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Mit dem Allgemeinmediziner Doc Andersen und dem Elektriker Johnny stehen sich zwei vollkommen gegensätzliche Investorentypen gegenüber. Obwohl sich ihre Investmentphilosophie zu Anfang kaum ähnelt, verändern sich die Ansichten, als der Porsche fahrende Elektriker Johnny seinen skeptischen Freund langsam aber sicher überzeugen kann, dass die Welt sich verändert. Und zwar schnell und vor allem nachhaltig. Energieversorgung, Technologie und die Emerging Markets werden die nächsten Jahre stärker prägen, als es die optimistischsten Prognosen vorhersagen. Mein Elektriker fährt einen Porsche? ist ein kompakter Führer für jeden, der als Anleger und Investor in einer sich rapide verändernden Welt bestehen will.
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Veröffentlichungsjahr: 2015
Beratung und Übersetzung
Bastian Meyenburg
Bastian Meyenburg ist Rechtsanwalt und Unternehmensberater und Experte im Bereich Asset Management.
›Erst wer die größeren Zusammenhänge zu verstehen versucht und langfristige Entwicklungen und mögliche Trends daraus zu erkennen vermag, wird vom Glücksritter oder Spekulanten zum chancenreichen Investor.‹
This book is dedicated to my heroes
NJ for believing
CG for always being there
RB for taking that chance
FH for wisdom
FCD for letting me in
You can never comprehend how much of a difference you have made
Man hat mir mal gesagt, dass Lernen für Menschen so selbstverständlich sei, wie das Blühen für mehrjährige Blumen – es passiert einfach. Auf sehr vergleichbare Weise formt Neugier auch unser Erwachsenenleben mit all seinen Träumen und Zielen und hoffentlich führt sie uns zu einem Grad an Weisheit. Sokrates, dem man mal nachsagte, der weiseste Mensch aller Zeiten zu sein, gab zu: »Ich weiß, dass ich nichts weiß.« Ich frage mich also dann, wie könnte ich, der ich sicherlich kein Gelehrter bin, ein Buch über die Auswirkungen des Bevölkerungswachstums vorlegen.
In Steve Jobs berühmter Rede vor dem 2005er Jahrgang der Absolventen der Stanford University sagte er, dass das Leben aus einer Menge Punkten bestehe, die irgendwann anfangen sich zu verbinden. Mein Dank an Frank Guistra dafür, dass er mich darauf aufmerksam gemacht hat. Der Titel dieses Buches spricht von einem Elektriker, der einen Porsche fährt. Wie dem auch sei, die dem Buch zugrunde liegende These hat nichts mit schnellen Autos zu tun. Es soll den Lesern vielmehr dazu dienen, ein Gefühl für die demographischen Verwerfungen durch die Verstädterung rund um den Globus zu bekommen und für die Rolle, die Rohstoffe als Grundlage jeder Wirtschaft dabei spielen.
Glücklicherweise haben sich meine Punkte verbunden, wie die Herren Jobs und Giustra es angekündigt hatten. Ein Elektriker, der in den 1990er Jahren vom technologischen Fortschritt fasziniert ist und in den 2000er Jahren mit dem Wachstum der Konsumgesellschaft, wird unerwartet zum Experten eines der Kernbausteine, die das beides möglich machen, Kupfer. Die folgende Geschichte, die als Unterhaltung zwischen zwei Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund und Alter erzählt wird, kehrt die übliche Rollenverteilung um, weil die Lebenserfahrung des jüngeren Elektrikers es ihm ermöglicht, einige einzigartige Einblicke und Erkenntnisse mit dem älteren väterlichen Freund zu teilen.
Mein Interesse, während meiner Kindheit National Geographic und in Enzyklopädien zu lesen, führte dazu, dass ich mich leidenschaftlich mit einigen der großen Denker und Wirtschaftshistoriker unserer Zeit beschäftigt hatte, wie Fareed Zakario, Niall Ferguson, Frank Holmes, Don Coxe und der Kupferminen-Mogul persönlich, Robert Friedland. Ihr Einfluss wird durch das ganze Buch offensichtlich.
Im Leben wird es immer wieder Rückschläge geben. Ich hatte das große Glück, viele großartige Menschen um mich zu haben, die sich für meine verrückten Ideen eingesetzt haben. Deswegen respektiere und verehre ich jeden, der mir eine Chance gab, egal wo und zu welchem Zeitpunkt. Die folgenden wundervollen Gedanken meiner Pazifik Nordwest Nachbarn beschreiben genau, wie ich, wenn auch sicherlich vergeblich versuchen will, mich bei jedem von ihnen zu revanchieren.
Wenn Du erfolgreich bist, dann deshalb, weil irgendwo, irgendwann, irgendjemand Dir ein Leben oder eine Idee gegeben hat, die Dich in die richtige Richtung geleitet hat. Erinnere Dich auch daran, dass Du es dem Leben schuldest, jemandem zu helfen, der nicht so viel Glück hatte wie Du, so wie Dir geholfen wurde.
Melinda Gates
Nur wenige Menschen verstehen, dass ihr Leben von Kupfer und anderen Rohstoffen abhängt. Vom Moment des morgendlichen Erwachens in klimatisierten Häusern, bis man beim Zubettgehen den Wecker am Handy stellt, verbraucht man Rohstoffe, die das Leben, so wie wir es kennen erst möglich machen. Das Dach über unserem Kopf, unsere Autos, Computer, Rohre und Kabel, Heizung und Kühlung und Telekommunikation, sie enthalten wahrscheinlich alle Kupfer. Und während die Weltbevölkerung die 7 Milliarden überschreitet und Millionen von Menschen in China und Indien in ihrem unausweichlichen Streben nach Glück fortfahren und von den ländlichen Regionen in die Städte ziehen, kann die Nachfrage nach Kupfer und anderen Rohstoffen nur wachsen. Ich habe zu Investoren schon über viele Jahre über das Wachstum der Emerging Markets und Verstädterung gesprochen. Jetzt führt Gianni Kovacevics kunstvolle Erzählung den neugierigen Investor auf eine aufregende Reise rund um die Welt, um diese Trends zu entdecken und zu erkunden und damit ihre unerwarteten Auswirkungen auf die Rohstoffmärkte. Mein Elektriker fährt einen Porsche? ist ein hochinteressantes Gleichnis für menschlichen Fortschritt und die damit verbundenen Chancen.
Frank E. Holmes
Es ist Mittwoch. Und Mittwoch ist mir der liebste Tag der Arbeitswoche. Zum einen, weil es aus einem merkwürdigen Grund so scheint, als finde man an einem Mittwoch leichter einen Parkplatz – immerhin ein kleiner Luxus bei deutlich eingeschränktem Angebot, seitdem ich das Lincoln-SUV gekauft habe, mit dem ich immer zur Arbeit fahre. Die durchschnittliche Lebenserwartung für eine in den USA lebende Frau beträgt 79,9 Jahre, also nur ein Bruchteil unter einer schönen runden 80. Aber wenn man ein Mann ist, so wie ich, bleibt uns nur eine mickrige Lebenserwartung von 76 Jahren, auf die wir uns freuen können.
Glücklicherweise relativiert mein Einkommen solche chromosomenbedingte Einschränkungen zumindest teilweise und erlaubt mir ein Top-up von weiteren zwei bis drei Jahren – je nachdem, welcher Studie dazu man glauben mag.
Der Punkt ist, ich habe keine Zeit, jeden Tag 10 Minuten mit der Suche nach einem Parkplatz zu verbringen. Und ich habe mir sogar die Zeit genommen und nachgemessen: Der Lincoln ist knapp zehn Zentimeter zu lang, um in die meisten Parklücken zu passen. Mir schien die Wahl des Lincoln für den täglichen Berufsverkehr noch gut, als ich ihn kaufte. Aber zugegeben, aus heutiger Sicht wirkt sie eher ein bisschen absurd. Was sich geräumig angefühlt hatte, sieht jetzt eher aufgebläht aus. Damit will ich nicht sagen, es handle sich um ein schlechtes Auto. Es ist sogar großartig. Es hat ein ansprechendes Design und eine großzügige Ausstattung, es fährt sich geschmeidig und lässt sich gut bedienen. Aber seit meine Frau und ich uns haben scheiden lassen und ich in eine renovierungsbedürftige Wohnung weniger als zehn Minuten vom Büro entfernt gezogen bin, hat der Lincoln seinen Zweck verloren. Und wenn ich wirklich ehrlich bin: Ich fühle mich alt damit. Es war ein Auto, das man halt in dieser Lebensphase und gemäß meines Status zu fahren hatte. Es wurde sozusagen von mir erwartet. Aber jetzt bin ich zum ersten Mal in meinem Leben Single und das Auto repräsentiert einen Lebensabschnitt, mit dem ich mich nicht mehr so recht identifizieren kann. Es war voraussehbar und sicher und ich wollte etwas Aktuelleres, wenn man so will. Aus diesem eitlen Anspruch heraus habe ich mir vorgenommen, nach und nach und dann häufiger mit dem Rad zur Arbeit zu fahren. Aber über die bloße Absicht bin ich bis jetzt zugegebenermaßen nicht hinausgekommen.
Wie auch immer, ich schweife ab. Der zweite Grund, warum ich den Mittwoch liebe ist, dass ich mittwochs dafür danke, dass ich mich einst entschieden habe, Arzt zu werden. Während Medizin allgemein eine ungenaue Wissenschaft ist, ist das Praktizieren in der Praxis meiner Meinung nach eher eine Form der Kunst, die ich auf meine Art zu beherrschen gelernt habe. An keinem anderen Tag kam das mehr zum Tragen als mittwochs, wenn sich fast meine gesamte Zeit darauf verwandte, einfach meinen Patienten zuzuhören.
Der Mittwoch ist voraussehbar und ruhig. Das sind Qualitäten, die ich wirklich zu schätzen gelernt habe. Ruhig, weil der sonst übliche Trubel deutlich abebbt. Die Patienten, die Stammgäste sind, legen sich die Termine an den Anfang der Woche. Die nervigen Patienten mit zu vernachlässigenden oder gar keinen Beschwerden ziehen Donnerstag oder Freitag vor.
Ah ja, der Mittwoch: ereignisarm und fast langweilig. Aber perfekt für einen Haufen Kreuzworträtsel und Jazz Radio und Business TV-Shows, die ich hasse und liebe. An diesem Punkt meiner Karriere stört es mich kaum, wenn ein Patient absagt. Das gibt mir die Freiheit, mich zurückzulehnen, die Aktienkurse zu checken und – wenn ich ganz viel Glück habe – vielleicht sogar eine Tageszeitung zu lesen. Es ist wirklich erstaunlich, dass es sich in der Praxis völlig in Ordnung anfühlt, nichts zu tun, während ich zu Hause das Gefühl habe, ständig an etwas arbeiten zu müssen. Es ist fast so, als sei meine Arbeit mein Hobby geworden und mein neues Zuhause mein eigentlicher Job.
Zur gleichen Zeit im letzten Jahr wäre es das Gegenteil gewesen. Ich war im Büro unermüdlich beschäftigt und zu Hause ein Faulenzer. Obwohl ich viel Zeit mit dem Schauen von Heimwerkersendungen verbracht habe, bin ich nie wirklich dazu gekommen, na ja, selbst »heimzuwerken«.
Die Diagnose für eine solche Umkehrung des Verhaltensmusters fällt wohl eindeutig aus. Ich begründe das mit den zwei Jahrzehnten, die ich damit verbracht habe, obsessiv zwischen dem Golf-Kanal und Heimwerker-Shows hin und her zu schalten. Es war eine Abhängigkeit, die recht unschuldig mit »This Old House« auf PBS begonnen hatte und sich mit Einführung von Reality TV weiter steigerte. Nachdem sich der Rauch um meine Scheidung verzogen hatte, wagte ich den eher mutigen Schritt und kaufte ein knapp 250 Quadratmeter großes Haus mit drei Schlafzimmern. Sehr hell mit vielen Fenstern auf mehreren Ebenen im Stil der frühen modernen Westküsten-Architektur. Das Haus hatte sicherlich Potenzial. Aber all dieses Potenzial beruhte darauf, dass ich von der Couch hochkam und die Arbeit auch anging. Das war ein großartiges aufregendes Projekt. Das Problem war nur, dass ich in der Zwischenzeit auch darin leben musste. Bob Vila, der berühmte Moderator der Heimwerker-Show, hätte seine Freude daran gehabt, es mit dem Regenwetter des Pazifischen Nordwestens aufzunehmen.
Also finde ich tagsüber die Zeit, zwischen meinen Patienten zu entspannen und abends, das bestmögliche Bild eines Heimwerkers abzugeben und all die verschwendete Zeit vor der Glotze nun halbwegs beim Renovieren jedes einzelnen Zimmers wieder zu nutzen. Meistens verursache ich aber immer noch ein schönes Durcheinander.
Was weitere Methoden der Entspannung angeht, so steigere ich mich gerne ein bisschen in meine Finanzplanung hinein. Die Rezession hat meine Generation arg mitgenommen. Und obwohl ich von der größten Not, die einige meiner Kollegen erfahren haben, nicht direkt betroffen war, so war ich doch vorsichtig, was Risiko und Exposure angeht. Ich hatte Freunde mit außergewöhnlichen beruflichen Karrieren, die ihr halbes Vermögen bei dem Crash verloren haben und die nun ihren Renteneintritt auf fünfundsechzig verschoben haben. Einige sagen, sie werden sogar bis siebzig arbeiten müssen. Oh Mann! Ich habe mir ähnliche Gedanken gemacht, aber ich war in meinem Portfolio und mit meinen Anlagen etwas proaktiver und defensiver in der Ausrichtung.
Wie dem auch sei, als ich jetzt Richtung Eingangstür ging, wusste ich irgendwie, dass dieser Mittwoch nicht die Ruhe bringen würde, die ich mir erhofft hatte. Was mich das erahnen ließ, war ein riesiger schwebender Geburtstagsluftballon, der auf mich in der Lobby wartete, begleitet von meiner liebenswürdigen Pamela, die über beide Backen grinste.
»Guten Morgen und herzlichen Glückwunsch, Dr. Anderson!«, sagte sie aufgeregt, als ich hereinkam. Ich schätze, ich war so eingespannt in Erwägungen zu meiner Haus-Renovierung und den Bemühungen, den richtigen Parkplatz zu finden, dass ich meinen eigenen Geburtstag vergessen hatte.
»Ah ja, vielen Dank Pamela,« entgegnete ich grummelnd, während ich mich dabei ertappte, dass ich darüber nachdachte, dass ich sehr wohl wusste, dass ich Geburtstag hatte, es aber einfach nicht wahrhaben wollte. Alle Geburtstage fühlten sich nach der Fünfzig ohnehin gleich an. Wer zählt da noch?
»Achtundfünfzig Jahre jung, und deshalb habe ich Ihnen einen Acai Beeren Power Smoothie vorbereitet. Das wird die Batterien wieder voll machen, hat wenig Kohlenhydrate und ist so super gesund. Keine Widerrede.«
Pamela redet immer so aufgeregt. Sie muss dabei wohl nie Luft holen.
»Oh. Großartig. Vielen Dank. Ich werde mir vorher nur noch kurz einen Kaffee holen, wenn Sie nichts dagegen haben.«
»Dr. Anderson, Sie sind Arzt, nicht wahr?«
»Oh ja. Das stimmt. Und als Arzt kenne ich auch die Auswirkungen von Koffein-Entzug. Insofern liegt es im Interesse meiner eigenen Praxis – erst Kaffee, dann Gesundheit.«
»So ein Quatsch.«
Wenigstens war der Tagesablauf heute vorhersehbar. Die liebenswürdige Frau Chau, deren Osteoarthritis sich wieder meldete, kommt um zehn. Danach ist der gute alte Cal Vernon dran, der, wenn ich raten sollte, wohl herkommt, weil er einen Fall von Verdauungsstörung wieder mit einem Herzinfarkt verwechselt.
Wenn man in seiner Stadt mal über 30 Jahre lang als Allgemeinmediziner tätig ist, entwickelt man so etwas wie ein Gefühl für die Wehwehchen und Beschwerdemuster seiner Patienten. Und man kann fast vorhersehen, wo der Schuh diesmal wieder drückt. Da gibt es die Stammkunden, wie Chau und Vernon, die letztlich einen aufmerksamen Zuhörer und ein bisschen Bestätigung suchen. Dann gibt es die, die nur alle paar Jahre mal reinschauen, dann aber mit gutem Grund wegen eines Unfalls oder einer Tropenkrankheit, die sie sich eingefangen haben. Während ich also über den Rest der Behandlungstermine für den heutigen Tag schaute, stieß ich auf einen Namen, der mir nicht sofort bekannt vorkam – Johnny Rossi … Wer war Johnny Rossi? Irgendwie schon mal gehört.
»Wer ist denn Johnny Rossi?«, fragte ich.
»Hmmm. Lassen Sie mich kurz nachschauen. Er war schon einige Jahre nicht mehr hier. Er arbeitet als … hier steht, Elektriker.«
»Ach ja. Genau. Wie konnte ich das vergessen. Jüngerer Mann. Ich habe ihn vor einiger Zeit getroffen, als er die Elektrik in meinem alten Haus gemacht hat. Guter Typ, der in seiner Freizeit gerne reist, wenn ich mich recht entsinne.«
Der Tag verlief genauso weiter, wie jeder andere auch: Frau Chau jammerte wegen einer Entzündung in ihrem Bein, wollte sich aber hauptsächlich über die konstant guten Noten ihrer Enkelin auslassen, deren Grund sie in der genetischen Herkunft derselben sah. Cal hatte tatsächlich Magen- und Darmprobleme, wollte aber eigentlich über die schlechte Verfassung der Mariners Pitcher meckern. Weil Baseball und Investments aber Themen sind, auf die ich gerne etwas Zeit verwende, haben wir ein wenig länger geplaudert.
Während meiner Pause überprüfte ich auf meinem Bildschirm meine größte Position und es sah aus, als sei mein Portfolio, wie immer, fast krisenresistent. Besonders Coca-Cola surfte auf einem mehrjährigen Hoch. Coca-Cola bekommt wenig Hype, verglichen mit Apple oder welches Unternehmen auch immer die wöchentlichen News im Tech-Bereich beherrscht. Aber für mich war Coca-Cola genau das, was ich wollte: stabil, verlässlich, vorhersehbar und profitabel. Neben der Coca-Cola-Aktie waren Staatsanleihen die Anlage, mit der ich besonders zufrieden war und die am ehesten meinem Lifestyle entsprach. Wann auch immer ich Ausgaben, z. B. wegen meiner Renovierungen zu bestreiten hatte, war der Verkauf von einigen Papieren eine relativ unkomplizierte Maßnahme. Im Übrigen lagen meine Anleihen kapitalerhaltend in meinem Depot und bescherten mir jedes Quartal ein kleines zusätzliches Einkommen. Ich konnte meinen Blutdruck sinken und meinen Herzschlag auf sieben Schläge pro Minute fallen hören, wenn ich nur an meine Anleihen dachte.
Ich merkte, dass es schon kurz vor Feierabend war, als Johnny in die Praxis kam. Als Pamela ihn in mein Büro führte, wurde klar, dass Johnny durchaus erwachsen geworden war, seitdem ich ihn das letzte Mal gesehen hatte. Aber er hatte immer noch eine sehr jugendliche Ausstrahlung für einen Mann Mitte Dreißig.
»Hallo Johnny, lange her. Wie geht es Ihnen?«
»Lange her in der Tat. Die Zeit fliegt. Mir geht es hervorragend. Schöne Geburtstagsballons, Doc!«
»Ach so, die.«
»Wie ist es Ihnen ergangen?«
»Ach wissen Sie, ich kriege jetzt auch graue Haare und andere solche schönen Dinge, mit denen ich mich abfinden muss. Sie waren lange nicht da. Wann war Ihr letzter Check-up?«, fragte ich.
»Um ehrlich zu sein, das wissen Sie wahrscheinlich besser als ich.«
»Der Akte nach zu urteilen, ist das mehr als zehn Jahre her, Johnny. Tststs. Wenn ich es auch zu schätzen weiß, dass Sie nicht hinter meinem Rücken andere Ärzte aufgesucht haben, so bin ich doch gezeigt, Sie dafür zu tadeln, dass Sie nicht öfter kommen. Sagen wir, wenigstens einmal im Jahr.«
»Ich weiß, ich weiß. Ich werde das mal auf meine Prioritätenliste setzen.«
»Nun, wo haben Sie sich so rumgetrieben?«
»Ich war mit der Arbeit sehr beschäftigt und bin in den letzten Jahren viel gereist.«
»Genau wie meine Kinder. Ihre Generation hat wirklich gerne Spaß, nicht wahr? Und ich sage Ihnen, was ich meinen Kindern gesagt habe: Das ist alles ein schöner Spaß, bis man mal die Hypotheken zu bezahlen hat.«
»Um ehrlich zu sein, besorgt mich mein Knöchel, der sich unangenehm bemerkbar macht, mehr als Hypothekenzahlungen, Doc.«
»Nun, das ist typisch, oder? Wo tut’s denn weh?«
»Ich habe mir den Knöchel irgendwie vor ein paar Wochen bei einer Wanderung in den Schweizer Alpen verrenkt. Und seitdem ist der Schmerz nicht mehr ganz weggegangen.«
»Nun, Johnny, tut mir leid, wenn ich Ihnen das so sagen muss. Sie sind ja nun auch kein Teenager mehr. Solange Sie gut laufen können, sollte alles in Ordnung sein. Aber wir werden das trotzdem mal durchchecken.«
»Hört sich gut an.«
»Also, die Schweizer Alpen. Klingt teuer. Wie war das so?«
»Großartig. Ich bin oft in Europa. Wissen Sie, ich hab’s ja mit Sprachen. Wenn man sie nicht anwendet, verschwinden sie.«
»Ja, richtig. Sie sind der, der vier oder fünf Sprachen spricht, richtig?«
»Schuldig im Sinne der Anklage, Doc. Wenn man die Sprache der Einheimischen spricht, macht das jede Reise zu einem noch größeren Erlebnis. Nur wenn ich in China bin, komme ich mit meinem Mandarin-Führer nicht ganz so weit.«
»China? Oh Mann. Sie waren ja seit Ihrem letzten Check-up mehr unterwegs als ich in meinem ganzen Leben. Das ist unfair! Und wie schaffen Sie es, so viel Urlaub zu nehmen?«
»Ich mache es einfach. Das Leben ist kurz und man muss es leben, solange es geht, Doc. Genau das ist mein Motto.«
»Schönes Motto. Etwas dagegen, wenn ich es mir ausleihe.«
»Nicht im Geringsten.«
