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Die neunzehnjährige Zosia leidet sehr unter dem Tod ihrer Mutter. Als ihr Vater ihr verkündet, dass er einen Job in Japan angenommen hat, kommt ihr der Tapetenwechsel daher gerade recht. Dass sie ausgerechnet in Tokio auf Finn O‘Leary trifft, hat Zosia allerdings nicht erwartet. Finn ging auf ihre Highschool, wo er den Ruf als unnahbarer Einzelgänger hatte. Doch nun stellt Zosia fest, dass auch Finn eine Vergangenheit hat, vor der er davonläuft. Die beiden beschließen, gemeinsam die Stadt zu erkunden, und je mehr Zeit sie miteinander verbringen, desto näher kommen sie sich. Und spüren bald ganz deutlich, dass dieser Sommer unvergesslich werden könnte ...
Dieser Roman ist in einer früheren Ausgabe bereits bei LYX.digital unter dem Titel EIN SOMMER IN TOKIO erschienen.
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Seitenzahl: 472
Veröffentlichungsjahr: 2020
Titel
Zu diesem Buch
Widmung
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Danksagung
Die Autorin
Die Romane von Brenda St. John Brown bei LYX
Leseprobe
Impressum
BRENDA ST. JOHN BROWN
Meet me in Tokyo
Roman
Ins Deutsche übertragen von Frauke Lengermann
Die neunzehnjährige Zosia leidet sehr unter dem Tod ihrer Mutter. Als ihr Vater ihr verkündet, dass er einen Job in Japan angenommen hat, kommt ihr der Tapetenwechsel daher gerade recht. Dass sie ausgerechnet in Tokio auf Finn O’Leary trifft, hat Zosia allerdings nicht erwartet. Finn ging auf ihre Highschool, wo er den Ruf als unnahbarer Einzelgänger hatte. Doch nun stellt Zosia fest, dass auch Finn eine Vergangenheit hat, vor der er davonläuft. Die beiden beschließen, gemeinsam die Stadt zu erkunden, und je mehr Zeit sie miteinander verbringen, desto näher kommen sie sich. Und spüren bald ganz deutlich, dass dieser Sommer unvergesslich werden könnte …
Für alle, die sich schon mal in einem Buch verloren haben, nur um sich zwischen den Seiten wiederzufinden.
Ich wische mir die Nase mit dem T-Shirt-Ärmel ab, wobei ich das pinkfarbene Nike-Logo voll erwische. Eklig, aber nicht zu ändern.
Das kann durchaus mithalten mit der anderen Schleimspur, die ich gerade hinter mir herziehe.
»Es tut mir leid, Mrs Alvarez. Es ist nur … ich muss gleich zur Schule, und danach habe ich Schwimmtraining und Lerngruppe, und Babci muss das Medikament mittags und abends nehmen, und ich kann heute Abend nicht vor sieben zu Hause sein.« Uff. Ich höre mich an wie ein bettelnder Schlaubi Schlumpf. »Ich muss das Geld beim Joggen verloren haben. Ich komm noch mal wieder. Schon okay.«
Aber es ist nicht okay. Es ist schon Viertel vor acht, und in vierzig Minuten muss ich in meinem Kurs für nordamerikanische Literatur sein. Außerdem schwitze ich immer noch, was bedeutet, dass ich mein Haar nicht mal mit dem Föhn in den Griff kriegen werde. Eigentlich wollte ich heute keinen Pferdeschwanz tragen. Nicht mit der knallroten Nase und den glasigen Augen, die aussehen, als hätte ich weit Schlimmeres als Allergietabletten eingeworfen. Verdammter Heuschnupfen. Blöde Idee, ausgerechnet dann joggen zu gehen, wenn alles wie verrückt sprießt und blüht.
»Zosia, kann dein Vater nicht vorbeikommen, um sie abzuholen? Bevor er zur Arbeit fährt zum Beispiel?« Mrs Alvarez, die hinter der Kasse steht, mustert mich über den Rand ihrer Brillengläser hinweg, als wäre das eine echte Option. Das rote »W« des Walgreen-Schilds in ihrem Rücken setzt ihr zwei kleine rote Hörner auf.
Ich schüttele den Kopf. »Er nimmt zurzeit immer den Zug um neunzehn nach sechs.«
Wenn er um neunzehn nach sechs mit dem New-Jersey-Nahverkehrszug zur Penn Station in New York fährt und abends den Zug um vierundzwanzig nach acht zurück nimmt, kann er auf diese Weise dem Berufsverkehr entgehen. Das bedeutet aber auch, dass mein Dad täglich fünfzehn Stunden unterwegs ist. Seit Babci eingezogen ist, verlässt er sich darauf, dass sie mich im Auge behält. Dabei soll sie sich eigentlich ihrem »Genesungsprozess« widmen. Seine Worte, nicht ihre. Wie auch immer, meine Großmutter hier zu haben, erleichtert ihm das Leben. So hat er mehr Zeit, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren – und auf die Telefonstimme von gestern Abend, die ihn »Liebling« nennt.
Aber das ist eine andere Geschichte.
Ich greife nach dem zerknitterten, durchweichten Papierstreifen auf der Ladentheke und schiebe ihn wieder in meine Hosentasche. »Okay, ich komme mit den fünf Dollar wieder.«
»Ich kann dir fünf Dollar leihen, wenn du willst«, sagt da eine tiefe männliche Stimme hinter mir.
»O mein Gott. Vielen Dank.« Ich bin schon dankbar, bevor ich weiß, von wem das Angebot kommt. Ich drehe mich um, und mir klappt die Kinnlade runter, als ich Finn O’Leary vor mir stehen sehe, der eine Fünf-Dollar-Note aus seiner Brieftasche zieht.
Im Ernst jetzt? Finn O’Leary?
Genau der Typ, den ich stalken würde, wenn ich so drauf wäre.
Finn hält mir das Geld hin, und als ich nicht danach greife, legt er es auf die Ladentheke. Dank seines breiter werdenden Lächelns wird mir klar, dass ich ihn immer noch anstarre. Ich mit meinem roten Gesicht, dem widerspenstig abstehenden Haar und der laufenden Nase. Ich nestele den Papierstreifen wieder aus meiner Hosentasche. »Danke. Ähm, vielen Dank. Dann muss ich nicht wiederkommen. Ich bin eh schon spät dran, also danke.«
Finn strahlt mich an. Er hat ein tolles Lächeln. Und seine Oberarmmuskeln sind der Hammer. Während wir miteinander reden, sind sie gut zu sehen, zeichnen sich unter seinem dunkelblauen T-Shirt ab. »Ja, ich hab’s mitbekommen. Kein Problem.«
Ich bete zu Gott, dass er nicht sieht, wie ich rot werde. Mrs Alvarez ist deutlich anzusehen, dass sie sich das Grinsen verkneifen muss. Sie nimmt das Geld und reicht mir eine kleine Papiertüte. »Hier ist das Medikament. Ich wünsche dir einen schönen Tag, Zosia.«
Finns Augenbrauen wandern nach oben. Fast alle sagen nur Zo oder Zoe zu mir. Nicht dass mein Name Finn jemals über die Lippen gekommen wäre.
»Danke noch mal. Ich, ähm, zahl’s dir zurück«, verspreche ich ihm.
Er schüttelt den Kopf. »Es sind ja nur fünf Dollar. Mach dir mal keinen Stress.«
»Nein, wirklich. Ich kann mir doch nicht einfach fünf Dollar schenken lassen.«
»Lad mich einfach auf einen Kaffee ein, wenn ich das nächste Mal in der Gegend bin. Ist echt kein Ding«, sagt er, grinst mich an und nennt Mrs Alvarez seinen Familiennamen. Holt Finn ebenfalls ein Medikament ab? Ist er krank? Er sieht nicht krank aus. Ich würde sogar sagen, dass er kerngesund aussieht. Ich bleibe weitere zehn Sekunden wie angewurzelt auf dem grauen Fliesenboden stehen, bis mir klar wird, dass sich Finn und Mrs Alvarez zu mir umgedreht haben und mich anstarren, also stürze ich den nächsten Gang mit Damentoilettenartikeln hinunter. War ja klar. Falls Finn jemals einen zweiten Gedanken an mich verschwendet, dann darf in dem Bild in seinem Kopf auf keinen Fall eine Tamponschachtel fehlen.
Während ich unter der Dusche stehe, zerbreche ich mir abwechselnd den Kopf darüber, warum Finn nach Westfield zurückgekommen ist, und darüber, was er morgens um acht bei Walgreens macht. Weil es viel einfacher ist, sich zu fragen, was er in Westfield macht, als darüber nachzudenken, ob er tatsächlich von mir zum Kaffee eingeladen werden möchte – oder ob er nur höflich sein wollte.
Ich bin wirklich unverbesserlich. Total unverbesserlich.
Kein Wunder, dass meine letzte Beziehung gerade mal einen Monat gehalten hat. Verdammter Matt Cooper. Ich kann es immer noch nicht ertragen, ihn zu sehen, was aber weniger mit dem Scheitern unserer Beziehung als mit seiner Rückkehr zu seiner Ex zu tun hat – und das nur zwei Tage, nachdem ich mit ihm Schluss gemacht habe. Idiot. Meine beste Freundin Mindy sagt, dass ich kein Recht habe, sauer zu sein. Schließlich war ich diejenige, die ihm den Laufpass gegeben hat. Wahrscheinlich hat sie recht, aber es geht ums Prinzip.
Ich ziehe mir Jeans und Bluse an und schiebe ein Essstäbchen durch mein auf dem Kopf zusammengebundenes Haar. Innen ist es immer noch feucht, deshalb wird es sich später in einen gigantischen Wischmop verwandeln, aber dagegen kann ich nichts tun. Sicherheitshalber pflücke ich noch einen Seidenschal vom meinem Bettpfosten, ehe ich die Treppe hinunterstürze. Für den Fall, dass ich sie mir später nach hinten binden muss. Eine Baseballkappe wäre jetzt prima – oder noch besser eine dieser Skimasken, die das ganze Gesicht bedecken. Blöder Frühling. Dann hätte ich das Haar- und Allergieproblem auf einen Schlag gelöst.
»Dzień dobry.« Babci begrüßt mich zwar auf Polnisch, wendet den Blick aber nicht von der The Today Show ab, während ich an ihr vorbei in die Küche sprinte.
»Morgen«, antworte ich ihr auf Englisch, den Mund voll mit dem Toast, den sie für mich auf die Frühstückstheke gestellt hat. Was Frühstück angeht, ist Babci unerbittlich, und es ist einfacher nachzugeben, als mit ihr zu streiten.
»Ich habe nach der Schule noch Schwimmtraining und Lerngruppe, aber um sieben müsste ich wieder zu Hause sein.«
Ich greife nach der Papiertüte von Walgreens. »Hier sind deine Antibiotika. Der Arzt hat gesagt, dass du sie diese Woche zweimal täglich nehmen sollst, und danach wieder einmal täglich zum Mittagessen. Versprich mir, dass du daran denkst, sie zu nehmen.«
Babci schnauft nur, völlig absorbiert von Matt Lauer, der ein Mädchen interviewt, das in Montana einem Bärenangriff entkommen ist. Ich stelle mich vor den Fernseher und schwenke die Papiertüte. »Ten. Wy będziecie brać to, tak?« Hier. Du nimmst deine Tabletten, okay? Dieses Mal versuch ich’s auf Polnisch. Wenn ich ihre Aufmerksamkeit will, ist das der einzige Weg.
Sie greift nach der Tüte. »Dziękuję.« Danke. Streng genommen keine Bestätigung.
»Babci, jetzt mal im Ernst. Der Arzt hat gesagt, dass sich der Schnitt an deinem Arm entzündet hat, und du willst doch nicht, dass es noch schlimmer wird? Du musst diese Tabletten nehmen, in Ordnung?« Aus irgendeinem Grund verwandelt sich mindestens die Hälfte dessen, was ich zu ihr sage, am Satzende in eine Frage. Die Genervtheit in meiner Stimme ist trotzdem nicht zu überhören.
»Ich weiß. Mach dir keine Sorgen. Du klingst schrecklich. Bist du sicher, dass du heute Nachmittag zum Schwimmtraining gehen solltest?« Das V zwischen ihren Augenbrauen wird tiefer, während sie mich prüfend mustert.
Ich habe ihr letzte Woche dabei geholfen, sich das Haar zu färben. Jetzt hat es fast genau denselben Rotton wie meins, und ihre Falten fallen viel mehr auf, als wenn sie es einfach grau werden ließe.
»Nur eine kleine Erkältung. Mir geht’s gut.«
Das ist zwar keine Antwort, aber sie hakt nicht weiter nach. »Möchtest du Hackbraten zum Abendessen? Dein Vater hat gesagt, dass er heute früher nach Hause kommt. Offenbar gibt es Neuigkeiten.«
»Was für Neuigkeiten?«
Babci zuckte mit den Achseln. »Ich hab nicht gefragt. Aber wenn er heute früher zu Hause ist, gibt’s was Ordentliches zum Abendessen.«
»Solange ich keine Rote Bete essen muss, ist mir alles recht, okay?« Ich schneide eine Grimasse, und meine Großmutter sieht mich böse an.
Meine Abneigung gegen Rote Bete ist schon lange ein Streitpunkt zwischen mir und meiner polnischen Großmutter, die Rote Bete praktisch als eigene Nahrungsmittelgruppe betrachtet. Ich ertrage sie nur roh und geraspelt im Salat, und so was kommt in Queens, wo Babci normalerweise lebt, nicht vor. Vor drei Wochen ist sie auf dem Bürgersteig gestürzt, hat sich am Arm verletzt und den Knöchel verstaucht, deshalb wohnt sie jetzt bei uns in Westfield, bis sie wieder gesund ist. Und Genesungsprozesse sind Babcis Meinung nach auch das Einzige, wofür New Jersey gut ist.
»Deine Mutter würde sich im Grab umdrehen, wenn sie das hören könnte.« Das ist ihre Standardantwort, was die meisten Leute haarsträubend finden. Weil man keine Scherze über die tote Mutter macht, selbst wenn es drei Jahre her ist und Babci das völlig ernst meint. Meine Mutter hat sich mächtig ins Zeug gelegt, um mir Rote Bete schmackhaft zu machen, bevor sie es aufgab und ihr Scheitern dem amerikanischen Einfluss meines Vaters zuschrieb. Ich nehme an, dass sie sich auch klarmachte, dass ich immerhin Sauerkraut esse, und dass es manchmal ratsamer ist, sich seine Kräfte für die wirklich wichtigen Kämpfe im Leben aufzusparen.
»Mom hat nicht mal ein Grab.« Das wiederum ist meine Standardantwort. Mom wollte verbrannt werden und ihre Asche sollte im Hudson River und in der Weichsel, einem Fluss in ihrem Heimatland Polen, verstreut werden. Dort ist sie nun. Treibt für immer über das Wasser.
Ich werfe einen Blick auf die Uhr. Dreizehn Minuten nach acht. Noch zwölf Minuten, dann bin ich offiziell spät dran. Schon wieder. »Ich muss los. Wir sehen uns heute Abend, okay?«
Babci nickt und winkt, ihr Blick ist längst wieder zu Matt Lauers Lächeln zurückgewandert.
Ich schnappe mir Rucksack und Fahrradhelm, schwinge mich auf mein gegen die Tür gelehntes Mountainbike und radele an den in Reih und Glied stehenden Kolonialhäusern und den eineinhalbstöckigen Einfamilienhäusern im Cape-Cod-Stil vorbei. Das Union Community College ist genau drei Kilometer von unserem Haus entfernt, und normalerweise schaffe ich die Strecke in zehn Minuten. Heute allerdings bin ich zu spät losgefahren, sodass ich warten muss, bis der Zug, der um acht Uhr einundzwanzig fährt, an mir vorbeigerauscht ist. Deshalb bin ich spät dran.
Sehr zum Missfallen von Professor Kerr, der mir einen strafenden Blick zuwirft, als ich mich setze. Jeder andere Prof an der UCC ist ziemlich entspannt, was Unpünktlichkeit angeht – alle außer der Hilfslehrkraft, die meinen ersten Morgenkurs unterrichtet. Am ersten Tag hat er uns einen langen Vortrag darüber gehalten, dass Pünktlichkeit mit Respekt gleichzusetzen sei. Vielleicht ja, vielleicht nein. Für mich hat Zuspätkommen überhaupt nichts mit Respekt zu tun, sondern damit, dass der Unterricht viel zu früh anfängt.
»Nett, dass Sie uns auch noch die Ehre erweisen, Ms Easton.«
Ich nicke und schlage das Buch auf. Wir lesen Katzenauge von Margaret Atwood. Nicht mein Lieblingsbuch, aber immerhin besser als Ernest Hemingway. Professor Kerr hätte sich neulich fast an seinem Kaffee verschluckt, als ich das laut gesagt habe, und leider ist dieser Zwischenfall typisch für meine Teilnahme an diesem Kurs. Mom hat immer gesagt, dass Bücher wie Fenster zur Welt wären, aber in meiner Welt waren Zahlen immer wichtiger als Buchstaben.
»Ms Easton, glauben Sie, dass die Figur der Cordelia zu Mitgefühl fähig ist?«, fragt Professor Kerr.
Ich starre auf die zufällig aufgeschlagene Buchseite, als wäre die Antwort dort zu finden, obwohl ich genau weiß, dass die Frage dazu dienen soll, eine Diskussion anzuregen. Ich soll die Antwort nicht finden. Ich soll sie kennen.
»Ähm«, stottere ich. »Ich glaube, dass sie ein fieses kleines Biest ist – also nein. Sie tut mir nicht leid, falls Sie das meinen. Aber wenn Sie damit meinen, dass Cordelia ein Opfer ist, dann ja. Ich glaub schon.«
»Ein Opfer?« Professor Kerr mustert mich erstaunt, und mir rutscht das Herz in die Hose. Ich würde am liebsten einen Rückzieher machen, ihm sagen, dass ich das Buch falsch verstanden habe, obwohl ich weiß, dass er mir dann sagen wird, dass es keine richtigen Antworten gibt.
»Sie hält sich wirklich für so toll«, lege ich los.
»Ja, als ob sie wirklich glauben würde, dass sie all das ist«, wirft Cory Malone ein, der hinter mir sitzt.
Ich seufze erleichtert auf und verbringe den Rest der Stunde damit, lange Passagen des Buchs noch einmal zu lesen, wobei ich sorgfältig Blickkontakt zu Professor Kerr meide.
»Ich hasse Englisch.« Das ist das Erste, was ich zu Mindy sage, als ich in Vicki’s Diner meinen Rucksack auf den gegenüberliegenden Sitz werfe. Wir treffen uns jeden Dienstag und Donnerstag um zehn nach zehn bei Vicki. Ich muss die Zeit bis zu meinem nächsten Kurs totschlagen, und Mindys Schicht beginnt erst um halb zwölf. Obwohl ich nicht hier arbeite, lässt Vicki mich in der Angestelltennische sitzen, was daran liegt, dass meine Mutter und ich früher häufig zusammen hier waren. Entkoffeinierter Kaffee und Buttertoast. Vicki hat es nicht vergessen.
Mindy sieht von ihrem Handy auf. Sie trägt heute blauen Eyeliner und schwarzen Lippenstift, und es besteht nicht die geringste Chance, dass Vicki ihr erlaubt, diesen Lippenstift bei der Arbeit zu tragen. Nicht die geringste.
»Was ist diesmal passiert?«
»Ich komm mir total unfähig vor. Als hätte ich zwar dasselbe Buch gelesen wie alle anderen, aber wenn wir drüber reden, dann habe ich keine Ahnung, woher sie das ganze Zeug nehmen, das sie sagen. Ich meine, es ist nur ein Buch. Hatte Margaret Atwood wirklich diese ganzen symbolischen Bedeutungen im Kopf, als sie es geschrieben hat?«
Mindy mustert mich mit hochgezogener gepiercter Augenbraue. »Margaret Atwood? Garantiert.«
Ich atme hörbar aus. »Okay. Na schön. Das weiß wahrscheinlich jeder. Himmel, wahrscheinlich weiß das sogar ich. Ich habe diesen Kurs gewählt, weil ich dachte, dass er einfach sein würde, aber ich werde auf keinen Fall die Bestnote bekommen. Weil ich mich nicht am Unterricht beteilige. Und wenn doch, stelle ich mich total blöd an. Außerdem komme ich immer zu spät …«
»Im Ernst? Warum warst du heute zu spät?« Mindy ist die letzte Person auf Erden, von der man annehmen würde, dass sie großen Wert auf Pünktlichkeit legt, aber tatsächlich kommt sie nie zu spät. Nie.
»Ich musste noch Babcis Antibiotika in der Apotheke abholen. Hab ich gestern Abend vergessen.« Ich ziehe ein Taschentuch aus der Hosentasche. »Oh, und jetzt rate mal, wer mir heute Morgen bei Walgreens über den Weg gelaufen ist?«
»Charles Walgreen persönlich?«
»Besser. Finn O’Leary.« Ich sehe zu, wie ihr die Kinnlade nach unten klappt. Ihre Reaktion hat große Ähnlichkeit mit meiner, als Finn mir das Geld angeboten hat.
Mindy deutet mit ihrem spitzen lilafarbenen Fingernagel auf mich. »Was soll das heißen, er ist dir über den Weg gelaufen?«
»Er hat mir fünf Dollar geliehen, weil ich nichts dabeihatte. Er meinte, dass ich mich revanchieren könnte, indem ich ihn demnächst mal zum Kaffee einlade, wenn er wieder in der Gegend ist.« Ich gebe mir alle Mühe, locker zu klingen, und das klappt sogar ganz gut.
Finn O’Leary ist eins unserer Lieblingsthemen, seit er kurz nach Beginn unseres letzten Highschooljahrs auf der Westfield High auftauchte. Er fiel uns beiden auf, was ziemlich ungewöhnlich ist, weil Mindy und ich bei Jungs ziemlich unterschiedliche Geschmäcker haben. Zugegeben, ihr fiel er wegen des Igelhaarschnitts und des Tattoos auf, das unter seinem Ärmel hervorblitzte. Mich faszinierten seine unergründlichen Augen und das Muskelspiel unter der Tätowierung. Aber bei einer Sache waren wir uns einig: dass er höllisch sexy war.
»Was?« Mindys Ungläubigkeit lässt ihre Stimme lauter werden, und Vickis wenige andere Gäste drehen sich um, um sie anzusehen. Sie will ihnen gerade den Stinkefinger zeigen, als Vicki hinter dem Tresen den Kopf schüttelt und Mindy innehält. Jedes Mal, wenn sie das tut, denke ich sofort an die Mindy, wie ich sie in der ersten Klasse kennengelernt habe: Bemüht zu gefallen und mit pinkfarbenen Strähnchen in dem damals noch blonden Haar. Das ist mindestens sieben Haarfarben her.
»Diese dämliche Allergie hat mich in den Wahnsinn getrieben, ich muss das Geld verloren haben, als ich ein Taschentuch aus der Hosentasche gezogen hab. Finn hatte wahrscheinlich einfach Mitleid mit mir.«
»Okay, verstehe. Aber wie war das mit dem Kaffee? Und was macht er unter der Woche in New Jersey? Ich dachte, er geht in Boston oder so aufs College?«
»Er geht aufs MIT.« Die Tatsache, dass ich das so genau weiß, bezeugt, wie verknallt ich letztes Jahr in ihn war. Zum Glück ist Mindy nett genug, das nicht zu kommentieren. Sie nickt und lässt mich weiterreden. »Ich habe keine Ahnung, was er hier macht. Ich wollte ihm das Geld zurückzahlen, und da hat er vorgeschlagen, dass ich ihn stattdessen zum Kaffee einlade.«
»Das hat er wirklich gesagt? Mit diesen Worten?« Mindy fährt sich mit dem Fingernagel über die Lippe, während sie das fragt, und untersucht dann den schwarzen Rand unter ihrem Fingernagel. Der schwarze Lippenstift ist neu und einem Wochenendausflug nach New York zu verdanken. An ihr sieht er sogar gut aus, auf eine Art, wie es niemand anders hinkriegen würde. In der Highschool hat es jedes Jahr ein oder zwei Mädchen gegeben, die Gruftis sein wollten und anfingen, sich wie Mindy anzuziehen, ihren Gang nachzuahmen und ihre Haare genauso zu färben, aber sie wirkten nie besonders überzeugend. Wahrscheinlich, weil Mindy weder ein Grufti noch ein Punk ist – oder welches Label sonst derzeit für diesen Kleidungsstil angesagt ist. Mindy ist einfach Mindy.
Ich zucke mit den Achseln. »Ich weiß nicht mehr. So ungefähr.«
Mindys blaue Augen werden groß. »Also lädst du ihn zum Kaffee ein? Ich meine, offensichtlich ist er gerade in Westfield, stimmt’s? Grüner wird’s nicht.«
»Na klar. Super Idee. Erstens habe ich keine Ahnung, wie ich ihn erreichen soll, und zweitens werde ich auf keinen Fall auf Mr Unnahbar zugehen und ihn zum Kaffee einladen.«
»Immerhin war das sein Vorschlag, stimmt’s? Vielleicht haben wir alle falschgelegen, und er ist einfach nur schüchtern?«
So ein Quatsch. Finn ist unnahbar, nicht schüchtern. Dazwischen liegt ein himmelweiter Unterschied. Er war ein Einzelgänger an der Westfield High, weil er es sein wollte. Das war glasklar. Er hatte ein oder zwei Freunde, aber Mindy und ich waren nicht die Einzigen, denen er auffiel, wenn er sich irgendwo blicken ließ. Ziemlich viele unserer Mitschülerinnen versuchten bei ihm zu landen, aber er ließ sie alle abblitzen – sogar Kathy Johnson, die nicht nur Beliebtheitskönigin beim Alumni-Jahrestreffen und Schneekönigin in dem gleichnamigen Schultheaterstück war, sondern auch noch als unvermeidliche Abschlussball-Königin glänzte. Eines Tages war sie im Café zu seinem Tisch geschlendert und hatte ihn gefragt, ob sie sich zu ihm setzen dürfte, aber er hatte sie nur mit seinen schwarzen Augen gemustert und Nein gesagt. Vor allen Mitschülern. Ein schlichtes »Nein«.
»Aber heute Morgen war er wirklich … richtig nett.«
Mir war nicht klar, dass ich das laut ausgesprochen habe, zumindest nicht bis zu dem Moment, in dem Mindy sagte: »Vielleicht hat er einfach nur die Highschool gehasst?«
»Wenn das so ist, dann solltest du ihn wahrscheinlich zum Kaffee einladen.« Obwohl ich dabei lache, ernte ich einen bösen Blick. Mindy hat schon früher darauf hingewiesen, dass sie die Highschool nicht mehr gehasst hätte als ich. Im Gegensatz zu mir hätte sie nur nicht gute Miene zum bösen Spiel machen wollen.
»Schön wär’s.« Mindy verdreht noch einmal die Augen und wechselt dann das Thema. »Was machst du nachher? Liz hat heute Abend ein Date.«
Liz ist Mindys Mom, auch wenn ich mir ziemlich sicher bin, dass Mindy sie schon seit der siebten Klasse nicht mehr so nennt. Meine Mutter hätte mich umgebracht, wenn ich so was gebracht hätte, aber ich glaube nicht, dass es Liz was ausmacht. »Ein Date?«
»Mit einem Typen, den sie im Trader Joe’s getroffen hat. Wollen wir nach meiner Schicht essen gehen oder was anderes machen?«
»Ich kann nicht. Mein Vater hat Neuigkeiten für uns, deshalb haben wir heute Abend ausnahmsweise ein Familienessen. Aber das wird nicht länger als eine Stunde dauern. Komm doch um acht vorbei, dann können wir noch ein bisschen abhängen.«
»Neuigkeiten, wie? Was für Neuigkeiten?
»Ich hab keine Ahnung. Babci wusste es auch nicht. Ich glaube, dass er eine Freundin hat, wahrscheinlich will er sie uns demnächst vorstellen.« Ich sage das, als würde es mir nichts ausmachen, aber in Wirklichkeit zieht sich mein Magen zusammen, wenn ich nur daran denke. Es sollte mir nichts ausmachen. Es ist jetzt immerhin schon drei Jahre her. Dad hat ein Recht darauf, glücklich zu sein.
Als Vicki mit der Kaffeekanne auf uns zusteuert, kreuze ich die Finger unter meinem Oberschenkel. Vielleicht geht es ja um was anderes. Babci meinte nur, dass er Neuigkeiten hätte. Das kann alles bedeuten.
Als es um zehn nach acht klingelt, begrüßt mein Dad Mindy, schließt die Tür hinter ihr und scheucht sie ins Esszimmer, ehe ich dazu komme, sie hereinzubitten. Ich sitze noch am Esstisch. Auf meiner Gabel steckt immer noch ein Stück Hackbraten, ansonsten ist mein Teller unberührt.
»Hey Zo.« Mindy mustert den Tisch. Babci und Dad haben schon ein bisschen was gegessen, aber es sieht trotzdem aus, als hätten wir gerade erst angefangen.
»Möchtest du mit uns essen?«, fragt Dad. Er bedeutet Mindy, sich hinzusetzen, aber sie ist schlau genug, abzulehnen.
»Nein, danke. Ich hab schon auf der Arbeit gegessen. Ist alles in Ordnung?«
»Vielleicht kannst du ja mit ihr reden.« Babci lächelt Mindy an, während sie das sagt, und deutet mit dem Kinn auf mich. »Ihr beide könnt nach oben gehen. Ich bewahre was vom Essen auf, falls ihr Hunger bekommt.«
»Zo.« Ich bin bereits halb aus dem Zimmer, als Dad laut hinter mir herruft. »Das wird bestimmt prima, Zo.«
Nur weil er es zum neunzehnten Mal wiederholt, ist es noch lange nicht wahr.
Ich laufe nach oben, immer zwei Stufen auf einmal, und Mindy rennt hinter mir her. Trotz ihrer klobigen Stiefel ist sie ziemlich schnell und erreicht meine Zimmertür nur zwei Sekunden nach mir. »Zo, was zum Teufel ist los?«
Mein Gesicht fühlt sich an, als würde es in tausend Stücke zerspringen, sobald ich den Mund aufmache, deshalb schüttle ich nur den Kopf und gehe zu meinem Laptop. Ich öffne die Googlemaske, und Mindy schiebt mich mit ihrem Hintern zur Seite, damit wir beide auf meinen Stuhl passen.
»Die Entfernung zwischen Westfield und Tokio? Was zum Teufel?« Ihr Gesicht ist zu nah, es sieht aus, als hätte sie drei Augen.
»Dads Arbeitgeber hat ihn gefragt, ob er für drei Jahre nach Tokio gehen würde.« Meine Stimme ist tonlos, obwohl ich vollkommen aufgewühlt bin. Zehntausendachthundertneunundvierzig Kilometer. Von Westfield, New Jersey, sind es zehntausendachthundertneunundvierzig Kilometer bis nach Tokio, Japan.
»Was soll das heißen, sie haben deinen Dad gefragt, ob er nach Tokio geht?« Sie sieht mich mit zu Schlitzen verengten Augen an.
»Die Bank hat ihn gefragt, ob er die Zuständigkeit für die Geschäfte der Bank in Asien übernehmen will.«
»Und er hat Ja gesagt?«
Ich springe auf und stütze mich am Fensterbrett ab, um ihr ins Gesicht zu sehen. »Nein, nicht sofort. Er hat gesagt, dass er erst nach Hause fahren muss, um das Angebot mit seiner Familie zu besprechen – was wir wahrscheinlich hiermit tun. In Wahrheit ist das nur eine Art Verkaufsgespräch, denn er will das Angebot annehmen.«
»Aber was ist mit dir?« Beim letzten Wort zögert Mindy, als hätte sie Angst vor der Antwort, und ich kann’s ihr nicht verdenken.
»Nun ja, im Herbst beginnt sowieso mein Studium an der Universität von Rhode Island, und ich könnte den Sommer in Tokio verbringen. Vielleicht sogar ein oder zwei Weihnachtsfeste, auch wenn für die Japaner Silvester viel wichtiger ist als Weihnachten. Hast du das gewusst? Ich nicht, aber offensichtlich finden in Japan an Silvester massenhaft Feiern statt, was natürlich großartig ist. Ist es doch, oder? Das hat Dad jedenfalls gesagt. Und dass nicht alle Collegestudenten so eine tolle Chance bekämen, du weißt schon. Und da ich ja so sprachbegabt wäre, hätte ich die Gelegenheit, ein paar Brocken Japanisch aufzuschnappen.« Meine Stimme wird immer schriller, und ich atme tief durch, in der Hoffnung, dass es hilft.
Aber das tut es nicht, vor allem, als ich zum nächsten Teil der Ankündigung komme. »Während der nächsten Monate fliegt er immer mal wieder rüber. Bis das Semester vorbei ist, kann ich mit Babci hier im Haus bleiben, und er hilft uns so oft er kann bei den Umzugsvorbereitungen. Die neuen Mieter wollen ohnehin nicht vor dem Memorial Day einziehen, sie kommen aus Kalifornien. Ausgerechnet Kalifornien. Ist das zu glauben? Sie arbeiten mit einer Immobilienmaklerin zusammen, die Dad aus dem Zug kennt, und die ihm dabei geholfen hat, alle Daten und Details zu klären.«
»Er will das Haus vermieten?« Mindys Augen werden groß.
Ich nicke, kneife die Augen zusammen und lasse mich zu Boden sinken. »Na ja, da Dad dann in Tokio wohnt und ich in Kingston studieren werde, ist niemand hier. Babci will ganz bestimmt nicht länger als nötig in Westfield bleiben, und das Haus den größten Teil des Jahres über leer stehen zu lassen, ergibt keinen Sinn.«
»Aber deine Mom …«
In diesem Augenblick verliere ich die Fassung. Heftige Schluchzer schnüren mir die Kehle zu. Mindy sitzt neben mir auf dem Boden und legt den Arm um meine Schultern, sie ist klug genug, nichts zu sagen. Nicht dass es etwas zu sagen gäbe. Denn obwohl mein Dad seinen Chefs gesagt hat, dass er erst mit seiner Familie sprechen muss, ist die Sache in Sack und Tüten. Das sehe ich an dem Ausdruck in seinen Augen, wenn er davon spricht. Nervös, aber glücklich. So aufgeregt war er nicht mehr, seit Mom krank geworden ist.
Neun Taschentücher später habe ich immer noch Tränen in den Augen, bin aber nicht mehr hysterisch. Mindy und ich sitzen im Schneidersitz auf dem Boden, und sie wählt ihre Worte sorgfältig, als sie den Mund aufmacht. »Das wird schon wieder, Zo. Ganz bestimmt, das wird schon.«
Ich lächle sie mit glasigen Augen an. »Ja. Ich meine, ein Sommer in Tokio könnte vielleicht sogar richtig cool werden. Du verbringst den Sommer ja ohnehin in diesem Wissenschafts-Camp, und besser, als bei Theresa zu kellnern, ist es allemal. Es ist nur wegen dem Haus.« Ich atme zitternd ein und hoffe, dass die Tränen nicht wieder zu fließen anfangen. »Alle meine Erinnerungen an meine Mom haben mit diesem Haus zu tun. Wie kann jemand anders hier mit meinen Erinnerungen leben?«
»Das werden sie nicht. Deine Erinnerungen an deine Mom werden dich begleiten. Sie sind da drin.« Just in dem Moment, als Mindy mit dem Finger gegen meinen Kopf pocht, klopft es an der Tür.
Bevor eine von uns etwas sagen kann, geht sie auch schon auf, und Babci steht mit einer ShopRite-Tüte in der Hand in der Tür. Sie schlurft in unsere Richtung und stellt die Tüte vor mich auf den Boden. »Du hast dein Abendessen nicht gegessen, deshalb bringe ich es dir. Vielleicht geht es dir dann besser.«
Mindy öffnet die Tüte und zieht eine Tüte geriffelter Chips, eine Packung Sauerrahm-Zwiebel-Dip, zwei Diätcolas und eine Packung M&Ms heraus. »Babci, du weißt ganz genau, was das beste Heilmittel ist.«
Babci ist so sehr daran gewöhnt, dass Mindy sie Babci nennt, dass sie nicht mal blinzelt. Aber sie schüttelt den Kopf auf eine Weise, dass sogar Mindy merkt, dass es ihr ernst ist. »Ein Heilmittel ist es nicht, aber Zosia wird wenigstens erkennen, dass es so nicht das Schlechteste ist.« Ihr Blick wandert zu mir. »Das hier ist wichtig für deinen Vater, er braucht das. Ich werde ihn dazu überreden, das Angebot anzunehmen – du wirst damit klarkommen. Wenn du also auf jemanden sauer sein musst, dann sei sauer auf mich.«
»Was?« Ich reiße den Kopf nach oben. Was hat sie gerade gesagt?
»Ich habe gesagt, dass dein Vater das Angebot ablehnen will, und dass ich ihn davon überzeugen werde, es anzunehmen. Du wirst schon damit klarkommen.«
Hat sie das wirklich gesagt. »Warum? Warum hast du ihm gesagt, dass ich damit klarkomme? Glaubst du, dass das stimmt? Sehe ich so aus, als würde ich gut damit zurechtkommen? Hast du ihm gesagt, dass er unser Haus an Fremde vermieten soll? Hast du ihm gesagt, dass das ebenfalls kein Problem ist?« Meine Stimme wird immer lauter und schriller.
Babcis Stimme dagegen ist sanft, als sie mir mit einem entschuldigenden Blick in Mindys Richtung auf Polnisch antwortet. Mindy ist die Einzige meiner Freundinnen, mit der Babci Englisch spricht, was ich irgendwie witzig finde. Nicht wegen Mindy, die beiden kennen sich schließlich schon ewig. Aber die anderen Mädchen, die mich besuchen, sehen weder wie Gruftis noch wie Punks aus, und ich hätte gedacht, dass Babci solche Freundschaften eher zusagen würden. Als ich sie einmal darauf angesprochen habe, meinte sie, dass sie keine Lust hätte, sich mit Barbiepuppen zu unterhalten und dass ich es auch lieber lassen sollte. Danach haben wir das Thema nicht mehr angeschnitten.
»Oh, Zosia. Meinst du nicht, dass das für ihn genauso schwer ist? Dieses Haus ist immer der gemeinsame Traum deiner Eltern gewesen. Ihr Leben fand hier statt. Dein Vater braucht diese Chance. Er braucht einen Neuanfang.«
Ich unterbreche sie auf Englisch. »Und deshalb habt ihr entschieden, dass es fair ist, wenn sich Fremde in unserem Zuhause breitmachen? Damit er noch mal von vorn anfangen kann?«
Babci beißt sich auf die Unterlippe, und ich weiß, dass sie sauer auf mich ist, weil sie mir bedächtig und in perfektem Englisch antwortet. »Dann ist es also nur dann fair, wenn du so weitermachen kannst wie bisher?«
Als sie zur Tür geht und sie hinter sich zuzieht, humpelt sie leicht. Ich lasse sie gehen, weil es mich wütend macht, dass sie davon wusste und mir nichts gesagt hat, mich nicht gewarnt hat. Noch wütender macht mich, dass sie sich auf Dads Seite schlägt, obwohl sie überhaupt erst in der Zeit mit ihm warm geworden ist, als Mom krank wurde.
Mindy öffnet die Chipstüte und den Behälter mit dem Dip, dann nimmt sie eine Handvoll Chips und taucht einen nach dem anderen ein. Ich folge ihrem Beispiel und mache schließlich eine der beiden Diät-Cola-Dosen auf, die wir uns teilen.
Ich weiß nicht, wie lange wir dort sitzen, essen und schweigen und die Worte, die dann aus meinem Mund kommen, haben weder mit Tokio noch mit dem Umzug zu tun. »Das hätte ich fast vergessen. Ich habe heute eine E-Mail von meiner zukünftigen Zimmergenossin in Rhode Island bekommen.«
Mindy, die über den Dip gebeugt dasitzt, richtet sich auf. »Echt? Und? Wie heißt sie? Welches Sternzeichen? Ist sie bei Instagram? Twitter? Bitte nicht Facebook.«
»Ich habe keine Ahnung. Solche Sachen habe ich sie nicht gefragt, und hör auf, Facebook schlechtzumachen. Ich mag Facebook. Ihr Name ist Sarah, und sie kommt aus Richmond.«
»Glaubst du, dass sie cool ist?«
Ich lächle schwach. »Na ja, so cool wie jemand sein kann, mit dem man sich über Farbvorlieben austauscht.«
»Auweia. Jetzt erzähl mir nicht, dass du losgehen sollst, um farblich aufeinander abgestimmte Steppdecken für euch zu kaufen. Sie hat dir doch nicht etwa Links zu Bed, Bath & Beyond geschickt, oder?«
Tatsächlich hatte sie genau das getan, aber das werde ich Mindy nicht auf die Nase binden. Ich greife nach einem Chip und schüttle den Kopf. »Am Wochenende sind wir zum Skypen verabredet. Ich sag dir Bescheid, wenn’s losgeht, dann kannst du dich im Hintergrund halten und dir selbst ein Bild machen.«
»Hey, irgendjemand muss dir unter die Arme greifen. Ich hab keine Lust, das Wochenende mit irgendwelchen Spinnern zu verbringen, wenn ich dich besuche.« Mindy schneidet eine Grimasse, die sie aber mit einem Lächeln abmildert.
»Wenn du dich ebenfalls in Rhode Island beworben hättest, dann hätten wir das Problem nicht«, erinnere ich sie.
»Oder wenn du dich an der NYU beworben hättest«, kontert Mindy.
Dieses Gespräch hatten wir in den letzten acht Monaten mindestens siebenhundertsechsundzwanzigmal, und es ist das übliche Geplänkel. Mindy weiß schon seit der siebten Klasse, dass sie auf die NYU gehen will, und als ihre Mutter sagte, dass sie sich die Studiengebühren nicht leisten kann, hat Mindy ihren Studienbeginn um ein Jahr verschoben. Sie hat angefangen, im Diner zu kellnern, als Babysitter zu jobben, in einem Altenheim zu fotografieren und überhaupt alle Jobs anzunehmen, die sie finden konnte. In Anlehnung an europäische Gepflogenheiten bezeichnet sie diese Auszeit als ihr Sabbatjahr, aber in Wahrheit will sie sich einfach nicht festlegen. Nicht mal für die UCC konnte sie sich entscheiden.
Ich hingegen bin mit nichts anderem beschäftigt, als mich festzulegen. Zumindest, wenn man meinem Dad glauben darf, der nicht gerade begeistert davon war/ist, dass ich mich in meinem Abschlussjahr nirgendwo beworben habe, sodass die UCC am Ende als einzige Option übrig blieb. Ich habe keine Ahnung, warum ich damals noch nicht so weit war. Ich war nicht bereit, alles hinter mir zu lassen, was ich kannte – ihn, Westfield, das Haus voller Erinnerungen an meine Mom, dem aber das Wichtigste fehlt, nämlich die echte Mom.
Welche Ironie.
»Vielleicht hätte ich mich auch an der NYU bewerben sollen«, sage ich leise.
Mindy dämpft die Stimme. »Sieh mal, es ist ja nicht so, dass du nie hierher zurückkommen wirst. Mindestens einmal im Jahr schleife ich dich nach Westfield, um mit mir und Liz die Ferien zu verbringen, und den Rest des Jahres schneie ich immer mal wieder bei dir und Babci in Queens rein. Es hat echt keinen Sinn, sich deswegen fertigzumachen.«
»Ich weiß, aber was ist, wenn Sarah tatsächlich eine Spinnerin ist? Bei dir weiß ich wenigstens Bescheid.« Ich werfe ihr einen Chip an die Schulter, und sie verdreht die Augen. Mindy hat nicht ganz unrecht, und das weiß sie auch.
»Kingston ist nicht weit entfernt von Boston. Du könntest Finn O’Leary aufspüren, um mit ihm Kaffee zu trinken.«
»O ja, tolle Idee. Ich bin mir sicher, dass er mich nicht mal wiedererkennen würde, wenn er mich das nächste Mal sieht.«
»Hast du nicht gesagt, dass du ihn nach dem Joggen getroffen hast? Da warst du sicher nicht gerade top gestylt.«
Ich zupfe an meinem Haar herum. »Das bin ich jetzt auch nicht.« Ganz plötzlich schießen mir wieder Tränen in die Augen und kullern mir über die Wangen.
Mindy steht auf und greift nach ihrem Schlüsselbund.
»Was machst du?«, frage ich.
»Du musst mit deinem Dad sprechen. Komm schon.« Sie zieht mich hoch, ehe ich sagen kann, dass ein Gespräch mit meinem Vater das Letzte ist, was ich jetzt brauche. Stattdessen lasse ich mich die Treppe hinunterführen.
Dad hat Babci ihrem Fernsehprogramm überlassen und ist in seinem Arbeitszimmer, dessen Tür offen steht. Früher gab es hier einen begehbaren Kleiderschrank, aber als wir Moms Krankenhausbett im Esszimmer aufstellten, schaffte Dad seinen Schreibtisch in die Kammer und räumte die Mäntel weg. So konnte er in ihrer Nähe sein und sie hören, war aber gleichzeitig weit genug weg, um sie nicht mit seinem Tippen zu wecken. Ich bin mir nicht sicher, warum er diese Aufteilung beibehalten hat, vielleicht liegt es daran, dass er keine Tür zum Zumachen hätte, wenn er in einer Ecke des Esszimmers arbeiten würde.
Mindy klopft und öffnet dann die Tür. »Mr Easton, ich muss jetzt los. Ich glaube, Zo möchte mit Ihnen reden.«
Dann umarmt sie mich kurz und lässt mich auf dem Teppich stehen, den meine Mom in Dubai gekauft hat, als ich dreizehn Jahre alt war. Mom und ich haben Dad damals bei einer Dienstreise begleitet und das Ganze in einen Familienurlaub verwandelt. Es war unser letzter. Der vor dem Krebs.
Dad kommt zur Tür, bleibt aber dann stehen, ohne mich zu umarmen. Mom war diejenige, die keine Scheu vor Körperkontakt hatte, und daran hat sich nichts geändert. Ich bin immer noch in Tränen aufgelöst, deswegen kommt er auf mich zu, legt den Arm um mich und führt mich zu dem winzigen Sofa, das zwischen Tür und Schreibtisch eingequetscht dasteht. Er küsst mich auf den Scheitel, und ich lasse mich gegen ihn und die weichen Kissen sinken.
»Es tut mir leid, Zo«, flüstert er, und ich fange sofort wieder an zu weinen.
Ich brauche eine Weile, um mich zu beruhigen, aber am Ende lehne ich mich zurück und tupfe mit dem feuchten Taschentuch, das ich die ganze Zeit in der Hand gehalten habe, an meinen Augen herum. »Das ist schon in Ordnung, Dad. Ist es wirklich.« Die Worte kommen ganz automatisch.
»Ich weiß, Zo. Du hast recht.«
Es ist zwar kein bisschen in Ordnung, aber die Falten auf Dads Stirn sind sehr tief, so tief werden sie nur, wenn er sich ernsthaft Sorgen macht. Während des vergangenen Jahres war seine Stirn wieder etwas glatter geworden, aber jetzt sind die Linien wie eingemeißelt, und ich weiß, dass er sich gigantische Sorgen macht. Ich habe wirklich alles gegeben, um es nicht schlimmer zu machen, und will jetzt auch nicht damit anfangen. Also schlucke ich den Kloß in meinem Hals herunter und quieke: »Ich bin ab nächstem Jahr ohnehin an der Uni, dann wärst du ganz allein hier. Ich war nur so überrascht wegen Tokio und dem Haus. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, meine Ferien nicht in Westfield zu verbringen, und dass jemand anders hier mit unseren Sachen wohnt. Mit Moms Sachen. Sie ist immer so sorgsam mit allem umgegangen. Was ist, wenn die Mieter das nicht tun? Wenn sie ihnen nicht so viel bedeuten wie ihr?«
»Ich weiß. Es ist nur, ich kann das einfach nicht, Zo.« Seine Stimme bricht, und ich bin so geschockt, dass ich zwanzig Sekunden dasitze und ihn anstarre, bevor ich mich in seine Arme werfe. Dad hat nicht mehr geweint, seit wir Moms Sachen zusammengepackt und auf den Dachboden gebracht haben. Als er mich schließlich loslässt, sieht er vollkommen fertig aus. »Himmel, Zo, es tut mir leid. Es ist so verdammt schwer.«
Am liebsten würde ich schreien: »Wenn es so schwer ist, dann lass es.«
Aber ich tu’s nicht.
»Mom würde wollen, dass du gehst. Das würde sie, selbst wenn die Leute, die hier einziehen, totale Chaoten sind. Ich meine, deshalb wollte sie ja auch kein Grab, damit wir nicht an einen Ort gebunden sind. Sie würde bestimmt wollen, dass du nach Tokio gehst. Mom wäre total begeistert.« Obwohl ich das sage, um meinem Dad die Sache leichter zu machen, ist es nicht weit entfernt von der Wahrheit.
»Kannst du dir vorstellen, wie deine Mutter Japanisch spricht?« Bei dem Gedanken daran, wie sie mit ihrem starken polnischen Akzent arigato sagt, müssen wir beide lächeln.
»Kannst du dir vorstellen, wie du Japanisch sprichst?«, frage ich und grinse noch etwas breiter, da Dad in Sachen Sprachen schrecklich unbegabt ist. Obwohl Babci seit zwanzig Jahren versucht, ihm Polnisch beizubringen, kann er nur wenige Sätze sagen, wobei eine gewisse Portion innerer Widerstand seinerseits eine Rolle spielen könnte.
»Ich habe ein ziemlich gutes Computerprogramm.« Dad sucht seinen Schreibtisch ab und wühlt dann in seinen Sachen herum, bis er einen Rosetta-Stone-Japanischkurs gefunden hat. »Ich lasse ihn hier für dich liegen. Du sprichst die Sprache wahrscheinlich schon fließend, bevor wir überhaupt dort sind.«
»Ich kann ja schon mal ein paar wichtige Sätze lernen, aber zurzeit gibt es da noch diese Kleinigkeit namens College, deshalb könnte ich mit was anderem beschäftigt sein.«
»Nun ja, du wirst den ganzen Sommer zum Japanisch lernen Zeit haben. Und mach dir keine Sorgen, ein paar meiner amerikanischen Kollegen haben ebenfalls Kinder. Du musst nicht die ganze Zeit allein rumhängen, während ich auf der Arbeit bin.« Dad lächelt, und die Falten auf seiner Stirn glätten sich.
Ich verdrehe die Augen. »Na toll, dann kann ich dort den Babysitter spielen. Wie viel Yen bekommt man in Japan fürs Babysitten? Irgendeine Idee?«
Dad lacht. »Ich erkundige mich mal, aber da sind auch noch ein paar ältere Kids. Eine meiner Kolleginnen, Eloise, hat einen Sohn, der ungefähr in deinem Alter ist. Der wird wahrscheinlich auch mitkommen.«
»Sieht er gut aus?«
»Ich versuch’s rauszufinden.« Dad wird ernst. »Das wird sicher toll, Zo. Tokio ist für uns beide eine großartige Chance.«
»Ja, Dad. Ich weiß.« Ich stehe auf und streiche mein Shirt über dem Magen glatt, der prompt knurrt und mir einen prima Abgang ermöglicht. »Babci hat gesagt, dass ihr mir was vom Essen übrig gelassen hättet. Ich schau mal nach, was ich finden kann. Möchtest du auch was?«
»Nein, geh schon.« Dad öffnet seinen Laptop und befindet sich bereits in einer anderen Welt, als ich das Zimmer verlasse.
Ich trotte den Flur hinunter in die Küche und hole den Hackbraten aus dem Kühlschrank, der immer noch in der Auflaufform ist, das Fett ist an den Seiten geronnen. Ich schnappe mir eine Gabel und esse einen Bissen, beim Kauen schließe ich die Augen. Als ich sie wieder aufmache, lehnt Babci im Türrahmen und sieht mich an. Ich öffne den Mund, um mich dafür zu entschuldigen, dass ich direkt aus der Auflaufform esse, mache ihn aber wieder zu, als sie den Kopf schüttelt. Ihre Stimme ist weich.
»Jesteś mocne.«
»Będę.«
Du bist stark.
Ich werde es sein.
Babci kommt zu mir und legt ihre Hand auf meine. Ich nehme noch einen Bissen von dem kalten Hackbraten, der sich in meinem Mund in Sägemehl verwandelt.
Als schließlich Ende Mai das Memorial-Day-Wochenende anbricht, bin ich tatsächlich ziemlich aufgeregt, was Tokio angeht, auch wenn mich zwischendurch immer mal wieder heftige sentimentale Anfälle heimsuchen. Dad ist zu Hause, und den Gesprächsfetzen nach zu urteilen, die hin und wieder durch die geschlossene Tür seines Arbeitszimmers dringen, telefoniert er mit den künftigen Mietern. Aber bisher ist niemand mit Koffern vor unserer Tür aufgetaucht, deshalb habe ich keine Ahnung, was los ist, und ich frage auch nicht nach. Abgesehen von gelegentlichen Aufforderungen, mich vor unserer Abreise am nächsten Mittwoch ein bisschen mehr beim Kleiderschrank-Ausräumen ins Zeug zu legen, bekomme ich kaum mit, dass wir uns auf Mieter für das Haus vorbereiten.
Dad und Babci haben Mindy und Liz zu einer Memorial-Day-Grillparty eingeladen, womit sie eine alte Familientradition pflegen. Als Mom noch gelebt hat, hat sie immer den ganzen Montag damit zugebracht, Piroggen und andere seltsame Vorspeisen zuzubereiten, die besser schmeckten, als sie aussahen. Dieses Jahr hat Babci ein paar dieser seltsamen Vorspeisen gekauft, weil sie mit ihrem Arm nicht gut kochen kann. Während sie, Dad und Liz sich auf der Veranda entspannen und Wein trinken, nehmen Mindy und ich den restlichen Wein mit in mein Zimmer, um meinen Kleiderschrank durchzugehen.
»Ich kann nicht glauben, dass du den immer noch hast.« Mindy hält meinen Badeanzug aus der Junioren-Schulmannschaft hoch. »Sieh doch nur, wie winzig du damals warst.«
»Das ist der Grund, warum ich ihn aufbewahre. Damit ich nicht vergesse, dass ich nicht immer eine Amazone war.« Ich nippe an dem Chardonnay. Eigentlich trinke ich lieber Bier, aber wir haben keins im Haus.
»Und das hier«, quiekt Mindy. »O mein Gott. Dein Abschlussballkleid. Zieh es an.«
Ich beäuge den knielangen, silbernen Chiffon, der auf dem Kleiderbügel schimmert. »Ich hab dieses Kleid geliebt.«
»Zieh’s an. Bring ein bisschen Stil in unsere Party.« Sie drückt mir den Kleiderbügel in die Hand.
Lachend nehme ich ihn entgegen und streiche über das hauchdünne Material. »Ich sag’s ja nicht gern, aber das hier ist nicht direkt eine Party.«
»Echt? Aber es ist nah genug dran«, kontert Mindy. »Komm schon. Ich kann sehen, dass du es auch willst.«
Sie hat recht. Das tue ich. Ich habe dieses Kleid von der ersten Sekunde an geliebt, als ich es entdeckt hatte. Dass es seit dem Zwölftklässler-Abschlussball letztes Jahr im Schrank hängt, ist pure Verschwendung.
Ich schiebe die dünnen Spaghettiträger vom Bügel. »Vielleicht sollten wir Pete Christensen anrufen. Du weißt schon, um der alten Zeiten willen.«
»Pete Christensen lassen wir lieber in den alten Abschlussballfotos, wo er hingehört. Das Kleid allerdings verdient so viel Frischluft, wie es bekommen kann«, sagt Mindy.
Ich ziehe mein T-Shirt über den Kopf und spüre, wie sich die Träger an meine Schultern schmiegen, dann knöpfe ich schnell die Shorts auf, die ich noch unter dem Rock trage. »So schlimm war Pete gar nicht. Nur langweilig.«
»Genau.« Mindy tritt hinter mich und dreht mein Haar zu einem schlichten Knoten im Nacken auf. Für den Abschlussball im letzten Jahr hat Babci es sorgfältig zu Korkenzieherlocken aufgedreht, sodass ich Mom ähnlicher sah als je zuvor – oder danach. Die Markenzeichen meiner Mutter waren eine gepflegte, modische Lockenfrisur und lässige Eleganz. Mindys Interpretation ist zwar weder besonders modisch noch elegant, aber wenn ich das Kleid trage, fühle ich mich dennoch glamourös, trotz der widerspenstigen Locken, die aus dem Knoten entwischen. »Komm schon. Lass uns nach unten gehen. Der Wein ist alle.«
Sie trinkt den letzten Schluck direkt aus der Flasche, um ihrer Behauptung Nachdruck zu verleihen, und wir lachen. Da wir beide nicht Auto fahren, ist Dads Einstellung zu Alkohol ziemlich entspannt, obwohl wir noch minderjährig sind. Letztes Jahr hat er eine große Sache daraus gemacht, mir einen langen Vortrag über verantwortungsvollen Alkoholgenuss zu halten und darüber, dass er mich jederzeit ohne Fragen zu stellen abholen würde, wenn ich zu betrunken bin, um selbst zu fahren. Aber wir wissen beide, dass ich ihn niemals anrufen würde. Betrunken Auto fahren würde ich genauso wenig, also läuft es darauf hinaus, dass ich meist eher der Form halber ein bisschen Alkohol trinke. Wenn überhaupt.
Mindy dagegen trinkt nicht nur gern Wein, sie trinkt ihn auch lieber als anderen Alkohol. Und Chardonnay mag sie am liebsten. Als wir durch die Glastür auf die Veranda treten, geht Mindy direkt zu dem eisgefüllten Eimer, in dem die zweite Weinflasche gekühlt wird, und schenkt uns beiden nach. Ich will mich in den leeren Stuhl setzen, aber Babcis Stimme lässt mich innehalten. »Zosia. Wie bezaubernd du aussiehst. Komm, lass dich mal ansehen.«
Ich lächle, und Babci streckt die Hand aus und fährt mit der Hand sanft über das Mieder des Kleids. »Wir haben es in meinem Kleiderschrank gefunden, und ich musste es einfach anziehen«, erkläre ich.
»Wenn ich deine Figur hätte, würde ich dieses Kleid jeden Tag tragen«, sagt Liz. »Das ist das Kleid, das du und Mindy bei Van’s Vintage gefunden habt, stimmt’s?«
Ich nicke. »Ich habe dieses gekauft, und Mindy hat an dem Tag ihre blaue Sergeant-Peppers-Jacke entdeckt.«
»Himmel, es kommt mir wie gestern vor, als du in diesem Kleid zum Abschlussball gegangen bist«, sagt Dad. »Du wirst viel zu schnell erwachsen, Zo.«
Ich widerstehe dem Drang, ihn daran zu erinnern, dass ich fast neunzehn bin und nicht neun.
»Als ich so alt war wie du, habe ich deinen dziadzia kennengelernt, weißt du«, sagt Babci.
»Ich lerne bestimmt nie jemanden kennen«, entgegne ich mit einem Lachen.
Mindy legt den Arm um mich. »Mit dieser Haltung ganz bestimmt nicht. Vielleicht gibt es ja da draußen einen japanischen Jungen, der nur darauf wartet, dich im Sturm zu erobern.«
Darüber lacht sogar Liz, und die ist nun wirklich eine unverbesserliche Optimistin, was Dates angeht. Aber um fair zu sein, muss man sagen, dass Liz sich auch tatsächlich mit Männern verabredet.
»Du weißt, dass ich größer bin als die meisten japanischen Jungs, oder?« Ich gebe mir alle Mühe, weiterzulächeln, kann aber spüren, wie sich mein Mund unglücklich verzieht.
»Der durchschnittliche Japaner ist einen Meter siebzig groß, und ich werde mich auf keinen Fall mit einem Jungen verabreden, der kleiner ist als ich.« Selbst wenn es nur um einen Zentimeter geht.
»Kevin Morgan war kleiner als du«, sagt Mindy und wackelt mit den Augenbrauen.
Ich werde rot, was aber außer Mindy ziemlich sicher niemand merkt. Kevin Morgan ist der Typ, mit dem ich in der zehnten Klasse gegangen bin, mein erster und letzter fester Freund. Der erste und letzte Junge, mit dem all das lief, was in Beziehungen normalerweise so läuft. Danach kamen noch ein paar andere, hier mal ein Monat, dort ein paar Wochen, sogar ein paar Blind Dates, aber es war kein Junge dabei, dem ich mich wirklich nahe gefühlt hätte – und ganz bestimmt keiner, der mich nackt gesehen hat.
Dad lächelt und sagt: »Diese Dinge haben keine Eile, Zo. Wie ich schon sagte, ich habe ohnehin das Gefühl, dass das alles viel zu schnell geht. Man stelle sich das mal vor, wahrscheinlich dauert es gar nicht mehr lange, und du und Mindy besucht uns hier mit euren Freunden – vielleicht sogar mit euren Kindern.«
»Hör lieber auf, bevor du noch sentimental wirst«, sage ich so streng, wie ich kann. »Gespräche über Kinder sind ab sofort tabu. Genau wie die über nicht-existente Freunde. Von jetzt an erkläre ich Essen zum einzigen akzeptablen Gesprächsthema, ich bin nämlich am Verhungern.«
Dad springt auf. »Warte. Bevor wir klären, wer einen Hamburger und wer einen Hotdog möchte, möchte ich dir noch etwas geben.«
Er geht ins Wohnzimmer, und ich höre ihn im Schrank wühlen. Ich werfe Babci einen fragenden Blick zu, aber die zuckt nur mit den Achseln. Als Dads Schritte hinter mir zu hören sind, drehe ich mich um. In der Hand hält er eine schwarze Samtschachtel, die er in meine Handfläche legt.
»Das hier wollte ich dir heute Abend geben, eine Art verfrühtes Geburtstagsgeschenk. Wir haben uns hier heute Abend mit unseren ältesten Freunden versammelt und bereiten uns darauf vor, das nächste Kapitel unseres Lebens aufzuschlagen. Mit allem, was dazugehört.« Ich bin mir sicher, dass er diese kleine Ansprache vorher geübt hat, dennoch muss er sich räuspern, und seine Augen fangen an zu glänzen, als er weiterspricht. »Aus unserem Haus auszuziehen, war keine leichte Entscheidung, aber ich glaube, dass es die richtige ist. Ich danke dir für deine Unterstützung, Zosia.«
Ich kenne die Schachtel, und meine Hände zittern, als ich sie öffne. Die dünne Silberkette schimmert auf dem schwarzen Samt, und die Diamanten zwinkern mir zu, als sich das Licht in ihnen bricht. Moms Kette. Drei ineinander verschränkte Ringe – zwei aus Silber und in der Mitte einer aus Diamanten. Dad hat sie ihr geschenkt, als ich geboren wurde, und sie hat sie nie abgelegt. Und auch ganz zuletzt war Dad derjenige, der den Verschluss geöffnet hat, weil ihre Hände von der Chemo zu sehr zitterten.
Ich gebe sie Dad und drehe mich um, damit er mir die Kette umlegen kann. Sie schmiegt sich kühl an meine Haut, und ich berühre sie, als würde mich das meiner Mutter näherbringen. Mein Finger zieht den Ring aus Diamanten nach, der sich gegen meine Kehle presst. »Du weißt, wie sehr ich diese Kette immer geliebt habe.«
»Es war immer so gedacht, dass du sie an deinem neunzehnten Geburtstag bekommen solltest. Deine Mutter hat darauf bestanden.« Dad schüttelt den Kopf, als würde er sich daran erinnern, und ich kann es ebenfalls vor meinem geistigen Auge sehen. Ich erinnere mich daran, wie ich sie gefragt habe, ob ich sie eines Tages haben könnte, und ihre immer gleiche Antwort darauf lautete: Neunzehn. Wenn du alt genug bist.
Alt genug für was?, habe ich dann gefragt.
Aber sie lächelte nur und schüttelte den Kopf, als wäre diese Frage ein Beweis dafür, dass ich noch nicht alt genug wäre. Einmal sagte sie zu mir, dass man erst mit neunzehn so richtig erwachsen sei. Die Leute denken, dass neunzehn so ein merkwürdiges Alter irgendwo dazwischen wäre, in dem nichts Wichtiges passiert. Aber ich glaube, dass es ein Alter ist, in dem alles passieren kann, weil man so weit ist, es zuzulassen.
Tränen brennen hinter meinen Augenlidern, und ich zwinge mich zu einem Lächeln. »Du weißt, dass ich erst im August Geburtstag habe, oder?«
»Ich weiß, aber ich wollte sie dir gern jetzt schon geben. Solange wir noch hier sind.« Der Teil, den Dad nicht laut auszusprechen wagt, lautet: in unserem Haus.
»Sie ist wunderschön.« Mindy sieht mir dabei zu, wie ich noch eine Sekunde lang an der Kette herumspiele, für den Fall, dass ich noch etwas sage, ehe sie hinzufügt: »Und sie sieht super aus zu dem Kleid.«
»Wirklich?«, frage ich.
»Mh-mh. Vielleicht hätten wir Pete doch anrufen sollen.« Mindy wackelt mit den Augenbrauen, und ich ziehe eine Grimasse, obwohl ich froh darüber bin, dass sie die Atmosphäre aufgelockert hat.
»Hörst du endlich auf? Pete und ich sind nur Freunde.«
»Ja, ja. Ich finde immer noch, dass er dich wenigstens hätte küssen können. Man geht nicht mit jemandem zum Abschlussball und versucht es dann nicht mal.« Mindy lacht, und ich boxe ihr gegen das Bein.
»Mein Stichwort, Essensbestellungen entgegennehmen«, sagt Dad. »Liz, Lust auf einen Burger? Babci, was ist mit dir?«
Ich knuffe Mindy mit dem Ellbogen in die Seite. »Ich glaube, Mindy hätte gern eine große Portion Dumpfbacke, halb durch, stimmt’s?«
Sie streckt mir die Zunge raus, und wir lachen beide laut los.
Der Abend vergeht viel zu schnell. Als Liz darauf hinweist, dass es bereits nach elf ist und sie morgen arbeiten muss, endet die Grillparty mit der schnellen Entsorgung der Pappteller im Müll, während die Essensreste im Kühlschrank verschwinden. Dad und Babci sehen erschöpft aus und sind um halb zwölf in ihre jeweiligen Zimmer verschwunden.
Und so habe ich Gelegenheit, in Ruhe und allein durch das Haus zu schlendern. Barfuß laufe ich durch das Wohnzimmer, fahre mit den Fingern über das weiche Holz der Beistelltischchen, schüttele die Zierkissen auf. Der Abend hat Spaß gemacht. Abgesehen von den wenigen Malen, in denen das Gespräch aufs College kam, hätte es genauso gut der Memorial Day des Vorjahres sein können, oder der des Jahres davor.
Nur dass es nicht so ist. Das hier ist das letzte Mal, dass wir ihn hier verbringen. In diesem Haus. Zumindest für die nächsten drei Jahre. Und machen wir uns nichts vor – in drei Jahren kann eine Menge passieren.
Gerade ich sollte das wissen.
Lassen wir die Zierkissen einfach für die Mieter auf dem Sofa liegen?, frage ich mich. Was ist, wenn sie Haustiere haben und sie auf den Polstermöbeln schlafen lassen? Bis ich sieben Jahre alt war, hatte Mom eine Katze, aber die scheuchte sie immer von allen Möbeln runter. Die einzige Ausnahme war der alte Schaukelstuhl in ihrem Schlafzimmer. Katzen auf der Wohnzimmercouch hätten ihr nicht gefallen. Fremde wahrscheinlich auch nicht.
Bei dem Gedanken schließen sich meine Finger um die Kette, was mich halb aufwühlt und halb tröstet. Ich kann mir nicht wirklich vorstellen, was Mom gewollt oder nicht gewollt hätte, dazu schwirren mir zu viele eigene Wünsche im Kopf herum. Ich will sie wiederhaben. Ich will nach Tokio. Ich will in Westfield bleiben und im Sommer im Theresa’s kellnern. Ich will mich in meinem Bett verkriechen und nie wieder rauskommen. Ich will raus aus diesem Haus.
Am Ende setzt sich der letzte Wunsch durch, weil es genau das ist, was ich in dem Moment brauche, als ich die Verandatür leise hinter mir schließe und über den Rasen schlendere. Ich kann nicht hierbleiben, umgeben von Kindheitserinnerungen und Erinnerungen an meine Mom, sonst drehe ich durch. Es hat mich in diesen letzten Jahren zu viel Mühe gekostet, das durchzustehen, um jetzt in einer rastlosen Nacht alles zunichtezumachen.
