Meerleuchten - Sabine Brandenburg - E-Book

Meerleuchten E-Book

Sabine Brandenburg

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Beschreibung

Maria ist Anfang siebzig. Seit dem Tod ihres Mannes lebt sie allein in ihrer kleinen Wohnung, mit ihrem Sohn versteht sie sich nicht besonders gut. Eines Tages erwacht sie in der geschlossenen Abteilung einer psychiatrischen Klinik. Wie und warum sie dort gelandet ist, weiß sie nicht, aber eines weiß sie ganz sicher: sie will weg von hier, und zwar so schnell wie möglich! Nach einer abenteuerlichen Flucht macht sie sich auf die Reise, zu Fuß und per Anhalter, ohne Geld und Papiere. Sie hat ein Ziel: Freiburg, die Stadt, in der sie studiert und ihren Mann kennengelernt hat. Zwei Tage lang ist sie unterwegs in Richtung Süden und begegnet Menschen, die ihr helfen und denen sie für kurze Zeit etwas bedeutet. Als sich ihr Sohn auf den Weg zu seiner Mutter macht, ist sie nicht mehr am Leben. Die beiden werden einander nicht mehr begegnen. Auch für ihn wird diese Fahrt zu einer Reise in die Vergangenheit, die ihn in die Atmosphäre seiner Kindheit zurückversetzt. Auf getrennten Wegen durchwandern Mutter und Sohn ihre gemeinsame Geschichte und nähern sich deren verborgenem Fluchtpunkt, einem weit zurückliegenden Ereignis, das einen Sommerurlaub der Familie am Meer abrupt beendete und das sie seither in seinem Bann hält.

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Seitenzahl: 293

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Maria ist Anfang siebzig. Seit dem Tod ihres Mannes lebt sie allein in ihrer kleinen Wohnung, mit ihrem Sohn versteht sie sich nicht besonders gut. Eines Tages erwacht sie in der geschlossenen Abteilung einer psychiatrischen Klinik. Wie und warum sie dort gelandet ist, weiß sie nicht, aber eines weiß sie ganz sicher: sie will weg von hier, und zwar so schnell wie möglich! Nach einer abenteuerlichen Flucht macht sie sich auf die Reise, zu Fuß und per Anhalter, ohne Geld und Papiere. Sie hat ein Ziel: Freiburg, die Stadt, in der sie studiert und ihren Mann kennengelernt hat. Zwei Tage lang ist sie unterwegs in Richtung Süden und begegnet Menschen, die ihr helfen und denen sie für kurze Zeit etwas bedeutet. Als sich ihr Sohn auf den Weg zu seiner Mutter macht, ist sie nicht mehr am Leben. Die beiden werden einander nicht mehr begegnen. Auch für ihn wird diese Fahrt zu einer Reise in die Vergangenheit, die ihn in die Atmosphäre seiner Kindheit zurückversetzt. Auf getrennten Wegen durchwandern Mutter und Sohn ihre gemeinsame Geschichte und nähern sich deren verborgenem Fluchtpunkt, einem weit zurückliegenden Ereignis, das einen Sommerurlaub der Familie am Meer abrupt beendete und das sie seither in seinem Bann hält.

Sabine Brandenburg-Frank, 1957 in Pforzheim geboren, machte nach dem Abitur eine Goldschmiedelehre und studierte Schmuckdesign und Literaturwissenschaft in Düsseldorf. Nach ihrer Promotion begann sie Romane zu schreiben. Sie lebt mit ihrem Mann als freie Designerin, Autorin und Winzerin in Staufen bei Freiburg.

Meinen Eltern gewidmet

Inhaltsverzeichnis

Samstag, 11 Uhr 30

Montag, 9 Uhr 45

Samstag, 12 Uhr 25

Montag, 11 Uhr 30

Samstag, 13 Uhr

Montag, 13 Uhr

Samstag, 15 Uhr 30

Montag 13 Uhr 30

Samstag 17 Uhr

Montag 19 Uhr

Sonntag 6 Uhr 30

Sonntag 7 Uhr 30

Dienstag, 11 Uhr 30

Sonntag 12 Uhr

Dienstag 13 Uhr

Samstag, 11 Uhr 30

Niemandem fiel die gut gekleidete, weißhaarige Frau auf, die an diesem sonnigen Samstagvormittag die belebten Straßen entlangging. Sie mochte etwa siebzig Jahre alt sein, ihre Haare waren kurz geschnitten, sie trug einen schlichten dunkelblauen Hosenanzug, dazu passende blaue Schuhe mit flachen Absätzen, und unter dem Arm, ein wenig ängstlich an den Körper gepresst, eine schmale blaue Handtasche. Sie ging langsam, aber nicht wie jemand, der zum Vergnügen ohne bestimmtes Ziel durch die Stadt flaniert, sondern aufrecht und konzentriert, als suchte sie etwas. Ab und zu blieb sie vor einem Schaufenster stehen und betrachtete die Auslage, dann verschwand ihre schmale, nicht sehr hochgewachsene Gestalt wieder zwischen den Passanten. Niemand behielt sie lange genug im Auge, um zu bemerken, dass sie mehrmals denselben Straßen folgte und manchmal kurz innehielt, um die Hausfassaden zu mustern, verwirrt darüber, dass sie im Kreis gegangen war. Keiner sah, dass sie an Kreuzungen oft sekundenlang zögerte, bevor sie sich entschied, eine Straße zu überqueren oder in eine andere einzubiegen. Schaltete eine Fußgängerampel auf Grün, dann wechselte sie nicht selten zu einem anderen Straßenübergang, wo die Leute noch am roten Lichtzeichen warteten, als wollte sie Zeit gewinnen, um nachzudenken. Wer genau hingesehen hätte, wäre auch erstaunt gewesen festzustellen, dass es keine Handtasche war, worauf die Spaziergängerin so sorgsam aufpasste, sondern eine umgeschlagene Zeitschrift, die mit ihrer bauchigen Form und der blauen Hochglanz-Titelseite wie eines dieser modischen Accessoirs aus Lackleder aussah, in die nur das Allernotwendigste hineinpasst.

Sie war zufällig in diesen Stadtteil geraten, in dem sie sich nicht auskannte. An der Klinik war sie in eine Straßenbahn eingestiegen, ohne darauf zu achten, wohin sie fuhr. Nachdem sie den Waggon betreten hatte, stellte sie sich an eine Haltestange beim Ausgang, ängstlich auf schnelle Fluchtmöglichkeit bedacht, denn sie besaß keine Fahrkarte. Jedes Mal, wenn die Bahn anhielt, musste sie den Leuten ausweichen, die sich an ihr vorbeidrängten. Ein Junge in grellbuntem T-Shirt, ein Skatebord auf den Knien, stand auf und bot ihr seinen Platz an. Sie bedankte sich, erklärte, sie müsse gleich aussteigen, und er setzte sich wieder. Dann fuhr sie doch noch einige Stationen weiter und machte sich Sorgen, der Junge könnte gekränkt sein, weil sie sein freundliches, den ersten Eindruck von seiner Person korrigierendes Angebot ausgeschlagen hatte, aber er sah nicht mehr zu ihr herüber. Als sie weit genug von ihrem Ausgangspunkt entfernt war, um sich sicher zu fühlen, verließ sie die Bahn. Sie hatte Glück gehabt, dass ihr unerlaubter Ausflug nicht gleich am Anfang von einem Fahrkartenkontrolleur gestoppt worden war, dem sie hätte erklären müssen, warum sie ohne Geld und Ausweispapiere unterwegs war, nur mit einer zusammengerollten Zeitschrift unter dem Arm, die von weitem aussah wie eine Handtasche. Eine Weile blieb sie an der Haltestelle stehen, sah den Bahnen zu, die ankamen und abfuhren, und beobachtete die Leute, die ein- und ausstiegen. Sie war nun frei und ohne Zuhause. In ihre Wohnung konnte sie nicht zurück, denn dort würde man sie suchen, sobald entdeckt wurde, dass sie nicht mehr auf der Station war. Sicher hatten sie es längst bemerkt. Also blieb ihr nichts anderes übrig, als sich auf den Weg zu machen.

Montag, 9 Uhr 45

Er lenkte den BMW in die Autobahnauffahrt, gab in der engen Kurve Gas und überholte einen Kleintransporter, zog auf der Einfädelspur an einem Lastwagen vorbei und wechselte dicht vor dessen Kühler nach links auf die Überholspur. Die Tachonadel überschritt die senkrechte Position, neigte sich nach rechts und näherte sich der Hundertachtzig. Ein Unvorsichtiger scherte aus der Reihe der Langsamfahrer aus und zog sich erschrocken zurück, als der schwarze Wagen im Rückspiegel erschien. Leider konnte er das Tempo nicht lange halten, der Verkehr wurde dichter, und bald saß er in einem Pulk fest, der mit achtzig einem überholenden Lastwagen folgte. Elefantenrennen, dachte er ärgerlich, wenn das so weitergeht! Er hatte eine große Strecke vor sich. Freiburg! Wie um alles in der Welt war sie dorthin gekommen? Dort also endete die Geschichte, die vor genau einem Monat aus heiterem Himmel begonnen und sich für ihn mehr und mehr zu einem Alptraum entwickelt hatte. Jener Montag vor vier Wochen, an dem alles angefangen hatte, stand ihm noch deutlich in jeder Einzelheit vor Augen. Morgens früh um acht, er war gerade unter der Dusche, klingelte das Telefon, und ein freundlicher Herr erklärte ihm, er sei Stationsarzt in der Inneren Abteilung der Klinik Düsseldorf-Heerdt. Seine Mutter sei heute früh eingeliefert worden, er möge bitte vorbeikommen. Er fragte, ob sie einen Unfall gehabt habe, konnte sich nicht erklären, warum sie ausgerechnet in diese Klinik gebracht worden war, zu der man von ihrer Wohnung aus durch die halbe Stadt fahren musste. „Nein, kein Unfall, nicht direkt - kommen Sie erst mal her, dann erklären wir Ihnen alles.“ Er war erschrocken, rätselte, was passiert sein konnte. Vor einem Jahr hatte sie den Führerschein abgegeben und machte ihre Einkäufe nur noch zu Fuß oder ganz selten mit der Straßenbahn. Vielleicht ein Herzanfall in der Bahn? Aber wo wollte sie um diese Zeit hin? Ein kurzer Anruf in der Agentur, er gab vor, mit Grippe im Bett zu liegen, dann zog er sich hastig an und machte sich auf den Weg. Die Innenstadt war voll, es gab fast kein Durchkommen. Auf der Brücke herrschte stadteinwärts der allmorgendliche Stau. Zum Glück lag sein Ziel in der entgegengesetzten Richtung. Wie immer fühlte er sich unbehaglich, wenn er eine der hohen, weit gespannten Rheinbrücken überqueren musste, und versuchte, nicht an die dunklen Wassermassen zu denken, die sich unter ihm hindurchwälzten. Den Weg zur Klinik kannte er genau, sein Vater hatte dort vor ein paar Jahren gelegen. Wenige Kilometer weiter, im nächsten Ort, stand sein Elternhaus, in dem jetzt eine andere Familie wohnte. Nach Vaters Tod hatte er seiner Mutter geraten, das Haus zu verkaufen und in die kleine, freundliche Stadtwohnung zu ziehen, die er ihr besorgt hatte. Seither war er nicht mehr in dieser Gegend gewesen. Von weitem sah er jetzt das hässliche graue Hochhaus aufragen, die Klinik, von deren Fenstern aus man die Rheinwiesen und den träge dahinströmenden Fluss überblicken konnte. Der Parkplatz neben dem Haupteingang war fast leer, noch keine Besuchszeit. Auch in der Eingangshalle begegnete ihm niemand. Er nannte dem Pförtner in seinem Glaskäfig den Namen seiner Mutter. Der gab ihn in den Computer ein: „Innere, siebter Stock“. Also war sie schon registriert, gewissermaßen offizielle Patientin. Im Aufzug roch es nach Krankenhaus; er hasste diesen Geruch. Auf der Station fragte er nach dem Arzt, der ihn angerufen hatte, und wurde an einen sympathischen jungen Mann verwiesen, der ihn herzlich begrüßte. Seine Mutter lag in einem Zweibettzimmer am Fenster, mit Ausblick zum Rhein. Man hatte ihr ein Klinik-Nachthemd angezogen. Er trat neben das Bett und nahm ihre Hand, die regungslos auf dem Bettdecke lag. Sie lächelte ihn an, aber er war nicht sicher, ob sie ihn erkannte. Ihr Blick aus den hellen, meergrünen Augen schien durch ihn hindurchzugehen. Da sie auf keine seiner Fragen reagierte, ließ er sie schließlich in Ruhe und folgte er dem Arzt ins Sprechzimmer.

Für den Moment war es mit dem zügigen Vorankommen vorbei. Am Autobahnkreuz Köln Nord war er in Richtung Koblenz abgebogen, und auf dem Kölner Ring schob sich eine zähe Autoschlange dahin. Er versuchte, auf der Einfädelspur so weit wie möglich an der undurchdringlichen Mauer aus Lastwagen vorbeizufahren, drängte sich im Letzten Moment zwischen zwei Sattelschleppern hindurch und wechselte in die sich nur wenig schneller fortbewegende PKW-Kolonne auf der linken Spur. Nun bereute er es, sich aus alter Gewohnheit für die linksrheinische Autobahn entschieden zu haben. Mindestens einmal im Jahr waren seine Eltern mit ihm diese Strecke gefahren, zu Beginn der Sommerferien oder auch schon an Ostern. Meistens machten sie Halt in Freiburg, der Stadt ihrer Studentenjahre, wo sie sich kennengelernt hatten. Von dort aus fuhren sie weiter in den Schwarzwald und verbrachten jedes Jahr in derselben Pension die Ferien. Jetzt ging es auf der rechten Spur wieder schneller voran. Er setzte sich in eine Lücke zwischen zwei LKW und zog für einen Augenblick in Erwägung, auf der Standspur bis zur angekündigten Raststätte zu fahren, den Parkplatz als Überholspur zu nutzen und sich an der Ausfahrt unauffällig wieder in die Schlange einzufädeln. Aber er unterließ dieses gesetzwidrige Manöver. Er dachte an seine Mutter. Er sah sie vor sich, wie sie an jenem Montagmorgen die gewundene Fußgängerrampe zur Rheinbrücke hinauf und hoch über den schmutzigen Wasserwirbeln des Rheins am Brückengeländer entlangging. Er sah sie stehenbleiben und den Schiffen nachschauen, die sich unter der Brücke hervorschoben oder langsam unter ihrem Rand verschwanden. Auf der anderen Seite angelangt, folgte sie nicht dem Fußweg, der entlang der Brückenauffahrt ins Rheinvorland hinunterführt, sondern überquerte die einmündende Fahrbahn und ging geradeaus weiter, entgegen der Fahrtrichtung an der Autobahn entlang, die an dieser Stelle von keiner Standspur begleitet wird. Im Tunnel konnte sie den schmalen Bordstein benutzen, der an den Wänden entlangführt, dann weiter dicht an der Leitplanke bis in die Nähe der Ausfahrt, die einmal ihr Heimweg gewesen war. Sie hatte Glück, dass so früh am Morgen stadtauswärts nicht viel Verkehr herrschte. Autofahrer alarmierten die Polizei, zwei Streifenbeamte fanden sie in einer unzugänglichen, mit Brombeergestrüpp bewachsenen Insel an der Autobahn zwischen Ein- und Ausfahrt, auf einem Stapel Bretter sitzend, die Straßenarbeiter dort liegengelassen hatten.

„Eine merkwürdige Geschichte“, beendete der Stationsarzt seinen Bericht. „Sie war nicht ansprechbar, wie in Trance. Wir vermuteten zuerst einen leichten Schlaganfall, aber es ist kein organischer Befund festzustellen. Wir können hier nichts weiter für sie tun, sie muss in psychiatrische Behandlung. Vielleicht handelt es sich um eine Art psychischen Schockzustand. Hat sie in letzter Zeit etwas Schlimmes erlebt?“ Er schüttelte den Kopf. „Nun ja, die Kollegen in der Psychiatrie können besser beurteilen, was ihr fehlt. Ich habe Ihre Mutter bereits überwiesen, ein Krankenwagen wird sie gleich hinbringen. Sind Sie mit dem Auto gekommen?“ Er bejahte. „Dann fahren sie am Besten hinter dem Krankenwagen her.“ Eine Schwester begleitete ihn zurück ins Krankenzimmer und holte die Sachen aus dem Schrank, die sie angehabt hatte, ihren blauen Hosenanzug, Wäsche, die blauen Schuhe und ihre Handtasche. Sie war noch immer wie abwesend, folgte wortlos den Anweisungen der Schwester, setzte sich auf die Bettkante und ließ sich beim Anziehen helfen. Dann stand sie neben ihm, er führte sie mit leichtem Griff unter dem Arm, und sie setzten sich in Richtung Fahrstuhl in Bewegung. An der Ambulanzeinfahrt im Untergeschoß wartete der Krankenwagen. Man setzte sie in einen Rollstuhl und schnallte sie darin fest wie ein Kind im Kinderwagen. Sie ließ es geschehen. Die beiden Sanitäter hoben den Rollstuhl ins Heck des Wagens, einer von ihnen stieg hinten ein und zog die Türflügel zu. Er blieb stehen, bis die Tür ins Schloss fiel. Dann lief er zum Parkplatz, holte sein Auto, und sie machten sich hintereinander auf den Weg durch die Stadt.

Der Stau hatte sich aufgelöst. Halb zwölf, und er war erst kurz hinter Köln. Fast eine Stunde hatte er verloren. Wenn die Autobahn von jetzt an frei blieb, und wenn er die Geschwindigkeitsbegrenzungen nicht genau nahm, konnte er mit etwas Glück gegen vier in Freiburg sein. Er gab Gas, schloss das Seitenfenster, das er wegen des sommerlichen Wetters und der langsamen Fahrt heruntergelassen hatte, und schaltete die Klimaanlage ein. Vor ihm lagen Vierhundertachtzig Kilometer.

Irgendwann tauchte sie aus dem undurchdringlichen Nebel auf, der sie umgeben hatte, und lag in einem weiß bezogenen Bett, über sich eine weiß getünchte Decke. Durch die zugezogenen Gardinen vor dem Fenster fiel gedämpftes Licht. Eine Weile blieb sie starr auf dem Rücken liegen und versuchte, sich zu orientieren. Es gab keine Verbindung zwischen dem, was sie sah, und dem, woran sie sich erinnerte, ihre Wohnung, den gestrigen Tag, der anscheinend nicht der gestrige war, weil irgendetwas seither passiert sein musste, das sie hierher gebracht hatte. Sie war zu Bett gegangen wie jeden Tag, nach zwei belanglosen Filmen im Fernsehen, in dem Bewusstsein, einen weiteren aus der kürzer werdenden Reihe der Tage, die vor ihr lagen, aufgebraucht zu haben. Und nun erwachte sie an einem fremden Ort. Sie befühlte die Decke, mit der sie zugedeckt war, hob den Arm und stellte fest, dass sie ihren alten Hausanzug anhatte, den sie seit Jahren nicht mehr trug. Sie schlug das Deckbett zurück und setzte sich auf. Das Bett war hoch wie alle Krankenhausbetten, ihre Füße hingen im Leeren. Unter ihnen stand ein Paar Badesandalen, die sie nicht kannte. Sie ließ sich von der Bettkante herunterrutschen, schlüpfte hinein und stellte fest, dass sie passten. Als sie den ersten Schritt tun wollte, wurde ihr schwindlig, sodass sie sich wieder ans Bett lehnen musste. Sie betrachtete das Zimmer. Es war klein und schmal. Unter dem Fenster an der Stirnseite stand ein zweites Bett, das frisch bezogene Deckbett mit dem Kopfkissen am Fußende zusammengelegt, ein Zeichen, dass es zur Zeit nicht benutzt wurde. Links von ihr war die Tür, eine breite Krankenhaustür, durch die bequem ein Bett herein- oder hinausgeschoben werden konnte. An der langen Seite des Zimmers befand sich ein Waschbecken mit Spiegel, daneben ein Vorhang, der an einer gebogenen Stange unter der Decke um das Becken herumgezogen werden konnte. Zwei hohe, schmale Schränke standen rechts davon; die Schlüssel steckten in den Schlössern. Sie ließ die Bettkante los, durchquerte das Zimmer und trat vor den Spiegel. Ihr Gesicht war blass, sie schien älter geworden. Die weißen Haare standen wirr um ihren Kopf. Auf der Ablage entdeckte sie ihren Kamm, im Zahnbecher stand ihre Zahnbürste samt Zahnpasta. Am Haken neben dem Spiegel hing eines ihrer Handtücher. Sie versuchte, Ordnung in ihre Frisur zu bringen. Dann öffnete sie die Schränke. Einer war leer, der andere enthielt einige ihrer Sachen, T-Shirts, Wäsche, frische Handtücher, eine Baumwolljacke und zwei Hosen. Auf einem Bügel hing ihr blauer Hosenanzug. Sie durchsuchte den Schrank, konnte aber ihre Handtasche nicht finden, also besaß sie weder Geld noch Ausweispapiere und auch nicht den Schlüssel zu ihrer Wohnung. Plötzlich fiel ihr etwas ein. Sie legte ihre Hand an den Halsausschnitt und fühlte durch den weichen Stoff eine kleine, ovale Erhebung direkt unter dem Schlüsselbein. Das Medaillon war noch da. Erleichtert schloss sie die Schranktür. Ihr war immer noch schwindlig, außerdem musste sie zur Toilette. Vorsichtig drückte sie die Klinke, öffnete die Tür einen Spalt breit und blickte in einen langen Flur mit Türen auf beiden Seiten. Schräg gegenüber befand sich hinter großen Glasscheiben ein Aufenthaltsraum mit Tischen und Sesseln und einem Fernsehgerät. Einige Leute saßen dort, blätterten in Zeitungen oder verfolgten das Fernsehprogramm. Durch zwei große Fenster fiel Sonnenlicht herein. Ein Park war durch die Fenster zu sehen, Bäume, gepflegter Rasen, Wege, auf denen Leute gingen, in der Ferne ein großes Gebäude mit roten Klinkermauern und vielen weiß gerahmten Fenstern. Ein schöner, freundlicher Anblick, wenn man von den Gitterstäben absah, die sich unmissverständlich vor die Welt draußen schoben. Sie ging hinaus auf den Flur. Alles kam ihr zugleich fremd und bekannt vor, wie ein Ort, den man seit der Kindheit nicht mehr betreten hat oder den man nur aus einem Traum kennt. Eine Schwester kam den Flur entlang und grüßte sie freundlich. Seltsamerweise wusste sie, wo die Toiletten lagen, und wandte sich nach rechts. Als sie wieder herauskam, trat ihr ein junger Mann mit schulterlangen Haaren und abgetragenen Jeans entgegen, ein Pfleger, dachte sie, oder ein Praktikant. Ihr war inzwischen klar geworden, wo sie sich befand, und sie wunderte sich, dass sie nicht in Panik geriet. Aber aus irgendeinem Grund schien sie hierher zu gehören. Die Station war hell und freundlich, man kannte sie, fast fühlte sie sich ein wenig zuhause. Der junge Mann hakte sich bei ihr unter und fing an, auf sie einzureden. Seinem Wortschwall war zu entnehmen, dass er ebenfalls Patient war, sozusagen Stammgast, weil er immer wieder mit gestohlenen Autos auf halsbrecherischen Fahrten gestoppt wurde und man ihn weniger für kriminell als für suizidgefährdet hielt. „Aus dir kriegt man ja nichts raus“, beklagte er sich. „Nun bist du schon fast zwei Wochen hier, und keiner weiß genau warum. Manche meinen, Selbstmordversuch. Das Einzige, was ich von dir weiß, ist, dass du Maria heißt und einen Sohn hast, der dich ab und zu hier besucht. Maria ist ein schöner Name. Bedeutet er nicht so etwas wie ‘die vom Meer kommt’? Na, ist auch egal. Von mir aus brauchst du jedenfalls nichts zu erzählen, es kommt garnicht darauf an, warum du hier bist. Worauf es ankommt ist, dass wir beide, du und ich, nicht hierher gehören, nicht wahr, das siehst du genauso.“ Sie schwieg, und er redete weiter. Es war ihr angenehm, jemandem zuzuhören, und sie erfuhr auf diese Weise einiges über die Zeit, die sie hier verbracht hatte. Inzwischen waren sie beim Essraum am anderen Ende des Korridors angekommen. Durch die Scheiben, die das Tageslicht in den von Neonröhren nüchtern erhellten Flur einließen, sah sie an den Tischen Leute sitzen, einzeln oder zu zweit, die meisten wie sie selbst in Hausanzug oder Morgenmantel, einige in Straßenkleidung. Besucher, dachte sie. Hinter einer Theke an der Wand stand ein Mann mit weißer Schürze, verteilte Kuchenstücke auf Teller und schenkte Kaffee ein. Ihr Begleiter schob sie durch die offene Tür hinein und setzte sie an einen freien Tisch. „Ich bringe dir Kaffee und Kuchen mit.“ Die Atmosphäre in dem Raum kam ihr vor wie eine Mischung aus Kantine, Kinderheim und Gefängnis. Der Junge stellte das Tablett mit Tassen und Kuchentellern auf den Tisch und setzte sich. „Dein Sohn war heute noch garnicht da. Ich mag ihn nicht besonders, so ein Typ in Designerklamotten, bestimmt ist er Art Director in einer Werbeagentur.“ Dann ließ er sich über den Unverstand der normalen Menschen aus, insbesondere derer, die sich mit Werbung beschäftigen. Sie hörte ihm dankbar zu, beobachtete durch die vergitterten Fenster die Leute draußen im Park, Ärzte in weißen Kitteln, die eilig zwischen den Klinikgebäuden unterwegs waren, Gärtner, die den Rasen mähten und die Wege säuberten, Patienten in Begleitung von Angehörigen. Den Gedanken an ihren Sohn schob sie beiseite. Die Tage vergingen in gleichförmigem Rhythmus. Sie verlor das Gefühl dafür, wie viele sie hier verbrachte. Mittags und abends wurden ihr Tabletten ausgehändigt, die sie gehorsam schluckte. Danach fiel sie für eine Weile wieder in einen Nebel von Gleichgültigkeit und Erinnerungslosigkeit zurück und empfand diesen Zustand nicht als unangenehm. Wenn sie daraus erwachte, ging sie wie die Anderen im Flur auf und ab, saß im Aufenthaltsraum vor dem Fernseher oder unterhielt sich mit dem Jungen, der nie Besuch bekam und sich an sie wie an eine Mutter anschloss. Sie lernte die anderen Patienten und deren Geschichten kennen, die er ihr erzählte. Manchmal wurde jemand auf eine der offenen Stationen verlegt, manchmal kam jemand neu dazu. Die Tür an der Stirnseite der Station mit dem Schnappschloss auf beiden Seiten öffnete sich für Ärzte, Schwestern und Pfleger und für die Besucher, die von ihnen herein- und wieder hinausgelassen wurden. Einige der Patienten durften in Begleitung ihrer Besucher bei schönem Wetter im Garten spazieren gehen. Niemand hatte ihr diese Vergünstigung angeboten, und sie fragte nicht danach. Die Gesichter der Besucher kannte sie auch mit der Zeit und ordnete sie den Patienten zu. Selten erschien ein Fremder auf der Station. Nur an den Wochenenden wurde der junge Arzt, der täglich gegen zehn Uhr mit einem Packen Akten unter dem Arm durch die Tür trat, von immer anderen jungen Männern oder Frauen in weißen Kitteln vertreten, vielleicht Studenten, die ein Praktikum in der Klinik ableisteten. Alle paar Tage kam ihr Sohn, um nach ihr zu sehen. Dann saßen sie am hinteren Ende des Flurs zusammen, wo ein Besuchertisch mit Zeitschriften, Aschenbecher und einem Blumentopf Behaglichkeit vermitteln sollte, und redeten über alltägliche Dinge, wann er wieder frische Wäsche mitbringen sollte, ob er die Balkonblumen in ihrer Wohnung gegossen hatte, dass sie einen Haarföhn brauchte. Kein Wort über das, was ihrem Aufenthalt hier vorausgegangen war, darüber, wie lange sie bleiben musste und was danach kam. Manchmal wurde er ins Sprechzimmer gebeten und unterhielt sich mit dem zuständigen Arzt. Worüber und mit welchem Ergebnis, danach fragte sie ihn nicht. Offenbar hielt man sie noch nicht für in der Lage, ihren Zustand selbst zu beurteilen. An einem Samstag machte sie eine Beobachtung. Sie hatte ihren Sohn zum Ausgang begleitetet und stand noch eine Weile mit ihm zusammen in der Nähe der Tür, als eine Praktikantin mit Akten hereinkam. Er sprach die junge Frau an, die den Türknauf noch in der Hand hatte, ob sie ihn hinauslassen könnte. „Ich kann hier niemanden rauslassen“, kam die brüske Antwort, und die Tür fiel ins Schloss. Wie immer musste er warten, bis sie eine der Schwestern holte, die ihn kannten und freundlich entließen. Der Vorgang war auf irgendeine Weise bedeutsam, er ging ihr nicht mehr aus dem Kopf, und allmählich entstand daraus eine Idee. Wenn es ihr gelang, jemanden, der Zugang zur Station hatte, aber keinen der Insassen kannte, davon zu überzeugen, dass sie eine Besucherin war und aus irgendeinem Grund ganz schnell nach draußen musste, wäre es vielleicht möglich, aus der Klinik zu entkommen. Was sie vorhatte war verrückt! Wahrscheinlich wurde sie jetzt wirklich verrückt. Und selbst wenn es klappte: was wollte sie denn draußen? Wohin sollte sie gehen? Aber es war zu spät. Der Plan hatte Wurzeln geschlagen und ließ sich nicht mehr ausreißen. Sie musste versuchen, jemandem so überzeugend die eilige Besucherin vorzuspielen, dass er nicht anders konnte, als sie gehen zu lassen. Aber woher sollte sie wissen, wann der oder die Richtige hereinkommen würde? Sie konnte nicht den ganzen Samstagvormittag in Straßenkleidung an der Tür stehen und darauf warten, dass sie sich öffnete. Der umgekehrte Weg war richtig, sie musste beobachten, wer hereinkam und ihr Opfer ansprechen, wenn es wieder hinausging. Dann musste sie das Spiel durchhalten, bis sie beide unten vor dem Gebäude angekommen waren und ihre Wege sich trennten.

Von nun an war sie ganz wach, sammelte ihre Tabletten in den Taschen ihres Hausanzugs und spülte sie später im Klo herunter. Ihr Leben hatte wieder eine Perspektive gewonnen, einen Fluchtpunkt, auf den sich alles ausrichtete. Ein paar Tage blieben ihr noch Zeit, um sich vorzubereiten, am Samstag wollte sie die Gelegenheit nutzen. An jedem Tag zählte sie die Schritte von ihrem Zimmer bis zum Schwesternzimmer schräg gegenüber, aus dessen Tür ihr Opfer heraustreten würde, und weiter bis zum Ausgang, dachte sich Geschichten aus, die ihr Ansinnen glaubwürdig erscheinen ließen, und verwarf sie wieder. In ihrem Schrank strich sie den blauen Hosenanzug glatt, wählte ein weißes T-Shirt dazu aus und legte es oben auf den Stapel. Mit einem Handtuch wischte sie ihre Schuhe blank. Sie war freundlich zu den Schwestern, unterhielt sich mit den anderen Patienten und aß mit gutem Appetit. Dann war es Samstag, sie hatte schlecht geschlafen und war aufgeregt. Wie ein Bankräuber am Morgen vor dem Überfall, dachte sie. Um acht Uhr wusch sie sich die Haare, dann ging sie zum Frühstücksraum und blieb bis kurz nach halb zehn an ihrem Tisch sitzen. Außer einer Tasse Kaffee brachte sie nichts herunter. Um viertel vor zehn stand sie fertig angekleidet in ihrem Zimmer an der einen Spalt breit geöffneten Tür und sah hinaus. Ungeduldig verfolgte sie das Hin und Her der Schwestern und Patienten auf dem Flur, erschrak, als sich plötzlich die Tür öffnete. Wie jeden Samstag schob der Bedienstete der Leihbibliothek den Bücherwagen herein. Schon begann sie, den Mut zu verlieren, da wurde die Tür erneut geöffnet und ein ihr unbekannter junger Mann trat ein, das übliche Aktenpaket unter den Arm geklemmt. Er blickte suchend auf sie Türschilder, klopfte neben der Aufschrift „Schwester“ zaghaft an und wartete, bis er hereingerufen wurde. Jetzt war es soweit. Sie begann ein wenig zu zittern. Kurze Zeit später ging die Tür zum Schwesternzimmer wieder auf und der junge Mann machte sich, mit neuen Akten bestückt, auf den Weg zum Ausgang. Sie trat auf den Flur hinaus. Niemand sonst war zu sehen, sie hatte Glück. Plötzlich fiel ihr auf, dass etwas fehlte. Wie sollte man sie für eine Besucherin halten, wenn sie keine Handtasche dabei hatte? Verzweifelt schaute sie sich um; sollte ihr Vorhaben an einer Kleinigkeit scheitern? Da fiel ihr der leuchtend blaue Umschlag einer Zeitschrift ins Auge, die auf dem Besuchertisch lag. Eine Sekunde später trug sie eine modische blaue Handtasche unter dem Arm und folgte im Laufschritt, so leise es mit lederbesohlten Schuhen möglich war, dem Boten, der sich schon gefährlich nahe am Ausgang befand. Mit gedämpfter Stimme, jedoch laut genug, dass er es hören konnte, rief sie über ihre Schulter hinweg in den leeren Flur hinter ihr: „Ich komme morgen wieder, ruh dich ein wenig aus!“ Er wurde aufmerksam, drehte sich um, sah sie an und schaute dann an ihr vorbei den Korridor hinunter. In diesem Moment erschien in der Tür neben ihrem Zimmer ein Haarschopf, ebenso weiß wie ihr eigener. Er gehörte ihrer Zimmernachbarin, einer kleinen vergnügten Frau, die jeden anlachte, der ihr begegnete. In einer blitzartigen Eingebung winkte sie ihrer Mitpatientin zu, die arglos lächelnd zurückwinkte und wieder in ihrem Zimmer verschwand. „Meine Schwester“, erklärte sie dem jungen Mann, „sie kann nicht verstehen, dass ich gehen muss. Bitte, würden Sie mich freundlicherweise hinauslassen, bevor sie es sich anders überlegt und wieder aus ihrem Zimmer kommt!“ „Ja, sicher.“ Er zog sie mit sich durch die Tür, die mit leisem Schnappen hinter ihnen ins Schloss fiel. „Wir sind beide alleinstehend und leben seit vielen Jahren zusammen“, berichtete sie ihrem Begleiter, während sie neben ihm die Treppe hinunterging. „Sie hat immer wieder diese Anfälle, wissen Sie. Ich bin jeden Tag hier, nur heute habe ich nicht viel Zeit, weil ich Besorgungen machen und Wäsche waschen muss.“ Sie waren unten angekommen, und er hielt ihr höflich die schwere Eingangstür auf. „Danke, das war sehr freundlich von Ihnen!“ Er nickte ihr zu und bog ab in Richtung Aufnahmegebäude. Sie musste sich beherrschen, um nicht loszulaufen. Vielleicht hielt in diesem Moment schon eine Schwester den Telefonhörer in der Hand, um den Pförtner zu benachrichtigen, dass eine Patientin aus der geschlossenen Abteilung weggelaufen war. Mit festen Schritten folgte sie dem Hauptweg zum Ausgang. Nur wenige Ärzte und Besucher begegneten ihr. Die Sonne wärmte ihr den Rücken und warf ihren Schattenriss auf den Weg vor ihren Füßen. Weit oben über ihrem Kopf segelten kleine weiße Wolken unter dem blauen Himmel. Es roch nach frisch gemähtem Rasen. Das Eingangstor, ein automatisches Rollgitter aus massiven Eisenstangen, war in Fußgängerbreite geöffnet. Sie lächelte dem Pförtner hinter seiner Glasscheibe zu, der nickte zurück, sie ging hinaus. Schräg gegenüber, auf einer Verkehrsinsel in der Mitte der Straße, war eine Straßenbahnhaltestelle. Vorschriftsmäßig überquerte sie die Fahrbahn an der Fußgängerampel und stieg in die erste Bahn, die anhielt, ohne auf die angezeigte Zielstation zu achten.

Samstag, 12 Uhr 25

Die Ampel schaltete auf Grün. Sie klemmte die vorgebliche Handtasche unter den Arm und ließ sich von den Anderen mitziehen, die um sie herum wieder in Bewegung kamen. Es gab ihr Sicherheit, sich an dieser Attrappe festzuhalten, die ihr bei der Flucht geholfen hatte. Auf der anderen Straßenseite scherte sie aus dem Pulk der Fußgänger aus und machte Halt hinter einer Litfaßsäule. Nach fast einer Stunde ziellosen Umhergehens konnte sie nicht mehr mithalten. Ihre Füße in den engen Schuhen schmerzten. In einem der gut besuchten Cafès, die bei dem schönen Wetter Tische im Freien aufgestellt hatten, wäre sicher ein Platz zu finden gewesen, aber ohne Geld blieb ihr nur eine öffentliche Bank als Zuflucht. Sie schlug die Beine übereinander und blätterte zur Rechtfertigung ihres Sitzens in ihrer Zeitschrift, konnte sich aber nicht auf die bunt bedruckten Seiten konzentrieren. Ihre Augen und Gedanken schweiften ab und hefteten sich an die Vorübergehenden. Plötzlich hatte sie den fast körperlichen Eindruck, sie könnte durch die Außenseite der Menschen, ihre Gesichter, ihre Bewegungen und Gesten wie durch klares Wasser auf den Grund sehen und die Ablagerungen ihrer Leben entziffern, den angeschwemmten Schutt der Zeit, über dem sich das fließende Wasser seinen Weg sucht. Was sie zu verbergen glaubten, verriet sich in einem unsicheren Schritt, einer nervösen Drehung des Kopfes oder einem ängstlich über die Schulter geworfenen Blick. Auf einmal schämte sie sich, die Leute so anzusehen. Es war, als beobachtete sie durch eine halb geschlossene Tür etwas, das sie nichts anging. Sie stand wieder auf, überquerte den Bürgersteig, wo die Entgegenkommenden ihr auswichen, ohne sie zu sehen, und bog in eine Seitenstraße ein, an deren Mündung der Strom vorbeifloss. Hier gab es keine Geschäfte, nur Wohnungen, Büros und kleine Firmen. Es war ruhig und fast menschenleer. Sie wechselte auf die Schattenseite der Straße und ging langsam mit ihren schmerzenden Beinen und angeschwollenen Füßen an den Häusern entlang. Vor dem Schaufenster einer Fahrschule ließ sie sich erschöpft auf dem niedrigen Fenstersims nieder und lehnte den Kopf gegen die Scheibe. Hinter ihr leuchtete zwischen Halteverbot- und Einbahnstraßenschildern ein lachendes, blaues Auto aus gebogenen Neonröhren, die rote Schirmmütze schräg über die Windschutzscheibe gezogen, darunter in gelben, regelmäßig blinkenden Buchstaben der Namenszug des Inhabers.

Sie musste kurz eingenickt sein. Das Geräusch eines vorbeifahrenden Autos ließ sie aufschrecken, und einen Moment lang wusste sie nicht, wo sie war. Dann fühlte sie den harten Stein unter sich und die kühle Scheibe in ihrem Rücken und fand sich wieder zurecht. Unwillkürlich wanderte ihr Blick an den grell von der Sonne beschienenen Fassaden der gegenüberliegenden Häuser empor. Die dunklen oder verhängten Rechtecke der Fenster übten einen unwiderstehlichen Sog auf sie aus. Innen auf den Fensterbänken waren Gegenstände aufgereiht, die als Schwellenzauber die Intimität der Wohnungen beschützten und zugleich die Vorlieben ihrer Bewohner zur Schau stellten. Alle Fenster glichen einander, alle zeigten eine begrenzte Auswahl von Dingen in unterschiedlicher Zusammenstellung, wie Wörter und Sätze einer Zeichensprache. Die Vorstellung ließ sie nicht los, sie könnte plötzlich in das Innere eines dieser Zimmer versetzt werden und anfangen, ein fremdes Leben zu führen. Die scheinbar fest gefügten Grenzen zwischen den einzelnen Menschen, ihren getrennten Innenwelten und ihren einander nicht berührenden Schicksalen, schienen sich auflösen zu können. Vielleicht erwachte man irgendwann in der Person irgend eines Anderen und übernahm ganz selbstverständlich dessen Existenz. Vielleicht glichen sich die Leben der Menschen, ihre Wünsche und Gedanken so sehr, dass man es gar nicht merkte, wenn man von einem Ich in ein anderes hinüberwechselte. Ein Schwindelgefühl erfasste sie bei dieser Vorstellung. Sie schloss wieder die Augen. Der Lärm der Hauptstraße drang gedämpft in die Stille zwischen den Häusern. Ein Auto näherte sich, die Reifen schmatzten auf dem klebrigen Asphalt. Gegenüber ging eine Frau mit hochhackigen Schuhen, kurze, harte, fordernde Schritte. Kinder lachten, vielleicht über sie, und rannten mit schnellen, leichten Tritten davon. Ein Fahrrad überrollte eine lose Bodenplatte, zweimal erklang ein trockenes Klack-Klack.

Jemand zupfte sie am Ärmel. Sie stellte sich schlafend und rührte sich nicht. Da zupfte es noch einmal, dieses Mal kräftiger, sodass ihre Hand vom Schoß rutschte. Neben ihr stand ein Mädchen, etwa neun Jahre alt. Sie trug ein rosafarbenes T-Shirt mit aufgenähten Teddybären, knielange Jeans, in deren Taschen sie die Hände vergraben hatte, und blaue Sandalen. Ihr glattes braunes Haar wurde im Nacken von einem rosa Haargummi zusammengehalten. Ein paar zarte Strähnen hatten sich daraus gelöst und fielen ihr ins Gesicht. Sie lächelte freundlich und zeigte ein Paar kräftiger weißer Schneidezähne, die so weit auseinanderstanden, dass ihre Zungenspitze dazwischenpasste. „Hallo“, sagte sie, „warum sitzt Du da?“ „Ich bin müde und ruhe mich ein bisschen aus.“ Das reichte noch nicht, um dem Mädchen verständlich zu machen, warum eine fremde Frau hier in ihrer Straße auf einer Fensterbank saß. „Warum bist Du müde?“ „Weil ich eine weite Strecke zu Fuß gegangen bin.“ „Und gehst Du jetzt nach Hause?“ Sie zögerte einen Moment. „Ja, ich werde wohl nach Hause gehen. Lass mich nur noch eine kleine Weile hier sitzen.“ „O.k.“ Die Kleine setzte sich ebenfalls, lehnte den Kopf an die Fensterscheibe, wie sie es gesehen hatte, um auszuprobieren, ob das eine bequeme Haltung war. Aber gleich rutschte sie wieder nach vorn, stützte die Arme auf und schaute der weißhaarigen Frau ins Gesicht. „Wie alt bist Du?“ „Ziemlich alt. Ich könnte Deine Oma sein.“ „Ich habe keine Oma. Wir fahren in Urlaub!“ Sie zeigte auf ein Auto, das einige Meter entfernt am Straßenrand geparkt war, eines dieser Großraumfahrzeuge, in denen man mehrköpfige Familien mit Hund vermutet und die den Eindruck vermitteln, dass ihre Besitzer imstande sind, viel Leben hervorzubringen und um sich zu versammeln. Ein junger Mann beugte sich unter die geöffnete Heckklappe und verstaute Koffer und Taschen im Innern des Wagens. Ein groß gewachsenes Mädchen mit hellblonder Lockenmähne schleppte eine weitere Tasche herbei, misstrauisch beobachtet von einem schwarzweißen Hund, der aufgeregt hin und her lief und bellte, damit man ihn nicht vergaß. Jetzt kam auch die Mutter aus dem Haus, eine schlanke blonde Frau, und blickte suchend die Straße entlang. Sie entdeckte ihre Tochter, die neben einer unbekannten älteren Frau vor dem Fenster der Fahrschule saß, und kam näher. „Sie hat Sie doch nicht belästigt, hoffe ich“, wandte sie sich freundlich an die Fremde. „Nein, wir unterhalten uns, sie ist ein höfliches Kind.“ Die Mutter warf ihrer Jüngsten einen zweifelnden Blick zu. „Sie ist müde, weil sie weit gegangen ist, Mama. Sie sagt, sie könnte meine Oma sein!“ „Wenn sie Ihnen lästig wird, sagen Sie Bescheid. Es hilft uns natürlich, wenn sie noch ein bisschen bei Ihnen bleiben kann und uns nicht zwischen den Beinen herumrennt, sie bringt gern alles durcheinander.“ Die Kleine zog einen Schmollmund. „Ja, sicher, sie kann ruhig hier sitzenbleiben solange sie