerade wegen der entwicklungsfähigen Unbestimmtheit zugehöriger Vorstellungen. Die gelebte, an Fremde und Fremdheit seit jeher gewohnte Urbanität an mediterranen Küsten realisiert sich ohne nationalistisches Ausgrenzen längst in heutigen Großstädten als Zusammenleben in Verschiedenheit, lose verbunden durch Produkte, Speisen, Musik, Kunst, Wissenschaft, Sportereignisse. Je nach Selbstverständnis und sozialer Abstufung genügt ein Nebeneinander ohne demonstrative Gemeinsamkeit. Sprachen, Herkunft, Religion bleiben vielfach irrelevant. Wie auch sonst brauchen Mittellose, Frauen, Kinder, Traumatisierte besondere Unterstützung und Bildungsangebote. Weder uniformierende Assimilation und Integration, angeblich unveränderbare Identitäten und Lebensweisen oder unverbindliche Dialoge seien entscheidend, sondern die Ressourcen kultureller Fruchtbarkeit, so François Jullien. Denn das anzustrebende »Gemeinsame ist der Ort, an dem sich die Abweichungen/Abstände entfalten, und die Abstände bringen das Gemeinsame zur Entfaltung«.16 Da »Stadtentwicklung und Urbanität ohne Migration kaum vorstellbar ist«, gehe es darum, »Räume der Vielheit« dezidiert aufzuwerten.17
Um solche Veränderungen offensiv mitzugestalten, bräuchte es nach der Entwicklung »vom (Stadt-)Bürger um 1700 über den (Staats-)Bürger um 1800 zum Bürger (= Nichtproletarier) um 1900« (Reinhart Koselleck) nun ambitionierte »Baustellen der (und für die) Demokratie«, wie sie der französische Philosoph Étienne Balibar in Sind wir Bürger Europas? insistierend fordert. So könnte eine neuformierte kosmopolitische »Bürgerschaft in Europa«, die »fortgeschrittener ist als die nationalen Gemeinschaften« und bloßer Lobbyismus, im Rahmen von »wirklich europäischen Parteien« konsequenter agieren. Als Grundlage sei anzuerkennen: »Die ›Menschenrechte‹«, so Balibar, »sind den ›Bürgerrechten‹ weder vor- noch übergeordnet, beide stehen nebeneinander und bedingen einander.«18
Für Wien, wo dieses Buch entstand, blieb mir die oft verdrängte Feststellung der Aufklärungs-Encyclopédie wichtig, dass dessen 100.000 Einwohner im 18. Jahrhundert »Italiener, Deutsche, Böhmen, Ungarn, Franzosen, Lothringer, Flamen« gewesen sind, »die zusammen mit den Juden Handel treiben & verschiedenste Handwerkskünste ausüben«.19 In diesem Sinn haben mich auch die konfusen Entwicklungen rund ums Mittelmeer stets beschäftigt, über durchwegs zu Publikationen führende Projekte bis hin nach Afghanistan, Pakistan, Syrien, Libyen und zum Schwarzen Meer. Dieses endlos zu präzisierende und erweiterbare Mittelmeer-Archiv enthält daher frühere und neu gewonnene Einsichten über wenig Bekanntes als fragmentarische Erzählungen über Europa und Europäisches, die sich nicht an Grenzen halten.
Die zeitübergreifende Konzentration auf mediterrane Urbanität liefert Material zu Bedingungen für zivilisiertes Verhalten und dessen immer wieder akut werdende Bedrohung und Brutalisierung, bewusst lexikalisch, überall Einstiege ermöglichend, als Impulse für ein Weiterdenken komplexer Situationen – müsste es doch generell um weltoffene Städte mit einer aktiven Zivilgesellschaft gehen, die auf ihr Umland belebend ausstrahlen.
Wien, im Februar 2020 (bevor vom Coronavirus die gewohnte Mobilität blockiert und das Flüchtlingsthema verdrängt wurde)
1Herodot: Historien, Hg.: H. W. Haussig, Stuttgart 1971, S. 63, 122, 132, 144, 153, 184, 224, 228, 237, 269, 321, 351
2Cyprian Broodbank: Die Geburt der mediterranen Welt. Von den Anfängen bis zum klassischen Zeitalter, München 2018, S. 717
3François Jullien: Es gibt keine kulturelle Identität. Wir verteidigen die Ressourcen einer Kultur, Berlin 2018, S. 19f., 24, 80
4Ernest Gellner: Pflug, Schwert und Buch. Grundlinien der Menschheitsgeschichte, Stuttgart 1990, S. 133
5Franco Cassano: Southern Thought and Other Essays on the Mediterranean, New York 2012, S. 110, 115, 132, 133, 140, 143, 147, 149, 152
6Timothy Snyder: Judenplatz 1010. Eine Rede an Europa, Wien, 9. Mai 2019, in: Ivan Vejvoda (Hg.): Brexit. Farce und Tragödie, Wien 2019, S. 151ff.
7Philip D. Curtin: The Atlantic Slave Trade. A Census, Madison 1969, S. xvi | Eric J. Hobsbawm: Nationen und Nationalismus. Mythos und Realität seit 1780, Frankfurt am Main 2005, S. IX | Saskia Sassen: Migranten, Siedler, Flüchtlinge. Von der Massenauswanderung zur Festung Europa, Frankfurt am Main 1996, S. 58
8Paul Scheffer: Die offene Gesellschaft und ihre Einwanderer, in: Isolde Charim, Gertraud Auer Borea (Hg.): Lebensmodell Diaspora. Über moderne Nomaden, Bielefeld 2012, S. 90, 91
9Paul Lendvai: Halbwahrheiten über Migration, Der Standard, Wien, 9. April 2019
10Mark Juergensmeyer: Die Globalisierung religiöser Gewalt. Von christlichen Milizen bis al-Qaida, Hamburg 2009, S. 354, 398
11Isolde Charim: Ich und die Anderen. Wie die neue Pluralisierung uns alle verändert, Wien 2018, S. 29, 31, 83, 84, 85, 88, 89
12Georg Friedrich Wilhelm Hegel: Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte (1821–1831), Stuttgart 1961, S. 491
13Michael Lüders: Wer den Wind sät. Was westliche Politik im Orient anrichtet, München 2017, S. 28
14Jean Ziegler: Die Schande Europas. Von Flüchtlingen und Menschenrechten, München 2020
15Richard Sennett: Die offene Stadt. Eine Ethik des Bauens und Bewohnens, München 2018, S. 213
16François Jullien: Es gibt keine kulturelle Identität, a. a. O., S. 80
17Thomas Geisen, Christine Riegel, Erol Yildiz (Hg.): Migration, Stadt und Urbanität. Perspektiven auf die Heterogenität migrantischer Lebensweisen, Wiesbaden 2017, S. 3, 5
18Reinhard Koselleck: Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt am Main 2000, S. 116 | Étienne Balibar: Sind wir Bürger Europas? Politische Integration, soziale Ausgrenzung und die Zukunft des Nationalen, Hamburg 2003, S. 12, 189, 280, 283, 286,
19Anette Selg, Rainer Wieland (Hg.): Die Welt der Encyclopédie, Frankfurt am Main 2001, S. 428ff.
Verbreitung des Homo sapiens rund um das MittelmeerCyprian Broodbank: Die Geburt der mediterranen Welt.Von den Anfängen bis zum klassischen Zeitalter, München 2018
Darwins erste Skizze vom Stammbaum des Lebens, 1837
Obwohl längst belegt ist, dass die Menschheit aus Afrika stammt, haben sich für Europa keine von Biblischem abweichenden Gründungsmythen gemeinsamer Herkunft ergeben – trotz der Präsenz früher Menschen am Kontinent und des ihnen vor 40.000 Jahren oder bereits deutlich davor über den Mittelmeerraum nachfolgenden Homo sapiens. Spielt die Handlung der Erzählungen zu Adam und Eva im Garten Eden, zu Abraham, zur Arche Noah in Mesopotamien, so lassen auch spätere Nationalgeschichten kaum ein breiteres Interesse am realen Geschehen erkennen. Denn zeitgleich mit der ersten evolutionsbiologischen Skizze vom Stammbaum des Lebens, die 1837 Charles Darwin (1809–1882) angefertigt hatte, intensivierten sich nationale Bestrebungen, denen Abgrenzung weit wichtiger war als Gemeinsames. Dass die sich überlegen fühlenden Weißen wie Affen aus Afrika stammten, war undenkbar. Selbst Genanalysen zu weitverzweigten Verwandtschaften ändern das Denken über Zusammengehörigkeiten kaum. (DNA-RELATIONEN)
Weil weniger fern, könnte es zumindest geläufiger sein, dass »die meisten Europäer von Bauern aus dem Nahen Osten abstammen«.20 Der immer wieder kritische Phasen und Kälteperioden durchstehende Homo sapiens konnte als einzige Menschenart überleben, weil sein Gehirn »um 200.000 vor heute seine moderne Größe« erreichte, mental bereits damals besser vernetzt und flexibler war.21 Hominiden lebten seit einer Million Jahren am Mittelmeer, bis die nach Gibraltar zurückgedrängten Neandertaler ausstarben. Dabei war es zu Genübertragungen zwischen diesen und anderen archaischen Menschen gekommen. Stanley Kubrick (1928–1999) lieferte in seinem Film 2001: Odyssee im Weltraum von 1968 ein grandioses Bild für ein notwendiges Bewusstsein um die Millionen Jahre der Menschwerdung, den in der Frühzeit in die Luft geschleuderten Knochen, der sich zum Raumschiff transformiert. Nun bestehe »in der Forschung weitgehend Einigkeit«, so Hermann Parzinger in seiner Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift, »dass sich der Homo sapiens des Jungpaläolithikums ab 40.000 vor heute in seinen kulturellen Fähigkeiten nicht mehr grundlegend vom heutigen Menschen unterscheidet«.22
Die diesen Abschnitt einleitende, durch zahllose archäologische Funde belegte Wanderungskarte des britischen Archäologen Cyprian Broodbank aus seiner detailreichen Studie Die Geburt der mediterranen Welt (2018) zeigt, wie der Homo sapiens vom Niltal kommend (oder auch über Arabiens Süden) vom östlichen Mittelmeerraum ins Ungewisse vorgedrungen war und vom Schwarzen Meer her zuerst nach Südeuropa und über den Balkan Richtung Westen. In Kleingruppen von Jägern und Sammlern wandernd und in kritischen Phasen immer wieder verschwunden und durch Nachkommende, schließlich bereits insular landwirtschaftlich Tätige ersetzt, prägte sich beim Homo sapiens sichtlich ein frühes Besitzdenken aus, nach dem Muster »wer als erster einen Landstrich besiedelt, dem gehörte er fürderhin«. Zuerst-Gekommene fühlten sich bald »zur Oberhoheit autorisiert«. Es entstanden frühe Clan-Hierarchien und Ahnenkulte um die Ältesten und deren Nachkommen.23 Am Höhepunkt der letzten Eiszeit vor 20.000 Jahren lebten »vielleicht nur 45.000« Menschen im Mittelmeerraum, was sich bis zur Blütezeit des Römischen Reichs mit seiner Pax Romana und etwa 10.000 Städten groben Schätzungen zufolge relativ rasch auf etwa 35 bis 50 Millionen steigerte,24 denn die Umweltbedingungen waren besonders günstig. Die West-Ost-Ausdehnung, die Jahreszeiten dieser Breitengrade, vielfältige Landschaften und schützende Gebirgszüge ergaben allmähliche Klimaübergänge und ein nach Höhenlagen abgestuftes Mikroklima. Ausgehend vom »Fruchtbaren Halbmond« (Mesopotamien, Südost-Anatolien, Syrien, Libanon), wo früh Regenfeldbau und Bewässerungsanlagen möglich waren, konnten sich die »landwirtschaftlichen Revolutionen« verbreiten, wozu es anderswo viel später kam, zuerst in China, dann in Neuguinea, in Mittel- und Südamerika, in Teilen Afrikas und in Nordamerika, wobei neue Funde laufend Korrekturen erfordern.25 Entscheidend waren die vielen zur Züchtung geeigneten Wildpflanzen, »die zum Teil nirgendwo sonst vorkommen«, so Cyprian Broodbank. Da »von den 148 Arten großer Pflanzenfresser, die wir heute auf unserem Planeten haben«, nicht einmal ein Zehntel »jemals domestiziert worden« ist, weil sie sich kaum in Gefangenschaft vermehren, waren die im Fruchtbaren Halbmond heimischen in weltweit einmaliger Weise essenziell für das Züchten von Haustieren: »Schaf, Ziege, Wildschwein/Schwein und Auerochse/Rind.« Das glich schwindende Wildbestände aus; Jagen »verlor seine Bedeutung fast völlig«.26 Erst in der Moderne wurde erkannt, dass jahrhundertelanges Zusammenleben mit Haustieren »genetische Widerstandskräfte bis hin zu Immunität gegen die tödlichsten Krankheiten der Geschichte bewirkte: Pocken, Masern, Grippe, Pest, Tuberkulose, Typhus, Cholera, Malaria«. Dazu kam es anderswo nicht, weshalb aus Europa eingeschleppte Mikroben und Viren zu Epidemien mit Millionen von Toten führten, vor allem in Amerika. Das uferte drakonisch aus, weil sich die Krankheiten schneller verbreiteten als die Eindringlinge selbst.27
Die Ernährungsbedingungen im östlichen Mittelmeerraum begünstigten die »Entstehung und Verbreitung dörflicher Gemeinschaften« und größerer Siedlungen.28 Die Steinkreise und Stelen von Göbekli Tepe in Anatolien waren eine frühe Kultstätte im Übergang vom Nomadendasein zum viel mühsameren, aber weit mehr Menschen ernährenden Ackerbau. Mit Jericho, Çatalhöyük, Eridu, Uruk, Ur (dem Geburtsort Abrahams, Stammvater von Juden und Arabern), Susa, Tell Brak, Byblos entstanden die ersten Städte der Region. Wegen der vergleichsweise »geringsten geographischen und ökologischen Hindernisse« konnte eine große Zahl »konkurrierender Gesellschaften« entstehen. »Zahlreiche Erfindungen, die sich an einem Ort durchgesetzt hatten«, fanden »relativ rasch den Weg in andere Regionen«, so die in Vorderasien begonnene Herstellung von Bronze und ersten Münzen, was zunächst »im punischen Sizilien« zu einer Geldwirtschaft führte. Die Vielfalt der Landschaften ergab Gesellschaften mit unterschiedlichen Lebensweisen, Sprachen, Kultvorstellungen, wodurch sich der Horizont der Menschen ständig erweiterte. Denn »vor rund 7.500 Jahren wurden Menschen erstmals in der Geschichte vor die Notwendigkeit gestellt, regelmäßig mit Fremden zu verkehren, ohne ihnen gleich nach dem Leben zu trachten«, so der Evolutionsbiologe Jared Diamond. Angehörige »einer einzigen ethnischen und sprachlichen Gruppe« bildeten »durch Vereinigung oder Eroberung« erste sogenannte Reiche mit durchwegs »multiethnischem, multilingualem Charakter« als Muster für Späteres.29 Aber erst in modernen Rechtsstaaten sanken gewaltsame Todesfälle auf jährlich »einen Mord pro 100.000 Einwohner«, wie derzeit in Europa, während über lange Phasen selbst im Frieden bis zu 400 anzunehmen sind.30
Für Europa selbst, als die über Jahrtausende »rückständigste Region«, war lange kaum absehbar, dass es »einmal die Vorherrschaft erlangen würde«. Denn »bis zum Aufkommen von Wassermühlen ab etwa 900 u. Z. leistete Europa westlich und nördlich der Alpen keine größeren Beiträge zu Technik und Zivilisation der Alten Welt, sondern war lediglich Nutznießer von Entwicklungen, die sich im östlichen Mittelmeerraum, in Vorderasien und China abspielten«. »Von 8500 v. u. Z. bis zum Aufstieg Griechenlands und später Roms ab ca. 500 v. u. Z. stammten fast alle wichtigen Neuerungen im westlichen Eurasien – Pflanzen- und Tierdomestikation, Schrift, Metallverarbeitung, Rad, Staatenbildung und so weiter – aus dem Bereich des Fruchtbaren Halbmonds.« Für Europa entscheidend wurde die Initiativen fördernde kleinteilige Vielfalt, so Jared Diamond resümierend: »Entstehung von Kaufmannsschicht und Kapitalismus, Schutz von Erfindungen durch Patente, kein Aufstieg absoluter Despoten, keine vernichtende Besteuerung, kritisch-empirische Geisteshaltung in griechischjüdischer-christlicher Tradition.«31
Würden endlich tatsächlich globale und damit auch afrikanische Sichtweisen stärker akzeptiert, könnten sich mit der ursprünglichen Abstammung zusammenhängende Verdrängungen auflösen. Denn etwa der Historiker Joseph Ki-Zerbo (1922–2006) aus Burkina Faso hielt in Die Geschichte Schwarz-Afrikas den Kontinent gemeinsamer Herkunft für das eigentliche »Laboratorium einer neuen Menschheit«, wo in Millionen Jahren Verhaltensweisen und Werkzeuge entstanden, die den Homo sapiens erst ermöglicht haben. Unbestreitbar sei, »dass die afrikanische prähistorische Kunst die bei weitem reichste der Welt« ist, mit »Ausdrucksformen von solch großer Originalität, dass sie unsere heutige Kunst noch beeinflussen«. Auch eine Hochkultur wie Ägypten hatte in der Kerma-Kultur und im Reich von Kusch im heutigen Sudan Parallelen. Da es von dort aus zur »politischen Einigung des Landes« kam, gab es auch schwarze Pharaonen. Die weitere Entwicklung brachte die Erfindung der Hieroglyphen, grandiose Bauten, den ägyptischen Kalender, den die Römer übernahmen. »Die Ägypter nannten sich selbst Khem (Schwarze) und sie nannten die Nubier Nehesi (diejenigen aus dem Süden).«32 Dies lässt sich auch damit erklären, dass Ägypter »im ›schwarzen Land‹ des Nilschlamms« lebten und ihre nächsten Nachbarn in der ›roten‹ Wüste, die für sie das Totenreich darstellte.33 Neuen linguistischen Theorien zufolge dürften auch die »semitischen Sprachen Aramäisch (die Sprache Jesu Christi und der Apostel), Hebräisch und Arabisch«, »die von den Verfassern des Alten und Neuen Testaments und des Korans« gesprochen wurden, als afroasiatische Sprachen »ursprünglich aus Afrika stammen«.34 An solche Zusammenhänge erinnern die seit jeher zwischen Afrika und Europa wechselnden Zugvögel. Dass »die griechische Zivilisation«, so der britische Sinologe Martin Bernal (1937–2013) in Black Athena, »ihre Wurzeln in der ägyptischen, semitischen und verschiedenen anderen südlichen und östlichen Kulturen« hatte, was schon Herodot betonte, macht bewusst, wie eurozentrisch die Kulturgeschichte zugunsten der »antiken Reinheit« eines »arischen« Griechenlands manipuliert worden ist. Mit der Fiktion einer seit Antike und Byzanz andauernden Hellenismus-Kontinuität wurde der griechische Megali-Idea-Nationalismus dann sogar »Vorbote späterer ethnischer Säuberungen in der Region«, so der Historiker Jürgen Osterhammel.35 (ODESSASALONIKI)
Die intensivere Küstenschifffahrt, stets noch mit Land in Sichtweite, begünstigte den »Transfer aller möglichen Dinge, von Getreide bis Parfum, von Techniken der Seefahrt bis zu Kenntnissen der Landschaft«. So entstanden »Orte des Übergangs und der Vermischung«, denn »sehr lange blieb das Meer eine abschreckende Weite, eine Barriere, die mit viel Aufwand umgangen werden musste«. Überfälle vom Meer aus demonstrierten früh, »dass der Seefahrer überall als Feind kam«, so Jules Michelet (1798–1874) in Das Meer lakonisch.36 Sich verbreitende Arbeitsteilung ermöglichte vor 10.000 Jahren, dass »das Leben am und mit dem Meer im gesamten Mittelmeerraum aufblühte«.37 Ende des vierten und im dritten Jahrtausend v. u. Z. machte »der Umschwung zu einem trockeneren Klima« und »die Rückverwandlung der Sahara in eine Wüste« dann »die mediterrane Umwelt zu dem, was wir heute kennen«, woran die vielen Löwendarstellungen Alt-Ägyptens erinnern. Es kam »zur Expansion der ersten Großgesellschaften, der ägyptischen und der mesopotamischen«, mit der »Zunahme von Aktivitäten und Unternehmungen, die über lange Strecken verfolgt werden, insbesondere zu Wasser«.38 Die zentrale Bedeutung des Fruchtbaren Halbmonds spiegelt sich im Gilgamesch-Epos und im Alten Testament wider, als über Jüdisches weit hinausweisende Mythen. Noch der Auszug der Israeliten aus Ägypten ins Gelobte Land Kanaan mit den von Moses in der Sinai-Wüste übernommenen Zehn Geboten hatte die babylonische Gefangenschaft zum Gegenpol, »als es darum ging, ›Israel‹ im Sinn einer ethnischen und religiösen Identität neu zu erfinden«. Als »Wende vom Polytheismus zum Monotheismus« war das »ein evolutionärer Einschnitt ersten Ranges«, so der Ägyptologe und Kulturwissenschaftler Jan Assmann. Auch Immanuel Kant verwendete ausdrücklich »das Symbol des Exodus« für die Aufklärung und den »Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit«.39 (TEL AVIV–HAIFA)
Aus dem Norden kommend, habe er »das Mittelmeer leidenschaftlich geliebt«, so begann Fernand Braudel (1902–1985) sein zentrales Werk um dessen »Beziehungen zwischen Geschichte und Raum darzustellen«. Die von ihm beschworene »menschliche Einheit des Mittelmeeres« – als »das Reich der Städte« – sei »eine räumliche Verbindung von Straßen und Städten, Kraftlinien und Kraftpolen«, eine »Erschließung des Raums durch den Menschen«.40 Überzeugt war er, dass »das osmanische Mittelmeer ›im gleichen Rhythmus lebte und atmete‹ wie das christliche«.41 In dem Braudels Erkenntnisse neben weiteren markanten Stimmen berücksichtigenden Kompendium Der Mediterran. Raum und Zeit von Predrag Matvejević (1932–2017) wird konstatiert, dieser Raum reiche viel weiter, als »die Olive wächst«, so eine arabischen Weisheit. Denn »mediterrane Eigenheiten« prägen weit »größere Teile des Kontinents«. Sie »durchdringen ihn mit vielerlei Einfluss und Folgen«.42
20Niall Ferguson: Krieg der Welt. Was ging schief im 20. Jahrhundert?, Berlin 2006, S. 20
21Cyprian Broodbank: Die Geburt der mediterranen Welt, a. a. O., S. 127
22Hermann Parzinger: Die Kinder des Prometheus. Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift, München 2014, S. 62
23Jan Assmann, Klaus E. Müller (Hg.): Der Ursprung der Geschichte. Archaische Kulturen, das Alte Ägypten und das Frühe Griechenland, Stuttgart 2005, S. 43
24Cyprian Broodbank: Die Geburt der mediterranen Welt, a. a. O., S. 41
25Landkarte »landwirtschaftliche Revolution«: Yuval Noah Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit, München 2013, S. 103
26Cyprian Broodbank: Die Geburt der mediterranen Welt, a. a. O., S. 88, 204, 219
27Jared Diamond: Guns, Germs and Steel. A Short History of Everybody for the Last 13.000 Years, London 1998, S. 207, 210, 214, 357
28Cyprian Broodbank: Die Geburt der mediterranen Welt, a. a. O., S. 207
29Jared Diamond: Arm und Reich. Die Schicksale menschlicher Gesellschaften, Frankfurt am Main, 2009, S. 318, 333, 344, 507 | Fernand Braudel, Georges Duby, Maurice Aymard: Die Welt des Mittelmeeres, Frankfurt am Main, 1987, S. 84
30Yuval Noah Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit, a. a. O., S. 449
31Jared Diamond: Arm und Reich, a. a. O., S. 501, 507
32Joseph Ki-Zerbo: Die Geschichte Schwarz-Afrikas, Wuppertal 1979, S. 53f., 71, 75, 78, 79, 81
33Cyprian Broodbank: Die Geburt der mediterranen Welt, a. a. O., S. 343
34Jared Diamond: Arm und Reich, a. a. O., S. 474f.
35Edward W. Said: Kultur und Imperialismus, Einbildungskraft und Politik im Zeitalter der Macht, Frankfurt am Main 1994, S. 52 | Martin Bernal: The Afroasiatic Roots of Classical Civilization, London 1991 | Jürgen Osterhammel: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 20. Jahrhunderts, München 2009. S. 215
36Jules Michelet: Das Meer (Paris 1861), Frankfurt am Main 1987, S. 229
37Cyprian Broodbank: Die Geburt der mediterranen Welt, a. a. O., S. 75, 111, 187, 230
38Cyprian Broodbank: Die Geburt der mediterranen Welt, a. a. O., S. 333f.
39Jan Assmann: Exodus. Die Revolution der Alten Welt, München 2015. S. 19, 23, 24f.
40Fernand Braudel: Das Mittelmeer und die mediterrane Welt in der Epoche Philipps II., 3 Bände, Frankfurt am Main 1990, Band 1, S. 15, 401, 402
41Cyprian Broodbank: Die Geburt der mediterranen Welt, a. a. O., S. 46
42Predrag Matvejević: Der Mediterran. Raum und Zeit, Zürich 1993, S. 17
Olivenbaum
»Gegen Abend kam die Taube zu ihm zurück und siehe:In ihrem Schnabel hatte sie einen Ölzweig. Da wusste Noah,dass das Wasser auf der Erde abgenommen hatte.«Genesis, 1. Mose 8,11
»Der mediterrane Mensch, Landwirt wider Willen, ist ein Städter.«Maurice Aymard, in: Fernand Braudel, Georges Duby, Maurice Aymard:Die Welt des Mittelmeeres. Zur Geschichte und Geographiekultureller Lebensformen, Frankfurt am Main 1987
Für Humanität bezeichnend bleibt, wie häufig fremd wirkende Menschen diskriminiert werden, während Speisen und Getränke aus anderen Kulturen längst alltäglich sind, ohne dass noch an die Herkunft solcher Qualitäten und ihrer Vielfalt gedacht wird. Deshalb hat die erfreuliche Aufwertung regionaler Küche nichts mit wieder grassierendem Volkstumsdenken und dessen Wohlfühlmusik zu tun. Denn Monokulturen sind selbst für Pflanzen schädlich. Gerade in Mitteleuropa hieße eine radikal bodenständig-heimische Ernährung – mit von fremden Zutaten bereinigten Gerichten –, zu Bohnen, Kraut, Gerste und Hirse als Volksnahrungsmittel zurückzukehren, dem bis ins Mittelalter meistangebauten Getreide, um daraus Brei, Fladenbrot oder bierähnliche Getränke herzustellen. Selbst Weißbrot aus Weizen verbreitete sich erst ab dem 11. Jahrhundert. Erst Kartoffeln und Mais erlösten Europa weitgehend von Hungersnöten, bekanntlich aus Amerika übernommen wie Tabak (Virginias erstes Exportgut), Tomaten, Bohnenarten, Paprika, Pfefferoni, Kürbisse, Kakao, Schokolade, Sonnenblumen. Ein angeblich türkisches Getränk wie der Kaffee wurde zuerst in Äthiopien und Jemen kultiviert und ersetzte im Osmanischen Reich nur partiell den dort heimischen Tee. Konstantinopels erstes Kaffeehaus wurde 1554 errichtet. Es folgten Venedig, London, Wien. Dem von dort aus in Mode gekommenen »Kaffee und Tee ist es zu verdanken«, so Franco Cardini, »dass Europa im 17. und 18. Jahrhundert vor dem Alkoholismus gerettet wurde. Diese Getränke veränderten die Alltagsgewohnheiten, die Etikette und die zwischenmenschlichen Beziehungen von Grund auf.«43 Wie sehr anderswo gelungene Kultivierungsleistungen Europas Alltagsleben bereichern, führt ins Uferlose, wird aber hier stichwortartig resümiert.44
Für Jared Diamond basierten kulturgeschichtliche Möglichkeiten zuallererst auf der Landwirtschaft: »Mehr Kalorien bedeuten mehr Menschen.« Keineswegs »angeborene Unterschiede zwischen den Völkern«, sondern »Unterschiede ihrer Umwelt« hätten auf allen Kontinenten spezielle Entwicklungen ergeben. Für den Mittelmeerraum entscheidend war, dass von den acht »Gründerpflanzen«, also ursprünglichen Anbaupflanzen – den »drei Getreidearten (Emmerweizen, Einkornweizen, Gerste), vier Hülsenfrüchten (Linse, Erbse, Kichererbse, Linsenwicke) und einer Faserpflanze (Flachs)« –, nur Flachs und Gerste überhaupt »in größerem Umfang auch außerhalb des Fruchtbaren Halbmonds und Anatoliens« als Wildformen vorkamen. Daraus lassen sich relativ genau die frühen Kultivierungszonen erschließen, ist doch seither »keine einzige bedeutende Anbaupflanze« mehr domestiziert worden.45 Aus Kreuzungen von Getreide- und Wildgrasarten ging im Fruchtbaren Halbmond der heutige Saatweizen hervor, als Grundstoff von Mehl, Brot und Backwaren. Aus wildem Reis entstandene Anbauarten verbreiteten sich von China nach Ostasien und gelangten über Indien und Mesopotamien nach Ägypten und in den Mittelmeerraum. Angereichert wurde die Ernährung seit der Steinzeit mit Haselnüssen, Beeren, Obst, Pilzen und Kräutern. Trüffel sind Pilzsuchern vermutlich seit frühester Zeit bekannt; bereits in Mesopotamien und Ägypten galten sie als Delikatesse. Bei seit jeher gesammelten Erdbeeren, Himbeeren, Stachelbeeren wiederum gelang es in Europa erst in den Klöstern des Mittelalters, ertragreiche Formen mit großen Früchten zu züchten. Heilpflanzen sind bereits im Altertum zu Pillen verarbeitet worden.
Um den Ackerboden für das Säen aufzulockern, wurden Grabstöcke verwendet. Formen des zuerst von Menschen gezogenen Pfluges entstanden unabhängig voneinander in vielen Regionen. Älteste Relikte stammen aus dem fünften Jahrtausend. Für frühe Siedlungen im östlichen Mittelmeerraum waren Rundhäuser aus Stein oder lehmverschmiertem Flechtwerk typisch, wie sie etwa für das bis zu 9.000 Jahre alte Dorf Khirokitia auf Zypern rekonstruiert wurden. Auf noch so kargen Böden sehr alt werdende Olivenbäume definieren mediterrane Landschaften, als deren südliche Grenze die großen Palmenhaine der Wüsten gelten. Seit etwa 6.000 Jahren gezüchtet, machte das ihre Früchte »nicht nur größer, sondern auch ölhaltiger als ihre wilden Verwandten«.46 Lawrence Durrell (1912–1990) sah in Oliven (arab. al-zeitun) die archaische Frucht schlechthin, mit »einem Geschmack, der älter ist als der des Fleisches und des Weines – ein Geschmack, so alt wie der des klaren Wassers«.47 Die engere Heimat des Feigenbaums soll – im Gegensatz zu biblischer Paradiestradition – am Kaspischen Meer und in Nordostanatolien liegen. Für das Mittelmeer typische Zypressen dürften Phönizier aus Asien eingeführt und zuerst in Zypern angepflanzt haben. In nördlichen Gegenden gab es seit jeher Pinien. Während der letzten Eiszeit war Kleinasien das Refugium von Nussbaum und Edelkastanie. Früh zum Exportgut gewordene mächtige Libanon-Zedern gibt es kaum noch. Rosskastanien nutzten osmanische Truppen als Pferdefutter und Pferdeheilmittel. Früh am Balkan verbreitet, wurden sie über Wien zum beliebten Zierbaum. Vorstellungen von biblischen Landschaften und den Orient prägenden Dattelpalmen erwähnen bereits Archive Mesopotamiens. Ölpalmen stammen jedoch aus Westafrikas Regenwäldern, Hanfpalmen aus Asien, nun am Mittelmeer heimische Kakteen und Agaven aus Mittel- und Südamerika.
Zitronen (arabisch laimūn, Limone) entstanden aus Kreuzungen, wahrscheinlich in Nordindien. Um das Jahr 1000 sind sie am Mittelmeer und in China nachgewiesen. Orangen wurden zuerst in China oder Südostasien kultiviert. Bitterorangen gelangten im 11. Jahrhundert nach Italien. Süße Orangen, inzwischen die weltweit meistangebaute Zitrusfrucht, gibt es erst seit dem 15. Jahrhundert in Europa. Anfangs sind sie vor allem in Portugal und in Palästina kultiviert worden (»Jaffa-Orangen«). Bananen wurden erst um 1900 in Europa bekannt, obwohl sie auf den Kanarischen Inseln seit dem 16. Jahrhundert auf Plantagen angebaut wurden.
Zum Volksnahrungsmittel Spaghetti gewordene dünne Nudeln gab es bereits vor 4.000 Jahren in China. Parmesan wird in Italien erst seit 800 Jahren hergestellt. Im Mittelmeerraum wildwachsender Rosmarin und Thymian wurden schon lange gezüchtet. Basilikum stammt vermutlich aus Nordwest-Indien und dürfte sich im Altertum über Ägypten am Mittelmeer als Gewürz- und Heilpflanze verbreitet haben, wie der aus Vorderasien stammende Echte Lorbeer und der Kirschlorbeer. Vom Salbei sind vom Mittelmeer bis Zentralasien etwa 250 Arten bekannt. Minze kommt fast weltweit vor, ist aber durch die Osmanen als Tee- und Gewürzpflanze am Balkan und im Westen verbreitet worden. Der seit Jahrtausenden beliebte Kümmel kommt ursprünglich aus Vorderasien, was sich im Begriff ›Kümmeltürke‹ erhalten hat. Die Vanille stammt aus Mexiko, Zimt aus China und Indien. Zwiebel und Knoblauch haben ihren Ursprung in Zentralasien, wahrscheinlich im heutigen Afghanistan. Schnittlauch und die noch unbekannte Wildform der Petersilie gelangten über Westasien ans Mittelmeer. Raps zur Gewinnung von Speise- und Lampenöl stammt aus dessen östlichen Gebieten, Mohn vermutlich aus Eurasien oder Nordafrika. Der in China früh beliebte Senf kam über Kleinasien nach Griechenland, wo er als Heilmittel galt.
Aus Solequellen, Meerwasser oder mineralischen Lagerstätten gewonnenes Salz wurde seit der Jungsteinzeit zur Konservierung und als Speisezugabe benutzt und war ein wichtiges Handelsgut. Im bislang ältesten entdeckten Bergwerk in Oberägypten ist bereits vor 30.000 Jahren Feuerstein gewonnen worden. Wie jene von Salz waren dessen Fundstellen Schnittpunkte der ältesten Handelsrouten. Auch Obsidian und besondere Steine wurden als Amulette und Schmuck bereits früh über weiteste Strecken verbreitet. Als das mit 10.000 Jahren älteste große Kupferbergwerk gilt das von Ergani-Maden in Anatolien. Auch in der Vinča-Kultur am Balkan, im Kaukasus und in Timna in der Negev-Wüste wurde sehr früh Kupfer abgebaut. Bronze, das Innovationsmaterial der Bronzezeit, eine Legierung aus Kupfer, Zinn und Beimengungen, war nach heutigem Wissensstand zuerst in China und im Kaukasus entwickelt worden, was Bronzegeräte belegen, die älter sind als jene aus Mesopotamien, Anatolien oder dem Kuban-Gebiet. Zinnlager gab es auch im Südkaukasus, im Taurus-Gebirge, in Zentralasien. Später wurden die Zinninseln Britanniens einbezogen. Bis zur Eisengewinnung für Werkzeuge, Messer und Waffen dauerte es weitere 2.000 Jahre. Bronzeschwerter dienten vermutlich bloßer Repräsentation, solche aus Eisen waren die erste nur gegen Menschen gerichtete Waffe. Auch dafür war Anatolien ein frühes Zentrum, da Hethiter lange ein Monopol für größere Mengen behaupten konnten, mit Preisen zum mehrfachen Wert von Gold, dessen Gewinnung seit der frühen Kupferzeit an vielen Orten nachgewiesen ist. Davor war nur höchst kostbares Meteoriteisen bekannt. In Mesopotamien ist die Eisenverhüttung vor etwa 5.000 Jahren belegt, in Ägypten deutlich später.
Für eine epochale Erfindung wie das Rad fanden sich am Schwarzen Meer 5.400 Jahre alte Nachweise, eine hölzerne Scheibe »aus drei zusammengefügten Holzstücken«. Auch ein 2002 bei Ljubljana gefundenes Holzrad dürfte etwa so alt sein.48 Gräber im Kaukasusgebiet mit vierrädrigen Wagen und Darstellungen in Mesopotamien und Ägypten belegen weit frühere Entwicklungen als in China. Herodot erwähnte die »vierspännigen Rennwagen« der Garamanten Libyens.49 Zuerst in Indien und Mesopotamien verwendete Töpferscheiben dürften Anregungen geliefert haben. Im östlichen Mittelmeerraum gelang es früh, Glas herzustellen. Naturasphalt und Bitumen aus Erdöl dienten zum Abdichten von Booten. Schatten- und Wasseruhren, Bronzespiegel, erste Metallsägen und viele Musikinstrumente sind östlichen Ursprungs (Trompete, Harfe, Leier, Laute, frühe Gitarren). »Als Schmiede und Musiker« sind Roma bereits in Sanskrit-Texten erwähnt.50 Flöten aus Tierknochen gab es bereits vor 40.000 Jahren. Für die früh legendäre arabische Medizin waren Krankenhäuser, auch für geistig Kranke, und Apotheken selbstverständlich (Bagdad, Damaskus, Kairo, Fes). Aus China ans Mittelmeer gelangt waren Kenntnisse zur Papierherstellung, metallurgische Verfahren, geschmuggelte Seidenraupen, bewegliche Lettern, Druckpressen, Tinten, allerdings ohne durchwegs angewendet zu werden. Der Kompass mit schwimmender Nadel war früh in China und am Mittelmeer bekannt, der praktischere Trockenkompass ist eine italienische Erfindung aus dem 13. Jahrhundert. Neben Abwasser-, Wasserleitungs- und Bewässerungssystemen, Wasserrädern, Schöpfwerken, Bädern und Thermen sind nach Jared Diamond auch »Türschlösser, Flaschenzüge, Handmühlen, Windmühlen – und das Alphabet« westasiatischen Ursprungs.51
Von der Astronomie bis zur Zeitrechnung (12 Monate, 12 Stunden, 60 Minuten), zum Kalender, zur Schrift – ein Europa ohne solche aus dem Mittleren Osten bezogene Zivilisationsgrundlagen hätte all das selbständig entwickeln müssen. Diese Kontinuitäten betonend, hielt John Maynard Keynes (1883–1946) selbst den die Moderne prägenden Wissenschaftler Isaac Newton (1642–1727) wegen seines ausufernden Forschergeistes und Interesses für Alchemie nicht für einen Rationalisten und »Vorreiter der Vernunft«. Für ihn sei er »der letzte Zauberer, der letzte der Babylonier und Sumerer; der letzte große Geist, der auf unsere sichtbare und geistige Welt mit genau denselben Augen blickte wie diejenigen, die vor etwas weniger als 10.000 Jahren begannen, unser geistiges Erbe zu entwickeln«.52
Für den Alltag blieben Nahrung, Aussaat- und Erntezyklen und Werkzeuge entscheidend. So dürfte die Bienenhaltung für Honig als lange wichtigstem Süßstoff vor etwa 7.000 Jahren in Zentralanatolien und an der mittleren Wolga begonnen haben. Erst das in Ostasien kultivierte Zuckerrohr lieferte einen Ersatz, als es sich über Indien und Ägypten nach Zypern und Sizilien verbreitete. Bereits auf seiner zweiten Reise brachte es Christoph Kolumbus (ca. 1451–1506) in die Karibik, als wichtige Quelle kolonialen Reichtums. Tomaten kamen vermutlich durch ihn nach Europa, wo sie lange als Zierpflanzen galten, bis ihre Essbarkeit geläufig wurde. Gurken sind wahrscheinlich zuerst in Indien kultiviert worden. Wegen ihrer Blätter wurden große Rüben bereits in Mesopotamien angebaut. Zuckerrüben zu entwickeln gelang erst im Europa des 18. Jahrhunderts. Pfeffer kam aus Südwestindien ans Mittelmeer, bis das die Gewürzinseln Südostasiens übernahmen. Die enormen Gewinne damit machten den Begriff ›Pfeffersäcke‹ populär. Zum Weinbaugebiet wurde das Mittelmeer nach Anfängen in Georgien, Persien und früh auch in Mesopotamien. Arak aus Anisfrüchten mit destilliertem Wein stammt offenbar aus dem Libanon. Kenntnisse zur Destillation von Wein- und Obstbränden transferierten Kreuzfahrer nach Europa.
Wegen langwieriger Veredelung wurden »Äpfel, Birnen, Pflaumen und Kirschen erst im Altertum« domestiziert. Zu diesen Nachzüglern gehörten »Roggen, Hafer, Steckrüben, Radieschen, Rüben, Lauch und Kopfsalat«.53 Urformen des Apfels dürften aus der Kaukasusregion stammen. Granatäpfel und Maulbeeren waren früh in Asien verbreitet. Die Quitte ist kaukasischen Ursprungs. Vermutlich über Armenien gelangte die in Nordostchina kultivierte Marille/Aprikose ans Mittelmeer und durch die Kreuzzüge nach Europa, der dort kultivierte Pfirsich wurde vorerst in Persien heimisch. Birnen sind erstmals in Vorderasien gezüchtet worden, aber schon in der Jungsteinzeit auch am Bodensee belegt. Das natürliche Verbreitungsgebiet der Kirsche reichte vom Kaukasus über Nordanatolien bis zum Nordiran. Pflaumen und Ringlotten gelangten vermutlich mit den Kriegszügen Alexanders des Großen ans Mittelmeer, mit berühmten Pflaumenkulturen rund um Damaskus. Wildformen der Mandel kommen von der Levante bis Usbekistan vor und seit 10.000 Jahren in Griechenland. In langwierigen Versuchen musste ihr die Bitterkeit genommen werden, die »von einem einzigen dominanten Gen gesteuert« wird.54 Heute sind die USA der größte Mandelproduzent.
Die Ackerbohne geht auf Wildformen in Indien, am Himalaja und in Südostspanien zurück. Kleinasien gilt als Ursprungsgebiet bereits vor 10.000 Jahren gezüchteter Erbsen wie auch von Majoran, Pistazien und Rhabarber. Die Wildform der Linsen stammt wahrscheinlich aus dem Mittleren Osten. Samen des Karfiols (Blumenkohls) brachten Kreuzfahrer nach Italien. Durch Kreuzung gelber und rotvioletter Karotten aus Afghanistan und weißer des Mittelmeergebiets dürften in Kleinasien deren später verbreitete Arten entstanden sein. Zentral- und Vorderasien gelten als Urheimat wildwachsender Spinatarten, kultivierte Formen sind vermutlich aus Persien ins muslimische Spanien gelangt. Umgekehrt hat sich die aus Afrika stammende, zuerst in Ägypten und Westasien kultivierte Wassermelone bis Indien, China und Südrussland verbreitet. Wie kultiviert in der Zeit von Kolumbus im fernen Afghanistan gelebt wurde, hat Bābur Shah (1483–1530), der muslimische Gründer des Mogulreiches in Indien, in seiner Autobiografie festgehalten. Darin schwärmte er vom »großen Reichtum an Früchten« in seiner Lieblingsstadt Kabul. Es gebe hervorragende »Trauben, Granatäpfel, Aprikosen, Äpfel, Quitten, Pfirsiche, Brustbeeren, Mandeln und Nüsse«, Orangen und Zitronen. »Der Rhabarber, die Quitten, die Pflaumen und die Gurken« seien ausgezeichnet, »die Weine von Kabul« für ihren »kräftigen Geschmack berühmt«.55
Hanf wurde früh in China genutzt. Über Indien erreichte es den Mittelmeerraum, war aber auch in Kasachstan heimisch. Als Rauschmittel, zur Schmerzlinderung und für Gewebe bereits von Herodot erwähnt, war er lange die wichtigste Faserpflanze für Taue und Segel. Eine 7.000 Jahre alte ägyptische Totenurne aus Luxor zeigt die älteste bekannte Darstellung eines Segels für Fahrten am Nil. Leinsamenfunde belegen im Iran und in Südostanatolien die Herstellung von Flachs und Leinen vor etwa 10.000 Jahren. Über 30.000 Jahre alte Beispiele von Webtechnik und Leinen haben sich in einer Höhle Georgiens erhalten. Der mit 2.500 Jahren älteste (in Eis konservierte) geknüpfte Pasyryk-Teppich stammt aus einem Grab im Altaigebirge. Die früh in Ägypten und Mittelamerika kultivierte Baumwolle lokalisierte Herodot als indisch, denn »die Inder trugen Kleider, die aus Wolle von Bäumen hergestellt sind«.56 Auch Chinas Papier bestand anfangs aus Baumwollfasern. Aus Ostindien stammende Indigopflanzen wurden zuerst in Ägypten zum Färben verwendet. Höchst aufwendig herzustellendes Purpurrot aus mindestens 10.000 lebenden Purpurschnecken für eine Toga verbreiteten die Phönizier als Luxusgut aus dem Meer. (BEIRUT)
Persiens Rosengärten und Rosenöle waren legendär; auch China und Ägypten hatten uralte Rosenkulturen. Nach Griechenland dürften sie über Kleinasien gelangt sein. Herodot bewunderte sie in den Gärten von König Midas in Kleinasien; dort »wuchsen wilde Rosen mit sechzig Blütenblättern und stärkerem Duft als alle Rosen sonst«. Seerosen wiederum sah er nur in Ägypten.57 Wilde Hyazinthen kamen im Nahen Osten, in Süd-Turkmenistan und im Nordostiran vor. Der Jasmin war in Vorderasien heimisch. Der Flieder war ursprünglich von Südosteuropa bis China und Japan verbreitet. Flieder, Tulpen und Hyazinthen hatte Ogier de Busbecq (1522–1592), Habsburgs Botschafter in Konstantinopel, über Wien in Europa bekannt gemacht.58 Wildtulpen gab es im Kaukasus, in Anatolien, Zentralasien, Afghanistan und Persien. Als Lebens- und Fruchtbarkeitssymbol wurde die Tulpe zur türkischen Nationalblume. Die Aufklärungs-Encyclopédie würdigte sie als »schönste Blume der Welt«.59 Über Wien in die Niederlande gelangt, heute der größte Tulpenproduzent, führte die Faszination über die unvorhersehbare Entfaltung ihrer Zwiebeln zur ersten Spekulationsblase der Wirtschaftsgeschichte, die nach exorbitanten Preissteigerungen 1637 mit enormen Verlusten zusammenbrach. Der ebenso als türkisches Nationalsymbol dienende Halbmond, eigentlich eine Mondsichel, steht für die Mondphasen, für zyklisches Werden, für Geburt, Wachstum und Tod, und damit auch für die Frau, und ist eines der ältesten mythischen Motive.60
Neben vegetarischer Nahrung haben tierische Produkte von früh an ein Überleben gesichert. Alle Arten des als Fleisch- und Milchlieferant und wegen seiner Wolle gezüchteten Hausschafs stammen genetisch von der Wildform des »asiatischen Mufflons aus West-und Zentralasien« ab,61 auch Armenisches Mufflon genannt, das bereits vor mindestens 10.000 Jahren in Anatolien und der Levante domestiziert wurde. Christus als Hirte und das Osterlamm, traditionelles Opfertier vieler Kulte, wurden zentrale christliche Symbole, ostentativ friedlicher wirkend als der Leichnam am Kreuz. Herkunftsgebiet der Wildziege wiederum – im Gegensatz zum Lamm vielfach als Erscheinungsform des Satans betrachtet – dürfte das iranisch-anatolische Zagros-Gebirge sein. Jedenfalls wurden Ziege, Schaf, Schwein und Rind schon früh in Vorderasien domestiziert, »vielleicht früher als irgendein anderes Tier an irgendeinem Ort der Welt (mit Ausnahme des Hundes)«. Zur Rinderzucht kam es »unabhängig voneinander in Indien und Westeurasien«. Nun in Europa und Nordamerika übliche Rinder stammen genetisch aus Anatolien und dem Mittleren Osten, die Wasserbüffel am Mittelmeer ursprünglich aus Indien und China. Schafe verbreiteten sich in Südwesteuropa deutlich früher als jedes Getreide. Zur Kaninchenhaltung kam es erst im Mittelalter.62 Das Hausschwein wurde zuerst in China und Ostanatolien domestiziert. Unabhängig voneinander erfolgte Züchtungen von Enten und Gänsen führten in ganz Eurasien zu spezifischen Arten. Auf diese Weiträumigkeit verweist auch, dass sich das früh in China und Südostasien gezüchtete Haushuhn genetisch vom dort wildlebenden Bankivahuhn herleitet. Die Taubenzucht hat im gesamten Osten eine lange Tradition; auch auf den Dächern New Yorks blieb sie lange beliebt (man denke nur an Die Faust im Nacken mit Marlon Brando, Regie: Elia Kazan 1954). Zur Römerzeit wurde der aus Zentralasien stammende Fasan und der in vielen Flüssen heimische, aber zuerst in Asien gezüchtete Karpfen im Mittelmeerraum eingeführt. Goldfische aus der Familie der Karpfenfische wurden schon vor 1.000 Jahren in China zu farbenprächtigen Varianten gezüchtet und sind heute die weltweit meistverbreiteten und -gehandelten Haustiere. Der ursprünglich in Indien heimische, auch wegen seines Fleisches geschätzte Blaue Pfau tauchte vor 4.000 Jahren am Mittelmeer auf. Seine dramatische Erscheinung machte ihn zum Symbol von Schönheit, Reichtum, Königlichkeit, Liebe und Leidenschaft, aber auch von Unsterblichkeit, Arroganz und Eitelkeit. Der elegante, aber mit dem todesnahen Schwanengesang belastete Höckerschwan war anfangs nur in nördlichen Breiten heimisch. Eine Hausbewohnerin wie die Maus ist früh in Indien nachgewiesen; Knochenfunde belegen ihre Ausbreitung über Zentral- und Westasien in den Mittelmeerraum.
Die Zucht des Haushundes als Jagdgefährte, Wächter und Schoßtier dürfte, als allererste Domestikation eines Wildtiers, vor 12.000, vielleicht aber bereits vor 40.000 Jahren als genetische Abspaltung vom Wolf in Südwestasien, China und Nordamerika eingesetzt haben. Neue Theorien vermuten dessen Selbstzähmung wegen zunehmender Ernährung von menschlichem Abfall. Als Vorfahre der Hauskatze – Symbol für Glück und Freiheit – gilt die Falbkatze, eine in Afrika, Westasien und auf einigen Mittelmeerinseln vorkommende Wildkatzenart. Die Beliebtheit von Katzen und Hunden in Ägypten, wo laut Herodot »sämtliche Tiere«, vor allem auch Kühe, als heilig galten, zeigte das Todesfallritual: »Wenn in einem Hause eine Katze stirbt, scheren sich alle Hausbewohner die Augenbrauen ab; und wenn ein Hund stirbt, so scheren sie sämtliche Körper- und Kopfhaare.«63
Die Zähmung von Pferden, bis ins 20. Jahrhundert dominierendes, erst durch Europäer nach Nord- und Südamerika gekommenes Transportmittel, gelang »wahrscheinlich im späten vierten und dritten Jahrtausend v. u. Z. an mehr als nur einer Stelle, wobei sowohl die nordpontischen (Jamnaja-Kultur) als auch die nordkasachischen Steppen (Botaj-Kultur) in Betracht zu ziehen sind«, also die eurasischen Ebenen mit damals zahlreichen Wildpferden.64 Um 1800 v. u. Z. war das Pferd »in Ägypten eingetroffen und hatte bald darauf eine Revolution der Kriegführung in Nordafrika ausgelöst« (noch im Zweiten Weltkrieg setze die Wehrmacht 2,8 Millionen Pferde ein, so viel wie nie zuvor in einem Krieg).65 Herodot pries vor allem jene aus dem zentralasiatischen Ferganatal und aus Nordwestpersien.66 Zuerst als Lederschlaufen eingeführt, gelten Steigbügel als Erfindung der Skythen, solche aus Metall als Innovation der Awaren, was die Kampfkraft von Reitern wesentlich erhöhte. Römer und Perser übernahmen sie erst in der Spätantike, in Zentraleuropa fanden sie im frühen Mittelalter Verwendung. Reitsättel entstanden aus dem Packsattel. Ein Klimawandel um 850 v. u. Z. machte weite Regionen feuchter, kühler, fruchtbarer, wodurch »der für den eurasischen Steppenraum so charakteristische Reiternomadismus« entstehen konnte und die »von nun an die Geschichte Vorder- und Mittelasiens bestimmenden Konflikte zwischen Nomaden und Sesshaften« einsetzten, was auch Europas Bedrohungsbilder über Jahrhunderte geprägt hat. Nicht mehr haltbar ist die Vorstellung, Reiternomaden seien eine ›freie‹ Vorstufe des Ackerbaus. Denn nur Sesshafte konnten »die Kunst der Domestikation wild lebender Herdentiere« entwickeln – »eine der bedeutendsten menschlichen Leistungen überhaupt« –, die auch Nomaden zur Versorgung mit Fleisch, Milch und Fellen gebraucht haben.67 Temporäres Nomadentum von Beduinen blieb im Hinterland der Levante und Nordafrikas bis in die Gegenwart eine dominierende Lebensform. Arnold J. Toynbee (1889–1975) würdigte sie in Der Gang der Weltgeschichte als absolut gleichrangig, denn ein Nomade schaffe es, »von rohem Gras zu leben, das er nicht selbst essen kann, indem er es in Milch und Fleisch seiner zahmen Tiere verwandelt, und um für sein Vieh im Sommer und Winter aus der natürlichen Vegetation der kahlen und geizigen Steppe Unterhalt zu finden, hat er sein Leben und seine Bewegung mit peinlicher Genauigkeit einer Jahreszeitentafel angepasst. In der Tat erfordert das Gewaltstück des Nomadentums ein rigoros hohes Niveau von Charakter und Lebensführung«, was dessen Kulturleistungen in China, Indien, Südrussland, Arabien, Nordafrika erklären könne.68
