Mehl, Magie und Machenschaften - T. Kingfisher - E-Book

Mehl, Magie und Machenschaften E-Book

T. Kingfisher

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Beschreibung

Die vierzehnjährige Mona hält sich für eine untalentierte Zauberin. Sie kann weder Blitze kontrollieren noch mit Wasser sprechen, wie die anderen Magier, die in der Stadt leben und sie verteidigen sollen. Ihr Begleiter ist ein Sauerteigstarter, denn ihre Magie funktioniert nur bei Brot. In der Bäckerei ihrer Tante lässt sie höchstens mal die Lebkuchenmänner tanzen. Doch Monas Leben wird auf den Kopf gestellt, als sie eine Leiche in der Backstube findet. In den Straßen der Stadt treibt ein Mörder sein Unwesen, der es auf die Magier abgesehen hat, und ausgerechnet Mona scheint sein nächstes Ziel zu sein. Doch in einer umkämpften Stadt, in der es mit einem Mal keine Zauberer mehr gibt, ist der Attentäter plötzlich Monas geringste Sorge ...

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Seitenzahl: 414

Veröffentlichungsjahr: 2026

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T. Kingfisher

 

 

 

 

Mehl, Magie und Machenschaften

 

 

 

Aus dem Englischen von Annika Bührmann undJeannette Bauroth

 

 

 

 

 

Über das Buch

 

Die vierzehnjährige Mona hält sich für eine untalentierte Zauberin. Sie kann weder Blitze kontrollieren noch mit Wasser sprechen, wie die anderen Magier, die in der Stadt leben und sie verteidigen sollen. Ihr Begleiter ist ein Sauerteigstarter, denn ihre Magie funktioniert nur bei Brot. In der Bäckerei ihrer Tante lässt sie höchstens mal die Lebkuchenmänner tanzen.

Doch Monas Leben wird auf den Kopf gestellt, als sie eine Leiche in der Backstube findet. In den Straßen der Stadt treibt ein Mörder sein Unwesen, der es auf die Magier abgesehen hat, und ausgerechnet Mona scheint sein nächstes Ziel zu sein. Doch in einer umkämpften Stadt, in der es mit einem Mal keine Zauberer mehr gibt, ist der Attentäter plötzlich Monas geringste Sorge …

 

 

Über die Autorin

 

T. Kingfisher ist das etwas absurde Pseudonym von Ursula Vernon, einer vielfach preisgekrönten Autorin aus North Carolina, die unter ihrem Klarnamen Kinderbücher und skurrile Comics schreibt. Ihre Bücher für Erwachsene umfassen Horror, epische Fantasy, Nacherzählungen von Märchen und ungewöhnliche Geschichten über Elfen und Kobolde.

Wenn sie nicht gerade schreibt, findet man sie in ihrem Garten, wo sie versucht, Blickkontakt zu Schmetterlingen aufzunehmen.

Die englische Ausgabe erschien 2020 unter dem Titel »A Wizard’s Guide to Defensive Baking« bei Argyll Productions.

 

 

 

Deutsche Erstausgabe März 2026

 

© der Originalausgabe 2020: T. Kingfisher

Published by Arrangement with Ursula Vernon.

 

© für die deutschsprachige Ausgabe 2026:

Second Chances Verlag, Inh. Jeannette Bauroth,

Hammergasse 7–9, 98587 Steinbach-Hallenberg

 

Bei Fragen zur Produktsicherheit wenden Sie sich an:

[email protected]

 

 

Alle Rechte, einschließlich des Rechts zur vollständigen oder auszugsweisen Wiedergabe in jeglicher Form, sind vorbehalten.

 

Alle handelnden Personen sind frei erfunden, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

 

Die Nutzung des Inhalts für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ist ausdrücklich verboten.

 

Dieses Werk wurde vermittelt durch die literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.

 

 

Umschlaggestaltung: Frauke Spanuth

Lektorat: Corinna Wieja

Satz: Second Chances Verlag

 

 

ISBN Klappenbroschur: 978-3-98906-100-2

ISBN E-Book: 978-3-98906-099-9

 

Auch als Hörbuch erhältlich.

 

www.second-chances-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

Titel

Über das Buch

Impressum

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Danksagung

KAPITEL 1

 

In der Bäckerei meiner Tante lag ein totes Mädchen. Ich stieß einen hysterischen Schrei aus, dann gleich noch einen und wich zurück, bis ich gegen die Tür zum Verkaufsraum prallte. Meistens lassen wir die offen, weil es sonst so heiß wird, dass man fast schmilzt, aber es war vier Uhr morgens und die großen Öfen waren noch nicht in Betrieb.

Ich wusste sofort, dass das Mädchen tot war. Ich hatte zwar bisher noch nicht viele Leichen gesehen – immerhin war ich erst vierzehn, und Backen gehört nicht gerade zu den Berufen mit hoher Sterblichkeitsrate –, aber das rote Zeug, das unter ihrem Kopf hervorsickerte, war garantiert keine Himbeerfüllung. Und sie lag merkwürdig verdreht da – so würde sich freiwillig niemand zum Schlafen hinlegen, vorausgesetzt, jemand würde überhaupt für ein Nickerchen in eine Bäckerei einbrechen.

Mein Magen fühlte sich an, als würde ihn mir jemand mit einer Faust zerquetschen, und ich schlug mir beide Hände vor den Mund, um die aufsteigende Übelkeit zu unterdrücken. Es gab schon genug Schweinerei aufzuwischen, da brauchte es nicht auch noch mein wieder auftauchendes Frühstück.

Das Schlimmste, was ich bisher in der Backstube gesehen hatte, war die ein oder andere Ratte. Bitte keine Vorurteile! In dieser Stadt ist es unmöglich, die Ratten fernzuhalten, und wir gehören wirklich zu den saubersten Geschäften. Okay, davon abgesehen, gab es noch den Zombie-Frosch, der aus dem Kanal geklettert kam.

Das arme Ding hatte sich wohl stromabwärts in der Nähe der Kathedrale befunden, und manchmal gehen die ein wenig rücksichtslos mit ihrem Weihwasser um, was zu einer echten Invasion von untoten Fröschen und Molchen und anderem Getier führt. Die Krebse sind am schlimmsten. Die Frösche kriegt man mit einem Besen unter Kontrolle, aber für die Zombie-Krebse muss man einen Priester rufen.

Zombie-Frösche wären mir allerdings auf jeden Fall lieber gewesen als eine Leiche.

Ich muss Tante Tabitha holen. Sie wird wissen, was zu tun ist.

Das soll nicht heißen, dass Tante Tabitha regelmäßig Leichen in ihrer Bäckerei findet, doch sie gehört zu diesen kompetenten Menschen, die für jedes Problem eine Lösung parat haben. Würde eine Horde ausgehungerter Zentauren durch die Straßen galoppieren und kleine Kinder und Katzen verschlingen, würde Tante Tabitha in aller Ruhe Barrikaden aufstellen und Leute mit Armbrüsten positionieren, als täte sie das regelmäßig zweimal pro Woche.

Damit ich zur Treppe gelangte, die zu ihrem Schlafzimmer führte, musste ich jedoch in den Flur und dafür bedauerlicherweise die Backstube durchqueren, und das hieß, an der Leiche vorbeilaufen. Darüber hinwegsteigen, genauer gesagt.

Okay. Okay. Füße, seid ihr dabei? Knie? Schaffen wir das?

Füße und Knie meldeten ihre Bereitschaft. Mein Magen war jedoch gar nicht erfreut über den Plan. Ich schlang eine Hand um meine Taille und legte die andere fest über meinen Mund, für den Fall, dass er sich zu einer Rebellion entschloss.

Okay. Okay, los geht’s …

Langsam schlich ich mich weiter in den Raum hinein. Sechs Tage in der Woche verbrachte ich hier, manchmal sieben, an denen ich mit schnellen Schritten durch den Raum marschierte, Teig auf die Arbeitsplatte warf und Kuchenformen in den Ofen schob. Ich durchquerte die Backstube Hunderte Male jeden Tag, ohne darüber nachzudenken. Jetzt erschienen sie mir unendlich groß, ein unbekanntes und feindliches Gebiet.

Ich befand mich in einer Zwickmühle. Die Leiche mochte ich mir lieber nicht anschauen, aber wenn ich nicht hinsah, trat ich womöglich versehentlich darauf – auf sie – und daran wollte ich nicht mal denken müssen.

Es nützte nichts. Ich blickte nach unten.

Die Beine des toten Mädchens lagen gespreizt auf dem Boden. Sie trug unterschiedliche Strümpfe und schmutzige Schuhe. Das kam mir sehr traurig vor. Ich meine, ihr Tod war sowieso tragisch, es sei denn, sie wäre ein schrecklicher Mensch gewesen, aber irgendwie kam es mir besonders traurig vor, mit unterschiedlichen Strümpfen zu sterben.

Ich stellte mir vor, wie sie die angezogen hatte, ohne auch nur zu ahnen, dass später ein Bäckereilehrmädchen und halb gare Teigzaubererin auf Zehenspitzen an ihr vorbeischleichen und sich Gedanken über ihre Fußbekleidung machen würde.

Vermutlich steckte irgendwo eine moralische Lektion in dieser Sache, aber ich war keine Priesterin. Ich hatte zwar mal darüber nachgedacht, eine zu werden, doch Priester mögen Zauberer nicht besonders, nicht mal die unterklassigen, deren einziges Talent darin besteht, Brotteig aufgehen und die rohen Gebäckstücke auf dem Blech nicht zusammenkleben zu lassen. Ungefähr zur selben Zeit, als ich meine Hoffnungen auf eine berufliche Laufbahn als Priesterin aufgab, hatte mich Tante Tabitha in der Bäckerei aufgenommen, und der Sirenengesang von Mehl und Butter hatte mein Schicksal mehr oder weniger besiegelt.

Ich fragte mich, was wohl das Schicksal dieses armen Mädchens besiegelt hatte. Ihre Haare bedeckten den Großteil ihres Gesichts, daher konnte ich nicht erkennen, wie alt sie ungefähr war – außerdem wollte ich nicht allzu genau hinschauen. Doch irgendwas verriet mir, dass sie noch jung war, möglicherweise nicht viel älter als ich. Wieso lag sie tot in unserer Bäckerei? Jemand, der friert oder Hunger hat, schleicht vielleicht in die Backstube – hier war es warm, sogar nachts, da wir das Feuer in den großen Öfen so anlegten, dass am nächsten Morgen noch ein wenig Glut vorhanden war, und man fand immer irgendwo etwas zu essen, selbst wenn es nur das Gebäck vom Vortag in der Vitrine war. Aber das erklärte nicht, warum sie tot hier lag.

Ich betrachtete sie; eins ihrer Augen lugte unter den Haaren hervor. Es war offen. Schnell blickte ich wieder weg.

Vielleicht war sie ausgerutscht und hatte sich den Kopf angeschlagen. Tante Tabitha behauptete immer, dass ich mir eines Tages noch das Genick brechen würde, weil ich angeblich wie ein mehlgieriger Windhund in der Backstube herumsauste, aber es wäre schon komisch, wenn jemand in eine Bäckerei einbrechen würde und dann dort drin herumrannte.

Vielleicht wurde sie ermordet, flüsterte eine kleine verräterische Stimme in meinem Kopf.

Halt die Klappe, halt die Klappe! Was für ein Blödsinn, erwiderte ich. Morde passierten in dunklen Gassen, nicht in der Backstube meiner Tante. Außerdem wäre es leichtsinnig, eine Leiche in der Bäckerei zurückzulassen. Unter der gesamten Stadt verliefen Kanäle, auf jede Straße kamen fünfzig Brücken, und jedes Frühjahr flutete Wasser in alle Keller. Wer würde eine Leiche in einer Bäckerei abladen, wenn sich nur fünf Meter weiter ein absolut geeigneter Kanal befand, in dem man sie problemlos entsorgen konnte?

Mit angehaltenem Atem machte ich einen großen Schritt über die Knöchel des toten Mädchens hinweg.

Nichts passierte. Ich hatte zwar auch nichts erwartet, war aber trotzdem erleichtert.

Ich blickte bewusst geradeaus, machte vorsichtig zwei weitere Schritte und verfiel dann in einen Sprint. Mit der Schulter stieß ich die Tür auf und rannte die Treppe hoch, während ich »Tante Tabithaaaaa! Komm schnell!« rief.

 

***

 

Es war vier Uhr morgens, aber Bäcker waren daran gewöhnt, früh aufzustehen, und Tante Tabitha blieb seit Neuestem nur deshalb bis zur dekadenten Zeit von halb sieben im Bett, weil sie während der vergangenen Monate endlich ihrer Nichte die Öffnung des Ladens anvertraut hatte. Das war übrigens ich, falls das bisher noch nicht klar geworden ist. Sie hatte Bedenken gehabt, mir die Verantwortung zu übertragen, und ich war wirklich stolz gewesen, dass während dieser ganzen Zeit nichts schiefgegangen war.

Was dafür sorgte, dass ich mich nun doppelt schuldig fühlte, weil unter meiner Aufsicht eine Leiche in der Bäckerei aufgetaucht war. Dabei traf mich gar keine Schuld. Immerhin hatte ich das Mädchen nicht getötet.

Sei nicht albern, niemand hat sie getötet. Sie ist lediglich ausgerutscht. Vermutlich.

»Tante Tabithaaaa!«

»Grundgütiger, Mona …«, hörte ich die verschlafene Stimme meiner Tante durch die Tür. »Brennt das Haus?«

»Nein, Tante Tabitha, ich habe eine Leiche in unserer Backstube gefunden!«, hatte ich eigentlich sagen wollen. Heraus kam eher »Tante Leiche! Da ist eine Tabitha … in der Backstube … tot, sie ist tot … Ich … Komm schnell – sie ist tot!«

Die Tür oben an der Treppe flog auf, und meine Tante kam heraus, während sie noch ihr Hauskleid überzog. Das Kleid ist groß, pink und mit aufgestickten, geflügelten Croissants gemustert. Es ist ziemlich grässlich. Auch Tante Tabitha ist groß und pink, aber es flattern keine geflügelten Croissants um sie herum, außer, wenn sie das Hauskleid anhat.

»Tot?« Sie kniff die Augen zusammen. »Wer ist tot?«

»Die Leiche in der Backstube!«

»In meiner Backstube?« Tante Tabitha kam in Höchstgeschwindigkeit die Treppe heruntergerast, und da ich nicht zertrampelt werden wollte, machte ich Platz. Sie schob mich zur Seite, aber nicht unfreundlich, und betrat die Backstube, indem sie sich seitlich durch die Tür drängte. Ich folgte ihr, streckte vorsichtig den Kopf durch den Türrahmen und wartete auf die Explosion.

»Huch.« Tante Tabitha stemmte die Hände in die breiten Hüften. »Das ist tatsächlich eine Leiche. Der Himmel steh uns bei. Huch.«

Es folgte ein langes Schweigen, und ich starrte sie an, sie starrte die Tote an, und die Tote starrte an die Decke.

»Äh … Tante Tabitha? Was sollen wir jetzt tun?«, fragte ich schließlich.

Tante Tabitha schien aus ihrer Schockstarre zu erwachen.

»Nun. Ich wecke deinen Onkel auf und schicke ihn los, um die Wachtmeister zu holen. Du fachst das Feuer an und machst ein Blech Rosinenbrötchen fertig.«

»Rosinenbrötchen? Wir backen jetzt?«

»Mädchen, wir sind eine Bäckerei!«, fuhr mich meine Tante an. »Außerdem kenne ich keinen Wachtmeister, der Rosinenbrötchen nicht mag, und es wird hier bald nur so vor Wachtmeistern wimmeln. Mach besser gleich zwei Bleche, Liebes.«

»Äh …« Ich riss mich zusammen. »Soll ich auch das andere Gebäck vorbereiten?«

Meine Tante runzelte die Stirn und kaute nachdenklich auf ihrer Unterlippe. »Nein, ich denke nicht. Die werden hier sicher einige Stunden lang ein- und ausgehen und Chaos verbreiten. Wir werden wohl einfach später öffnen müssen, nehme ich an.« Sie drehte sich um und ging schweren Schrittes davon, um meinen Onkel aufzuwecken.

Ich blieb allein mit dem toten Mädchen und den Öfen zurück.

Einer der Öfen war ohne Schwierigkeiten zu erreichen. Ich fachte das Feuer an und warf ein weiteres Scheit darauf. Es erfordert Geschick, die Öfen auf einer gleichmäßigen Temperatur zu halten, und das lernte man als Erstes. Wird es stellenweise zu heiß oder zu kalt, fällt das Brot in sich zusammen und kommt ganz klumpig heraus.

An den anderen Ofen kam ich nicht ran, ohne einen Schritt über das Mädchen zu machen. Ich dachte kurz nach und deckte dann ein Geschirrtuch über ihr Gesicht. Es war irgendwie einfacher, wenn ich das Auge, das nach oben ins Nichts starrte, nicht sehen konnte. Anschließend heizte ich den anderen Ofen an.

Rosinenbrötchen sind leicht. Die könnte ich im Schlaf backen, und manchmal, um vier Uhr morgens, tue ich das auch fast. Ich gab die trockenen Zutaten in eine Schüssel und verrührte sie langsam miteinander. Dabei hielt ich meinen Blick auf das Dachgebälk gerichtet, damit ich nicht versehentlich die Leiche anguckte. Kurz sah ich, wie oben ein Auge aufschimmerte, als eine Maus auf mich herunterblickte, dann huschte sie über die Dachbalken zurück in ihr Mauseloch. Mäuse im Haus waren eine gute Sache, denn es bedeutete, dass wir keine Ratten mehr hatten. Ratten finden Mäuse nämlich lecker.

Auf dem Tresen standen Eier und ein großer Steingutkrug voller Backfett. Ich schlug die Eier auf, trennte die Eigelbe vom Eiweiß – perfekt, möchte ich anmerken – und kippte die gesamten Zutaten in eine größere Schüssel. Dann fing ich an, alles miteinander zu verrühren.

Die Vordertür öffnete sich und schlug wieder ins Schloss, als Onkel Albert sich auf den Weg zum Wachtmeister machte. Tante Tabitha eilte im vorderen Teil des Geschäfts hin und her, vermutlich, um gleich die ersten Kunden des Tages wegzuschicken.

Ich fragte mich, wie viele Wachtmeister wohl kommen würden. Mindestens zwei für einen Mord, oder? Morde waren wichtig. Würde der Leichenkarren kommen? Nun ja, er würde kommen müssen, nicht? Wir konnten das tote Mädchen ja schlecht mit dem Abfall auf die Straße stellen. Der Leichenkarren würde vorfahren, und alle Nachbarn würden denken, dass Onkel gestorben war – niemandem käme in den Sinn, dass Tabitha gestorben sein könnte, denn sie war eine Naturgewalt. Sie würden zum Tratschen vorbeikommen und herausfinden, dass es einen Mord gegeben hatte –

Moment mal, wann hatte ich entschieden, dass es Mord war? Sie war doch nur ausgerutscht, oder?

Ich war so damit beschäftigt, das tote Mädchen nicht anzuschauen und über die Anzahl der Wachtmeister nachzudenken, dass ich den Teig für die Rosinenbrötchen viel zu lange geknetet hatte. Wenn man das tut, werden sie zäh. Ich steckte eine mehlige Hand in den Teig und schlug ihm vor, dass er vielleicht gar nicht zäh sein wollte. Meine Finger kribbelten einen Moment lang, dann wurde der Teig ein wenig klebriger. Teig ist leicht zu beeinflussen und lässt sich gerne überreden, wenn man weiß, wie man richtig fragt. Manchmal vergesse ich, dass andere Menschen das nicht können.

Ich teilte den rohen Teig in ein Dutzend gleichmäßig geformter Klumpen, legte sie auf den langen Holzschieber und schob sie mit der strengen Anweisung in den Ofen, ja nicht zu verbrennen. Das würden sie auch nicht. Backwerk mit Magie vor dem Verbrennen zu schützen ist einer der wenigen Zauber, die ich tatsächlich gut beherrsche. Einmal, als ich einen wirklich fürchterlichen Tag hatte, habe ich zu viel Kraft hineingesteckt, und die Hälfte des Brots ist überhaupt nicht gar geworden.

So, die Rosinenbrötchen waren fertig. Ich wischte die Hände an meiner Schürze ab, tauchte eine Tasse in einen der Behälter mit Mehl und füllte sie. Denn es gab noch eine weitere Aufgabe, die erledigt werden musste, Leiche – oder selbst ein Dutzend Leichen – in der Backstube hin oder her.

Die Treppenstufen zum Keller waren glitschig, weil jeder Keller in der Stadt feucht ist. Es ist ein Wunder, dass wir überhaupt noch Keller haben. Mein Vater, der Baumeister gewesen war, sagte immer, der Grund für die feuchten Keller liege darin, dass sich unter uns eine weitere Stadt befinde und die Leute einfach, wenn die Kanäle anstiegen, in die Höhe bauten, weshalb die Fußböden der Keller tatsächlich aus den Dächern und Decken alter Häuser bestünden.

In der dunkelsten und wärmsten Ecke des Kellers blubberte ein Eimer träge vor sich hin. Dann und wann platzte eine der Blasen und verströmte einen feuchten, säuerlich-hefigen Duft.

»Hallo, Bob …«, sagte ich in dem zuckersüßen Ton, mit dem man sich unberechenbaren Tieren näherte. »Ganz ruhig. Ich habe leckeres Mehl für dich …«

Bob ließ mehrere Blasen platzen, das ist seine Form einer begeisterten Begrüßung.

Bob ist mein Sauerteigansatz. Er ist der erste große Zauber, den ich je gewirkt habe, und weil ich dabei nicht wusste, was ich tat, habe ich es fürchterlich übertrieben. Ein Sauerteigansatz ist eine klumpige, glitschige Masse aus Hefe und allem, was dazugehört, damit ein Brotteig aufgeht, wächst und gedeiht. Je nach Ansatz kann der Geschmack des Brotes sehr unterschiedlich sein. Die meisten Ansätze leben nur ein paar Wochen, aber in den richtigen Händen können sie jahrelang überleben. In Constantine gibt es einen, der angeblich über hundert Jahre alt ist.

Ich war erst zehn, als ich in der Bäckerei meiner Tante angefangen habe, und hatte große Angst davor, etwas falsch zu machen. Mein Talent stellte manchmal komische Sachen mit Rezepten an. Ich bekam die Aufgabe, mich um den Sauerteigansatz zu kümmern, den sie seit Eröffnung der Bäckerei benutzte und der wirklich wichtig war, denn Tante Tabithas Brot war stadtberühmt.

Und … Ich weiß nicht, ob ich ihm zu viel Mehl oder zu viel Wasser oder nicht genug von beidem gegeben habe, aber er ist eingetrocknet und wäre beinahe gestorben. Als ich das bemerkte, hatte ich solche Angst, dass ich beide Hände hineinsteckte – was nebenbei gesagt ganz schön eklig war, ehrlich –, und ihm befahl, nicht zu sterben. Lebe!, befahl ich ihm. Na, komm schon, stirb mir nicht weg, lebe! Wachse! Iss! Vertrockne nicht!

Na ja. Ich war zehn und hatte eine Riesenangst, und manchmal hat Angst eine komische Auswirkung auf Magie. Zum einen verleiht sie ihr zusätzliche Kraft. Der Sauerteigansatz ist nicht gestorben. Er ist gewachsen. Und wie. Er ist aus dem Gefäß geschäumt und über meine Hände gelaufen, und ich habe laut nach Tante Tabitha gerufen, aber als sie endlich da war, hatte der Sauerteigansatz den Sack Mehl erreicht, aus dem ich ihn gefüttert hatte, und den ganzen Sack verspeist. Ich brach in Tränen aus, doch Tante Tabitha stemmte bloß die Hände in die Hüften und sagte: »Er lebt noch, das passt schon«. Dann kratzte sie ihn in ein viel größeres Gefäß, und das war die Geburt von Bob.

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob wir ihn überhaupt noch töten könnten. Einmal hatte es in der Stadt so bitter gefroren, dass keiner vor die Tür konnte. Tante Tabitha saß drei Tage lang auf der anderen Seite der Stadt fest, und ich konnte nicht zur Bäckerei gelangen, weshalb niemand Bob fütterte. Ich erwartete, ihn bei meiner Rückkehr erfroren oder verhungert vorzufinden.

Stattdessen hatte der Eimer sich quer durch den Keller bewegt und war von Rattenüberresten umgeben. Die Knochen hatte er verschmäht. So sind wir darauf gekommen, dass Bob für sich selber sorgen konnte. Ich war mir immer noch nicht sicher, wie er sich fortbewegte – vielleicht kroch und glitt er wie ein Schleimpilz oder eine Schnecke vorwärts? Doch ich würde auf keinen Fall den Eimer hochheben und nachgucken. Ich bezweifelte, dass der Eimer noch einen Boden hatte, aber ich wollte es nicht riskieren, Bob zu verärgern.

Er mochte mich am liebsten, vielleicht weil ich ihn am häufigsten fütterte. Tante Tabitha duldete er. Mein Onkel ging nicht mehr in den Keller, denn er meinte, dass Bob ihn einmal angezischt hätte. Vermutlich war es ein sehr rülpsendes Zischen.

Ich kippte das Mehl auf Bob, und er gluckste glücklich in seinem Eimer und streckte mir eine Art matschigen Tentakel entgegen. Ich zupfte ihn ab, und der Sauerteigansatz sank in sich zusammen und fing an, das Mehl zu verdauen. Es schien ihm nichts auszumachen, wenn ich fürs Brotbacken kleine Stücke von ihm abzwackte, und er ist immer noch der beste Sauerteig in der Stadt.

Nur das mit den Ratten erzählen wir niemandem.

KAPITEL 2

 

Wachtmeister Alphonse war groß und breit und hatte ein gerötetes Gesicht. Er betrat die Backstube, hielt inne und sagte überrascht: »Da liegt ja eine Leiche!«

»Das habe ich doch gesagt«, erwiderte Onkel Albert hinter ihm beleidigt.

»Nun ja, schon, aber …« Der Wachtmeister verstummte, aber er vermittelte trotzdem deutlich den Eindruck, dass er Onkel Albert für jemanden gehalten hatte, der viel Lärm um nichts machte. Er hatte offensichtlich nicht erwartet, in einer respektablen Bäckerei eine echte Leiche vorzufinden.

Tante Tabitha übernahm das Kommando. »Und ob es eine Leiche ist. Mona hat sie heute Morgen beim Reinkommen gefunden. Nehmen Sie sich ein Rosinenbrötchen.«

Wachtmeister Alphonse griff sich ein Rosinenbrötchen, kaute es nachdenklich und entschied, sich eine zweite Meinung einzuholen.

Wachtmeister Montgomery war ebenfalls groß und breit, aber sein Gesicht war nicht rot, sondern eher blässlich. Er aß drei Rosinenbrötchen, bestätigte, ja, es handelte sich in der Tat um eine Leiche, und stand dann mit Alphonse schweigend in der Backstube herum, bis Tante Tabitha gereizt vorschlug, dass man vielleicht den Leichenkarren rufen sollte.

»Wir brauchen den Leichenbeschauer«, meinte Montgomery und nahm sich ein weiteres Rosinenbrötchen.

»Ja, den Leichenbeschauer«, stimmte Alphonse zu.

Sie gingen hinaus.

»Du schiebst besser noch ein Blech Rosinenbrötchen in den Ofen«, sagte Tante Tabitha müde. »Und mach auch gleich noch eine Kanne Tee. Sieht so aus, als würde das den ganzen Vormittag dauern.«

Der Leichenbeschauer entpuppte sich bei seiner Ankunft als kleiner Mann, glatzköpfig und schwabbelig, sein Aussehen erinnerte an eine halb geschmolzene Kerze. Er aß fast ein ganzes Blech Rosinenbrötchen alleine auf, aber ich bekam nicht mit, was er zu sagen hatte, denn sobald die Untersuchung der Leiche anfing, scheuchte Tante Tabitha mich in den Ladenbereich, damit ich mich um die Kundschaft kümmerte.

Wir hatten hauptsächlich Stammkunden, die immer das Gleiche bestellten, und obwohl sie enttäuscht waren, weil ich ihnen ihre Muffins, ihr Brot und ihre Scones nicht anbieten konnte, sorgten sie sich mehr darüber, dass etwas nicht in Ordnung war. Ich wiederholte wieder und wieder, dass alles in Butter sei, dass nur jemand in die Backstube eingebrochen war und die Wachtmeister sich das anguckten, aber nichts gestohlen worden zu sein schien, und wir hofften, später alles noch backen zu können.

»Heutzutage ist niemand mehr sicher«, sagte die alte Miss McGrammar – ein Zitronen-Scone ohne Glasur – mit einem Schniefen. Sie klopfte mit ihrem Gehstock gegen die Theke, um ihre Worte zu unterstreichen. »Das muss man sich mal vorstellen, in eine Bäckerei einzubrechen! Wir werden noch alle in unseren Betten ermordet, so viel steht fest!«

»Manche von uns eher als andere«, murmelte Meister Elwidge, der Zimmermann – zwei Zimtschnecken, ein Laib Käsebrot – und zwinkerte mir zu.

»Hmpf!« Miss McGrammar fuchtelte mit ihrem Stock in seine Richtung. »Machen Sie sich nur lustig! Erst letzte Woche ist der kleine Sidney, der Junge von Mrs Weatherfort, die die Wäsche macht, verschwunden, und hat man seitdem auch nur eine Spur von ihm gesehen?«

»Nein?«, fragte ich vorsichtig.

»Hat man nicht!« Sie ließ ihren Gehstock wie den Hammer eines Richters herabsausen.

»Wahrscheinlich ausgekniffen, um zur See zu fahren«, mutmaßte Brutus, der Kerzenmacher – eines von was auch immer heute gut aussieht, meine Liebe, und einen Laib Brot von gestern für die Tauben, falls noch einer da ist –.

»Ausgekniffen, um zur See zu fahren?«, wiederholte Miss McGrammar empört. »Sidney? Niemals! Er war ein guter Junge, jawohl!«

»Selbst gute Jungen sind eben einfach Jungen«, erwiderte Brutus milde und rieb sich über die Unterarme. Er hatte mehrere verblasste Tätowierungen, und ich hatte den Verdacht, dass er aus eigener Erfahrung sprach.

»Sidney Weatherfort würde nicht weglaufen, um zur See zu fahren«, mischte sich die winzige Witwe Holloway ein – ein Brombeer-Muffin, zwei Ingwerplätzchen und vielen Dank, liebe Mona, du wirst deiner lieben armen Mutter mit jedem Tag ähnlicher … »Er war ein Magiker, und ihr wisst ja, wie abergläubisch Seeleute sind, wenn es ums Zaubervolk geht. Ihnen zufolge versagen die Winde, wenn man Zaubervolk an Bord hat.«

»Ein Magiker?« Eldwidge wirkte überrascht. »Das wusste ich nicht.«

»Er war ein Flicker«, erklärte Witwe Holloway. »Kleine Sachen. Einmal hat er meine Brille repariert, als das Glas gesprungen war und ich dachte, ich müsste sie nach Constantine schicken und mir ein neues Glas schleifen lassen.« Sie lächelte mich an. »Aber nur Kleinigkeiten. Er war lange nicht so gut wie unsere Mona hier.«

Ich lief rot an. Was Zauberei betraf, war ich so ziemlich der Bodensatz. Selbst Meister Elwidge, der gerade genug Magie besaß, um Astlöcher aus Holzbrettern zu entfernen, war besser als ich. Mehr als Teig und Gebäck herstellen konnte ich nicht. Die großen Zauberer, die Magier, die der Herzogin dienten, konnten Feuerkugeln werfen oder Berge aus der Erde reißen, die Sterbenden heilen oder Blei in Gold verwandeln.

Ich dagegen kann bloß Mehl und Hefe in wohlschmeckendes Brot verwandeln. Und gelegentlich einen fleischfressenden Sauerteigansatz herstellen.

Aber sie sahen mich dennoch erwartungsvoll an. Da ich kein Gebäck für sie hatte, überlegte ich mir etwas anderes. Ich griff in die Vitrine und nahm einen der alten Lebkuchenmänner heraus. Es ist Vorfrühling und eigentlich viel zu spät, um noch Lebkuchenmänner zu verkaufen, doch wir sind die eine Bäckerei, die sie das ganze Jahr lang vorrätig hat, und zwar genau für diesen Zweck.

Ich legte den Lebkuchenmann auf die Theke und konzentrierte mich auf ihn. Lebe. Bewege dich. Auf, auf, auf!

Der Lebkuchen wachte auf. Er streckte seine Arme aus, stützte sich auf und sprang auf seine Lebkuchenfüße. Dann verneigte er sich vor der Witwe Holloway und Miss McGrammar, salutierte Elwidge und Brutus und ging auf dem Tresen entlang, bis er eine freie Stelle erreichte.

Tanze, befahl ich ihm.

Der Lebkuchenmann legte los und führte einen respektablen Seemannstanz auf. Keine Ahnung, wo die Lebkuchenmänner ihre Tänze hernahmen – dieser Schwung hier steppte jedenfalls. Der letzte Schwung hatte Walzer in petto gehabt, und der davor legte eine entschieden anzügliche kleine Nummer hin, die selbst Tante Tabitha zum Erröten gebracht hatte. Die waren wohl einen Hauch zu scharf gewürzt gewesen, schätzte ich. Wir mussten eine Menge Vanille hinzugeben, damit sie zur Ruhe kamen.

Ich weiß nicht, wie ich gelernt hatte, die Lebkuchen zum Tanzen zu bringen. Beim ersten Mal war ich noch sehr, sehr jung gewesen. Tante Tabitha erzählte immer noch gerne die Geschichte, wie ich mit drei in der Bäckerei einen Trotzanfall bekam und sämtliche Lebkuchenmänner in der Bäckerei zum Leben erwacht waren, selbst diejenigen, die sich noch im Ofen befunden hatten. Sie hämmerten an die Tür, um herausgelassen zu werden, und die bereits gebackenen rannten durch den ganzen Laden und kicherten dabei. »Sie sind in die Mäuselöcher geschlüpft«, sagte sie immer, »und es hat Monate gedauert, bis wir den letzten von den kleinen Teufeln erwischt hatten! In dem Moment wusste ich, dass unsere Mona zur Bäckerin bestimmt war.« Je nachdem, wie sehr sie zu diesem Zeitpunkt dem Küchensherry zugesprochen hatte, schenkte sie mir entweder einen liebevollen Blick oder tätschelte mir den Rücken, dass das Mehl nur so stäubte. In der Rumkuchensaison gab es eine Umarmung.

So ist es, wenn man ein Zauberer ist – man weiß nicht, was man kann, bis man es tut, und dann ist man sich nicht sicher, wie man es gerade getan hat. Es gibt auch keine Lehrer, die einem helfen können. Bei allen ist es anders, und normalerweise leben in jeder beliebigen Stadt auch nur ein paar Dutzend Angehörige des Zaubervolks. Ein paar Hundert, falls es eine wirklich große Stadt ist. Womöglich werden die Kampfzauberer in der Armee gezielt ausgebildet, aber bei uns gibt es nur Versuch und Irrtum und eine Menge verschwendeten Brotteig.

Doch zurück zum Gebäck. Mir fällt das Zaubern am leichtesten, wenn die Lebkuchen die Form von Menschen oder Tieren haben. Das hat etwas mit magischen Resonanzen zu tun, hatte mir der Gemeindepfarrer erklärt – sechs Laib des einfachen Brots – und ja, einen Beeren-Scone, aber sag es nicht dem Abt!. Und es muss aus Teig bestehen. Die Puppenspieler im Park konnten beim Kasperletheater hölzerne Puppen zum Tanzen bringen, aber ich konnte mich auf Holz konzentrieren, bis ich rasende Kopfschmerzen bekam, und es würde einfach nur daliegen. Teig ist das Einzige, was ich beeinflussen kann. Keine sehr nützliche Fähigkeit.

Dennoch war sie manchmal praktisch. Wenn ich nicht ganz hinten an ein Regalbrett heranreichte, konnte ich in der Regel einen Lebkuchenmann dazu bringen, heraufzuklettern und mir das Gewünschte nach vorne zu schieben, bis ich herankam. Wir backten jede Woche einen neuen Schwung. Tante Tabitha behauptete, dass die Lebkuchenmänner zumindest gute Werbung für uns seien, auch wenn sie sonst nichts nutzten.

Ich hatte gehört – nun ja, zufällig mitgehört, es war nicht für meine Ohren bestimmt –, dass ein paar Leute die Bäckerei nicht mehr betraten, seit ich hier war. Ich hatte keine Ahnung, ob die tanzenden Lebkuchenmänner sie störten oder der Gedanke, dass eine Magikerin ihr Brot backte. Ich vermutete, Tante Tabitha hatte einige Stammkunden verloren, nachdem ich bei ihr angefangen hatte, aber sie hatte es nie erwähnt.

Wenn sie sich von so einer Kleinigkeit beeinflussen ließen, hatten diese Menschen es meiner Meinung nach allerdings verdient, auf das beste Sauerteigbrot der ganzen Stadt zu verzichten.

Der Lebkuchenmann beendete seinen Tanz und verneigte sich vor seinem applaudierenden Publikum. Selbst Miss McGrammar ließ sich zu einem Lächeln herab, und sie gehörte zu den Leuten, die Magiker anstarrten, als würden sie jeden Moment überschnappen oder explodieren und sich in Frösche verwandeln. Der Lebkuchen warf der Witwe Holloway eine Kusshand zu und marschierte zurück in die Vitrine, während sie kicherte wie ein junges Mädchen.

Ich danke dir, sagte ich. Das reicht für jetzt. Er salutierte – dieser ganze Schwung war recht militärisch geraten, wenn ich da mal genauer drüber nachdachte, vielleicht hatten wir zu viel Kardamom genommen – und verwandelte sich wieder in einen ganz gewöhnlichen Lebkuchen.

»Hübsch gemacht«, lobte Meister Elwidge.

»Es ist nichts Besonderes«, sagte ich verlegen.

»Du bist besser als ich«, meinte er und zwinkerte mir zu. Ich weiß, dass er auch ein Magiker ist, aber ich habe ihn nie etwas anderes tun sehen, als gebogene Holzbretter wieder gerade zu biegen. Doch das war sicherlich nützlicher, als Lebkuchen zum Tanzen zu bringen.

Nachdem ich alle aus dem Laden hinausbugsiert hatte – was im Fall von Miss McGrammar eine Weile dauerte –, ging ich zurück in die Backstube und kam gerade rechtzeitig, um des Mordes beschuldigt zu werden.

KAPITEL 3

 

»W-was?«

In der Bäckerei stand ein neuer Mann, und er sah nicht aus, als wäre er an Tee oder Rosinenbrötchen interessiert. Er trug ein dunkelviolettes Gewand, das ihm bis auf die Füße fiel, doch der Saum wies keinerlei Staubspuren auf. Sobald kein Schnee mehr lag, leisteten die Straßenkehrer gute Arbeit, aber nicht so gute. Er war definitiv nicht zu Fuß gekommen.

»Das ist Inquisitor Oberon, Mona«, sagte Tante Tabitha. Sie sprach in dem bedachten Tonfall, den sie für schwierige Kunden verwendete. Ich sah sie an, und sie schüttelte kaum wahrnehmbar den Kopf. Das war ganz klar eine Warnung, aber wovor?

»Du, Mädchen«, sagte Inquisitor Oberon und verschränkte die Arme vor der Brust. »Du behauptest also, dass du die Leiche gefunden hast?«

»Äh …« Das war irgendwie eine hinterlistige Frage. »Ich habe die Leiche diesen Morgen, als ich zur Arbeit gekommen bin, gefunden, ja.«

»Um vier Uhr morgens?« Er blickte mich über den Rand seiner Brille hinweg an. Sie hatte einen schmalen, verschnörkelten Rahmen; es war die Art Brille, die ein Greifvogel mit nachlassender Sehschärfe tragen würde.

»Ich bin Bäckerin«, antwortete ich. »Deshalb komme ich immer um vier Uhr morgens in die Bäckerei …« Meine Stimme klang schwach und verängstigt, das war überhaupt nicht gut. Ich hörte mich an, als würde ich mich für die üblichen Arbeitszeiten der Bäcker entschuldigen.

»Das stimmt, Eure Lordschaft«, brummte Wachtmeister Alphonse und klang dabei so, als würde er sich für die Dreistigkeit, meine Geschichte zu bestätigen, entschuldigen wollen.

Die Anrede Eure Lordschaft verriet mir, dass Inquisitor Oberon für die Herzogin arbeitete. Wäre er ein Mitglied der Priesterschaft, hieße es Eure Heiligkeit oder Euer Gnaden. Ich konnte mir aber keinen Reim darauf machen, was ein Diener des herrschaftlichen Hofes in unserer Bäckerei zu suchen hatte – ich meine, selbst wenn es Mord gewesen war, solange das Opfer nicht zum Hof gehörte, gab es keinen Grund, wieso die Herzogin sich dafür interessieren sollte. Und wenn die Leiche wirklich zur feinen Gesellschaft gehörte, warum befand sie sich dann in unserer Bäckerei und trug zwei verschiedene Socken?

»Du bist eine Zauberin, stimmt’s?«, knurrte Oberon.

»Ich … also irgendwie schon … schätze ich …« Ich warf Tante Tabitha einen hilflosen Blick zu. »Ich meine, ich kann Brotteig gehen lassen.«

»Sie ist eine hervorragende Bäckerin«, fügte Tante Tabitha bestimmt hinzu, als würde das alle Fragen von Schuld oder Unschuld beantworten.

»Der Tod dieses Mädchens ist von Magie befleckt«, sagte Inquisitor Oberon mit solcher Autorität, dass es niemandem von uns in dem Moment in den Sinn kam, ihn zu fragen, woher er das wusste oder was genau das bedeutete. »Sie wurde hier ermordet, in einer Bäckerei, die bekanntermaßen eine Zauberin beschäftigt. Eine Zauberin, die praktischerweise auch noch die Leiche gefunden hat.«

So wie er »praktischerweise« betonte, klang es, als wäre ich mit einem blutigen Baguette in der Hand über der Leiche stehend ertappt worden.

»Aber …« Ich brach in Gelächter aus. Ich konnte mir nicht helfen. Das war einfach zu albern. »Ich weiß nicht mal, wer sie ist! Warum sollte ich sie töten wollen?«

»Wir werden danach streben, diese Frage zu beantworten«, verkündete Inquisitor Oberon, schob seine Brille auf der Nase hoch und streckte die Brust raus. »Leichenbeschauer, entferne die Leiche. Wachtmeister, bringt das Mädchen in die Burg.«

Ich hörte auf zu lachen. Das klang nicht mehr lustig. Mein Magen verkrampfte sich wieder ganz furchtbar.

»In die Burg?«, fragte Wachtmeister Montgomery – es war keine wirkliche Frage, er war einfach überrascht. Gefangene gehörten nicht in die Burg. Man brachte sie ins Gefängnis.

Inquisitor Oberon schniefte und klang dabei genau wie Miss McGrammar, wenn uns die Zitronen-Scones ausgegangen waren. »Ihre Gnaden, die Herzogin, sorgt sich sehr um diese Kette von magischen Morden, wie sie es nennt. Sie besteht darauf, diesen Fällen selber vorzusitzen. Wachtmeister, wenn ich bitten darf!«

»Aber …«, sagte ich.

»Einen Moment mal …«, sagte Tante Tabitha.

»Ojemine …«, sagte Onkel Alfred.

Und all unseren Worten zum Trotz wurde ich rüde in eine Kutsche befördert und zur Burg gefahren.

 

***

 

Die Kutsche bestand aus dunklem Holz und wurde von zwei großen grauen Pferden mit tellergroßen Hufeisen und langen, weichen Fellbüscheln an ihren Fesseln gezogen. Es waren sehr hübsche Pferde. Dasselbe ließ sich nicht über die Kutsche sagen. Sie war mit so vielen Schnörkeln, Schnitzereien, Kreuzblumen, Wasserspeiern und Putten verziert, dass sie aussah wie eine mahagonifarbene Hochzeitstorte. Wir buken gelegentlich Hochzeitstorten. Ich hasste sie. Das Backen ist eine fummelige, knifflige Angelegenheit, und auch wenn ich den Teig verzaubern konnte, damit die Zuckerglasur sich besser auftragen ließ, bereitete es mir Kopfschmerzen. Zuckerglasur war nicht annähernd so freundlich wie Teig.

Da ich – scheinbar – eine gefährliche Kriminelle war, fuhr ein Wachtmeister in der Kutsche mit, womöglich um Inquisitor Oberon zu beschützen. Er hatte sich wohl gedacht, dass er diesen Schutz vor einem vierzehnjährigen Mädchen benötigte, weil ich Magikerin war. Vielen Leuten wurde bei dem Gedanken daran mulmig. Als Magiker durfte man nur dann vor Gericht aussagen, wenn man ein Stück Eisen in der Hand hielt, da Eisen angeblich der Magie entgegenwirkte, was allerdings gar nicht stimmt. Ich benutzte unsere gusseiserne Pfanne ständig. Das war nur ein alter Aberglaube.

Offen gesagt wäre eine gusseiserne Pfanne momentan viel gefährlicher als meine Magie. Damit könnte ich Oberon wenigstens eins überziehen.

Zu seiner Ehre musste ich eingestehen, dass Wachtmeister Alphonse die ganze Angelegenheit furchtbar peinlich zu sein schien.

Ich saß wie ein Häufchen Elend auf der Sitzbank, mir gegenüber thronte der Inquisitor und beobachtete mich wie ein an Verstopfung leidender Geier, und der Wachtmeister quetschte sich neben mich auf die Bank. Es wäre sinnvoller für mich gewesen, neben dem Inquisitor zu sitzen, denn wir waren beide schmaler als Wachtmeister Alphonse, aber irgendwie schien das nicht infrage zu kommen.

Ich starrte auf meine Hände. An ihnen haftete Mehl. Auch auf meiner Hose befand sich welches, und die Kappen meiner Stiefel waren mehlbestäubt. Ebenso wie die des Wachtmeisters.

Der Saum des Inquisitors dagegen war frei von Mehl geblieben. Das Gewand wirkte anscheinend abweisend auf Mehl.

Dies war nicht der schlimmste Tag meines Lebens – die Ehre gebührte dem Tag, als ich mit sieben Jahren erfuhr, dass meine Eltern beide am Fieber gestorben waren –, aber er war im Rennen für den zweitschlimmsten.

Die Kutsche ratterte durch die Gassen, und jede Unebenheit wurde von den Rädern direkt an unsere Knochen übermittelt. Den ganzen Schnitzereien zum Trotz war das Fahrgestell nicht sehr gut gefedert. Da steckte bestimmt eine Moral dahinter, aber ich war nicht in der Stimmung, sie herauszufinden. Ich faltete meine Hände.

Wir rumpelten am großen Uhrenturm vorbei. Die Zeiger standen schon seit Ewigkeiten still. Es war ein Wahrzeichen, das musste nicht funktionieren. Aber es konnte nicht viel später als sieben Uhr morgens sein. Drei Stunden. Es waren drei lange Stunden gewesen.

Wenn ich noch in der Backstube wäre, dann hätte ich den ersten Backgang jetzt fast beendet und würde mit dem zweiten Durchgang beginnen: dem feinen Gebäck; den Törtchen, die kleine individuelle Böden hatten; und allem, was zusammengemischt und anschließend gekühlt werden oder über Nacht stehen musste, sodass es am nächsten Morgen bereit war. Die Vorteige fürs Brot mussten zubereitet und warm gestellt werden. Da nichts davon getan war, würde Tante Tabitha den ganzen Tag arbeiten müssen und morgen trotzdem nicht genug Brot haben.

»Wird das lange dauern?«, erkundigte ich mich mit klagender Stimme.

»Das hängt von deiner Schuld oder Unschuld ab«, antwortete der Inquisitor in einem Tonfall, der alles andere als beruhigend war. Ich starrte aus dem Fenster und fragte mich, was die Herzogin mir antun würde.

Unser Land wird allgemein als Königreich bezeichnet, aber das ist nur ein Überbleibsel aus vergangener Zeit, vor vielen hundert Jahren. Heute haben wir eine Menge Städte, alle mit einer eigenen kleinen Regierung und Armee und Gesetzen – »Nationalstaaten«, nennen es die Priester hochtrabend. Manche davon haben Könige, aber die kontrollieren nur die Stadt und das umliegende Land.

Unsere Stadt heißt Riverbraid, wegen der Kanäle. Wir haben keinen König. Wir hatten einen Haufen Herzöge und ein paar Grafen und, ich glaube, irgendwann auch einen Prinzen. Aber in den letzten ungefähr dreißig Jahren hat die Herzogin das Sagen gehabt.

Die Burg der Herzogin befindet sich auf einem Hügel, der die ganze Stadt überblickt. Es sieht zumindest so aus wie ein Hügel, aber tatsächlich sind es die Überreste des halben Dutzends vorheriger Burgen, die wie alles in der Stadt abgesunken sind, mit der Ausnahme der einen Burg, die abgebrannt ist. Weil dieser Hügel höher liegt, steigen die Straßen an und die Gebäude sind aufwendiger gebaut, da ihre Keller nicht jedes Frühjahr überflutet werden. Geschichten zufolge befanden sich unter den Burgen alte Katakomben, die als Verliese genutzt wurden und in denen jetzt die Geister der Gefangenen spukten, die beim Vermauern der alten Gebäude vergessen worden waren. Es gibt auch Geschichten, laut denen sich dort unten immer noch Menschen befinden, die überleben, indem sie Ratten essen. Aber diese Geschichten glaubt eigentlich niemand mehr. Jedenfalls nicht so richtig.

Ich hoffte ernsthaft, ich würde keine Gelegenheit bekommen, mich selbst von ihrem Wahrheitsgehalt zu überzeugen.

KAPITEL 4

 

Wir fuhren in den Innenhof der Burg. Er war von hohen Steinwänden umgeben, und die blassen Pflastersteine hatten die gleiche Farbe wie das Fell der Pferde. Inquisitor Oberon sprang aus der Kutsche, ehe sie vollkommen zum Stillstand gekommen war.

»Holt die Gefangene«, hörte ich ihn sagen, als die Tür hinter ihm zuschwang.

Ich brauchte einen Moment, um zu realisieren, dass ich mit »Gefangene« gemeint war. Das war wahrscheinlich ziemlich begriffsstutzig von mir, aber es war ein wirklich fürchterlicher Morgen gewesen, und ein Teil meines Gehirns, der Teil, der vorhin so hysterisch gelacht hatte, hatte diese ganze unmögliche Situation immer noch nicht verwunden. Ich, eine Gefangene? Ich buk Brot. Das schlimmste Vergehen meines Lebens – das absolut Schlimmste, was ich je ausgefressen hatte – bestand darin, dass ich mich mit zehn zusammen mit Tommy, dem Metzgerssohn, weggeschlichen und einen Krug mit geweihtem Wein aus der Kapelle am anderen Ende der Straße gestohlen und getrunken hatte. Danach ging es mir hundeelend. Tommy erbrach sich. Meine Kopfschmerzen am nächsten Tag waren so schlimm, dass es sich wie göttliche Vergeltung anfühlte, aber nun mal im Ernst, wegen dergleichen wurde man nicht vor die Herzogin gezerrt.

Ich hatte die Herzogin noch nie aus der Nähe gesehen. Wenn sie auf Paraden erschien, war sie immer von einer Menschenmenge und vielen Gardisten umgeben.

Holt die Gefangene.

Wie war das nur passiert?

Wer war das tote Mädchen in der Bäckerei?

Eine große Hand griff nach mir. Die Hand gehörte einem Wachposten, der eine glänzende Rüstung trug und sehr militärisch aussah. Er streckte sich in die Kutsche und winkte herrisch, dann schnalzte er mit der Zunge, als wäre ich ein Hund.

Ich sah Wachtmeister Alphonse an. Er schien genauso verwirrt und peinlich berührt zu sein wie ich.

Ein weiteres, etwas ungeduldigeres Zungenschnalzen ertönte.

Ich streckte einen Arm aus und wurde nicht schmerzhaft, aber sehr fest ergriffen und aus der Kutsche gehoben.

Inquisitor Oberon stand auf der anderen Seite des Innenhofs und warf mit Befehlen um sich. Die meisten gingen an mir vorbei, ohne Sinn zu ergeben, aber ich kriegte den letzten mit: »Bringt das Mädchen in einen Warteraum. Sie wird während der nächsten Audienz verurteilt werden.«

»Verurteilt« missfiel mir fast genauso sehr wie »Gefangene«.

Wenn ich es mir recht überlegte, war ich von »Mädchen« auch nicht gerade angetan, jedenfalls nicht in diesem Tonfall. Tante Tabitha durfte mich »Mädchen« nennen. Komische Männer in Roben, die mich für eine Mörderin hielten, durften das nicht.

Der Wachposten in der glänzenden Rüstung führte mich durch eine Doppeltür in einem Gebäude am Innenhof. Nach dem hellen Licht draußen wirkte es drinnen sehr dunkel, und die Hand auf meinem Arm drängte mich zur Eile, und so flogen Türen und Korridore mit blanken Fliesenböden, auf denen meine Stiefel klackerten, nur undeutlich an mir vorbei. Die Füße des Wachpostens klackerten nicht. Vielleicht trugen sie Schuhe mit weichen Sohlen, damit sie die Fliesen nicht abwetzten, oder vielleicht bekamen sie Unterricht, wie man sich so leise bewegte, dass ihre Schritte nicht wie Hufgetrappel klangen.

»Eine Gefangene für die Audienz«, verkündete der Wachtposten, der meinen Arm umfasst hielt.

Da war das Wort wieder.

Ich blinzelte ein paar Mal. Meine Augen hatten sich jetzt ausreichend ans Dämmerlicht angepasst, um zwei weitere Wachen, links und rechts von einer kleinen Tür, zu erkennen. Die Tür war leuchtend blau. Die Wachposten nicht, allerdings sah der rechte furchtbar griesgrämig aus.

Der links stehende Gardist öffnete die Tür. Die Hand auf meinem Arm legte sich zwischen meine Schulterblätter und schob mich entschieden in den Raum.

Das Zimmer war klein und unscheinbar, mit einer Tür, die gegenüber der lag, durch die ich hereingekommen war, aber ohne Fenster. Es gab einen kleinen Tisch, einen Stuhl und zwei Wandleuchter, die Licht spendeten. Und das war es.

Die Tür hinter mir begann sich zu schließen.

»Hey!«, rief ich aufgeschreckt. »Hey, Moment mal – was soll ich tun?«

»Warten«, erwiderte der griesgrämige Wachmann.

»Jemand wird dich holen«, ergänzte der weniger griesgrämige Wachmann.

Die Tür fiel zu. Ich hörte ein lautes Klicken, als sie von der anderen Seite abgeschlossen wurde.

Es sagte vermutlich etwas über den Unterschied zwischen dem Adel und dem gemeinen Volk aus, dass sie Warteräume hatten, die von außen abgeschlossen werden konnten.

Trotzdem. Es könnte schlimmer sein, dachte ich mir, als ich den unauffälligen Raum genauer betrachtete. Es ist nicht das Verlies. Es gibt einen Stuhl. Und Licht. Und keine Gitterstäbe oder Ratten oder so.

Der Stuhl war nicht sehr bequem – das Stroh aus dem Polster, das herausragte, piekste beim Sitzen – doch zumindest konnte ich mich setzen. Im Gefängnis bekam man keinen Stuhl, oder?

Sicher, die Türen waren abgeschlossen, aber das war in Ordnung, zum Glück musste ich ja nicht.

Sobald ich den Gedanken fasste, wusste ich, dass ich einen Fehler gemacht hatte. So was kann man nicht denken, ohne sofort zu müssen.

Oh-oh.

Nun ja, ich hatte in dem ganzen Durcheinander wirklich keine Gelegenheit gehabt, um zu gehen. Und dann die Kutschfahrt, die nicht gerade ein Zuckerschlecken für meine arme Blase gewesen war, und ich hatte heute Morgen zwei Tassen schwarzen Tee getrunken, und was in den Körper reinkommt, muss am Ende auch wieder raus.

Eine schnelle Suche bestätigte, dass es keinen Nachttopf gab. Und auch keine dekorativen Vasen oder Topfpflanzen, nicht mal ein Mauerloch, aus dem man sein Hinterteil hängen konnte.

Oh weia.

Ich versuchte, den Drang zu ignorieren. Ich zählte die Fliesen auf dem Boden – sechsundvierzig, wenn man jede der halben Fliesen an der gegenüberliegenden Wand als eine zählte – und die Balken an der Decke – acht. Und dann zählte ich sie alle noch einmal, nur für den Fall, dass ich eine übersehen hatte. Hatte ich nicht.

Niemand kam und holte mich. Ich zählte alles noch mal, diesmal aus der anderen Richtung. Es waren keine weiteren Deckenbalken plötzlich dazugekommen.

Die zwei Tassen Tee machten sich so langsam wirklich bemerkbar.

Ich rutschte auf dem Stuhl herum. Das Polster stach mich.

Im Verlies bekam man zumindest einen Nachttopf, richtig? Oder man ging in die Ecke. Ich betrachtete nachdenklich die Ecken des Zimmers.

Nö, das würde jemandem auffallen. Sie verdächtigen dich bereits des Mordes, da solltest du die Liste nicht auch noch um öffentliches Urinieren ergänzen.

Es war beeindruckend. Große Angst kann einer vollen Blase nicht standhalten. Ich würde gleich mit einer Mordanklage vor Gericht gezerrt werden, und alles, woran ich denken konnte, war: Oh Gott, ich muss so dooooooll … Ich stand auf und hämmerte an die Tür. »Hey! Hey!«

Keine Antwort.

»HEY! Ich muss mal! Schließt die Tür auf!« Ich rüttelte vergeblich an der Türklinke.

Es rasselte im Schloss, und die Tür öffnete sich wenige Zentimeter.

Ein dunkles Auge blickte auf mich herab. »Was soll das ganze Getöse?«

»Ich muss mal!«, bettelte ich den Wachposten an. »Bitte!«

»Ist nicht mein Problem«, erwiderte er und wollte die Tür schließen.

»Hey!«

»Och, komm schon, Jorges«, sagte eine weitere Stimme. »Sie ist ein Kind. Nun bring sie schon auf den Abtritt.«

»Mach du’s doch«, gab Jorges gereizt zurück, anscheinend war das an den anderen Wachposten gerichtet. »Ich frühstücke gerade. Vor der Arbeit hatte ich keine Gelegenheit dazu.«

»Na schön …« Leder knarrte, und dann drückte der zweite Wachmann die Tür auf. Jorges stampfte zurück auf seinen Posten auf der anderen Seite.

Der zweite Gardist lächelte freundlich – er hatte wohl Kinder in meinem Alter oder so – und gestikulierte in Richtung des Korridors. »Komm schon, Mädel, da vorne ist ein Abtritt.«

»Vielen Dank«, sagte ich in tief empfundener und echter Dankbarkeit und eilte auf den Korridor.

Er ging mir voraus. Als wir an dem missmutigen Jorges vorbeikamen, warf ich einen Blick auf sein Frühstück aus Schwarzbrot und Käse.

Du fühlst dich trocken, redete ich dem Brot ein. So richtig altbacken. Hart wie Stein. Normalerweise musste ich etwas berühren, um beeindruckende Resultate zu erzielen, aber etwas zu sehen reichte mir aus, um es altbacken werden zu lassen. Es will altbacken werden. In der Hinsicht ist Brot sehr entgegenkommend.

Eilig huschte ich meinem Wohltäter hinterher.

Der Abtritt war ein Abtritt. Es gibt Grenzen, was Abtritte betrifft, selbst in einer Burg. Ja, es gab einen fein geschliffenen Sitz, er war so hübsch, wie man ihn nur machen konnte, aber letztendlich war es trotzdem ein Brett mit einem Loch darin.

Ich glaube nicht, dass ich je im Leben so dankbar für ein Brett mit einem Loch darin gewesen bin.

Als wir zurückkamen, hustete und kaute Jorges kräftig, er wirkte verdrossen. Anscheinend waren ihm sein Brot und der Käse nicht bekommen.

Ich hatte allerdings nur wenig Zeit, um meinen Sieg zu genießen, denn kaum eine Minute, nachdem der Wachposten mich zurück in den Warteraum geführt hatte, kam Inquisitor Oberon, um mich zu holen.

»Aufstehen«, sagte er und gestikulierte mit einer Hand. Schon wieder jemand, der mich wie einen Hund behandelte. Ich verspürte den Drang zu knurren und mich auf seine Knöchel zu stürzen, aber ich bezweifelte, dass das meine Lage verbessern würde, so befriedigend es auch sein mochte.

»Was passiert jetzt?«, fragte ich, ohne mich vom Stuhl zu erheben. Er gestikulierte erneut und runzelte die Stirn.

Ich brachte nicht den Mut auf, seinen Befehl zu missachten, und stand auf. »Was passiert jetzt? Wo bringen Sie mich hin?«

Es war ihm förmlich anzusehen, wie er das Ärgernis, mir antworten zu müssen, gegen das Ärgernis, sich meine Fragen anhören zu müssen, abwog. »Du hast eine Audienz, um für dein Verbrechen verurteilt zu werden«, erwiderte er schließlich.

»Aber ich habe nichts getan!«

»Das werden die Richter entscheiden.« Er winkte erneut und vermittelte mir dabei den Eindruck, dass ich das Ende seines Geduldsfadens erreicht hatte.

Was konnte ich tun? Ich ging.

KAPITEL 5

 

Ich hatte einen riesigen Audienzsaal erwartet, voller Hall und Einschüchterung. Ich hatte noch nie einen gesehen, aber es erschien mir logisch, dass er im Maßstab des gewaltigen Innenhofs oder des Altarraums in der großen Kathedrale gebaut sein würde. Oder so etwas in der Art.