Prinzessin im Schatten der Monde - Lee Winter - E-Book

Prinzessin im Schatten der Monde E-Book

Lee Winter

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Beschreibung

In einer Welt, die von den unheilvollen Schatten dreier Monde beherrscht wird, ist die Liebe der gefangenen Prinzessin Aurora zu ihren beiden Geliebten, der schützenden Wache Liora und der geheimnisvollen Priesterin Serenya, ein Akt des Hochverrats. Ihre verbotene Leidenschaft entzündet einen Funken der Rebellion in einer erstarrten Ordnung aus Pflicht und Unterdrückung. Doch ihr Dreieck der Liebe weckt uralte Flüche: dunkle Schattenwesen werden von ihrer Verbindung angezogen und die Macht der korrupten Inquisition schlägt unbarmherzig zu. Als Serenya das ultimative Opfer bringt, um Aurora und Liora zu retten, wird ihre Liebe auf eine grausame Probe gestellt. Eingekerkert, gefoltert und voneinander gerissen, müssen Aurora und Liora einen Weg finden, nicht nur ihrer Gefangenschaft zu entfliehen, sondern auch die Last des Verlustes und der Schuld zu tragen. Diese dunkle, literarische Fantasy-Erzählung erkundet die zerstörerische und rettende Macht der Liebe mit ungeschönter Direktheit. "Prinzessin im Schatten der Monde" ist eine ergreifende Geschichte über Leidenschaft, Opfer und den unzerstörbaren Mut, selbst in der finstersten Nacht nach Freiheit zu greifen. Ein episches Epos für Leser, die nach tiefgründiger Charakterentwicklung, schonungsloser Emotionalität und einer atemberaubenden, düsteren Atmosphäre suchen.

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Seitenzahl: 193

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Prinzessin im Schatten der Monde

Lee Winter

Widmung

Für jene, deren Herzen nicht nur im Sonnenlicht, sondern auch im tiefsten Schatten schlagen. Für diejenigen, die verstehen, dass wahre Leidenschaft kein sanftes Flüstern ist, sondern ein Sturm, der einen bis in die Grundmauern erschüttert. Dass sie in den Blicken lodert, die man nicht halten darf, und in den Berührungen, die Narben hinterlassen, schöner und schmerzhafter als jedes Vergessen. Dies ist für alle, die den Mut fanden, in der Dunkelheit nicht nur zu überleben, sondern darin zu erwachen – die begriffen, dass man manchmal alles aufs Spiel setzen muss, die Krone, die Sicherheit, das eigene Ich, um das eine, wilde, verbotene Herz zu beschützen, das uns erst wirklich lebendig macht. Denn manchmal ist das größte Risiko, gar nichts zu riskieren.

Einleitung

Diese Stadt atmet durch ihre Steine. Ein langsamer, feuchter Atemzug, der nach Moder und vergessenem Weihrauch schmeckt. Die Mauern, errichtet aus dem Granit der umliegenden Berge, sind weniger ein Schutz als ein Gefängnis – nicht für Körper, sondern für Seelen. Sie stehen seit Jahrhunderten und haben jedes Geflüster, jedes Geständnis, jede verbotene Berührung in ihrer kalkigen Substanz gespeichert. Die Gassen schlängeln sich nicht, sie krümmen sich wie die Wirbelsäule eines alten, kranken Tieres. Über allem thront das Schloss, ein Gebilde aus spitzen Türmen und blinden Fenstern, das nicht nach Herrschaft, sondern nach Überwachung aussieht. Es ist eine Stadt zwischen Licht und Schatten, doch das Licht ist hier nur ein geduldeter Gast, eine flüchtige Illusion, die der Schatten stets verschlingt.

In diesen Schatten wurde ich groß, Aurora, die Prinzessin, die Erbin dieser lastenden Stille. Meine Kindheit war kein Märchen, sondern ein Studium der Grenzen. Die Grenzen des Thronsaals, die Grenzen der Etikette, die unsichtbaren, aber messerscharfen Grenzen zwischen Erlaubt und Verboten. Man lehrte mich, dass Macht aus Unantastbarkeit geboren wird. Dass eine Prinzessin ein Denkmal ist, glatt und kalt, ohne Risse, durch die die Begierde sickern könnte. Meine Jugend war ein langes Erlernen der Selbstverleugnung. Ich lernte, meinen Herzschlag zu kontrollieren, mein Lächeln zu dosieren, die Wärme meiner Haut unter Schichten von Seide und Erwartungen zu ersticken. Ich war ein Geist in meinem eigenen Körper, eine stumme Bewohnerin dieses Fleisches, das manchmal, im Schutz der Nacht, nach mehr verlangte. Nach einer Berührung, die nicht dem Protokoll entsprang. Nach einem Blick, der mich nicht als Kronjuwel, sondern als Frau sah.

Doch in dieser erstickenden Ordnung lauerten die uralten Flüche. Sie waren nicht in Büchern niedergeschrieben, sondern in den Gesichtern der Menschen eingraviert. Ein Zucken im Augenwinkel, wenn zwei sich zu lange ansahen, die die falschen waren. Ein abruptes Verstummen, wenn ich einen Raum betrat, als hätte ich ein Geheimnis unterbrochen, das größer war als meines. Die Stadt war krank von ihren eigenen Geheimnissen, von der unterdrückten Lust und der Angst, die sie nährte. Man flüsterte von der Kapelle der Schatten, einem verfallenen Ort am Rande des Friedhofs, wo sich einst Liebende trafen, deren Neigung das Gesetz brach. Ihr Schicksal war eine Lektion, die man mir nicht direkt erteilte, sondern die ich aus Andeutungen, aus beiläufigen Drohungen zusammensetzte: Sie wurden nicht getötet, nein. Sie wurden ausgelöscht. Ihre Namen wurden aus den Chroniken getilgt, ihre Gesichter aus den Gemälden gekratzt, ihre Existenz zu einem ungesunden Gerücht degradiert, das man nicht laut aussprach. Die Strafe für verbotene Liebe war die vollkommene Nichtexistenz.

Und doch, in mir, in diesem perfekt dressierten Körper, brodelte etwas. Eine Glut, die alle Dressur überdauert hatte. Es war mehr als nur Rebellion. Es war eine tiefe, körperliche Gewissheit, dass diese Kälte nicht mein Schicksal sein konnte. Dass diese Mauern nicht für mich errichtet worden waren. Die erste wirkliche Regung kam in Form von Liora. Sie war eine Hofdame, aber anders als die anderen. Ihr Lächeln war kein Spiegel, der meine eigene Zurückhaltung warf. Es war eine Einladung. Wenn sie mir den Wein reichte, streiften ihre Finger meine, eine Sekunde zu lang, und in dieser Sekunde fühlte ich mich lebendiger als in allen vorangegangenen Jahren. Ihre Nähe war kein Dienst, sie war ein Geschenk. In ihren Augen fand ich nicht den Abgrund der Erwartungen, sondern einen Hafen. Eine stille, unerschütterliche Treue, die mir versprach, ich müsse nicht unantastbar sein, um geliebt zu werden. Es war eine sanfte Versuchung, eine, die nach Rettung schmeckte.

Doch das Schicksal, oder vielleicht der dunkle Humor dieser Stadt, hatte eine zweite, weitaus gefährlichere Versuchung für mich bereit. Serenya. Sie kam nicht wie Liora mit sanften Blicken, sie stürmte herein wie ein Waldbrand. Eine Fremde mit Augen, die nicht baten, sondern nahmen. Ihr erster Blick, als ich sie vom Turmfenster aus im strömenden Regen sah, war kein Gruß, sondern eine Besitzergreifung. Er durchschnitt die Distanz, die Etikette, die Jahre der Selbstkontrolle wie ein Schwert. In ihrer Gegenwart war ich nicht die Prinzessin. Ich war nur noch Körper. Fleisch, das nach ihrem Fleisch verlangte. Haut, die unter ihrem imaginären Blick brannte. Sie war die Verkörperung all dessen, wovor man mich gewarnt hatte: roh, unkontrollierbar, absolut. Sie war die Gefahr in Person, und mein gesamtes Wesen schrie danach, mich in dieser Gefahr zu verlieren.

So fand ich mich zwischen ihnen wieder, zwischen der sanften Wärme der Erlösung und der brutalen Hitze der Verdammnis. Dieser Pfad, auf den mich Leidenschaft, Gefahr und Hingabe führten, war kein Weg. Es war ein Abgrund. Und ich lernte, während ich an seinem Rand taumelte, dass wahre Liebe keine Regeln kennt. Sie zerbricht sie. Sie zerbricht dich. Sie stellt Herz, Körper und Seele vor die ultimative Prüfung: Bist du bereit, alles zu verbrennen, was du warst, für das, was du sein könntest? Die Konsequenz eines solchen Feuers ist nicht einfach Verbannung oder Tod. Sie ist die ewige Ungewissheit, ob die Asche, die bleibt, jemals wieder zu einem ganzen Menschen zusammengefügt werden kann. Dies ist die Geschichte meines Erwachens. Und meines Untergangs.

Vorwort

Liebe Leserinnen und Leser,

was Sie in Händen halten, ist kein Märchen. Es ist ein Bericht aus dem Zwielicht, eine Chronik der Verwundung und der Verwandlung. Dieser Roman handelt nicht von der zarten Romantik, die in verklärten Sonnenuntergängen erblüht, sondern von einer Leidenschaft, die im Dunkeln wurzelt – eine sinnliche, oft schmerzhafte Kraft, die ihre Nahrung in der Gefahr findet und im Verbotenen gedeiht. Die Grenzen zwischen Lust, Liebe und blankem Überleben sind hier nicht nur verschwommen; sie sind unwiderruflich durchbrochen. Die Lust ist hier der Dolch, mit dem man die Fesseln der Pflicht durchtrennt. Die Liebe ist die Wunde, die sich niemals ganz schließt und die man trotzdem, immer wieder, berührt, um sich an das Gefühl des Lebendigseins zu erinnern. Die Gefahr ist der ständige Begleiter, der scharfe Geschmack auf der Zunge, der jede Berührung intensiver, jeden Blick elektrisierender macht.

Im Herzen dieser Erzählung stehen drei Frauen, jung an Jahren, aber alt an den Seelenkonflikten, die man ihnen auferlegt hat. Aurora, die Prinzessin, ist ein Geschöpf der Einsamkeit, erzogen zur Unberührbarkeit, bis in ihr ein Hunger erwacht, der stärker ist als alle Dogmen. Sie ist kein einfaches Opfer der Umstände; in ihr tobt der Krieg zwischen dem, was man von ihr verlangt, und dem, was ihr Körper, ihr Herz, unerbittlich einfordern. Liora ist die vermeintliche Sicherheit, die Stille vor dem Sturm. Ihre Zuneigung ist ein warmes Heim, ein Ort des Rückzugs. Doch auch in ihr glüht ein Funke Besitzanspruch, eine stille Verzweiflung, die lernt, dass reine Liebe in einer Welt der Schatten manchmal nicht genug ist. Sie muss lernen, zu kämpfen, nicht mit Schwertern, sondern mit der schonungslosen Offenbarung ihrer eigenen Verwundbarkeit. Und dann ist da Serenya, die Verkörperung des Ungezähmten. Sie ist kein Ungeheuer, sondern eine Naturgewalt. In ihr ist keine Romantik, nur die reine, unverfälschte Wahrheit des Begehrens. Sie lehrt die anderen, dass Hingabe nicht Sanftmut bedeutet, sondern die kompromisslose Bereitschaft, sich dem Feuer zu überantworten und sich von ihm neu schmieden zu lassen.

Diese Dreieinigkeit ist kein bequemes Liebesdreieck. Es ist ein Kräftemessen, ein Tanz auf Messers Schneide, bei dem jeder Schritt Konsequenzen hat, die bis in das Fundament ihrer Welt hinein zittern. Die Stadt, in der sie leben, ist kein neutraler Schauplatz. Sie ist ein Gefängnis aus steingewordenen Urteilen, ein Labyrinth, dessen Wände aus den Gesichtern der Nachbarn, der Diener, der Priester bestehen. Die Luft ist schwer von den Flüchen der Vergangenheit, und die Schatten an den Wänden beobachten, warten. Jede verbotene Berührung hinterlässt einen Abdruck in dieser erstickenden Atmosphäre. Jeder Kuss ist auch ein Akt der Rebellion, der das Gefüge ihrer Realität zum Beben bringt. Die Umwelt ist hier kein Hintergrund, sie ist ein Charakter – feindselig, lebendig und rachsüchtig.

Sie werden in diesem Buch auf Szenen sinnlicher Leidenschaft treffen, die nicht verklären, sondern sezieren. Die körperliche Direktheit dient nicht der Belustigung, sondern der Offenbarung. Sie ist die Sprache, in der diese Frauen ihre tiefsten Ängste, ihre größten Sehnsüchte und ihre ultimative Machtlosigkeit oder Stärke ausdrücken, wenn die Worte versagen. Es ist eine brutale Sprache, manchmal, weil die Wahrheit über Verlangen und Opfer nun einmal brutal ist. Das Opfer, von dem diese Geschichte handelt, ist kein heldenhafter, romantischer Tod. Es ist das langsame, stückweise Opfern der eigenen Illusionen, der Sicherheiten, des alten Ichs. Es ist die Erkenntnis, dass Liebe und Hingabe untrennbar mit Verlust verbunden sind – dem Verlust der Unschuld, der Naivität, manchmal sogar der Menschen, die man liebt.

Dies ist eine Reise in die Dunkelheit, sowohl in der Welt um sie herum als auch in den Abgründen ihrer eigenen Seelen. Es geht nicht darum, ob das Licht am Ende des Tunnels sie erwartet. Es geht darum, ob sie den Mut finden, den Tunnel zu durchschreiten, selbst wenn er kein Ende zu haben scheint, und sich in der Finsternis selbst zu begegnen. Nehmen Sie diese Geschichte also nicht zur leichten Unterhaltung zur Hand. Tauchen Sie ein in ihre düstere Stimmung, lassen Sie sich von der psychologischen Tiefe erfassen und stellen Sie sich der Frage, die auch die Protagonistinnen quält: Was ist man bereit, alles zu geben, und was ist man bereit, alles zu verlieren, für einen einzigen, unverfälschten Moment absoluter, verbotener Wahrheit?

Lee Winter

Prolog

Die Kapelle der Schatten war still. Doch es war nicht der Friede eines heiligen Ortes, sondern die gespannte, fast drohende Stille eines Raumes, der das Echo vergangener Schreie in sich trug. Das Mondlicht, das durch die zerbrochenen Fenster der Kuppel fiel, schien nicht zu erleuchten, sondern zu entblößen. Es strich über die steinernen Gesichter der Heiligen, die in ihren Nischen zu wächsernen Toten grinsten, und ließ die Ranken des Efeus, die sich durch die Risse im Mauerwerk fraßen, wie Adern einer uralten, schlafenden Bestie erscheinen. Die Luft roch nicht nach Weihrauch, sondern nach kaltem Stein, feuchter Erde und dem süßlichen Geruch verfaulender Blumen, die man vor Jahren an dem schmucklosen Altar aus schwarzem Basalt zurückgelassen hatte.

Aurora stand in der Mitte des leeren Raumes, allein. Ihr seidenes Nachtgewand bot keinen Schutz gegen die Kälte, die von den Wänden ausstrahlte, eine Kälte, die tiefer ging als die der Nacht. Sie kam hierher, wenn die Enge des Schlosses, das Gewicht ihrer Krone, die Erwartungen in den Blicken aller sie zu ersticken drohten. Hier, in dieser verlassenen Kapelle am Rande des königlichen Friedhofs, war sie niemand. Keine Prinzessin. Keine Tochter. Nur ein Mädchen, dessen Herz in der Brust hämmerte wie ein gefangener Vogel.

Sie wusste nichts von den beiden Frauen, die ihren Weg kreuzen würden. Nichts von Liora, deren Lächeln so sanft sein würde wie die Berührung des Mondlichts auf ihrer Haut, und deren Treue sich als ebenso unerschütterlich und kalt wie diese steinernen Wände erweisen sollte. Nichts von Serenya, deren bloßer Anblick sich wie Feuer in ihren Adern ausbreiten und jeden Teil von ihr, der jemals gezögert hatte, in glühende Asche verwandeln würde. In diesem Moment war ihr Herz noch ein unberührtes Land, eine Karte, auf der keine Wege eingezeichnet waren. Sie fühlte nur eine namenlose Leere, ein Verlangen nach etwas, das größer war als der vorbestimmte Pfad ihres Lebens.

Sie trat näher an den Altar heran, ihre bloßen Füße hinterließen blasse Abdrücke im feinen Staub auf den Steinplatten. Ihre Finger, schlank und blass im Mondlicht, fuhhr über die grobe, kalte Oberfläche des Basalts. Hier, so ging die Legende, hatten sich einst die Verstoßenen getroffen, diejenigen, deren Liebe das Gesetz brach. Hier hatten sie im Schutz der Dunkelheit und des Aberglaubens, der diesen Ort umgab, flüchtige Momente der Freiheit gestohlen. Man erzählte sich, die Kapelle sei nicht wegen Gotteslästerung aufgegeben worden, sondern weil die Leidenschaft, die innerhalb ihrer Mauern ausgebrochen war, zu mächtig, zu unkontrollierbar für die Priester geworden war. Eine Leidenschaft, die den Stein selbst durchdrungen hatte und die noch immer in der Luft lag, ein unsichtbarer, verführerischer Dunst.

Aurora spürte sie. Nicht als konkreten Gedanken, sondern als körperliches Verlangen, das in ihr aufstieg. Ein Prickeln auf ihrer Haut, ein Ziehen tief in ihrem Unterleib. Es war ein Gefühl, für das es in ihrer Welt der Hofzeremonien und politischen Heiratspläne keinen Namen gab. Sie schloss die Augen und ließ den Kopf sinken. In der Stille hörte sie das eigene, wilde Pochen ihres Blutes. Sie war eine Prinzessin, erzogen zur Selbstbeherrschung, zur Kälte. Doch in dieser Nacht, in dieser verfluchten Kapelle, war sie nur ein Körper, der nach einer anderen Hitze verlangte als der der Kaminfeuer in ihren Gemächern.

Plötzlich, ein Geräusch. Nicht die Eule draußen, nicht das Rascheln der Blätter. Ein Schritt. Leise, aber entschlossen.

Sie erstarrte. Die Luft schien sich zu verdichten. Jede Faser ihres Wesens war alarmiert, jeder Nerv blank. Sie war nicht allein.

Ohne sich umzudrehen, wusste sie, dass jemand im Schatten des Eingangs stand und sie beobachtete. Die Stille verwandelte sich von einer Leere in eine Bedrohung. Die Kälte des Steins schien durch die Sohlen ihrer Füße in sie einzudringen und sich in ihren Adern auszubreiten. Dies war kein Ort des Trostes mehr. Er war eine Falle. Die Kapelle der Schatten hatte sie hereingelockt, um ihr Geheimnis zu hüten oder um ihr ein neues aufzuzwingen.

Ihr Atem stockte. Sie wagte nicht, sich zu bewegen, wagte kaum zu atmen. In diesem einen, endlosen Moment, in dem sie sich der Präsenz des anderen völlig bewusst war, ohne ein Wort zu wechseln, ohne einen Blick, fühlte sie, wie sich etwas in ihr verschob. Die naive Sehnsucht, die sie hierher getrieben hatte, wich einer anderen, viel gefährlicheren Ahnung: Dass diese Begegnung, wer oder was auch immer dort im Dunkeln lauerte, der Funke sein würde, der ihr geordnetes Leben in Brand setzte.

Liebe, Leidenschaft, Macht – sie waren noch abstrakte Begriffe in ihrem Kopf. Doch die Konsequenz, die in der Luft lag, war so real wie der Stein unter ihren Füßen. Sie war bereit. Ohne es zu wissen, war sie ihr ganzes Leben lang bereit für diesen Sturz. Der gefährliche Pfad begann nicht draußen auf den Straßen der Stadt. Er begann hier, in der Stille einer verfallenen Kapelle, in dem unschuldigen, ahnungslosen Schlagen ihres Herzens, das im nächsten Atemzug nicht mehr ihr allein gehören würde.

Prinzessin im Schatten der Monde

Kapitel 1 – Die Prinzessin erwacht

Das erste Licht des Morgens war kein sanftes Erwachen, sondern ein langsames Sickern von Grau durch die schweren Brokatvorhänge. Es kroch über die Möbel, über die vergoldeten Schnitzereien, über die stummen Gesichter der Ahnenporträts an den Wänden und malste schließlich ein fahles Rechteck auf das Bett, in dem Aurora lag. Sie war schon wach. Sie war schon seit Stunden wach, gefangen in der lähmenden Schwere zwischen Schlaf und Wirklichkeit, in der sich die Gespenster der Nacht mit den Erwartungen des Tages vermischten.

Ihr Körper war eine fremde Landschaft. Jeder Muskel schmerzte, als hätte man sie die ganze Nacht über angespannt. Unter ihren Lidern brannte es von ungeweinten Tränen und von Bildern, die sie nicht festhalten konnte – Fragmente von Träumen, in denen steinerne Hände nach ihr griffen und eine Stimme, die kein Wort sprach, sie dennoch beim Namen rief. Sie fühlte sich nicht ausgeruht. Sie fühlte sich ausgelaugt, leer, wie ein Instrument, auf dem ein anderer gespielt hatte und das nun verstummt in der Ecke lag.

Dies war ihr Gemach. Ein Raum, so groß wie die Hütte einer ganzen Bauernfamilie, gefüllt mit den teuersten Dingen des Königreichs: Seide aus dem fernen Osten, Pelze aus den nördlichen Wäldern, poliertes Holz, das im Dunkeln zu glühen schien. Doch all dieser Reichtum fühlte sich an wie die Verzierungen an einem Sarg. Er umgab sie, er erstickte sie. Die Wände, tapeziert mit dunklem Samt, schienen sich bei Nacht ein Stück näher zu schieben, die Decke, ein kunstvolles Fresko des Himmels, lastete auf ihr wie ein Grabstein. Selbst die Luft roch nach etwas Totem – nach dem Wachs der Kerzen, dem Duft der polierten Möbel und einer ganz leichten Note von Lavendel, der in die Kissen gestopft wurde, um Motten fernzuhalten. Es war der Geruch der Einsamkeit, fein parfümiert.

Sie schwang die Beine aus dem Bett. Der kalte Steinboden unter ihren nackten Füßen war ein kleiner, vertrauter Schock. Sie ging zum Waschtisch, goss Wasser aus einer silbernen Karaffe in die porzellanene Schale und tauchte ihre Hände ein. Die Kälte war eine Erlösung. Sie beugte sich vor und sprenkelte sich das Wasser ins Gesicht, ließ es über ihren Hals, über die zarte Haut ihres Dekolletés laufen. Im trüben Spiegel über dem Waschtisch sah sie ihr Spiegelbild: blass, mit dunklen Rändern unter den Augen, das Haar ein wirrer Mantel aus goldenen Strähnen. Die Prinzessin. Das Kronjuwel. Das Objekt.

Man hatte sie gelehrt, diesen Körper als eine Art öffentliches Eigentum zu betrachten. Er musste gepflegt, gestählt, zur Schau gestellt werden. Er war eine Leinwand für modische Kleider, ein Werkzeug für politische Allianzen, eine Garantie für die Thronfolge. Seine Bedürfnisse – Hunger, Müdigkeit, Kälte – waren lästige Hindernisse, die es zu überwinden galt. Seine tieferen Verlangen, die nächtlichen Regungen, die feuchte Wärme, die manchmal zwischen ihren Beinen erwachte, waren Sünde. Sie waren Schwäche. Sie waren das Einfallstor für das Chaos, und Chaos war der einzige Feind, den dieses Königreich fürchtete.

Ein leises Klopfen an der Tür riss sie aus ihren Gedanken. Bevor sie antworten konnte, öffnete sich diese schon. Es war eine der Kammerzofen, mit gesenktem Blick und einem Stapel frischer Wäsche in den Armen. Sie sagte kein Wort. Sie war nur da, ein weiterer Teil der Maschinerie, die Aurora am Leben und präsentabel hielt. Die junge Frau kam herein, legte die Wäsche ab und begann, die Vorhänge weiter zu öffnen, das Bett zu machen, die Kerzen des vergangenen Abends zu entfernen. Ihre Bewegungen waren effizient, routiniert, völlig emotionslos. Aurora stand da, in ihrem durchscheinenden Nachthemd, und fühlte sich unsichtbar. Sie hätte nackt sein können, und der Blick der Zofe wäre derselbe gewesen – leer, dienend, blind.

Das war es, was sie am meisten hasste. Diese Unsichtbarkeit. Sie war das Zentrum aller Aufmerksamkeit und wurde doch von niemandem wirklich gesehen. Sie war die Prinzessin, aber sie war niemand.

Die Zofe verließ den Raum so lautlos, wie sie gekommen war. Die Stille, die sie hinterließ, war noch bedrückender als zuvor. Aurora blieb vor dem Spiegel stehen, ihre Hände umklammerten die kalte Kante des Waschtischs. Sie starrte in ihre eigenen Augen, suchte nach etwas, irgendeinem Funken, einer Bestätigung, dass da mehr war als nur diese leere Hülle. Doch sie sah nur die Erschöpfung, die Furcht, die namenlose Gier.

Dann, eine Bewegung im Spiegel. Eine zweite Gestalt trat hinter ihr ins Bild.

Liora.

Sie war nicht hereingekommen. Sie war einfach da, wie der Morgen selbst. Sie trug ein einfaches Kleid aus hellgrauer Wolle, das ihre schlanke Gestalt umspielte, ohne sie zu betonen. Ihr blondes Haar war zu einem lockeren Knoten am Nacken zusammengesteckt, aus dem ein paar feine Strähnen entwischt waren und ihren Hals umspielten. In ihren Händen hielt sie einen kleinen Holzteller mit frisch aufgeschnittenem Brot, einer Scheibe Käse und einer Handvoll Beeren. Ein einfaches Frühstück. Eine Geste der Fürsorge, die so untypisch war für die protokollarischen Exzesse des Hofes.

„Du hast wieder nicht geschlafen“, sagte Liora. Ihre Stimme war nicht laut, aber sie füllte den Raum, vertrieb die gespenstische Stille. Es war eine warme, milde Stimme, die an Honig und Sicherheit erinnerte.

Aurora drehte sich langsam um. Sie sagte nichts. Sie konnte nichts sagen. Die Worte waren in ihrer Kehle stecken geblieben, ein Kloß aus Dankbarkeit und einer plötzlichen, überwältigenden Scham. Scham für ihre eigene Verletzlichkeit, für die Träume, die sie heimsuchten, für die Leere, die sie gerade noch gefühlt hatte.

Liora setzte den Teller auf einen kleinen Tisch neben dem Kamin. Dann kam sie näher. Ihre Schritte waren leise auf den Steinen. Sie blieb vor Aurora stehen, so nah, dass Aurora den zarten Duft von Kamille und frischer Milch an ihrer Haut riechen konnte. Ein Duft von Reinheit. Von Zuhause.

„Aurora“, flüsterte Liora, und ihr Name klang in ihrem Mund wie ein Gebet, wie etwas Kostbares.

Und dann sah sie ihr in die Augen.

Es war nicht der Blick einer Dienerin. Es war nicht der Blick einer Untertanin. Es war der Blick eines Menschen, der einen anderen Menschen sah. In der Tiefe ihrer graugrünen Iris lag eine Wärme, die tiefer ging als die oberflächliche Hitze eines Kamins. Es war eine Wärme, die einzudringen schien, die unter Auroas Haut kroch und die eisige Kälte in ihrem Inneren zum Schmelzen brachte. Doch es war mehr als das. In diesem Blick lag auch ein Wissen. Ein Verständnis für die Einsamkeit, für die Fesseln, für die stummen Schreie. Und in diesem Wissen lag etwas anderes, etwas Verbotenes, Unaussprechliches: Begehren.

Es war kein lautes, forderndes Begehren. Es war ein stilles, sehnsüchtiges. Ein Verlangen, das nicht nur den Körper, sondern die Seele umfasste. Es war der Blick, der sagte: Ich sehe deine Nacktheit unter dem Nachthemd. Ich sehe deine Müdigkeit. Ich sehe deine Angst. Und ich begehre alles davon.

Aurora spürte es nicht nur in ihrem Herzen, dieses Ziehen, von dem die Chronisten später schreiben würden. Sie spürte es als eine körperliche Veränderung. Ein Prickeln, das an ihrer Wirbelsäule entlanglief. Ein plötzliches, warmes Pulsieren tief in ihrem Unterleib. Ihre Brustwarzen spannten sich unter dem dünnen Seidenstoff an, wurden hart und empfindlich. Ihre Kehle wurde eng. Es war, als ob jemand einen Schleier weggezogen hätte, einen Schleier, der zwischen ihr und der Welt gehangen hatte, und plötzlich war alles intensiver, schärfer, gefährlicher.

Sie hatte Liora schon hundertmal gesehen. Liora war ihre Hofdame, ihre Vertraute, die Einzige, der sie sich annähernd öffnen konnte. Doch in diesem Moment war es das erste Mal, dass sie sie wirklich sah. Sie sah die zarten Sommersprossen auf ihrer Nasenwurzel. Die Art, wie ihre Unterlippe ein wenig voller war als die Oberlippe. Den kleinen, blassen Fleck in ihrem Iris, der wie ein eingeschlossener Stern funkelte. Sie sah die Stärke in ihren Händen, die jetzt zitterlos an ihren Seiten hingen, und die verletzliche Weichheit in ihrem Blick.

Ohne ein Wort zu sagen, sprachen sie Bände. Die Luft zwischen ihnen war geladen mit allem, was nicht ausgesprochen werden durfte. Mit der Erkenntnis, dass diese Nähe nicht die einer Prinzessin und ihrer Dienerin war. Dass die Fürsorge nicht nur Pflicht war. Dass der Trost, den sie suchten, nicht in Worten zu finden war.

Liora hob eine Hand. Langsam, als gäbe sie Aurora Zeit, zurückzuweichen, sie wegzuschlagen. Aurora bewegte sich nicht. Sie war wie versteinert, gefangen in diesem Blick, in dieser aufkeimenden, ungeheuerlichen Wahrheit.

Lioras Fingerspitzen berührten ihre Wange. Eine Berührung so leicht wie der Flügel eines Schmetterlings, und doch fühlte sie sich an wie ein Brandmal. Die Wärme ihrer Haut gegen die Kühle von Auroas Gesicht. Ein Schauer lief über Auroas gesamten Körper. Sie schloss die Augen. Ein leises, zittriges Ausatmen entwich ihren Lippen.