Mein Herz hat Sonnenbrand - Michael Behrendt - E-Book

Mein Herz hat Sonnenbrand E-Book

Michael Behrendt

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Beschreibung

Die etwas andere Songtextanalyse: Zum Loslachen und Kopfschütteln, Entdecken und Feiern. Eine vergnügliche Sprachreise durch die wundersame Welt der Songtexte: Michael Behrendt führt durch alle Formen songlyrischer Pannen. Von der schmerzlich vermissten Wortendung bis zum stilistischen Fehlgriff, vom unappetitlichen Reim bis zu herrlich sinnfreien Statements. Punk, Rock, Soul, Dance oder Rap werden unter die Lupe genommen, aber auch der Schlager erhält den ihm gebührenden Raum. Unverwüstliche Gassenhauer wie »Anita« oder »Wahnsinn« werden ebenso auf ihre Formulierungsstärke hin abgeklopft wie jüngere Charts-Erfolge, von »Alles an dir« (Mike Singer) bis »Kaleidoskop« (Johannes Oerding). Aber auch das (unfreiwillig) komische Potenzial erfolgreicher Künstlerinnen wie Sarah Connor und Lena Meyer-Landrut oder renommierter Songwriter wie Herbert Grönemeyer und Marius Müller-Westernhagen entgeht Michael Behrendt nicht.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 321

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Michael Behrendt

Mein Herz hat Sonnenbrand

Über schiefe bis irrwitzige Songtexte aus 60 Jahren deutscher Popmusik

Reclam

Für Piraten der Akribik und Fans, die gelassen bleiben.

Und für Sanne.

 

2023 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literaturagentur Wildner, Wien.

Covergestaltung: FAVORITBUERO

Coverabbildungen: © Paul Craft / Shutterstock (Hand mit Mikrofon); © FAVORITBUERO (Herz, Kreise und Schmelz)

Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Made in Germany 2023

RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

ISBN978-3-15-962112-8

ISBN der Buchausgabe 978-3-15-011434-6

www.reclam.de

Inhalt

Playlist zum Buch

Vorwort »Der Verstand verliert den Verstand«

I. Ein Pferd ohne Namen: Die wundersame Welt der Songtexte

»The heat was hot!«

Dichterische Freiheit gegen analytischen Blick

Nicht ganz einfach – Text und Musik müssen zueinanderfinden

»Du ahnst ja nicht, wie dieses Lied entstanden ist …«

Der Kritikerblick ist nicht der Fanblick

Schlager, Fremdsprachenfallen und die üblichen lyrischen Verdächtigen

Verse durchleuchten

Warum Stimmungs-, Nonsens- und indizierte Lieder nichts Wundersames an sich haben

»Ich lass’ mir doch nicht meinen Lieblingssong kaputtmachen!«

II. »Denn die Zeit ist das, was bald geschieht«

Wenn dem Herz was fehlt – Wortendungs-Blues und Sprache in Bewegung

»My mother learned me to say …« – In der Fremdsprachenfalle

»Lüg’ mir zu oft ins Gesicht …« – Der raue Charme des Unrunden

»Nase zuhalten, und ich geh mein’ Weg« – Die Kunst der lyrischen Selbstüberlistung

»Doch dann vergaß ich leider ihren Namen …« – Nachlässiges Storytelling

»Lang her, dass es her ist« – Manierierte Manierismen

Als »MeToo« noch kein Hashtag war – Offener und latenter Sexismus

»Ich reit’ Pipi, Sperma und so weiter« Körperflüssigkeiten tauschen

»Als es Donnerstag gedonnert hat …« – Lyrics unter Originalitätsdruck

»… auf den nuklearen Winter und die harte Zeit dahinter« – Schweres Poesiegeschütz

III. Pimp my Lyrics

Der Wendler – Schlager am Abgrund

Peter Maffay – Da wird sogar die Sonne rot

Die Toten Hosen – Wenn Wörter im Weg sind

Wolf Maahn – Der Unverstandene

Herbert Grönemeyer – Der Unverstehbare

PUR – Im tiefen Tal der Supermetaphern

Sportfreunde Stiller – Lyrics süßsauer

»Bin lang nicht mehr geflogen« – Die Giesinger-Oerding-Bourani-Verschwörung

The BossHoss – Rock ’n’ Roll als Herrenwitz

IV. »Potenter als ein Ochse«

Literaturhinweise

Verzeichnis der Künstler:innen, Bands und Personen

Verzeichnis der Songtitel

Danksagung

Playlist zum Buch

Wieso ist diese Textzeile vorher nie aufgefallen? Hat er das wirklich gesungen? Was hat die Band denn da geritten? Und können Verse, die auf Englisch so schön klingen, tatsächlich dermaßen danebenliegen? Zum Nachhören, Gegenchecken und Weiteranalysieren gibt es eine Playlist zum Buch. Sie enthält die Songs mit den schillerndsten Versen zwischen Anspruch und Auweia – und macht Lust auf Popmusik aus deutschen Landen. Denn trotz der einen oder anderen lyrischen Extravaganz: Ein Händchen für packende Beats, Melodien und Arrangements haben die hier versammelten Stars allemal.

 

Die Playlist finden Sie unter https://www.reclam.de/sonnenbrand.

Vorwort »Der Verstand verliert den Verstand«

Songtexte zwischen Anspruch und Auweia

Wenn der Mond die Sonne berührt und Willi Wucher den König von Scheißegalien trifft, wenn ein U-Boot kommt, um Verliebte aus dem Leuchtturm zu holen, wenn Herzen brennen und das Radio auch, wenn Gespräche Spalier stehen und im Bauch ganze Flugzeuge fliegen, kurz: Wenn wir alle aus Staub und Fantasie sind, dann horchen wir in eine andere Welt – die Welt der Songtexte.

In dieser Welt, die man alternativ Songlyrik, Songlyrics oder einfach nur Lyrics nennt, sind neben den physikalischen auch die sprachlichen Gesetze außer Kraft gesetzt. Nichts ist unmöglich, aber alles ist Klang. Wörter gehen Verbindungen ein, die sie sonst niemals eingehen würden, springen Salto, machen Metaphernfässer auf. Und nicht selten dient Sprache selbst als Material, das beliebig gedehnt und zerpflückt, manipuliert wird. Akrobatik und Spiel, Verfremdung, Provokation und Experiment sind die Motoren dieser Welt, in der nur eines zählt: Poesie. Sinn und Bedeutung? Gern mal Nebensache.

Die Welt der Songtexte umgibt uns wie selbstverständlich, sie durchdringt unseren Alltag. Gelegentlich tauchen wir ein, doch meist lassen wir sie sein – genießen ihre bloße Gegenwart. Vieles ist banal, nicht der Rede wert. Manches packt, ist solides Kunsthandwerk, vielleicht sogar an der Schwelle zu mehr. Nur weniges ist wahre Magie – tiefsinnig und berührend, auf den Punkt formuliert. Über das, was Magie ist, sind wir uns meist schnell einig. Über das, was banal ist, auch. Und über solides Handwerk sowieso. Warum? Weil Altbewährtes souverän neu kombiniert wurde. Weil Sorgfalt, Fantasie und ästhetisches Empfinden Hand in Hand gingen. Weil wahre Künstler:innen am Werk waren.

Ist also alles in Ordnung in der Welt der Songtexte? Nicht unbedingt. Denn es gibt sie auch hier, die Ecken, die Kanten. Und damit sind nicht die Keile und Widerhaken gemeint, wie sie Sprachrebellinnen oder poetische Anarchisten, lyrische Grenzgänger, Nonsens-Cracks oder manische Verbalgenies bewusst im Songuniversum platziert haben. Nein, gemeint sind kleinere und größere Anomalien – Auffälligkeiten, die stutzig machen: seltsam mäandernde Gedankengänge und irritierende Bilder. Abenteuerliche grammatikalische Konstruktionen und noch abenteuerlichere Reime. Paradox anmutende Zustandsbeschreibungen und kryptische Argumentationen. Bizarr verzerrte Redewendungen, verstörende Ambivalenzen. Wenn beispielsweise Bata Illic bekennt: Mein Herz hat Sonnenbrand, dann dürften dieses Sprachbild nicht wenige Menschen als schief empfinden, wenn nicht gar als irrwitzig. Songphilosoph Peter Maffay würde sagen: Der Verstand verliert den Verstand …

Um solche Auffälligkeiten soll es in diesem Buch gehen. Um das, was uns die Augenbrauen hochziehen lässt in eigentlich ernst gemeinten Texten: den rauen Charme des Unrunden und Verse, die nach hinten losgehen; um manierierte Manierismen und seltsames Storytelling; um Texte unter Originalitätsdruck; um schlüpfrige Verse mit Rutschgefahr; um grammatikalische Extravaganzen; kurz: um die wundersamen Seiten der songlyrischen Welt. Das alles mit Fokus auf den deutschsprachigen Raum. Pop, Rock, Dance und Rap stehen als Genres ebenso auf dem Prüfstand wie der unverwüstliche Schlager. Und ihre schillerndsten Vertreter:innen: von Michael Holm bis zu den Toten Hosen, von Sido bis Helene Fischer, von Maffay bis The BossHoss, von Selig bis Bushido, von Frumpy bis Vanessa Mai. Aber singen einige dieser Stars nicht lieber auf Englisch? Richtig! Weshalb auch die Tücken der Fremdsprache Thema sind.

Solche lyrischen Auffälligkeiten haben nicht nur einen gewissen Unterhaltungswert, sie werfen auch Fragen auf. Fragen, über die sich trefflich streiten lässt: Ist das, was man da hört, einfach nur genial oder schlichtweg wahnsinnig? Ist es peinlich oder brillant? Coup oder Missgeschick? Und so leidenschaftlich man auch argumentiert, sosehr man dem eigenen Bauchgefühl vertraut: Die Antwort ist nicht leicht zu finden. Oft liegt sie sogar dort, wo man sie am wenigsten vermutet: im Ohr der Hörerin und des Hörers.

Die nachfolgenden »wundersamen« Textbeispiele erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es handelt sich auch nicht um »Die 66 größten Lyrics-Verwirrungen« oder um »70 Songs, die für Schmunzler sorg(t)en«. Es sind Schlaglichter auf kleinere und größere Anomalien im songlyrischen Universum. Im besten Fall regen sie zum Nachhören an.

Dabei gilt: Ein schräger Vers macht noch keinen schrägen Songtext – die übrigen Lines des betreffenden Songs sind meist konsensfähig. Und: Ein zwiespältiger Text macht noch kein schwaches Songwriting – viele der im Folgenden genannten Künstler:innen haben unbestritten Sahnetexte geschrieben. Darüber hinaus: Was aneckt oder querliegt, darüber wird gesprochen. Das mag gelegentlich mehr einbringen als unauffällig durchrutschende Lyrics.

Übrigens: Die Widmung dieser kleinen Abhandlung – »Für Piraten der Akribik« – basiert auf einem naheliegenden Anagramm: Karibik/Akribik, got it? Mit ihrem feinen Cartoonband Fluch der Akribik schnappte sich die Bremer Cartoonistin Bettina Bexte 2017 die Poleposition für die kreative Sloganverwertung, Respekt! Da die Verbindung mit »Piraten« nirgendwo sonst zu finden war und prima zur Idee der pointierten analytischen Schlaglichter auf Songtexte passt, war ich so frei.

Und jetzt Vorhang auf für schiefe bis irrwitzige Songtexte aus 60 Jahren deutscher Popmusik. Für Texte, die ruckeln, Verse, die knirschen. Für Lyrics am Limit, Lyrics »in limbo«. Für Songtexte zwischen Holla! und Hallo!?, zwischen gewagt und gekünstelt, zwischen punktgenau und knapp daneben. Songtexte zwischen Anspruch und Auweia.

I. Ein Pferd ohne NamenDie wundersame Welt der Songtexte

Songtexte – braucht man die überhaupt? Wie entstehen Lyrics? Was kann dabei schiefgehen? Warum Nonsens-, Sauf- und indizierte Lieder nichts Wundersames an sich haben. Und: Will ich mir meine Lieblingssongs kaputtmachen lassen?

Strahlend blauer Himmel. Gleißende Sonne. Sand und Staub, so weit das Auge reicht. Nur da und dort ein Pflänzchen, gelegentlich ein Summen in der Luft. Ein Pferd. Ein Reiter. Langsam schaukelt das seltsame Paar durch die Wüste, ohne Plan, ohne Ziel. Nach zwei Tagen in sengender Hitze spürt der Reiter, der so froh ist, dem Regen entkommen zu sein, einen leichten Sonnenbrand. Am dritten Tag stößt er mit seinem Pferd auf ein ausgetrocknetes Flussbett. Der Reiter wird nachdenklich, die Szenerie erinnert ihn an den Tod. Nach neun Tagen entlässt er das Pferd, das keinen Namen trägt, in die Freiheit, denn aus der Wüste ist inzwischen ein Ozean geworden. Seltsame Gedanken treiben den Einsamen um: Erst in der Wüste konnte er sich an seinen eigenen Namen erinnern, schließlich gab es dort niemanden, der ihn verletzte. Auch der Ozean erscheint ihm nun wie eine Wüste, deren vielfältiges Leben sich gut geschützt am Meeresgrund entfaltet. Ein schillerndes Gegenbild zu den von Menschen geschaffenen Städten, in denen keine Liebe wohnt …

Dewey Bunnell heißt der Mann, der sich diese so einfache wie seltsame Geschichte ausgedacht hat. An einem regnerischen Tag, irgendwo in England. Bunnell singt und spielt Gitarre. Er und seine Bandkollegen Gerry Beckley und Dan Peek sind Söhne von Engländerinnen und in Großbritannien stationierten US-Soldaten. Bunnells melancholisch leichter Desert Song ist inspiriert von Familienfahrten durch Wüstengegenden in Amerika. America, so nennt sich auch das Trio Beckley/Bunnell/Peek, das 1971 mit einem wenig erfolgreichen Debütalbum im Gepäck nach einer Hitsingle sucht – einem starken Stück, das sowohl in Großbritannien als auch in den Staaten einschlagen könnte. Die drei kramen Bunnells Desert Song wieder hervor, nehmen ihn im Studio auf und bringen ihn im Januar 1972 unter neuem Titel heraus. A Horse With No Name wird ein Welterfolg – der Grundstein für eine große Karriere mit etlichen weiteren Höhepunkten in den Siebziger- und Achtzigerjahren.

»The heat was hot!«

A Horse With No Name ist ein zeitloser Song, der ständig wieder- und neu entdeckt wird. Er funktioniert in den unterschiedlichsten Stimmungen und Situationen. Etwas Tröstendes hat er und zugleich etwas Beschwingtes – der perfekte Soundtrack zum Autofahren, zum Kochen oder zum Sinnieren am Kamin, sogar zum Arbeiten. Wovon der Song erzählt, ist zweitrangig. Es ist die Gesamtatmosphäre, die mitreißt, weniger der Text. »Irgendein Typ, der durch die Wüste reitet« ist wahrscheinlich das, was die meisten Menschen gerade noch zusammenbekommen würden, sollte sie jemand fragen, um was es in A Horse With No Name geht.

Dabei wartet ausgerechnet der Text zu diesem Klassiker mit vielen Skurrilitäten auf. Vereinzelt wurden sie über die Jahrzehnte vor allem in britischen und US-amerikanischen Medien thematisiert, bis 2009 der britische Musikjournalist Johnny Sharp zum Rundumschlag ausholte. In einem Buch mit dem eher unfreundlichen Titel Crap Lyrics (›Schrott-Lyrics‹) unterzog Sharp neben rund 120 weiteren Songs auch A Horse With No Name einer schonungslosen Analyse: reißerisch und spitzfindig, aber zum Brüllen komisch.

Kopfschüttelnd hinterfragt Sharp schon die Ausgangssituation: Es regnet, und was macht der Protagonist in diesem Song? Wo jeder vernünftige Mensch nach drinnen gehen, irgendwo Unterschlupf suchen würde, schnappt sich dieser Typ ein Pferd und reitet in die Wüste – die ihm fürderhin als Heilmittel gegen Gedächtnisverlust dient. Kaum zu glauben, aber tatsächlich fällt ihm erst in der Abgeschiedenheit und unter sengender Hitze sein Name wieder ein: In the desert you can remember your name, / ’cause there ain’t no one for to give you no pain. Apropos Hitze: Dass der Reiter erst nach zwei Tagen brachialer Sonnenbestrahlung eine leichte Hautrötung entwickelt (After two days in the desert sun / My skin began to turn red), grenzt nicht nur für Sharp an ein medizinisches Wunder, und dass die erwähnte Hitze als echt ›heiß‹ charakterisiert wird (the heat was hot), markiert schon eine gewisse sprachliche Fahrlässigkeit. Dasselbe gilt für das überflüssige, wohl eher dem Sprachfluss geschuldete Wörtchen »for« in der Phrase There ain’t no one for to give you no pain und die aufreizend unpräzise Beschreibung der Szenerie mit den Worten: There were plants and birds and rocks and things.

»… and things«? Echt jetzt?! Was für ›Sachen‹ gab es denn in der Einöde, lässt sich das präzisieren? Sharp hakt nach und sinniert überdies, wohin ein Pferd nach neun Tagen in der Wüste eigentlich noch laufen soll. Erst recht, wenn sich diese Wüste inzwischen, kein Witz, in ein Meer verwandelt hat: The desert had turned to sea. Dass aber ausgerechnet ein Ozean eine Wüste sein soll, die sich doch gerade dadurch auszeichnet, dass es in ihr kaum Wasser gibt, lässt Sharp endgültig um Fassung ringen.

Dichterische Freiheit gegen analytischen Blick

An Songs wie A Horse With No Name, aber auch an Kritikern wie Johnny Sharp scheiden sich die Geister. Natürlich verstehen sich die Lyrics zu diesem America-Klassiker als Poesie und »machen Sachen«, die sich im alltäglichen Sprachgebrauch verbieten würden – »Lyriksachen« eben. Aber deshalb sind sie nicht automatisch über jeden Zweifel erhaben. Der Hinweis auf Unzulänglichkeiten muss also erlaubt sein. Genauso lässt sich dem gnadenlosen Nörgler begegnen: Ja, da gibt es tatsächlich auffällige Textstellen, und womöglich lassen sie sich sogar als kleine Makel kennzeichnen. Aber muss man deswegen gleich den ganzen Text in die Tonne treten? Verhalten sich Johnny Sharp und andere kritische Geister mit ihren derben Sprüchen auf Kosten von Songs nicht wie arrogante Besserwisser? Sind sie nicht unangemessen respektlos gegenüber den Stars – wie auch gegenüber Millionen Fans, die die Lyrics als Poesie empfinden und diese Songs innig lieben?

Als Musikliebhaber und freiberuflicher Lektor kann ich beide Seiten verstehen: die romantische »Anything goes«-Sicht von Kunstschaffenden samt Fans ebenso wie den kritischen songanalytischen Blick. Allerdings sind beide Seiten nicht vor Fehleinschätzungen gefeit. Dichterische Freiheit ist fürwahr etwas Wunderbares, doch ihre bedingungslose Idealisierung kann den Blick verstellen auf weniger gelungene Textstellen – auf Grammatikpatzer, schiefe Bilder, missglückte Formulierungen. Und gefeierte Rezensent:innen, die große Stücke auf ihr Urteilsvermögen halten, erliegen gern einer besonderen Versuchung: ihre ganz persönlichen Vorlieben und Abneigungen zum objektiven Maßstab aller Dinge zu machen. Zeit, die Dinge ein wenig zurechtzurücken.

Nicht ganz einfachText und Musik müssen zueinanderfinden

Mal ehrlich: Hören wir Songs, dann achten wir doch nur selten wirklich auf den Text. So dominant sind oftmals Rhythmus, Sound und Harmonien, so prägend die Stimmen und die Ausstrahlung der Vortragenden, dass wir Lyrics höchstens bruchstückhaft wahrnehmen. Die Tiefe und die Qualität von Songtexten erschließen sich uns nur im Einzelfall – schon gar nicht auf Anhieb. Dasselbe gilt für songlyrische Unebenheiten, für sprachliche Schwächen, für poetische Pannen.

Aus künstlerischer Sicht ist beim Texten neben Sinn und Bedeutung noch ein ganz anderer Aspekt von Belang, egal welche inhaltliche Tiefe angestrebt wird: Die Lyrics müssen sich gut singen lassen. Von daher wird schon mal ein wohlklingendes Wort einem inhaltlich angemesseneren Begriff vorgezogen, aus Geschmeidigkeitsgründen ein eigentlich überflüssiges Füllwort oder eine Gaga-Silbe hinzugefügt, für den »Flow« die Grammatik strapaziert und zurechtgebogen. So manche Lyrics offenbaren ihren Ballast, ihre kleinen Schönheitsfehler oder Ungereimtheiten, ohnehin erst ohne die Musik – das heißt, wenn man sie auf dem Papier oder am Bildschirm liest. Und natürlich sind in etlichen Songs die Texte von vornherein nur klingendes Beiwerk: damit eine zwingende Melodie nicht in schnödem La-la-la untergeht – damit Stars etwas vorzutragen haben und über den stimmlichen, gesanglichen Ausdruck glänzen können.

Zu guter Letzt: Gerade Songs und Songlyrics entstehen auf die unterschiedlichsten, auch bizarrsten Arten und Weisen – da sind sprachliche Unebenheiten geradezu programmiert. Mal haben Songwriter:innen ein paar Verse in ihrem Notizblock und warten, bis ihnen eine schicke Melodie dazu einfällt, mal haben sie eine Melodie samt harmonischem Gerüst entwickelt und schreiben erst nach und nach den Text. Sprache und Musik müssen zueinanderfinden. Und dann wieder setzen sich Künstlerseelen aus einem Gefühl, einer Stimmung heraus ans Klavier oder greifen zur Gitarre, um Lyrics und Musik parallel zu erarbeiten. Da geht es erst in zweiter Linie um Dinge wie präzises Formulieren und inhaltliche Geschlossenheit.

Musik und Text Hand in Hand – auf diese Weise arbeiten auch Songwriting-Duos zusammen. Wobei es kein Nachteil ist, wenn beide Beteiligte sowohl Musik komponieren als auch texten können. John Lennon und Paul McCartney von den Beatles waren sowohl Solo- wie auch Team-Songwriter – sicher einer der Gründe, warum die Beatles so viele Hits und Evergreens hervorgebracht haben.

Und dann sind da noch jene Bands, die Songs im Kollektiv entwickeln: Man improvisiert und erarbeitet sich ein harmonisches Gerüst, parallel dazu wirft der Mensch am Mikrofon ein paar vorgefertigte oder spontan gefundene Wörter in den Ring – so lange, bis ein halbwegs vernünftiger Text steht. Manchmal muss dabei ein provisorisches La-La-La herhalten, das im Nachgang durch einen brauchbaren Text ersetzt wird. Und das erweist sich häufig dann als schwierig, wenn die textende Person das zentrale Thema erst noch entwickeln muss und nicht schon von vornherein ein ganz bestimmtes Gefühl vermitteln oder eine ganz bestimmte Geschichte erzählen wollte.

»Du ahnst ja nicht, wie dieses Lied entstanden ist …«

Apropos Paul McCartney: Von ihm wissen wir, dass ihm die Melodie zum späteren Welthit Yesterday (1965) im Traum eingefallen war. Am nächsten Morgen wachte er damit auf, setzte sich ans Klavier und hatte rasch die Musik für den kompletten Song zusammen. Der provisorische Text dazu? »Scrambled eggs«, zu Deutsch: RÜHREI! Wer den Spielfilm Rocketman (2019) kennt, hat eine lebendige Vorstellung davon, wie die großen Erfolge von Elton John entstanden sind: Der noch unbekannte Elton John will als Komponist, Pianist und Sänger groß herauskommen. Ein Produzent, bei dem er sich vorstellt, hört ein paar feine Melodien und drückt ihm die Lyrics eines gewissen Bernie Taupin in die Hand. Der kann zwar wunderbare Liedtexte schreiben, hat aber kein Händchen für die musikalische Umsetzung. Elton John gefällt, was er da liest. Also setzt er sich zu Hause ans Klavier, spielt, singt und bringt so die Verse des fremden Autors auf wunderbare Weise zum Klingen. Es sind die Anfänge eines der berühmtesten Songwriting-Duos der Popgeschichte, das bis heute nach dem Prinzip der Vertonung einer Textvorlage arbeitet.

Ein besonders prägnantes Beispiel für die Entstehung von Songs im Bandkollektiv lieferten The Guess Who. Bei einem Konzert der kanadischen Rocker reißt dem Gitarristen Randy Bachman mitten im Set eine Saite. Der versierte Musiker zieht während der Zwangspause eine neue Saite auf und stimmt sein Instrument. Gedankenverloren improvisiert er ein Riff, das das Publikum elektrisiert. Bachmans Kollegen spüren, dass etwas Außergewöhnliches passiert, und reagieren. Erst steigt Drummer Garry Peterson ein, dann Bassist Jim Kale, zum Schluss Sänger Burton Cummings. Mit seiner markanten Reibeisenstimme deklamiert er über dem Dampfhammer-Riff die folgenden Zeilen: American woman, stay away from me. / American woman, mama let me be. / Don’t come hangin’ around my door, / I don’t wanna see your face no more … Nun ja, was einem gefeierten Rocksänger eben spontan in den Sinn kommt. Irgendwann findet die Improvisation unter donnerndem Applaus ein Ende, und die Musiker wissen: Dieses Stück müssen sie im Kopf behalten. Zum Glück gelangen sie an das Band eines Konzertbesuchers, der das Ganze mit einem Kassettenrekorder aufgezeichnet hat. Im Studio rekonstruiert die Band das Grundgerüst des Stücks und entwickelt daraus einen Song. Auch die erweiterten Lyrics bleiben reichlich krude, werfen eher unbeholfen Beziehungsfrust, Sozialkritik und ein Antikriegsplädoyer zusammen. Was soll’s! 1970 erscheint das Endergebnis als American Woman, erreicht Platz eins der US-Charts und wird zum Welterfolg.

Ein weiterer Faktor, der sich auf die Qualität eines Songs auswirkt, kann Zeitdruck sein. Der Studiotermin steht an, aber noch immer fehlen die Lyrics zu dem Stück, das gleich aufgenommen werden soll. Da wird schon mal schnell noch etwas auf der Studiotoilette niedergepinnt – nicht unbedingt die beste Voraussetzung für einen gelungenen Text. Dass sich Zeitdruck aber auch produktiv auswirken kann, bewiesen 1987Mike Stock, Matt Aitkenund Pete Waterman, ein britisches Produzententeam, das Acts wie Rick Astley, Bananarama und Kylie Minogue diverse Hits bescherte. Eben jene Kylie Minogue, damals noch kein Superstar, war offenbar durch Versäumnisse auf Produzentenseite in die Situation geraten, dass sie vor ihrem Rückflug nach Australien nur noch wenige Stunden in London zur Verfügung hatte, aber noch einen Song aufnehmen sollte. In Windeseile zimmerten Stock Aitken Waterman eine Melodie, ein Arrangement und einen Text zusammen, stellten Kylie Minogue vors Mikrofon und hatten kurze Zeit später ein Ergebnis, das sich hören lassen konnte: Der Instant-Welthit I Should Be So Lucky war geboren! Mit simpelster Liebeslyrik, die vielleicht auch das lange Warten der Interpretin auf den Studiotermin spiegelte: It’s a crazy situation, / You always keep me waiting, / Because it’s only make-believe … Humor haben sie, die Briten.

Das gilt glücklicherweise auch für deutsche Acts, um die es in diesem Buch vor allem gehen soll. Als Mitte der Neunzigerjahre die Senkrechtstarter der Göttinger Hardcore-Crossover-Band Guano Apes gebeten wurden, einen Song für die Snowboardweltmeisterschaften in Fieberbrunn zu schreiben, zögerten sie keine Sekunde – obwohl sie reichlich wenig mit Snowboarding am Hut hatten. Das Quartett erfand die herrlich bescheuerte Geschichte von einem kleinen grünen Männchen – little green man –, das sich als Snowboard-Ass erweist, integrierten wie gewünscht den Wettbewerbs-Slogan »Lords of the Boards« und machten ihn gleich noch zum Songtitel – fertig war der Szene-Evergreen.

Und noch etwas hat in der Rockgeschichte zu dem einen oder anderen seltsamen Songtext geführt: der Einfluss von Drogen. Scherzkekse in Internet-Chatforen behaupten ja, jeder zweite Song und sogar Schlager würden unter dem Einfluss bewusstseinserweiternder Substanzen geschrieben – anders ließe sich das gelegentliche Tiefstniveau nicht erklären. Das ist sehr böse – und arg weit hergeholt. Andererseits haben vermutlich weitaus mehr Songs einen Drogenhintergrund, als man denkt. Wobei es nicht zwangsläufig auch um die textliche Thematisierung von Drogenerfahrungen gehen muss. Sogar Americas A Horse With No Name wurde schon in Richtung Drogensong interpretiert – schließlich sei »Horse« ein Slang-Ausdruck für Heroin. Doch Ein Pferd mit keinem Namen hat höchstwahrscheinlich keinen Rauschmittelbezug. Und der Text wurde auch nicht unter Einfluss von Cannabis oder ähnlichen Substanzen geschrieben. Das haben America immer wieder glaubhaft versichert. Dafür ist der Song – ebenso wie das America’sche Gesamtwerk – viel zu sinnhaft.

Der Kritikerblick ist nicht der Fanblick

Wir sehen: In der Welt der Popmusik gibt es wenig Regeln. Songs und Songtexte entstehen auf die absurdesten Weisen, und kaum jemanden kümmert es, ob Lyrics eine bestimmte Wertigkeit besitzen. Dennoch gibt es Songtexte von hoher lyrischer Qualität, wie nicht nur der 2016 an Bob Dylan verliehene Literaturnobelpreis unterstreicht. Über Dylans Songs wurden unzählige Bücher geschrieben, seit Jahrzehnten sind sie Gegenstand der Literaturkritik. Der analytische Blick auf Lyrics hat also Tradition – und warum sollte sich dieser Blick nur auf anerkannt Hochwertiges richten? Schließlich erfüllen Kritiker:innen als Vermittler:innen zwischen Song und Publikum generell eine wichtige Funktion: Sie ordnen ein, erklären, wie Musik und Texte funktionieren, weisen auf Besonderheiten hin. Sie filtern mögliche Botschaften heraus, auch im gesellschaftlichen Kontext. Da darf dann ebenso das Wundersame an Lyrics in den Fokus der Betrachtung rücken – ein Vers auch mal auf die Goldwaage gelegt werden, um seinen Blechgehalt zu entlarven. Songanalyse ist Detektivarbeit, hat aufklärerischen Charakter, lotet Untiefen aus – und macht einen Riesenspaß.

Schlager, Fremdsprachenfallen und die üblichen lyrischen Verdächtigen

Für den analytischen Blick bieten sich natürlich nicht nur amerikanische, britische, neuseeländische oder australische Songproduktionen an, sondern auch Hits, die im deutschsprachigen Raum erschienen sind. Neben den global-universalen »üblichen Verdächtigen«, was ungenaues, ungelenkes, kryptisches Formulieren angeht, gibt es im mitteleuropäisch geprägten Songuniversum zwei Phänomene, die eine Betrachtung besonders lohnend machen: zum einen den Schlager mit seinen ganz spezifischen lyrischen Untiefen und feinen Stilblüten jenseits der üblichen Klischees und Versatzstücke; und zum anderen den Korpus von auf Englisch verfassten Lyrics. Denn – my mother learned me to say – von Nichtmuttersprachlern ersonnene Liedtexte entfalten gelegentlich einen ganz eigenen ästhetischen Reiz … Um all diese Facetten – Schlager, Fremdsprachenfallen und die weite Welt der unrunden Texte – soll es hier gehen.

Verse durchleuchten

Die für das vorliegende Buch gewählte Herangehensweise ähnelt dem Durchleuchten von Gepäck am Flughafen: rauf aufs Fließband mit der Texttasche – und dann am Röntgenschirm nach Auffälligkeiten schauen. Natürlich gibt es erst mal Erleichterung, denn der Großteil der Lyrics geht als ordentliches Textmaterial durch. Aber dann … Halt, Moment mal! Ist das kleine Schwarze da links im Bild möglicherweise ein stumpfer metaphorischer Gegenstand? Das krumme Ding dort drüben vielleicht grammatikalischer Sprengstoff? Handelt es sich bei den kleinen Klumpen in der Mitte eventuell um Wörter, die laut Zollbestimmungen gar nicht mitgeführt werden dürfen?

Beim Röntgen von Texten hilft es mitunter, die Musik vorübergehend auszublenden und die Verse nur zu lesen. Denn: Gesungen wirken Lyrics meist ganz passabel – erst auf dem Papier oder am Bildschirm offenbaren sie ihre möglichen kleineren und größeren Schwächen. So wie jene Refrainzeilen aus dem 2017 veröffentlichten Song Kreise, in denen sich Johannes Oerding die Gesetze der Geometrie und auch die der Sprache unsanft zurechtbiegt: Ey, wenn sich alles in Kreisen bewegt, / Dann gehst du links, dann geh ich rechts, / Und irgendwann kreuzt sich der Weg, / Wenn wir uns wiederseh’n. Das ist schwer nachzuvollziehen. Denn ey, wenn sich alles in Kreisen bewegt, dann gibt es weder Anfang noch Ende, weil jeder Punkt des Kreises denselben Abstand zum Mittelpunkt hat. Dann kreuzen sich weder Linien noch Wege. So wie sich auch kein einzelner Weg zweier Menschen, die in entgegengesetzte Richtung loslaufen, selbst kreuzen kann und »rechts« und »links« kaum relevante Kategorien sind. Wenn zwei Menschen im und gegen den Uhrzeigersinn loslaufen, stoßen sie irgendwann zusammen. Aber wie trist ist das Bild, dass wir Menschen auf vorbestimmten Wegen nur im Kreis laufen?

Betrachtungen dieser Art muten ähnlich krude an wie der folgende Doppelvers aus Click Click, einem 2014 erschienenen Track des Skandalrappers Kollegah. Dort heißt es: Ein Abteil weiter, Handflächen knallen auf Booties, / Groupies lassen die Hüllen fallen wie ’ne ballernde Uzi. Was ist da los? Strippen die Damen so fix, wie die Maschinenpistole feuert? Es wäre ein groteskes Bild – erst recht, wenn man von nur wenigen Kleidungsstücken pro Groupie ausgeht. Oder scheitert hier vielleicht der Versuch, das Fallen der Hüllen mit dem Fallen von Patronenhülsen zu vergleichen? Ein wenig präzises sprachliches Vexierbild, das dem unsauberen Haudraufreim »Booties/Uzi« unterworfen wird und eher Missverständnisse produziert, als zu zünden. So wie Zimmerwände einfach Zimmerwände und keine glotzenden Gesprächsverweigerer sind, auch wenn Ricky Shayne seinen reumütigen Sünder 1971in Mamy Blue noch so bitterlich klagen lässt: Die Wände seh’n mich schweigend an / Oh Ma, was hab’ ich dir getan?

Eine Ungenauigkeit scheint sich dann auch in Du kannst noch nicht mal richtig lügen(2010)von Andrea Berg geschlichen zu haben, einen Song, in dem eine betrogene Frau dem verlogenen Lover unfreiwillig ein Paar Ersatzhände spendiert: Jetzt streichelst du sie mit den gleichen Händen, / Die auf meiner Haut nie ein Ende finden – tatsächlich kann der Herr ausschließlich »mit denselben Händen« streicheln. Ebenfalls nicht ganz sauber hört es sich an, wenn Silbermond in ihrem Song Krieger des Lichts (2009) die Mutigen, die Beständigen, die Aufrechten, die Ehrlichen dazu aufrufen, gemeinsam die Welt zu verändern – und das mit den Worten: Wo seid ihr? // Ihr seid gebraucht hier! Klar verstehen alle, was gemeint ist. Aber: Gebraucht sind vielleicht mein Taschentuch und der alte Schuhschrank, den ich noch schnell im Internet verhökern will. Aber doch hoffentlich nicht die Krieger des Lichts, die sich hier den lustigen Bautzener Musikanten anschließen sollen. Oder ist bei diesen Versen höhere Poesie im Spiel? Wiederholt das »seid« aus »Ihr seid gebraucht hier« vielleicht ganz bewusst das »seid« aus »Wo seid ihr«? Um den Appell zu verstärken? Ihm mehr »Gravitas« zu verleihen? Möglich wär’s. Und doch werden meines Erachtens die Krieger des Lichts gebraucht, um den Traum von einer besseren Welt zu verwirklichen. »Ihr werdet« hätte wiederum von der Silbenzahl nicht gepasst. So werfen Stefanie Kloß & Co. in ihrem wirklich schönen Song Fragen auf, die den einen oder anderen Krieger des Lichts irritieren könnten.

Mindestens ebenso irritierend ist es, wenn Sarah Connor von einem heißen Flirt, einer ersten gemeinsamen Nacht mit einer aufregenden Bekanntschaft erzählt und über einem dramatisch donnernden Groove in kryptisches Schwärmen gerät. Wir vermischen unsre … Ah Ma-Ma-Ma, seufzt sie vielsagend unvollendet an einer Stelle, und dann, im Refrain: Du bist das Licht in meiner Wunde, / Oh, / Alles in mir will zu dir. Das ist mitreißend arrangiert und gesungen, keine Frage, und auf jeden Fall kommt rüber, dass da zwei Menschen aufeinander abfahren. Aber was, oh Ma-Ma-Ma, »vermischen« die beiden Liebenden da bloß so proaktiv? Ihre Drinks? Oder doch ihre Körperflüssigkeiten? Es klingt ungenau – dazu nach Chemieunterricht. Und welchen Zweck soll ein Licht in einer Wunde erfüllen? Hoffentlich nicht den, die Folgen einer Verletzung auszuleuchten. Auch im Sinne eines Wegweisers in eine glücklichere Zukunft scheint mir dieses sprachliche Bild zu nebulös, zu zwiespältig konstruiert: Der neue Lover hat nichts in der Wunde der Sprecherin zu suchen, definitiv nicht. Und auch die Titelzeile weckt eher befremdliche Assoziationen. »Ich will zu dir«, »Es zieht mich hin zu dir«, »Ich spüre ein starkes Verlangen nach dir« – all das wäre plausibel, vielleicht ergänzt durch »mit jeder Faser meines Körpers«. Sogar »Alles in mir schreit« oder »Alles in mir sträubt sich« hat man in Songs schon gehört, ohne sich zu wundern, weil es um Signale des Körpers an das mit ihm verbundene Bewusstsein geht. Erhalte ich ein lukratives Jobangebot im Ausland, dann mag ich gespalten sein, bis ich spüre: Alles in mir sagt Ja. Ganz bestimmt nicht denke ich: Alles in mir will ins Ausland. Es ist die Tatsache, dass hier das Körperinnere zur selbstständig entscheidenden und handelnden Institution neben dem Bewusstsein erklärt wird, die bei Sarah Connor irritiert. Und wenn dann noch, oh Ma-Ma-Ma, mysteriöse Dinge vermischt werden, wird es kompliziert … Dass das, was drin ist im Menschen, irgendwohin will – dass Blut, Knochen, Muskeln und Sehnen, Gelenke und Organe, vielleicht sogar der Mageninhalt mit aller Macht zum Geliebten streben, scheint mir eher unglücklich formuliert.

Unfreiwillig doppeldeutige Zeilen wie diese erinnern an verunglückte Therapie- und Betreuungsangebote, wie sie psychologische Beratungsstellen mancherorts schon gemacht haben: »Unterstützungsgruppe für schlagende Männer« etwa oder: »Hilfe bei Gewalt gegen Frauen«. Nicht grundsätzlich falsch, aber doch sehr schmerzhaft kontraproduktiv auf den Weg gebracht. Noch ein Beispiel aus dieser Kategorie, gefunden in Bastian Sicks feinem Büchlein Happy Aua: die Werbung eines Schützenvereins. Auf der Werbetafel heißt es: »werde Mitglied – lerne schießen – treffe Freunde«. Da kann man als Freundin oder Freund nur in Deckung gehen. Doch zurück zu Sarah Connor: Alles in mir will zu dir (2021) bleibt natürlich ein mitreißender Song.

Tatsächlich sind es die sprachlichen Bilder, die vielen Texten im Weg stehen, und wenn es nur ein kleines bisschen ist. So wie im Song Immer wenn wir uns sehn (2018)von Lea, in dem das verliebte Ich etwas arg lässig bekennt: Ich würd’ so gern mit dir hängen, / aber trau’ mich nicht zu fragen. Wie bitte … »hängen«? Hat es hier mit der Szenesprache nicht geklappt? Geht es um einen neuen Freizeittrend? Oder lässt der Western-Klassiker Hängt ihn höher (1968) unfreiwillig grüßen?

Kleine Kratzer auf den sprachlichen Bildern verzeichnet auch Manchmal möchte ich schon mit dir, ein Hit von Roland Kaiseraus dem Jahr 1982. Musikalisch liegt ein Hauch von Griechischer Wein in der Luft, aber textlich geht es um unerfüllbares Verlangen und emotionale Zerrissenheit: Ein Mann liebt die Freundin oder Frau seines Freundes, und die Liebe scheint erwidert zu werden. Tragisch! Es kann dann auch nicht sein, was nicht sein darf – und so muss der Verliebte einsam vor sich hin schmachten. Zwei Verse sind es, die aus dem ansonsten solide gearbeiteten Text herausstechen. Wenn der Kaiser flötet: Und die Sehnsucht macht sich breit auf meinem Kissen, dann kann man sich ob der Vorstellung einer outgesourcten Emotion, eines lustigen kleinen Sehnsuchtswesens, das da unverschämt auf dem Kopfkissen rumlümmelt, ein Schmunzeln kaum verkneifen. Und wenn der liebestolle Sprecher scheinbar mutig rauslässt: Manchmal möchte ich schon mit dir / Eine Nacht das Wort »Begehren« buchstabieren, dann sagt er genau genommen nicht das, was er tatsächlich sagen wollte. »Buchstabieren« steht bildlich dafür, etwas auszuleben oder zu verwirklichen. Und das Wort »Begehren« buchstabiert doch schon der ganze Song: »Manchmal möchte ich schon mit dir …«, oder nicht? Hätte es an dieser Textstelle nicht endlich um die Umsetzung des Begehrens gehen müssen – darum, eine Nacht lang »Liebe« oder, expliziter, »Sex« zu buchstabieren? Ich meine: Ja. Aber alles halb so wild. Was da kaiserlich suggeriert werden soll, fantasiert sich das Fanherz auch so zusammen.

Und damit kommen wir schon zu Lyrics, die zwar spektakulär klingen, aber auch den merkwürdigen Eindruck vermitteln, als würden sie sich unbeabsichtigt gegen das Song-Ich, sogar gegen die vortragende Person wenden – als würden sie schlicht nach hinten losgehen. Für ihr Album Aus der Sicht und mit den Worten von … holte sich die schillernde Frankfurter Rapperin Sabrina Setlur1999 ein paar Kolleg:innen ins Studio, darunter Illmaticund Bruda Sven. Letzterer steuert im Track All meine Liebe das folgende glühende Bekenntnis bei: Was mich zum Texten treibt, mich dazu bringt, dass ich stets schreib’, / Sind verschiedene Emotionen wie Liebe, Hass, Wohlstand und Leid. Was den Kritiker aufhorchen lässt, frei nach dem Motto: Welches Wort passt nicht in diese Reihe? Ja, Liebe, Hass und Leid kann man durchaus als Emotionen durchgehen lassen. Aber Wohlstand? Ist doch eher ein Zustand, ein Lebensstandard und kein Gefühl, oder? Vielleicht ist das ja ein rhetorisch äußerst raffinierter Move, eine bewusste tiefschürfende Provokation, wer weiß. Aber vielleicht ist es auch einfach nur der Patzer eines Künstlers, der sich selbst als leidenschaftlichen Poeten zeichnet.

Die Meisterin selbst langt dann in einem Battle-Rap-Track mit dem schwer Patois atmenden Titel No Test the Empire ordentlich hin und dabei tief in die Trickkiste, wenn sie die Konkurrenz mit dem folgenden krassen Statement in die Schranken weisen will: Ich bin wie ’ne Alte mit Aids, mit mir zu ficken is ’n Fehler. Ficken? Ja, klar, geht nicht um Sex, sondern um Konfrontation. Im Sinne von: Leg’ dich bloß nicht mit mir an! Aber diese Auseinandersetzung letztlich doch mit einer gemeinsamen erotischen Erfahrung zu assoziieren, wirkt nicht unbedingt stimmig. Und sich selbst mit einer Aidskranken zu vergleichen, die möglicherweise qualvoll dahinsiecht, dabei andere infiziert, scheint erst recht kontraproduktiv: Läuft es nicht der Intention des Tracks, nämlich Stärke, Selbstbewusstsein und Überlegenheit zu demonstrieren, zuwider? »Ich bin krank, lass die Finger von mir!« ist dann beinahe schon ein fürsorglicher Rat von Frau Setlur – und alles andere als eine furchteinflößende Kampfansage. Krawallig getextet, aber letztlich daneben.

Warum Stimmungs-, Nonsens- und indizierte Lieder nichts Wundersames an sich haben

Diese ersten Beispiele zeigen schon, wohin die Reise gehen soll. Im Blick stehen Lyrics und Verse, die eine gewisse Ernsthaftigkeit an den Tag legen, aber ungewollt aus dem Gleichgewicht geraten: grammatikalisch, semantisch, mit Blick auf inhaltliche Geschlossenheit. Der Nippel und mein Baby Baby Balla Balla, zehn kleine Jägermeister, der alte Holzmichel und die Sennerin vom Königssee sind hier weniger von Interesse, ebenso Kinderlieder, Nonsens-, Novelty- und Experimentalsongs sowie von der Bundesprüfstelle indizierte Stücke. Warum? Weil sie alle schon erklärtermaßen mit Sprach- und Sinnstiftungskonventionen brechen. Deshalb wäre es müßig, hier vermeintliche Unebenheiten, Pannen, Ungereimtheiten oder kriminelle Verse zu identifizieren.

Die kleinen Ausrutscher, Nachlässigkeiten und Missverständlichkeiten in eigentlich ironiefreien Formulierungen sind darüber hinaus viel spannender als der bewusst lärmende Klamauk oder die unter die Gürtellinie zielende sprachliche Provokation, werfen sie doch ein Licht auf die Tücken und die Brüchigkeit der menschlichen Kommunikation, auf ungewollt sich einschleichende Ambivalenzen, verzweifelte Sinnstiftungsversuche, unkontrollierbare Projektionen. Auch in dieser Hinsicht sind Songs und Songlyrics ein Spiegel ihrer Zeit.

»Ich lass’ mir doch nicht meinen Lieblingssong kaputtmachen!«

Und weil das so ist, wecken Lieder wie Texte die unterschiedlichsten Assoziationen und Emotionen. Was dem einen unmittelbar aus der Seele spricht, ist für die andere überflüssiges Geschwurbel. Und was die eine als Gipfel der Poesie feiert, tut der nächste als Unsinn, vielleicht sogar Sprachmüll ab. Interessant, aber auch schwierig kann es werden, wenn Fans und Kritiker in eine wie auch immer geartete Auseinandersetzung geraten: wenn sie auf einer Party zufällig miteinander ins Gespräch über Musik kommen, wenn es Kritiker in ein Chatforum verschlägt oder wenn Fans mit einem Buch wie diesem hier konfrontiert werden.

Für mich persönlich ist diese Auseinandersetzung vor allem bereichernd. Und ich versuche, gelassen zu bleiben. A Horse With No Namevon America beispielsweise ist auch einer meiner persönlichen Allzeit-Songfavoriten. Aber hat mir Johnny Sharps bissige Analyse den Spaß an diesem Evergreen verdorben? Nicht im Mindesten. Ich höre das Stück noch genauso gern wie früher. Nur mit mehr Nerdwissen im Kopf – und einem fröhlichen »Shit happens«-Lächeln im Gesicht.

Dennoch bin ich mir bewusst, dass Kritik an einem Lieblingslied oder -star manchen Fans sauer aufstoßen kann. Als ein mir unbekannter User auf Facebook einmal ausgerechnet einen jener Songs pries, die ich auf den folgenden Seiten unter die Lupe und auch aufs Korn nehme, kommentierte ich den Post spontan mit dem Hinweis auf unrunde Stellen im Songtext. Zurück kam die verwunderte und gleichzeitig entnervte Aufforderung, doch bitte genauer hinzuhören, es sei einfach ein unglaublich toller Text. Mein nächster Einwand, ich hätte doch genau hingehört, blieb unkommentiert – doch durch den virtuellen Raum hindurch konnte ich die Empörung meines Gegenübers beinahe körperlich spüren. War ich nun ausgerechnet selbst als einer dieser arroganten Besserwisser in Erscheinung getreten? Oder konnte da ein glühender Fan mit einer kleinen Kritik nicht umgehen?

Um es klarzustellen: Anderen Menschen ihre Lieblingssongs madig zu machen, ist nicht die Intention dieses Buchs. Und Stars zu dissen schon gar nicht. Aber einfach die Klappe halten? Kann auch keine Lösung sein. Dazu bietet die Welt der Songtexte einfach zu viel Sonderbares, unfreiwillig Komisches und Groteskes, kurz: zu viel Wundersames. Und das will ausgelotet werden. Staunen ist angebracht, ebenso wie kritisches Hinterfragen, gelegentlich auch Fremdschämen und ein rhetorischer Bodycheck. Das können und müssen Stars, das kann und muss unsere Fanokratie aushalten.

II. »Denn die Zeit ist das, was bald geschieht«

Hinkende Verse, bunte Stilblüten: Schlaglichter aus Pop, Rock, Schlager, Dance und Rap

Wenn dem Herz was fehlt Wortendungs-Blues und Sprache in Bewegung

Gesellschaft verändert sich – und mit ihr die Sprache. Man vergleiche deutschsprachige Texte der Minnesänger aus dem Mittelalter mit einem Goethe-Text aus dem frühen 19. Jahrhundert, Texte aus der Weimarer Republik mit Texten der heutigen Zeit und hier wieder Texte aus der Tageszeitung mit Texten aus sozialen Netzwerken, mit Business- und Szenesprech. Alles Deutsch, doch mitunter beschleicht einen das Gefühl, es mit verschiedenen Sprachen zu tun zu haben.

Lautverschiebungen und grammatikalische Veränderungen, neue Begrifflichkeiten und Entlehnungen, extreme sprachliche Verkürzungen oder fachsprachliche Anpassungen sind die Auswirkungen – geschichtliche Umwälzungen die Ursachen: Völkerwanderungen und Kriege, der Aufstieg der Jugend, die Globalisierung, technologische Innovationen oder der Siegeszug der sozialen Medien, um nur einige zu nennen. Nicht umsonst kommen regelmäßig neue Duden-Ausgaben heraus, mit immer neuen Stichwörtern und schon wieder geänderten Empfehlungen zu Schreibweisen und Sprachgebrauch. Das kann ganz schön nerven, zumindest ordentlich verwirren: Was einige Duden-Auflagen zuvor noch als völlig falsch galt, wird schon kurze Zeit später als umgangssprachliche Form geführt – in der aktuellen Auflage gilt es plötzlich als Standardgebrauch, zumindest als gleichberechtigte Variante.