Mein roter Teppich für Außenseiter - Dieter Wahl - E-Book

Mein roter Teppich für Außenseiter E-Book

Dieter Wahl

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Beschreibung

Ein Lebemann, der nicht mehr leben wollte. Ein Schlagerstar, den eine ganze Stadt brüskierte. Eine 119-Jährige, die rundum noch fleißig mitmischte. Eine Résistancekämpferin, die ihren sadistischen Peiniger entlarvte. Ein Paradiesvogel, der sich mit fremden Federn schmückte. Ein TV-Kommissar mit einem makabren Hobby. Ein Öko-Clown, der zum Säulenheiligen eines ganzen Landes wurde. Ein Maler, der seine Bilder in den Kosmos schickte...Nur acht von 16 außergewöhnlichen Charakteren mit bewegenden Schicksalen, denen der Autor insbesondere in seinen vierzig journalistischen Ost-West-Jahren begegnete und denen er in diesem mit leichter Hand geschriebenen Buch seinen sehr persönlichen roten Teppich ausrollt.

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Seitenzahl: 720

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhaltsverzeichnis

Impressum 3

Widmung 4

Was vorher zu sagen wäre 5

Philippe Planquois 9

wurde als Transvestit „Fifi“ zum Paradiesvogel, der sich mit fremden Federn schmückte

Alain Bernardin 46

war als Patron des Pariser „Crazy Horse“ ein Lebemann, der nicht mehr leben wollte

Henri Alleg 62

alarmierte die Welt mit einem Hilferuf aus dem Folterkeller einer algerischen Todeszelle

Jean Richard 79

wurde gefeiert als TV-Kommissar Maigret und als Zirkusdirektor mit einem makabren Hobby

Lise Lesèvre 97

entlarvte als ehemalige Résistancekämpferin im Barbie-Prozess ihren sadistischen Peiniger

Robert Hébras 130

überlebte das Massaker von Oradour und verwandelte den Albtraum in Geschichtsbewusstsein

Jacques-Yves Cousteau 148

hat mit spektakulären Tiefsee-Expeditionen und Weltumsegelungen die Meere erkundet

Ludwig Weinberger 168

wurde als „Waluliso“ vom verspotteten Öko-Clown zum verehrten Säulenheiligen von Wien

Professor Michel Delforge 185

gelang es als Krebsspezialisten, dem Sensenmann extrem viel Lebenszeit abzuringen

Sigmar Krause 225

hat als Gründervater und erster Chef des Kultradios DT64 Rundfunkgeschichte geschrieben

Frank Schöbel 286

enttäuschte zu Beginn seiner glanzvollen Popkarriere als „Rabenvater“, den niemand wollte

Max Pritze 349

war ein väterlicher Vikar für seine Messdiener mit selbstloser Hingabe für seinen Glauben

Hermann Fröhlich 429

brachte das Kunststück fertig, als Lehrer Respektsperson und zugleich Schulkamerad zu sein

Subeida Sheidajewa 467

war noch mit 119 Jahren als vermutlich ältester Mensch der Welt eine gefragte Lehrausbilderin

Isset Orudshewa 482

bewirkte mit einer couragierten Filmrolle Jubel, Entsetzen und eine Revolution in Vorderasien

Andrej Sokolow 498

schickte die Entwürfe seiner grandiosen Weltraumbilder mit Kosmonauten in den Orbit

Was nachher zu sagen wäre 533

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2023 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99131-691-6

ISBN e-book: 978-3-99131-692-3

Lektorat: Lucas Drebenstedt

Umschlagfotos: Marion und Dieter Wahl, Frank Rüdiger, Christa Wernicke, Marianne Oppel, Privatarchiv D. Wahl

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Bildquellennachweis:

Bilder 1–2, 5, 10, 13, 16, 18–19, 22 und 31: © Dieter Wahl,

Bilder 3–4, 6, 8–9, 11–12, 15 und 17: © Marion Wahl,

Bild 7: © Gerhard Zwickert,

Bild 14: © picture-alliance/dpa/Witschel,

Bild 20: © Werner Boettcher,

Bild 21: © Marianne Oppel,

Bilder 23–25 und 27–29: © D. Wahl Privatarchiv,

Bild 26: © Christa Wernicke,

Bild 30: © Frank Rüdiger

Widmung

Für Andrea,

mein Patenkind,

das lange vor ihrer Zeit

gehen musste

Was vorher zu sagen wäre

Liebe Leserin, lieber Leser,

der rote Teppich! Natürlich: Filmstars, Majestäten und royale Hochzeitspaare, Politprominenz und Staatsgäste. Oscar-Sause in Hollywood, Leinwandfestspiele in Cannes, Venedig und Berlin, Galadinner im Élysée, Großer Zapfenstreich für Regenten, Gipfeltreffen der Weltenlenker oder Flughafenempfang eines Staatsoberhauptes. Es sind Wichtigleute, die den weihevollen Textilbelag würdevollen, steifen oder temperamentvollen Schrittes durchmessen, auf ihm in salutierender Haltung verharren oder huldvoll winkend posieren. Blitzlichtgewitter, Kusshändchen und Teenie-Kreischen. Oder Ehrenformation mit Pauken und Trompeten und Nationalhymne. Oder Brautschleppe, Hochrufe und Beifallsstürme.

Der rote Teppich! Ein Symbol der Wertschätzung für die Damen und Herren, die ihn betreten dürfen. Sie schweben meist in den olympischen Höhen allgemeiner Verehrung. Bei nicht wenigen auf diesem roten Teppich der Wichtigkeit hat ein Höhenrausch bewirkt, dass sie nicht mehr auf dem normalen Teppich der Realität geblieben sind. Abgehoben, sagt man.

Ausgesprochen bodenständig sind dagegen die Persönlichkeiten, denen ich auf den folgenden Seiten meinen ganz besonderen roten Teppich ausrollen möchte. Ich verehre sie nicht weniger als jene Weltstars und VIPs, die ich im vorhergehenden Buch „Mein Walk of Fame“ vorgestellt habe. Sie stehen nicht im Rampenlicht weltbekannter Show- und Theaterbühnen, aber ihre Geschichten und Lebensspuren sind nicht weniger bemerkenswert. Es sind charakterliche Schwergewichte mit sehr eigener Prägung, außergewöhnliche Menschen,die aus der Alltäglichkeits-Norm des Daseins in imposanter Weise herausragen.Auch sie und ihre Schicksale habenin meiner Erinnerung gravierende Eindrücke hinterlassen – und die möchte ich Ihnen gern weitergeben.

So gilt meine Bewunderung einer Lise Lesèvre und einem Henri Alleg, deren Charakterstärke und menschliche Würde über ihre sadistischen Peiniger siegten, indem sie weder ihre verinnerlichte humanistische Überzeugung noch ihre Mitstreiter für Recht und Freiheit verrieten. Was ihnen widerfuhr, waren schlimmste reale Albträume, die sie umgemünzt haben in Geschichtsweisheit.

Zum anderen habe ich mich anstecken lassen von der unbändigen Lebenslust des Revue-Franzosen Fifi und der inspirierenden Pinsel-Kreativität des Kosmos-RussenAndrej Sokolow, durch den ich wieder zu malen begonnen habe. Und ich habe mir den wohltuenden, unverwüstlichen Optimismus der Aserbaidschanerin Subeida Sheidajewa zueigen gemacht, die sich mit 119 Jahren immer noch gebraucht fühlte und meinte, dass es ohne sie nicht geht.

Dass der erfolgreichste ostdeutsche Schlagerstar Frank Schöbel im Urschleim seiner Karriere von einer ganzen Stadt brüskiert wurde, habe ich mitverschuldet – und bei diesem Desaster schon vor gut 50 Jahren einen sympathischen Sonnyboy kennengelernt, der er bis heute geblieben ist.

Und nebeneinander auf meinem roten Teppich stehen gleichermaßen ein katholischer Vikar mit weltoffener Prägung und ein sozialistischer Lehrer mit tiefem Verständnis für seine Schülerschaft.

Nur acht von 16 interessanten Menschen, über die ich erzählen möchte. Auf dem üblichen, konventionellen roten Teppich für Glanz- und Gloriafiguren sind es Außenseiter; auf meinem ganz eigenen für charakterliche Schwergewichte nicht.

Einen extravaganten Platz nimmt dabei Alain Bernardin ein, seines Zeichens millionenschwerer Chef des Pariser Erotik-Theaters „Crazy Horse“. Als ich ihn kennenlernte, bin ich ins Grübeln geraten über die soziale Großzügigkeit eines kapitalraffenden Unternehmers, der seine Weltklasse-Tänzerinnen auf eigene Taxi-Kosten nach Hause chauffieren lässt und ihnen mit väterlicher Fürsorge Privatkonten anlegt. Ein schwerreicher Patron als Wohltäter und Philantrop?

Ich bin überzeugt, dass kommerzielle Giganten-Erfolge nach dem Baumuster des Trump-Towers nicht unbedingt auf dem Fundament von Menschenfreundlichkeit entstehen. Ist MultimillionärBernardin eine Ausnahme? Auch er schenkte mir ein Stück seiner Zeit – und Zeit war gerade für ihn Geld. Geld, das ihn aber scheinbar nicht glücklich machte, weshalb er sich eine Kugel durch den Kopf schoss. Ein umtriebiger Gutmensch, der sich um das Wohl seiner Mädels sorgte, weil sie sein Kapital waren. Die Zweckbesorgtheit eines in internationalen Künstlerkreisen umstrittenen Patriarchen, der aber durch seine extremen Gegensätze, seine kreative Eigenwilligkeit und sein charismatisches Anderssein ebenfalls einen Sonderplatz in meiner Gedankenstube innehat.So gehört denn auch er – wenngleich als merkwürdiger Kautz, aber faszinierender Außenseiter – auf meinen roten Teppich personeller Wichtigkeiten.

Die denkwürdigen Bekanntschaften machte ich vor allem während meiner 40 Journalistenjahre in Ost und West – und auf besonders intensive Weise in rund 30 Jahren als Auslandskorrespondent in Moskau und Paris sowie als Pressemann der schreibenden Zunft in Brüssel.

Der rote Teppich des deutschen Bundespräsidenten zum Begrüßungszeremoniell für ausländische Staatsoberhäupter zählt 65 Meter. Der rote Teppich zum Oscar-Glamourspektakel hat eine Länge von 300 Metern. Mein individuellerroter Teppich misst sich an den Seiten und Inhalten dieses Buches. Auf ihm waren mit dem TheatermogulAlain Bernardin und dem Ozean-Abenteurer Jacques-Yves Cousteau nur zwei meiner außergewöhnlichen Bekannten süchtig nach Ruhm, Ehre und Geld – ideelle und materielle Reichtümer, die ihnen dann auch zur Genüge zuteilwurden. Allen anderenwärenTrophäen, Auszeichnungenund Huldigungen nur lästig bis peinlich. Sie würden ihre Bescheidenheit stören und sie in Verlegenheit bringen, obwohl solche Aufmerksamkeit für sie nur gerecht wäre. Und eben diese Aufmerksamkeit möchte ich ihnen nun auf meinem roten Teppich der anderen Art zukommen lassen.

Urteilen Sie bitte selbst, ob sie diese Wertschätzung verdienen.

Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Lesen, mitunter aber auch Nachdenklichkeit bis Betroffenheit.

Herzlichst

Ihr Dieter Wahl

Ahrensfelde/Eiche, im Oktober 2022

Philippe Planquois

wurde als Transvestit „Fifi“ zum Paradiesvogel, der sich mit fremden Federn schmückte

Manche Begegnung mit einem Menschen nagelt sich mit der Wucht eines Vorschlaghammers ins Bewusstsein und haftet dort ein Leben lang. Das war auch so bei meiner Bekanntschaft mit Philippe Planquois, künstlerischer Direktor des Pariser Transvestiten-Nachtvarietés „Madame Arthur“, in französischen Theaterkreisen bekannt und geschätzt als „Fifi“, der Mann mit den 40 Gesichtern, mit den 40 Frauengesichtern, um präzise zu sein – ein Paradiesvogel, der sich mit fremden Federn schmückt, mit den Federn von prominenten Damen, die er verehrt. Zumeist Film- und Popstars von Weltgeltung, in deren Gestalt er schlüpft. Mit dieser künstlerischen Metamorphose offenbart sich ein Verwandlungskünstler par excellence, der die Kopie fast echter erscheinen lässt als das Original. Unmöglich, seiner schillernden Erscheinung mit nur wenigen Sätzen gerecht zu werden. Deshalb diese Geschichte.

Ich habe nie vor und nie nach ihm jemanden zu Gesicht bekommen, der sein Dasein in komplett zufriedener Harmonie von Körper und Geist mit solch überschwänglicher Lebensgier und mit solch freudiger Rücksichtslosigkeit auf die eigene Gesundheit ausgelebt hat, dass er an dieser selbstgewollten Überforderung zerbrochen ist. Lange, viel zu lange ignorierte er Schmerzen und Wunden an Leib und Seele, bis sie ihn hinstreckten. Und nie auch habe ich eine solch krass bunte Kombination angeborener Talente, Triebe und Begabungen für Schauspiel, Ausschweifung, Kunstschneiderei, Selbstdarstellung, Arbeitswut und sexuelle Freiheit erlebt – bei gleichzeitiger Liebenswürdigkeit, Offenheit und quirliger, unersättlicher Daseinseuphorie.

Er war ein Vollblut als Franzose und Varietékünstler – mit einem durchsportlichten Theaterleib und einer mannweiblichen Seele, der Charakterzwitter eines disziplinharten Arbeitsberserkers mit einem kinderweichen Gemüt, gegen sich selbst kompromisslos und gegenüber seinen Mitmenschen tolerant und einfühlsam. Das Fingerspitzengefühl seiner Seele war ebenso ausgeprägt wie die Großzügigkeit seines Herzens, nur noch übertroffen von einer schier zwanghaften Neigung zur schrägen Posse. Ein spleeniger, flippiger Exzentriker, besessen vom Drang nach verblüffenden Verwandlungen und ganzkörperlichem Umbau. Kunterbunte Bühnenzaubereien, die er mit unsäglichem Spaß und kindlicher Freude zum Beruf gemacht hat. Ein professioneller Traumtänzer und Illusionist, der mit gestalterischen Effekten und Sinnestäuschungen spielen wollte und die Architektur seines Körpers und die Beschaffenheit seines Gesichtes immer wieder infrage stellte, indem er ständig an ihnen herumbastelte. „Fifi“ war süchtig nach Perfektion in seiner komödiantischen Kunst der lebensechten Darstellung von Glamour-Stars, die er bewunderte und seinem Publikum mit maximaler Realitätsnähe vorstellen wollte.

Ich hatte mitunter das Gefühl, dass er innerlich in einer anderen Welt zu Hause war, die er sich selbst mit seiner überquellenden Fantasie und triebhaften Rastlosigkeit immer wieder neu erschuf – eine verinnerlichte ideale Geisteswelt, in der er sich wohl fühlte, in der er seinen Neigungen nach Herzenslust frönen konnte und in der er sich seine Sünden auch selbst verzieh. Ein charismatischer Tatmensch, getrieben von schöpferischer Unruhe und produktiver Kreativität, gesegnet mit unverwüstlichem Optimismus und lebensprallem Genussempfinden. Bei seiner Geburt hatte das Außergewöhnliche Pate gestanden.

Die erotische Leichtigkeit von Montmartre

Ein solch schillernder Paradiesvogel konnte nur in exotischer Umgebung sein Nest bauen. Ideal dafür war der erotische Norden von Paris, in dem sich auf der mit 130 Metern höchsten Naturbühne von Montmartre auch die glockenförmigen Dächer von Sacré Coeur auftürmen.

Wenn die blaue Stunde den Tag an den Ufern der Seine verabschiedet und der Kalkstein der Basilika sein aufdringliches Weiß verliert, verwandelt sich die ohnehin pittoreske Realität in ein kitschiges Postkartenmotiv. Dann zieht der pariserischste der zwanzig Stadtbezirke sein Alltagsgrau aus und schminkt sich für die Nacht. Zeit für das „Moulin Rouge“, seine Windmühlenflügel neongrelle Kreise ziehen zu lassen und damit die Spätschicht der „Roten Mühle“ am Weißen Platz zu beginnen. Gleichzeitig beenden die vielen Picassos auf der Hügelspitze an der Place du Tertre ihr Tagewerk, packen Farben und Pinsel ein, schultern ihre Staffeleien und verwandeln ihr Salair in den umliegenden Tavernen je nach Kassenerfolg in einen wohlverdienten Bordeaux-Tropfen oder einen „Calvados“ oder einen „Ricard“ oder eben nur in ein schlichtes Feierabendbier.

Als ich diese unbeschreibliche Stimmung einer sanften Leichtigkeit zum ersten Mal verspürte, wurden meine Zuneigung, Sympathie und Liebe für diesen häuserverwinkelten Paris-Hügel mit seinen Steiltreppen und Uraltgassen für immer und ewig besiegelt.

Exakt hier, am Bergfuß der Butte de Montmartre, entdeckte ich Fifi und sein berufliches Domizil mehr durch Zufall, denn es versteckt sich noch heute in unangebrachter Bescheidenheit in einer unauffälligen, den Hügel emporstrebenden Seitenstraße inmitten eines Milieus, das kurz skizziert werden muss.

Ich erinnere mich mit fotografischer Schärfe, wie ich mit meiner Marion an einem frühlingslauen Samstagabend anno 1990 diese erogene Zone der Stadt erforschen wollte. Das taten wir wie immer mit akribischer Sorgfalt, in der Hand den „Michelin“-Stadtführer, mit dem wir in jeder freien Stunde die Seine-Metropole mit den Füßen erkundeten. Hier, so lasen wir, war der Original-Striptease erfunden worden. Das machte uns neugierig. Nach kurzem Herumirren standen wir mit gemischten Gefühlen vor der Hausnummer 84 am Boulevard de Rochechouart. Ehrfürchtig, belustigt und zugleich enttäuscht betrachteten wir die heruntergekommene putzlose Schmuddelfassade. Kaum zu glauben, dass sich unter diesem Dach einst das Mekka der Ruchlosigkeit breit gemacht hatte. Hier also, hinter diesen blinden Scheiben mit verwitterten Fensterläden, hatte sich damals in wilden Exzess-Nächten die Bohème vom Montmartre ausgetobt.

Gegründet wurde das Etablissement 1881 als erstes Pariser Kabarett mit dem braven Namen „Chat noir“ – „Der schwarze Kater“. Ein unbeabsichtigter Skandal war zugleich die Geburtsstunde des Striptease, der von hier aus den Siegeszug um die Welt antrat, dabei aber um meine nicht prüde, aber doch züchtige DDR einen rücksichtsvollen Bogen machte. In der Künstlerklause hatten sich damals zwei üppige feminine Maler-Modelle hysterisch gestritten, welches von ihnen wohl die besseren Körperproportionen habe. Um dies hautnah ergründen zu können, stellten die Damen schließlich, so ist überliefert, ihre unverhüllten Körper auf einem schleunigst leergefegten Tisch öffentlich zur Schau, worauf ein enthusiastisch johlendes Publikum sie begutachtete.

Dieser Wettstreit um den schönsten Busen der Natur gefiel den Herren der Schöpfung. Deshalb wurde er schnell zum festen Programmteil im Lust- und Lasterbetrieb der Touristen-Mausefalle Pigalle, deren Speck im Laufe der Zeit allerdings immer ranziger wurde. Dieses anrüchige Flair der ehemals reizvollen Sündenmeile sticht unangenehm ins Auge, als wir uns vorbeikämpfen an aufdringlichen, antatschenden Schleppern und redegewandten, schmierigen Animierfiguren. Die frühere Vergnügungsmeile mit dem malerischen Charme des Pinselgenies Toulouse-Lautrec ist verkommen zu einem kommerzkalten Neonlicht-Dschungel von Fließband-Live-Shows, Sex-Shops, Puff, Peep und Porno. Dazwischen Transvestiten-Theater. Etwa jede zehnte Prostituierte in Paris ist ein Transvestit, aber nicht jeder Transvestit ist beileibe eine Prostituierte.

Als Kunstform ist die Travestie seit eh und je eine schauspielerische Verkleidung mit der Garderobe des anderen Geschlechts, bei dem Transvestiten das Zuschauervolk mit bühnenreifer Qualität begeistern. Wirkliche Travestie ist eine vergnügliche Sache, die der Österreicher Tom Neuwirth als Conchita Wurst mit seinem Sieg beim „Eurovision Song Contest“ 2014 europaweit salonfähig gemacht hat. Damals bekam ich von Insidern den Tipp, unbedingt das Nachtvarieté „Madame Arthur“ am Montmartre zu besuchen, denn es habe die Kunst des sexuellen Rollentauschs zum imposanten Sinnesvergnügen perfektioniert. Das machte neugierig.

Die Entdeckung komödiantischer Frivolität

Wir wollten den sinnesfreudigen Musentempel unbedingt kennenlernen und stöberten ihn schließlich mehr durch Zufall auf – in eben dieser unscheinbaren Bergauf-Gasse, einem Gässchen, dem mit einem Straßennamen wahrlich geschmeichelt wurde: Rue des Martyrs 75. Die Straßenfront des Hauses ist mit schreiend roter Farbe überzogen, die in der gesamten Länge der Fassade von einem weißen, gewellten Schriftzug mit bewusst wackligen Großbuchstaben durchquert wird: „MADAME ARTHUR“. Das erweckt auf den ersten Blick den Anschein eines Schmuddelbordells mit einer Puffmutter namens Arthur. Deshalb beäugen bierselige Krawall-Touristen mit ungeduldiger Neugier den Schaukasten, ziehen dann aber fluchtartig weiter, weil keine Dirnen mit Nacktfleisch zu sehen sind. Stattdessen steht da etwas von anspruchsvollem Kabarett und das schreckt sie ab. So etwas suchen mit Kulturblindheit geschlagene Pariser Sextouristen nicht. Diese Hausnummer empfinden sie als merkwürdig, wir dagegen als des Merkens würdig.

In der Tat ist die trotz aufdringlicher Rotfärbung schmucklose Adresse in der schmalen Seitengasse leicht zu übersehen. Vielleicht halten sie einige Parisbesucher auch für das Feuerwehrdepot vom Montmartre. Das Etablissement gehobener Travestie protzt nicht mit werbewirksamer Aufdringlichkeit, sodass es im Umfeld der marktschreierischen Boulevard-Reklame auf der nebenan gelegenen Hauptstraße untergeht. Kenner und entdeckerfreudige Paris-Liebhaber stört das nicht. Für sie ist die kleine, 1946 gegründete Showbühne ein Top-Erlebnis. Das konstatierten Marion und ich mit übereinstimmender Begeisterung, als wir nach Mitternacht das Theater verließen. Für die Abendvorstellung hatten wir noch zwei freie Plätze ergattern können, kombiniert mit einem Dinner, das vorher angeboten wird.

Am Eingang von „Madame Arthur“ hatte uns mit einer faszinierend reibeisenrauen kehligen Stimme eine bemerkenswert herbe, hochgewachsene Schönheit begrüßt – in dunkelblauer Rauscherobe, mit brünetter Nostalgie-Frisur und mütterlichem Charme. Madame Arthur persönlich. Die Dame des Hauses, die ein Hausherr ist. Es gab einen guten Grund, weshalb sie in freudig aufgekratzter Laune herumpalaverte. Die Stadtväter hatten dem Haus die „Goldene Palme“ verliehen, die höchste Auszeichnung von Paris für das gelungenste Unterhaltungsprogramm und seine geschmackvolle kulinarische Umrahmung. Die „Maitresse de Maison“ zeigte den Gästen mit stolzgeschwellter männlicher Frauenbrust die metallglänzende Trophäe, auf Samt gebettet in einem nach Festlichkeit duftenden weißen Karton. Dann geleitete uns Madame Arthur wie alle Besucher an eine der langen Tischreihen, die rechtwinklig zur Bühne stehen in einem spärlich beleuchteten Zuschauerraum mit der Atmosphäre einer angenehm anheimelnden Intimität.

Es war kurz vor halb neun. Bis zum Beginn der Vorstellung blieb mit anderthalb Stunden genügend Zeit für das gemeinsame Abendessen. Währenddesssen unterhielt die Gastgeberin die Tischrunde, alberte herum, witzelte, posierte, schnatterte ununterbrochen, versprühte Geist und Witz – und aus einem Flacon verführerische Düfte. Madame Arthur ist eine fiktive Figur. Ihre Rolle geht im Transvestiten-Team reihum, wird momentan von Monsieur Chantaline gespielt.

Ins Leben gerufen wurde die Gestalt von keiner Geringeren als der berühmten französischen Komödiantin Yvette Guilbert, die 1908 das Chanson von der Lebedame Madame Arthur schrieb und so lebensprall vortrug, dass die Besungene generationsübergreifend im Gedächtnis blieb. 1945 erhielt das schon siebzig Jahre vorher gegründete Kabarett ihren Namen und wurde der erste zunächst vielgeschmähte, dann hochgelobte Pariser Transvestiten-Tempel für ausgefallene und einfallsreiche Unterhaltung.

Der „Mann der vierzig Gesichter“

Wir genießen den Abend bis in die tiefe Nacht hinein. Ich habe noch den letzten Bissen auf der Gabel, da geistern bereits die grellen Lichtkegel von Bühnenspots über die ersten Akteure auf den Brettern, die auch für die Damenriege von Madame Arthur die Welt bedeuten. Es beginnt eine burleske Revue, die ständig von Applaus und Gelächter begleitet wird. Ein quirliges Durcheinander von Parodie, Gesang, Tanz und Artistik. Als Erfinder, Hauptakteur, Organisator und künstlerischer Direktor wird im Programmheft Philippe Planquois genannt. Er verwandelt sich in der zweistündigen turbulenten Show in Glamour-Promis der A-Kategorie mit ständig wechselnden, äußerst verblüffenden Identitäten.

Ich bin von dieser Vitalität des Künstlers so begeistert, dass ich ihn dank meines Presseausweises nach der Vorstellung zu schon morgendlicher Stunde in seiner Garderobe aufsuchen darf. Er sitzt vor einem monumentalen Spiegel, ist mit Abschminken beschäftigt und muss nach den Strapazen seiner nächtlichen Auftritte sicher keinen großen Gesprächsbedarf mehr haben. Trotzdem begrüßt er mich höflich, hört aufmerksam zu und ziert sich keine Sekunde, als ich ihm mein Anliegen vortrage, einen Filmbeitrag über ihn und sein Varieté zu drehen. Er sollte einen zentralen Platz bekommen in meinem dreiviertelstündigen TV-Abendjournal „Paris zum Anfassen“, das in ostdeutscher Wendezeit in völlig freier Eigenregie möglich wurde.

Es war eine glückliche Eingebung, die mir einen außergewöhnlichen Menschen nahe brachte. Bei den Dreharbeiten, die mit Kameramann Helmut Kessner und Marion neben der tagesaktuellen Berichterstattung meist nur an Wochenenden möglich wurden, begriff ich schnell, warum Monsieur Planquois alias Fifi in der Urpariser Kunst- und Kulturszene einen überaus klangvollen Namen hat und von allen Seiten verehrt wird.

Obwohl er schon seit 16 Jahren Hand und Hirn, Leib und Seele des Unternehmens ist, liebt er gockelhafte Eitelkeit und aufgeblasene Effekthascherei nur auf der Bühne – dort aber mit aller Kraft und Raffinesse. Zwischen Tages- und Abendvorstellung arbeitet er gewöhnlich eine Treppe höher in einem verwinkelten Atelier gut getarnt hinter Bergen von Kostümen. Er schneidert sie selbst, seit er eine Modeschule besucht hat. Seine überbordende Fantasie liefert ihm auch für seine Garderobe Inspirationen und Ideen am Fließband. Die braucht er als Verwandlungskünstler, der sich mit dem Etikett „Mann der vierzig Gesichter“ in der Pariser Showbranche einen Namen gemacht hat.

An dieser naturgegebenen, mit dem Schweiß des Fleißarbeiters vervollkommneten Fähigkeit lässt er mich und Marion anderntags einen ganzen Nachmittag teilhaben. In seiner Werkstatt zeigt er mir in einer exklusiven Privatvorstellung, wie er von einem Prominenten-Gesicht zum anderen wechselt. Diese Stunden gehören zu meinen eindrucksvollsten Erlebnissen hinter Theaterkulissen. Belächelt hatte ich im Programmheft den Werbespruch „Fifi kreiert Kopien prominenter Diven, die wirklichkeitsgetreuer sind als die Originale“. Nun, da ich ihm aus nächster Nähe zusehen darf, kann ich nicht anders als dieser amüsanten Übertreibung vorbehaltlos zuzustimmen.

Im naturellen, ungeschminkten Zustand seiner Erscheinung fühlt sich Fifi weniger wohl …

… als im Zustand körperlichen Wandels, den er mit Fantasie, Geschick und raffinierten Tricks zur Perfektion gebracht hat.

Der junge Mann mit dem exakt gezirkelten ovalen Antlitz, den kühn geschwungenen Bögen der Augenbrauen und dem dunklen Kräuselhaar fällt eine Dreiviertelstunde lang mit Pinsel und Augenmaß über sein Gesicht her. Er traktiert es mit dem geheimnisvollen Inhalt von Puderdosen und Farbtöpfen, hantiert mit Pflastern, Zahnprothesen und tausenderlei anderen Utensilien. Schließlich ein Griff zur Perücke – und vor mir sitzt Marilyn Monroe. Sie blinkert und klimpert mit den Wimpern, rückt den Busen zurecht, bedenkt mich mit einem handverschickten Kuss, wirft mit elegant-neckischem Schwung eine Federboa über die Schulter und haucht mit lasziver Stimm-Erotik: „Thank you, I love you, Coca Cola.“ Ich bin perplex über so viel Lebensechtheit der längst verblichenen exzentrischen Leinwandblondine und amüsiere mich in Grund und Boden.

Eine wunderbare Illusion, die wiederauferstandene weltbekannte Sexikone Hollywoods zu interviewen.

Dann anstrengendes Ab- und Umschminken. Erneut entsteht eine meisterlich handgefertigte Figur. Jedes Detail wird berücksichtigt, perfektioniert die neue Kreation. Von den Wimpern bis zu den Fingernägeln. Weitere 45 Minuten später sitzt der nächste Weltstar vor mir und ich frage scherzhaft: „Frau Liza Minelli, woher hat Monsieur Fifi die Idee zu solchem Schöpfertum – die Idee, Sie und andere Berühmtheiten zu doubeln oder zu reanimieren?“ Das Kunstmodell vor meinem Mikrofon lässt es mich mit hoher femininer Stimmlage wissen: „Fifi bekam die Anregung zu diesen Imitationen schon mit 14 Jahren. Da war mein Idol Sylvie Vartan. Und wie viele Jungen in meinem Alter reizte mich der Schminkkasten meiner Mutter. Ich habe die Schauspielerin und Sängerin genau studiert, um Sylvie bis ins Detail nachahmen zu können. So hat es angefangen – mit der Schminke meiner Mutter.“

Der heute 76-jährigen Film- und Showlady würde das Spiegelbild ihrer Jugend sicher gefallen.

Ein drittes Mal beugt sich der Travestiekünstler vor und entfremdet sein Spiegelbild. Fifi baut sich um. Er pinselt, strichelt, tupft und wischt von der Stirn bis zum Kinn. Er drückt, schiebt, massiert und knetet seine Haut. Er streichelt Falten weg und zupft an seinem Haarschopf herum. Er malt, radiert und retuschiert in seiner Gesichtslandschaft. Dann lehnt er sich ruckartig zurück, mustert sich aufmerksam im Glas des schmucklosen, von Lampen erhellten Panoramaspiegels, prüft, untersucht und ist sichtlich zufrieden. Die Illusion ist vollkommen. Die Chansongöttin der Franzosen gibt sich die Ehre: Edith Piaf. Der Höhepunkt der Schminkorgie ist erreicht.

Als wäre die 1963 verstorbene Grande Dame auferstanden. Nur die Männerpranken verraten die Kopie.

Ich frage die Diva nach den geheimen Wünschen von Fifi. Knappe Antwort mit Sehnsucht im Unterton: „Eine große Gala in Berlin mit dem gesamten Ensemble.“ Die wünsche ich ihm von ganzem Herzen. Und nicht nur an der Spree, sondern in aller Welt. Denn wo und wann erlebt man an einem einzigen Abend ein solch intimes Rendezvous mit diesen drei Göttinnen der Kunst- und Kulturgeschichte?! Und wenn Fifi in die Vollen geht, wird seine Arbeitsmansarde unter dem Dach ein lebendes Wachsfigurenkabinett. Dann erscheinen als getreues Spiegelbild ihresgleichen auch Barbra Streisand, Nana Mouskouri, Dalida oder Mireille Mathieu. Vierzigmal verwandelt sich der Verehrer in die von ihm Verehrten, huldigt er ihnen auf seine Weise. Fifi macht’s möglich – der Mann mit den prominenten Damengesichtern, ein Paradiesvogel, der sich mit den fremden Federn von Weltstars schmückt.

Das bizarre Leben der Coccinelle

Der Art-Direktor ist wie seine Stadt: glamourös, verrückt und schön, zügellos und quirlig und frivol und ein wenig verrucht. Dieser Hauch sündhaften Lasters weht durch seine gesamte Theatertruppe, gibt ihr die Aura einer geheimnisvollen Lustbarkeit.

In dieser Crew von rund hundert Künstlern war mir eine besonders grellbunte Erscheinung aufgefallen. Ich bewunderte sie im Rampenlicht rasch wechselnder Farbspots. Eine mondäne Walküre mit üppigem Oberbau, die unter dem Namen Coccinelle kribbelnde Zirkusatmosphäre verbreitet. Sie raunte mit rauchigem, verführerischem Timbre einen hauchzarten Sprechgesang in ihr Handmikrofon, flirtete mit dem Publikum in anzüglicher, aber nicht anstößiger Pose, begleitet von doppelsinnigen Anspielungen, gab skurrile Tanzeinlagen und ließ sich ausgiebig und mit spürbarem Genuss feiern. Wer war SIE? Oder ER? Ich wollte es ergründen.

Also ging ich nach dem Ende der Show zum Chef des Ladens, einem Südostasiaten namens Alvim Noronha. Ich fragte ihn, ob er mir ein Interview mit der Exotendame vermitteln könne. Das, so meinte er bedauernd, sei „très difficile!“ – sehr schwierig! Denn sie husche allabendlich geisterhaft und fast unbemerkt in ihre Garderobe, in der sie sich verbarrikadiere und niemanden einlasse. Dann wirbele sie auf die Bühne und verschwinde nach ihrem Auftritt gleichermaßen klammheimlich. Sie möge wohl Kontakte mit anderen Personen nur von der Bühne herunter, meinte Alvim und vertraute mir an: Früher habe sie die Männer- wie auch Frauenwelt auf internationalen Varietébrettern bis zur Ekstase verrückt gemacht; nunmehr aber mache sie sich außerhalb der Vorstellungen rar, meide Presse und Öffentlichkeit – wohl, um ihre glamouröse Dolce-Vita-Erscheinung und ihre illustre Vergangenheit nicht immer wieder erklären zu müssen.

Aber, so riet mir der Patron, vielleicht könne Fifi helfen. Der habe zu all seinen Künstlern ein enges, vertrauensvolles Verhältnis. Coccinelle, so bestätigte er, sei ein von Geheimnissen umwittertes Erotikwesen, das sich jeglicher Kontakte zu Außenstehenden entziehe und damit doppelt anziehend wirke. Diese Kontaktscheu sei nicht immer so gewesen. In verflossenen Tagen habe sie als Fraugewordene Erotikkönigin international von sich reden gemacht. Ich solle, meinte er, all meine Charmepartikel zusammenfegen und versuchen, sie in ausgesucht höflicher Weise einfach zu überrumpeln, indem ich sie mit Mikrofon und Kamera nach ihrem Auftritt am Bühnenausgang abpasse und sie fürs Fernsehen um eine kleine Plauderei bitte. Da sie ebenso menschenscheu wie eitel sei, könne der Überfall klappen.

Diesen kühnen Ratschlag wollte ich am übernächsten Abend eines Wochenendes verwirklichen. Die Zeit bis dahin nutzte ich, um über Leben und beruflichen Werdegang der geheimnisvollen Coccinelle aus verschiedensten Quellen nähere Erkundungen einzuholen.

So befragte ich ehemalige Künstlerkolleginnen in anderen Pariser Travestielokalen – und je mehr Antworten ich bekam und je tiefer ich in aktuellen wie auch antiquarischen Archivbeständen von Lektüre jeglicher Art kramte, umso mehr staunte ich. So unbekannt, wie es zuerst schien, war Coccinelle in der westlichen Welt bei weitem nicht. Dass ihr die Presse nicht wie früher ständige Elogen widmete, lag erklärtermaßen daran, dass die strahlende Gloriole des einst gefeierten Revuestars weitgehend verblasst war und ihre Erfolgsserie den Zenit bereits eine geraume Weile überschritten hatte.

Als wir ihr begegneten, stand ihr 59. Geburtstag an, was sie mit Cremes, Puder, Tinkturen sowie viel Fingerfertigkeit und Retuschegeschick zu korrigieren versuchte, denn eine Showberühmtheit altert nicht. Dokumente in Pariser Kulturbibliotheken offenbarten es. Sie bekundeten zugleich ihren einstigen Ruf als extrem schrille Ausnahmekünstlerin, die es nach einer kurzen maskulinen Lebenslinie als verfraulichte Sexkönigin, Sängerin, Entertainerin und Filmschauspielerin zu internationalem Ruhm gebracht hatte – mit sowohl einer talentbegabten herausragenden Professionalität als auch einem Sensationsfaktor von Weltklasse.

Die Biografie der Coccinelle ist eine der wohl ungewöhnlichsten Geschichten von psychologischem Leiden, rebellischem Aufbegehren und körperlicher Eigenwilligkeit, von Trotz, Stolz und Erfolg. Die als Primadonna des Pigalle-Theaters bekannte Künstlerin begann ihre kunterbunte Karriere als Mann sehr bescheiden und erreichte dann als Frau everesthafte Gipfel im Auf und Ab des Showgeschäfts.

Geboren wurde sie am 23. August 1931 in Paris als Jacques-Charles Dufresnoy. Sie empfand es von Anfang an als frevelhaften Irrtum der Natur, dass sie in dieser Welt als männliches Wesen ankam. Sie fühlte sich in ihrem tiefsten Inneren als sehr weibliche Frau, irritierte Familie und Freunde mit äußerst femininem Verhalten, konnte und wollte ihre starke Bindung zu Männern nicht verleugnen und erntete mit diesem damals unnatürlichen Benehmen Verwunderung, Unverständnis, Spott, Hohn und Hass. Dies zu einer Zeit, in der Schwule und Lesben geächtet waren und selbst im revolutionsstolzen Frankreich der Gleichberechtigung Frauenkleider auf männlichen Körpern nicht nur verpönt, sondern gesetzlich verboten waren. Genitalverändernde Sexualmanipulationen waren strafbar.

Diese Risiken schreckten sie keineswegs ab bei ihrer Suche nach einem Wohlfühlkörper. Ihr innerer unbeirrbarer Drang zu einem femininen Dasein trieb sie zur Einnahme männlicher Hormone, in die Praxis von Schönheitschirurgen und schließlich zu einer andersgeschlechtlichen Operation, die sie im marokkanischen Casablanca vornehmen ließ. Ihr dadurch ebenfalls berühmt gewordener Arzt Dr. Burou hatte sie mit „Bonjour Monsieur“ begrüßt und mit „Au revoir Mademoiselle“ verabschiedet. Aus Jacques-Charles war Jacqueline Charlotte geworden – eine Namensänderung, die hochoffiziell beglaubigt wurde mit amtlichem Brief und Siegel durch die französische Administration und mit einer zweiten Taufe durch die katholische Kirche. Für die einen ein sensationeller Fortschritt im Freiheitsdenken, für die anderen ein abgrundtiefer Skandal satanischer Verkommenheit.

Der als erste biologische Verfraulichung bekannt gewordene ärztliche Eingriff erregte 1959 weltweites Aufsehen, beherrschte die Schlagzeilen und Bildseiten der internationalen Konfettipresse. Ungeachtet der erregten emotionalen Folgediskussionen über die gelungene Geschlechtsumwandlung wurde die Transsexuellenberühmtheit unter dem Pseudonym Coccinelle zum Außenseiter-Filmstar. Nach kosmetischen Gesichts- und Körperkorrekturen, Schminkorgien und Blondhaarfärbung entsprach sie in verblüffend vollendeter Weise den attraktiven Schönheitsidealen der bonbonfarbenen Sehnsuchtsfabrik Hollywoods, konnte sie sich durchaus mit deren damaligen bekannten Busenwundern, Sexbomben und Kinolieblingen messen. Da wirkliches Können im Rampenlicht der Showbühnen und vor den Kameras der Filmstudios dazu kam, machte sie in einer Vielzahl von Leinwandstücken eine wahrhaft gute Figur und damit Furore.

Als sie in der Pariser Prominenten-Kathedrale Notre Dame als Transsexuelle heiratete, war auch das eine Premiere, die sie noch zweimal wiederholte. Eine stete öffentliche Aufmerksamkeit war ihr sicher. Nicht weniger Aufsehen erregte die überraschende Entscheidung, sie im Pariser „Olympia“, dem heiligen Tempel klassischer französischer Showkultur, auftreten zu lassen. Die einen waren entsetzt und verdammten es als Tabubruch, die anderen jubelten und feierten es als Durchbruch hin zu mehr künstlerischer Vielfalt. Was aber niemand bestreiten konnte, war die eindrucksvolle Tatsache, dass ein charismatischer Showmensch mit einem Andersgeschlecht monatelang mit seiner Revue „Cherchez la femme“ Beifallsstürme erntete.

Es folgten Bühnen- und Fernsehshows nonstop. Ihre jahrelangen Tourneen führten sie nach Kanada und Lateinamerika bis in den Iran, wo sie der Schah von Persien um einen Exklusivauftritt bat.

Einher mit den künstlerischen Erfolgen gingen in diesem atemlosen Lebenslauf Marathonstrecken exzessiver Vergnügungen auf Partys, gekoppelt mit Klatsch und Tratsch über Liebschaften, frivole Exzesse und der Hochzeit mit einem Scheich. Was war Wirklichkeit und was Gerücht? Was Tatsache und was Reklame? Sie ließ alles gelten und lebte ihr außergewöhnliches Leben jenseits jeglichen vorstellbaren Spießertums.

Völlig vorbei gegangen war an der DDR-Presse und damit auch an mir ihr fast zehnjähriges Engagement an verschiedenen Westberliner Kabarettbühnen bis zum Ende der 1980er Jahre. Zurück in ihrer französischen Heimat, gründete sie die „Gesellschaft Frauwerden“ als solidarische Hilfe für geschlechtszweifelnde Menschen, die Seelsorge, psychischen Beistand, emotionale Unterstützung und praktische Begleitung in ihrem quälenden Bestreben brauchen, für ihr Wohlbefinden vielleicht ihre sexuelle Identität zu wechseln.

Nach der Rückkehr in ihre Geburtsstadt Paris ankerte sie erneut im Revue-Theater von Madame Arthur. Und hier begegneten wir der eigenwilligen Globetrotterin in Sachen Travestiekunst.

Von der Magie eines Marienkäfers

Wie geplant gehe ich zum ausgemachten spätabendlichen Zeitpunkt mit Kameramann Helmut Kessner und Marion auf Position. Wir erwarten sie gleich hinter der Bühne und ich gestehe gern, dass mein Puls sich einige Schläge mehr als üblich erlaubte. Statt 76 müssen es wohl um die 100 gewesen sein. Als Coccinelle – noch auftrittsheiß – an uns vorbeidampfen will, spreche ich sie an – in ruhiger, bescheidener Tonlage, die wie ein höfliches Bittgesuch klingen soll.

Die Nähe ihrer exotischen Erscheinung fasziniert mich. Nicht mehr die ehemals niedliche, gertenschlanke, zierliche Sirene mit Wespentaille, wie ich sie auf früheren Fotos gesehen habe. Aber eine immer noch faszinierende erotische Persönlichkeit, die von der verändernden Kraft der Zeit schließlich etwas wuchtiger ins Leben hineinmodelliert wurde – mit einer optischen Korrektur, die sie weder schlank noch füllig erscheinen lässt. Eine weiterhin blendende Weiblichkeit mit der dominierenden Note einer magischen Anziehung – nunmehr zwischen Amazone und Walküre mit ausladender Oberweite und wohlgeformter Körperlandschaft, die den ohnehin schmalen Gang zur Bühne noch kleiner erscheinen lässt.

Coccinelle weiß, was sie will: „Dass es da ganz oben, wo ich jetzt bin, weitergeht.“

Nun verstehe ich, warum niemand, der sie gesehen hat, glauben wollte, dass sie einmal ein Mann gewesen sein soll. Und jetzt kann ich mir auch vorstellen, dass sie in jungen Jahren als materialisierte frauliche Verführung eine betörende Wirkung auf die Männerwelt hatte und selbst Machos und Majestäten in aller Welt verzaubern konnte. Unter wallender, aufgetürmter Blondmähne große ausdrucksstarke Veilchenblau-Augen, ein zartgliedriges Puppennäschen und ein schwülstiger, knallroter Schmollmund. Da haben wohl hochbezahlte chirurgische Koryphäen ihr Bestes gegeben. Vervollkommnet wird das zur Frau gewordene Kunstwerk amouröser Vitalität durch endlose Langbeine und einen wogenden Busen, dessen Überfülle durch hauchdünne Seidenfäden nur spärlich verschleiert ist. Die sicherlich nachgeholfenen perfektionierten Proportionen stimmen, es passt alles – außer ihrem Namen Coccinelle, aus dem Französischen übersetzt „Marienkäfer“. Nein, zierlich und klein wie ein Marienkäferchen wirkt sie wahrlich nicht, eher wie ein radschlagender Pfau mit weitgespreiztem Schillergefieder. Woher dieser Künstlername?

Wir erfahren es kurze Zeit später aus ihrem eigenen Mund. Als sie auf der ersten Sprosse ihrer steilen Karriereleiter in Neugierlaune das Etablissement von Madame Arthur besuchte, bewunderten alle nicht nur ihre tadellose Figur, sondern auch ihr auffällig schwarz gepunktetes rotes Kleid. Eine Besucherin war entzückt und verglich es mit dem geflügelten Rückenschild eines Marienkäfers. Seither war Coccinelle ihr Künstlerpseudonym und das possierliche niedliche Flugtierchen ihr Glücksbringer.

Vor dieser Erklärung aber lag das Fragezeichen ihrer Ansprechbarkeit zwischen Auftritt und Feierabend – und den hatte sie sich nach mehreren Zugaben redlich verdient. Wer nicht fragt, erhält keine Antwort, nimmt damit eine Absage von vornherein in Kauf. Also frage ich. Sie stutzt, hält inne, hört sich mein Begehren mit geduldiger Freundlichkeit an. Dann huscht ein wohlgefälliges Lächeln über ihre in dicke Schminke getauchten Gesichtszüge. Die Schmeichel-Einheiten haben die Scheu-Einheiten besiegt. Mit dem Wirkungsreflex des Rampenlicht-Profis dreht sie sich in die günstigste Kameraposition, bringt ihre Schokoladenseite visuell voll zur Geltung: „Mein Lebensziel wollen Sie wissen? Ganz einfach: Dass es da ganz oben, wo ich jetzt bin, weitergeht. Es ist eine Rückkehr zur Quelle, in der ich schon früher gern gebadet habe. Ich will hier bei Madame Arthur arbeiten, bis mich keiner mehr sehen will – und wenn es noch im Rentenalter wäre.“ Sie lacht schallend, fügt ein Kompliment an: In Australien und in Berlin habe es ihr besonders gefallen. Und nun sei sie wieder in ihrem Frankreich gelandet, wo sie in ihren Anfangsjahren im Nachtclub „Le Carrousel“ als Transvestitenschönheit zur Attraktion geworden war und sich ihre goldenen Sporen im Revuetheater von Madame Arthur verdient hatte. Ja, sie sei nach einer langen Weltreise nun wieder zu Hause angekommen und genieße das heimische Publikum, das ihr immer noch wohlgesonnen sei.

Sie unterbricht plötzlich ihren Redefluss. Es hat den Anschein, als wäre sie über ihre mitteilsame Beredsamkeit selbst erschrocken. „Au revoir, Monsieur.“ Coccinelle rauscht davon. Zurück bleibt ein irrer Duft von Lavendel. Er schwängert die Luft ähnlich dem dichten, sinnesberauschenden Nebel aus einem Weihrauchfass, wie ich es als Messdiener zur weihnachtlichen Mitternachtsmesse geschwenkt habe.

Zwei Jahre nach unserem Treffen wurde es ihr an der Pigalle zu eng, zog es den rastlosen Paradiesvogel in den warmen Süden, um ein Nest an der Côte d’Azur zu bauen – ein Transvestitentheater in Marseille. Es sollte die letzte Station im quirligen Bilderbuchabenteuer ihres Aufregerlebens werden. Hier starb Coccinelle, wie sie es sich gewünscht hatte: auf den Brettern ihrer Showbühne, in der sie bis zuletzt noch mit 75 Jahren auftrat und das Publikum mit großer Geste und ihren Immernoch-Reizen umgarnte. Ihr Name aber bleibt ewig und für alle Zeit mit dem Ursprungsort ihrer Erfolge verknüpft, was auf dem Montmartre auch zweifelsfrei dokumentiert ist. Auf Beschluss des Pariser Stadtrates wurde Mitte Mai 2017 eine autofreie Spaziergängerzone nach ihr benannt. Die „Promenade Coccinelle“ beginnt als baumumsäumter Mittelstreifen des Boulevard de Clichy symbolhaft am Abzweig der Rue des Martyrs, also der Adresse ihres geliebten Artur-Cabarets, und endet am Pigalle-Platz. Auf dem tiefblauen Straßenschild findet sich in verbal kürzester Kürze ihre Visitenkarte, die in amtlicher Korrektheit nichts von der Turbulenz ihres Daseins ahnen lässt: „Jacqueline Charlotte Dufresnoy, 1931-2006, Artiste de Cabaret“.

Die Ehre eines Straßennamens für einen Transvestiten. Noch zur Zeit meiner Begegnung mit ihr undenkbar! So, wie das Straßenschild auf dem Montmartre ihre Persönlichkeit in der Gegenwart festhält, wird auch mir der Moment gegenwärtig bleiben, da ich ihr in der Enge eines Bühneneinganges hautnah gegenüberstand. Es war eine flüchtige Begegnung, die einen bleibenden Eindruck hinterließ. Ich war noch benommen von ihrer einnehmenden Präsenz und ihrem atemberaubenden Flair, als ich mich in den schummrigen Zuschauerraum zurücktastete. Die Show war zu Ende und die Akteure des Abends um ihren Maître Fifi ließen sich schwitzend und glücklich von der internationalen Touristenschar feiern, genossen ihre Huldigungen mit Beifall und Blumen.

Als ich mich mit Dank für die Coccinelle-Vermittlung und einer Gratulation für die gelungene Show von Fifi verabschiede, lässt er mich längst noch nicht gehen. Fifi ist ein Nachtvogel, bittet mich eine Treppe höher in das Heiligtum seiner gestalterischen Kreativität, erzählt mir in seiner Werkstatt bei einem köstlichen Tropfen Bordeaux, was er sich im Laufe der Jahre so alles hat einfallen lassen für seine zirzensischen Theaterauftritte – als Schneider und Visagist, als Kosmetiker, Masken- und Bühnenbildner. Wir fabulieren und trinken, trinken und fabulieren. Selten war mir Paris so nahe wie an diesem Abend, als mir ein Künstlerfranzose tiefe Einblicke in sein Außen- und Innenleben gestattete.

Das „flinke Kaninchen“ und sein malender Esel

Nachdem die Pforte des Nachtkabaretts hinter mir ins Schloss gefallen ist, drängt es mich in schon morgendlicher Kühle zu einem Frischluft-Spaziergang am Fuße des Montmartre-Hügels, um die neuen Eindrücke zu verarbeiten. Ich kann und will das Gedankenkarussell so schnell nicht anhalten und lasse es ohne Tempoverlust weiterkreisen.

Vieles kommt mir in den Sinn, als ich zu frühmorgendlicher Stunde gedankenverloren über die Lust- und Lastermeile der Pigalle schlendere. Bald werden hier geschäftige Besengeschwader ausschwärmen, um den Touristenmüll zu entsorgen. Die mobile Nachtwache eines Streifenwagens holpert vorüber, ein grölender Trinkerverein macht sich Mut für das nächste Sexabenteuer, ein in Decken gehüllter Clochard auf einer der gusseisernen Bänke am steinigen Mittelpfad des Boulevards genehmigt sich noch einen kräftigen Absacker, wohlklimatisierte Reisebusse schaukeln Touristenvölker zurück in ihre Hotels. Schräg gegenüber vom ersten Striplokal „Chat noir“ feilschen Gewerbedamen um Macharten und Preise. Dass Transvestiten dabei sind, versteht sich von selbst – nur wenige hundert Meter entfernt von „Madame Arthur“. Welch Unterschied, welch Gegensatz! Dasselbe ist halt nicht dasselbe, denke ich vor mich hin und ziehe mitten im Sommer fröstelnd den Kragen hoch.

Seit ich die ästhetische Theater-Lustbarkeit im Hause von Madame Arthur erlebt habe, wirken die pornoverkeimten Glitzerhöhlen von Pigalle mit ihrem Schmuddelsex auf mich noch stumpfsinniger und trister als vorher. Und inmitten dieser primitiven, triebgesteuerten Flut eines Kommerzsumpfes liegt eine Insel komödiantischer Frivolität mit Fifi und seiner Zirkustruppe. Welch eine Entdeckung! Welch eine Perle humoriger, lustvoller Unterhaltung! Sie lässt ahnen, mit welcher Vitalität begehrlicher Sinnlichkeiten die Pigalle der Gründerzeit gesegnet war. Ihr Glanz verschwand in der Rinnsteinbrühe von Alleskäuflichkeit und Profitjagd. Geblieben sind am Montmartre aber Gottlob einige wenige Leuchttürme von ehrbarer Tradition wie das weltberühmte „Moulin Rouge“ oder Kleinkunstbühnen wie „Madame Arthur“ oder der Musentempel „Lapin Agile“ mit urfranzösischem Charme. Profilierte Künstler aus allen Landesteilen singen hier in familiärer Intimität gemeinsam mit dem Publikum bei einem Sinne und Stimme anregenden Kirschgeist eine ganze Nacht lang stimmungsvolle Trink- und Scherzlieder.

Ich kenne das eingezäunte, pittoresk wirkende altehrwürdige Doppelstockhaus sehr gut auch von innen, habe ich doch dieses älteste Kabarett von Paris des Öfteren besucht. Das Gebäude mit mediterranem Anstrich schmiegt sich am Hang des Montmartre an den berühmtesten der fünf kleinen Weinberge, die als Winzlinggärten über ganz Paris verstreut sind. Die ehemalige Schänke – so erfuhr ich damals – ist seit anderthalb Jahrhunderten der Inbegriff uriger Volkstümlichkeit. 1875 verpasste der Karikaturist André Gill der Theaterklause ein originelles Aushängeschild mit einem aus einer Braten-Kasserolle flüchtenden Karnickel. Soviel geistesgegenwärtige Aktion zur eigenen Lebensrettung musste belohnt werden – und so taufte der Maler das mit beherztem Sprung dem Tode entronnene Tier „Lapin Agile“ – „Das flinke Kaninchen“. Das optische Motiv wurde zum Gütesiegel des Hauses und das weghastende Kaninchen zum Wappentier, womit der Name der Kleinkunstbühne feststand. Spezialitäten des Hauses sind Kirschgeist, Troubadoure und Bänkelsänger. Ihre Bühne ist die gesamte Gaststube und die Besucher sind nicht schlechthin Komparsen, sondern Mitspieler und Mitsänger.

Die rußgeschwärzten Wände ziert ein wunderliches Durcheinander an eingerahmten Formen und Farben. Denn, so erzählte mir Hausherr Yves Mathieu, die einst am Montmartre logierenden Bildermaler aus aller Welt mit durstiger Kehle und leerem Magen, leider aber auch leeren Taschen, zahlten damals mit ihren Werken: ein Toulouse Lautrec ebenso wie ein Renoir, ein Matisse wie ein Utrillo, Braque oder Modigliani. Pablo Picasso beglich eine gepfefferte Rechnung mit der in Öl gepinselten Studie „Im Lapin Agile“. Das Original hing sieben Jahre lang in der Gaststube, bis es 1912 an einen Schweden verkauft wurde – für praktisch eine Baguettstange und einen Kirschgeist. Am 15. November 1989 tauchte das Picasso-Werk in New York auf und wurde an die Sothebys-Gallerien verhökert – für nunmehr 43 Millionen Dollar. Heute hängt am Platz des Originalgemäldes eine Kopie, auf dem Picasso auch den Gründer des Kabaretts, das Montmartre-Faktotum Frede, verewigt hat.

Ich frage Yves Mathieu, was ihn jeder fragen würde: Ärgert ihn das nicht jedes Mal, wenn er das Bild anschaut? Er zuckt mit den Schultern, schüttelt noch heute ungläubig den Kopf. Welch ein verramschtes Vermögen! Aber was war, das war eben! Aus und vorbei! Mehrfach hatte ich das bleibende Vergnügen, den stimmgewaltigen Chef vom „Lapin Agile“ mit rotweinschwerem Bass zu erleben. Jedes Mal, wenn der stattlich gebaute Yves mit feierlicher Geste den gefüllten Pokal auf die „Chevaliers der Tafelrunde“ erhob, überkam mich Mittelalter-Nostalgie, fühlte ich Ritter-Romantik, hörte ich Turniergetümmel und Schwerterklirren am Hof von König Artus.

Chevalier Mathieu, der das Theaterhaus von seiner Mutter geerbt hat, musste sich seine Sporen als Teamchef in 50 Arbeitsjahren hart verdienen – durch schicksalhafte Höhen und Tiefen einer wechselnder Nachfrage nach seiner eigenwilligen Art der Spielkunst. Kein Wunder, dass er schier endlos über himmelhochjauchzende Erfolge wie abgrundtiefe Schlappen berichten konnte. So waren es besondere Momente, sich mit dem Erzkomödianten bei einem Kirschgeist zu unterhalten. Er kannte unzählige Anekdoten, die sich ums Haus und seine Akteure ranken – und er konnte sie mit schalkbelegter Zunge, tiefem Spaßempfinden, vitaler Mimik und sprechenden Händen auf unnachahmlich plastische Weise erzählen. Eine deftige Posse, die er zum Besten gab, ist in die Pariser Kunsthistorie als Schelmenstück eingegangen, über das noch heute herzhaft gelacht wird. Originalton Yves Mathieu:

„Die berühmteste Geschichte ist die mit dem Esel. Nach 1900 entstand die abstrakte Malerei, deren Vertreter sich hier im ‚Lapin Agile‘ trafen. Der Schriftsteller Roland Dorgelès mochte diese abstrakte Malerei nicht und er hatte die Idee, einen Pinsel am Schwanz des Esels vom ‚Lapin Agile‘ anzubinden, ihn in rote, blaue, grüne Farbe zu tauchen und dahinter eine saubere Leinwand zu spannen. Man fütterte den Esel mit Mohrrüben. Der wedelte freudig mit dem Schwanz, wodurch so etwas wie ein Bild zusammengekleckst wurde. Man verkaufte es 1911 auf dem ‚Salon der Unabhängigen‘ mit Erfolg als ‚Sonnenuntergang an der Adria‘. Die Kritiker fanden das Werk und seinen Maler fabelhaft. Zum Schluss des Salons kam es durch die Presse heraus: Der Maler war der Esel vom ‚Lapin Agile‘.“

Yves dröhnender Bass verstärkt sein Lachen um ein Vielfaches. Eine verrückte Geschichte. Für ihren Wahrheitsgehalt verbürgt sich nicht nur die Chronik, sondern auch der Maître de Plaisir selbst, dem sie aus erster Hand überliefert wurde. Ich bin ebenso stolz auf seine Freundschaft wie auf die mit Fifi. Beide habe ich nach dem Ende meiner Korrespondentenzeit in Frankreich noch einmal im Nachwendejahr 1991 besucht, um mit dem Fotografen Gerhard Zwickert für die „Neue Berliner Illustrierte“, die nun „extra“ hieß, eine Paris-Reportage zu produzieren.

Der Nachtkönig vom Montmartre

Schon ein Jahr zuvor hatte ich dem künstlerischen Direktor Philippe Planquois alias Fifi ein eigenes Kapitel gewidmet in meinem noch fürs Abendprogramm des DDR-Fernsehens gedrehten 45-minütigen Unterhaltungsjournal „Paris zum Anfassen“. Ich versprach ihm einen Mitschnitt davon und nun freut er sich, dass ich Wort gehalten habe und ihm die VHS-Kassette überreiche. Dann lädt er Zwickert und mich für den morgigen Abend zu seiner neuesten Revue ein. Er bittet mich mit geheimnisvoller Miene, mehr Zeit als bisher mitzubringen, da er nach der Vorstellung noch eine kleine Überraschung auf Lager habe.

Der Abend darauf beschert uns Fifis Überraschung. Zunächst genieße ich mit meinem Kollegen Zwickert die neue Show. Der meistgebuchte Unterhaltungsdampfer der Pariser Transvestitenklasse ist wie gewohnt rappelvoll und schwimmt auf einem Meer fröhlicher, ausgelassener Lasterhaftigkeit, das auch bei dieser Vorstellung hohe Wellen der Begeisterung schlägt. Wieder geht ein originelles, spritziges, champagnerprickelndes Programm mit augenzwinkernder Frivolität, komödiantischem Charme, schwarzer Magie und Cancan-Temperament über die Bühne. Madame Arthur – heute gespielt von Fifi selbst – hat eine Nacht voller Sinnlichkeit und frivoler Lebenslust versprochen – und die Pilgerschar zum Mekka volkstümlicher solider Kabarettkunst der alten Schule bekommt sie. Wer es noch nicht begriffen hat, erhält hier die Chance, die Stadt an der Seine zu verstehen: Paris ist nicht nur der äußerliche Farbenrausch eines Bilderbuches zum Ansehen, sondern ein Abenteuer zum Anfassen – ein optisches und akustisches Phänomen, das man mit Herz und Verstand bis in die letzte Pore verinnerlichen muss. Paris muss man mit Herz und Verstand inhalieren, ganz in sich aufnehmen.

Nachdem Fifi aus seinem Theaterdress geschlüpft ist, bittet er mich, vor der Außenpforte auf ihn zu warten. Als er kurz nach Mitternacht im Neonlicht der Außenfassade erscheint, verschlägt es mir den Atem. Am Bordstein der Rue des Martyrs steht der Mann, der sich Damengesichter in Vollendung aufsetzen kann, in royaler Glitzergarderobe mit maskulin ausgeprägtem Habitus. Ich sehe in ein ob meiner Verblüffung zufrieden lächelndes Bartgesicht, darüber auf dem Wallehaar eine edelsteinfunkelnde Krone und um den Hals ein dicht verschlungenes Wirrwarr prächtig funkelnder Perlenketten. Die unwirkliche Erscheinung steckt in einer goldbetressten mittelalterlichen Puffärmel-Montur aus Brokat, Samt und Seide. Die zweiteilige Garderobe besteht aus einem mit Schnörkeldekors üppig verzierten Frack und einem plustrigen kurzen Beinkleid. Schwarzblanke, ritterliche Stulpenstiefel vervollkommnen das Bild seiner Majestät, an deren Händen protzige Ringe glänzen. Vor mir steht mit ernster und zugleich feierlicher Miene der stolze König des Nachtlebens vom Montmartre.

Noch bin ich nicht damit fertig, das von profaner Alltagsrealität abgehobene märchenhafte Fantasiebild gedanklich zu verarbeiten, da erscheint neben ihm ein weiteres nicht minder beeindruckendes menschliches Fabelwesen aus Fleisch und Blut: die bewundernswerte Schlankfigur einer Prinzessin, gehüllt in blaue Seide und güldenen Brokat, mit zartem, schmalem Pudergesicht unter hochgestecktem Ebenholzhaar, eingerahmt von glitzernden Ohrringen. Ihre im Vergleich zu Fifis körperlicher Stämmigkeit zarte Gestalt steckt in einem petticoatversteiften, reichverzierten rauschenden Ballkleid mit Rüschen, Spitzen und einem silberbestickten Dekolleté.

Fifi stellt mir die zerbrechlich wirkende Dame seines Herzens als Sylvain vor. Sie begrüßt mich mit vornehmer Zurückhaltung, derweil sie in der Rechten mit graziler Geste ein besticktes Handtäschchen an sich drückt. Fifi ist sichtlich stolz auf sein Meisterwerk einer Transvestiten-Schönheit, deren weggeschminkter Bart im Schein der Straßenlaternen noch leicht durchschimmert. Er reicht ihr hoheitsvoll seinen Arm, auf den sie mit gravitätischer Langsamkeit ihre Hand legt. Dann raunt er mir zu: „Komm einfach mit!“ – und stolziert los. Das alles geschieht ohne jegliche affektierte Theatralik, sondern mit einer nüchternen Selbstverständlichkeit, die mich staunen lässt. Beide gehen nicht; sie schreiten – und zwar so würdevoll, als wäre es der Gang zum Altar.

Gerhard Zwickert würde am liebsten zwei Fotoapparate gleichzeitig bedienen, um die bizarre Situation in ihrer unwirklichen Bildlichkeit festzuhalten. Eine schrullige Groteske mit anrührender Ernsthaftigkeit. Ich denke an Karneval, aber das wird dem kostümierten nächtlichen Aufzug nicht gerecht. Denn Fifi und Sylvain scheinen ihre Rollen nicht zu spielen, sondern zu leben.

Glanzvolles Zweierdefilee: Seine Hoheit Fifi, König des Pariser Transvestitenreichs, und sein Freund, Prinzessin Sylvain, machen die Nacht zum Tag.

Das Verrückte ist, dass dieser aufgeputzte nächtliche Ausflug keine für uns erdachte Inszenierung ist, sondern dass er – wie ich später erfahre – immer dann in der Woche stattfindet, wenn Fifi seinen Theaterstress, der anderen Spaß bringt, durch eigenes Wohlfühlgaudi kompensieren möchte. Mademoiselle Sylvain als einer seiner männlichen Transvestie-Stars ist seit eh und je würdevoll an seiner Seite. Eine unwahre wahrhaftige Prinzessin für einen unwahren wahrhaftigen König, der ihr seit langem die Treue hält. Die fantasievolle Komposition der Zweisamkeit stimmt nicht nur bei der äußerlichen Staffage. Sie sind sich auf rührende Weise zugetan, mögen sich sehr, wie ich merke, obwohl sie bei ihrem nächtlichen Defilee kein einziges Wort miteinander wechseln. Sie respektieren sich, verkehren ausgesucht höflich und liebevoll miteinander, schenken sich eine Aufmerksamkeit, um die sie manche Eheleute beneiden würden.

Zwickert lässt den Auslöser nicht los, fotografiert sich die Finger wund und ich versuche, diesen Anblick des Livetheaters unter nächtlichem Pariser Sternenhimmel an diesem kunstgeschichtlich weihevollen Ort Montmartre für alle Zeiten auch im Kopf abzulichten. So unwirklich die Szenerie ist, so klar ist mir auch: Das ist kein künstliches, manieriertes Jahrmarktspektakel, sondern ernsthaftes, ehrliches Leben, wie es sich zwei Menschen mit dem seelischen Gleichklang ungewöhnlicher künstlerischer Ambitionen und andersgearteter Gefühle freiwillig ausgesucht haben. Sie mögen es, wenn sie jemand anlacht – und sehen mitleidig darüber hinweg, wenn sie jemand auslacht. Es ist ihnen egal, ob jemand ihren Aufzug als Clownerie ansieht; sie sind innerlich mit sich im Reinen. Sie genügen sich in ihrem selbsterschaffenen Universum, strahlen auch den Rest der Nacht über Zufriedenheit und Selbstbewusstsein aus, scheinen einfach glücklich zu sein – und für eine Nacht weit weg von dieser Welt und ihren Problemen. Dass sie uns in diese Zweisamkeit mit einbeziehen, empfinde ich als Ehre und sage es Fifi auch später. Eine in aller Öffentlichkeit praktizierte Eigenwilligkeit, die mir in ihrer gelassenen Friedfertigkeit und Liebenswürdigkeit zutiefst imponiert.

Der König des Pariser Transvestitenreiches, seine Hoheit Fifi der Erste, durchmisst majestätischen Schrittes das nächtliche Gassengewirr am Montmartre, begleitet von seinem Intimfreund, Prinzessin Sylvain, die immer wieder mit vornehm wirkender Geste und spitzen Fingern ihre weitausschwingende Glitzerrobe nach oben rafft, um auf dem Altstadtpflaster nicht ins Stolpern zu geraten, gefolgt von den erstaunten Blicken der Nachtschwärmer hinter dem Panoramaglas der Kneipen und Cafés, die hier keine Sperrstunde kennen.

In einer Katakombe der Pariser Lustbarkeit

Nach etwa einer Viertelstunde Fußmarsch klopft seine Durchlaucht an die dickstämmigen Bohlen einer Pforte, hinter der man eher einen Burghof vermutet. Die Bohlen bewegen sich, das Portal schwingt auf und ein Herkules von Türsteher begrüßt seinen pompösen Besucher mit respektvoller Herzlichkeit. Fifi weist auf mich und Gerhard, sagt „meine Gäste“ und wir steigen mit ihm eine Treppe hinab, an deren Ende sich der Gang zu einem schummrigen Kellergewölbe weitet. Links und rechts erkenne ich Männerpaare, die in Lack, Leder und Nieten gehüllt sind, miteinander flüstern und tuscheln oder in umschlungener Zweisamkeit Zärtlichkeiten austauschen.

Plötzlich stehen wir in einem nur von Wandkerzen erhellten Gemäuer von der Dimension eines mittleren Rittersaales. Also doch ein unterirdisches Burggewölbe. Im modernen Kontrast dazu dreht sich an der mit dunklen Quadern gemauerten Decke eine in allen Farben schillernde gläserne Diskokugel. Darunter eine dicht an dicht besiedelte Tanzfläche, auf der Buntleiber in eng umschlungener weltentrückter Intimität bei sanftklingenden Schmusesongs sich selbst genügen.

Es ist eigenartig: Obwohl die Szenerie etwas gespenstisch Gruselfilmreifes hat, wirkt sie auf mich alles andere als bedrohlich. Im Gegenteil: Das Ganze strahlt entspannende Harmonie und Freundlichkeit aus. Während die Exzellenzen Fifi und Sylvain im Getümmel brodelnder Sinnesfreuden verschwinden, ergreift die quirlige Atmosphäre unter dem Kopfsteinpflaster von Alt-Paris Besitz von mir. Ich bitte an einer langen, holzgeschnitzten Theke um einen Gin-Tonic. „Nein“, wehrt der Barkeeper ab, als ich zahlen will, „nein, Sie sind Gast von Monsieur Fifi.“

Irgendwann ist Damenwahl. Eine kettenbehangene, intensiv gesichtsbemalte Frau undefinierbaren Alters kommt auf mich zu – oder ist es ein Mann, der sich hinter dem dick aufgetragenen Make-up und Rouge versteckt? Ich habe in fünf neugierigen Pariser Journalistenjahren einige Sex-Originalitäten erlebt, aber dieser individuelle Frontalangriff einer Mann-Frau-Person bringt mich ins Schwitzen. Da normalerweise der Herr die Dame führt, sie das aber umgekehrt will, verunsichert mich dieser Rollentausch zusätzlich. Andererseits wiederum akzeptiert meine Partnerin, dass ich nicht auf Tuchfühlung gehen möchte. Also twisten, rocken und walzern wir über den Tanzboden. Da die Frage, ob Dame oder Herr für mich nicht zu beantworten ist und ich sie auch nicht in körperlicher Nähe ergründen möchte, flüchte ich mich als Ablenkung in eine unverfängliche Konversation, soweit es die zigarettenrauchige Luft ohne Hüstelei erlaubt.

So erfahre ich den Ort des lasterhaften Vergnügens: der „Palace-Club“, eine Transvestiten-Hochburg des Pariser Nachtlebens, ein Mekka von Schwulen und Lesben, aber kein Eldorado des Rauschgifthandels. Drogen, so erklärt mir Fifi, seien hier rigoros geächtet, wenngleich ich den Verdacht habe, dass dieses Verbot eher locker gesehen wird. Skandalöse Zwischenfälle jedenfalls gab es nicht, dafür eine rauschende Festlichkeit der Sinne. Und ich von Fifis Gnaden mittendrin. Er winkt mir ab und an zu, kommt und fragt, ob ich Spaß habe und ich bedanke mich bei ihm für diese unvergessliche Bekanntschaft mit einem intimen Paris von Katakomben der Lustbarkeit und Feierwut. Es dauert nicht allzu lange und ich werde mitgerissen von diesem Sog des turbulenten Treibens fernab von ausgetretenen Routinepfaden der Rucksacktouristen. Alle hier sind freiwillige Gefangene eines selbstgewählten Verlieses von ausgelassener Lebens- und Liebeslust. Obwohl tief unter dem Kopfsteinpflaster von Montmartre, vergnügt sich hier im „Palace-Club“ beileibe keine dunkle Untergrund-Gesellschaft, sondern eine regenbogenfarbene Gemeinschaft Gleichgesinnter als legitimer Teil des kunterbunten Pariser Nachtlebens.

Immer wieder tasten meine Blicke die Szenerie ab, um Fifi und Sylvain zu suchen. Sie sind in der Menge gut auszumachen, heben sich von ihr ab, denn um sie herum schwirren Gestalten in verschiedenstem Outfit, aber keine hat das Glitzerformat fürstlicher oder königlicher Würde. Als ob, so geht es mir durch den Kopf, als ob dies auf ein schweigendes kollektives Einverständnis aller Klubmitglieder zurückzuführen ist, Fifi als selbsternannten King auch durch die Wahl der Garderobe als solchen anzuerkennen. Weniger durch irgendwelche Zwänge als vielmehr durch Respekt vor seiner künstlerischen Arbeitsleistung. Das bekomme ich in dieser Nacht immer wieder auf verschiedenste Art bestätigt. Keinerlei Anbiedereien oder Unterwürfigkeiten, dafür aber ein allgemeines Verhalten zwischen Achtung und Bewunderung. Und er nutzt seinen Status nicht selbstgefällig aus, sondern plaudert mit allen ebenfalls respektvoll auf Augenhöhe. Zum Schluss bezahlt er wie jeder andere die um mich und Zwickert erweiterte Zeche, bedankt sich höflich, gibt Trinkgeld an Bedienung und Türsteher und schreitet Arm in Arm mit Sylvain zurück in die beginnende Morgendämmerung.

Davor lag eine für mich unvergessliche Nacht der Entdeckung eines geheimnisvollen Insiderteils von Paris, der nicht nur dem Touristen, sondern auch dem Normalbürger an der Seine unzugänglich und damit verborgen bleibt. Welch Privileg: Ich durfte in der Weltstadt von Lust und Liebe hautnah ein Stück nichtkommerzieller sündhafter Lebensechtheit kennenlernen – dank meines Freundes Fifi, dem so sympathischen Unikum der Künstlerszene als lebensversprühender Gegenentwurf zum peniblen Akkuratspießer. Jetzt, da ich das alles mit der Gedankenstütze meiner Aufzeichnungen so erlebnisnah wie möglich zu Papier bringe, fühle ich dieses nächtliche Abenteuer noch einmal in hautnaher Direktheit.

Ich sehe vor mir, wie Monsieur und Madame Fifi die Nacht in beneidenswert ungezwungener und zugleich hemmungsloser Feierstimmung genießen. Nicht als Orgie ausschweifender Anstößigkeit, sondern mit gegenseitigen zivilen Anstandsregeln. Welch ein fiktiv glamouröses Paar mit der betörenden Echtheit von Märchenwesen aus einer fernen Zeit.

Woher Fifi noch diese Kraft für intensive Feiernächte nach intensiver Abendarbeit nimmt, frage ich ihn. Eine solche Frage kann ein Fifi nicht verstehen, weil es für ihn keine ist. Feiern nach der harten Bühnenarbeit ist für den Urfranzosen keine Zusatzanstrengung, sondern die ausgleichende Erholung davon. Dass er nach durchtanzter, durchzechter Nacht auf häuslicher Lagerstatt nur eine kurze Phase ruhender Gliederstreckung und geschlossener Augenpflege einlegt, ist bei ihm der Normalzustand. Die zumindest braucht er, um sich in seinem Kreativstübchen neue Showelemente auszudenken und zurechtzuschneidern. Das ist für ihn nicht Last, sondern Lust, eine Fortsetzung des Nachtvergnügens mit anderen Mitteln. Wirklich gearbeitet wird dann erst in der Show. „Wie lange“, habe ich ihn gefragt, „wie lange wirst Du das durchhalten?“ Sein übermütiges Lachen war eine eindeutige Antwort: Da gibt es kein Limit! Ich war besorgt, habe bedenklich den Kopf geschüttelt. Nicht ganz zu unrecht.

Taschenklau mit unliebsamen Folgen

Fifi war ein wirklicher Freund und ich habe versucht, es ebenfalls zu sein, obwohl wir uns letztendlich nur flüchtig kannten, er nichts von Ost-West-Politik und ich nichts von seiner Travestiekunst verstand und er am anderen Ufer des Geschlechterstromes Libido ankerte. Aber wir scheinen in dieser zeitlichen Seltenheit unserer Begegnungen das Wesentliche im Charakter des anderen erkannt zu haben – und das hat uns mit viel gegenseitiger Sympathie zusammengebracht.

Nicht zuletzt hat das ein für mich schmerzlicher Vorfall bewiesen. Ich hatte für die Reportagewoche in Paris gemeinsam mit Fotograf Zwickert einen „Golf“ gemietet, um mit unabhängiger Mobilität schnell an alle Ecken und Enden der Metropole zu gelangen. So parkten wir den Wagen eines Abends nur einen Steinwurf von Sacré-Coeur entfernt auf der abschüssigen Holperstraße am Montmartre-Weinberg, um dem „Lapin Agile“ einen Reportage-Besuch abzustatten. Der „Pinot Noir“ des Traubengartens ist eine ausgesprochene Rarität, denn – obwohl der größte seiner Art in Paris – beschränken sich seine Naturprodukte auf nicht mehr als 1800 Reben. Für die Insassen der Montmartre-Abtei hat es im Mittelalter allemal gereicht, um ihre strengen Glaubenssitten ein wenig aufzuheitern. Auch heute ist der Rebensaft bei Kennern und Sammlern sehr begehrt trotz seines recht herben, leicht bitteren Geschmackes, der durch die knappe Limitierung des seltenen Tropfens allemal wettgemacht wird.

Während Gerhard seine Fotokamera startklar machte, bewaffnete ich mich mit Block und Kuli. Meine Aktentasche deponierte ich im Kofferraum, den ich wie die Autotüren gewissenhaft abschloss. Als wir nach getaner Arbeit gegen Mitternacht zurückkehrten, stand die Heckklappe offen und die Aktentasche war weg. Mit ihr auch mein zweiter Kassettenrekorder und ein professioneller Michelin-Reiseführer. Das wäre verkraftbar gewesen, aber bitter war der Rest der verschwundenen Dinge in Form meiner Recherche-Notizen und Interview-Aufzeichnungen inklusive bespielter Tonbänder. Da aber keinerlei Geld zu holen war, hatte ich die leise Hoffnung, dass der Dieb sich allenfalls für den Rekorder interessierte und die Tasche mit dem für ihn wertlosen Inhalt in wütender Enttäuschung vielleicht weggeworfen hat. Während also Gerhard im fahlen Schein altertümlicher Straßenfunzeln die Gegend inspizierte, durchsuchte ich alle in der Nähe befindlichen Müllbehälter. Ergebnislos!

Dann kamen mir Zweifel, ob ich die Tasche nicht vielleicht in der Arbeitshektik bei Fifi vergessen hatte. Da mein Anruf in seinem Atelier ins Leere lief, versuchte ich es mit seiner Privatnummer und hatte Glück. Er war nach einem anstrengenden Arbeitstag plus Nachtschicht gerade zu Hause gelandet und seine Stimme hörte sich matt und abgeschlafft an. Nachdem ich von meinem Ganoven-Unglück berichtet hatte, war er hellwach und sofort ansprechbar. Nein, meine Tasche hatte er nicht in seinem Büro gesehen, aber – so tröstete er mich – ich möge mir keine allzu großen Sorgen machen. Er kenne die Flics der Montmartre-Wache sehr gut und werde gleich morgen früh gemeinsam mit mir bei ihnen aufkreuzen. Aber, wandte ich ein, was wird aus deiner allmorgendlichen Arbeitsbesprechung?

Nicht der Rede wert, meinte er. Das müsse auch mal so gehen. Und Sylvain werde ihn gut vertreten. Das wichtigste sei jetzt die Diebstahlmeldung, damit die Versicherung zumindest den Rekorder bezahlen würde – na, und vielleicht sei ja die Tasche doch gefunden worden. Er komme jedenfalls mit, um die Dinge zu klären und den Klau zu bezeugen. Keine Widerrede!

Mit dieser Order von Fifi traten wir den Rückzug an in unser Hotel am Bahnhof „Gare du Nord“ an der Place Napoléon III. Den Rest der Nacht verbrachte ich damit, meine Gedankenmühle mit Sturzbächen von Kaffee auf Hochtouren zu bringen, um unter dem Erfolgsdruck unserer Reportage die verlorenen Notizen und Informationen zu reaktivieren. Das gelang mir letztendlich besser als gedacht. Allerdings musste ich bei dieser Erinnerungsakrobatik gegen einen bösen Störfaktor ankämpfen. Ich verfluchte unseren selbstgewählten Übernachtungsort am Pariser Nordbahnhof, der seinem Ruf als weltweit drittgrößte Bahnstation und meistbefahrenes Schienen-Drehkreuz Europas alle Unehre machte – durch einen permanent hohen Lärmpegel, der meine mühsam versammelten Kopfsplitter immer wieder durcheinander wirbelte. Schließlich war die Tortur rechtzeitig zum Frühstück beendet, eine Gedankenfolter, an die ich mich noch heute mit Grausen erinnere.

Den Ort unserer Absteige hatten wir mit Bedacht gewählt, weil wir den Wagen am „Gare du Nord“ gemietet hatten und ihn auch hier wieder abgeben sollten. So waren es vom ankommenden Zug aus Berlin mit unseren Rollkoffern nur einige wenige Schritte zum Quartier und in umgekehrter Richtung dasselbe. Zwischen An- und Abfahrt also nur rein ins Auto und raus aus dem Auto. Keine zeit- und nervenraubenden öffentlichen Verkehrsmittel, keine Wartezeiten an Haltestellen, keine Fahrplanausfälle, alles ökonomisch, bequem und berechenbar. Und ein paar wenige Dezibel an Bahnhofsgeschäftigkeit würden uns nicht stören. Dachten wir – und hatten uns damit verdacht. Es tönte, schepperte, röhrte und kreischte unentwegt und pausenlos auf Schienen und aus Lautsprechern. Seine Durchsagen hatten es mir besonders angetan. Von „Einfahrt hat auf Gleis sowieso der D-Zug x“ bis „Der Schlenzenexpress aus Richtung y hat diese und jene Minuten Verspätung!“ Dank dieser Informationen kannte ich bald die pünktlichen und unpünktlichen Züge und die zuverlässigen und unzuverlässigen Routen. Das brachte mich in meiner verzweifelten Grübelei über die Wiederherstellung gelöschter Recherchefakten auch nicht weiter, hielt mich aber zusätzlich wach. Zwischendurch hatte ich immer mal wieder das Bedürfnis, den oder die Langfinger zu verfluchen, was mir etwas innere Erleichterung verschaffte. Meiner Liebe zu Paris und zu Montmartre hat es keinen Abbruch getan.