Medusa in Paradise - Laura Melina Berling - E-Book

Medusa in Paradise E-Book

Laura Melina Berling

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Beschreibung

WTF! 20 Frauen stranden auf einer Insel Nach einem Flugzeugabsturz finden sich 20 Frauen auf einer abgelegenen Insel wieder und fragen sich, ob sie im Paradies oder in der Hölle gelandet sind. Sophie möchte Yoga machen und eine Menstruationshütte für alle bauen, Aurelia findet, das sei Cultural Appropriation, Bente will Lesbos ausrufen, Else ein Matriarchat errichten, hat aber kein Gegenüber, Noëlla möchte den Kommunismus ausprobieren, Nykki sucht ihr Drogentäschchen, Billie ist gar keine Frau, Evren ist wütend, Cara erscheint eine feministische Göttin, Nadja vermisst ihre Firma, Anne findet das alles nervig und Betty weiß nicht, wovon die anderen überhaupt sprechen, und will einfach nur nach Hause. Die Welt steckt in einer Krise – die 20 Frauen nach dem Absturz auch. Wie viel Sinn machen ihre Grabenkämpfe und was braucht es, um gemeinsam etwas Neues zu schaffen? Und die vielleicht wichtigste Frage: Werden sie überleben? 1. Auflage mit Farbschnitt!

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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leykam:seit 1585

Laura Melina Berling

Medusa In Paradise

Roman

leykam:Belletristik

Inhalt

Prolog

Der Absturz

Die Insel

Der Verlust

Das lager

Das Plenum

Die Nachtschicht

Die Wolfsfrau

Der Manz

Der Trupp

Der Tod

Der Zauberre

Die Zeremonie

Der Nachtisch

Die Nazibraut

Der Plan

Die Hütten

Die Gefühle

Das Kochen

Das Liebesleid

Das Drogen Täschchen

Die Anklage

Das Gericht

Medusa Paradise Club

Die Ruhe

Die Herren Der Fliegen

Die Frage

Dank

Quellen

Songs

Für Anh, der dieses Buch nicht lesen möchte. Und für Kartoffel, der es nicht kann.

In diesem Buch werden Aussagen getätigt, die aktuelle (feministische) Diskurse abbilden und für bestimmte Personen sehr verletzend sein können.

Einige Dialoge beziehen sich auf Texte aus Literatur, Popkultur und Theorie. Die Quellen findet ihr im Anhang.

Alle Figuren sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit realen Personen, lebend oder tot, sind nicht intendiert.

Prolog

Männer zerstören die Welt. Davon ist Cara überzeugt. Sie machen alles kaputt, was ihnen unter die Finger kommt. Häuser, Städte, Menschenleben und bald sogar den ganzen Planeten. Ein Blick in die Nachrichten genügt, um diese Annahme zu bestätigen. Oder auch ins eigene Leben. Und woran soll man glauben, wenn alles in Trümmern liegt? Wenn Polykrisen nicht nur das Beziehungsleben, sondern die gesamte Zivilisation erfassen? Mit Gott, dem unerreichbaren Mann schlechthin, hat Cara nie etwas anfangen können. Also glaubt sie schon seit jungen Jahren an eine weibliche Gottheit. Eine Hoffnungsträgerin, die zuallererst Cara, dann Frauen im Allgemeinen und zum Schluss natürlich auch alle anderen Unterdrückten liebt. Achtsam, stabil und beschützend. Wie eine zarte Umarmung oder eine warme Suppe, wenn man frierend nach Hause kommt. Stärkend, um sich der patriarchalen Welt zu widersetzen. Sie hat diese Fantasie jedoch nie ernst genommen. Es ist ein Spiel, ein Gedanke, ein Notanker für schwere Zeiten. Eine Möglichkeit für leicht ironische, aber tröstliche Gebete, wenn alles um sie herum ins Wanken gerät und sie nicht mehr weiß, woran sie sich klammern kann. Sie hat natürlich nie eine Antwort von ihrer Göttin erhalten, denn wie soll die reine Vorstellungskraft auch antworten? Umso erstaunter ist Cara nun, als ihr die eigens erdachte Lichtgestalt tatsächlich erscheint. Göttin sei Dank auch noch in einem äußerst entscheidenden Moment, denn welcher Moment verlangt nach mehr überirdischem Beistand als eine nahende Katastrophe und der kurz bevorstehende Tod?

Der Absturz

Im ersten Augenblick, in dem Cara die golden leuchtende Silhouette entdeckt, ist sie erleichtert. Sie weiß, wen sie da vor sich hat. Erkennt die Göttin aus ihrer Fantasie sofort. Sie sieht ein wenig so aus wie die Statue der Aphrodite. Eine Unsterbliche, die keine Ehe auf Dauer für sich duldet, sich all den männlichen Stricken entzieht und von der alle Frauen sich unterstützt fühlen dürfen. Ihre nackten Brüste schimmern, das Haar ist fein hochgesteckt, einzelne Strähnen umwehen das zarte Gesicht und ein verführerisches Lächeln umspielt ihre sanften Lippen. Cara spürt Erleichterung. Zwar fragt sie sich, ob sie hyperventiliert oder ihr die Panik einen Streich spielt, doch krallt sie sich gleichzeitig etwas weniger fest an ihren Gurt. Das Flugzeug scheint wieder ruhiger zu fliegen. Die Flammen hinter dem Fenster verschwinden. Die Hitze an Bord reduziert sich auf eine angenehme Wärme. Die schrecklichen, angsterfüllten Laute der anderen Passagiere rücken in den Hintergrund. Eine Träne kullert ihr über das Gesicht, doch der liebliche Ausdruck der Göttin lässt sie hoffen, dass sie dieser Situation doch noch entkommt. Dass der Absturz verhindert wird. Oder sie endlich in eine andere, bessere Welt gelangt.

Der Motorenlärm nimmt ab, das Schlingern der Maschine ist weniger hektisch. Endlich die lang ersehnte weibliche Rettung. Doch da, wo Cara Trost sucht, zeigt sich plötzlich ein harter Ausdruck. Wie ein scharfes Messer. Aphrodites Mund verzieht sich zu einem Strich, als sie Cara zu erkennen scheint. Cara stutzt. Ihre Pupillen werden groß. Glasig. Die Erscheinung spricht zu ihr.

Hast du alles richtig gemacht?

Cara zuckt. Das Warnlicht über ihr beginnt zu blinken. Beklemmung steigt in ihr auf. Was ist das denn für eine Frage? Was soll das heißen? Alles? Fieberhaft denkt Cara nach. Sie nickt. Schüttelt den Kopf. Die Göttin lacht spöttisch. Das ist wohl die falsche Antwort. Cara will nun doch bejahen, aber bevor sie zu einer Antwort ansetzen kann, beobachtet sie verzweifelt, wie sich eine Wulst am Hals der Göttin bildet. Sie schwillt an. Wird größer. Die Haut bricht auf. Etwas schält sich heraus. Cara wird übel, als ein zweites Haupt heranwächst. Das Gesicht verzieht und sie höhnisch mustert. Mit Augen wie eine rauchige Bar, umrahmt von langen Wimpern, mit einem bärtigen Kinn. Hermaphroditos? Der rot geschminkte Mund öffnet sich.

Und was ist mit mir?

Schweiß glitzert auf Caras Stirn. Was? Was sollte denn sein? Sie spürt ein hartes Rucken. Der Lärm rundum dreht auf. Doch die göttliche Gestalt interessiert sich dafür nicht sonderlich. Die zwei Antlitze fixieren Cara. Sie schwankt zwischen den beiden erbarmungslosen Visagen hin und her. Weiß nicht, was sie antworten soll. Doch bevor sie länger nachdenken kann, kommt schon ein weiterer Kopf. Mit Falten, die aussehen wie zerknülltes Pergament, und Haaren aus sich windenden Schlangen, die so laut fauchen, dass sie trotz des Krachs zu hören sind. Blutstropfen am Kinn. Fledermausartige Flügel schälen sich aus dem göttlichen Rücken. Cara bebt. Eine Erinnys aus der Unterwelt. Eine Furie, Rachegöttin. Die Lippen zu einer grausamen Fratze verzogen. Cara drückt sich beklommen in ihren Sitz.

Warum lässt du dich von ihnen ablenken?

Schreit Erinnys. Zischt die anderen Göttinnen an. Cara weiß nicht, wie ihr geschieht, als schon das nächste Gesicht auf grausame Art erscheint. Arme wuchern aus dem Körper der Göttin. Wunde Stellen hinterlassend. Halten eine Sanduhr und ein Schwert in der Hand. Nemesis, die Göttin der Vergeltung, kreischt wie das Metall des sinkenden Flugzeugs.

Sind wir nicht das, was wirklich zählt? Machst du uns unsichtbar?

Cara ist vollkommen hilflos. Will der Göttin und der Maschine gleichermaßen entkommen, doch es gibt keinen Ausweg. Sie weiß keine Antwort.

Vielleicht.

Wimmert sie, obwohl sie nicht weiß, worum es geht. Was hier passiert. Der dritte Kopf streckt sich bedrohlich nach vorne. Spucke, vermischt mit Blut, tropft die Lippen hinunter. Der zweite fletscht die Zähne und starrt nicht mehr Cara, sondern das dritte und vierte Haupt an. Die Schlangen drehen sich wie glitschige Aale umeinander. Cara muss würgen. Ihr Magen dreht sich um. Verbrannter Geruch steigt ihr in die Nase. Da entwächst der Göttin auch schon ein fünftes Gesicht. Isis, himmlische Muttergestalt und Göttin der Unterwelt, mit dunkel umrandeten Augenlidern, einer Krone aus Kuhhörnern und einer goldenen Sonnenscheibe.

Weißt du überhaupt, was du alles hast?

Cara versucht ruhig zu atmen.

Ich denke schon.

Sagt sie leise. Redet sich ein, dass dies alles nicht echt sein kann. Doch die Köpfe hören nicht auf. Ein neuer trägt große, schwere Ohrringe, die leuchten wie der Mond. Ein Strahlen umhüllt das gesamte Gesicht. Mama Quilla, die Schutzgöttin der verheirateten Frauen.

Hast du mich vergessen?

Was will die Göttin von ihr? Will sie sie bestrafen, retten oder nichts von beidem? Der Boden des Flugzeugs neigt sich. Plötzliches Beschleunigen. Cara jault auf.

Was ist dir wirklich wichtig?

Eine Stimme, die an einen Wolf denken lässt. Zerzauste, graue Haare. Alte Zähne. Die Baba Jaga. Alles um Cara herum schneidend. Dröhnend. Feuer. Gebrüll. Der Körper der Göttin ist übersät mit Wunden, aus denen immer mehr Häupter hervorbrechen. Verzogen zu geifernden Grimassen. Ein einziges Chaos aus Stimmen und Bewegungen. Eine neue Erscheinung voller dunkler Locken betrachtet Cara finster. Den Hals mit glitzernden Schuppen bedeckt. Mami Wata, die nixenhafte Wassergöttin. Da sackt die Maschine in ein Luftloch. Cara wird nach oben gerissen. Der Gurt schneidet ihr ins Fleisch. Adrenalin in jeder Pore. Gedanken überschlagen sich. Sterne tanzen. Die Welt kippt. Gleich ist es vorbei. Sie spürt das Ende, das auf sie lauert. Doch die Göttin interessiert das nicht. Sie fragt unerbittlich weiter.

Hast du mich ausgenutzt?

Schwindel überkommt Cara. Sie schnappt nach Luft. Herztrommeln, als würde es gleich stehen bleiben. Da, die Nächste. Kichijoten, Göttin der Schönheit, mit Blumen im Haar, auf die sich Cara kaum noch fokussieren kann.

Musste das wirklich sein? Hättest du nicht stärker sein können?

Metall biegt sich, es quietscht, knallt. Überall Qualm. Ein Totenkopf, umwickelt mit einem bunten Schleier und leuchtenden Perlen. Finstere Höhlen. Keine Augäpfel. Der Tod. Da ist er. Santa Muerte. Die Worte klingen wie ein tosender Sturm in der Dunkelheit, als der knöcherne lippenlose Kiefer sich öffnet und schließt.

Hast du dich unterworfen?

Wem? Was? Cara heult auf. Ihr wird kalt. Eiskalt.

Hat es dir gefallen?

Fragt eine andere Stimme fiebrig. Lange geflochtene Zöpfe umspielen ein grimmiges Gesicht. Ishtar, Göttin der Sexualität, umgeben vom Mythos der Hurerei. Was soll ihr gefallen haben? Caras Sichtfeld verschwimmt. Die Luft ist schneidend. Kaum Sauerstoff. Atmen fast nicht mehr möglich. Das Flugzeug ein silbernes Monster. Wände reißen auf. Druckabfall. Caras Körper wird taub. Ein Katzenschädel bohrt sich blitzschnell hervor, legt die Ohren an und knurrt. Das musste Bastet sein.

Warum hast du es nicht besser gemacht?

Unerbittlich geht es weiter. Eine Sauerstoffmaske fällt von der Decke herab.

Warum denkst du nur an dich?

Cara zieht sich ungelenk das gelbe Plastik übers Gesicht. Sie hechelt mehr, als dass sie atmet. Ruß in der Lunge.

Kannst du dich nicht mehr bemühen?

Doch! Will Cara rufen, aber die Maske hält sie davon ab. Und auch die Köpfe der Göttin interessieren sich scheinbar immer weniger für sie. Wenden sich stattdessen einander zu. Herrschen sich gegenseitig an.

Hast du überhaupt mal nachgedacht?

Cara beginnt zu weinen. Unkontrolliert. Schluchzend.

Warum weißt du nicht mehr?

Die Maschine kommt ins Trudeln. Immer mehr Lichter leuchten auf. Alarmglocken schrillen. Letzte panische Durchsagen der Crew. Nun könnte Cara wirklich Hilfe gebrauchen, aber ihre Göttin scheint sie bereits ganz und gar vergessen zu haben. Kreischt nur weiter vor sich hin. Gegen den Höllenlärm. Gegen die anderen unzähligen Köpfe. Gegen sich selbst.

Kannst du dich nicht besser informieren?

Kannst du nicht einmal über dich hinausdenken?

Wer bist du überhaupt?

Warum bist du so egoistisch?

Warum hast du nichts getan?

Warum hast du so viel Schuld auf dich geladen?

Warum hast du es nicht besser gemacht?

Eine Masse aus Nasen, Ohren, Mündern, die schimpfen und zetern. Sie ziehen die Lippen zurück. Zeigen ihre Zähne. Bis sie beginnen, sich anzugreifen. Sich ineinander zu verbeißen. Sich gegenseitig zu verschlingen. Cara schlägt um sich. Will, dass es aufhört. Flennt unter ihrer Maske, bis ein ohrenbetäubender Knall alles zum Schweigen bringt.

Wie ist Cara je auf die Idee gekommen, dass ausgerechnet eine feministische Göttin vergebend, sanft und nachsichtig sein würde?

Die Insel

Cara schmeckt Salz und fühlt Sand zwischen ihren Zähnen. Die Ohren dröhnen. Der Kopf schmerzt. Scharf und unerbittlich. Wasser umspült die Knöchel. Der körnige Boden drückt sich gegen den Körper. Nässe dringt durch die Kleidung. Sie öffnet die Augen und muss sie gleich wieder schließen. Gleißend helles Licht. Stöhnend rollt sie sich auf den Rücken. Langsam. Jeder Knochen tut weh. Geräusche dringen dumpf zu ihr. Stimmen, Schreie. Sie blinzelt erneut. Hebt langsam eine Hand. Wehrt das grelle Licht zumindest ein bisschen ab. Über ihr nur Himmel. Ein Vogel, nicht mehr als ein rot-gelber Fleck, fliegt im Blau. Hitze breitet sich auf Caras Körper aus. Eine gnadenlose Sonne brennt herab. Panik kriecht ihr in jede Pore. Sie schwitzt und zittert.

Wo bin ich?

Flüstern ihre aufgesprungenen Lippen. Ihre Hände krallen sich in den klammen Sand. Bekommen nichts zu fassen. Ihre Lider werden schwer. Fallen zu. Schwärze umfängt sie und droht sie mit sich zu reißen. Schwindel. Es riecht verkohlt und feucht zugleich. Sie kann ihre Sinne nicht beisammenhalten. Alles entgleitet ihr. Doch kurz bevor sie untergeht, gelangt ein Geräusch an ihre Ohren. Wortfetzen. Cara zwingt sich, wach zu werden. Da ist immer noch der Himmel. So blau. Schmerzlich blendend. Eine Gestalt beugt sich über sie. Eine dunkel leuchtende Silhouette, umrandet von hellem Licht. Caras Herz stolpert. Die Brust verengt sich. Die Göttin. Das muss sie sein.

Nicht schon wieder. Bin ich tot?

Raunt Cara. Kneift die Augen zusammen, bis sie klarer sehen kann. Vielleicht ist sie in der Hölle gelandet. Einer glühenden Hitze ohne Wiederkehr. Endlose Qualen. Fegefeuer. Cara hält angsterfüllt den Atem an. Doch die Person über Cara strahlt nicht golden. Wirkt nicht überirdisch. Ist keine Göttin. Sie wirkt eher verdreckt. Hat keinen Lichtkreis um sich, sondern einen Kranz abstehender Haare. Viele, viele Haare vor einer brennenden Sonne.

Le … u?

Cara versteht nur Laute. Der Rest wird vom Dröhnen in ihr überdeckt. Da schließt sich eine kühle, raue Hand um ihr rechtes Handgelenk. Fühlt ihren Puls. Eine andere legt sich auf ihre Stirn. In diesem Moment spürt Cara Erleichterung durch sich hindurchfließen. Das Leben kehrt in sie zurück, stark und kraftvoll. Ihre Lungen füllen sich mit frischem Sauerstoff. Die Welt kommt wieder, das Summen und Brummen wird zu klaren Geräuschen. Die Göttin hat sich erbarmt. Sie lebt.

Bist du okay?

Fragt die Gestalt über ihr. Ihre Stimme klingt sanft, aber resolut.

Cara krächzt

Ja. Ich denke schon.

Die Person klopft ihr anerkennend auf den Arm.

Na, das ist schon mal gut.

Dann dreht sie sich weg und ruft

Zwanzig. Wir sind zwanzig.

Caras Ohren klingeln unnachgiebig und die Zahl zwanzig echot sicher zwanzigmal in ihrem Trommelfell. Ein Paar starke Arme legt sich um ihre Schultern.

Hey, du musst Konsens einholen.

Eine andere Stimme. Höher, aufgeregt.

Was?

Fragt die Person mit den vielen Haaren wirsch und murmelt etwas Unverständliches.

Na, sie muss einverstanden sein, dass du sie anfasst.

Und wenn sie Nein sagt? Soll ich sie dann liegen lassen?

Nein, aber frag sie doch.

Nein.

Doch.

Eine neue Silhouette erscheint über Cara. Mit kurzen Haaren und Nasenring. Auch sie ist keine Göttin. Hat blutige Kratzer im Gesicht. Schweiß perlt ihr von der Stirn. Es ist die mit der aufgeregten Art zu sprechen.

Hey, ich bin Siri. Dürfen wir dich hochheben und tragen? Ist das für dich in Ordnung?

Cara hat keine Ahnung, wohin sie sie tragen wollen, aber sie wispert ein

Okay.

Nun packen die starken Arme wieder zu und ziehen Cara nach oben.

Ganz schön schwer.

Hey, kein Bodyshaming.

Sagt Siri hektisch.

Was?

Kommt es genervt zurück.

Bodyshaming beschreibt, na ja, die Abwertung von Personen aufgrund ihrer körperlichen Erscheinung. Also: keine Kommentare über Körper.

Ich bin doch viel dicker als sie.

Darum geht es doch nicht.

Worum denn dann?

Sie soll sich nicht schlecht fühlen wegen ihres Gewichts.

Ich fühle mich doch auch schlecht.

Ja, aber das solltest du nicht.

Hier werden wir eh abnehmen.

Aber das müssen wir doch gar nicht. Wir sind schön, so wie wir sind.

Als würde das hier jemanden interessieren.

Die starken Arme beenden das Gespräch und grummeln gereizt vor sich hin, während sie Cara den Strand entlanghieven. Cara kann kaum folgen. Sie fühlt sich benommen und ihr Magen verkrampft sich beißend. Dennoch fragt sie sich, in welcher Welt sie gelandet ist, in der es niemanden interessiert, ob sie dick ist. Die Arme drehen sie im Kreis und lehnen sie an einen kühlen, trockenen Baumstamm. Der Baumstamm gehört zu einer Palme, die dunkelgrüne Schatten auf Caras Haut malt. Vor ihr erstreckt sich ein weiß-goldener Strand und ein azurblaues Meer, das bis in die Unendlichkeit zu reichen scheint. Einige gezackte, graue, leicht bemooste Felsen ragen ins Wasser. Die Sonne glitzert auf dem sich träge wellenden Ozean. Die Luft kocht. Pulsiert geradezu. Teile des Flugzeugwracks liegen entfernt im Sand. Davor brennt ein Feuer, das glühend tanzt. In der Nähe sitzen mehrere schemenhafte Gestalten auf angespültem, ausgeblichenem Treibholz. Cara versucht sie besser zu erkennen, doch ihr Sichtfeld wird immer wieder unscharf. Neben der Gruppe liegt ein Haufen bunter Taschen und Koffer. Richtung Inselmitte recken sich Palmen in den Himmel, umrandet von blühenden Büschen. Dahinter zeigt sich ein dichter Wald, der in den unterschiedlichsten Grüntönen schimmert.

Hast du Hunger?

Die beiden Retterinnen hocken sich vor Cara und schauen sie besorgt an. Cara mustert sie ebenfalls. Die eine hat nach wie vor kräftige Arme, die in einem weißen T-Shirt stecken, auf dem mit Glitzersteinen Smile gedruckt steht. Doch sie lächelt nicht, sondern macht eher einen genervten Eindruck. Ihre blonden Locken wehen um ihr Gesicht, das mit leichten Schrammen übersät ist. Ihre Ohren stehen ein wenig ab und sie hat viele Sommersprossen. Trägt eine zerrissene Jeans. Neben ihr schaut die mit dem Nasenring schon freundlicher drein. Hat die kurzen Haare mit einem blauen Tuch umwickelt und goldene Ringe in den Ohren. Sie verzieht den Mund und entblößt dabei schiefe Schneidezähne. Dreck klebt ihr auf der spitzen Nase.

Hm?

Sie streckt Cara etwas Kleines, in Plastik Eingewickeltes hin. Ihre Fingernägel sind ungepflegt und zeigen nur noch Reste eines lila glitzernden Nagellacks.

Jetzt lass sie doch erst mal ankommen. Die weiß doch gar nicht, was hier los ist.

Sagt die mit den Sommersprossen. Cara kann sich schon nicht mehr an den Namen erinnern. Die mit dem Piercing nickt.

Hast recht.

Sie steckt das Plastikding wieder weg und spricht ganz langsam und deutlich

Ich bin Siri. Wie gesagt. Das da ist Anne.

Sie deutet neben sich. Anne drückt den Rücken durch.

Steht auf und geht mit raschen Schritten zum Feuer.

Ich muss was trinken.

Sagt sie über ihre Schulter hinweg. Siri blickt ihr pikiert hinterher und dreht sich dann wieder zu Cara. Sieht gestresst aus. Versucht aber freundlich zu bleiben. Bewegt den Mund langsam und spricht jede Silbe überdeutlich aus.

Wir sind die Überlebenden. Wir haben dich gerade erst gefunden. Keine Ahnung, wo wir genau sind. Auf irgendeiner Insel. Wir haben Feuer gemacht. Mit einem Feuerzeug. Bente hat eins in ihrer Tasche gefunden. Es muss immer an bleiben, damit man uns entdecken kann.

Sie zeigt auf die Gruppe am Lagerfeuer.

Ich konnte mir noch nicht alle Namen merken, aber ich habe eine Liste gemacht. Ich kann dir auch sagen, wie man alle Namen richtig ausspricht.

Cara nickt verwirrt, bereut es aber gleich wieder, denn ihr Kopf hämmert danach dumpf. Auch ihre Schultern schmerzen. Sind hart wie Steine.

Wir sind schon fast einen Tag hier, dachten eigentlich, du seist tot.

Cara schaudert und schlagartig hat sie alles vor sich. Den Flug, die Göttin, dann den Knall.

Das Flugzeug?

Fragt sie heiser.

Abgestürzt. Die Trümmer liegen hier überall.

Cara entdeckt weitere Wrackteile um sich herum.

Wir sind so weit halbwegs versorgt. Haben Cola, Wasser, Tomatensaft und was noch, ja Wein gefunden. Süßigkeiten, Chips, so was. Auch einiges an Gepäck ist aufgetaucht. Aber am besten bringen wir dich mal zu den anderen.

Siri erhebt die Stimme. Spricht nun schneller. Nachdrücklicher.

Kann mir jemand helfen? Ich fände es echt schön, wenn wir uns alle um die Neuen kümmern würden und ich nicht immer alles alleine machen muss.

Anne kommt mit einer Flasche Wasser zurück, die sie vor Cara abstellt.

Ich hab dir doch gerade geholfen.

Anne wirft die Hände ungeduldig in die Luft. Setzt sich wieder zu den anderen, von denen niemand reagiert oder Cara beachtet.

Wir sind hier alle traumatisiert.

Eine vorwurfsvolle Stimme aus der Gruppe. Siri zieht die Brauen zusammen.

Ja nee, sorry, ihr habt recht. Ich mach das schon. Also, wie heißt du?

Ihre Züge sind erwartungsvoll.

Ehm …

Cara stockt.

Ich …

Siri zieht einen Notizblock aus ihrer Jeans. Auch einen Kugelschreiber. Blickt Cara wissbegierig an. Dieser liegt ihr Name auf der Zunge, doch es kommt nichts heraus. Leere. Stille. Nur ein ständiges, dringliches Piepsen. Sonst nichts.

Mhm, okay. Woher kommst du denn?

Cara denkt angestrengt nach.

Das fragt man nicht. Das ist total problematisch!

Wieder die vorwurfsvolle Stimme vom Lagerfeuer.

Ja voll. Mist.

Siri wirkt unsicher.

Ich meinte damit nur, aus welcher Stadt du kommst. Weißt du das?

Cara ist, als läge plötzlich alles hinter einem Schleier. Sie erinnert sich nur noch an den Absturz. An die Göttin, die grausigen Köpfe. Alles andere ist dichter Nebel. Verschwunden.

Nein.

Caras Hals ist ausgedörrt. Sie greift fahrig zur Wasserflasche. Nimmt einen Schluck.

Oh nein. Du Arme. Das ist sicher nur der Schock.

Siri ist beunruhigt.

Ich besorg dir mal schnell eine Decke zum Drauflegen. Ist gemütlicher. Und ein Kissen. Bente hat vorhin ganz viele davon aus dem Wrack gerettet. Sind etwas dünn, die aus dem Flugzeug, du weißt schon, oder? Oder nicht mehr? Na ja, also die sind nicht so warm, aber es wird auch nicht sehr kalt nachts, keine Sorge. Am besten lassen wir dich hier, damit dein Körper nicht zu viel bewegt wird.

Siri springt auf und wühlt in einem großen Haufen, den Cara bisher übersehen hat. Sie kommt zurück. Reicht ihr das Kissen. Die Decke legt sie gefaltet neben Cara und gesellt sich zu den anderen.

Wieso bekommt die jetzt eine Decke?

Meckert eine.

Wir bekommen alle Decken.

Sagt Siri beschwichtigend.

Ich will meine auch jetzt.

Cara entfährt ein schnarchender Laut. Die Flasche rutscht ihr aus der Hand und das Wasser versickert im Sand, während ihre Gedanken in einen Traum gleiten.

Cara sieht, wie eine Frau hinter einem Felsen hervortritt. Es herrscht Dämmerung. Das Meer donnert an die Küste, der Wind stürmt. Riesige Wellen türmen sich schäumend auf. Die Bäume biegen sich. Es blitzt. Als sich ihre Blicke begegnen, lacht die Frau schallend. Grell und laut. Ihre schwarzen Haare sind fettig und kleben ihr an den Wangen, am Hals. Dunkle blitzende Augen. Eine große nackte Brust links. Die rechte Brust fehlt. Stattdessen eine rosafarbene Narbe auf der Haut. Über ihrer Schulter hängt ein Bogen. Pfeile stecken in einem Köcher. Der Unterleib ist mit einem braunen Fetzen umschlungen, den man kaum Rock nennen kann.

Das ist eure letzte Chance!

Ruft die Frau ihr zu, dreht ab und rennt davon.

Der Verlust

Ein Schrei lässt Cara hochfahren. Sie wird von Dunkelheit empfangen. Ist benommen. Nadelstiche in ihrem Kopf. Kurz weiß sie nicht, wo sie ist. Alles dreht sich. Schwankt. Nur langsam setzt sich ihre Umgebung, die Insel, wieder zusammen. Sie liegt auf dem körnigen Untergrund, die Beine unter der Decke. Über ihr erstreckt sich der dunkle Himmel mit einer schieren Unendlichkeit an Sternen. Sie glitzern wie funkelnde, unerreichbare Diamanten. Die silbrige Sichel des Mondes dazwischen. Palmwedel schwingen im frischen Luftzug. Es pfeift unheimlich. In den düsteren Büschen schmatzt und scharrt es. Das Meer brodelt leise und zeigt sich in einer konturlosen tiefblauen Weite. Gänsehaut schleicht sich ihre Arme hinauf. Das Herz schlägt ihr bis zum Hals. Es riecht nach Lagerfeuer. Herb und süß. Nach nasser Erde. Tiefen Wäldern. Äste biegen sich. Etwas kreischt aufgedreht. Gackert. Vielleicht ein Affe. Cara erinnert sich an Affen, auch wenn sie nicht mehr weiß, wann und wo sie einen gesehen hat. Das Geräusch macht ihr Angst. Sie weiß nicht mehr, ob Affen gefährlich sind. In ihrem Inneren geht alles durcheinander. Ist voller Lücken. Sie hört Stimmen. Fragt sich, ob das die Frau aus ihrem Traum ist. Oder war es kein Traum? Ist dort nicht ein Schatten hinter dem Baum, der sie beobachtet? Sie setzt sich vorsichtig auf. Dreht sich unsicher. Kann den Schatten nicht mehr entdecken, dafür Hunderte von dunklen Umrissen. Bewegungen. Etwas scharrt und tapst im Unterholz. Ihr Körper ist steif. Sie lehnt sich wieder gegen den starken Baumstamm und atmet langsam ein und aus. Versucht, ruhig zu bleiben und gegen die innere Aufregung anzukämpfen. Ihre Ohren klingen immer noch leicht. Sie betrachtet das Feuer. Sein Glimmen in der tiefen Nacht. Rundum sitzen einige Gestalten und gestikulieren. Die Nähe der anderen beruhigt Cara und sie lässt die verspannten Schultern sinken, während die Worte leise an ihr Ohr dringen.

In dieser Fernsehsendung müssen sie in der Wildnis überleben. Ich schaue das seit Jahren. Ist das Einzige, das ich mir überhaupt noch ansehe. Ansonsten ist Fernsehen ja so ein Müll mittlerweile. Deshalb schlage ich vor, dass ich unsere Survival-Expertin bin.

Murmeln.

Nur weil du diese Sendung schaust, bist du Expertin? Genau das ist doch das Problem heutzutage. Plötzlich sind alle Experten für irgendwas.

Eine andere sanfte Stimme.

Expertinnen.