Stadtrandphilosophen - Sabine Brandenburg - E-Book

Stadtrandphilosophen E-Book

Sabine Brandenburg

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Beschreibung

Ein seltsamer Professor, der in einer Laubenkolonie am Stadtrand zwischen seinen Büchern lebt, die Geschwister Niki und Dora, zwei verwöhnte Teenager auf der Suche nach dem richtigen Leben, der obdachlose Joker, der sich nicht in die Karten schauen lässt, mit seinem Hund Joker, und die kleine Mignon, die kein Wort spricht - sie treffen sich jeden Mittwochnachmittag zu Gesprächen über Existenz, Kino, Unsterblichkeit und den ganzen Rest in der Wohnung von Lena, die vor kurzem unsanft aus ihrem gewohnten Leben geworfen wurde. Seit einer Kopfverletzung beim Bungee-Springen leidet sie unter vollständiger Dyskalkulie, und sie hört Stimmen. Keine gewöhnlichen, sondern die Stimmen von Immanuel Kant, Bento Spinoza, Ludwig Wittgenstein, Hannah Arendt ... Was Lena noch nicht weiß: sie ist Teil eines Weltrettungsplanes, in dessen Zentrum ein verschollenes philosophisches Buch steht. Hat der Professor etwas damit zu tun? Heißt er wirklich Gregor Stein, wie in seiner Ausgabe von Kants Kritik der reinen Vernunft steht? Welche Rolle spielt der undurchsichtige Joker? Und wer sind die Leute, die um jeden Preis verhindern wollen, dass das Buch gefunden wird? Eines Nachts brennt die Laubenkolonie, der Professor verschwindet, und Lena bekommt ihre große Chance.

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Seitenzahl: 239

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Ein seltsamer Professor, der in einer Laubenkolonie am Stadtrand zwischen seinen Büchern lebt, die Geschwister Niki und Dora, zwei verwöhnte Teenager auf der Suche nach dem richtigen Leben, der obdachlose Joker, der sich nicht in die Karten schauen lässt, mit seinem Hund Joker, und die kleine Mignon, die kein Wort spricht - sie treffen sich jeden Mittwoch Nachmittag zu Gesprächen über Existenz, Kino, Unsterblichkeit und den ganzen Rest in der Wohnung von Lena, die vor kurzem unsanft aus ihrem gewohnten Leben geworfen wurde. Seit einer Kopfverletzung beim Bungee-Springen leidet sie unter vollständiger Dyskalkulie, und sie hört Stimmen. Keine gewöhnlichen, sondern die Stimmen von Immanuel Kant, Bento Spinoza, Ludwig Wittgenstein, Hannah Arendt...

Was Lena noch nicht weiß: sie ist Teil eines Weltrettungsplanes, in dessen Zentrum ein verschollenes philosophisches Buch steht. Hat der Professor etwas damit zu tun? Heißt er wirklich Gregor Stein, wie in seiner Ausgabe von Kants Kritik der reinen Vernunft steht? Welche Rolle spielt der undurchsichtige Joker? Und wer sind die Leute, die um jeden Preis verhindern wollen, dass das Buch gefunden wird und die Welt verändert? Eines Nachts brennt die Laubenkolonie, der Professor verschwindet, Lena hält das Buch in der Hand und muss eine Entscheidung treffen.

Sabine Brandenburg, geboren 1957 in Pforzheim, absolvierte nach dem Abitur eine Goldschmiedelehre und studierte Schmuckdesign und Literaturwissenschaft. Sie lebt als freie Designerin in Staufen bei Freiburg.

Für meine Lehrer

Inhaltsverzeichnis

Prolog

22 m

2

Alles auf Null

Dyskalkulie

Niki

KdrV

Kino

Auf dem Balkon

Laubenpieper

Mignon

Sokrates

Datenklau

Joker

O.H. So 14.30 B3

Existenz

Besuch

Unsterblichkeit

Das Konvolut

Das Fest

Der weiße Seestern

Die Zeitschleuse

Das Buch

Delphi

Epilog

Prolog

Nein, ich werde nicht springen!

An meinen neuen Nike-Sneakers vorbei schaue ich in den Abgrund, tief unten rauscht ein Fluss, etwas weniger weit unten rauschen Baumkronen, idyllisch, wenn man es von der richtigen Seite des Brückengeländers aus betrachtet. Selbstmord ist das einzige philosophische Problem, hat mal jemand gesagt, und das hier ist Selbstmord, trotz des Bungee-Seils an meinen Fußgelenken und der aufmunternden Kommentare in meinem Rücken: „Du schaffst das, wir haben es auch geschafft, gib dir einen Stoß, es ist toll, wirklich, das musst du einfach erlebt haben, danach fühlst du dich wie ein neuer Mensch!”

Wo ist Karsten? Er weiß, dass ich Höhenangst habe, er weiß, wie ich mich in diesem Moment fühle, er muss es wissen, so lange wie wir schon zusammen sind, aber anscheinend interessiert es ihn nicht, er unterhält sich mit Sandra, schaut nicht zu mir hin. Also muss ich springen. Ich löse meine verkrampften Finger vom Geländer, breite die Arme aus, Beifall in meinem Rücken, „los, du machst das, super, wir wussten, dass du es schaffst” - jetzt ist alles egal, ich verabschiede mich von der Welt, kippe langsam vornüber, meine Füße rutschen von der Kante ab, ich befinde mich im freien Fall - Luft ist dichter als ich dachte, sie bremst mich, in gefühlter Zeitlupe schwebe ich dem Abgrund entgegen -

„Die Welt ist alles, was der Fall ist” sagt eine Stimme an meinem linken Ohr.

„Es gibt Menschen, die aus der Welt fallen”, Antwort von der rechten Seite.

Erstaunlich, was Adrenalin mit einem ganz normalen Gehirn anstellt, ich höre Stimmen!

„Diese Erfahrung macht sie gerade: sie fällt aus ihrer Welt.”

„Alle Erkenntnis hebt mit der Erfahrung an.”

„Es gibt Erfahrungen, die möchte man nicht teilen.”

„Niemand kann die Erfahrungen eines Anderen teilen.”

Befände ich mich auf dem Boden der Tatsachen, dann würde ich sofort einen Termin beim Psychotherapeuten vereinbaren, aber in meinem speziellen Fall muss ich das bis auf Weiteres aufschieben -

„Die Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung sind zugleich die Bedingungen der Möglichkeit der Gegenstände der Erfahrung.”

Das kam von hinten, eine unangenehm scharfe Stimme. Ich versuche, den Kopf zu drehen, aber meine ungewohnte Position, Füße oben, Kopf unten, Geschwindigkeit gefühlte 100 km/h, erschwert diese einfache Aktion.

„Sie hat unbestreitbar philosophisches Talent!”

Morgen - falls es das geben sollte - rufe ich in der Praxis an, die Karla mir empfohlen hat -

„Inwiefern?”

„Sie hört uns aufmerksam zu, während sie in den Abgrund stürzt. Philosophieren heißt sterben lernen, wie ich bei passender Gelegenheit anmerkte.”

Die rote Markierung am Brückenpfeiler, in deren Höhe bei den Anderen das Seil sich spannte und den Fall sanft abbremste, saust vorbei. Nichts passiert. Ich falle ins Nichts.

„Keine Angst, es passiert Ihnen nichts, jedenfalls nichts Schlimmes, nur ein kleiner Unfall, wir haben alles im Griff.”

„Gegenstände der Erfahrung können hart sein.”

Etwas trifft meinen Kopf, oder umgekehrt.

Stille.

_____________________________________________

„Lena?”

Das war Karstens Stimme. Ich bewege mich nicht, öffne nicht die Augen.

„Kannst du mich hören?”

Kann ich, klar.

„Wach auf, bitte!”

Ich bin wach, mein Schatz, aber da ist etwas in meiner Erinnerung, das mir sagt, ich sollte lieber so tun, als wäre ich es nicht.

Eine unbekannte Stimme sagt: „Lassen Sie ihr Zeit, sie ist noch nicht so weit. Aber sie wird bald aufwachen, das versichere ich Ihnen.”

Das Geräusch einer Tür, die ins Schloss fällt.

Dann eine nicht eindeutig lokalisierbare Stimme (über mir? Neben mir?):

„Können Sie mich hören?”

Ich schlage die Augen auf. Ein Krankenzimmer, ein Krankenhausbett, ein Bein, das schräg vor mir aufragt, der Fuß hängt in einer Schlinge - ist das mein Bein? Ich komme nicht dran und befühle stattdessen meinen Kopf, fühle Verbandsmull außen und Schmerzen innen.

„Verstehen Sie mich?”

Es ist niemand im Zimmer außer mir. Der Fernseher ist nicht eingeschaltet, das Kabel hängt lose. Radio sehe ich keines, mein Handy auch nicht. „Ja, ich kann Sie verstehen, aber wer spricht?”

„Gute Frage! Unser kleines Experiment scheint gelungen zu sein.”

„Warum haben wir sie ausgewählt?”

„Sie wird zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein.”

„Das ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung.”

„Sie ist intelligent -

danke! -

- genug für unsere Zwecke.”

„Menschen sind Zwecke an sich und dürfen nicht als Mittel zu fremden Zwecken missbraucht werden! Ich kann Ihr Vorgehen nicht gutheißen!”

Die unangenehm scharfe Stimme sagt die Wahrheit, nach meiner bescheidenen Meinung.

„Ihr Einwand kommt zu spät, die Geschichte hat schon angefangen. Der dritte und wichtigste Grund, warum wir uns für diese Person entschieden haben: sie ist gerade aus ihrem bisherigen Leben herausgefallen und daher völlig frei und ungebunden. Nur weiß sie das noch nicht.”

22 m2

Das Ikea-Klappbett ist eine echte Herausforderung. Ich habe es auf dem Weg von Wohnung A nach Wohnung B gekauft. Bisher gehörten Klappbetten nicht zu der Art Möbel, die mich interessierten.

Meine neue Wohnung liegt am Stadtrand, zweiundzwanzig Quadratmeter (sagte die freundliche Maklerin und zeichnete den Grundriss mit Tisch und Bett auf die Rückseite des Mietvertrags, damit ich mir was darunter vorstellen konnte), mit Aussicht auf den nächsten Baum, Kochnische, Balkon zum einmal Herumdrehen, vierter Stock am Ende des Flurs, dort wo keiner hinkommt, nicht freiwillig und nicht aus Versehen. Genau was ich will. Ich bin am Ziel, manche würden sagen am Ende. Egal. Hauptsache angekommen.

Bis auf ein Möbelstück habe ich alles alleine raufgetragen. Jetzt sitze ich zwischen Umzugskartons und Brettern, von denen ich nicht weiß, ob sie zum Bett, zum Regal oder zum Kleiderschrank gehören, und versuche vergeblich, die Aufbauanleitung für das Klappbett zu verstehen. Es ist elf Uhr nachts, ich bin ziemlich müde, der Tag war anstrengend, also verschiebe ich die Aktion auf morgen. Die Matratze steht hinter ein paar Brettern, die zu meinem Kleiderschrank gehören. Zum Zudecken finde ich nur meinen alten Mantel, aber egal.

Am Morgen wache ich mit knurrendem Magen auf, Abendessen ist gestern ausgefallen. In irgend einem der Kartons sind Küchenutensilien und etwas Essbares. Dummerweise habe ich sie nicht beschriftet, dazu war keine Zeit, ich wollte fertig sein, bevor Karsten aus dem Büro kommt. Also einen nach dem anderen aufmachen.

Bücher, Bücher, Klamotten, Handtücher, Waschzeug, brauche ich auch gleich, aber erst was essen. Ich war zum Glück so schlau, Karstens Kühlschrank auszuräumen, deshalb gibt es jetzt Frühstück, Toast, Ei, ein bisschen Wurst und eine Kanne Tee. Ich öffne die Balkontür, Straßenlärm, aber auch ein bisschen Sommergeruch. Noch ist Sommer. Eigentlich hätte ich Lust, draußen zu frühstücken, aber der Tisch passt nicht durch die Tür, egal, ich stelle ihn direkt davor, auch gut. Während ich meinen Toast kaue, betrachte ich den Baum vor dem Fenster. Das ist das Beste an dieser Wohnung, der Baum, ein riesiger altes Ahornbaum, wahrscheinlich so alt wie die Wohnsiedlung, sechziger Jahre, alt, was die Häuser betrifft, kein Aufzug, schlecht schließende Fenster, abgewetzte Linoleumböden. Bestes Alter für den Baum. Noch sind die Blätter grün, ein paar Meisen turnen zwischen den Zweigen und unterhalten sich. Der Baum verdeckt den Wohnblock gegenüber, schmuddeliger Rauputz, Balkonverkleidungen aus fleckigem Eternit, überall die gleichen Blumenkästen, auch aus Eternit, der Lieblingsbaustoff der Sechziger, garantiert asbesthaltig. Die meisten sind leer, in manchen wächst Unkraut, ab und zu Geranienrot oder Petunienviolett, das zwischen den Ahornblättern leuchtet. Im Winter werde ich leider die Fassade anschauen müssen, na, egal.

Nach dem Frühstück nehme ich mir die Aufbauanleitung für das Klappbett wieder vor, dieses Mal mit größerem Erfolg. Gegen Mittag steht ein unauffälliger weißer Schrank in einer Ecke meiner Wohnung, ich klappe probeweise das Bett runter und wieder rauf, runter und wieder rauf, der Mechanismus seufzt dezent, wenn die Klappe schließt und die Matratze verschwindet. Also, das wäre geschafft! Eigentlich könnte ich bei Ikea anfangen. Der Rest ist Routine, mein Kleiderschrank, der Schreibtisch, jetzt Multifunktionsmöbel, Schreibtisch, Esstisch, Küchentisch. Das einzige nicht-Ikea-Möbel in meinem Haushalt (und das einzige; das ich nicht selbst getragen habe) ist eine Kommode, die sich meine Eltern für ihre erste Wohnung angeschafft haben, zusammen mit einer Eckbank und einem massiven Tisch, die ich beide zum Glück nicht mehr besitze, sonst hätte sich der nette junge Mann aus der Nachbarschaft, der die Kommode (Vorkriegs-Qualität) die Treppen rauf gewuchtet hat, wahrscheinlich einen Bandscheibenvorfall geholt. Egal, Hauptsache sie steht hier und erinnert mich daran, dass ich irgendwoher stamme. Ich fülle sie mit Unterwäsche, Bettzeug, Handtüchern und all dem Kram, der sonst nirgends Platz hat.

Ich habe den Sitzsack mitgenommen. Eigentlich gehört er Karsten, denn er wollte ihn damals unbedingt haben, als wir in diesem Designmöbelgeschäft rumliefen. Ich fand ihn total albern und überflüssig, so ein Ding, das tatsächlich niemand braucht und genau deshalb jeder unbedingt haben muss. Aber als ich gestern alles eingepackt hatte und, die Türklinke in der Hand, noch mal einen Blick zurück in die Wohnung warf, in der ich mich zehn Jahre lang zuhause gefühlt hatte, da drängte er sich sozusagen auf, der knallorangene (na ja, nicht mehr ganz knallorangene) zerknautschte Sack, der traurig in der Ecke lag, Relikt einer vergangenen Zeit, und ich musste ihn einfach mitnehmen.

Am Abend ist meine Klause so gut wie eingerichtet. Ich setze mich auf den einzigen Stuhl an meinen Universaltisch, entkorke eine Flasche Wein, der Sitzsack schaut mir zu, ich versuche, seinen Gesichts- (Gesichts??) Ausdruck zu analysieren, frage mich, ob er sich wohlfühlt und mit der Veränderung seiner Lebensumstände, na ja, Existenzumstände, einverstanden ist, die ihm einen Ehrenplatz auf zweiundzwanzig Quadratmeter einräumen, Aufmerksamkeit garantiert, oder ob er lieber in einer vergessenen Ecke einer zweihundert Quadratmeter Luxuswohnung verstaubt wäre. Ich proste ihm zu, „auf uns beide, du alter Sack”, bilde mir ein, dass sich eine Falte in seinem runzeligen Gesicht vertieft, stelle die angebrochene Flasche in den Kühlschrank und lege mich angezogen ins Bett, verschiebe das Duschen auf morgen.

Es ist hell, viel zu früh für meinen Geschmack. Der alte Sack grinst mir einen guten Morgen zu. Ich beschließe, einen Vorhang zu kaufen, lichtdicht. Zum Frühstück gibt es nur Tee, es sei denn, ich gehe zum Supermarkt. „Würdest du so nett sein, uns was zum Frühstück zu besorgen?”, frage ich den Sack, aber er braucht nichts, deshalb muss ich wohl selber gehen. Auf dem Rückweg, Brot, Wurst, Butter und Marmelade in der Einkaufstüte, sehe ich mich zufällig in einem Schaufenster gespiegelt, eine Frau mittleren Alters, ungekämmte Haare, Tränensäcke unter den Augen, schleppt ihre Einkäufe nach Hause, sieht irgendwie alleinstehend aus, nicht besonders gut angezogen, man könnte auch sagen, etwas ungepflegt, hängende Schultern in einer abgewetzten Lederjacke - bin das ich? Fange ich schon an, dem alten Sack ähnlich zu sehen? Im Hausflur begegnet mir die alte Dame aus der Wohnung nebenan, vielleicht um die achtzig, wie aus dem Ei gepellt, die weißen Haare sorgfältig geföhnt und mit Haarspray fixiert, dunkler Blazer, Handtasche, sie grüßt mich freundlich, ich brumme irgendwas zurück. Was denkt sie wohl von mir? Ich habe mich noch nicht als neue Nachbarin vorgestellt, laufe ihr unausgeschlafen und schlampig über den Weg, bringe es nicht mal fertig, anständig „guten Morgen” zu sagen. Morgen werde ich bei ihr klingeln und ihr ein paar Blumen mitbringen. Oder irgendwann.

Ich dusche zum ersten Mal im neuen Leben. Der Wasserstrahl ist schlapp, es dauert, bis er warm wird, ich werde mich dran gewöhnen. Der Spiegel über dem Waschbecken ist gesprungen, das war er schon, bevor ich eingezogen bin, ich hätte es dem Vermieter melden sollen. Der Vermieter ist eine Wohnungsbaugesellschaft, also hätte ich mich durchtelefonieren müssen, bis ich jemanden gefunden hätte, der für zerbrochene Spiegel in Wohnblock eins, Feldstraße dreiundzwanzig, zuständig ist. Zu diesem Zweck hätte ich eine Telefonzelle (gibt es so was noch irgendwo?) ausfindig machen müssen, denn ich besitze kein Telefon, weder mobil noch Festnetz. Nicht dass ich kein Telefon bezahlen könnte, dafür reicht's grade noch, wie mir der hilfsbereite Bankangestellte ausrechnete, bei dem ich ein Konto eröffnete, aber ich will kein Telefon. Ich will nicht, dass mich jemand anruft und ich will niemanden anrufen, basta. Ich will nicht, sollte mir mal die Decke auf den Kopf fallen, wie man so sagt, neben dem Telefon sitzen und es anstarren, weil ich hoffe, dass vielleicht doch jemand anruft, oder darum herumschleichen, weil ich mit jemandem reden möchte, aber nicht zugeben will, dass es mir mies geht und deshalb niemanden anrufen will, der das dann sofort merken würde. Außerdem, wen sollte ich anrufen? Die Freunde und Bekannten aus meinem alten Leben sind nicht mehr meine Freunde und Bekannten, und andere habe ich zur Zeit nicht. Und sollte ich mal dringend einen Arzt brauchen, kann ich bei meiner netten achtzigjährigen Nachbarin klingen, die auf jeden Fall ein Telefon hat, und wenn ich das nicht mehr schaffe, brauche ich auch keinen Arzt mehr. Basta.

Beim Zähneputzen stoße ich aus Versehen gegen den Spiegel, die beiden Stücke lösen sich aus der Halterung und verabschieden sich mit Getöse, ich versuche, mit heilen Fußsohlen das Bad zu verlassen, um Kehrschaufel und Besen zu suchen, die ich hundertprozentig mitgenommen habe, aber wo habe ich sie hingeräumt? Selbst eine winzige Wohnung wie diese ist groß genug, um was zu suchen. Was ich dringend brauche ist ein Staubsauger, obwohl das mein Budget etwas strapazieren wird; aber ohne Staubsauger fühle ich mich hilflos, wehrlos dem Dreck ausgeliefert, der sich unabwendbar ansammelt, Krümel, Flusen, tote Fliegen, Haare, und in so einer Miniwohnung verteilt alles sich überall, Krümel im Bad, Haare in der Kochnische, grauenvoll! Meine Aufgabe für den heutigen Tag lautet demnach: in die Stadt fahren und einen Staubsauger kaufen, möglichst billig und möglichst gut! Keine leichte Aufgabe in meinem speziellen Fall.

Alles auf Null

Die Tage werden kürzer, das ist mir recht. Abends sitze ich in meiner Wohnung wie in einem Raumschiff, das von der Erde abgehoben hat und ohne Funkverbindung im All schwebt. Ich ziehe den Vorhang zu - neue Errungenschaft, orangefarben wie der alte Sack, ich wollte ihm eine Freude machen, damit er sich nicht mehr so alleine fühlt. Außerdem tageslichtdicht für Spätaufsteher. Das Licht meiner Deckenlampe (Energiesparbirne) scheint widerwillig freundlich auf mich und den Sack herab, der sich räkelt (jedenfalls scheint es mir so), und ich beschließe, den letzten Karton auszupacken. Er steht neben dem Kühlschrank, ich habe ihn glatt vergessen, so unsichtbar hat er sich gemacht, und trotzdem war er immer da, ich habe ihn in Wahrheit keine Sekunde vergessen, auch wenn ich es vielleicht insgeheim wollte. Ich ziehe also den letzten Karton aus seinem Versteck neben dem Kühlschank und fummle die ineinander verschränkten Teile des Deckels auseinander - keinen habe ich so sorgfältig verschlossen und auch noch mit Klebeband zugeklebt, als wollte ich ihn in Wahrheit nie mehr aufkriegen. Sein Inhalt ist mit mehreren Lagen Wellpappe gesichert, die restlichen Hohlräume mit Verpackungschips ausgefüllt (so was findet sich zuverlässig in Karstens Materiallager, er sammelt so ziemlich alles, was sich verwenden lässt, das meiste davon verwendet er nie, aber in diesem Fall kam mir seine Veranlagung zum Messie zugute.) Ich wuchte das unförmig eingepackte Ding auf meinen Ess-Schreib-Küchentisch und lasse es da erst mal stehen. Muss mich sozusagen an seine Anwesenheit gewöhnen, und während es da so getarnt durch mehrere Lagen Pappe scheinbar unschuldig rumsteht, spüre ich schon den Anspruch, den es an mich stellt. Der ominöse Inhalt des Kartons ist ein iMac G3, Baujahr 1998, Betriebssystem uralt. Ich habe ihn aufgehoben, weil er mir einfach gefällt mit seinem Sechzigerjahre-Fernseher-Look. Er ist mit eigentlich nichts mehr kompatibel, kein brauchbarer Internet-Browser, aber das stört mich nicht, weil ich ja sowieso keinen Internetanschluss habe. Ja, im Ernst. Klar könnte ich einen beantragen, ist ja sogar Härtefalltauglich, so viel ich weiß, Internetanschluss ist sozusagen überlebenswichtig, wer noch irgendwie vor hat, Geld zu verdienen, kommt nicht ohne aus. Aber das habe ich nicht mehr vor. Ich will kein Geld mehr verdienen, das ist mein voller Ernst. Jedwede Tätigkeit, die sich dazu eignet, werde ich strikt vermeiden.

Täusche ich mich, oder macht der Sack ein komisches Gesicht, während ich den Mac aufstelle, den Stecker in die Steckdose stecke (Dreifachwiederholung, krasser Stilfehler, aber egal) und ihn hochfahren lasse? Sollte er etwa eifersüchtig sein? Darauf kann ich im Moment keine Rücksicht nehmen, werde mich später um ihn kümmern. Der Mac stand im Keller, wo wir unser Büromaterial lagern, Kopierpapier, Druckerpatronen, Klarsichthüllen und so was. Keller ist nicht ganz richtig, es ist in einzelner Raum im Stockwerk unter uns, gehörte eigentlich zur Wohnung nebenan, aber das Paar, das dort vor ein paar Jahren einzog, wollte nicht so viel Miete zahlen und überließ uns ein Zimmer zur Untermiete. Damals hatten wir die Idee, uns selbständig zu machen, eine kleine Werbeagentur aufzuziehen, erst mal neben unseren Jobs, bevor wir den Sprung ins kalte Wasser wagten, na ja, wir hatten viele Pläne im Lauf der Jahre, immer wieder andere, mehr oder weniger abenteuerlich, aber zuletzt haben wir keinen davon verwirklicht, sondern einfach unsere gut bezahlten Jobs behalten mitsamt dem Frust und Stress und Burnout, über den man abends beim Italiener so schön jammern und von dem man sich ab und zu durch getürkte Krankschreibungen erholen konnte.

Es dauert eine Weile, bis der Bildschirm im vertrauten Blau leuchtet, und ich mich wieder zurechtfinde. Als Erstes lösche ich die Fotos.

„Wollen Sie wirklich das Album ,Skiferien in Obertauern‘ löschen?” fragt er mich ungläubig, und ich klicke auf „löschen”. Ja ich will! Yes I can!

„Wollen Sie wirklich das Album Mittelmeer-Kreuzfahrt auf der Aida löschen? Wellnessurlaub mit meinen Freundinnen? Golf-Schnupperkurs in Neuseeland?” Alles weg ohne noch mal reinzuschauen. Erinnere mich nicht mehr daran.

„Wollen Sie wirklich das Album ,Eule‘ löschen?” Eule? Ich mache es auf und erinnere mich! Das war im Herbst vor drei Jahren gewesen, wir wollten spontan irgendwo hin fliegen, konnten uns auf kein Ziel einigen — USA? Zu stressig. Malediven? Zu weit. Südfrankreich? Nichts mehr zu kriegen. Also blieben wir zuhause. Fuhren jeden Tag irgendwo raus, wandern, ins Museum, Stadttouren. Das war richtig schön, noch nie hatten wir uns die nahe Umgebung so intensiv angesehen, hatten keine Ahnung gehabt, was es da alles zu sehen gibt. Und dann am letzten Sonntag der Spaziergang im herbstlichen Wald, Sonnenstrahlen, die durch farbiges Laub fallen, Geruch nach Pilzen und feuchter Erde. Das letzte Stück kürzten wir ab, eine ungemähte Wiese hinunter, ich ging hinter Karsten her, vorsichtig im feuchten Gras, hatte Angst auszurutschen, da hörte ich ihn rufen: „Komm mal her, ich hab was gefunden!” Ich lief zu ihm runter, er hockte auf dem Boden und betrachtete irgendwas, das im hohen Gras lag. Als ich neben ihm stand, schob er die Halme auseinander und ich blickte in zwei orangefarbene Augen. Eine Eule! Noch nie hatte ich eine so in der Nähe gesehen, ehrlich gesagt, ich hatte überhaupt noch nie eine gesehen, nur auf Fotos. Sie knappte mit dem Schnabel und fauchte wie eine Katze.

„Was ist mit ihr?”

„Keine Ahnung, vielleicht hat sie einen Flügel gebrochen, jedenfalls bleibt sie hier sitzen und fliegt nicht weg. Das ist ja wohl nicht normal, denke ich.”

Was tun? Wer kann einem am Sonntag Nachmittag sagen, was man mit einer flugunfähigen Eule anfangen soll? Karsten telefonierte rum, nach einiger Zeit hatte er jemanden ausfindig gemacht, der für so was zuständig war.

„Wir sollen die Eule in ein Decke einwickeln, vorsichtig, damit sie uns nicht verletzt und wir sie nicht. Dann sollen wir sie in die Wildtierstation bringen, nicht weit von hier, er hat mir den Weg beschrieben.”

„In was für eine Decke?” Karsten zuckte mit den Schultern, darüber hatte er wohl nicht nachgedacht. Unser Auto stand nicht weit weg, aber eine Decke hatten wir nicht dabei. Ich zog meine Windjacke aus und den Pullover, den ich drunter anhatte, und kniete mich neben die Eule. Sie fauchte und grub ihren gebogenen Schnabel in die Wolle, während ich versuchte, sie aus dem Gras rauszuholen, aber was wie Grashalme aussah, war eine besonders ekelhafte Sorte Kletten, die sich im Gefieder der Eule festgesetzt hatte. Karsten hatte wie immer sein Taschenmesser dabei und operierte damit den Vogel aus der Botanik. Wir lieferten die Kleine zusammen mit meinem Pullover bei der Auffangstation ab. Es war ein richtig teurer Pullover, Armani, so was konnte ich mir damals leisten, ich sah ihn nie wieder, aber die Eule war es wert.

Dyskalkulie

Die Sonne scheint und ich beschließe, einen Ausflug in die Stadt zu machen, zu Fuß. Erstens brauche ich Bewegung und frische Luft, in den beiden ersten Tagen meines neuen Lebens habe ich die Wohnung nur einmal verlassen, um über die Straße zum Supermarkt zu gehen. Zweitens muss ich wieder lernen, mich zu orientieren. Früher (das heißt, vor dem Unfall) fiel mir das leicht, auch in einer fremden Stadt hatte ich kein Problem, mich zurecht zu finden. Jetzt fühle ich mich überall wie in einem Labyrinth, nach der ersten Abbiegung habe ich den Überblick verloren. Ein Auto mit Navi, das wär's, überschreitet aber definitiv mein Budget. Als ich nach dem Umzug den Transporter bei InterRent abgab, wurde mir plötzlich klar, dass das wahrscheinlich meine letzte Autofahrt in diesem Leben war. Aber egal.

Draußen lege ich mir einen zielgerichteten Schritt zu, das heißt, den hatte ich eigentlich schon immer, Trödeln war nie mein Ding, aber streng genommen gibt es keinen Grund für zielgerichtetes zügiges Gehen, denn ich habe kein Ziel und keine Termine. Trotzdem gebe ich mir den Anschein, als hätte ich etwas Dringendes zu erledigen.

Das Nichtauskennen hat auch positive Nebenwirkungen, denn ich sehe jetzt andere Sachen als früher. Zum Beispiel die Leute, deren Arbeitsplatz die Straße ist, die ihr Geld verdienen, indem sie ein Instrument spielen oder als Marmorfigur an der Ecke stehen. Andere stellen ihre Armut oder ein Gebrechen zur Schau, das sie vielleicht gar nicht haben, aber der Appell an das schlechte Gewissen der Passanten zahlt sich aus. Dann gibt es noch die Unverfrorenen, junge Typen mit oder ohne Hund, die aggressiv um einen Euro für Essen bitten, die Bierflasche in Sichtweite. Das funktioniert auch. Ich analysiere finale Geschäftsideen für den Fall, dass ich sie eines Tages brauchen werde. Weil ich die Miete nicht mehr bezahlen kann oder krank werde (meine Krankenversicherung habe ich gekündigt). Zum ersten Mal schaue ich mir diese Leute wirklich an und kaufe einem netten Jungen eine Obdachlosenzeitung ab. Wünsche ihm einen guten Tag. Er lächelt. Sehr weit bin ich nicht von ihm entfernt, aber immerhin habe ich ein sicheres, wenn auch kleines Einkommen: die Rente, meinem Alter entsprechend niedrig, und ein paar Euro Zinsen von Abfindung und Schmerzensgeld, die der Bankmensch für mich angelegt hat. Wie viel da monatlich zusammenkommt, hat er mir vorgerechnet, ich habe es schon wieder vergessen, denn Zahlen verstehe ich nicht mehr. Ziffern sagen mit so viel wie Keilschrift und meine Rechenkompetenz ist etwa die eines zweijährigen Kindes. Meinen Job musste ich aufgeben, wegen fast vollständiger Dyskalkulie, ausgelöst durch ein Schädel-Hirn-Trauma.

Lesen kann ich noch, Glück gehabt, auf Zahlen verzichte ich gern, das macht das Leben irgendwie entspannter, aber ohne die Parallelwelt der Bücher käme ich nicht zurecht. Also zu Thalia, in den Regalen stöbern, seit drei Monaten bin ich nicht mehr auf dem Laufenden, was die Literaturszene so treibt. Gibt es interessante Neuerscheinungen? Oder verborgene Schätze, über die niemand redet? Irgendwann sagt mir mein Magen, dass ich mich für ein Buch entscheiden sollte, die Uhr sagt, dass ich drei Stunden mit Lesen verbracht habe (analoge Uhren sind kein Problem), mit der Zeit nehme ich es auch nicht mehr so genau. An der Kasse werde ich dann doch ungeduldig, lege einen Schein hin, die Frau sieht mich fragend an, also zu wenig, ich lege noch einen dazu und lächle entschuldigend. Draußen habe ich für einen Moment vergessen, dass mein Leben sich geändert hat, und nehme Kurs aufs Parkhaus, bis mir einfällt, dass ich kein Auto besitze und zu Fuß hergekommen bin. Ich mache auf dem Absatz kehrt und gehe in die Richtung, in der sich mein neues Zuhause befindet.

Die Wohnblocks Feldstraße 23 sind nicht weit von der Innenstadt entfernt, trotzdem bin ich früher nie in dieser Straße gewesen, sie gehörte ganz einfach nicht zu meiner Stadt. Ich bin in eine andere Stadt gezogen, als ich die Adresse gewechselt habe. Unterwegs mache ich eine Entdeckung. Eine Telefonzelle. Aber nicht zum Telefonieren. Sie ist zu einer Mini-Bibliothek umfunktioniert worden. Man kann ein Buch hinbringen, das man loswerden will, und ein anderes dafür mitnehmen. Genialer Gedanke, denn das Problem mit Büchern ist ja, dass sie die Tendenz haben, sich ziemlich unkontrolliert zu vermehren. Jedenfalls wenn man ein ziemlich süchtiger Leser ist. Mein Problem mit dem Tauschsystem wäre allerdings, dass ich mich von den meisten Büchern, die ich gelesen habe, nicht trennen kann. Ich muss sie in Reichweite haben, ab und zu die Titel auf den Buchrücken lesen und mir in Erinnerung rufen, was drinsteht. Aber ein paar sind dazwischen, die könnte man schon mal gegen andere eintauschen, ehrlich gesagt, es gibt auch welche, die ich gerne los werden würde, aber ich kann Bücher nicht wegwerfen. Und Bücher, die ich nicht mag, kann ich auch nicht verschenken. Also, man sollte es sich gut überlegen, bevor man sich mit einem Buch einlässt, es könnte zur unangenehmen Kategorie der falschen Freunde gehören. Natürlich kann ich es nicht lassen, die Telefonzelle zu betreten und mir die Bücher anzuschauen, trotz knurrendem Magen. Mein Lesehunger ist definitiv stärker.

Beim Hinausgehen halte ich die Tür einem älteren Herrn mit weißem Haar und ebensolchem Bart auf, er bedankt sich und mustert die Regale. Ich habe das Gefühl, ihn heute schon mal gesehen zu haben. Saß er nicht an der Ecke beim Kaufhof, versunken in ein Buch, sodass er gar nicht bemerkte, wenn jemand (zum Beispiel ich) eine Münze in seinen fleckigen, ehemals eleganten schwarzen Hut warf, der jedenfalls schon bessere Zeiten gesehen hatte? Ich bleibe stehen und beobachte, wie er einen Band aus dem Regal zieht und das Buch, das er unter den Arm geklemmt hat, dafür hineinstellt, einen dicken Wälzer mit grünem Einband. Jetzt will ich wissen, was er sich ausgesucht hat, bleibe vor einem Schaufenster stehen, bis er an mir vorbeigeht, und entziffere den Titel auf dem Buchrücken, der unter seinem Ellenbogen hervorschaut: „Harry Potter und der Stein der Weisen”. Was hat er für den ersten Harry-Potter-Band eingetauscht? Ich gehe zurück zur Telefonzelle, suche nach einem grünen Einband, da steht das Buch: „Kritik der reinen Vernunft” von Immanuel Kant, philosophische Bibliothek, Felix Meiner Verlag. Der Alte fängt an, mich zu interessieren. Ich schlage das Buch auf, innen klebt ein Exlibris, Prof. Dr. Gregor Stein. Ich nehme das Buch mit. Einen Augenblick denke ich darüber nach, meinen neu erworbenen Roman an seiner Stelle da zu lassen, um die entstandene unübersehbare Lücke auszufüllen, aber ich will ihn gerne lesen. Also verlasse ich die Telefonzelle mit einem mir unrechtmäßig angeeigneten Hauptwerk der abendländischen Philosophie, von dem ich garantiert kein Wort verstehen werde, aber vielleicht bringt es mich auf die Spur eines ehemaligen Professors, dem an der Ecke beim Kaufhof manche Leute einen Euro in den Hut werfen, weil er in aller Öffentlichkeit ein Buch liest.

Zuhause beiße ich in ein trockenes Frühstücksbrötchen, lasse mich auf dem Sack nieder, schlage das Buch auf - nein, nicht den Roman - und versuche, zu lesen. Da stehen zwar keine Zahlen, sondern Buchstaben, die sich zu Worten und Sätzen formieren - und was für Sätzen! -