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Als Kind konnte Klara fliegen, ein unbeschreibliches Gefühl! Sie erzählte niemandem davon, auch nicht vom Waldmädchen, mit dem sie drei Tage in der Wildnis verbrachte. Oder hat sie sich das alles nur eingebildet? Nun liegt sie nach einem Schlaganfall in einer Klinik, aber sie glaubt nicht an diese Diagnose, denn in ihrem Kopf funktioniert alles einwandfrei. Auch sprechen kann sie, aber das behält sie vorerst noch für sich. Im Bett nebenan liegt die achtzigjährige demenzkranke Karla, deren Familiendrama sich in Hörweite abspielt, und dann ist da noch Amanda, die russische Krankenschwester. Sie schaut manchmal so komisch, als ahnte sie, dass diese Patientin ein bisschen simuliert. Eines Tages muss sich Karla gegen eine Familienintrige zur Wehr setzen und braucht Klaras Hilfe.
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Seitenzahl: 210
Veröffentlichungsjahr: 2020
Als Kind konnte Klara fliegen, ein unbeschreibliches Gefühl! Sie löste sich vom Boden, die Wiese entfernte sich unter ihren Füßen, sie flog dem Himmel entgegen - „du bist plötzlich hingefallen, einfach umgefallen wie ein Brett!“, sagte ihre Mutter vorwurfsvoll, als sie wieder zu sich kam. Etwas so Schönes wie das Fliegen hatte sie noch nie erlebt, aber sie erzählte wohl besser niemandem davon, auch nicht vom Waldmädchen, mit dem sie drei Tage in der Wildnis verbrachte. Oder hat sie sich das alles nur eingebildet?
Nun liegt sie in dieser Klinik, sie ist kein Kind mehr, sondern alt, wie alt genau, daran erinnert sie sich nicht, auch nicht, wie sie hier her gekommen ist. „Du hattest einen Schlaganfall“, sagt ihre Tochter Charlotte und macht dabei ihr tragisches Gesicht. Aber sie glaubt nicht an diese Diagnose, denn in ihrem Kopf funktioniert alles einwandfrei. Auch sprechen kann sie, aber das behält sie vorerst noch für sich. Im Bett nebenan liegt Karla, deren Familiendrama sich in Hörweite abspielt, und dann ist da noch Amanda, die Krankenschwester. Sie ahnt, dass Klara ein bisschen simuliert. Dann muss sich Karla gegen eine Familienintrige zur Wehr setzen und braucht Klaras Hilfe.
Sabine Brandenburg-Frank, 1957 in Pforzheim geboren, machte nach dem Abitur eine Goldschmiedelehre und studierte Schmuckdesign und Literaturwissenschaft in Düsseldorf. Nach ihrer Promotion begann sie Romane zu schreiben. Sie lebt mit ihrem Mann als freie Designerin, Autorin und Winzerin in Staufen bei Freiburg.
„... so jung, dass man mit ihr über die Unsterblichkeit sprechen konnte.“
Cees Nooteboom, Die folgende Geschichte
Für Egon
Fliegen
Pflegestation
Wunschkind
Familiensache
Marie
Niko
Marseille
Südflügel
Turmzimmer
Testament
Simulantin
Waldmädchen
Seitensprung
Abflug
Stella
Noch einmal Niko
Ein bisschen Zeit
Ich bin nie gerne früh aufgestanden, aber heute ist so ein Tag - vier Uhr morgens. Obwohl ich ihn nicht mehr brauche, steht ein Wecker auf meinem Nachttisch und zeigt bürokratisch korrekt die Zeit an. Das Fenster ist ein graues Rechteck, aus der Dunkelheit des Zimmers herausgeschnitten.
Zartes Fiepen draußen, der erste Vogel. Ich weiß nicht mehr, welche Vogelart morgens zuerst den Schnabel aufsperrt, um Langschläfern wie mir das Leben schwer zu machen: Hausrotschwanz, Amsel, Singdrossel, Rotkehlchen. Mein Vater hätte es gewusst, er war ein wandelndes Lexikon für alles, was mit Natur zu tun hat, und nicht nur dafür - egal, morgens um vier ist Vogelgezwitscher für Menschen wie mich nichts weiter als traumaustreibender Lärm. Aber heute höre ich es gern.
Ich lausche der kleinen Stimme, die gerade jetzt, in diesem Moment, das Singen neu erfindet. Manchmal wird sie rau wie Sandpapier, das immer neue klare, seidenglatte Töne herausschleift. Der Vogel kann nicht ahnen, welche Endorphine durch seinen Gesang in einem einsamen menschlichen Gehirn ausgeschüttet werden, er singt, weil er muss, weil sein genetischer Code ihm vorschreibt, auf diese Art sein Revier zu verteidigen und sein Weibchen bei Laune zu halten. Er verfolgt also ganz und gar eigennützige Interessen, während er mir so nebenbei die Tränen in die Augen treibt.
Dann kommen noch andere Stimmen dazu, versuchen sich gegenseitig zu übertönen, ein wildes Durcheinander aus unterschiedlichen Melodien, und trotzdem harmonisch. Das Grau im Rechteck gewinnt Konturen, Silhouetten von Bäumen zeichnen sich ab. Der Himmel mag sich noch nicht zwischen Grau und Blau entscheiden, aber ich weiß, es wird ein warmer, sonniger Junitag werden. Ein Tag, um in den Süden zu fahren!
Meine Tasche ist schnell gepackt. Was nimmt man mit in den Sommerurlaub, wenn man allein unterwegs ist und nicht vorhat, abends groß auszugehen? Jeans, T-Shirt, Badeanzug, einen Pullover (im Juni kann der Mistral noch unangenehm werden), Sandalen, ein Paar Wanderschuhe.
Inzwischen ist es fünf Ubr, noch zu früh für den Berufsverkehr - oder ist nicht überhaupt Wochenende?
Seit ich im vorzeitigen Ruhestand lebe, ist mir das Gefühl für die Wochentage abhanden gekommen. Es gibt keinen großen Unterschied mehr zwischen Werktagen und Sonntagen, abgesehen vom Fernsehprogramm. Schnell einen Kaffee bevor ich losfahre. Im fahlen Frühlicht durchquere ich die Stadt, Häuser dösen in stumpfen Grautönen vor sich hin, in den Schlafzimmern schälen sich die Leute aus ihren warmen Betten - es ist Montag, fällt mir ein - Haustüren spucken Fußgänger aus, die noch mit ihren Träumen beschäftigt sind, das eine oder andere Auto ist schon unterwegs. All die unfreiwilligen Frühaufsteher tun mir leid. Ich habe es besser, ich bin zu meinem Vergnügen unterwegs.
Der Autobahnzubringer ist leer. Ich halte das vorgeschriebene Tempo ein, bis ich den Starenkasten passiert habe, dann gebe ich etwas mehr Gas wegen dem Achterbahngefühl in der leicht ansteigenden Kurve der Einfahrt. Früher war die Kurve noch enger. Eingerahmt von mit Moos bewachsenen Sandsteinbrocken, rötlichen Stämmen alter Fichten und hellgrünen Farnwedeln - jedes Mal, wenn wir in den Urlaub aufbrachen, träumte ich mich an dieser Stelle in einen Märchenwald hinein, während ich versuchte, das Gezappel und Gequassel meines kleinen Bruders Christoph neben mir zu ignorieren. Ein Däumling kletterte auf Steine und Moospolster und winkte mir zum Abschied, wenn ich ihn schließlich im Schatten des letzten Baumes zurücklassen musste. Später wurde die Kurve ausgebaut, die Bäume gefällt und eine ordentliche kahle Böschung aufgeschüttet.
Auf der Autobahn ist noch nicht viel Verkehr, nur ein paar Lastwagenfahrer sind nach der Sonntagspause schon in aller Frühe aufgebrochen. Schräg hinter mir geht die Sonne auf, ihre Strahlen werden von den Baumwipfeln gespalten, wie scharfe Messer stechen sie in den Dunst über den Wiesen. Im Rheintal hängt Nebel, dunkle Häuserblocks ragen daraus hervor. Für eine Weile taucht mein Wagen in den Schatten ein.
Wenn wir früh am Morgen aufgebrochen waren, war Christoph an dieser Stelle endlich eingeschlafen. Im Auto herrschte Stille, wenn man vom Motorgeräusch absah, das sich um meine Gedanken legte oder mein Buch untermalte. Meistens kamen wir nur bis zum Schwarzwald oder höchstens einmal in die Schweiz.
Aber einmal fuhren wir immer weite und weiter, bis die Straße am Rand der Welt, da, wo das Meer anfängt, zu Ende war.
Am Grenzübergang Mulhouse verrotten die Zollgebäude, es gibt keine Grenze mehr. Aber an den Straßenschildern merke ich, dass ich in einem anderen Land bin. Ich spreche nicht besonders gut Französisch und fühle mich gleich ein bisschen fremd, aber ich will mich auch nicht unterhalten, nur durchfahren, schauen, ein paar Tage irgendwo bleiben, freundlich ein paar Worte mit Unbekannten wechseln, und ansonsten meine Ruhe haben. Eine Baustelle beengt die Fahrstreifen, der Berufsverkehr staut sich, ich werde ungeduldig, will weiterkommen. In Belfort mache ich Halt und sehe mir die Festung an. Das war auch damals unsere erste Station. Vater brauchte Kaffee und etwas Bewegung in frischer Luft. Wir kletterten auf den Befestigungsanlagen unter der Zitadelle herum, ließen die Beine über die Mauern baumeln und legten uns ins Gras. Die Sonne schien heißer als zuhause, so kam es mir jedenfalls vor, schließlich waren wir drei Stunden in südlicher Richtung gefahren. Als wir weiter wollten, war Vater eingeschlafen. Mutter legte ihm ihr Taschentuch übers Gesicht, wir schlichen uns davon und stiegen zur Zitadelle hinauf. Von einer Aussichtsterrasse konnte man über die Stadt sehen, graue Schieferdächer, eingebettet in Grün. Plötzlich war Christoph weg. Wir riefen nach ihm, gingen dann langsam den Weg zurück, den wir gekommen waren. Mutter sprach auf Französisch eine Frau an, die uns entgegenkam, aber sie schüttelte bedauernd den Kopf. „Das gibt’s doch nicht, er kann doch nicht so einfach verschwinden!“ Noch war ihr Gesicht fröhlich, sie schien keine Angst zu haben, sicher hatte er sich irgendwo versteckt. Wir durchkämmten das Gelände, immer wieder rufend und Passanten befragend.
Mutter hatte mir eingeschärft, was ich auf Französisch fragen sollte, aber meine Aussprache ließ wohl zu wünschen übrig, denn die Leute sahen mich nur verständnislos an und zuckten die Achseln. Vater lag immer noch schlafend in der Sonne. Er hatte sich zur Seite gedreht, das Taschentuch war von seinem Gesicht gerutscht. Schließlich beschlossen wir ihn zu wecken.
„Verschwunden? Was soll das heißen?“ Es dauerte eine Weile, bis er verstand. „Ach was, der wird gleich wieder auftauchen.“ Schließlich fanden wir ihn in einer Mauerluke, wo er sich versteckt und auf uns gewartet hatte, um uns zu erschrecken. Aber dann war er ein Stück weit abgerutscht und aus seinem Versteck nicht mehr herausgekommen. Vater nahm den verheulten Jungen in den Arm. Er schimpfte ihn nicht aus, und ich fragte mich wieder einmal, warum meine Eltern unbedingt noch ein zweites Kind hatten haben wollen wo sie doch mich hatten.
Hinter Belfort war die Landschaft wilder und einsamer.
Christoph, der mich sonst mit Fragen löcherte, sah unverwandt aus dem Fenster, ich hatte ganz vergessen, dass mein Buch neben mir lag und die spannendste Stelle auf mich wartete. Das gleichmäßige Vorwärtskommen zu einem unbekannten Ziel, begleitet vom monotonen Geräusch des Motors, all das machte uns schläfrig und aufmerksam zugleich und versetzte uns in erwartungsvolle Müdigkeit.
In Beaune ist Mittag. Die Sonne steht hoch, ich überlege, mir einen Sonnenhut zu kaufen, lasse es dann aber und bleibe im Schatten. Die Straßen sind voller Menschen, sie sitzen an kleinen Tischen vor den Bistros, flanieren an den Schaufenstern vorbei oder stehen in Grüppchen zusammen und unterhalten sich. Vor mir geht ein junges Paar. Sie trägt ein blaues Kleid mit weißen Blüten, genauso blau und weiß wie der Himmel.
Ihr Rocksaum schwingt im Rhythmus ihrer Schritte, ein breiter weißer Gürtel betonte die schmale Taille. Genau das gleiche Kleid trug Mutter, als wir damals in Beaune waren. Ich hatte es noch nie gesehen, sie hatte es wohl extra für den Urlaub gekauft. Vater legte seinen Arm um sie und gab ihr einen Kuss, während Christoph mich mit dem Ellenbogen in die Seite boxte und hinter vorgehaltener Hand kicherte. Ich hatte unsere Eltern noch nie so unbeschwert gesehen. Mama sah aus wie ein junges Mädchen.
In Lyon brauchten wir eine Stunde, bis wir uns durchgefragt hatten. Heute umfährt man die Stadt in einem weiten Bogen. Ich halte mich in Richtung Marseille, ein paar Abzweige, dann habe ich das Autobahngewirr hinter mir. Mehrmals überquere ich die Rhone und staune wie immer über die intensiv blaue Farbe des Wassers. „Die Farbe von geschmolzenem Eis“, hatte Vater gesagt und uns erklärt, dass die Rhone hoch oben in den Bergen entspringt.
Jetzt wird die Landschaft kantiger, kontrastreicher, die Schatten tiefer, das Licht erbarmungsloser. Bäume wachsen hier, deren Namen wir Kinder nicht kannten, „Zeder, Zypresse, Mimose, Maulbeerbaum“ - Vater deklamierte es wie eine Beschwörungsformel, mit der man Wesen aus einer anderen Welt herbeirufen kann.
Die Namen der Städte, durch die wir fuhren, schmeckten nach Süßigkeiten: Valence, Montelimar, Orange, Avignon. Die Sonne war gesunken und stand wie eine reife Orange über dem Horizont. Vor Marseille bogen wir nach Osten ab, hinter der Steilküste lag das Meer. Christoph und ich sahen es zum ersten Mal. Eine dunstige blaue Fläche, die in den Himmel überging. Es schien, als wäre die Welt dort hinter der zackigen, wie aus schwarzem Papier ausgeschnittenen Felskante zu Ende.
Ich höre Geräusche auf dem Flur, es ist jetzt sechs Uhr morgens - wie viel Zeit doch in zwei Stunden Platz hat.
Unerbittlich beginnt der Stationsalltag, aber ich will die Reise noch nicht abbrechen, nur noch ein paar Minuten, bevor ich wieder in die Gegenwart zurück muss. Ich schließe die Augen, drehe mich auf die Seite. Immer noch sind Vogelstimmen zu hören, Spätaufsteher. Das Schwarzkehlchen ist nicht darunter. Es lebt viel weiter südlich, ich habe es zum ersten Mal in Vaison La Romain gehört und fragte Vater nach dem Namen des Sängers, während wir durch die Reste römischer Wohnhäuser streiften. Die Menschen, die hier gelebt hatten, kannten wohl auch den Gesang dieses kleinen Vogels, hörten ihn, wenn sie im weitläufigen Garten vor dem Badehaus die neuesten Nachrichten aus den römischen Provinzen austauschten oder an der Ladenstraße die Türen ihrer kleinen Geschäfte öffneten und die hölzernen Verkaufstische davor aufstellten - die Rinnen in den Steinplatten vor den Häusern, wo die Halterungen einrasteten, kann man heute noch sehen.
Warum wünschte ich mir, diese Leute kennenzulernen, die schon seit zweitausend Jahren tot waren? Wahrscheinlich waren sie nicht anders gewesen als wir, aber in die Vergangenheit zu blicken war wie die Aussicht von einem Berggipfel hinüber zu einem anderen. Ein paar Dinge sind deutlich zu erkennen, andere bleiben verschwommen, und obwohl man weiß, dass es dort drüben im Grunde ganz genauso aussieht wie hier an dem Platz wo man steht, wünscht man sich hinüber. In Vaison La Romain zeigte mir mein Vater einen Segelfalter, als wir eine Weile auf einer umgestürzten Säule saßen und uns unterhielten. Wie in Zeitlupe klappte er auf der warmen Rinde einer Kiefer seine weißen, schwarz gebänderten Flügel mit dem gelb und blau umrandeten Schwalbenschwanz auf und zu. Wenn ich allein mit Vater war, konnte ich nicht aufhören, ihn auszufragen. Er war nie belehrend oder herablassend, im Gegenteil, er besaß die Gabe, sein Wissen so zu vermitteln, dass man meinte, man wäre selbst darauf gekommen. „Du ziehst mir ja die Würmer aus der Nase!“, beschwerte er sich manchmal, wenn ich kein Ende fand, ihn mit Fragen zu löchern. Aber er freute sich, denn sonst interessierte sich niemand für seine Liebhabereien - die Schmetterlingssammlung, die Geschichtsbücher und Atlanten, den Himmelsglobus und die Weltkarten, die Mineralien und Versteinerungen, mit denen sein Zimmer voll gestopft war. Dieses gegen alle familiären Ansprüche hartnäckig verteidigte Reich, in das auch ich nur selten eingelassen wurde.
Wir vergaßen die Zeit auf unserer römischen Säule. Der Schmetterling flog davon, seine Flügel machten ein schabendes Geräusch, als wären sie schlecht geölt, und Vater lief über die wackligen Steinstufen vom Tempelbereich zum Parkplatz hinunter, wo unser Auto in der prallen Sonne stand. Sicher war wieder etwas mit Christoph, entweder hatte er Hunger oder Durst oder er musste aufs Klo.
An der Küste fanden wir einen Campingplatz bei La Ciotat, mit Blick auf den Hafen und den zackigen Felsen, der sich wie der Rücken eines Meerdrachens ins Wasser hinausschob. Unter den Pinien war es fast schon dunkel und wir versuchten, unsere kleine „Hundehütte“, so nannte Vater unser Pfadfinderzelt, das sich neben den Wohnwagen und großen Familienzelten bescheiden ausnahm - beim Schein einer Taschenlampe aufzubauen. Nach einer Stunde hatten wir es geschafft, bewunderten unser Werk und setzten uns heißhungrig auf die Terrasse des kleinen Restaurants, das zum Campingplatz gehörte. Später pumpten wir die Luftmatratzen auf und verkrochen uns ins Zelt, in dem wir gerade Platz hatten, wenn wir dicht an dicht lagen, Christoph quer zu unseren Füßen, die Taschen mit unseren Kleidern in dem Halbrund am Kopfende. So nah wie in der stickigen Wärme des Zeltes waren wir noch nie beisammen gewesen, wo man jedes Geräusch des anderen hörte und angestoßen wurde, wenn jemand sich umdrehte. Aber keiner von uns empfand es als störend.
Wenn ich im Lauf der Nacht wach wurde und für einen Moment nicht wusste, wo ich war, fühlte ich mich geborgen beim Anblick der atmenden Körper neben mir.
In einer Nacht regnete es stark, wir wachten auf. Vater knipste die Taschenlampe an und wir lauschten dem Rauschen und Klopfen des Wassers auf der Zeltplane.
Vielleicht hatten sich unsere Vorfahren vor Jahrtausenden ähnlich gefühlt, wenn sie in ihren selbstgebauten Hütten vor dem Regen sicher waren und einander wärmten. Am folgenden Tag war der Himmel bewölkt und wir sahen uns den Ort an, bummelten die Strandpromenade entlang, vor der die Bootsstege mit den kleinen Segelbooten ins Wasser ragten. Ich lauschte auf das Plätschern und Knirschen, wenn der Wind die Bootskörper hin und her schaukelte und sich in ihrer Takelage verfing, schloss die Augen, hörte das Lachen von Kindern und die Möwenrufe von hoch oben. Das brackige Wasser roch nach Tang, Teer und toten Fischen. „Wo bleibst du denn, Klara, wir wollen weiter!“
Zum Campingplatz gehörte ein Stück Strand, man konnte für wenig Geld Liegestühle und Sonnenschirme mieten. Hier logierten nur französische Familien. Wir freundeten uns mit einigen Kindern an und versuchten unsere neu erworbenen Sprachkenntnisse. Nach ein paar Tagen verloren wir das Zeitgefühl. Es schien, als wären wir schon wochenlang hier. Unsere Haut wurde braun und roch nach Salz und Sonne. Ab und zu las ich in meinem Buch weiter, aber meistens lag es unbeachtet auf dem Liegestuhl. Wir wurden allmählich zu Meereslebewesen, lagen stundenlang mit Taucherbrille und Schnorchel auf dem Wasser und betrachtete die Welt dort unten, in die unsere Arme und Beine hinab hingen. Über dem Grund aus geriffeltem Sand schwebten kleine flinke Fische.
Als ich eines Vormittags aus dem Wasser kam, passierte es mir wieder. Ich verlor den Boden unter den Füßen.
Jetzt wird mir bewusst, dass ich nie mehr daran gedacht habe. Diese Erlebnisse waren aus meinem Gedächtnis gelöscht. Damals hatte ich Angst, dass ich nicht normal bin. Kein Mensch kann aus seinem Körper herausschlüpfen und davonfliegen, während er ohnmächtig am Boden liegt.
Zum ersten Mal geschah es während eines Spaziergangs mitten auf einer Wiese mit blühenden Obstbäumen im Frühling. Ich kam erst wieder zu mir, als Vater mich an den Schultern packte und mich schüttelte, bis meine Zähne auf einander schlugen. „Du bist plötzlich hingefallen, einfach umgefallen wie ein Brett und am Boden gelegen, ganz steif mit verdrehten Augen!“, sagte Mutter, als hätte ich es nur getan, um sie zu ärgern. Aber sie war ganz blass im Gesicht, und ihre Stimme klang komisch. Ich hatte nicht mitbekommen, dass ich hingefallen war, nein, ganz im Gegenteil, ich konnte plötzlich fliegen! Während ich über die Wiese rannte, den Geruch von Gras und feuchter Erde in der Nase, und irgendwo einen Kuckuck rufen hörte, war ich auf einmal abgehoben. Ein unbeschreibliches Gefühl! Ich war leichter als Luft und löste mich vom Boden. Die Wiese entfernte sich unter meinen Füßen, die Bäume wichen auseinander, als ob sich die Erdoberfläche zusammenkrümme. Ich schwebte auf den blauen Himmel zu, das Blau wurde dunkler, je näher ich dem Himmel kam, die Sonne schien immer greller daraus hervor, zuletzt war der Himmel ganz schwarz und mir wurde schwarz vor Augen.
Aber etwas so Schönes wie das Fliegen hatte ich noch nie erlebt! Ich wollte meinen Eltern unbedingt davon erzählen, während sie sich bemühten, mich wieder auf die Beine zu stellen. Doch es gab keine passenden Worte dafür, und meine Eltern wollten es wohl auch gar nicht hören, also behielt ich es für mich. Sie brachten mich ins Krankenhaus, in dem ich drei Tage bleiben und alle möglichen Untersuchungen über mich ergehen lassen musste. Ein freundlicher Arzt stellte mir Fragen, deren Sinn ich nicht verstand und schrieb mit ernster Miene alles auf, was ich antwortete. Dann durfte ich wieder nach Hause. In der Schule sollte ich etwas von Blinddarmentzündung erzählen. Ein paar Wochen musste ich Tabletten schlucken, von denen ich müde wurde. Dann schien der Arzt der Meinung zu sein, dass ich wieder gesund war. Was ich erlebt hatte, blieb mein Geheimnis. Das, was wirklich geschehen war, während die anderen dachten, ich sei ohnmächtig geworden - ich konnte es niemandem erzählen. Niemand hätte es mir geglaubt, sie hätten mich für verrückt gehalten. Aber insgeheim fühlte ich mich als jemand Besonderes, weil ich Dinge erlebte, von denen die Anderen keine Ahnung hatten. Wenn es mir schlecht ging, holte ich diese Erinnerung wieder heraus, das Glücksgefühl, als meine Füße sich vom Boden lösten.
Und nun war es also wieder passiert! Als ich aufwachte, knieten meine Eltern neben mir im Sand. Vater hatte mich in den Schatten getragen und auf einen Liegestuhl gelegt, Mutter kühlte mit einem nassen Handtuch meine Stirn. Ich war übers Meer geflogen, die schimmernde Wasserfläche unter mir war ein in allen Blautönen leuchtendes Glasfenster, durch das eine verborgene Welt hindurchschien, und dieses Mal kam es mir so vor, als wolle mir jemand das alles zeigen. Dann wurde das Blau dunkler und sog sich mit Schwarz voll.
Zuhause machte der freundliche Arzt wieder sein besorgtes Gesicht und meinte, es könne auch mit der Pubertät zusammenhängen, in die ich wohl etwas zu früh einträte. Er verschrieb mir ein anderes Medikament, das mich weniger müde machte, und ich behielt auch diesen Himmelsflug für mich.
Die Tür geht auf, Schwester Amanda kommt mit dem Frühstück herein. Amanda, was für ein Name! Aber ich liebe sie, die beleibte Russin mit den blond gefärbten Haaren und viel zu rot geschminkten Lippen. „Morgen Kinder, gut geschlafen?“, ruft sie in den Raum. „Tag wird schön, Sonne!“ Sie öffnet die Balkontür und lässt den Duft von frisch gemähtem Gras herein. Meine Nachbarin, die achtzigjährige Karla, liegt mit offenen Augen da und starrt ins Leere. Sie ist manchmal völlig abwesend und kaum in der Lage, sich koordiniert zu bewegen. Aber sie hat auch lichte Momente, vor allem, wenn ihre Enkelin Sarah sie besucht. Dann sitzt sie aufrecht im Bett, frisch gekämmt, und gibt passende Antworten. Während Amanda versucht, der apathischen Karla Fruchtsaft einzuflößen, stellt die Schwesternhelferin das Frühstückstablett auf meinen Nachttisch, richtet meine Rückenlehne auf und schiebt mir einen Löffel Joghurt in den Mund. Ich schlucke brav.
Als ich in die Pflegestation kam, war ich nicht in der Lage, selbständig zu essen. Ich lebte in einer Art Dämmerzustand, an den ich kaum eine Erinnerung habe. Ich weiß weder wie lange er dauerte, noch was in dieser Zeit in mir vorging - all das ist aus meinem Kopf verschwunden. Woran ich mich als Erstes wieder erinnern kann, ist - dass ich mich erinnerte. Plötzlich war ein Bild in meinem Kopf, dann schlossen sich andere an. Es war wie ein Film, der in mir ablief. Ein Film, der ein kleines Mädchen zeigte, das über eine Wiese lief.
Ich roch den Duft von frischem feuchtem Gras, hörte meinen Vater nach mir rufen - und plötzlich wurde mir bewusst, dass etwas aus der Vergangenheit in mein leeres Gehirn zurückkehrte. Von da an übte ich mich im Erinnern und verzweifelte, wenn trotz aller Anstrengung nichts auftauchte Aber plötzlich, wenn ich an nichts mehr dachte, war wieder ein Stück meines Lebens da.
So setze ich mich Stück für Stück wieder zusammen, bis ich vielleicht irgendwann wieder weiß, wer ich bin.
„Du hattest einen Schlaganfall“, sagt meine Tochter Charlotte und macht dabei ihr tragisches Gesicht. Aus ihren bruchstückhaften Berichten schließe ich, dass sie mich eines Morgens bewusstlos im Flur meiner Wohnung fand. Ich hatte eine Verletzung an der Stirn, weil ich beim Hinfallen an der Kante der Kommode aufgekommen war - die Stelle tut noch weh. Der Notarzt brachte mich in die Klinik mit der Diagnose Schlaganfall. Ich glaube das nicht, denn in meinem Kopf funktioniert alles einwandfrei. Zum Beispiel die Sprache, das Gespräch der Seele mit sich selbst - aber ob meine Stimme noch funktioniert, habe ich bis jetzt nicht ausprobiert. Aus irgendeinem Grund habe ich Angst davor. Vielleicht, weil ich feststellen müsste, dass es nicht geht. Vielleicht aber auch - und das ist der wahre Grund - weil ich dann nicht mehr ungestört bin, sondern antworten muss, wenn jemand mit mir spricht.
Ich nehme mir noch eine Weile Urlaub vom Sprechen.
Ich will noch nicht Rede und Antwort stehen. Essen könnte ich wohl wieder selbst. Hände und Finger bewegen und Dinge festhalten, das geht ohne Probleme, ich übe es jeden Tag, aber es bleibt vorerst noch mein Geheimnis. Wenn Karla ihre wachen Phasen hat, merkt sie natürlich, wenn ich mich im Bett aufrichte, um ein bisschen Gymnastik mit Händen und Armen zu treiben oder aus dem Fenster zu schauen. Ich lächle sie an und lege den Finger auf die Lippen. Sie nickt. „Versprochen!“ Sobald sie hier merken, dass ich allein zurechtkomme, schicken sie mich nach Hause - und das möchte ich noch nicht. Also lasse ich mich von der netten Schwesternhelferin füttern, obwohl es nicht einfach ist, so zu tun, als sei man völlig hilflos, wenn man es nicht ist. Vor allem beim Waschen. Es tut mir leid, dass das Mädchen sich mit mir abschleppen muss, mir in den Rollstuhl hilft. Ob ich wieder gehen könnte, weiß ich nicht. Zu groß ist meine Angst, dass ich bei dem Versuch ohne Hilfe aus dem Bett zu steigen, hinfallen könnte und zugeben müsste, dass ich allen etwas vorspiele. Das Mädchen schiebt mich ins Bad und reibt mit dem Waschlappen meinen Körper ab. Gebadet wird einmal die Woche. Das macht Amanda zusammen mit einem kräftigen Pfleger. Anfangs habe ich mich geschämt vor dem jungen Mann, aber inzwischen ist mir das egal. Nach dem Waschen schiebt Amanda meinen Rollstuhl auf den Balkon. „Frische Luft tut gut.“ Sie arretiert die Räder. „Denke, Sie wollen gern allein sein, lieber, als im Gemeinschaftsraum. Schaue in einer Stunde wieder vorbei.“
Sie lächelt mich an, und ich muss mich beherrschen, damit ich nicht aus Versehen etwas zu ihr sage, sondern nur zurücklächle und ihr durch meinen Blick zu verstehen gebe, wie dankbar ich ihr bin. Manchmal erschrecke ich fast, so gut versteht mich Amanda, obwohl ich noch nie ein Wort mit ihr gesprochen habe.
Amanda öffnet die Tür und verschwindet mit Karla in Richtung Gemeinschaftsraum. Gemeinschaftsraum!
Wie ich das Wort schon hasse! Als ob es irgendeine Gemeinschaft zwischen den Leuten gäbe, die dort herumsitzen und die Zeit totschlagen. Sie sitzen an abgestoßenen Resopaltischen, trinken Automatenkaffee, blättern in alten Zeitschriften oder unterhalten sich.
Wenn sie nicht über die Schwestern und Pfleger lästern, erzählen sie einander Wunderdinge aus ihrer Vergangenheit und von ihren Enkelkindern. Ich habe nie begriffen, warum man das Zusammensein mit Menschen für erstrebenswert halten sollte. In Wirklichkeit gibt es nichts Schwierigeres, als jemanden zu finden, mit dem man sich auch nur einigermaßen versteht. Ansonsten ist es doch einfach nur Quälerei.
