Mehr als nur ein Auftrag - Lee Winter - E-Book

Mehr als nur ein Auftrag E-Book

Lee Winter

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Beschreibung

Was geschieht, wenn die liebenswerteste Mitarbeiterin die dunklen Geheimnisse ihrer Chefin entdeckt? Diese Enemies-to-Lovers-Romance der Extraklasse wirft eine brisante Frage auf: Kann eine scheinbar unverbesserliche und eiskalte Frau durch die Macht der Liebe erlöst werden? CEO Michelle Hastings merkt schnell, dass sie einen riskanten Fehler begangen hat, als sie die naive Aktivistin Eden fest in ihr Team aufnahm. Nun muss sie nicht nur gegen die aufkeimenden Gefühle für ihre Angestellte ankämpfen, sondern auch die gefährlichen Machenschaften ihres Unternehmens vor Edens idealistischen Augen verbergen. Eden Lawless genießt ihren neuen Job, die faszinierende Chefin, die ihr Herz schneller schlagen lässt, und die exzentrischen Kollegen mit ihrem makabren Humor. Die reden dauernd von Erpressung, Hacking und Doxing. Anfangs hält sie das alles für bizarre Späße. Doch bald beschleicht Eden ein beunruhigender Verdacht: Was, wenn all das bittere Realität ist? Und was, wenn sie sich plötzlich zwischen ihren Prinzipien und der Frau entscheiden muss, in die sie sich verliebt? Mehr als nur ein Auftrag, der explosive und hochemotionale Abschluss der Villain-Reihe, ist ein Liebesroman voller gefährlicher Intrigen, unerwartetem Humor, schmerzhafter Enthüllungen und tiefen Gefühlen – ein Finale, das unter die Haut geht und keine Leserin unberührt lässt!

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Seitenzahl: 598

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhaltsverzeichnis

Über das Buch

Über Lee Winter

Von Lee Winter außerdem lieferbar

Kapitel 1: Ein nicht mehr namenloses Büro

Kapitel 2: Die Panda-fizierung beginnt

Kapitel 3: Spione wie wir

Kapitel 4: Datenspur

Kapitel 5: Nur eine gute Chefin

Kapitel 6: Eine klare Linie

Kapitel 7: Kammerjäger

Kapitel 8: Edens Sündenfall

Kapitel 9: Der Tanz beginnt beim Abschleppen

Kapitel 10: Wohin denn sonst

Kapitel 11: Wer hat dir das angetan?

Kapitel 12: Das volle Pflegeprogramm

Kapitel 13: Das Spiel beginnt

Kapitel 14: Unter einem Dach mit der Feindin

Kapitel 15: Mit den Gezeiten schwimmen

Kapitel 16: Unter Killern

Kapitel 17: Das Beerdigungsrätsel

Kapitel 18: Alles geht in Flammen auf

Kapitel 19: Drei Tauben … und mehr

Kapitel 20: Ausgepackt

Kapitel 21: Ein guter Gast muss …

Kapitel 22: Abendessen und Aufstände

Kapitel 23: Mehr

Kapitel 24: Kontrollierte Zerstörung

Kapitel 25: Traurigste, einsamste Frau

Kapitel 26: Ein Unrecht gutschreiben

Kapitel 27: Ein wundervolles Herz

Epilog

Danksagung

Ebenfalls im Ylva Verlag erschienen

Über das Buch

Was geschieht, wenn die liebenswerteste Mitarbeiterin die dunklen Geheimnisse ihrer Chefin entdeckt? Diese Enemies-to-Lovers-Romance der Extraklasse wirft eine brisante Frage auf: Kann eine scheinbar unverbesserliche und eiskalte Frau durch die Macht der Liebe erlöst werden?

CEO Michelle Hastings merkt schnell, dass sie einen riskanten Fehler begangen hat, als sie die naive Aktivistin Eden fest in ihr Team aufnahm. Nun muss sie nicht nur gegen die aufkeimenden Gefühle für ihre Angestellte ankämpfen, sondern auch die gefährlichen Machenschaften ihres Unternehmens vor Edens idealistischen Augen verbergen.

Eden Lawless genießt ihren neuen Job, die faszinierende Chefin, die ihr Herz schneller schlagen lässt, und die exzentrischen Kollegen mit ihrem makabren Humor. Die reden dauernd von Erpressung, Hacking und Doxing. Anfangs hält sie das alles für bizarre Späße. Doch bald beschleicht Eden ein beunruhigender Verdacht: Was, wenn all das bittere Realität ist? Und was, wenn sie sich plötzlich zwischen ihren Prinzipien und der Frau entscheiden muss, in die sie sich verliebt?

Mehr als nur ein Auftrag, der explosive und hochemotionale Abschluss der Villain-Reihe, ist ein Liebesroman voller gefährlicher Intrigen, unerwartetem Humor, schmerzhafter Enthüllungen und tiefen Gefühlen – ein Finale, das unter die Haut geht und keine Leserin unberührt lässt!

Über Lee Winter

Lee Winter ist eine preisgekrönte australische Zeitungsjournalistin, die auch für ihre Romane schon mehrere Auszeichnungen erhalten hat. Nachdem sie im Lauf ihres Berufslebens in fast allen australischen Bundesstaaten gewohnt hat, ist sie mittlerweile mit ihrer Partnerin in Westaustralien sesshaft geworden.

Seit 2016 ist sie Vollzeitschriftellerin und Teilzeitlektorin. In ihrer Freizeit findet man sie entweder bei der Gartenarbeit, mit einer neuen technischen Spielerei in der Hand oder stirnrunzelnd vor dem Fernseher.

Von Lee Winter außerdem lieferbar

Muffins und ein bisschen Rache

Shattered – Zerbrochen

Nichts als die unbequeme Wahrheit

Ein Hotel und zwei Rivalinnen

Happy End am Ende der Welt

Nichts als die ungeschminkte Wahrheit

Aus der Rolle gefallen

Requiem mit tödlicher Partitur

Aus dem Newsroom:

Das Geheimnis der roten Akten

Unter die Haut – Liebe, Verschwörung und eine fast geplatzte Hochzeit

Die Villain-Reihe:

Mehr als nur ein dunkles Geheimnis

Mehr als nur ein Auftrag

Mehr als nur ein Auftrag

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

1. Auflage

Taschenbuchausgabe 2026 bei Ylva Verlag, e.Kfr.

ISBN: 978-3-69006-139-1

E-Book-Ausgabe 2026 bei Ylva Verlag, e.Kfr.

ISBN (E-Book): 978-3-69006-140-7

ISBN (PDF): 978-3-69006-141-4

Dieser Titel ist als Taschenbuch und E-Book erschienen.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Copyright © der Originalausgabe 2023 bei Ylva Publishing

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2026 bei Ylva Verlag

Die Nutzung unserer Werke für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG behalten wir uns explizit vor.

Übersetzerin: Stefanie Kersten

Übersetzungslektorat: Astrid Ohletz

Korrektorat: Tanja Eggerth

Satz & Layout: Ylva Verlag e.Kfr.

Bildrechte Umschlagillustration vermittelt durch Shutterstock LLC; iStock; AdobeStock

Grafiken vermittelt durch Freepik

Coverdesign: Michelle Ryan

Kontakt:

Ylva Verlag, e.Kfr.

Inhaberin: Astrid Ohletz

Am Kirschgarten 2

65830 Kriftel

Tel: 06192/9615540

Fax: 06192/8076010

www.ylva-verlag.de

[email protected]

Amtsgericht Frankfurt am Main HRA 46713

Kapitel 1

Ein nicht mehr namenloses Büro

Kurz nach ihrem sechsunddreißigsten Geburtstag hatte Eden Lawless zum ersten Mal eine Erzfeindin vernichtet – unerwarteterweise. Immerhin hatte es noch nie jemand geschafft, Francine Wilson in irgendeiner Form zu schlagen. Doch Eden hatte nicht nur entgegen aller Wahrscheinlichkeit den Sieg davongetragen, sondern es dabei auch noch geschafft, einen Job in Washington, D.C., bei einer Geheimorganisation namens Fixers – die Problemlöser – zu landen.

Nichts hatte Eden je mehr überrascht – nicht einmal der Moment, in dem sie ihre Mutter nackt in den Fernsehnachrichten gesehen hatte, wo sie im Rahmen einer Protestaktion gegen Pelz nur Kunstblut und nichts weiter trug. River Lawless war immer mit vollem Einsatz bei der Sache.

Aber in der langen Reihe bizarrer Ereignisse, die sich in Edens beruflicher Laufbahn als Vollzeitaktivistin aneinanderreihten, stand der erste Bürojob ihres Lebens ganz oben auf der Liste.

Arbeiten in einem richtigen, echten Büro. Glasschreibtisch, Drehstuhl, heiße Chefin, das volle Programm.

Hoppla. Ihre Gedanken legten eine Vollbremsung ein. Das mit der heißen Chefin musste sie direkt wieder streichen. Das war mehr als unangebracht.

Michelle Hastings, besagte Chefin, hatte Eden eingestellt, nachdem der kleine, zehnwöchige Freelancer-Auftrag in Edens Heimatstadt Wingapo in Maryland zu ihrer Zufriedenheit verlaufen war. Mehr verband sie nicht miteinander. Zwischen ihnen war alles rein geschäftlich.

Abgesehen davon … Selbst wenn Michelle auf Frauen stand – und dieses wenn stützte sich ausschließlich auf eine gerade mal fünfsekündige Reaktion im Rahmen eines Skype-Calls, der bereits Wochen zurücklag –, würde die Frau keinen Schritt in diese Richtung machen. Denn Michelle hatte vom allerersten Moment an unverbesserlich auf Professionalität gepocht.

Das hieß aber nicht, dass Eden die Aussicht nicht genießen konnte. Wenn sie sich auf ihrem Stuhl nach hinten lehnte, konnte sie Michelle im Profil sehen, wie sie an ihrem Schreibtisch arbeitete. Na ja, sehen konnte sie nur ein blasses Handgelenk, ein Stückchen blauen Ärmel und einen schmalen Streifen ihres Gesichts, der wiederum nur Nase, Mund und Kinn erkennen ließ. Trotzdem war selbst das eine nette Aussicht.

Eden stöhnte leise auf. Ein bisschen mehr Konzentration könnte nicht schaden. Ach, sie würde sich einfach konzentrieren, wenn ihr jemand was zu tun gab. Ihr Handy pingte und das Display zeigte eine Nachricht ihrer besten Freundin an.

Omg, ich kann nicht fassen, dass du einen BÜROjob hast! DU?!! Viel Glück für deinen ersten Tag. Omg #endzeit

Und eine weitere Nachricht folgte: Und frag mich das nächste Mal um Rat, BEVOR du so was annimmst, weil das echt seltsam ist. Du+Büro=verrückt

Dann: Unsere Freunde haben eine Wette laufen, wie lange du es in einem Normalojob aushältst. Die meisten tippen auf ein paar Tage. Ich setze auf einen Monat, weil ich vom Hot Boss weiß. Enttäusch mich nicht. Die Gewinner kriegen Bier.

Nicht zum ersten Mal wünschte Eden, sie hätte Aggie gegenüber nie erwähnt, dass Michelle heiß war.

In einer letzten Nachricht schickte ihre Freundin Eden ein Foto von sich in ihrem neuen Meerschweinchen-Kevin-Hausanzug, auf dem sie dämlich in die Kamera grinste.

Edens Geburtstagsgeschenk war als »beeindruckendste Kreation in der Geschichte der Mode, ganz ehrlich« eingestuft worden. Und ihre Kevins-potenzielle-Partner-Liste war offenbar »genial«. Aggie nannte sie »Tinder für Meerschweinchen« und hatte versprochen, sie zeitnah zu nutzen.

Sie und Kevin sahen entzückend auf dem Foto aus, unter dem stand: Was zum Ausdrucken & auf den Schreibtisch stellen, damit du was zu lachen hast, wenn dich das Grauen des Arbeitens innerhalb fester Wände erdrückt.

Eden grinste und schaute sich nach einem Drucker um.

~ ~ ~

»Tilly!«, rief Michelle. »Ist irgendeiner unserer noch nicht zugeteilten Fälle … gut?«

»Gut?« Ottilie Zimmermann, Michelles vierundsechzigjährige Assistentin, ließ sich auf dem Besuchersessel nieder und legte die Fingerspitzen aneinander. »Definieren Sie gut.«

»Das Gegenteil von böse. Ein Fall, bei dem man sich denkt: ›Na, da tun wir doch mal ein gutes Werk.‹«

Tilly starrte sie an, als hätte sie den Verstand verloren. »Nein.«

»Was ist mit … nicht so schlimm?«

»Da wäre ein Banker, der auf den Job seines Vorgesetzten aus ist und will, dass wir dessen Kinks an die Chefetage leaken, damit er kündigt, weil es ihm so peinlich ist. Das hat nur Auswirkungen auf eine Person.«

Michelle verzog das Gesicht. »Kinks sollten nicht verwendet werden, um Leute zu beschämen.«

»Und doch planen wir schon seit Wochen genau das.« Tilly musterte sie skeptisch.

»Ja.« Das wusste Michelle natürlich. »Dass es nur Auswirkungen auf eine Person hat, verschafft dem Fall aber keinen Platz in der Kategorie ›nicht böse‹.«

»Na gut, wie wäre es dann mit diesem Geschäftsmann Yin? Er will seine Tochter vom Einfluss des Syndikats lösen, bevor sie noch tiefer hineingezogen wird. Wir sollen sie von der Bildfläche verschwinden lassen, damit man sie nicht aufspürt.«

»Definitiv nicht böse, aber das ist in Übersee. Aufträge in Amerika. Oder noch besser: in Washington.«

»Okay … Hank Brewer?« Tilly verzog angewidert die Lippen. »Wenn Sie nur die halbe Geschichte erzählen, sieht es gut aus.«

Das hob Michelles Laune. »Perfekt.«

»Darf ich fragen, warum?«

»Ms. Lawless ist seit heute Teil unserer Organisation.« Sie setzte eine neutrale Miene auf.

Tilly fixierte sie mit einem durchdringenden Blick. »Es wäre einfacher, wenn Sie ihr die Wahrheit sagen, anstatt zu versuchen, unsere Aufträge so hinzudrehen, dass wir gut dastehen.«

Manchmal hasste Michelle es, wie scharfsinnig ihre Assistentin war. Wenigstens fragte Tilly nicht, warum Michelle den »Panda« als Vollzeitmitarbeiterin in ihrem Becken voller Haie und Schlangen eingestellt hatte.

»Sie besitzt potenziell wertvolle Fähigkeiten«, setzte sie zu einer Rechtfertigung an, obwohl Tilly gar nichts gesagt hatte. »Aber sie würde sich sofort aus dem Staub machen, wenn sie die Wahrheit über uns wüsste. Im Moment will ich mir diese Fähigkeiten zunutze machen. Brewer ist der perfekte Job, um sie zu beschäftigen, bis ich etwas Sinnvolleres für sie gefunden habe.« Auf Tillys kritischen Blick hin fügte Michelle noch hinzu: »Sehen Sie es mal positiv: Wann haben wir das letzte Mal eine kompetente Arbeitskraft eingestellt, bei der es Ihnen nicht mal ein bisschen kalt über den Rücken gelaufen ist?«

»Gutes Argument. Und wie beunruhigend.«

Michelle entschied, sich darüber keine Gedanken mehr zu machen. Genau wie über die Tatsache, dass sie es nicht erwarten konnte, Eden Lawless fünf Tage die Woche im Büro zu sehen.

~ ~ ~

»Guten Morgen, Ms. Lawless«, sagte Tilly, als sie an Edens Schreibtisch trat. »Ich gehe davon aus, dass Ihr Arbeitsplatz vollständig eingerichtet ist?«

Der nüchterne Tonfall der Frau sorgte dafür, dass Eden sich automatisch etwas aufrechter hinsetzte. In ihrer Stimme schwang ein schwacher deutscher Akzent mit – was bei einem Nachnamen wie Zimmermann durchaus Sinn ergab –, ihre Wortwahl wahr jedoch durch und durch Englisch und sehr korrekt. Eden fühlte sich neben ihr schluderig. »Jep, alles prima. Tolle Aussicht.« Sie lächelte breit.

»Wie schön, dass sie Ihnen zusagt.« Tilly stutzte und beäugte das Foto, das an der Trennwand des Schreibtischs klebte.

Eden folgte ihrem Blick und grinste. »Darf ich vorstellen: Aggie und Kevin.«

»Keine persönlichen Gegenstände auf Schreibtischen ist Vorschrift bei den Fixers«, erwiderte Tilly brüsk. »Der Arbeitsplatz hat jederzeit aufgeräumt und professionell zu sein.«

Aggie und Kevin nicht den ganzen Tag vor Augen haben? Verdammt. Der Büroalltag hier war hart. »Den Fixers entgeht was«, meinte Eden mit einem kleinen Grinsen und rupfte das Foto von der niedrigen Trennwand.

Tilly schob ihr eine Aktenmappe über die Schreibtischplatte zu, auf die sie anschließend ein schmales Stück Papier legte. Sie deutete auf Edens Computer. Der ultramoderne iMac war so neu, dass Eden noch die Plastikverpackung roch, in der er mal gesteckt hatte.

»Ihr Log-in und das Passwort.« Tilly tippte auf den kleinen Zettel.

Eden betrachtete die beiden Zeilen willkürlicher Zahlen-Buchstaben-Kombinationen und fragte: »Was ist was?«

Mit einem kaum wahrnehmbaren, ungehaltenen Laut – Eden war sich nicht sicher, ob der ihr oder der IT galt – schrieb Tilly »Passwort« und »Log-in« neben die jeweiligen Codes.

»Und kontaktieren Sie bitte unsere Abteilung für Cybersecurity, die Ihnen einen sicheren Laptop für außerhalb des Büros aushändigen wird«, fügte Tilly hinzu und deutete auf eine Liste von Telefondurchwahlen. »Fragen Sie nach Snakepit.«

»Ist das Ihr Ernst?«

»Hmm.«

»Okay.« Wahrscheinlich irgendein Ex-Hacker. Edens innerer Nerd war hellauf begeistert. »Toll! Was nun?«

Tilly öffnete die Aktenmappe. »Ihr erster Auftrag. Nun ja, Ihr erster Büro-Auftrag.«

Eden überflog die erste Seite der Akte. »Hank Brewer? Der Multimillionär?«

»Milliardär«, korrigierte Tilly sie. »Das letzte halbe Jahr lief gut für ihn.«

»Ist das nicht der Kerl, der indigenes Land für ein Gas-Ausbauprojekt in die Luft gejagt hat? Und dessen Abbauunternehmen in Ecuador einen Erdrutsch verursacht hat, durch den Tausende von Wohnhäusern zerstört wurden?«

»Sein Werdegang ist wechselhaft, ja.«

»Und ist er nicht der Kerl, der gesagt hat, dass College-Studierende ›faule Mistkäfer sind, die Daddys Kohle verprassen, nur um schlau zu klingen‹? Und dass Bildung für Mädchen abgesehen von Hauswirtschaft sinnlos ist?«

»Er gehört nicht zu den … fortschrittlichsten Männern.« Das Zucken um Tillys Mundwinkel grenzte an ein Lächeln.

»Und wir helfen ihm jetzt, die furchtbaren Dinge geradezubiegen, die er angerichtet hat?« Eden sah hoffnungsvoll zu ihr auf.

»Nein.« Tilly zögerte. »Zumindest noch nicht. Das Problem ist, dass niemand mit ihm in Verbindung gebracht werden will, aufgrund seiner Taten in der Vergangenheit. Selbst wenn er aufrichtig Gutes tun will.«

»Das kann ich niemandem verdenken.« Eden schüttelte sich.

»Er will sich tatsächlich bessern. Allerdings sollen seine Konkurrenten nicht denken, dass er weich geworden ist. Deswegen bittet er die Fixers, eine Möglichkeit zu finden, wie er an unterstützenswerte Organisationen spenden kann, ohne dass jemand seine Beteiligung herausfindet.«

»Dann sollte er die Benefizempfänger anweisen, seine Spende anonym zu behandeln«, sagte Eden. »Dafür braucht er uns nicht.«

»Doch, das tut er. Er hat bereits Zuwendungen an alle möglichen Organisationen getätigt, aber er ist so verbrannt, dass sie seine Spenden zurückgehen lassen. Sie haben panische Angst davor, auf Social Media zerfetzt zu werden, sollte jemand herausbekommen, dass sie sein Blutgeld angenommen haben. Also ist es Ihre Aufgabe, diese Summe auf eine Weise zu spenden, bei der keine Spur zu ihm zurückführt.« Tilly tippte auf eine Zahl.

Eden glotzte perplex auf die vielen Nullen. »Hank muss ein wirklich schlechtes Gewissen haben. Und klar, ich helfe gern.«

»Hervorragend.« Tilly wandte sich zum Gehen.

»Hm, hey … Also … Wann macht Michelle denn mal Pause?«, fragte Eden beiläufig. Es konnte doch nicht schaden, sich mal mit ihrer neuen Chefin zu unterhalten, oder? Aus … Gründen.

Mann. Ich bin so uncool.

»Möchten Sie einen Gesprächstermin mit Ms. Hastings vereinbaren? Dafür bin ich zuständig. Sie hat einen vollen Terminplan.« Tilly zog die Augenbrauen nach oben und wartete. »Warum möchten Sie sie sprechen?«

»Äh …« Eden wurde hektisch. »Ich dachte nur an einen Abschluss für Wingapo.«

»Nicht nötig. Sie hat Ihren Bericht als ausreichend abgesegnet.« Tilly wartete erneut.

Fieberhaft suchte Eden nach einer anderen Ausrede, doch was ihr einfiel, war dürftig. »Möchte sie vielleicht einen Grüntee?«

»Nein. Aber wenn sie doch plötzlich auf den Geschmack kommt, wird sie mich bitten, ihr einen zu bringen. Da ich ihre Assistentin bin.«

»Hören Sie, ich will einfach nur mit ihr plaudern«, gab Eden schließlich zu.

»Ah.« Das ließ Tilly sich einen Moment lang durch den Kopf gehen. »Sie trinkt jeden Tag um neun und um drei einen Kaffee. Wenn Sie sie um fünf vor drei mit einem aufsuchen, wird sie ihn wahrscheinlich nicht ablehnen.« Sie kritzelte etwas auf einen Zettel. »Ihre übliche Starbucks-Bestellung.«

»Vielen Dank!« Eden grinste und reckte beide Daumen nach oben, kam sich dann aber albern damit vor. Hitze stieg ihr in die Wangen.

»Hmm«, meinte Tilly nachdenklich und in ihren Augen stand ein amüsiertes Funkeln. »Wissen Sie, ich würde wirklich gern Mäuschen spielen, wenn Sie beide versuchen, ein Gespräch miteinander zu führen. Marshmallow und Säure kommen mir da als Vergleich in den Sinn.«

»Ach nein, so ätzend bin ich gar nicht.« Eden grinste noch breiter.

Und dieses Mal lachte Tilly.

~ ~ ~

Die Empfangsdame – die Kunstliebhaberin, die Eden bei ihrem Vorstellungsgespräch kennengelernt hatte – war dazu abgestellt worden, ihr eine Stunde später eine Führung durch die Büroräume zu geben. Sie hieß Daphne, was sie britisch DAFF-nieh aussprach, als käme sie geradewegs vom Set von Downtown Abbey. Offenbar nahm sie nicht nur Anrufe entgegen, ignorierte hochnäsige Besucher und versuchte sich gelegentlich als Kunstkritikerin, sondern war auch die Officemanagerin.

»Wir befinden uns in der obersten Etage«, erklärte Daphne. »Was vielleicht nicht auf den ersten Blick klar wird, da der Aufzug keine Stockwerkszahlen anzeigt.«

»Ja. Das ist merkwürdig.«

»Die Buchstaben ergeben selbstverständlich Sinn, wenn man weiß, was sie bedeuten«, erwiderte Daphne naserümpfend.

Sie erinnerte Eden stark an eine biestige Siamkatze. Und sie ging auch wie eine, alles an ihr strahlte Eleganz und Überheblichkeit aus. Heute trug sie einen dunkelroten Hosenanzug und farblich passenden Lippenstift, der auf ihrer dunklen Haut fantastisch aussah. Vermutlich ein Designer-Outfit. Und die glänzenden Peeptoe-High-Heels kosteten sicher mehr als Edens kompletter Van. Sie und Daphne ähnelten sich in keinster Weise, aber Eden würde sich von so was nie daran hindern lassen, neue Freundschaften zu schließen. Man musste die Leute nur zum Reden bringen. Gemeinsamkeiten finden.

»Arbeiten Sie schon lange hier?«, fragte sie.

»Ja.«

»Gefällt’s Ihnen?«

Daphne verdrehte die Augen. »Wer antwortet darauf denn bitte mit Nein? Was für eine Frage.«

Gutes Argument. Sie versuchte es anders. »Wie viele Leute arbeiten denn für die Fixers?«

»Das ist auch nicht die richtige Frage.« Daphne warf ihr einen leidgeplagten Blick zu. »Ich meine, sie ist nur schwer präzise zu beantworten, da wir auf sehr viele Freiberufliche zurückgreifen.« Sie machte eine Handbewegung in Richtung Eden. »Es kommt übrigens wahnsinnig selten vor, dass sich daraus eine Festanstellung ergibt.« Daphne zog eine perfekt gezupfte Augenbraue nach oben und implizierte damit sehr deutlich, dass sie das in Edens Fall für einen Fehler hielt, der sicher korrigiert werden würde.

»Okay, wie viele Festangestellte arbeiten in diesem Gebäude?«, bohrte Eden weiter nach.

»Wir betrachten uns eigentlich nicht als Gesamteinheit. Jede Etage bildet ihr eigenes, komplett unabhängiges Ökosystem. Wir bevorzugen es, wenn die Angestellten verschiedener Stockwerke nicht miteinander interagieren, weil zu viel Austausch zu Datenlecks führen kann. Deswegen ist alles auf die jeweiligen Abteilungen begrenzt.«

War das nicht ein bisschen viel des Guten? Reichten die Verschwiegenheitsverpflichtungen nicht aus, die alle Mitarbeitenden unterschrieben hatten?

»Die oberste Etage sind wir.« Daphnes ausladende Geste wies auf das offene Großraumbüro. »Der Sitz der Verwaltungsabteilung – die CEO und ihr Team –, zusammen mit Politik, Business und Diplomatie oder POBUD. Offensichtlich fallen Sie ebenfalls in diese Kategorie, aber noch hat Ihnen niemand einen Titel zugewiesen. Diese Abteilungen stützen sich auf Networking und erledigen ihre Aufträge durch Verhandlungen oder unauffälliges Lavieren.« Daphne schürzte die Lippen. »Das sind richtig, richtig schlaue Leute, also bleiben Sie wachsam.«

»Hm, warum soll ich bei meinen eigenen Kollegen wachsam sein?«, fragte Eden. »Das ergibt doch null Sinn.«

Zum ersten Mal fiel Daphnes Maske und wandelte sich von distanziert zu blanker Überraschung. »Oh mein Gott.« Sie piekte Eden leicht mit einem Finger in den Arm.

»Hey!«

»Ich wollte nur sehen, ob Sie echt sind oder ich träume. Wir haben eine echte Idealistin im Haus. Wenn ich zur Dramatik neigen würde, würde ich mir jetzt schockiert ans Herz fassen. Wo hat man Sie denn ausgegraben?«

»Wingapo.« Eden zuckte die Schultern.

»Ein ländliches Kaff? Natürlich.« Daphne schüttelte den Kopf, als wollte sie den Gedanken wie die Schrift auf einer Zaubertafel löschen. »Jedenfalls finden Sie auf dieser Etage auch die Abteilung Schutz und Sicherheit, kurz SCHUTS.«

»Müsste das nicht SCHUSI sein?«

»Ja, aber Sie können unserem Furcht einflößenden Sicherheitschef ja gern erklären, dass er ab jetzt in der SCHUSI arbeitet.« Die Vorstellung schien Daphne zu amüsieren. »Meine Vermutung wäre, dass O’Brian Sie dafür von der Dachkante baumeln lässt.«

»Er klingt nett.« Eden lachte leise.

»Der Mann ist so nett wie ein Kolostomiebeutel, aber er kann ganz charmant sein, wenn er jemanden mag. Und dass er jemanden mag, sieht man etwa so häufig wie stylishe Crocs. Wie dem auch sei, O’Brians Abteilung kümmert sich um physische Sicherheit, nicht um Computer. Die Cybersecurity befindet sich im Stockwerk unter uns.«

»Lassen Sie mich raten: CYSEC abgekürzt?« So langsam hatte sie den Bogen raus.

»Nein. Cybersecurity.« Der Anflug eines teuflischen Lächelns schlich sich in Daphnes Augen. »Sie sind der Meinung, dass ihr Name hypermodern klingt. In jedem Fall wäre es das einzig Coole an dieser Abteilung. Glauben Sie mir. Ich hatte schon mit den Jungs zu tun.«

»Denen muss ich mal einen Besuch abstatten.«

Daphne warf ihr einen ungläubigen Seitenblick zu. »Warum das denn? Und haben Sie schon wieder vergessen, dass Sie sich nicht mit anderen Stockwerken austauschen sollen?«

»Ich liebe Computer und mich mit anderen Technik-Nerds zu unterhalten. Das wird lustig. Ich gehe davon aus, dass ich runtergehen darf, wenn ich nicht ausplaudere, woran ich arbeite?«

»Fremdbestäubung zwischen den Angestellten unterschiedlicher Etagen wird in Bezug auf Gespräche über Fälle nicht gern gesehen, aber wenn es nur um Fachsimpeleien geht, dürfte das wohl keine große Rolle spielen.«

»Super.«

»Wie Sie meinen. Unter der Cybersecurity sitzen Spionage und Spionage-Abwehr. Das sind zwei getrennte Abteilungen, also keine hübschen Akronyme, und sie können weder uns noch einander besonders gut leiden. Geheimniskrämerische kleine Biester, allesamt.«

Eden blieb wie angewurzelt stehen. »Bitte was genau?«

Daphne drehte sich stirnrunzelnd zu ihr um. »Spionage und Spionage-Abwehr«, wiederholte sie gedehnt, als würde sie mit einem dummen Kind sprechen.

»Machen die Fixers Spionage-Arbeit?« Eden senkte die Stimme und schaute sich unsicher um. »Mit so richtigen Spionen?«

Daphne schnaubte leise. »Wir tun, was immer nötig ist. Wenn wir herausfinden sollen, wer Technologiepläne stiehl, erledigen wir das. Dann schleusen wir jemanden ein, der die Schuldigen von innen heraus aufspürt.«

Oh. Abwehrspionage klang nicht so übel. Oder illegal. Eden rief sich ins Gedächtnis, dass im Vertrag, den sie für den Wingapo-Auftrag unterschrieben hatte, explizit verlangt wurde, dass sie nichts Rechtswidriges tat. Also würden die Mitarbeitenden der Fixers wohl nicht durch die Gegend rennen, Gesetze brechen und Regierungen zu Fall bringen. Sie waren nicht die CIA.

»Klar«, murmelte Eden, weil ihr nichts Besseres dazu einfiel.

»Unterhalb des Stockwerks der Spione«, Daphne nahm Edens Wortwahl amüsiert auf, »befinden sich Massenkommunikation, Message Branding – Markenbildung und Außenwirkung – und Trendentwicklung. Die kümmern sich hauptsächlich um extrem kluge Publicity und Social-Media-Management für Kunden. Abgekürzt MassMess – den Spitznamen finden sie lustig, weil mess das englische Wort für ›Chaos‹ ist. Und natürlich tun sie das, weil sie alle auf Social Media leben.« Sie verdrehte die Augen. »Das war’s.«

»Und was ist mit den anderen Etagen? Das Gebäude ist ja riesig. Sie haben nur vier aufgezählt.«

»Es war nie die Rede davon, dass jede Abteilung nur ein Stockwerk belegt. Cybersecurity hat zum Beispiel sechs. Den Großteil davon nehmen ihre Server ein.«

Sechs Stockwerke? Nur für die IT-Abteilung? Oh, wow. Das musste Eden mit eigenen Augen sehen. »Und wie viele Leute arbeiten nun für diese Abteilungen? Die Vollzeitangestellten insgesamt?«

»Achtundvierzig.«

»Mehr nicht?« Eden schaute sich verblüfft in dem schicken Großraumbüro um. »Ich dachte, das Unternehmen wäre viel größer.«

»Sind wir auch. Wir beauftragen Hunderte von Externen weltweit mit Zeitverträgen. Das ist sauberer. Keine Datenspuren. Einfacher, sie im Anschluss wieder loszuwerden. Wie gesagt, es ist unglaublich selten, dass jemand aus der Wühlkiste …«

Eden blinzelte.

»… Entschuldigung, aus dem Freelancer-Pool als Festangestellte an Bord geholt wird. Wobei, eigentlich nicht nur selten, sondern sehr erstaunlich.« Daphne musterte sie ehrlich ratlos von oben bis unten. »Okay, was haben Sie so Einzigartiges an sich, dass man Sie vom Einmalwerkzeug zur Festanstellung befördert hat?«

»Keinen Schimmer. Ich habe meinen Auftrag in Wingapo kreativ erfüllt? Ich kann mich schnell auf neue Situationen einstellen und denke schnell, wenn ich vor Probleme gestellt werde?«

Daphne sah sie durchdringend an, als wäre sie auf der Suche nach einer Lüge, schien dann jedoch aufzugeben. »Na dann, hier entlang. Ich zeige Ihnen noch, wo die Küche ist.«

Einen Moment später traten sie in einen großen Raum mit Kühlschrank, Spülbecken, Mikrowelle und einer ultramodernen italienischen Kaffeemaschine.

»Hey, die ist ja nett.« Eden deutete auf das glänzende Monstrum, das nagelneu wirkte. »Die funktioniert mit Kapseln und hat dazu auch noch ein Mahlwerk? Chic!«

»Denken Sie nicht mal dran. Die ist ausschließlich der CEO vorbehalten.« Daphne zog eine Schnute, die nicht weit von einem Schmollmund entfernt war und ein Anflug von Neid blitzte in ihren Augen auf.

»Besteht Michelle auf dieser Regel?«, fragte Eden überrascht.

»Ms. Hastings«, erwiderte Daphne betont, »muss auf nichts bestehen. Man gehorcht ihr. Ohne Fragen zu stellen. Ende.«

»Bei Ihnen klingt es, als wäre sie ein Ungeheuer.« Eden lachte, weil das einfach absurd war.

»Sie ist unsere CEO und kann ein entsprechendes Verhalten ihr gegenüber erwarten«, sagte Daphne nachdrücklich. »Also, der Kühlschrank steht allen Angestellten der obersten Etage zur Verfügung, aber beschriften Sie Ihr Essen, und Finger weg von dem der anderen. Wie Sie sehen, nehmen wir Lebensmittelsicherheit hier sehr ernst.« Belustigung schwang in ihrem Tonfall mit, als sie eine Handbewegung in Richtung des Kühlschranks machte.

An der Front war ein angeschriebener Zettel mit Magneten festgeklemmt.

Wer mein Mittagessen klaut, macht Bekanntschaft mit meiner Garrotte. O’Brian.

Meiner Garotte war durchgestrichen und darunter stand in anderer Handschrift: meinem Swat-Team. Auch das war durchgestrichen und durch Erpressung ersetzt. So ging es bis zum unteren Rand des Zettels weiter mit einer Liste unterschiedlicher, immer lustiger werdender Drohungen verschiedener Leute.

»Die Belegschaft hat Humor«, meinte Eden. »Wenn auch ein bisschen brutal.«

»Auf die Leute trifft beides zu«, erklärte Daphne trocken. Sie drehte das Handgelenk, um einen Blick auf ihre elegante goldene Armbanduhr zu werfen. »Ich habe ein Meeting, und Sie müssen jetzt allein klarkommen. Schreiben Sie mir oder Tilly eine E-Mail, wenn Sie nicht weiterkommen. Regel Nummer eins: Fassen Sie nie fremde Schreibtische oder irgendetwas darauf an. Und ich meine wirklich niemals. Und hören Sie um Himmels willen auf, unsere CEO beim Vornamen zu nennen!« Damit machte Daphne auf ihren beeindruckenden Absätzen kehrt und marschierte zügig davon.

»Höflichkeitsanreden sind soziale Diskriminierung!«, rief Eden ihr hinterher.

Daphnes abfälliges Schnauben war laut und ungläubig.

Eden lächelte.

~ ~ ~

Als Michelle um fünf vor drei aufsah, entdeckte sie Lawless, die mit einer Kaffeetasse in der Hand vor ihrer Tür herumlungerte. »Haben Sie sich verlaufen?«

»Nein.« Lawless kam zu ihr herüber und stellte die Tasse auf ihrem Schreibtisch ab, bevor sie sich auf dem Besuchersessel niederließ. »Ich habe Ihnen einen Kaffee gemacht. Dachte, Sie können vielleicht einen gebrauchen.«

»Sie haben den gemacht?«, fragte Michelle überrascht. »Ich hole mir normalerweise einen von Starbucks. Na ja, Tilly holt mir einen.«

»Das ist nicht unbedingt umweltfreundlich.« Lawless runzelte die Stirn. »In diesem Büro gibt es eine voll funktionstüchtige Küche mit einer erstklassigen Kaffeemaschine. Einer, die offenbar nur Sie benutzen dürfen, was Sie aber nicht tun. Warum nicht?«

Die dreiste Frage ließ Michelle die Augenbrauen nach oben ziehen. Sie musste sich vor niemandem rechtfertigen. Und doch war Eden die Erste, die es wagte, sich danach zu erkundigen. »Mein Vorgänger hat sie angeschafft und darauf bestanden, dass sie nur von ihm benutzt wird. Er hat nur diese langweilige, helle Röstung getrunken – die Schränke sind immer noch voll mit abgelaufenen Kapseln von dem Zeug. Ich finde es grauenvoll. Starbucks ist einfacher.«

»Ich habe im Schrank Kapseln einer anderen Röstung gefunden, die spannend klang, und gehofft, dass sie Ihnen schmeckt.« Sie deutete auf die Tasse. »Tut mir leid, mir ist nicht aufgefallen, wie alt die waren.«

Michelle probierte einen kleinen Schluck. Der Geschmack war gut – erstaunlich, wenn man bedachte, wie lang die Dinger schon im Schrank lagen. »Das ist nicht übel.«

»Also wenn Sie mehr davon wollen, sollten wir uns mal darüber unterhalten, dass die Kapseln direkt auf der Müllkippe landen und siebzig Jahre zum Verrotten brauchen.« Der Ausdruck in Lawless’ großen Augen war so ernst.

»Ach, was Sie nicht sagen.« Michelle versuchte, sich ein Lachen zu verkneifen. »Wie … schrecklich.«

Lawless verdrehte die Augen. »Ich meine damit nur, dass man in diesen Maschinen auch wiederverwendbare Kapseln benutzen kann. Das ist nicht schwer. Oder noch nachhaltiger wären gemahlene Kaffeebohnen. Ihr schickes Gerät kommt mit beidem klar.« Sie wippte ein wenig auf den Fersen. »Ich könnte Ihnen eine Auswahl zusammenstellen, wenn Sie möchten.«

»Oder ich kann einfach weiterhin Kaffee von Starbucks trinken und mich weder mit dem Gottkomplex des vorherigen CEOs noch mit seiner persönlichen kleinen Kaffeemaschine beschäftigen.«

»Na, wie wäre es in diesem Fall, wenn alle das Ding benutzen dürfen?«

»Ah. Wollen Sie das? Geht es darum?« Enttäuschung stieg in ihr auf. Der erste Arbeitstag im neuen Job war noch nicht um und Lawless versuchte bereits, den Draht zu nutzen, den sie zueinander gehabt hatten, um ihr Gefallen abzuschwatzen.

»Natürlich habe ich nicht deswegen gefragt.« Sie wirkte aufrichtig empört. »Aber aus Gesprächen, die ich geführt habe, weiß ich, dass die Mitarbeitenden die Maschine gern nutzen würden. Wäre es denn nicht auch produktiver, wenn sie nicht mehr das Gebäude verlassen müssen, um sich einen Kaffee zu holen?«

»Hat Daphne Silver Sie darauf angesetzt?« Michelle sah Eden forschend an. »Mir ist sehr wohl bewusst, dass sie für meine Maschine sogar eine Einladung zu einer Kollektionseinführung von Gucci sausen lassen würde.«

Lawless verschränkte die Arme vor der Brust. »Warum muss es immer fiese Hintergedanken geben? Oder Manipulation? Kann man nicht einfach ein Problem sehen und es lösen wollen? In Eigeninitiative? Ohne eigene Agenda? Ich wurde in der Überzeugung erzogen, dass eine zufriedene Gruppe eine produktive Gruppe ist.«

»Ihnen ist aber schon klar, dass alles, was wir hier machen, mit Hintergedanken geschieht, oder?«, fragte Michelle ruhig. Es war unübersehbar, dass ihr Gegenüber sich persönlich angegriffen fühlte, und Lawless’ traurige Miene ließ sie innerlich aufseufzen. »Es lag nicht in meiner Absicht, Ihren tadellosen Ruf zu beschmutzen.«

»Entschuldigung angenommen.« Sofort verschwand die Abwehrhaltung und die Frau grinste.

»Mir war nicht bewusst, dass ich mich entschuldigt habe.«

»War nah genug dran.« Lawless machte eine wegwerfende Handbewegung. »Also, ja oder nein zur allgemeinen Nutzung der Kaffeemaschine? Und für mich gibt es in diesem Kampf nichts zu gewinnen. Ich habe nichts gegen einen guten Kaffee, aber ich bin nicht so darauf angewiesen wie andere. Ich mag nur klare Antworten.«

»Na schön«, erwiderte Michelle gleichgültig. »Sie dürfen den Koffeinabhängigen mitteilen, dass die Maschine nun allen im Büro zur Verfügung steht.«

»Super.« Lawless lächelte breit, als würde sie sich immens über den Beweis ihrer Überzeugung freuen, dass Michelle keine kleinkarierte Diktatorin war.

Dieses Lächeln zu sehen, fühlte sich gut an. Die anderen Angestellten schienen immer nur zu lächeln, wenn etwas hinter dem Rücken anderer passiert war. Lawless dagegen freute sich zutiefst darüber, dass Wildfremden etwas Gutes getan wurde, das ihr selbst nicht besonders wichtig war.

Nach einem weiteren Schluck von ihrem Kaffee fragte Michelle: »Gibt es sonst noch etwas, oder sind Sie nur hier, um mir das Ohr über die soziale Diskriminierung durch meine Kaffeemaschine abzukauen?«

Lawless lachte. »Stimmt schon, mein Sinn für Gleichberechtigung hat ein bisschen Ausschlag davon bekommen. Aber ja, ich habe noch eine andere Frage.«

»Aha«, erwiderte Michelle trocken. »Und was?«

»Sie wissen ja, dass ich eine Bäume umarmende Ökotante bin, also ist das sehr liebevoll gemeint.« Lawless stutzte und ihre Wangen nahmen eine niedliche Rotfärbung an. »Sehr respektvoll, meine ich«, korrigierte sie sich hastig. »Aber warum gibt es in diesem Gebäude keine Pflanzen?«

»Pflanzen?« Michelle zog die Augenbrauen zusammen. »Wofür brauchen wir Pflanzen?«

»Michelle!« Lawless wirkte aufrichtig empört. »Sie beweisen guten Geschmack, indem Sie einen Original-Degas in Ihr Büro hängen und im Empfangsbereich die – komplett nackte, aber das nur am Rand – Skulptur einer berühmten Bildhauerin hinstellen, aber Sie verstehen nicht den Wert von lebendem, atmendem Grün, das die Seele erfreut?«

Michelle verbarg ihr Lächeln hinter der Kaffeetasse. »Seelenfreuden? Das stand diesen Monat eigentlich nicht auf meiner To-do-Liste für die Belegschaft.«

»Sollte es aber.« Lawless’ Miene verriet, dass sie sich gerade gedanklich einen Vermerk für die Ausarbeitung machte.

»Ms. Lawless, ich werde sicher nicht gegenüber dem Vorstand die Ausgaben rechtfertigen, um ein ganzes Gebäude mit Vegetation zu füllen. Die Mitglieder werden denken, dass ich den Verstand verloren habe.«

»Wenn es Sie nichts kosten würde, würden Sie dann Ja sagen?«

»Wie soll das funktionieren?«, fragte Michelle verdutzt.

»Sie wissen doch, was ich sonst so mache. Ich habe ein riesiges Netzwerk. Es gibt da einen herausragenden Gartenbaukünstler, der mir noch einen großen Gefallen schuldet. Den habe ich vor Jahren in Brasilien bei einer Protestaktion zum Schutz des Regenwalds kennengelernt.«

»Natürlich haben Sie das«, murmelte Michelle.

»Außerdem fördern Pflanzen die Konzentrationsfähigkeit der Angestellten. Liegt am vielen Sauerstoff. Und vor allem würde es Tyson sehr zugutekommen.«

Michelle dachte angestrengt nach und ging im Kopf sämtliche Abteilungen durch, kam aber zu dem Schluss, dass sie keine Ahnung hatte, wer dieser Tyson war. »Wer?«

»Wie können Sie nicht wissen, wer Tyson ist? Sie sehen ihn jeden Tag unten im Foyer! Der Wachmann?«

Oh. Mr. Marshall.

Lawless fuhr fort: »Wissen Sie, wie belastend es für Tyson sein muss, den lieben langen Tag nur auf stark getönte Fensterscheiben, eine Couch und zwei Aufzüge zu starren? Er braucht ganz dringend Pflanzen. Diese grausame Folter für den menschlichen Geist ist einfach nur furchtbar.« Ihre großen Augen machten deutlich, wie entsetzlich der Gedanke für sie war.

»Grausame Folter? Weil er nicht auf einen Ast mit Blättern schaut?« Michelle musste einen großen Schluck von ihrem Kaffee nehmen, um nicht laut aufzulachen. »Armer Kerl.«

»Mir ist schon klar, dass Sie das albern finden, aber ich sagen Ihnen, damit würden Sie seine Welt zum Positiven verändern.« Lawless’ Gesichtsausdruck hellte sich unter ihrem Enthusiasmus auf. »Kommen Sie schon, lassen Sie mich das machen. Es wird Sie keinen Cent kosten. Die Produktivität wird sprunghaft ansteigen. Und dann riecht die Luft hier drin auch nicht mehr nach abgestandener Klimaanlage.«

»Das tut sie jetzt auch nicht.«

»Aber so was von, Sie arbeiten wohl nur einfach schon zu lange hier drin.« Lawless zog die Augenbrauen nach oben. »Also? Pflanzen für die Fixers?«

»Es liegt mir natürlich fern, dem Jungbrunnen für die Seele meiner Angestellten im Weg zu stehen«, erwiderte Michelle gedehnt. »Aber wenn Sie irgendwelchen exotischen Unfug anschleppen, der uns lächerlich aussehen lässt, werfe ich alles aus dem Fenster. So wie Ihren billigen Champagner.«

»Das haben Sie nicht gemacht«, entgegnete Lawless grinsend. Man sah ihr an, wie sehr sie sich über Michelles Zustimmung freute.

»Ach nein? Woher wollen Sie das wissen?«, fragte sie kühl.

»Man kann die Fenster in diesem Gebäude nicht öffnen.«

Ah. Erwischt. Michelle trank ihren Kaffee aus. »Der war akzeptabel. Sagen Sie Tilly Bescheid, dass sie mir zukünftig diesen Kaffee anstatt meiner üblichen Starbucks-Bestellung bringt.«

»Nein, das kann ich nicht.« Lawless biss sich auf die Unterlippe.

»Wie bitte?«

»Michelle«, erwiderte sie tadelnd. »Ich habe diese Sorte verwendet, weil sie ohnehin noch im Schrank war. Aber das ist kein Fair-Trade-Kaffee. Und auch nicht bio. Dass Sie ihn weiterhin konsumieren, kann ich wirklich nicht unterstützen.«

»Oh, um Himmels willen.« Michelle warf ihr einen warnenden Blick zu. Eine Kaffeebestellung sollte sich nicht wie eine Verhandlung mit Geiselnehmern anfühlen.

»Aber dafür finden wir eine Lösung«, fügte Lawless rasch hinzu. »Ich erstelle eine Liste mit dem guten Zeug, von der Sie sich was aussuchen können, okay? Sie müssen ja keinen fiesen Kaffee trinken, dessen Produktion den Planeten zerstört, wenn es eine Menge Alternativen gibt. Ich kümmere mich zeitnah für Sie darum.«

Wie unverschämt kann man sein?

»Bitte?« Sie schaute Michelle hoffnungsvoll an.

Verdammt noch mal. »Ich werde Ihre Auswahl in Betracht ziehen.« Michelle machte eine Geste in Richtung Tür. »Und ich habe noch Arbeit zu erledigen. Sie doch bestimmt auch. Ich bin mir recht sicher, dass Hank Brewers schwarze Seele nicht dadurch rehabilitiert wird, dass Sie mit Ihrer Vorgesetzten über nachhaltigen Kaffee diskutieren.«

»Kein Problem.« Lawless sprang auf. »Allerdings habe ich den Auftrag schon vor einer halben Stunde erledigt.«

»Er wollte doch an ein Dutzend Organisationen spenden.« Michelle fixierte sie mit einem skeptischen Blick. »Und damit sind Sie schon fertig?«

»Ja. Ich habe mir überlegt, an wen die Zuwendungen gehen sollen und in welcher Höhe. Dann habe ich Organisationen ausgesucht, mit denen er auf keinen Fall in Verbindung gebracht werden will. College-Stipendien für arme Schulabgänger, Vereine zum Schutz des Regenwalds, Hilfseinrichtungen für die Opfer häuslicher Gewalt, MINT-Förderungsprojekte für Frauen, solche Sachen. Das Beste an der Sache: Selbst wenn irgendwann durchsickert, dass er hinter dem Geld steckt, würde es niemand glauben. Ein guter Freund von mir führt eine gemeinnützige NGO, den habe ich als Mittelsmann benutzt. Das Geld habe ich ihm als ›Spende‹ übergeben und er verteilt es dann an die von mir ausgewählten Empfänger. Ein weiterer Pluspunkt: Sie können unsere ›Spende‹ an seine NGO sogar von der Steuer absetzen.«

Sie strahlte stolz übers ganze Gesicht. Und … Fuck.

»Danke. Und ich habe wirklich noch viel zu tun.« Michelle schob die leere Kaffeetasse von sich. »Nehmen Sie die bitte beim Rausgehen wieder mit in die Küche.« Damit wandte sie sich ihrem Computerbildschirm zu.

Ein verwirrter Ausdruck huschte über Lawless’ Gesicht, aber sie sammelte die Tasse ein und ging zur Tür.

»Schicken Sie bitte Tilly zu mir rein«, fügte Michelle noch hinzu.

Einen Moment später erschien Tilly in ihrem Büro. »Ms. Hastings?«

»Ich fürchte, unser Neuzugang ist bei ihrem Auftrag ordentlich übers Ziel hinausgeschossen. Sie hat Organisationen ausgesucht, mit denen Hank Brewer nie im Leben in Verbindung gebracht werden will. Und eine dritte Partei wurde bezahlt, um Anonymität zu gewährleisten.«

»Oh je.«

»Jetzt können wir es unmöglich durchsickern lassen. Selbst wenn wir das täten, würde Brewer seine Beteiligung kategorisch abstreiten.« Michelle seufzte. »Auf den Kosten bleiben wir in diesem Fall leider sitzen. Lehrgeld für das Risiko, die Angestellte nicht vernünftig zu briefen.«

Tillys Miene schrie geradezu: Ich hab’s Ihnen ja gesagt. »Aus Ms. Lawless’ Perspektive hat sie ihre Aufgabe buchstabengetreu erfüllt.«

»Ja, leider.« Michelle krauste die Nase. »Und nun?«

»Wir sagen ihr die Wahrheit.«

»Ich soll ihr erklären, dass Hank Brewer eigentlich als heimlicher Wohltäter entlarvt werden will? Um sein Image aufzupolieren?«

»Sie können ihr alternativ auch offenbaren, dass wir hier das Werk des Teufels vollbringen«, erwiderte Tilly trocken. »Und dass die geleisteten Dienste gelegentlich gar nicht so schlimm sind, wenn die Sterne günstig stehen, aber dass es hauptsächlich darum geht, die Wünsche von Menschen zu erfüllen, die Macht und Geld haben.«

Michelle schürzte die Lippen. »Geben Sie ihr als Nächstes den Langley-Auftrag. Briefen Sie sie dieses Mal besser, damit sie keine weiteren Fehler aus Unwissenheit macht. Und bedenken Sie dabei, dass sie kreativer und intelligenter vorgeht, als gut für sie ist … und für uns.« Sie wandte sich wieder ihren Unterlagen zu. »Ich verlasse mich darauf, dass Sie einschätzen können, wie viel Sie ihr von Langleys Geheimnis verraten.«

Tilly machte ein nachdenkliches Gesicht. »Schon komisch, oder? Wie viele Geheimnisse wir kennen.«

»Ich bin nun mal die Geheimnisbewahrerin.« Michelle schenkte ihr ein kleines Lächeln.

»Nein, Sie sind die Geheimnishändlerin. Meines Wissens haben Sie noch nie die Gelegenheit verstreichen lassen, ein gutes Geheimnis gegen etwas Besseres einzutauschen.«

»Das stimmt.« Michelle fragte sich, warum ihr diese Tatsache merkwürdig schwer im Magen lag.

Tilly beobachtete sie aufmerksam. »Darin sind Sie wirklich gut. Das reicht doch, oder nicht?«

»Ja, natürlich. Warum sollte es das nicht?« Die Lüge kam ihr aalglatt über die Lippen.

Tilly lächelte nachsichtig. »Genau. Es lohnt sich, das im Hinterkopf zu behalten.«

~ ~ ~

Eden schaute auf, als Tilly an ihren Schreibtisch trat, ihr eine weitere Aktenmappe zuschob und sie aufklappte. »Ihr nächster Auftrag.«

Darin befand sich das Foto eines sonnengebräunten jungen Manns mit fröhlich strahlenden Augen und lockigen Haaren. Die Angaben daneben besagten, dass sein Name Jason Langley war, neunzehn Jahre alt, wohnhaft in Washington, D.C.

»Jason Langley ist ein junger Mann mit großen Träumen«, erklärte Tilly. »Er will zu Fuß die USA durchqueren, von einer Küste zur anderen, um Spenden für mehr Braille-Bücher in öffentlichen Büchereien zu sammeln. Seine kleine Schwester ist blind, und er will ihr helfen, ›mehr Abenteuer zu erleben‹, wie er es ausdrückt.«

»Das ist ja großartig.« Den Auftrag fand Eden jetzt schon fantastisch.

»Es gab einige Spannungen zwischen ihm und seinem Vater Robert Langley, einem Topanwalt für Politiker hier in Washington. Jason ging davon aus, dass sein Vater seine Träume nicht unterstützt. Um ihm das Gegenteil zu beweisen und ihr Verhältnis zu kitten, hat Robert eine substanzielle Summe an die GoFundMe-Kampagne gespendet, die sein Sohn für die Tour eingerichtet hat – genug, um die Kosten für ein Begleitteam und mehr zu decken.«

»Okay.« Jetzt war Eden neugierig, worauf das Ganze hinauslief.

»Alles war gut, bis Robert sich von Jason die Einzelheiten seiner Pläne für die Tour erklären ließ und feststellen musste, dass sie ein einziges Chaos sind. Er macht sich große Sorgen, dass sein Sohn an Dehydrierung, einem Sonnenstich oder irgendetwas anderem stirbt, weil er die Sache nicht gründlich genug durchdacht hat.«

»Ah.« Solchen Träumern war Eden schon mehr als einmal in ihrem Leben begegnet.

»Robert hat verschiedene Mittelsleute zu seinem Sohn geschickt, die ihm ins Gewissen reden sollen. Experten, die ihm bei der Budgetierung seiner Ausgaben und der Planung der Wanderrouten helfen, und dabei die Wetter- und Umweltbedingungen mit einkalkulieren. Sein Sohn hat sämtliche Bemühungen abgeschmettert und die Mittelsleute abgeblockt, weil sie ›Anzugträger sind, die negative Energie verbreiten‹. Jason empfindet es nicht als Hilfe, sondern als Bevormundung. Das hat die Spannungen zwischen Vater und Sohn wieder aufflammen lassen.«

»Wie kann ich helfen?«

»Jason braucht eine gesunde Dosis Realität, wird aber niemandem vertrauen, mit dem er sich nicht identifizieren kann – definitiv keinem biederen Anzugträger. Wenn ihn jemand über die Risiken aufklärt, der weiß, was es bedeutet, für eine gute Sache zu kämpfen, wäre er womöglich eher bereit, zuzuhören.« Tilly schenkte Eden einen bedeutungsvollen Blick. »Ich bin mir recht sicher, dass er Sie nicht für eine Erbsenzählerin hält, wenn Sie in Ihrer … Gloria vorfahren.«

Eden ging ein Licht auf und sie grinste. »Nope. Wird nicht passieren.«

»Ganz wichtig, und das kann ich gar nicht genug betonen: Jasons Vater, der unser Kunde ist, möchte, dass seinem Sohn jede nur erdenkliche Konsequenz glasklar vor Augen geführt wird. Nichts beschönigen. Dem jungen Mann sollen die Risiken deutlich gemacht werden, alles, was schiefgehen kann. Es ist nicht unsere Aufgabe, Jason in dem Glauben zu bestärken, dass er das schaffen kann. Davon ist er bereits überzeugt. Zeigen Sie ihm auf, woran er nicht denkt. Erst wenn er sämtliche Worst-Case-Szenarien kennt, wird sein Vater ihn als ausreichend vorbereitet betrachten.«

Eden nickte. »Ich mache mich sofort an die Recherche – von Blasen an den Füßen bis zu den schlimmstmöglichen Katastrophen.«

»Gut. Das Hauptproblem besteht darin, dass Jason gern den Kopf in den Wolken hat und glaubt, dass er mit Abkürzungen improvisieren kann. Machen Sie ihm Angst, wenn es sein muss. Erinnern Sie ihn daran, dass seine kleine Schwester es ihm nicht danken wird, wenn er stirbt.«

Autsch. Aber zutreffend. »Betrachten Sie es als erledigt.«

Tilly lächelte. »Hervorragend. Seine Kontaktdaten finden Sie in der Akte.« Sie ging.

Eden blätterte durch die Unterlagen, schaute sich die geplante Route des Manns an – oder besser gesagt Routen, Mehrzahl, da er zehn verschiedene aufgelistet hatte – und machte sich an die Arbeit.

Kapitel 2

Die Panda-fizierung beginnt

Zehn Tage später beäugte Michelle bei ihrem Eintreffen skeptisch den gewaltigen Dschungel, der nun das Foyer einnahm. Sie umrundete eine riesige Topfpalme und schaute nach oben, wo nun Hängefarne von der Decke baumelten. Dazwischen entdeckte sie etwas, das aussah wie an einer Schnur aufgereihte Perlen – Erbsenpflanzen, wenn sie sich nicht täuschte. Die Wirkung des vielen Grün vor den nüchtern schwarzen Hochglanzoberflächen war magisch, aber auch ein wenig unheimlich.

Ihr Blick fiel auf den Sicherheitsmitarbeiter, ein muskelbepackter Mann mit dunkler Haut in dunkelblauer Uniform.

»Recht beeindruckende Veränderungen der Arbeitsumgebung, Mr. Marshall.«

»Ja, Ms. Hastings.« Er warf ihr einen nervösen Blick zu.

»Kann ich davon ausgehen, dass es für Sie in Ordnung ist, nun im tiefsten Dschungel von Peru zu sitzen?«, fragte sie beiläufig.

»Oh, ja, Ma’am. Voll und ganz.« Seine Erleichterung war nicht zu übersehen. »Ich finde es großartig, Ma’am.« Er schenkte ihr ein breites Grinsen. »Ms. Lawless und ihr Regenwald-Freund sind heute Morgen um sieben mit einem ganzen Team angerückt. Sie haben eine Wagenladung Pflanzen verteilt. Hier und oben.«

»Ist das so?« Michelle fragte sich, was sie wohl in der obersten Etage erwartete. Und »Regenwald-Freund«? Natürlich hatte Lawless Freunde, deren Spitznamen etwas mit irgendwelchen Biomen zu tun hatten. Michelle machte sich auf den Weg zu den Aufzügen.

»Sagen Sie Ms. Lawless bitte Danke von mir!«, rief Marshall ihr nach. »Ich … das ist …«

Sein Gestammel veranlasste sie, sich noch einmal umzudrehen.

In seinen Augen stand ein zufriedenes Leuchten. »… unglaublich.«

»Danken Sie ihr selbst. Das war nicht mein Werk.« Sie drückte kräftig auf den Aufzugknopf und setzte ihre übliche, unterkühlte Maske wieder auf. »Da es mich nichts gekostet hat, ist es mir egal.«

»Ja, Ma’am. Ich hätte Sie gar nicht für einen Fan von Paddington Bär gehalten.«

Ah. Die Referenz auf den tiefsten Dschungel von Peru. Die Bemerkung war nicht nur unerwartet, sondern auch vollkommen untypisch für den Mann, der sich bisher in ihrer Gegenwart nur einsilbig geäußert hatte. Offenbar lockerte Grünzeug ihm die Zunge.

»Ich Sie ebenfalls nicht.« Sie trat in den Aufzug. »Weitermachen.«

~ ~ ~

Eine Fülle von Vegetation überwucherte Michelles Büro. Einblätter hatten dabei eindeutig die Oberhand gewonnen – sie standen auf sämtlichen Möbeln. Auf den Fensterbrettern fanden sich Erbsenpflanzen, deren lange grüne Ranken dort hervorragend zur Geltung kamen. Doch die Pflanze, die sie am meisten faszinierte, kannte sie nicht. Sie lehnte sich über sie, um an den violetten Blüten und tief purpurfarbenen Blättern zu schnuppern.

»Die mag ich auch am liebsten«, ertönte eine vertraute Stimme. »Also abgesehen von den Einblättern, die das Werk der Göttin vollbringen.«

Michelle richtete sich auf, verärgert, dass sie dabei erwischt worden war, wie sie die Pflanze bewunderte. »Das Werk der Göttin«, erwiderte sie sarkastisch. »Demnach … sind Sie religiös?«

»Eher … spirituell.« Lawless drehte sich im Kreis. »Sieht Ihr Büro nicht fantastisch aus? Woran Sie gerade gerochen haben, ist eine Oxalis. Sehr elegant, finden Sie nicht? Ein Magnet für Bienen.«

»Wir befinden uns drinnen, Ms. Lawless.«

»Stimmt.« Sie lachte leise. »Und Einblätter vollbringen das Werk der Göttin, weil sie Räume wahnsinnig gut mit Sauerstoff versorgen – so sehr, dass Astronauten sie mit ins Weltall genommen haben. Mein Freund Francisco hat uns eine Menge davon besorgt, also werden wir bald nur noch süße Frischluft atmen und nicht mehr Müffel.«

»Müffel« war wohl kaum der wissenschaftliche Fachbegriff dafür. Und Michelle nahm nach wie vor nicht wahr, dass die Luft im Büro abgestanden roch, wie Lawless behauptete.

»Und, gefällt es Ihnen?«, fragte Lawless hoffnungsvoll.

Michelle verschränkte die Arme. »Nein.« Wie sollte sie denn zugeben, dass sie die wunderschönen Pflanzen bezaubernd fand, und sich damit angreifbar machen? Zum ersten Mal in den neun Jahren in diesem Büro fühlte es sich weniger steril an.

Zweifel flackerten in Lawless’ Blick auf, doch sie fing sich schnell wieder. »Vielleicht wachsen sie Ihnen ja noch ans Herz.«

»War das ein Pflanzenwortspiel?« Michelle ließ sich hinter ihrem Schreibtisch nieder.

»Ich soll Ihnen gegenüber ein Wortspiel machen? Niemals. Das würden Sie gnadenlos niederstrecken.« Lawless grinste.

»Ich meine es ernst.« Michelle schlug einen schärferen Ton an und bedachte Lawless mit einem harten Blick. »Ich habe Ihnen nicht die Erlaubnis gegeben, mein Büro mit Pflanzen vollzustopfen. Es war für mich in Ordnung, wenn Sie ein paar davon auf den Stockwerken verteilen, aber hier drin«, sie tippte auf ihren Schreibtisch, »haben Sie eine Grenze überschritten. Das ist mein persönliches Büro. Sie haben kein Recht, sich hier mit Ihren Launen auszutoben.« Zorn stieg in ihr auf bei dem Gedanken, wie Lawless’ Handeln wohl außerhalb dieses Raums aufgenommen wurde. Würde die Belegschaft es als Schwäche interpretieren?

»Es tut mir leid.« Lawless sah reumütig aus. »Das habe ich nicht so wahrgenommen.«

»Ganz offensichtlich. Also schaffen Sie das wieder raus. Sofort.«

Lawless nickte und Verlegenheit schlug sich als Röte auf ihren Wangen nieder.

Innerhalb einer Viertelstunde war sie fertig. Nun war alles um Michelle herum wieder kalt und leblos und der Anblick ließ ihr das Herz schwer werden.

»Moment.« Sie atmete tief ein. »Die nicht.«

Lawless kehrte mit einem hoffnungsvollen Lächeln zum Schreibtisch zurück.

»Erzählen Sie es niemandem«, warnte Michelle sie und stellte die Pflanze auf einen Beistelltisch, auf dem man sie von draußen nicht sah.

»Meine Lippen sind versiegelt. Und ich muss dann auch los. Ich muss noch das Treffen des Fix-Clubsvorbereiten.«

»Des was?«

»Haben Sie meine E-Mail nicht bekommen? Ich habe die komplette Bürobelegschaft in CC gesetzt.«

Sie hatte was getan? Das war ein riesiger Verstoß gegen die Richtlinien. Ein weiterer! Nur Mitglieder der Führungsebene durften Rundmails an sämtliche Angestellten verschicken. Michelle verzog das Gesicht und machte sich einen mentalen Vermerk, Tilly damit zu beauftragen, die Leitlinien mit Lawless durchzugehen. Das Leben als Aktivistin hatte sie ganz offensichtlich nicht auf die Gepflogenheiten der Arbeit in einem größeren Unternehmen vorbereitet.

»Ich habe einen Club für die Kaffeeliebhaber der Fixers ins Leben gerufen und ihm den Namen ›Fix‹ gegeben – weil der Kaffee sie fixer arbeiten lässt, Sie verstehen?«

»Sie haben einen Kaffee-Club gegründet?«, wiederholte Michelle ungläubig.

»Klar doch. Wissen Sie, was passiert ist, nachdem ich den Leuten gesagt habe, dass sie ab sofort die Kaffeemaschine benutzen dürfen? Sie haben sich über die Schränke hergemacht und haben die ganzen fiesen, alten Kapseln aufgebraucht. Die waren alle abgelaufen, sind nicht Fair Trade und nicht recycelbar.«

»Wie schrecklich«, gab Michelle trocken zurück.

»Nicht wahr? Der Fix-Club ist eine nette Möglichkeit, ihnen bessere Kaffees näherzubringen. Bei jedem Treffen lernen die Mitglieder ein oder zwei neue Sorten kennen, aber auch die Dörfer, in denen die Bohnen angebaut werden.«

Michelle rümpfte die Nase. »Ist es Ihnen vielleicht in den Sinn gekommen, mich um Erlaubnis zu bitten, bevor Sie den ersten Club dieses Büros gründen?«

»Der erste Club?« Lawless machte große Augen. »Ich bin nicht davon ausgegangen, dass ich das muss. Die Treffen finden außerhalb der Arbeitszeiten statt.«

»Sie haben tatsächlich noch nie in einer Büroumgebung gearbeitet, oder?«, fragte Michelle entnervt.

»Ich verstehe nicht, was daran so anders sein soll. Menschen sind doch Menschen, oder? Eine Gruppe von Büroangestellten, eine Gruppe von Aktivistinnen und Aktivisten … Ist alles das Gleiche.«

»Sie besitzen keinerlei Empfinden für Büro-Etikette, so viel ist klar.«

»Aber warum sollte –«

»Nein«, unterbrach Michelle sie seufzend. »Es geht nicht nur um Richtlinien. Was glauben Sie, wie ich dastehe, wenn Sie hier durch die Gegend rennen und machen, was Sie wollen? Eine Angestellte, die erst seit ein paar Tagen hier arbeitet? Das sieht aus, als hätte ich die Kontrolle verloren. Als hätten Sie hier das Sagen.«

»Nein, wird es nicht, weil alle Todesangst vor Ihnen haben.« Lawless runzelte sichtlich verwirrt die Stirn. »Aber ich entschuldige mich dafür. Ich wollte keine Grenze überschreiten.«

»Das haben Sie aber.« Michelle warf ihr einen finster-unzufriedenen Blick zu.

»Wollen Sie, dass ich den Club wieder auflöse?«, fragte Lawless leise. Sie schaute überall hin, nur nicht zu Michelle.

Will ich das? »Wenn ich das mache, stehe ich als Monster da«, sagte Michelle. »Na ja, als noch größeres. Was zugegebenermaßen verlockend ist.« Sie musterte Lawless’ niedergeschlagene Miene. »Nein, lösen Sie ihn nicht auf. Außerdem bezweifle ich, dass viel Interesse daran aufkommen wird. Warum sollte man einem Club beitreten, um herumzusitzen und über Kaffee zu reden?«

»Seien Sie sich da mal nicht zu sicher.« Lawless grinste auf einmal wieder. »Es haben sich Fixer-Mitarbeitende aus allen Etagen gemeldet. Ich bin schon total gespannt darauf, Leute aus den unteren Stockwerken kennenzulernen. Ob wohl jemand von den Spionen kommen wird?« Sie lachte leise. »Und wenn ja, meinen Sie, dass sie in Trenchcoats auftauchen?«

Michelle war skeptisch, dass überhaupt jemand auftauchen würde. »Sie werden vielleicht weniger Interesse zeigen, wenn sie die Preise sehen, die für die exotischen Kaffees aufgerufen werden, die Sie ihnen vorstellen.«

»Nope. Ich bezahle sämtliche Versuchssorten. Und wenn die Leute sie bei der Arbeit trinken wollen, übernehme ich auch das. Ich glaube felsenfest daran, dass man seinen Worten auch Taten – und Geld – folgen lassen muss.«

Michelles Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen. Jetzt erklärte sich das Interesse ihrer Belegschaft an Lawless’ kleinem Club. Die Leute betrachteten sie als Weichei, dem sie Gratiskaffee abluchsen konnten, und würden hinter ihrem Rücken über sie spotten. Wurden im Büro schon Witze über sie gerissen? Jemand sollte ihr das erklären, bevor sie ihr Geld an manipulative Kollegen verschwendete, die ihren naiven Enthusiasmus gnadenlos ausnutzen würden.

»Ms. Lawless, die Angestellten hier sind …« Hinterfotzige, gerissene Biester. »… nicht die Menschen, die Sie üblicherweise bei Ihren aktivistischen Zusammenkünften antreffen. Sie sind zynisch. Die Hälfte war früher beim FBI, der NSA, CIA oder schlimmeren Gruppierungen. Die werden Ihre Freundlichkeit ausnutzen.«

Lawless zuckte mit den Schultern. »Wird sich zeigen. Mom sagt immer, dass man die Welt zu einem besseren Ort machen kann, indem man eine Kleinigkeit verändert und sich von da aus weiter vorarbeitet – das ist das Geheimnis. Womöglich ein hoffnungslos optimistisches Vorhaben, eine Gruppe zynischer Ex-Agenten für nachhaltigen Kaffee zu begeistern. Aber ich würde es gern versuchen.«

Michelle wollte sich gar nicht vorstellen, wie die Sache in einem Monat aussehen würde, wenn Lawless mitbekam, dass das ganze Büro sich über sie lustig machte. Jeder, der als weich, naiv oder freundlich empfunden wurde, gab eine hervorragende Zielscheibe ab. Das wusste Michelle besser als jede andere. Sie öffnete die Schreibtischschublade und holte eine Visitenkarte heraus. »Hier. Nehmen Sie die.«

Lawless betrachtete sie stirnrunzelnd. »Sie glauben, dass ich einen Vermögensverwalter brauche?«

»Ja. Wenn Sie Ihr komplettes Honorar des Wingapo-Auftrags für Gratiskaffee für die Belegschaft rauswerfen wollen, sollte jemand Sie über die Möglichkeiten beraten, einen Teil davon in einem Investmentportfolio anzulegen, bevor nichts mehr davon übrig ist.«

»Danke, dass Sie sich darüber Gedanken machen, aber Geld sollte ausgegeben werden. Für Menschen.« Sie reichte ihr die Karte zurück. »Ich bringe lieber meine Kollegen zum Lächeln, als meine Kohle in Investments zu bunkern.«

Michelle seufzte und legte die Karte zurück in die Schublade.

»Also ist es in Ordnung, wenn ich den Fix-Club abhalte?«, hakte Lawless nach und die Hoffnung kehrte in ihre Augen zurück.

»Jetzt wollen Sie die Erlaubnis?«

»Ja?«

»Wenn irgendjemand fragt, erzählen Sie den Leuten, dass ich Ihnen körperliche Gewalt angedroht habe, wenn wir auch nur ein Prozent an Produktivität einbüßen«, erwiderte Michelle.

»Was? Oh … Das war ein Witz?«

Michelle wünschte, es wäre einer. Die Gerüchteküche fing schon bei weniger an zu brodeln. Wenn schon nicht darüber, dass sie den Club zuließ oder den Angestellten Zugriff auf die Kaffeemaschine gewährte, dann ganz bestimmt darüber, dass sie die Pflanzeninvasion gebilligt hatte. Sie fixierte Lawless mit einem langen, kühlen Blick. »Das werden Sie den Leuten erzählen. Verstanden?«

»Äh …« Lawless blinzelte. »Okay.«

Na endlich. »Gut.«

»Ja, hm, ich habe noch das hier für Sie.« Eden schob ihr einen Ausdruck über die Tischplatte hinweg zu. »Wie versprochen. Das sind alles Fair-Trade-Biomischungen, die Sie ausprobieren können.«

Auf der Liste standen Hunderte von Sorten, zum Teil mit furchtbar albernen Namen. Golden French Toast? Orangenhauch in Weißem Tee?

»Ich lasse die Ihnen mal da«, sagte Lawless. »Schicken Sie mir einfach eine E-Mail mit Ihren Top Ten, dann verwöhne ich Sie, wann immer Ihnen danach ist.« Sie stutzte und ihre Wangen röteten sich leicht. »Mit Kaffee. Das klang jetzt irgendwie komisch.«

Michelle grinste.

»Das erste Fix-Treffen ist heute Abend nach der Arbeit. Sie sind ebenfalls herzlich eingeladen. Die Details finden Sie wie gesagt in der E-Mail.«

»Ich verzichte.« Michelle verzog das Gesicht.

Lawless’ Lächeln verblasste.

»Niemand will bei so etwas die Chefin dabeihaben«, erklärte Michelle.

Das brachte Lawless’ Grinsen zurück. »Ich schon.«

Noch ein Beweis dafür, dass sie keine Ahnung hatte, wer Michelle war, aber die Bemerkung fühlte sich unerwartet angenehm an. »Wie läuft es mit dem Langley-Fall?«

»Abgeschlossen. Ich muss nur noch den Bericht fertigstellen. Ich habe dafür gesorgt, dass Jason bis ins Letzte auf die Spendenwanderung vorbereitet ist.«

»Vorbereitet?«, fragte Michelle langsam. »Sie haben ihm wirklich alles dargelegt, was dabei schiefgehen kann?«

»Noch besser.« Lawless strahlte übers ganze Gesicht. »Ich habe in meinem Netzwerk nachgefragt und jemanden gefunden, der die gleiche Tour schon mal gemacht hat. Dylan ist ein alter Öko-Hase, der die Strecke barfuß und ohne Begleitteam hinter sich gebracht hat. Jason war schwer beeindruckt von ihm. Dylan hat alles mit ihm durchexerziert – von A bis Z, wie er sich vorbereiten muss und wie er nicht dabei draufgeht. Also ist die Sache jetzt so sicher, wie sie für einen Neunzehnjährigen eben sein kann, der 2.339 Meilen zu Fuß gehen will. Er ist schon mit seinem Begleitteam nach Brunswick geflogen. Das ist sein Ausgangspunkt für die kürzeste Route.«

»Er kann also jetzt starten?«, flüsterte Michelle entsetzt.

»Definitiv! Die Endstation ist San Diego. Er hat wirklich hart mit Dylan trainiert.«

»Wann will er loslegen?«, fragte sie matt.

»Morgen.« Lawless holte ihr Handy aus der Tasche und tippte auf dem Display herum. »Ich schicke Ihnen den Link zu einer Story mit ihm.« Sie steckte das Gerät wieder ein. »Keine Sorge. Dylan sorgt dafür, dass ihm nichts passiert. Er begleitet ihn den ersten Teil der Strecke und führt ihn an die Sache heran. Das ist gut, oder?«

»Ja«, brachte Michelle mühsam hervor.

»Super. Dann mache ich mich mal wieder ans Werk. So viel zu tun.« Lawless schenkte ihr noch ein Lächeln und verließ zielstrebig das Büro.

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»Tilly«, sagte Michelle in die Gegensprechanlage. »Ich brauche Sie für einen Moment.«

Ihre Assistentin kam herein, und Michelle winkte sie mit einem Finger zu sich, bis sie neben ihr stand. Dann drückte sie auf Play bei dem Video, das hinter Lawless’ Link zu einem Fernsehnachrichtenbeitrag aus Brunswick steckte.

Jason Langley verkündete vor einer kleinen Horde Journalisten, wie sehr er sich darauf freute, Geld für Braille-Bücher in Büchereien zu sammeln. »Ich will, dass meine Schwester genauso viele Abenteuer erleben kann wie ich!« Er strahlte übers ganze Gesicht. »Vielleicht kann sie mich eines Tages begleiten, aber sie ist erst acht und liest unglaublich gern Abenteuergeschichten. Wäre es nicht cool, wenn sie und andere blinde Kinder tausend Bücher zur Verfügung hätten?«

Tilly machte große Augen. »Er zieht es durch?«

»Offensichtlich. Obwohl Robert Langley uns glaubhaft versichert hat, dass sein Sohn die Sache abblasen wird, wenn er die tatsächlichen Risiken und Anstrengungen versteht. Er beschrieb den Jungen als schwach.« Michelle machte eine Handbewegung in Richtung Display. »Sieht das schwach für Sie aus?«

Jason hatte sich gerade zu Boden fallen lassen, um ein paar Liegestütze zu machen, bevor er wieder aufsprang und ein paar Hampelmänner vollführte und dabei schnaufend erklärte, dass er sich auf dem Höhepunkt seiner körperlichen Fitness befand. Dann schaute er in die Kamera und sagte: »All das hätte ich nicht ohne Dylan als Experten an meiner Seite geschafft. Er hat mir meinen Traum ermöglicht. Ohne ihn hätte ich schon x-mal aufgegeben.« Er reckte eine Faust in die Luft und stieß einen Jubelschrei aus.

»Oh je«, murmelte Tilly gedämpft.

»Sein Vater wird fuchsteufelswild sein.« Ein schmerzhaftes Pochen machte sich in Michelles Kopf breit. »Der einzige Sinn dieses Auftrags war es, Jason Angst zu machen, nicht ihn zu ermutigen. Der Junge sollte eingeschüchtert werden und den Schwanz einkneifen!«

»Ich weiß.« Tilly holte tief Luft. »Robert ist selbst schuld, dass er die Willenskraft seines Sohnes unterschätzt hat.«

»Oder Lawless hat entschieden, dass das eine gute Sache ist, und sich richtig ins Zeug gelegt, damit es klappt.«

»In diesem Fall hätten wir sie über die tatsächlichen Motive aufklären müssen. Dass wir Jasons Vorhaben sabotieren sollen.«

»Und warum hätte Lawless sich dafür einsetzen sollen?«, fragte Michelle. »Robert wird uns keinen Cent zahlen und ich muss jetzt damit argumentieren, dass er seinen eigenen Sohn nicht einschätzen kann und deswegen die Verantwortung trägt. Das wird sicher fantastisch laufen.«

»Er könnte die Zahlung durchaus verweigern«, sagte Tilly. »Das wäre nun das zweite Mal, dass Lawless uns Geld gekostet hat.«

»Nein, sie hat zweimal ihre Arbeitsanweisungen exakt dem Briefing entsprechend erfüllt, weil sie die echten Hintergründe nicht kannte. Und das ist zweimal passiert, weil wir sie unterschätzt haben. Wir lenken ihre Persönlichkeit nicht in die richtige Richtung. Lawless denkt auf eine Art, die sich fundamental von unserer unterscheidet, und wir können nicht vorhersehen, was sie als Nächstes tut, weil das so fernab unserer üblichen Lebensrealität ist. Sie könnte ein nützliches Werkzeug sein, weil sie Netzwerke in anderen Bereichen als wir hat. Statt dieses Werkzeug richtig einzusetzen, arbeiten wir gegen sie, nicht mit ihr.«

»Mit ihr können wir nur arbeiten, indem wir ihr die volle Wahrheit erzählen«, gab Tilly zu bedenken.

»Wenn wir das machen, verlieren wir unser Werkzeug komplett. Inakzeptabel.« Michelle rieb sich die pochenden Schläfen. »Wir sind intelligente Frauen, Tilly. Wir lassen uns doch nicht von einer Angestellten ausmanövrieren, nur weil diese ein wenig anders denkt als wir. Wir müssen es nur schaffen, ihre Handlungen besser vorauszusehen, indem wir davon ausgehen, dass sie die netteste Win-win-Situation für alle Beteiligten findet, und sie entsprechend leiten. Aber für den Moment sind Sie dafür verantwortlich, sie so zu briefen, dass wir das gewünschte Ergebnis erzielen. Verstanden?«

Tilly schürzte die Lippen. »Ja, Ms. Hastings.«

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