Mehr als Ja und Amen - Margot Käßmann - E-Book

Mehr als Ja und Amen E-Book

Margot Käßmann

4,5

Beschreibung

Warum ist das Wort "Weltverbesserer" heutzutage eigentlich negativ besetzt? Margot Käßmann ist sich sicher: Unsere Welt braucht genau diese visionären Menschen. Kopfwissen ist nicht alles. Margot Käßmann spricht die Sprache des Herzens. Es geht ihr nie um political correctness oder den moralischen Zeigefinger - sondern um die Sehnsucht nach einer besseren Welt. Eine Welt, in der Versöhnung auch mit den schlimmsten Feinden möglich ist, eine Welt, in der es Hoffnung und Gerechtigkeit wider alle Vernunft gibt ... Für die einen bleibt es eine Utopie, für den, der glaubt, wird es zum Traum seines Lebens. Ein leidenschaftliches Plädoyer für ein Leben mit anderer Perspektive. Mit Messerschnitten von Martin Glomm.

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Für Ella Luise

Inhalt

Weltverbesserer gesucht

1.

Freier, als du denkst

2.

Von der Last der Erwartungen

3.

Der Bauplan der Welt

4.

Gerechtigkeit als Leitbild

5.

Mut zum Frieden

6.

Respekt vor der Schöpfung

7.

Jedes Kind ein Wunder

8.

Von der Würde des Sterbens

9.

In guten wie in schweren Tagen

10.

Das ist unser Land

Zehn Ermutigungen für Weltverbesserer

Im Anschluss an den Kirchentag in Dresden war ich am 19. Juni 2011 in die Talkshow „Anne Will“ eingeladen; das Thema war „Gutmenschen“. Ich habe die Einladung angenommen, weil mich schon lange beschäftigt, dass Begriffe wie „Gutmensch“ und „Weltverbesserer“ so abschätzig verwendet werden. Ja, sollen wir denn alle „Bösmenschen“ und „Weltverschlechterer“ werden oder neudeutsch: Realisten?

Die Sendung war dann ziemlich anstrengend. Der FDP-Politiker Martin Lindner erklärte, ich suggeriere, es gäbe klare (?) Lösungen, „die einfach so von Laien auf der Straße nachvollzogen werden könnten“. Als ich sagte, dass „Selig sind, die reinen Herzens sind“ nicht von mir stamme, sondern aus der Bibel, konterte er: „Das muss dann auch Bibel bleiben und darf nicht den Anspruch erheben, reale Politik zu machen.“ Ähnlich argumentierte der Medienphilosoph Norbert Bolz, der sagte: „An Gutmenschen stört mich nichts, solange das privat bleibt.“

Raus aus den Mauern

Der „Tagesspiegel“ kommentierte am 20. Juni 2011: „Es ging erst um Margot Käßmann, dann um Winfried Kretschmann, dann wieder um Margot Käßmann. Um Haltungen, Haltungsnoten. Für die Abteilung Attacke hatte sich Will den FDP-Politiker Martin Lindner und den Medienphilosophen Norbert Bolz an die Seite geholt. Lindner erfüllte die in ihn gesetzten Erwartungen, er schimpfte, dass die Käßmänner dieser Welt die Pragmatiker der Politik belächeln, wenn nicht verunglimpfen. Die sollen die ‚Drecksarbeit‘ machen, über die andere im Engelsflug hinwegschweben. Bolz verriet am Anfang seine Klugheit, als er den Kirchenleuten wie Käßmann dringend empfahl, ihre Ratschläge, Kommentare, Bauanleitungen fürs Weltgeschehen hinter den Mauern der Kirche zu belassen. Derartiger Unsinn konnte, musste die ehemalige EKD-Vorsitzende lächeln lassen …“

Das Lächeln fiel mir allerdings schwer. Denn die Attacke empfand ich als heftig. Ich respektiere Politikerinnen und Politiker, wenn sie erkennbar darum ringen, Lösungen für Herausforderungen unserer Zeit zu finden, die sie vor den Bürgerinnen und Bürgern, aber auch vor ihrem eigenen Gewissen verantworten können. Mir ist klar, dass es da auch Kompromisse geben muss, und mancher Kompromiss ist nicht faul, sondern sehr fleißig errungen. Und dabei gilt: Wer im Hinterkopf hat, was die Bergpredigt als Kontrastgesellschaft beschreibt, nämlich dass die Barmherzigen, die Armen, die mit der Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Frieden „selig“ gepriesen werden, wer ein Bewusstsein dafür hat, dass wir Salz der Erde und Licht der Welt sein sollen, gestaltet anders, hat besondere, durch lange Tradition bewährte Maßstäbe, die ihn oder sie leiten. Da geht es nicht zuerst um Sicherheit, Wachstum, Mehrheiten, sondern um Solidarität, den Blick auf die Schwachen, die Suche nach Zukunftschancen für die Jungen.

Aber was soll die Aufforderung, Christinnen und Christen, insbesondere kirchliche Amtsträgerinnen und Amtsträger, sollten hinter Kirchenmauern bleiben? Glauben findet nicht im Abseits statt. Wie wir leben, im Alltag, in Familie, Nachbarschaft, am Arbeitsplatz und in der Gesellschaft, darin bewährt sich unser Christsein. Wir fühlen uns aufgefordert, den Mund aufzumachen für diejenigen, die ins Abseits gedrängt werden, deren Würde infrage gestellt wird, uns einzusetzen für Gerechtigkeit, Frieden, die Bewahrung der Schöpfung. Deshalb kann die Kirche auch kein vom Alltag abgeschotteter Raum sein, in dem es vermeintlich um „das Eigentliche“ geht. Das Eigentliche ist das Leben der Menschen, das sie aus Glauben leben und verantworten. Dafür schöpfen sie Kraft in Bibellektüre, Gottesdienst und Gebet, aber es findet mitten in der Welt statt.

Zeugnis der Reformatoren

Mich überzeugt an den Gedanken der Reformatoren besonders, dass sie das Leben mitten in der Welt nicht geringer achten als das Leben im Kloster oder im Zölibat. Als Martin Luther Katharina von Bora heiratete, war es ein Zeichen, dass auch Leben in einer Familie, mit Sexualität und Kindern von Gott gesegnetes Leben ist. Für viele Reformatoren war der Schritt zur Ehe ein theologisches Signal. Die Kirchenhistorikerin Ute Gause erklärt, die öffentliche Heirat von bisher zölibatär lebenden Priestern und Mönchen und Nonnen sei eine Zeichenhandlung gewesen, die „etwas für die Reformation Elementares deutlich machen wollte: die Weltzuwendung und demonstrative Sinnlichkeit des neuen Glaubens“1. Nun wird ja den Evangelischen im Land eher unterstellt, dass sie weniger sinnlich seien als die römischen Katholiken oder die Orthodoxie. Die Reformatoren aber wollten gerade deutlich machen: Weltliches Leben ist nicht weniger wertvoll als priesterliches oder klösterliches. Es ging ihnen um die Umsetzung unseres Glaubens im Alltag der Welt.

Dafür ist von entscheidender Bedeutung das eigene Gewissen, das mich drängt, mein Handeln zu verantworten vor Gott. Das Gewissen ist die innere Stimme, die mir klarmachen kann, was richtig und was falsch ist. Natürlich gibt es hierüber vielfältigste Debatten und Diskussionen von Sokrates bis hin zur Psychoanalyse. Ist es die Religion, sind es die Wertvorstellungen der Eltern oder der Gesellschaft, die das Gewissen bestimmen und formen? Oder ist es die ganz praktische Vernunft, die es prägt: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“ (Immanuel Kant). Mit Martin Luther wird das Gewissen zu einer entscheidenden Instanz. An der Bibel wird es geschärft und der einzelne Mensch muss sein Handeln davor verantworten. Keine kirchliche oder weltliche Autorität kann über dem Gewissen stehen.

Die Bibel als Quelle

Das Evangelium weist auf die Sorge für die Schwachen, Witwen und Waisen hin, auf Fremde, die unter uns wohnen, die zu schützen sind. Gerechtigkeit und Frieden sind in großen Bildern der Hoffnung gemalt. Diese Texte können nicht gelesen, über diese Texte kann nicht gepredigt werden ohne Bezug zur Realität unserer Zeit.

Das gilt zuallererst für den einzelnen Christen und die einzelne Christin. Wir sehen diese Welt als Gottes Schöpfung an, als Haus Gottes, Gottes oikos, so das griechische Wort für „Haus“. In diesem oikos sind wir gemeinsam Haushalterinnen und Haushalter, gemeinsam verantwortlich in der einen Familie der Kinder Gottes. Deshalb können wir uns nicht zurücklehnen, solange wir nicht betroffen sind von all der Not und Zerstörung.

Als Christin kann ich nicht einfach resignieren, nach dem Motto: Ich kann doch ohnehin nichts tun, also halte ich mich aus allem raus und richte mich in meinem Leben so bequem wie möglich ein. Das ist einfach, macht weniger angreifbar und verschont vor Verletzungen. Es geht aber um eine Frage der Haltung! Wenn ich als Christin die Welt als Gottes Schöpfung und mich als Gottes Geschöpf betrachte, trage ich auch Verantwortung für diese Schöpfung. Wenn Gott jeden Menschen zum eigenen Bilde geschaffen hat, kann es mich nicht unberührt lassen, wie es anderen Menschen ergeht. Wenn Gerechtigkeit biblisch gesehen der Maßstab für gelingendes Zusammenleben ist, muss ich mich fragen, was ich für die Gemeinschaft tun kann. Wenn Leben in Fülle verheißen ist, werde ich darum ringen, mein Leben sinnvoll und in Fülle zu leben und dabei auch Sorge dafür tragen, dass genau das anderen in meinem Umfeld, aber auch darüber hinaus möglich ist.

Persönlich bin ich überzeugt, dass der christliche Glaube mir einen offenen Blick auf die Welt ermöglicht. Ich kann in aller Freiheit Menschen und die Welt anders als üblich wahrnehmen, weil ich sie als Geschöpfe Gottes sehe und nicht festgelegt bin in vermeintlich unüberwindbare Zwänge. Das gibt mir auch die Freiheit zu sehen, wo ich eingebunden bin in Lebensumstände und Gesellschaft. Ich habe ein Einkommen, mit dem ich das Studium meiner Kinder finanzieren konnte, eine Wohnung, freue mich, ein neues Kleid zu kaufen, essen zu gehen – und bin sehr dankbar dafür, bin mir bewusst, wie privilegiert ich leben darf. Diese Lebensfreuden werden mir aber nicht abgesprochen im Glauben. Um Lebensfülle darf es doch gehen! Doch ich sollte auch Distanz genug haben, um zu fragen, was mein Leben im Kern ausmacht.

Der bewegendste Bibeltext zum Thema findet sich im Gleichnis vom Weltgericht beim Evangelisten Matthäus:

Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen

(Mt 25,35–36).

Jesus stellt klar: Wo wir Fremde aufnehmen, Armen beistehen, Kranke besuchen, Gefangene unterstützen, da begegnen wir ihm selbst! Das ist letzten Endes eine sehr überraschende Antwort für Menschen, die heute nach Gott fragen. Geh hin zu denen, die am Rande stehen, da findest du Gott! Das wird nicht so gern gehört. Aber es wird immer wieder erlebt. Wenn ich Asylsuchende besuche und ihre Freude über die Wahrnehmung erlebe, bewegt mich das. Wenn ich die Hand eines kranken Menschen halte, spüre ich innere Ruhe. Wenn ich im Gefängnis erlebe, was es jemandem bedeutet, dass ich ihm Würde nicht abspreche, nehme ich etwas wahr von Gottes Zuwendung. Das sind doch Herausforderungen für uns heute!

Ich kann diesen Text, die Zehn Gebote, die Seligpreisungen, die Prophetenworte, die Gleichnisse Jesu nicht lesen, ohne sie auf meinen Kontext zu beziehen. „Die Kirche“, das sind Christinnen und Christen, die miteinander leben, ihren Glauben bekennen und feiern wollen. Jeder Einzelne ist gefordert, auf der Grundlage des eigenen Glaubens Entscheidungen zu treffen – für das persönliche Leben wie für das Zusammenleben in der Gesellschaft, in der Welt. Und als Gemeinschaft wirken sie füreinander und nach außen. Das hat eine politische Dimension.

Dieser Gedanke ist natürlich nicht neu. Das war immer so und hat sich immer wieder gezeigt. Ich denke an den römisch-katholischen Bischof von Münster, Clemens August von Galen. In seiner Predigt in St. Lamberti sagte er am 2. August 1941: „Wie steht es in Deutschland, wie steht es hier bei uns mit dem Gehorsam gegen die göttlichen Gebote? Das achte Gebot: ‚Du sollst kein falsches Zeugnis geben, du sollst nicht lügen!‘ Wie oft wird es frech, auch öffentlich, verletzt! Das siebente Gebot: ‚Du sollst nicht fremdes Gut dir aneignen!‘ Wessen Eigentum ist noch sicher nach der willkürlichen und rücksichtslosen Enteignung des Eigentums unserer Brüder und Schwestern, die katholischen Orden angehören? Wessen Eigentum ist geschützt, wenn dieses widerrechtlich beschlagnahmte Eigentum nicht zurückerstattet wird? (…) Jetzt wird auch das fünfte Gebot: ‚Du sollst nicht töten!‘ beiseitegesetzt und unter den Augen der zum Schutz der Rechtsordnung und des Lebens verpflichteten Stellen übertreten, da man es sich herausnimmt, unschuldige, wenn auch kranke Mitmenschen, vorsätzlich zu töten, nur weil sie ‚unproduktiv‘ sind, keine Güter mehr produzieren können. Wie steht es mit der Befolgung des vierten Gebotes, das Ehrfurcht und Gehorsam gegen die Eltern und Vorgesetzten fordert? Die Stellung der Autorität der Eltern ist schon weithin untergraben und wird mit all den Anforderungen, die gegen den Willen der Eltern der Jugend auferlegt werden, immer mehr erschüttert. (…) Und das erste Gebot: ‚Du sollst keine fremden Götter neben mir haben!‘ Statt des einzig wahren, ewigen Gottes macht man sich nach Gefallen eigene Götzen, um sie anzubeten: die Natur oder den Staat oder das Volk oder die Rasse.“Oh ja, die Gebote, die biblischen Texte waren und sind politisch. Und: Oh ja, ich will in dieser Tradition die Welt verbessern, immer noch! Und ich begreife nicht, warum das Wort „Weltverbesserer“ zum Schimpfwort geworden ist.

Kleine Schritte

Auch wenn nicht jeder Einzelne von uns Experte auf jedem Gebiet ist, auch wenn nicht jede Einzelne alle Zusammenhänge beschreiben kann: Wir können eintreten für das Leben, für ein Zusammenleben in Gerechtigkeit und Frieden. „Gerechtigkeit und Frieden werden sich küssen“, heißt es in der Bibel (Ps 85). Eine solche Vision können wir nicht abschaffen, indem wir sagen, das sei zu komplex oder allein mit Blick auf Gottes Zukunft nach dieser Zeit und Welt gemeint! All die Machbarkeitsexperten, Realitätsfanatiker und Bedenkenträger entwerfen doch keine Bilder der Zukunft, die wir dringend brauchen, um Mut zum Handeln zu finden in großen wie in kleinen Schritten.

Ein Sprichwort der Xhosa im Süden Afrikas lautet: „Wenn viele kleine Leute an vielen kleinen Orten viele kleine Dinge tun, können sie das Gesicht der Welt verändern.“ Und viele gehen solche Schritte: das Auto abschaffen, bewusst einkaufen, Unterschriften gegen Rüstungsexporte sammeln, sich bei der „Tafel“ ehrenamtlich engagieren, im Hospizdienst tätig sein. Das ist nicht nichts, sondern viel. Aber genügt das? Für viele wirkt das wie eine Selbstentschuldigung. Können wir uns damit zufriedengeben? Treten wir energisch an gegen das Unrecht und all das Leid auf der Welt oder haben wir uns damit in unserer Wohlstandswelt ermattet abgefunden? Auf einem Symposium seiner Stiftung in Duderstadt wurde Peter Maffay gefragt, ob seine Initiative „Schutzräume für Kinder“ nicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein sei. „Ja“, sagte er: „Aber was ist denn die Alternative? Nichts tun?“ Die Antwort hat mir gut gefallen, weil sie gegen diesen Defätismus ankämpft: Ich kann doch nichts tun, mein Schritt ist zu klein. Doch, du kannst etwas tun! Dein kleiner Schritt ist Teil einer großen Veränderung, darum geht es.

Wir alle leben verwoben in die Welt und das Umfeld, in das wir hineingeboren sind. Wir alle stehen immer wieder vor individuellen ethischen Entscheidungen. Und auch vor der Herausforderung, zu einer Meinung, einem Standpunkt zu finden, die wir offen vertreten und nach denen wir handeln – politisch Stellung zu beziehen. Michaela Haas schreibt: „Verblüffend, wie viel Häme ‚Gutmenschen‘ herausfordern. Sie zerren offensichtlich an den Nerven ihrer Mitmenschen, weil sie große Fragezeichen in den Raum werfen, die hinter Sätzen wie diesen stehen: Muss ich das auch machen? Wie viele gute Gründe finde ich, es nicht zu tun?“2

Unsere Welt wird von Menschen gestaltet, nicht von „Systemen“. Es sind nicht anonyme Institutionen, die Entscheidungen treffen, sondern Menschen in diesen Institutionen, in Politik und Kultur, Wirtschaft und Kirche. Sie übernehmen Verantwortung, und deshalb lässt sich etwas ändern – jeder und jede an dem Ort, an dem wir leben und arbeiten. Da wird von „gierigen Banken“ gesprochen. Aber eine Bank kann doch nicht gierig sein, es sind Menschen, die dahinterstehen. Es ist die Rede von „der Wirtschaft“, aber Wirtschaft ist kein Subjekt, es sind einzelne reale Personen, die sie gestalten. Wir können uns nicht ständig als Ausgelieferte in einem anonymen System betrachten. Wir sollten genau hinsehen und hinhören, selbst Verantwortung übernehmen und diejenigen zur Rechenschaft rufen, die für Fehlentwicklungen und Unrecht verantwortlich sind, sich bereichern, handeln und entscheiden, was nicht der Zukunft dient. Das ist beispielsweise bei jeder Wahl in einem demokratisch verfassten Staat möglich. Ich kann nicht fassen, dass bei Wahlen immer weniger Menschen zur Wahlurne gehen, sich dann aber pauschal beschweren über „die Politik“.

Ermüdung angesichts der Herausforderungen?

Das Evangelium ist eine Ermutigung angesichts der scheinbar um sich greifenden Ermüdung oder auch Überforderung durch globalisierte Komplexität. Viele, die sich jahrelang engagiert haben – beruflich, gesellschaftlich, kirchlich, politisch – erscheinen erschöpft und überlastet. Oder sind die Probleme so vielfältig und verwoben, prasseln derart wuchtig im Stundentakt auf uns ein, dass der Rückzug ins Private als die einzig sinnvolle Lebensstrategie erscheint?

Eine Freundin sagte mir: „Ein Blick auf tagesschau.de, und ich bin völlig erschöpft, weil ich nicht sehe, was ich am Zustand der Welt ändern könnte.“ Wo sind sie geblieben, die hoffnungsvollen Aufbrüche der Achtzigerjahre, als für viele in den christlichen Kirchen der konziliare Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung ein Zeichen dafür war, dass wir alle an unserem Ort etwas tun können, um die Welt zu verbessern?

Eigentlich hätte diese Bewegung doch zu einer ganz großen Ermutigung führen müssen. Christinnen und Christen in der DDR haben ungeheuren Mut bewiesen, als sie diese Themen auf die Tagesordnung setzten. Oh ja, das war politisch – und umstritten. Am Ende drang aus den Kirchen von Leipzig, Dresden und Ost-Berlin der Ruf „Keine Gewalt“ auf die Straßen. Eine friedliche Revolution, die die Welt verändert hat, ist aus kleinen Friedensgebeten entstanden! Es ist merkwürdig, wie unterschiedlich das wahrgenommen wird. Auf einen Artikel hin, den ich über Rüstungsexporte im Magazin „Chrismon“ veröffentlicht habe, schrieb mir der Präsident eines Landessozialgerichts, er sei aus der Kirche ausgetreten, da ihn störe, „dass sich immer wieder Repräsentanten der evangelischen Kirche zu politischen Themen äußern, die mit Kirche, Glauben nichts zu tun haben“. Genau das ist für mich das Missverständnis, habe ich ihm zurückgeschrieben. Wie könnten denn die Produktion von Waffen, die Investition in Gewalt und Krieg Christinnen und Christen unberührt lassen? Wie könnten wir sagen, wir folgen Jesus Christus nach, der die Friedensstifter selig genannt hat, und gleichzeitig erklären: Zu Waffen und Krieg wollen wir lieber nichts sagen?

Allerdings scheint das gesellschaftspolitische Engagement abzunehmen, in den Kirchen, aber auch insgesamt. Die Wahlbeteiligung geht stetig zurück, ebenso die Mitgliedschaft in Parteien, Gewerkschaften und Kirchen. Das ist letzten Endes ein Verlust für die demokratische Gesellschaft. Zum Tod der Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich hieß es im „Tagesspiegel“, die Ära der charismatischen Psychoanalytiker sei vorbei, denn es existiere „momentan keine emanzipatorische soziale Bewegung, die für eine psychoanalytisch angeleitete Selbstreflexion offen wäre“3. Mitscherlich wird aus einem ihrer letzten Interviews zitiert: „Es ist in diesem neuen Kapitalismus keine neue Idee drin, scheint mir. Auch nicht auf europäischer Ebene. Wir brauchen dringend eine vereinende Vision, die Veränderungen zulassen würde, nicht nur eine Diskussion über den Euro.“4 Mitscherlich hat recht!

Gutmensch oder reflektierender Bürger?

Angesichts der beschriebenen Situation gewinnen offenbar die Zyniker die Oberhand. In jener Sendung bei Anne Will hieß es auch, die Probleme seien doch einfach viel zu komplex, als dass die normalen Bürger sie durchschauen könnten. Das empfinde ich als arrogant. Und als eklatant undemokratisch. Wer noch etwas verändern will, wird heute gern und schnell als „Gutmensch“ belächelt. In einem Leserbrief zu einem Beitrag im Monatsmagazin „Chrismon“ schrieb mir Herr D.: „Ich habe Ihren Artikel (…) gelesen und meine, dass Sie als Gutmensch argumentieren und schreiben. Gutmenschen sind in meinem Verständnis diejenigen, die mit dem Geld anderer Menschen Gutes tun, indem sie es (das Geld) für die oder das verwenden (wollen oder tun), die sie – die Gutmenschen – für bedürftig oder wichtig erachten.“ Gar keine schlechte Definition eigentlich, wenn sie nur nicht diese herablassende Haltung beschreiben würde, mit der einige meinen zu wissen, was für andere gut ist.

Es geht nicht um Besserwisserei oder gar moralische Zeigefinger, die so schnell und gern unterstellt werden. Ich verstehe das Evangelium nicht als Instrument der Moralisierung, sondern als großen Erfahrungsschatz und als offen für Prozesse, in denen wir in aller Freiheit fragen können und um Antworten ringen; es geht um Schuld und Vergebung, Streit und Versöhnung, Beharren und Irren. In meinem Leben habe ich oft genug erlebt, dass sich meine eigene Haltung verändern kann, denn durch das Gespräch mit anderen und durch Reflexion der überlieferten und der eigenen Erfahrung entstehen neue Sichtweisen. Hehre Positionen und in Marmor gemeißelte Werte sind nicht dynamisch genug, um den Herausforderungen des Lebens zu begegnen.

Sehr deutlich wurde mir das erneut bei einem Seminar, das ich im Rahmen meiner Max-Imdahl-Gastprofessur an der Universität Bochum zum Thema „Gewissen schärfen“ angeboten habe. Wir haben für jede Sitzung ein sozialethisches Thema vorbereitet und versucht, die gegensätzlichen Positionen zu argumentieren. Den Studierenden wurde bewusst: Bei vielen Fragen gibt es kein einfaches Ja oder Nein beziehungsweise kein Ja und Amen, sondern sie müssen bewegt, bedacht werden, es geht um individuelle Wahrnehmung und notwendiges Recht, das für alle gilt. Eine offene Diskussion ist notwendig, um eine eigene Position zu finden. Das braucht Interesse, Zeit, Bildung und eine Debattenkultur. Christinnen und Christen können unterschiedlicher Meinung sein, das hält unsere Kirche aus! Aber sie können nicht einfach Ja und Amen sagen, das ist zu wenig. Da mutet uns das Evangelium mehr zu.

Gewissen bestimmt Handeln

Wir brauchen Alternativen und ermutigende Beispiele! Menschen brauchen wir, die aufstehen, statt sich wegzuducken. Die noch etwas von Zukunftshoffnung wissen, statt in Resignation zu versinken. Der Rückzug allzu vieler aus dem politischen Feld gibt dieses frei für das Unwesen anderer. Als Beispiel: In einem Artikel schildert der SPIEGEL5, wie ganze Landstriche in Sachsen von Neonazis terrorisiert werden. Selbst die Polizei scheint zu resigniert, um noch entschlossen einzugreifen. „Nur noch wenige Menschen wagen es, sich den Neonazis entgegenzustemmen“6, schreibt der Verfasser des Artikels. Es kann doch nicht wahr sein, dass 67 Jahre nach dem Ende der Herrschaft des Nationalsozialismus mit seiner menschenverachtenden Ideologie, die erst die Juden, dann ganz Europa und am Ende Deutschland selbst zerstört hat, hier kein Widerstand geleistet wird! Fast scheint es, dass eine ganze Ablenkungsmaschinerie von Medien und Konsum alles tut, um Menschen vom Denken und Handeln abzuhalten. Von einer „Karnevalisierung“ der deutschen Gesellschaft sprechen Soziologen inzwischen. Und viele Medien machen fröhlich mit, statt für Rückgrat und Gewissen Sorge zu tragen. Nicht zu unterhalten, sondern zu mahnen, nicht zu verdummen, sondern aufzurütteln.

Ich denke aber auch an Initiativen wie die in Lüchow-Dannenberg gegen Atomkraft – sicher aus der eigenen Betroffenheit geboren, aber am Ende eine der treibenden Kräfte für den Atomausstieg. In diesem Zusammenhang entstanden zudem Ferienaktionen, in denen Familien Kinder aus der Region Tschernobyl aufnahmen. Mehrmals habe ich als Landesbischöfin die Kinder, die mit dem ersten Flug kamen, begrüßt. Eine große ehrenamtliche Initiative, die viel Kraft gekostet hat und in die Familien in Niedersachsen viel investiert haben. Engagement aber auch des Flughafens von Hannover bis hin zur Polizei, die direkt an die Maschine kam, um die etwas verängstigten Kinder freundlich mit Passkontrolle einreisen zu lassen. Und ein enormes Vertrauen der Eltern, die ihre Kinder ins fremde Deutschland schickten. Wenn ich auch beim Abschied dabei sein konnte, erlebte ich, was vier Wochen bewirken können: Glückliche Kinder, die gesunde Luft und gesundes Essen, viel Liebe und Betreuung erfahren hatten. Tränen des Abschieds gab es und zwischen vielen Familien sind Freundschaftsbande gewachsen. Hier haben Menschen hingeschaut und mit wenigen Mitteln Großes geleistet.

Gleichzeitig gab und gibt es auch großes Versagen. Die Mehrheit der Christinnen und Christen hat in der Zeit des Nationalsozialismus weggeschaut. Gewiss, Einzelne haben Widerstand geleistet gegen die menschenverachtende Ideologie des Staates, in kleinen und großen Schritten. Ihr Gedächtnis ist zu bewahren, denn sie sind Vorbilder7, die uns heute ermutigen, unter Umständen, in denen noch nicht einmal „Leib und Leben“ gefährdet sind, für Frieden und Menschenwürde einzutreten. Sicher spielt bei der Frage, ob Kirche politisch sein darf, immer auch mit, dass sie auf fatale Weise politisch war, als etwa Reichsbischof Ludwig Müller mit der Macht paktierte. Eine Konstellation, die wir mancherorts auch heute auf der Welt sehen können. Und es spielt die sogenannte „Zwei-Regimenter-Lehre“ beziehungsweise „Zwei-Reiche-Lehre“ mit, ein Begriff, mit dem die Theologie des 20. Jahrhunderts versuchte, Luthers Überlegungen zur Obrigkeit zusammenzufassen. Die lange theologische Debatte lässt sich – natürlich extrem verkürzt – so zusammenfassen: Im Reich Gottes leben Menschen im Glauben gerechtfertigt. Im Reich der Welt gibt es Sünde und Schwert und Gewalt und Obrigkeit, der ein Christ sich freiwillig unterwerfen sollte. Die Debatte verdeutlicht die Spannung zwischen Aufbegehren und Unterordnung, der Klärung von kirchlichem und weltlichem Bereich, die viele Menschen des Glaubens erleben. In der Folge hat das immer wieder zu der Frage geführt, ob christlicher Widerstand gegen Unrecht legitim ist im Sinne von „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg 5,29) oder ob Unterordnung unter staatliche Gewalt die angemessene christliche Haltung ist gemäß der Anweisung des Apostels Paulus: „Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott angeordnet“ (Röm 13,1).

Wie ordnet sich ein Christ, eine Christin ein zwischen Respekt vor „der Obrigkeit“ und der Freiheit des Glaubens, die das persönliche Gewissen prägt? In allen gesellschaftlichen Bereichen, Parteien, Gewerkschaften, Wirtschaft, Kultur gibt es ja Menschen des Glaubens, die unseren Respekt verdienen. Ich habe das spannungsvoll erlebt, als ich im Jahr 2002 zum Weltwirtschaftsforum (WEF) eingeladen war, das in jenem Jahr nicht in Davos, sondern in New York tagte, um nach den Attentaten vom 11. September 2001 Solidarität mit dieser Stadt, ja, mit den gesamten Vereinigten Staaten zu zeigen. Es war gut gemeint, vierzig „religious leaders“ einzuladen, um auch religiöse Fragen in die Gespräche einzubeziehen. Letzten Endes ging es jedoch ausschließlich um wirtschaftliche Beziehungen, um Geld, Umsatzsteigerung und Börsennotierung. Den Beteiligten will ich nicht absprechen, dass sie praktizierende Christen, Muslime oder Juden sind! Aber das Forum drehte sich letzten Endes um seine eigene Welt, in deren Fokus nicht der Mensch, nicht Solidarität oder die Sorge um die Hungernden in der Welt stehen, sondern allein Gewinn. Eine Welt, die wenig Zeit hat für Menschliches, für Liebe, Vertrauen, Sorge um andere, soziale Belange, die sichtbare und unsichtbare Not.

Als Vertreterin einer Religion wurde meine Anwesenheit, so habe ich es zumindest empfunden, eher wie ein Feigenblatt benutzt. Religion fragt nicht nach Gewinn, sondern nach Sinn, stellt nicht Optimierung in den Vordergrund, sondern kennt Dankbarkeit gegenüber dem Schöpfer, sie sieht nicht ökonomisches Wachstum als die Lösung aller Probleme, sondern weiß um die Grenzen des Lebens und um ethische Verantwortung für den Lebensraum aller. Diese Fragen hatten dort letzten Endes keinen Raum. Am eindrücklichsten blieb mir der Emir von Katar in Erinnerung. Als ich ihm als eine der „religious leaders“ vorgestellt wurde, konnte sich der große, breite Mann vor Lachen kaum halten. Immer wieder schüttelte er mir die Hand und lachte: „A woman as religious leader!“ Ein eindrückliches Erlebnis, immerhin …

Ein Jahr später hielt ich einen Vortrag auf dem Weltsozialforum in Porto Alegre. In den alten Hafenhallen der Stadt fand sich ein buntes Gemisch von Engagierten aus aller Welt unter dem Motto „Eine andere Welt ist möglich“ zusammen. Gewiss, die Veranstaltung war bei Weitem nicht so gut organisiert wie das Weltwirtschaftsforum. Da kollektiv geleitet werden sollte, war es schwer, konkrete Ansprechpartner zu finden oder gar Papiere zu verabschieden. Aber die Menschen, die ich kennengelernt habe, sie haben mir imponiert! Frauen, die gegen Genitalverstümmelung in Äthiopien Aufklärungsarbeit leisten. Männer, die Land in Chile besetzen, um es zu bebauen. Reisbauern aus Indien, die Arbeitslose in Brasilien unterrichteten, wie Reisanbau bei ihnen funktionieren könnte. Frauen aus Liberia, die von ihrem Ringen um Frieden berichteten. Es lag Hoffnung in der Luft, da war eine Atmosphäre des Aufbruchs, die von allen Anwesenden als ermutigend empfunden wurde. Diejenigen, die um ihre Existenz bangen müssen – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes – haben offensichtlich eine viele stärkere Motivation, etwas zu verändern. Sicher waren manche Ideen unrealistisch, eine Vision, eine Utopie. Aber wenn wir aufhören, zu hoffen und zu träumen, wird sich nie etwas verändern.

Zwei biblische Beispiele

Leitend bleibt für mich als Christin, das eigene Gewissen an der Bibel zu schärfen und in meinem Alltag danach zu handeln, im Bewusstsein des eigenen Versagens, so gut ich es vermag, in Bezug auf Gott, meine Mitmenschen und mich selbst. Auf diese Weise setzt sich um, was Jesus als das höchste Gebot bezeichnet hat: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst“ (Lk 10,27). Das ist ein Dreieck von Liebe, in dem ich mein Leben verantworten und gestalten kann. Das Buch Jesus Sirach zeigt hierfür einen guten Leitfaden: „Folge dem, was dein Herz dir rät; denn du wirst keinen treueren Ratgeber finden“ (Jesus Sirach 37,17). Wenn ich das befolge, kann ich mein Gewissen erspüren, in mich hineinhören. Ich werde mich nicht ständig ablenken oder einschläfern lassen, sondern in dem Bewusstsein handeln, dass ich nicht perfekt bin und immer wieder an den eigenen Ansprüchen scheitere. Aber ich kann in Freiheit handeln, ohne Angst vor der Meinung anderer, vor Häme und Spott, vor Blogeinträgen oder Twitter-Schmähung. Mir scheint, dass viele Menschen heute mit Blick auf die mögliche Kommentierung handeln – bei Politikern ist es vielleicht der gefürchtete negative Kommentar in der Zeitung, bei anderen im Blog oder bei Facebook. Das bedeutet: Die mögliche Reaktion anderer bestimmt das Handeln und nicht meine innere Überzeugung.

Die Seligpreisungen können für mein Reden und Tun ein entscheidender Maßstab sein, der auch unabhängig davon macht, wie andere es beurteilen. Für mich sind sie einer der schönsten und eindrücklichsten Texte der Bibel:

Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.

Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.

Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.

Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.

Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.

Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.

Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.

Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.

Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übles gegen euch, wenn sie damit lügen

(Mt 5,3–11).

Wie anrührend, aufrüttelnd diese wenigen Sätze nach 2000 Jahren noch sind! Selig, ja, glücklich sind also alle, die noch etwas anderes denken können als das Vorhandene, das, was immer schon so war. Selig, wer andere Maßstäbe hat und nicht Leistung, Durchsetzungsvermögen, Gewinn und Ellenbogen an die erste Stelle setzt. Das bleibt bis heute eine radikale Infragestellung der vorherrschenden Werte. Eine Kontrastgesellschaft zu dem, was wir sehen und vorfinden, wird hier gezeichnet. Eine Gesellschaft, die lieben und trösten kann, Rücksicht nimmt, sich verständigen will.

Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt hat einmal gesagt, mit der Bergpredigt könne man keine Politik machen. Warum eigentlich nicht? Warum können wir nicht einmal infrage stellen, was angeblich nicht hinterfragbar ist: die Macht der Wirtschaft und des Geldes, die ewige Angst um das Wachstum und den Euro! Das ganze Machtgebaren überhaupt: Wer hat die Atomwaffe, wer mehr Abwehrraketen? Letzten Endes sind wir eine Angstgesellschaft – wir haben Angst vor Machtverlust, Angst vor reduziertem Wohlstand, Angst vor der Zukunft. Die Seligpreisungen geben Zukunftszuversicht. Das bedeutet etwas für jeden und jede von uns ganz persönlich: Ich kann mich so verhalten, so handeln, dass sich etwas verändert. Aus Gewissensgründen und in Verantwortung! Da halte ich es gern mit dem Sänger Xavier Naidoo, der in einem seiner Lieder davon singt: „Bitte hör nicht auf zu träumen von einer besseren Welt“.

Es ist gut und wichtig, dass es Politikerinnen und Politiker gibt, die Kompromisse schließen, das Machbare möglich machen. Aber es ist auch gut und wichtig querzudenken, über den Tag und den Kompromiss hinaus nach Denkanstößen zu fragen, die nicht gleich mit dem Machbarkeitsargument zerschmettert werden. Die Texte der Bergpredigt geben dafür eine Grundlage, die seit 2000 Jahren Menschen anregt, die scheinbar unerschütterlichen Gegebenheiten zu hinterfragen und andere Maßstäbe zu sehen.

Ermutigung statt Moralismus

Die Bergpredigt symbolisiert aber keinen erhobenen Zeigefinger! Die Bergpredigt hat einen völlig anderen Ton! Gut, glücklich, selig lebst du, wenn du diese andere Perspektive einnimmst. Es geht dabei auch gerade nicht nur um mich, die Egomanie kann ich getrost zurücklassen.

Wer so leben und glauben kann, ist innerlich frei. Der Theologe Manfred Köhnlein hat die Gleichnisse Jesu einmal als „Visionen einer besseren Welt“8 bezeichnet. Das finde ich sehr zutreffend, denn sie malen aus, was die Bergpredigt andeutet: Es könnte anders sein! Wir könnten anders zusammenleben! Und sie bleiben damit eine Provokation gegen Trägheit und Resignation.

Zu Ostern 2012 gab es einen Kommentar in der „Süddeutschen Zeitung“ unter der Überschrift: „Es nervt, Gott sei Dank“9. Matthias Drobinski schrieb mit Blick auf die Klage von Papst Benedikt über Gewalt gegen Christen und die Mahnung des Ratsvorsitzenden der EKD, Nikolaus Schneider, hinsichtlich der sozialen Spaltung in Deutschland: „Eine gute Osterpredigt sollte nicht einfach das fromme Publikum erbauen, sondern Nerven treffen, damit sich etwas bewegt. Das Christentum will ja auch nicht die Religion der frommen Selbstbeschäftigung sein; seine Anhänger, die Christen, soll man vielmehr an ihren Früchten erkennen. Hat der Gründer gesagt – Jesus.“10

Die junge Generation

Vielleicht war es früher in der Tat leichter, Position zu beziehen: für oder gegen Kernkraft, für oder gegen Nato-Nachrüstung, für oder gegen Abtreibung, für oder gegen den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan, für oder gegen die Legalisierung homosexueller Lebenspartnerschaften. Wir sollten den jungen Leuten Raum geben, neue Wege zu finden, Positionen zu klären und ihre Form der Veränderung zu praktizieren. Wenn ich die Zeugnisse von Menschen lese, die in der Zeit des Nationalsozialismus widerständig waren oder gar aktiv Widerstand geleistet haben, zeigt sich sehr klar, dass jede Generation sich neu an den Zehn Geboten11, den Seligpreisungen, den Gleichnissen Jesu orientieren kann und muss.

Viel zu viele haben offenbar den Eindruck, sie würden nicht gebraucht, seien überflüssig, könnten nicht mithalten. So manches Mal, wenn ich Berichte junger Leute über ihr Freiwilliges Soziales Jahr gelesen habe, hat es mich nachdenklich gemacht, wenn sie schrieben, dass sie das erste Mal das Gefühl hatten, sie würden gebraucht. Weil die alten Menschen im Heim auf sie gewartet hatten oder die Kinder in der Behinderteneinrichtung. Hier muss sich etwas ändern. Es sollte deutlich werden: Du kannst etwas tun! Menschen gestalten die Welt, sie können sie also auch verändern. Wir sind doch nicht ausgeliefert an ein anonymes System, das irgendwie funktioniert, sondern alles wird gestaltet und verantwortet von Menschen und ist deshalb auch veränderbar!

Fazit

„Eine andere Welt ist möglich“ – für mich beschreibt diese Aussage die Freiheit des Glaubens, über die Zwänge des Alltags, über meine Gewohnheiten hinauszudenken, Fragen zu stellen, nicht alles als gegeben hinzunehmen. Wenn ich von der Bibel her denke, fühle ich mich ermutigt zu fragen, Hoffnung zu entwickeln. Ich fühle mich in Verantwortung gestellt für meine Kinder und Enkel, für nachfolgende Generationen – denn ich lebe nicht nur für mich selbst und den Augenblick! Wie hinterlassen wir eine Welt, in der sie in Frieden und mit einem „Genug“ leben können? Wo kann ich mich einmischen, um einen Beitrag dazu zu leisten?

Nein, einfach ist es nicht. Die Komplexität der Probleme und Herausforderungen ist schwer zu durchdringen. Für dieses Buch habe ich über viele Monate Zeitungsausschnitte gesammelt und war am Ende fast erschlagen von der Vielfalt der Probleme, der Stimmen, der Ansätze. Aber wenn uns die Fülle der Informationen überfordert, kann das doch nicht heißen, dass wir uns ermattet zurückziehen und uns mit dem „Wie es ist“ abfinden müssen. Es ist möglich, sich kundig zu machen, frei und neu zu denken, sich eine Meinung zu bilden, sie zu vertreten und auch Konsequenzen im Handeln zu ziehen. Was das heute aus christlicher Perspektive bedeuten kann, möchte ich im Folgenden in zehn Kapiteln beleuchten. Es geht aber weder um ein politisches Konzept noch um eine wissenschaftliche Abhandlung oder um eine sozialethische Vorlesung.

Mir geht es um eine Ermutigung zur Einmischung: An meinem Ort – deshalb führe ich möglichst viele Beispiele aus der eigenen Erfahrung an. Auf der Grundlage meines Glaubens – daher verweise ich immer wieder auf biblische Zusammenhänge. Im Kleinen wie im Großen – aus diesem Grund versuche ich, Alltagsgeschichten zu erzählen, die beides verbinden. So kann Widerspruch entstehen gegen das landläufige: „Es ist nun mal so und lässt sich nicht ändern …“ Oh doch, wir können, ja, du kannst die Welt verbessern! Jeder Mensch hat eine Gabe, die er einbringen kann in die Gemeinschaft, sagt der Apostel Paulus. Jeder Mensch hat einen Beruf im Sinne von Berufung, sagt Martin Luther. Die besenschwingende Magd ebenso wie der regierende Fürst können mitten im Alltag ihren Glauben umsetzen …

Manchmal müssen wir mit der Vision der Bergpredigt einfach auf den Kopf stellen, was so pragmatisch und unveränderbar erscheint wie „Wachstum“ und „Sicherheit“, damit neue Kreativität entsteht. Ja, diese Vision zeichnet eine Kontrastgesellschaft, die uns herausfordert, gegen den Strich zu denken. Das kann Kräfte freisetzen, froh und auch frei machen. Für jeden und jede von uns kann das nur ein kleiner Schritt sein, ein Einsatz, eine Entscheidung. Aber das kann beitragen zu einem großen Ganzen im oikos Gottes. Konstruktive Störfaktoren können Weltverbesserer sein, die offensiv nachfragen, mutig neue Wege gehen und sich durch Pragmatiker nicht irritieren lassen. Sie müssen nicht ermattet von all den „Du musst“ oder „Du sollst“ resignieren, sondern können fröhlich ihren Lebensweg gehen, weil sie von der Einladung wissen, es bewusst zu leben. Dann macht Leben nicht nur Spaß, sondern auch Sinn. Und ist: mehr als Ja und Amen.

Für mich ist und bleibt Martin Luther beeindruckend, wie er da vor dem Reichstag in Worms steht: „Ich stehe hier, ich kann nicht anders, Gott helfe mir. Amen.“ Ob er es wörtlich so gesagt hat, ist umstritten, aber seine Haltung bleibt über die Jahrhunderte hinweg einzigartig. In dem Film „Luther“ von 2003 mit Joseph Fiennes in der Hauptrolle wird sein Ringen um diese Position gut dargestellt: Er hatte Angst, Selbstzweifel, war voller Fragen. Er hat gelesen, die Glaubenserfahrungen der Bibel für sich abgewogen, in der Nacht vor seinem Auftritt auf dem Reichstag in Worms hat er intensiv gebetet. Und dann gab es diesen Punkt, an dem für ihn klar war: „Doch, das ist meine Position! Ich bin mit mir innerlich im Reinen.“

Das ist Freiheit, denke ich. Und es ist eine Freiheit, von der Christinnen und Christen heute konfessionsübergreifend wissen.

Luthers Freiheitsgedanke

Der Gedanke der Freiheit war und ist für die Kirche der Reformation von zentraler Bedeutung. In seinem Text „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ hat Martin Luther das auf bis heute bemerkenswerte und anregende Weise in einem unübertroffenen Textdokument ausgeführt. Es gibt diese Schrift in zwei Fassungen: Eine ist auf Deutsch geschrieben und bis heute eindrücklich klar und direkt. Die lateinische Fassung wirkt komplizierter. Mit ihr sollte Luther auf Bitten von Karl von Miltitz, dem sächsischen Kammerjunker des Papstes, auf die Bannandrohungsbulle aus Rom reagieren und dezidiert rechtfertigen, dass er auf dem Boden des Glaubens seiner Kirche steht.

Der Konflikt eskalierte und es kam zu jener Konfrontation auf dem Reichstag in Worms. Am 18. April 1521 stellte sich Martin Luther mit seiner im Bibelstudium gefundenen Glaubens- und Gewissensfreiheit auf dem Reichstag zu Worms in Widerspruch zu Kaiser und Papst und verteidigte seine Schriften. Seine Rede beendete er mit den Worten: „Wenn ich nicht durch Schriftzeugnisse oder einen klaren Grund widerlegt werde – denn allein dem Papst oder den Konzilien glaube ich nicht; es steht fest, dass sie häufig geirrt und sich auch selbst widersprochen haben –, so bin ich durch die von mir angeführten Schriftworte überwunden. Und da mein Gewissen in den Worten Gottes gefangen ist, kann und will ich nichts widerrufen, weil es gefährlich und unmöglich ist, etwas gegen das Gewissen zu tun. Gott helfe mir. Amen.“12

Mir ist sehr wohl bewusst, dass Martin Luther viele Facetten hatte, dass seine Äußerungen über Juden ein fataler Irrweg waren13, er die Bauern auf schreckliche Weise verraten, eine sogenannte Hexenverbrennung befürwortet und die Täufer verachtet, ja, zu ihrer Verfolgung beigetragen hat. Aber jene innere Haltung, dieser Mut, aufzustehen, sich aufzubäumen, anderer Meinung zu sein, den bewundere ich zutiefst. Es hätte ihn das Leben kosten können – das Risiko ist er eingegangen, weil sein Gewissen ihn dazu bewegt hat. Wo regt sich mein Gewissen? Was kann ich verantworten in meinem Leben, Reden, Handeln? Wann muss ich mich einmischen und darf nicht länger schweigen? Wer verantwortlich leben will, wird sich diese Fragen immer wieder stellen und bei der Auseinandersetzung mit den alten, überlieferten Glaubenserfahrungen und im Gespräch mit anderen Antworten und auch eine Freiheit zum Handeln finden.

„Ich stehe hier, ich kann nicht anders, Gott helfe mir. Amen.“ – Das ist eine Haltung aus der Freiheit eines Christenmenschen heraus. Und genau diese hat bis heute nichts von ihrer Aktualität, von ihrer Brisanz verloren. Mit ihr haben Christinnen und Christen aller Konfessionen in der Vergangenheit immer wieder angesichts von lebensfeindlichen Ideologien und brutaler Unterdrückung ihre innere Freiheit bewahrt. Manche wurden zu Märtyrern, weil sie aus Glaubensüberzeugung ihr Leben riskierten.

Ich erinnere mich an einen Besuch in Südindien, wo mir der Pastor seine fünf (!) Kirchen zeigte, die er mit seinen Gemeinden baute. Er hatte Angst, denn diese Gotteshäuser waren nicht willkommen; die Gemeinden waren klein und furchtsam. Aber sie waren überzeugt: Wenn wir in einer Kirche zusammenkommen, Gottes Wort hören, miteinander singen und beten und lernen, als Gemeinde Christi zu leben, werden wir der Angst widerstehen und Sinn in unserem Leben finden. Das ist mutig. Viel mutiger, als ich es bin …