Mein Mann, der Milliardär - Hannah Opitz - E-Book

Mein Mann, der Milliardär E-Book

Hannah Opitz

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Beschreibung

Die Geschichte spielt rund um Familie Heinemann, deren Familienoberhaupt Holger ein lang gehütetes Geheimnis hat - er ist Chef einer Stiftfabrik und milliardenschwer. Erst, als die älteste Tochter Clara in der Firma anfängt und sich auf eine Affäre mit seinem Assistenten einlässt, beginnt sein Geheimnis langsam aufzufliegen. Ein Roman über Liebe, Enttäuschung und Vergebung.

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Seitenzahl: 172

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Hannah Opitz

Mein Mann, der Milliardär

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

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Impressum neobooks

1

Verzeihung ist die Befreiung des Herzens.

Es war kurz nach eins und bei den Heinemanns stand das Mittagsessen auf dem Tisch. Susi, der jüngste Spross der Familie, hatte ihren Kopf auf ihre Hand gestützt und stocherte gelangweilt in ihrem Essen herum. Mutter Waltraud beobachtete sie dabei, während Vater Holger immer wieder heimlich auf sein Handy schaute, das er unter dem Tisch versteckte.

„Erwartest du noch einen Anruf, Liebling?“, wollte Waltraud wissen. Holger zuckte zusammen. „Öhm. Ja, einen sehr wichtigen Anruf sogar“, erklärte er schuldbewusst und legte sein Handy auf den Tisch. Seine Frau beobachtete ihn misstrauisch. „Was macht dich so nervös, Schatz?“, wollte sie wissen und trank einen Schluck Wasser, „Ist es wegen deiner Arbeit?“ Holger schluckte. „Ja“, sagte er mit rauer Stimme, „es ist nämlich so, dass wir einen sehr wichtigen Auftrag erwarten und sich der Auftraggeber bisher noch nicht gemeldet hat.“

Waltraud nickte, ließ ihre Tochter aber nicht aus den Augen. Holger blickte unbemerkt auf seine Uhr. „Susi, lässt du das bitte? Wie sieht das denn aus?“, bat sie ihre Tochter. Susi stöhnte auf. „Ich habe Hunger! Mama, können wir nicht endlich anfangen?“, wollte sie wissen. „Nein, Susanne, wir warten, bis deine Schwester Clara da ist. Das gehört sich so!“, erwiderte Waltraud.

„Überhaupt – wo bleibt sie denn so lange? Clara müsste doch schon längst da sein! Sie ist zehn Minuten zu spät!“, beschwerte Holger sich. „Vielleicht hat sie es vergessen?“, schlug Susi vor und wollte anfangen. „Ach, Unsinn! Es ist Mittwoch und Clara kommt immer mittwochs zum Essen!“, erwiderte ihre Mutter und hinderte sie am Anfangen. Erneut herrschte Stille am Tisch. Nur das Ticken der Küchenuhr war zu hören.

Ich mache mir langsam Sorgen“, gestand Holger mit einem Blick auf seine Armbanduhr. Es war eine Rolex, das Teuerste, was er an persönlichen Gegenständen besaß. „Ach, Holger, sie hat doch heute ein Vorstellungsgespräch bei dieser Firma“, beruhigte Waltraud ihn. „Bei welcher Firma denn, Traudel-Schatz?“, wollte Holger überrascht wissen. Traudel zuckte mit den Achseln. „Muss wohl was Großes sein, sie klang sehr aufgeregt, als sie mir gestern am Telefon davon erzählte“, erklärte sie.

„Was Großes? Das klingt aufregend!“, behauptete Susi, hellhörig geworden. „Ich denke, es ist besser, wenn ich sie mal anrufe“, meinte Holger und nahm sein Handy in die Hand. Dieses begann auch gleich zu klingeln. „Oh, das ist mein Anruf!“, sagte er aufgeregt und entschuldigte sich vom Tisch. „Ja, Renner, was gibt’s?“, fragte er und ging auf den Flur.

Traudel seufzte. „Immer muss der Mann arbeiten!“, beschwerte sie sich, „Und was kommt dabei heraus? Er ist nie zu Hause und wir sitzen schon seit Ewigkeiten in dieser kleinen Wohnung fest! Nie können wir uns etwas leisten! Das letzte Mal im Urlaub waren wir in den Flitterwochen!“ Susi hörte ihr aufmerksam zu, während sie ihr Glas leertrank. „Mama, du hast recht! Es muss etwas passieren! Hier ist es so langweilig! Wäre Clara doch nur hier!“, seufzte sie. „Sie kommt ja noch“, erwiderte Traudel bestimmt. Susi nickte. „Ja, zum Essen. Immer mittwochs. Vor zehn Jahren, als sie noch nicht studiert hatte und zuhause lebte, war es viel lustiger!“, behauptete sie.

„Ja, ich vermisse deine Schwester auch. Und jetzt ist auch noch Jens weg!“, jammerte Waltraud. „Ach, der! Der war ja wohl auch lange genug hier! Außerdem kommt er ja jedes Wochenende, um dir seine schmutzige Wäsche zu bringen! Was Vernünftiges studieren tut er ja auch nicht, sagt Papa!“, erwiderte Susi.

Holger kam erleichtert wieder. „Und? Habt ihr den Auftrag?“, wollte Waltraud wissen. Holger sah sie erschrocken an. Dann nickte er. „Ja, haben wir!“, erklärte er erleichtert und setzte sich. „Dann kannst du jetzt Clara anrufen, ich bekomme auch schon Hunger!“, meinte Traudel sofort. Holger nickte und wählte die Nummer. Er stellte auf laut.

„Clara Heinemann!“, meldete sich die vertraute Stimme. „Hallo Clara, hier ist dein Vater! Sag mal, kommst du heute eigentlich noch zum Essen? Wir verhungern fast!“, beschwerte er sich. „Oje!“, sagte Clara. Sie hörten, wie sie sich an jemand anderen wandte: „Verzeihen Sie bitte, das ist wichtig.“ „Kein Problem, wir sind ja fast fertig“, hörten sie eine Männerstimme gedämpft sagen. Clara hielt wohl ihre Hand vor die Sprechmuschel. „Ja, ihr könnt schon ohne mich anfangen, ich bin in etwa 20 Minuten da!“, erklärte Clara, „Tschüss, hab euch lieb!“ Erleichtet wollte Susie sich auf ihr Essen stürzen, aber ihre Mutter hielt sie zurück. „Erst das Tischgebet!“, erklärte Waltraud bestimmt.

Etwa 20 Minuten später hörten sie, wie ein Schlüssel sich im Schloss umdrehte. „Ich bin da-a!“, verkündete Clara. Susi sprang sofort auf, während Waltraud kopfschüttelnd das Geschirr abräumte. Ihr Mann spielte wieder mit seinem Handy. „Schatz, findest du nicht, dass du etwas zu alt für so etwas bist?“, meinte sie spitz. „Zu alt? Nein, 56 ist doch nicht alt! Für den Fortschritt ist man außerdem nie zu alt!“, behauptete Holger. „Genau! Da hat Papa vollkommen recht!“, erklärte Clara lachend, als sie – gefolgt von Susi – eintrat.

„Und? Wie ist es gelaufen?“, wollte Holger sofort wissen. „Ach, Holger! Lass das Kind sich doch erst einmal setzen! Schatz, du musst ja vollkommen ausgehungert sein! Wir sind zwar schon fertig, aber iss du nur!“, meinte Waltraud und schob ihrer Tochter den Teller hin. „Danke, Mama“, erwiderte Clara lächelnd und aß etwas.

„Also nun sag schon, wie ist es gelaufen?“, wollte Holger wissen, er war immer auf dem Sprung. „Tja… dank deinem Anruf…“, erwiderte Clara, ein Schmunzeln unterdrückend. „Oh, verdammt! Sag jetzt nicht, du warst mitten im Gespräch! Dann ist es also nur meine Schuld, wenn sie dich nicht genommen haben!“, jammerte ihr Vater. Clara lachte. „Aber nein!“, meinte sie abwinkend, „Ich war bereits in der Empfangshalle, sonst hättest du mich doch nicht erreichen können! Mensch, Papa, ich nehm dich doch nur aufs Korn!“ „Heißt das – du hast den Job?“, wollte ihre Mutter gespannt wissen. Clara nickte begeistert. „Oh, Liebling! Gratuliere, mein Schatz!“, rief Waltraud und lief um den Tisch herum, um ihrer Tochter ein paar Küsse aufzuzwingen.

Holger lächelte erleichtert. Doch dann zogen sich seine Brauen zu einem nachdenklichen Gesicht zusammen. „Und bei welcher Firma arbeitest du jetzt? Deine Mutter meinte nur, es sei etwas Großes!“, wollte er wissen. Clara nickte eifrig. „Und ob das was Großes ist! Da hat sich das ganze Studieren also doch gelohnt! Meine Damen – und Papa: Vor euch steht die neue Controllerin des Mega-Konzerns Stiftwerk! Zwar erst auf Probe, aber wenn ich Glück habe, lerne ich sogar den geheimnisvollen Chef der Firma kennen – wusstet ihr, dass nicht mal seine Angestellten wissen, wie er aussieht, geschweige denn, wie er heißt? Ich hatte das bisher ja nur für ein Gerücht gehalten, aber es stimmt!“, erklärte sie geheimnisvoll.

Waltraud und Susi jubelten und applaudierten ihr zu ihrem Erfolg. Nur Holger seufzte erschöpft. „Schatz, du könntest dich ruhig etwas mehr freuen, wenn deine Tochter so eine gute Stelle bekommt!“, protestierte seine Frau. „Ja, Liebling, aber meine Familie arbeitet schon seit der Gründung der Firma dort und bisher hat diesen Chef noch niemand zu Gesicht bekommen – es soll sogar Gerüchte geben, dass er gar nicht existiere – was ich aber für Schwachsinn halte. Der Mann will wahrscheinlich einfach nur seine Ruhe haben. Clara, du solltest lieber nicht zu viel erwarten, noch bist du nicht fest bei der Firma angestellt!“, mahnte er.

„Du arbeitest auch bei Stiftwerk? Aber Papa, warum hast du das denn nie erzählt?“, wollte Clara erstaunt wissen. „Weil ich es nicht für wichtig hielt“, erwiderte ihr Vater achselzuckend, „aber wie es scheint, setzt du auch ohne mein Zutun die Familientradition fort.“

Clara war baff. Damit hatte sie nicht gerechnet. Waltraud betrachtete ihren Mann nachdenklich. „Aber Liebling, als was arbeitest du da?“, wollte sie wissen. „Ist doch unwichtig. Hauptsache, es kommt Geld in die Kasse!“, erwiderte er abweisend.

„Hm, vielleicht sehen wir uns ja? Ich meine, jetzt, wo ich mit dir zusammen in derselben Firma arbeite! Oh – Moment mal – Papa, ich habe den Job doch nicht etwa nur bekommen, weil der Rest meiner Familie bereits dort beschäftigt ist?“, hakte Clara entsetzt nach. Holger schüttelte den Kopf. „Nein, Schatz, du hast den Job vermutlich bekommen, weil du Jahrgangsbeste warst, fachlich total kompetent bist und weißt, wovon du redest. So, ich muss jetzt aber wieder los! Macht‘s gut, meine Damen, ich habe euch lieb!“, meinte er noch zum Abschied, wobei er sein Jackett ergriff und jeder noch einen Abschiedskuss gab.

„Und weg ist er!“, kommentierte Susi, als sie die Tür ins Schloss fallen hörten.

„Und du wusstest wirklich nicht, dass Papa auch bei Stiftwerk arbeitet?“, hakte Clara nach. Traudel nickte. „So in etwa. Wir lernten uns zwar dort kennen, ich hörte auf, er wurde dann irgendwann befördert, aber euer Vater hat nie viel von seiner neuen Arbeit erzählt. Um die Finanzen kümmert er sich auch. Es ist nicht so, dass es mich nicht interessieren würde, aber er erzählt ja nichts…“, antwortete sie.

2

Es war Freitag. Waltraud war im Keller, um die saubere Wäsche aufzuhängen, beziehungsweise abzuhängen. Die trockenen Kleidungsstücke brachte sie nach oben, um sie in der Küche zu bügeln. Als sie in der Küche ankam, stellte sie aber erst den Herd an. Susi musste bald von der Schule heimkommen, es war 20 Minuten vor eins. Bis um eins würde ihre Jüngste sich dann in der Wohnung eingefunden haben, gefolgt von ihrem Vater.

Waltraud seufzte und stellte das Bügeleisen an. Es würde noch ein paar Minuten dauern, bis es heiß würde, also schaltete sie derweil das Küchenradio an.

„Und jetzt die Kurznachrichten“, sagte der Moderator an. Sein Kollege verkündete: „Ja, was gibt es Neues? Es wurden wieder Asylheime angezündet, der Rechtsextremismus nimmt – wie die Arbeitslosigkeit – zu. Mehr dazu um eins. Die einzige, halbwegs erfreuliche Nachricht ist, dass eines unserer größten Unternehmen – Stiftwerk – eine neue Controllerin hat, nachdem dem alten Controller Betrug, Steuerhinterziehung und Unterschlagung nachgewiesen wurde. Tja, da kann man der Neuen nur viel Glück wünschen, sie wird viel aufräumen müssen, am Montag ist ihr erster Arbeitstag.“ „Danke, Patrick. Ja, da wünsche ich der Dame selbstverständlich auch alles Gute, sie wird tatsächlich noch viel vor sich haben. So, jetzt kommen sechs Hits am Stück, um eins dann die Nachrichten.“

Gut gelaunt wippte Waltraud mit der Musik mit, während sie die Kleidungsstücke bügelte.

Zur selben Zeit etwa erhob sich der Chef der bereits mehrfach erwähnten Firma Stiftwerk aus seinem Sessel. „Meine Damen, die Herren – ich bin froh, dass wir den Vertrag auf weitere vier Jahre verlängern konnten“, erklärte er freundlich und verbeugte sich zum Abschied noch gegen jeden einzelnen seiner Vertragspartner.

„Es ist uns immer eine Freude, mit Ihnen Geschäfte zu machen, Mister!“, erklärte einer der Männer mit einem freundlichen Grinsen. Der Chef nickte. „Für mich auch!“, erklärte er, „Meine Sekretärin wird Sie hinauf auf das Dach bringen, Ihr Helikopter wartet bereits.“ „Ah, danke sehr, danke sehr!“, erwiderte der Mann und verbeugte sich mehrmals. Dann gingen sie endlich.

Erschöpft ließ der Chef sich in einen der Sessel fallen. „Renner!“, brüllte er. Renner zuckte zusammen. „Ja, Chef?“, fragte er und kam aus seiner Ecke. „Ach, ich weiß nicht, bei diesen Menschen weiß ich nie, ob sie mich wirklich verstehen, oder ob sie nur so tun! Ständig sagen sie ja zu allem und danke, selbst, wenn Sie es eigentlich nicht so meinen!“, beschwerte der Chef sich.

„Nun – jedenfalls haben Sie die Situation bestens gemeistert, Chef!“, erwiderte Renner mit ein wenig Bewunderung in der Stimme. Sein Chef seufzte. Er schaute auf seine Rolex. „Ja, ich werde dann mal aufhören. Bereiten Sie bitte noch das Meeting für Montag vor, ja? Und die Verträge mit diesen drei größeren Kaufhäusern, ja? Und den Vertrag für die Übernahme dieses einen Konkurrenzunternehmens. Apropos – haben wir schon die Aktien?“, wollte er wissen. „Ja, die haben wir. Da habe ich mich schon letzte Woche drum gekümmert“, antwortete Renner seufzend. „Gut, dann gehe ich jetzt. Schönes Wochenende!“, meinte sein Chef noch, bevor er ging.

„Sie werden dich schon mögen“, meinte Jens gerade. Er saß mit seiner neuen Freundin Barbara im Zug nach Hause. „Aber du hast ihnen doch noch nicht einmal etwas von uns erzählt!“, protestierte sie. „Ja, Schatz, ich weiß“, erwiderte Jens und küsste ihren Hals. Sie waren alleine im Abteil. „Außerdem meintest du doch, dein Vater hätte etwas gegen Künstler!“, erinnerte sie ihn. Jens seufzte. „Ja, aber mein Vater ist ja nicht der König der Welt!“, behauptete er, „Außerdem gefällt es ihm nur nicht, dass ich Kunstgeschichte studiere.“ „Studiert habe“, korrigierte Barbara. Er nickte. „Oh, ja! Ich muss ihm ja noch beibringen, dass ich von Kunstgeschichte zu Industriedesign gewechselt habe. Tja, das kommt halt davon, wenn er mir immer aus dem Weg geht!“, meinte Jens.

Die Tür wurde aufgeschlossen. „Susi?“, rief Waltraud aus der Küche. „Ja, Mama?“, rief es zurück. Es war zehn nach eins. „Du bist zu spät!“, beschwerte ihre Mutter sich lautstark. „Tut mir leid, Mama, hab mich verquatscht! Habt ihr schon angefangen?“, wollte Susi wissen. Sie hängte gerade ihre Jacke an die Garderobe. „Nein, dein Vater ist auch noch nicht da!“, erwiderte Traudel, „Hast du ihn gesehen?“ „Nein“, antwortete Susi, als sie eintrat. „Das ist schon seltsam! Warum kommt er in letzter Zeit immer später heim? Es scheint mir, als hätte er immer später aus!“, erklärte Traudel nachdenklich.

„Ja, aber er ist ja auch ein Workaholic“, erwiderte Susanne achselzuckend. „Was ist denn das?“, hakte ihre Mutter verwirrt nach. „Na, einer, der immer arbeitet! So wie Papa eben! Diese Leute sind geradezu süchtig danach!“, erklärte Susi. Waltraud runzelte die Stirn. „Ach echt? Ich finde, dir würde etwas Workaholic auch nicht schlecht tun!“, bemerkte sie. Susi schüttelte den Kopf.

„Traudel? Schatz, ich bin da!“, rief es in diesem Moment. Holger legte seine Sachen schnell ab und trat dann in die Küche. „Na, dann setzt euch mal!“, meinte Traudel. Das ließen sich die Beiden nicht zweimal sagen.

Am Abend klingelte es. Susi sah im Wohnzimmer fern, während Holger auf der Couch Zeitung las und Traudel in ihrem Sessel strickte. „Das wird Jens sein, ich geh schon“, meinte Letztere und unterbrach ihre Arbeit. „Ach, lass! Der Junge hat doch einen Schlüssel!“, erwiderte Holger. Seine Frau hörte aber gar nicht erst hin und war schon weg. „Den vergisst er doch immer dort, wo er studiert!“, klärte Susi ihn auf.

„Na, so eine Überraschung aber auch! Kommt doch rein!“, hörten sie Traudel erfreut rufen. „Kommt? Wer ist denn das – Jens kommt doch sonst immer alleine!“, fiel Holger sofort auf. Susi nickte eifrig. „Papa, hallo“, sagte Jens zage, als er in der Tür erschien, „Susi.“ „Jens! Wen hast du uns denn da mitgebracht?“, wollte Susi sofort wissen.

„Ja, stimmt! Du hast das Mädchen noch gar nicht vorgestellt!“, bemerkte seine Mutter. „Oh! Ja, ich bin Barbara, seine Freundin. Wir sind seit drei Wochen zusammen!“, stellte Barbara sich vor, da Jens nicht den Anschein erweckte, dies tun zu wollen. „Hi, Barbara!“, grüßte Susi sie grinsend und wandte sich wieder dem TV zu.

„Wie lange bleibt ihr denn?“, wollte Waltraud wissen. „Zwei oder drei Wochen, jetzt wo vorlesungsfreie Zeit ist“, antwortete Barbara. „Und was studieren Sie?“, war das Erste, was Holger, der sie nur eines kurzen Blickes gewürdigt hatte und sich nun wieder seiner Zeitung widmete, sie fragte. „Wir studieren zusammen Industriedesign“, klärte sie ihn auf. „Industriedesign? Zusammen?“, fragte er verwundert und schaute seinen Sohn erwartungsvoll an.

„Ja, weißt du, ich habe festgestellt, Kunstgeschichte ist doch nicht wirklich was für mich. Ich designe viel lieber. Wir haben auch schon einen megaguten Entwurf gemacht, Barbara und ich. Die Idee war uns während einer langweiligen Lesung gekommen, als wir mit unseren Stiften spielten“, erzählte Jens.

„Stifte?“, wurde Holger hellhörig. „Ja, wir haben uns überlegt, wie man sie ergonomischer gestalten könnte – wir haben sogar einen fertigen Entwurf, den wir der Firma Stiftwerk verkaufen wollen“, erklärte Barbara mit leuchtenden Augen, „Jens meinte, der Hauptsitz der Firma sei hier in der Nähe?“ Holger starrte vor sich hin. Das war zu viel für eine Woche – definitiv.

„Was hat er denn?“, wollte Jens irritiert wissen. „Oh, weißt du, deine Schwestern haben vor zwei Tagen endlich herausgefunden, wo dein Vater arbeitet – bei Stiftwerk! Ja, und Clara fängt dort nächste Woche als Controllerin an, habt ihr das nicht im Radio gehört?“, erzählte Waltraud. „Echt? Ist ja krass!“, kommentierte Jens.

3

Der Montag begann. Claras Herz hüpfte vor Aufregung, als sie das Gebäude betrat. „Guten Tag“, grüßte sie die Empfangsdame. Die Frau schaute sie abwertend an, vermutlich aufgrund Claras zaghaften Auftretens. „Was kann ich für Sie tun?“, wollte sie dennoch wissen. Clara atmete tief ein. „Mein Name ist Clara Heinemann. Ich – bin die neue Controllerin. Man sagte mir, ich soll mich bei einem gewissen August Stark melden“, erklärte Clara. „Die neue Controllerin“, dachte sie bei sich, „das fühlt sich gut an, so etwas sagen zu können!“

„Ja, Herr Stark wartet bereits auf Sie, Frau Heiner“, erklärte die Frau. „Heinemann“, korrigierte Clara. Die Frau setzte ein gequältes Lächeln auf. „Wie auch immer. Hier, Ihr Ausweis, die Richtung“, meinte sie, gab Clara den Ausweis und deutete auf den Sicherheitsbereich. „Aha. Danke“, sagte Clara und versuchte, zu lächeln. Mit einem Kribbeln im Bauch bewegte sie sich auf die Metalldetektor-Tore zu. Vor ihr befand sich nun eine Barriere, die sie erst durchließ, nachdem sie ihren Dienstausweis scannen ließ.

„Frau Heinemann!“, wurde sie auch schon begrüßt. „Ah, Sie müssen dann wohl Herr Stark sein?“, vermutete Clara freundlich und schüttelte August Starks Hände, die er ihr entgegenstreckte. „Schön, dass Sie da sind, ich werde Sie nun durch unsere Firmenleitung führen“, erklärte Herr Stark.

Als erstes führte er sie unten etwas herum, zeigte ihr die Büros, stellte sie dann den Abteilungsleitern vor, dem Vorstand und so weiter. Schließlich waren sie im obersten Stockwerk angekommen. „Lassen Sie mich raten – dies hier ist das Reich des Chefs!“, vermutete Clara. Herr Stark lachte. „So ungefähr“, meinte er. Sie liefen gerade einen langen Gang mit einigen Konferenzräumen entlang, die Clara interessiert betrachtete. August schaute sie lächelnd an. „Ja, das hier ist das eigentliche Herz der Firma“, erklärte er. „Ach echt?“, fragte Clara, gespielt erstaunt. August nickte. „Ja“, meinte er, „hier finden die Geschäftsverhandlungen statt, die wöchentlichen Meetings mit den anderen Leitern unserer Zweigstellen, die Diskussionen über die Festlegung der Preise, Treffen mit potentiellen Kunden und und und. Diese Räume werden in Zukunft Ihr Zuhause sein, Frau Heinemann. Besser, Sie gewöhnen sich gleich daran.“

Clara nickte. „Sagen Sie – was glauben Sie, warum ich den Posten bekommen habe?“, wollte sie wissen. „Nun – vermutlich waren Sie bestqualifiziert, trotz fehlender Berufserfahrung, und – nun, wie soll ich sagen – eine Frau“, vermutete August. „Eine Frau?“, wiederholte Clara verwirrt. Er nickte. „Erinnern Sie sich an die Frauenquote?“, wollte er wissen. Clara lachte. „Ach so“, sagte sie. Sie blieben eine Weile schweigend stehen. Dann wollte Clara wissen: „Sagen Sie – kennen Sie eigentlich noch jemanden mit dem Nachnamen Heinemann?“ August überlegte, schüttelte dann aber den Kopf. „Auch keinen Holger Heinemann?“, hakte Clara nach. „Nein, tut mir leid“, meinte August.

„Guten Tag, Herr Stark!“, wurden sie unterbrochen. „Ah! Frau Liebstock! Wie geht es Ihnen?“, erkundigte August sich. „Gut so weit. Und wer sind Sie?“, wandte Frau Liebstock sich an Clara. „Ach, das ist unsere neue Controllerin, Frau Clara Heinemann. Das hier ist Frau Anja Liebstock, die erste Sekretärin des Chefs“, stellte August sie einander vor.

„Wie ist der Chef denn so?“, wurde Clara neugierig. Anja lachte. „Ein Tyrann. Aber ein höflicher Tyrann“, antwortete sie. „Aha. Sie sind ihm also schon einmal begegnet?“, schloss Clara daraus. Die Sekretärin schmunzelte. „Vermutlich“, meinte sie, „aber Tatsache ist, ich weiß es nicht. Er ist der Erste im Büro und vermutlich auch der Letzte. Nein, das stimmt, denke ich, nicht ganz.“ Anja überlegte. „Woher wissen Sie dann, dass er ein Tyrann ist?“, wollte Clara verwirrt wissen. „Nun, mich kommandiert er nicht viel rum, aber seinen Assistenten“, erklärte Anja mitleidig.

„Er hat einen Assistenten?“, hakte Clara verwundert nach. „Natürlich! Er ist wohl der Einzige, der mit Sicherheit sagen kann, wie der Chef eigentlich aussieht. Naja, ich muss dann auch mal wieder los! War schön, Sie kennenzulernen!“, meinte Anja lächelnd und ging weiter.

August zeigte Clara noch, wo das Büro des Chefs war, erteilte ihr aber auch gleichzeitig das strikte Verbot, niemals unerlaubt die Tür zu öffnen, Clara versprach es ihm seufzend. Nun brachte er sie noch zu ihrem Büro und stellte ihr dort ihre Sekretärin vor, Frau Sonja Selter.