2,49 €
Eine romantische Hütte im Nirgendwo, knisternde Abende vor dem Kamin – eigentlich könnte alles für Influencerin Lotte Lillegard perfekt sein. An ihrer Seite: Prinz Valenti Domene von Cartana, der Mann, der sie vor einem unbekannten Stalker beschützen soll. Der Mann, den sie schon lange heimlich liebt. Jede Berührung entfacht ein Feuer, das beide nicht länger ignorieren können. Doch Valentis dunkle Vergangenheit überschattet jeden Augenblick. Und bald ist nicht nur ihr Herz in Gefahr …
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 206
Veröffentlichungsjahr: 2026
Maya Blake
Mein Prinz, mein Beschützer?
IMPRESSUM
JULIA erscheint in der Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH, Hamburg
© Deutsche Erstausgabe 2026 in der Reihe JULIA, Band 2739 Übersetzung: Elke Schuller
© 2025 by Maya Blake Originaltitel: „Snowbound and Royally Forbidden“ erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London in der Reihe: MODERN ROMANCE Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
Abbildungen: artwork by marena, alle Rechte vorbehalten
Veröffentlicht im ePub Format in 02/2026 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.
E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 9783751541633
Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten. Die Rechte des Autors und des Verlags bleiben davon unberührt. CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.
Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:BACCARA, BIANCA, ROMANA, HISTORICAL
Alles über Roman-Neuheiten, Spar-Aktionen, Lesetipps und Gutscheine erhalten Sie in unserem CORA-Shop www.cora.de
Werden Sie Fan vom CORA Verlag auf Facebook.
Prinz Valenti Domene von Cartana sprang mit einer Leichtfüßigkeit aus dem zweisitzigen Kampfjet, die seinen jungen Piloten verblüfft zurückließ.
In nur fünfundvierzig Minuten waren sie von Cartana am Mittelmeer bis ins nordskandinavische Reykland geflogen. In Situationen wie dieser half es, Prinz eines mächtigen Königreichs zu sein und einen älteren Bruder zu haben, der als regierender König auch oberster militärischer Befehlshaber war und über ein Geschwader von Düsenjägern verfügte.
Auf dem Rollfeld salutierte Valenti dem Piloten und lief dann rasch zu dem schwarzen, PS-starken Sportwagen, der am Rande des Flugfelds schon für ihn bereitstand. Sein Zwillingsbruder Teo hatte das Fahrzeug organisiert, und sicher erwartete er einen Gefallen – wenn nicht mehrere …
Und wenn schon – darum würde Valenti sich später kümmern. Jetzt war er in Eile.
Er stieg ein, startete den Motor und fuhr mit Höchstgeschwindigkeit von der Militärbasis nach Ljomi, der Hauptstadt von Reykland. Für den Wald mit den majestätisch aufragenden Fichten neben der Straße hatte er diesmal keinen Blick übrig. Dabei zählte dieses kleine Land für ihn zu den schönsten, die er kannte.
Was für eine Aktion, was für ein Aufwand … All das wäre gerechtfertigt, wenn die Person, für die er das alles auf sich nahm, es zu schätzen wüsste. Doch diese Wahrscheinlichkeit ging wahrscheinlich gegen Null.
Valenti presste die Lippen zusammen, als er an seine letzte Begegnung mit ihr dachte. Da war es zu einem Zusammenstoß gekommen, und Jahre der Zuneigung und des unbeschwerten Zusammenseins hatten sich in … nun ja, etwas anderes verwandelt. Was genau es war, konnte er immer noch nicht in Worte kleiden.
Konnte er nicht, oder wollte er nicht?
Es spielte jetzt keine Rolle. Nicht, wenn sie womöglich in Gefahr war.
Rasch unterdrückte er die aufsteigende Beklemmung und aktivierte die Freisprechanlage. Sein Vizechef antwortete nach dem ersten Klingeln.
„Lagebericht“, forderte Valenti brüsk.
„Wir sind seit einer Stunde hier, Hoheit. Keinerlei Gefahren-potenzial erkannt. Es ist alles im grünen Bereich.“
Wie er diesen Ausdruck hasste. Nach seiner Erfahrung waren die Dinge immer nur so lange „im grünen Bereich“, bis alles schiefging.
Vor sieben Jahren hatte sich innerhalb einer Sekunde der „grüne Bereich“ in einen Albtraum verwandelt. Eine Familie war zerstört worden, und Valenti lebte seitdem in einer dunklen Welt voll seelischer Qual und Bitterkeit. Es war, als hätte er seine Lebensfreude verloren. Stattdessen war er in jeder Sekunde auf eines fokussiert: dass etwas so Vernichtendes wie damals nie wieder passieren durfte.
Im Geschäft einer Sicherheitsfirma konnte es immer Kollateralschäden geben. Aber vermeidbares Versagen, das war inakzeptabel.
Und genau darum ging es jetzt.
„Sind Sie noch im Club?“, fragte er seinen Mitarbeiter.
„Ja, Hoheit. Sie … sie weigert sich, die Lokalität zu verlassen.“
Bei jeder anderen Person, die von einem Stalker bedroht wurde, hätte Valenti seinen Leuten nicht einmal den Befehl geben müssen, sie sofort aus der Gefahrenzone zu bringen. Notfalls mit Gewalt.
Aber diese spezielle Person – das hatte er seinen Männern seit Langem eingebläut – durfte unter keinen Umständen angefasst werden.
Warum ihm das so wichtig war, konnte er sich selbst nicht erklären.
Sein Mündel.
Lotte Lillegard.
Sie war ein zweiundzwanzigjähriger wandelnder Albtraum und seit sieben Jahren die Strafe für seine Sünden, besser gesagt, für sein Versagen. Und das würde sie noch drei Jahre lang bleiben – bis sie fünfundzwanzig war und er sein Versprechen erfüllt haben würde.
Ein altbekanntes, intensives Schuldgefühl raubte ihm kurz den Atem, während er den Wagen weiter beschleunigte und an den anderen Verkehrsteilnehmern vorbeiraste.
Als Valenti endlich die Brücke über den Fjord vor sich erblickte, die ihn in Reyklands Hauptstadt Ljomi bringen würde, ließ seine Anspannung etwas nach. Ganz würde sie verfliegen, wenn er mit seinen eigenen Augen sah, dass es Lotte gut ging.
„Lasst sie nicht den Bruchteil einer Sekunde aus den Augen! Ist das klar?“, wies er seinen Vizechef an.
„Selbstverständlich, Hoheit“, kam knapp die Rückmeldung.
Valenti hatte kein Problem damit, seinen Befehl zu wiederholen, im Gegenteil. Einmal hatte er versäumt, ausreichend zu betonen, wie gefährlich eine Situation war, und das hatte ihn eine enge Freundin gekostet. Eine, die sein Leben hätte ändern können, wenn sie nicht gestorben wäre. Dass ihr Tod seine Träume vernichtet hatte, war ein Geheimnis, das er noch niemals mit jemandem geteilt hatte.
Deshalb war es ihm so wichtig, absolut wachsam zu bleiben, wenn es um Lotte ging. Auch wenn sie ihn den letzten Nerv kostete.
Valenti schaffte es bis zum Club, ohne von der Polizei gestoppt zu werden, obwohl er das Tempolimit weit überschritten hatte. Vermutlich waren sie informiert worden, dass er unterwegs war und worum es ging. Ja, es hatte Vorteile, der Bruder eines Königs zu sein.
Rasch stieg er aus und war in weniger als einer Minute im Club.
Einer seiner Leute wartete auf ihn am Durchlass zu dem höhlenartigen Raum, in dem sich Dutzende junger Menschen zu einem stampfenden Rhythmus bewegten.
„Hier entlang, Hoheit“, sagte der Mann.
Er war so groß wie Valenti und sogar noch breiter in den Schultern, was es ihm leicht machte, sich den Weg durch die Menge zu bahnen. Dann trat er respektvoll beiseite, und Valenti entdeckte die Zielperson. Für einen Moment verlangsamten sich seine Schritte unwillkürlich.
Es war das erste Mal seit drei Jahren, dass er Lotte sah. Er hatte gehofft, dass sich die aufwühlenden Unterströmungen zwischen ihnen beiden inzwischen verflüchtigt hätten.
Doch als er sie vor sich hatte, spürte er einen Knoten in seinem Magen. Eine Mischung aus Zorn, Schock, Unruhe und einem primitiven, verschlingenden …
Nein.
Er verbot sich, diese Empfindung anzuerkennen und ihr ein Etikett zu verpassen.
Er hatte wöchentlich Berichte des Teams erhalten, das speziell für Lottes Sicherheit zuständig war. Alle paar Monate hatte er mit ihrem Bruder Gunnar telefoniert, der jedoch ein viel beschäftigtes Mitglied von „Doktoren ohne Grenzen“ war und seine jüngere Schwester viel zu selten sah.
Valenti hatte ihr ein Apartment gemietet, für Essen, Kleidung, Bildung und ein dreiköpfiges Team von Hausangestellten gesorgt. Für ihre Bedürfnisse war gesorgt. Doch seit ihrem neunzehnten Geburtstag hatte Valenti sie nicht mehr gesehen.
Damals war es nur für einen halben Tag gewesen. Lotte war unangemeldet bei ihm in Cartana aufgetaucht. Tatsächlich hatte sie es geschafft, ihrem Team von fünf Leibwächtern zu entkommen. Valenti hatte alle Männer umgehend entlassen.
Da er bis dahin mit ihr über längere Zeit nur telefonisch und per Text Kontakt gehalten hatte, erkannte er sie kaum wieder. Über Nacht hatte sie sich von einem Mädchen in eine Frau verwandelt. In eine Frau, die er loswerden musste. Es wäre ein Fehler, sie in der Nähe zu behalten, warnte ihn sein Bauchgefühl, also musste er sie wegschicken. Dagegen hatte sie protestiert und ihn beinahe umgestimmt. Zum Glück war er hart geblieben. Er hatte sie in ihre Heimat Reykland zurückbringen lassen, in eines der sichersten Länder der Welt. Statistisch gesehen.
Sein Instinkt warnte ihn auch jetzt, während er am Rand der Tanzfläche stehenblieb und wie gebannt die junge Frau anstarrte, die sich ganz der Musik hingab und tanzte, als hätte sie keinerlei Sorgen.
Ihr früher schulterlanges welliges Haar hatte sie bis zur Taille wachsen lassen und offensichtlich geglättet, denn seidige Strähnen wirbelten um sie herum, als sie auf sich auf himmelhohen Absätzen selbstvergessen um ihre eigene Achse drehte.
Valenti spürte einen quälenden Druck in seinem Inneren wachsen. Was er empfand, kam den verbotenen Gefühlen von vor drei Jahren sehr nahe. Dabei hatte er alles gegeben, sie zu unterdrücken.
Ja, Lotte Lillegard war zu einer umwerfend attraktiven Frau geworden.
Nein, nicht daran denken, befahl er sich.
Er ging weiter und stellte zufrieden fest, dass man ihm hastig den Weg freigab. Lotte hatte ihn noch immer nicht bemerkt.
Seinem Team zufolge hatte sie die Gefahr, in der sie schwebte, mit einem Schulterzucken und einer Grimasse abgetan, als wäre es nur so lästig wie eine Fliege, die im Cocktail landete.
So war vor sieben Jahren von einer anderen Frau eine andere Bedrohung abgetan worden.
Mit tödlichen Folgen.
Sein Magen verkrampfte sich bei der Erinnerung. Wie er auf die Knie gefallen war, wie er diesen Körper in die Arme genommen hatte, der nicht mehr reagierte, wie er geflucht, das Schicksal angefleht und gebetet hatte. Vergeblich.
Deshalb sah er jetzt rot vor Zorn, als er neben Lotte trat. Deshalb fasste er sie grob am Arm, als sie ihn nicht beachtete. Und deshalb wurde er noch wütender, als er erkannte, warum sie ihm keinerlei Aufmerksamkeit schenkte.
Sie hielt ihr Handy in der Hand und war offensichtlich dabei, zu bloggen. Dutzende Herzen flogen über den Bildschirm, während eifrige Fremde gierig dem folgten, was sie gerade unternahm.
„Ich muss doch sehr bitten!“ Sie wandte sich ihm rasch zu und nahm dabei eine Verteidigungshaltung ein, die er ihr vor ewigen Zeiten beigebracht hatte.
Doch dabei wankte sie auf ihren hohen Absätzen, und er hielt sie fest. Vor Schreck weiteten sich ihre Augen.
„Valenti? Du?“
Wie sie seinen Namen aussprach! Sein Bauch verspannte sich. Seltsam. Es lag wohl daran, dass Lottes Stimme inzwischen tief und rauchig klang statt hoch und mädchenhaft. Das war sexy. Viel zu sexy für sein Empfinden.
„Was machst du denn hier?“ Sie starrte ihn an.
Er ließ seinem Zorn freien Lauf. „Das sollte ich dich fragen“, schnauzte er sie an. „Was zur Hölle denkst du dir eigentlich?“ Bevor sie antworten konnte, wies er auf das Handy in ihrer Hand. „Mach das Ding aus. Und zwar sofort.“
Schockiert und zugleich widerspenstig sah sie ihn an. An ihren Eigensinn erinnerte er sich gut. Jetzt schien sie ihn, ihren Vormund, allerdings kritisch zu betrachten. Das war neu und verschaffte ihm ein unbehagliches Gefühl, aber er durfte nicht vergessen, dass ihm die Meinung anderer schon lange egal war. Pflichten, Verantwortung und sein Eid waren alles, was zählte. Und er hatte hoch und heilig geschworen, für Lottes Sicherheit zu sorgen.
Und das schloss nicht zuletzt ein, dass sie vor Valenti selbst sicher war. Vor diesen unakzeptablen Gedanken, die ihm durch den Kopf geschossen waren bei ihrem unangekündigten Besuch in Cartana vor drei Jahren.
„Warum sollte ich?“, fragte sie scharf zurück. „Und du hast meine Frage noch nicht beantwortet.“
Sie nahm etwas Abstand von ihm, hielt ihr Handy auf Augenhöhe und lächelte so strahlend – und so ähnlich dem Lächeln ihrer Schwester! –, dass ihm der Atem stockte.
„Tut mir leid, meine Lieben, ich muss jetzt Schluss machen. Und nicht vergessen: seid liebevoll, liebt leidenschaftlich und lebt frei.“ Sie spitzte die Lippen wie zu einem Kuss.
Valenti stöhnte vor Wut. Es klang wie Donnergrollen. Die Menge wich vor ihm zurück wie eine einzige Person, die Musik war sehr viel leiser geworden, vermutlich von einem seiner Leute geregelt.
„Glücklich jetzt, Valenti?“, zischte Lotte. „Jetzt sieht uns wirklich jeder an.“
Es fiel ihm schwer, den Blick von ihren Lippen zu ihren Augen gleiten zu lassen. Dann nahm er ihr das Handy ab und steckte es ein, bevor er sie energisch am Arm zum Ausgang dirigierte.
„Was soll das?“
„Wonach sieht es denn aus? Wir verlassen den Club“, fauchte er.
„Du vielleicht, ich nicht.“
Er blieb ruckartig stehen, sodass sie gegen ihn stieß und seinen Arm packte, um nicht zu stolpern.
„Hier rede ich nicht mit dir“, erklärte er wütend und bemerkte, dass schon Dutzende Handykameras auf sie beide gerichtet waren.
„Dann geh doch“, sagte Lotte schnippisch. „Du warst sowieso nicht eingeladen. Ich … was zum Teufel!“
Valenti achtete nicht auf ihren empörten Schrei, sondern hob sie hoch und legte sie sich über die Schultern. Die Gäste des Clubs, die hingerissen zuschauten, wies er mit einem grimmigen Blick in die Schranken.
Sechzig Sekunden später saß sie auf dem Beifahrersitz des Wagens, wütend wie eine nasse Katze. Sein Kommando, zu bleiben, sonst … hatte funktioniert, auch wenn ihre eisblauen Augen förmlich Blitze schossen.
„Du müsstest fünfzehn Kilometer von hier entfernt in deiner Hochschule sein. Warum bist du das nicht?“, erkundigte er sich kühl.
„Meinst du das ernst?“, konterte Lotte.
„Du bist doch ein intelligentes Mädchen, jedenfalls behauptete das dein Professor, als ich das letzte Mal mit ihm gesprochen habe. Also, was denkst du? Meine ich es ernst oder nicht?“
Sie musste tief Luft holen.
„Also, Valenti, wenn dir etwas an meinem Bildungsweg läge – und damit meine ich auch den letzten Abschnitt, den Besuch dieses als kulturelles Institut getarnten Pensionats, als ob ich eine unemanzipierte Waise aus dem neunzehnten Jahrhundert wäre, der es nur darum geht, einen Ehemann zu ködern …“ Sie holte tief Luft und fuhr fort: „Also, wenn dir das wichtig wäre, dann wüsstest du, dass ich meinen Abschluss gemacht habe. Vor drei Wochen. Ganz allein.“
Unruhe erfasste ihn, was er sich nicht anmerken ließ, während er schnell durch die belebten Straßen fuhr und dabei überlegte, wie ihm dieser Fehler hatte unterlaufen können.
Erst in einer Woche war der monatliche Bericht über Lottes Aktivitäten fällig. Der Alarm heute war ungewöhnlich. Seine Leute hatten den Clubbesuch zu Recht als ungewöhnlich hohes Risiko eingestuft.
Am Institut der Universität Reykland – dem „Pensionat“, wie sie es nannte – war sie tagsüber gut aufgehoben gewesen. Das war nun also vorbei. Immerhin sorgte das für sie angestellte Team noch für ihren Schutz. Das hatte er bisher jedenfalls gedacht …
Außerdem fand er es beunruhigend, dass sie sich nicht bequemt hatte, ihn zu kontaktieren und mit ihm zu schimpfen, weil er ihre Abschlussfeier verpasst hatte. Hasste sie ihn jetzt etwa?
Und warum kratzt mich das überhaupt? fragte er sich.
An einer roten Ampel warf er Lotte einen Seitenblick zu und bemerkte, dass sie Kummer zu verbergen suchte.
Was hatte sie eben noch gesagt? Sie war allein bei der feierlichen Verabschiedung gewesen?
„Was genau meinst du mit allein?“, hakte er nach.
„Brauchst du eine Definition davon?“ Ihre Nasenflügel bebten.
„Als ich vor etwa drei Wochen mit deinem Bruder gesprochen habe, war er noch in Reykland und behauptete, er würde einige Wochen bleiben. Da habe ich angenommen, er würde zu deiner Feier kommen. Deren Termin ich, das muss ich zugeben, nicht im Kopf hatte.“
Nun runzelte sie die Stirn. „Sprichst du oft mit Gunnar?“
„Mindestens einmal im Monat.“ So erfuhr er Dinge aus ihrem Leben, die nicht in den professionellen Bericht gelangten.
Von daher wusste er, sie hatte ihm nicht verziehen, dass er sie in Cartana abgewiesen hatte. Er war deswegen aber nicht unglücklich. Er musste Abstand zu ihr halten. Sie war nicht mehr das sorglose Mädchen von früher, sondern eine attraktive, begehrenswerte junge Frau.
Eine Frau, vor der er sich in Acht nehmen musste, wenn er nicht ungeahnte Komplikationen heraufbeschwören wollte.
Für sie und für sich selbst.
Nun blickte sie aus dem Fenster. „Na, er war aber nicht dabei. Er wurde vier Tage vor der Feier wegberufen, also …“
Sie sprach nicht weiter. Blickte weiter durchs Fenster, sodass er ihre Miene nicht deuten konnte.
Valenti biss die Zähne zusammen. Schließlich wandte sie sich ihm doch zu, und er atmete erleichtert auf. Er war hier, um sich einem Problem zu widmen, über das er mit ihr noch gar nicht gesprochen hatte.
Bis jetzt.
„Hast du nicht gedacht, es wäre nützlich, irgendjemandem zu sagen, dass du dir einen Stalker zugezogen hast?“ Der zynische Ton war gerechtfertigt, fand er. Notwendig sogar. Allein das Wort auszusprechen, brachte ihn in Rage.
Niemand durfte den Ernst der Lage unterschätzen, schon gar nicht sie selbst.
Einmal hatte er dies miterlebt, und er hatte dadurch seine beste Freundin verloren, seine Verbündete.
„Irgendjemanden zu informieren? Oder meinst du dich?“, fragte Lotte provokant.
„Stell meine Geduld jetzt besser nicht auf die Probe“, warnte er.
Sie wurde blass, was ihm kein bisschen Mitgefühl entlockte. Immer fester verschränkte sie die Finger, als sie sich dem Apartmenthaus näherten, das er persönlich auf seine Sicherheit hin inspiziert hatte, bevor er das Penthaus mietete. Dort hätte sie vor unerwünschter Aufmerksamkeit gefeit sein müssen. Doch es war leider anders gekommen, und Lotte schien das leichtherzig zu ignorieren.
Schließlich blickte sie doch zu ihm. „Wie hast du davon überhaupt erfahren?“
Er zog nur die Brauen hoch und schwieg.
Ihr Zorn, der völlig unangebracht war, machte sie offensichtlich mutig. „Und nur deswegen hüpfst du in deinen königlichen Jet und kommst her, um deine lästige Bürde zu sehen?“
„Ich habe nicht meinen königlichen Jet benutzt, sondern ein Militärflugzeug, was schneller ist“, berichtigte er sie und empfand Genugtuung, als sich ihre Augen weiteten. „Lenke damit nicht vom Thema ab und antworte endlich, Lotte!“
Bildete er sich das nur ein, oder erschauerte sie, als er ihren Namen sagte? Bildete er sich womöglich die ganze unbequeme und grässliche Situation ein? Er nahm hier viel zu viel Einzelheiten bei seinem Mündel wahr. Wie das Laternenlicht ihre Haut schimmern ließ. Wie elegant ihr schlanker Hals war. Wie gut ihre Hüften in den Schalensitz des Sportwagens passten.
Valentin bog zu schnell in eine Parkbucht ein, wodurch Lotte kurz die Balance verlor. Ihre linke Brust wurde gegen seinen Arm gepresst, und diese bizarre Empfindung von vor drei Jahren kam zurück. Valenti umfasste das Lenkrad noch fester.
„Jede Persönlichkeit in den sozialen Medien mit ein paar Dutzend Followern lockt heutzutage Trolle an“, erklärte Lotte. „Das ist kein großes …“
Sie verstummte, als er kommentarlos ausstieg. Während er um das Auto herumging, versuchte er, seine Beherrschung zurückzugewinnen.
Und sich ins Gedächtnis zu rufen, dass Gefühle, Empfindungen, Bitten und Überlegungen nicht zählten. Nicht zählen durften.
Er hatte es seiner sterbenden Freundin, dieser außergewöhnlichen Frau, geschworen. Diesen Eid würde er halten, unter allen Bedingungen.
Er öffnete ruckartig die Beifahrertür. „Raus!“
„Valenti, ich …“
„Wir diskutieren das drinnen. Und ich würde dir ernsthaft raten, dass du mir eine bessere Erklärung für deine Nachlässigkeit lieferst als die Behauptung, dass es jedem passiert, gestalkt zu werden, und dass es keine große Sache ist.“
Sobald Lotte ausgestiegen war, packte er sie wieder am Arm. Nicht, weil er befürchtete, sie könne weglaufen. Nicht mal sein eigenwilliges Mündel wäre so dumm.
Nein, es ging tiefer. Er musste spüren, dass sie bei ihm und sicher war, um seine Besorgnis in den Griff zu bekommen.
Schweigend gingen sie ins Haus und betraten den Lift. Da sagte sie: „Du hast meine Frage auch nicht beantwortet. Woher weißt du von dem Stalker?“
„Ist die Frage ernst gemeint?“, konterte er.
„Hat das Wort Privatsphäre keinerlei Bedeutung für dich?“
„Das sagst ausgerechnet du, Lotte? Du teilst dein Leben mit ungezählten Followern. Ich interessiere mich für jeden, der aus der Reihe tanzt. Wenn es um deine Sicherheit geht, kenne ich keine Kompromisse. Dafür entschuldige ich mich nicht.“
Der Lift hielt direkt im Penthaus, und als sich die Türen öffneten, standen dort schon der Leibwächter sowie die drei Bediensteten, die sich um Lotte und ihr Apartment kümmerten.
Der Butler Leif, ein ehemaliger Major, den er selbst wegen dessen militärischer Expertise ausgesucht hatte, verbeugte sich. Ada, die Haushälterin, und die junge Zofe knicksten.
„Hoheit, es tut mir leid, dass uns nicht bewusst war, dass Sie uns mit einem Besuch beehren. Sonst wären wir besser vorbereitet gewesen“, sagte Ada entschuldigend.
Lotte ging, die Lippen zusammengepresst, ins Wohnzimmer.
„Mein Besuch war nicht geplant“, erklärte Valenti und bemerkte, wie verlegen die drei wirkten. „Ich merke, es ist etwas passiert?“
Leif tauschte einen Blick mit Ada. „Es könnte bedeutungslos sein.“
„Erzählen Sie es mir. Sofort.“
„Es ist wohl besser, ich zeige es Ihnen, Hoheit. Und Sie, Lotte, sollten hierbleiben.“
„Auf keinen Fall! Ich wünschte, ihr würdet mich nicht alle behandeln, als wäre ich ein zerbrechliches Etwas. Oder ein Kind.“ Sie wirbelte herum und ging zu ihrem Schlafzimmer.
Wieder griff er nach ihrem Arm und zog sie zu sich.
„Und ich wünschte, Ihr würdet nicht ständig Hand an mich legen, Hoheit“, fügte sie hinzu. Wütend und völlig respektlos.
„Hör auf, dich kopfüber in Gefahr zu stürzen, und ich könnte es mir überlegen“, erwiderte er.
Sie wurde blass, dann kehrte Farbe in ihre Wangen zurück. Ein zartes Rosa. Sehr anziehend.
„Wie kannst du es wagen! Ich habe ein Recht, zu gehen, wohin ich mag. Das hier ist mein Zuhause.“
„Für das ich bezahle“, sagte er leise an ihrem Ohr. „Hast du das vergessen?“
Lotte sah nun nicht nur wütend, sondern verletzt aus, und ihre Augen verdunkelten sich.
Valenti unterdrückte einen Fluch, während sie sich von ihm losriss. Seit er den dringlichen Text in Cartana erhalten hatte, war alles Stück für Stück nur schlimmer geworden. Man hatte ihn informiert, dass einer von Lottes Followern eine Bedrohung darstellte. Es gab immer bedenkliche Individuen, die man im Auge behalten musste bei Klienten mit hohem Sicherheitsrisiko, vor allem bei Kunden, die online sehr präsent waren.
Es war ihm selbstredend schon länger klar, dass Lottes sehr aktives Agieren in den sozialen Medien unweigerlich Trolle anlocken würde. Die waren von seinem Team bisher identifiziert und unschädlich gemacht worden.
Doch einer war durch die Maschen geschlüpft, wie es sich jetzt herausstellte.
Ja, alles ist so lange im grünen Bereich, bis es das eben nicht mehr ist, dachte Valenti, wieder einmal von bedrückenden Erinnerungen heimgesucht.
Streng sah er Lotte an. „Du kannst mich in dein Schlafzimmer begleiten, aber rühre dich nicht von meiner Seite. Verstanden?“
Vielleicht erkannte sie endlich den Ernst der Lage. Vielleicht hatte auch sie sich erinnert, was nicht nur er, sondern auch sie verloren hatte?
Sie nickte.
Das besänftigte ihn allerdings nicht. Während er den Flur entlangging, hielt er Lotte am Handgelenk und spürte ihren Puls unter seinen Fingern.
Spürte, wie weich und zart ihre Haut war. Nicht daran denken, befahl er sich.
Im nächsten Augenblick vergaß er alles bei dem zutiefst beunruhigenden Anblick, der sich ihnen in ihrem Zimmer bot.
Lotte atmete scharf ein und wurde blass. „Oh mein Gott.“ Sie presste sich die Hand auf den Mund.
Valenti zog sie an sich, froh darüber, dass er sie nicht allein hatte gehen lassen.
Auf ihrem Bett waren mehr als ein Dutzend Dessous ausgebreitet, und in jedes Stück war ein glänzend rotes Herz aus Plastik gebohrt.
Sein Zorn, der immer noch gesimmert hatte, drohte überzukochen.
Valenti wirbelte zu den Leuten herum, die jetzt hinter ihm standen. „Wie zum Teufel konnte das passieren? Wie konnte jemand in ihr Zimmer eindringen, ohne dass es jemand gemerkt hat?“
Die Leute zuckten bei seiner Frage zusammen. Am liebsten hätte er alle augenblicklich gefeuert, aber seine Aufmerksamkeit wurde von Lotte beansprucht, die näher zum Bett ging.
„Worauf haben wir uns eben geeinigt, Lotte?“, fragte er scharf.
„Ich möchte nur sehen, ob …“
„Nein! Du fasst nichts an, bis die Polizei alles untersucht hat.“ Ein Blick zu Lottes Bodyguard genügte, und der zog sein Handy aus der Tasche, um die Behörden zu verständigen. „Ada, Sie lassen sich von einem meiner Männer in die nächstgelegene Boutique unserer Kette House of Domene fahren und besorgen dort für Lotte alles, was sie für einen längeren Aufenthalt außerhalb des Apartments benötigt.“
Ada knickste. „Sehr wohl, Eure Hoheit.“ Rasch verließ sie das Zimmer, gefolgt von der Zofe.
„Was soll das Ganze, Valenti?“, fragte Lotte stirnrunzelnd. „Wir müssen darüber reden. Das ist dir doch klar, oder?“
Er antwortete nicht gleich, sondern schickte seinem Zwilling eine SMS mit einem Lagebericht. Dann blickte er hoch und bemerkte Leif, der sich an die Tür zum angrenzenden Bad gestellt hatte und entschlossen dreinsah, was Valentis Besorgnis verstärkte. Vermutlich hatte er dort etwas gefunden, das noch besorgniserregender war als das Arrangement auf dem Bett. Es musste der Grund sein, warum die Leute versucht hatten, Lotte von ihrem Schlafzimmer fernzuhalten.
Er neigte sich ihr zu und wurde kurz von ihrem süßen, frischen Duft überwältigt, der bei ihm Empfindungen auslöste, die er nicht näher analysieren wollte.
